1.1.1 Was ist ein lineares Gleichungssystem?

Ein lineares Gleichungssystem (LGS) besteht aus mm Gleichungen in nn Unbekannten x1,x2,,xnx_1, x_2, \ldots, x_n. Jede Gleichung ist eine Linearkombination der Variablen. In Matrixform lautet das System Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} mit der Koeffizientenmatrix ARm×nA \in \mathbb{R}^{m \times n}, dem Lösungsvektor xRn\mathbf{x} \in \mathbb{R}^n und der rechten Seite bRm\mathbf{b} \in \mathbb{R}^m.

Zum Rechnen schreiben wir die augmentierte Matrix [Ab][A \mid \mathbf{b}]: alle Koeffizienten links, die rechten Seiten rechts des senkrechten Strichs. Sie enthält die volle Information des Systems in einem einzigen Objekt. Zeilenoperationen auf [Ab][A \mid \mathbf{b}] entsprechen äquivalenten Umformungen der Gleichungen und verändern die Lösungsmenge nicht.

Unser Ziel ist, das System in eine Form zu bringen, aus der die Lösung direkt ablesbar ist. Der Weg dahin heißt Gauss-Elimination: elementare Zeilenoperationen erzeugen schrittweise Nullen unter den Pivots, bis die Matrix in Zeilenstufenform vorliegt. Je nach Struktur der resultierenden Matrix entscheidet sich, ob das System keine, genau eine oder unendlich viele Lösungen besitzt (siehe Abschnitt 1.2).

Matrixform eines linearen Gleichungssystems
Ax=b,ARm×n,  xRn,  bRmA\mathbf{x} = \mathbf{b}, \qquad A \in \mathbb{R}^{m \times n},\; \mathbf{x} \in \mathbb{R}^n,\; \mathbf{b} \in \mathbb{R}^m
m = Anzahl Gleichungen, n = Anzahl Unbekannten
Augmentierte Matrix
[Ab]=[a11a12a1nb1a21a22a2nb2am1am2amnbm][\,A \mid \mathbf{b}\,] = \left[\begin{array}{cccc|c} a_{11} & a_{12} & \cdots & a_{1n} & b_1 \\ a_{21} & a_{22} & \cdots & a_{2n} & b_2 \\ \vdots & \vdots & \ddots & \vdots & \vdots \\ a_{m1} & a_{m2} & \cdots & a_{mn} & b_m \end{array}\right]
Der senkrechte Strich trennt Koeffizienten von der rechten Seite.
Definition Lineares Gleichungssystem
System der Form Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} mit ARm×nA \in \mathbb{R}^{m \times n}, xRn\mathbf{x} \in \mathbb{R}^n, bRm\mathbf{b} \in \mathbb{R}^m. Gesucht: alle x\mathbf{x}, die alle mm Gleichungen gleichzeitig erfüllen.
Definition Augmentierte Matrix
Notationshilfe [Ab][A \mid \mathbf{b}], die Koeffizienten und rechte Seite in einem Objekt zusammenfasst. Der Trennstrich hat keine mathematische Bedeutung, er markiert nur die Grenze.

1.1.2 Zeilensicht. Geraden im ℝ²

In der Zeilensicht liest man jede Zeile einer Matrixgleichung Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} als eine einzelne Gleichung. Im R2\mathbb{R}^2 beschreibt jede Zeile eine Gerade; die Lösungsmenge des Systems ist der Schnitt aller Geraden.

Für ein 2×22 \times 2-System a11x1+a12x2=b1a_{11}x_1 + a_{12}x_2 = b_1, a21x1+a22x2=b2a_{21}x_1 + a_{22}x_2 = b_2 gibt es drei geometrische Fälle: die Geraden schneiden sich in genau einem Punkt (eindeutige Lösung), sie sind parallel und verschieden (keine Lösung), oder sie fallen zusammen (unendlich viele Lösungen). Im R3\mathbb{R}^3 ersetzt man Geraden durch Ebenen; die Lösungsmenge ist dann der Schnitt von Ebenen, der je nach Lage ein Punkt, eine Gerade, eine Ebene oder leer sein kann.

Die Zeilensicht ist die natürliche Lesart eines physikalischen oder ökonomischen Modells. Jede Zeile kodiert eine Bedingung, und die Lösung muss alle Bedingungen gleichzeitig erfüllen.

Geradengleichung (eine Zeile eines 2×2-Systems)
ai1x1+ai2x2=bia_{i1} x_1 + a_{i2} x_2 = b_i
Normalenform. Der Vektor (ai1,ai2)(a_{i1}, a_{i2}) steht senkrecht auf der Geraden.
det(A) --
Fall --
1.57
1.5
Abb. 1: Zeilensicht eines 2×2-Systems. Schieber drehen und verschieben die zweite Gerade.
Definition Zeilensicht (row picture)
Jede Zeile von Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} ist eine Hyperebene im Rn\mathbb{R}^n. Die Lösungsmenge ist der Schnitt aller mm Hyperebenen.
Merke Merke
Zwei Geraden in R2\mathbb{R}^2 schneiden sich generisch in einem Punkt. Parallele Geraden treten nur für spezielle Koeffizienten auf.

1.1.3 Spaltensicht. Linearkombination der Spalten

Die Spaltensicht liest AxA\mathbf{x} als Linearkombination der Spalten von AA. Sind a1,a2,,an\mathbf{a}_1, \mathbf{a}_2, \ldots, \mathbf{a}_n die Spalten, so gilt Ax=x1a1+x2a2++xnanA\mathbf{x} = x_1 \mathbf{a}_1 + x_2 \mathbf{a}_2 + \cdots + x_n \mathbf{a}_n. Die Frage nach der Lösbarkeit von Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} wird dann zu: Liegt b\mathbf{b} im Erzeugnis (Span) der Spalten von AA?

Geometrisch heißt das: Wir dürfen die Spalten frei skalieren und addieren. Das Ergebnis landet irgendwo im Spaltenraum im(A)=span{a1,,an}\operatorname{im}(A) = \operatorname{span}\{\mathbf{a}_1, \ldots, \mathbf{a}_n\}. Liegt b\mathbf{b} in diesem Raum, ist das System lösbar. Sind die Spalten linear unabhängig, ist die Darstellung eindeutig; sind sie abhängig, gibt es mehrere Koeffizientensätze, die b\mathbf{b} erzeugen.

Die Spaltensicht ist die natürliche Lesart für Optimierung und numerische lineare Algebra. Sie zeigt sofort, wann der Lösungsraum leer ist, nämlich genau dann, wenn b\mathbf{b} außerhalb des Spaltenraums liegt.

Spaltensicht: Ax als Linearkombination
Ax=x1a1+x2a2++xnanA\mathbf{x} = x_1 \mathbf{a}_1 + x_2 \mathbf{a}_2 + \cdots + x_n \mathbf{a}_n
aj\mathbf{a}_j: j-te Spalte von AA. xjx_j: Gewicht der j-ten Spalte.
x₁ --
x₂ --
3.0
3.0
Abb. 2: Spaltensicht eines 2×2-Systems. b\mathbf{b} als Linearkombination der Spalten a1\mathbf{a}_1 und a2\mathbf{a}_2.
Definition Spaltensicht (column picture)
AxA\mathbf{x} ist eine Linearkombination der Spalten aj\mathbf{a}_j von AA mit Gewichten xjx_j. Die Lösbarkeit von Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} hängt davon ab, ob b\mathbf{b} im Erzeugnis der Spalten liegt.
Querverweis Verweise
→ 1.4.3 Bild und Spaltenraum

1.1.4 Elementare Zeilenoperationen

Um ein LGS zu lösen, bringen wir die augmentierte Matrix schrittweise in eine einfachere Form. Erlaubt sind genau drei elementare Zeilenoperationen, die die Lösungsmenge nicht verändern:

(1) Zeilentausch: Tausche zwei Zeilen RiR_i und RjR_j. Kurz: RiRjR_i \leftrightarrow R_j. (2) Skalieren: Multipliziere eine Zeile mit einem Skalar λ0\lambda \neq 0. Kurz: RiλRiR_i \to \lambda R_i. (3) Zeilenaddition: Addiere ein Vielfaches einer Zeile zu einer anderen. Kurz: RiRi+αRjR_i \to R_i + \alpha R_j mit iji \neq j.

Jede dieser Operationen ist reversibel (Umkehrung durch Operation gleichen Typs mit inversem Parameter). Daraus folgt, dass die Lösungsmenge {x:Ax=b}\{\mathbf{x} : A\mathbf{x} = \mathbf{b}\} unverändert bleibt. Vermeiden muss man nur λ=0\lambda = 0 beim Skalieren (nicht invertierbar) und i=ji = j bei der Zeilenaddition (würde die Zeile selbst löschen).

Die drei elementaren Zeilenoperationen
(1) Tausch:RiRj(2) Skalieren:RiλRi,  λ0(3) Addition:RiRi+αRj,  ij\begin{array}{ll} \text{(1) Tausch:} & R_i \leftrightarrow R_j \\ \text{(2) Skalieren:} & R_i \to \lambda R_i,\; \lambda \neq 0 \\ \text{(3) Addition:} & R_i \to R_i + \alpha R_j,\; i \neq j \end{array}
Alle drei Operationen sind reversibel und erhalten die Lösungsmenge.
Operation Start
Abb. 3: Elementare Zeilenoperationen. Preset durchläuft Ausgangsmatrix und die drei Operationen.
Definition Elementare Zeilenoperation
Eine von drei zulässigen Operationen auf Zeilen einer Matrix: Tausch, Skalierung (λ0\lambda \neq 0) oder Addition eines Vielfachen einer anderen Zeile.
Merke Warum erlaubt?
Jede Operation ist reversibel. Die Lösungsmenge des LGS bleibt unverändert, weil man jede Umformung wieder rückgängig machen kann.

1.1.5 Gauss-Elimination und Zeilenstufenform

Die Gauss-Elimination (auch Gauss'sches Eliminationsverfahren) wendet elementare Zeilenoperationen systematisch an, bis die Matrix in Zeilenstufenform (ZSF) vorliegt. In der ZSF ist in jeder Zeile das erste Nicht-Null-Element (der Pivot) strikt weiter rechts als der Pivot der Zeile darüber; Nullzeilen stehen ganz unten.

Der Algorithmus durchläuft die Spalten von links nach rechts. In jeder Spalte wird ein möglichst großes Pivot-Element ausgewählt (Zeilentausch, falls nötig), und dann werden alle Einträge unter dem Pivot durch Zeilenaddition eliminiert. Das Ergebnis ist eine obere Dreiecksstruktur mit möglichen Sprüngen.

Ist [Ab][A \mid \mathbf{b}] in ZSF, so lässt sich durch Rückwärtseinsetzen die Lösung ablesen: man beginnt bei der untersten nicht-trivialen Zeile und arbeitet sich nach oben vor, indem man bereits bekannte Variablen einsetzt.

Zeilenstufenform (Schema)
[00000000]\begin{bmatrix} \boxed{\ast} & \ast & \ast & \ast \\ 0 & \boxed{\ast} & \ast & \ast \\ 0 & 0 & 0 & \boxed{\ast} \\ 0 & 0 & 0 & 0 \end{bmatrix}
Pivots markiert. Jeder Pivot steht weiter rechts als der vorige; Nullzeilen ganz unten.
Operation Start
Pivots 0
Abb. 4: Gauss-Elimination Schritt für Schritt. Zurück/Weiter blättern durch die Umformungen.
Definition Pivot
Das erste Nicht-Null-Element einer Zeile in der Zeilenstufenform. Jeder Pivot definiert eine Pivot-Spalte.
Definition Zeilenstufenform
Matrixform, bei der in jeder Zeile der Pivot strikt rechts vom Pivot der Zeile darüber liegt. Zeilen aus lauter Nullen stehen ganz unten.
Merke Pivotsuche
In numerischen Implementierungen wählt man das betragsmäßig größte Element als Pivot (partielle Pivotisierung). Das reduziert Rundungsfehler.

1.1.6 Rang und Pivotpositionen

Der Rang einer Matrix AA ist die Anzahl der Pivots in der Zeilenstufenform; gleichbedeutend die Anzahl linear unabhängiger Zeilen bzw. Spalten. Notation: rang(A)\operatorname{rang}(A) oder rk(A)\mathrm{rk}(A). Es gilt stets rang(A)min(m,n)\operatorname{rang}(A) \le \min(m, n), weil mehr Pivots als Zeilen oder Spalten geometrisch unmöglich sind.

Die Spalten, in denen ein Pivot steht, heißen Pivot-Spalten. Die übrigen Spalten heißen freie Spalten; die zugehörigen Variablen werden beim Rückwärtseinsetzen zu frei wählbaren Parametern. Die Anzahl der freien Variablen ist nrang(A)n - \operatorname{rang}(A).

Der Rang ist invariant unter Zeilen- und Spaltenoperationen. Zwei äquivalente Matrizen haben denselben Rang. Er misst die effektive Dimension der durch AA realisierten linearen Abbildung.

Schranken für den Rang
0rang(A)min(m,n)0 \leq \operatorname{rang}(A) \leq \min(m, n)
Gleichheit rang(A)=n\operatorname{rang}(A) = n bedeutet: Spalten sind linear unabhängig.
rang(A) --
freie Spalten --
Abb. 5: Rang einer Matrix. Beispiele mit Rang 0, 1 und 2 (2×3).
Definition Rang
rang(A)\operatorname{rang}(A) = Anzahl der Pivots in der Zeilenstufenform = Maximalzahl linear unabhängiger Zeilen = Maximalzahl linear unabhängiger Spalten.
Merke Freie Variablen
Anzahl =nrang(A)= n - \operatorname{rang}(A). Freie Variablen parametrisieren die Lösungsmenge, wenn das System unendlich viele Lösungen hat.

1.1.7 Reduzierte Zeilenstufenform

Die reduzierte Zeilenstufenform (RREF, reduced row echelon form) ist eine eindeutige Normalform einer Matrix. Zusätzlich zur Zeilenstufenform erfüllt sie: (a) jeder Pivot ist gleich 11, (b) in jeder Pivot-Spalte steht über und unter dem Pivot nur 00. Erreicht wird die RREF durch Gauss-Jordan-Elimination, eine Erweiterung der Gauss-Elimination.

Der Nutzen: ist [Ab][A \mid \mathbf{b}] in RREF, lässt sich die Lösung direkt ablesen, ohne Rückwärtseinsetzen. Pivot-Variablen erhalten den Wert der letzten Spalte der zugehörigen Zeile; freie Variablen bleiben Parameter.

Die RREF ist eindeutig, während die (nicht reduzierte) ZSF von der Reihenfolge der Umformungen abhängt. Daher wird die RREF in Beweisen und bei der Bestimmung von Kernbasen bevorzugt.

Reduzierte Zeilenstufenform (Schema)
[10001000010000]\begin{bmatrix} 1 & 0 & \ast & 0 \\ 0 & 1 & \ast & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 1 \\ 0 & 0 & 0 & 0 \end{bmatrix}
Pivots =1= 1, Spalten über und unter den Pivots =0= 0.
Operation Start
Abb. 6: Gauss-Jordan-Elimination bis zur RREF. Zurück/Weiter zeigt jeden Schritt.
Definition RREF
Reduzierte Zeilenstufenform. Zusatzbedingung zur ZSF: Pivots =1= 1, Pivot-Spalten sonst =0= 0.
Prüfungstipp Prüfungstipp
Die RREF ist eindeutig. Zwei Studenten, die richtig rechnen, landen auf derselben Matrix.

1.1.8 Sandbox. Eigenes lineares Gleichungssystem

Experimentiere frei: tippe eigene Koeffizienten in die augmentierte Matrix [Ab][A \mid \mathbf{b}], wähle eine andere Grösse oder starte aus einem Preset. Jede Änderung triggert Gauss-Elimination, Klassifikation und Lösungsberechnung. So sieht man direkt, wie sich kleine Zahlenänderungen in der Struktur der Lösungsmenge niederschlagen.

Die Schritte-Liste protokolliert jede Zeilenoperation als lesbaren Ausdruck (etwa R22R1R_2 - 2 \cdot R_1). Die Lösungsanzeige unterscheidet zwischen eindeutiger Lösung, Lösung mit freien Parametern und Inkonsistenz. Für homogene Systeme b=0\mathbf{b} = \mathbf{0} setze die rechte Spalte auf Null.

Eigenes LGS lösen

Koeffizienten von AA (linker Block) und rechte Seite b\mathbf{b} (Spalte nach dem Separator) frei wählbar. Die Grössenauswahl bezieht sich auf AA: „2×2" bedeutet 2 Gleichungen, 2 Unbekannte. Auswerten triggert Klassifikation, Lösung und Gauss-Schritte.

Definition Augmentierte Matrix
[Ab][A \mid \mathbf{b}]. Die letzte Spalte hält b\mathbf{b}. Für homogene Systeme setze sie auf Null; ker(A) wird dann als Lösung angezeigt.

1.2.1 Drei Lösungstypen

Nach Anwendung der Gauss-Elimination lässt sich jedes lineare Gleichungssystem in genau einen von drei Fällen einordnen: keine Lösung, genau eine Lösung oder unendlich viele Lösungen. Zwischentöne gibt es nicht.

Die Einordnung hängt von den Rängen r=rang(A)r = \operatorname{rang}(A), r=rang([Ab])r' = \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]) und der Anzahl Unbekannter nn ab: (1) Ist r<rr < r' (eine Nullzeile in AA hat nichtverschwindenden rechten Eintrag), so ist das System inkonsistent: keine Lösung. (2) Ist r=r=nr = r' = n, so ist das System eindeutig lösbar. (3) Ist r=r<nr = r' < n, so ist das System unendlich oft lösbar, und die Lösungsmenge hat nrn - r freie Parameter.

Klassifikation der Lösungsmenge
r<rkeine Lo¨sungr=r=ngenau eine Lo¨sungr=r<n-viele Lo¨sungen mit nr Parametern\begin{array}{ll} r < r' & \Rightarrow \text{keine Lösung} \\ r = r' = n & \Rightarrow \text{genau eine Lösung} \\ r = r' < n & \Rightarrow \infty \text{-viele Lösungen mit } n-r \text{ Parametern} \end{array}
r = rang(A), r' = rang([A | b]).
Abb. 7: Ein Lösungstyp pro Ansicht, wählbar über Dropdown.
Definition Lösungsmenge
Menge {xRn:Ax=b}\{\mathbf{x} \in \mathbb{R}^n : A\mathbf{x} = \mathbf{b}\}. Leer, einelementig oder affiner Unterraum positiver Dimension.
Merke Kein Zwischending
Es gibt nur 00, 11 oder \infty Lösungen. Zwei, drei oder zehn ist ausgeschlossen.

1.2.2 Frobenius-Kriterium

Das Frobenius-Kriterium formuliert die Lösbarkeitsbedingung kompakt über Ränge: Das System Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} ist genau dann lösbar, wenn rang(A)=rang([Ab])\operatorname{rang}(A) = \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]).

Die Richtung „lösbar \Rightarrow Rangbedingung" folgt aus der Spaltensicht: Ist b\mathbf{b} eine Linearkombination der Spalten von AA, so bringt das Hinzufügen von b\mathbf{b} als weitere Spalte keinen zusätzlichen Rang. Die Rückrichtung ergibt sich aus der Zeilenstufenform: stimmen die Ränge überein, enthält die erweiterte Matrix keine inkonsistente Nullzeile vom Typ [00c][0 \cdots 0 \mid c] mit c0c \neq 0.

Praktisch genügt also, die Ränge von AA und [Ab][A \mid \mathbf{b}] via Gauss-Elimination zu vergleichen. Stimmen sie, ist das System lösbar; stimmen sie nicht, ist es unlösbar.

Frobenius-Kriterium
Ax=b ist lo¨sbar    rang(A)=rang([Ab])A\mathbf{x} = \mathbf{b} \text{ ist lösbar} \iff \operatorname{rang}(A) = \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}])
Namensgebung: Ferdinand Georg Frobenius (1849 bis 1917).
rang(A) --
rang([A|b]) --
Fall --
Abb. 8: Rangvergleich AA vs [Ab][A \mid \mathbf{b}] für verschiedene Beispiele.
Formel Schlüsselformel
lo¨sbar    rang(A)=rang([Ab])\text{lösbar} \iff \operatorname{rang}(A) = \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}])

1.2.3 Freie Parameter und allgemeine Lösung

Hat das System unendlich viele Lösungen, so parametrisiert man die Lösungsmenge durch freie Parameter. Die Anzahl ist genau nrang(A)n - \operatorname{rang}(A); das sind die Variablen der freien Spalten. Jeder freie Parameter entspricht einer unabhängigen Richtung, in die man von einer beliebigen Partikulärlösung abweichen kann.

Die allgemeine Lösung hat die Form x=xp+t1k1+t2k2++tnrknr\mathbf{x} = \mathbf{x}_p + t_1 \mathbf{k}_1 + t_2 \mathbf{k}_2 + \cdots + t_{n-r} \mathbf{k}_{n-r}, wobei xp\mathbf{x}_p eine beliebige Partikulärlösung und {k1,,knr}\{\mathbf{k}_1, \ldots, \mathbf{k}_{n-r}\} eine Basis des Kerns ker(A)\operatorname{ker}(A) ist (siehe 1.4). Die tjt_j durchlaufen unabhängig voneinander R\mathbb{R}.

Geometrisch ist die Lösungsmenge ein affiner Unterraum: parallel zum Kern, verschoben um xp\mathbf{x}_p. Sie ist genau dann ein Unterraum (enthält Null), wenn das System homogen ist, also b=0\mathbf{b} = \mathbf{0}.

Allgemeine Lösung bei unendlich vielen Lösungen
x=xp+j=1nrtjkj,tjR\mathbf{x} = \mathbf{x}_p + \sum_{j=1}^{n-r} t_j \mathbf{k}_j, \qquad t_j \in \mathbb{R}
xp\mathbf{x}_p: Partikulärlösung von Axp=bA\mathbf{x}_p = \mathbf{b}. kj\mathbf{k}_j: Basis des Kerns.
n --
rang(A) --
n − r --
Abb. 9: Freie Spalten und Anzahl freier Parameter.
Definition Freier Parameter
Variable einer freien Spalte. Kann beliebig gewählt werden; jeder Wert liefert eine weitere Lösung des Systems.
Querverweis Verweise
→ 1.4.4 xₚ + ker(A)

1.2.4 Sandbox. Lösungstypen selbst erkunden

Welche Kombinationen von Rängen führen zu welchem Lösungstyp? Diese Sandbox zeigt die Klassifikation live: wähle eines der Presets (je ein Beispiel pro Fall) oder editiere die augmentierte Matrix direkt. Die Klassifikationsbox und die Schritte-Liste aktualisieren sich nach jeder Änderung.

Nützliches Experiment: starte mit einem Kreuzungs-Preset und ändere einen einzelnen Koeffizienten so, dass die beiden Zeilen parallel werden. Beobachte, wie die Klassifikation von „eindeutig" auf „keine Lösung" umspringt, sobald rang(A)<rang([Ab])\operatorname{rang}(A) < \operatorname{rang}([A \mid \mathbf{b}]) eintritt.

Lösungsfälle erkunden

Presets decken eindeutig, keine Lösung und unendlich viele ab. Die Grössenauswahl bezieht sich auf AA (linker Block); rechts vom Separator steht b\mathbf{b}. Editiere frei und beobachte den Typ-Wechsel.

Merke Klassifikations-Regel
r<rr < r': keine Lösung. r=r=nr = r' = n: eindeutig. r=r<nr = r' < n: unendlich viele mit nrn-r freien Parametern.
Querverweis Verweise
→ 1.2.2 Frobenius

1.3.1 Die neun Äquivalenzen

Für eine quadratische Matrix ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n} ist jede der folgenden neun Aussagen mit jeder anderen äquivalent. Das heißt: sobald eine erfüllt ist, sind alle erfüllt; scheitert eine, scheitern alle.

(1) rang(A)=n\operatorname{rang}(A) = n (voller Rang). (2) det(A)0\det(A) \neq 0. (3) AA ist invertierbar. (4) Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} ist für jedes b\mathbf{b} lösbar. (5) Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} hat genau eine Lösung. (6) ker(A)={0}\operatorname{ker}(A) = \{\mathbf{0}\} (nur triviale Lösung der homogenen Gleichung). (7) Die Spalten von AA sind linear unabhängig. (8) Die Spalten bilden eine Basis von Rn\mathbb{R}^n. (9) Keiner der Eigenwerte ist 00.

Der gemeinsame Kern aller Aussagen: die Spalten spannen Rn\mathbb{R}^n auf und sind linear unabhängig. Jede Aussage beschreibt dieses Faktum aus einer anderen Perspektive. In der Praxis genügt es, eine dieser Aussagen zu prüfen, um den Rest zu erhalten.

Aussage Kurzform Perspektive
Voller Rang rang(A)=n\operatorname{rang}(A)=n Algebraisch
Determinante nicht null det(A)0\det(A)\neq 0 Volumen
Invertierbarkeit A1A^{-1} existiert Algebraisch
Allgemeine Lösbarkeit Ax=bA\mathbf{x}=\mathbf{b} b\forall \mathbf{b} Spaltensicht
Eindeutigkeit Genau eine Lösung Abbildungstheorie
Trivialer Kern ker(A)={0}\operatorname{ker}(A)=\{\mathbf{0}\} Homogenes System
Lineare Unabhängigkeit Spalten unabhängig Geometrisch
Basis Spalten = Basis von Rn\mathbb{R}^n Strukturell
Eigenwerte 00 kein Eigenwert Spektraltheorie
Die neun Äquivalenzen für ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n}
det(A) --
rang(A) --
invertierbar --
Abb. 10: Spaltensicht eines 2×2-Systems mit Parallelogramm und Status-Panel.
Merke Kernaussage
Eine einzige Prüfung reicht. Alle neun Eigenschaften stehen und fallen zusammen, weil sie dieselbe geometrische Tatsache beschreiben: Die Spalten spannen Rn\mathbb{R}^n auf und sind unabhängig.
Querverweis Verweise
→ 1.4 Kern und homogene Systeme

1.3.2 Determinante 2×2: Fläche und Vorzeichen

Für eine 2×22 \times 2-Matrix A=(abcd)A = \begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} ist die Determinante definiert als det(A)=adbc\det(A) = ad - bc. Der absolute Betrag det(A)|\det(A)| ist die Fläche des von den Spalten aufgespannten Parallelogramms; das Vorzeichen kodiert die Orientierung.

Konkret: stehen die Spalten a1=(a,c)\mathbf{a}_1 = (a, c) und a2=(b,d)\mathbf{a}_2 = (b, d) in „positiver" Drehrichtung zueinander (wie e1,e2\mathbf{e}_1, \mathbf{e}_2 der Standardbasis), so ist det(A)>0\det(A) > 0. Dreht man die Spalten zurück (gespiegelte Orientierung), wird det(A)<0\det(A) < 0. Sind die Spalten parallel (Fläche kollabiert zu einer Strecke), ist det(A)=0\det(A) = 0.

Diese geometrische Sicht erklärt die Algebra: det(A)=0\det(A) = 0 bedeutet, dass die Spalten linear abhängig sind, das Parallelogramm zu einer Linie entartet, der Spaltenraum nicht ganz R2\mathbb{R}^2 aufspannt und AA nicht invertierbar ist.

Determinante einer 2×2-Matrix
det ⁣(abcd)=adbc\det\!\begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} = a\,d - b\,c
Betrag = Fläche des Spalten-Parallelogramms, Vorzeichen = Orientierung.
det --
Orientierung --
Abb. 11: Spalten-Parallelogramm mit signierter Fläche.
Formel Schlüsselformel
det ⁣(abcd)=adbc\det\!\begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} = ad - bc
Definition Determinante
Für ARn×nA \in \mathbb{R}^{n \times n}: die Zahl det(A)R\det(A) \in \mathbb{R}, die das signierte nn-dimensionale Volumen des Spalten-Parallelepipeds misst.

1.3.3 Determinante 3×3: Cofaktor-Entwicklung

Für n3n \geq 3 lässt sich die Determinante rekursiv über Cofaktor-Entwicklung (auch Laplace-Entwicklung) bestimmen. Man wählt eine Zeile oder Spalte, streicht abwechselnd Zeile und Spalte zu jedem Eintrag (ergibt die (n1)×(n1)(n-1)\times(n-1)-Minor-Matrix), multipliziert mit dem Eintrag und dem zugehörigen Vorzeichen (1)i+j(-1)^{i+j} und summiert auf.

Formel bei Entwicklung nach Zeile ii: det(A)=j=1n(1)i+jaijMij\det(A) = \sum_{j=1}^n (-1)^{i+j} a_{ij} M_{ij}, wobei MijM_{ij} die Determinante der Matrix ist, die entsteht, wenn man Zeile ii und Spalte jj streicht.

Für 3×33 \times 3-Matrizen gibt es außerdem die Sarrus-Regel: det(A)=a11a22a33+a12a23a31+a13a21a32a13a22a31a11a23a32a12a21a33\det(A) = a_{11}a_{22}a_{33} + a_{12}a_{23}a_{31} + a_{13}a_{21}a_{32} - a_{13}a_{22}a_{31} - a_{11}a_{23}a_{32} - a_{12}a_{21}a_{33}. Praktischer Merksatz: die drei nach rechts unten absteigenden Diagonalen addieren, die drei nach links unten absteigenden subtrahieren. Die Sarrus-Regel gilt nur für 3×33 \times 3; für größere Matrizen muss die Cofaktor-Entwicklung verwendet werden.

Cofaktor-Entwicklung (nach Zeile i)
det(A)=j=1n(1)i+jaijMij\det(A) = \sum_{j=1}^n (-1)^{i+j}\, a_{ij}\, M_{ij}
MijM_{ij} = Minor = Determinante der (n1)×(n1)(n{-}1)\times(n{-}1)-Matrix, die durch Streichen von Zeile ii und Spalte jj entsteht.
Sarrus-Regel (nur 3×3)
det(A)=a11a22a33+a12a23a31+a13a21a32a13a22a31a11a23a32a12a21a33\det(A) = a_{11}a_{22}a_{33} + a_{12}a_{23}a_{31} + a_{13}a_{21}a_{32} - a_{13}a_{22}a_{31} - a_{11}a_{23}a_{32} - a_{12}a_{21}a_{33}
Drei absteigende Diagonalen plus, drei aufsteigende minus. Funktioniert nur für 3×33 \times 3.
det(A) --
Abb. 12: Cofaktor-Entwicklung einer 3×3-Matrix nach Zeile i.
Definition Minor und Cofaktor
Minor MijM_{ij}: Determinante nach Streichen von Zeile ii und Spalte jj. Cofaktor: Cij=(1)i+jMijC_{ij} = (-1)^{i+j} M_{ij}.
Prüfungstipp Prüfungstipp
Wähle die Zeile oder Spalte mit den meisten Nullen. Jede Null spart einen Minor.

1.3.4 Eigenschaften und Inverse via Adjugate

Die Determinante erfüllt mehrere grundlegende Rechenregeln. Für quadratische A,BRn×nA, B \in \mathbb{R}^{n \times n} und λR\lambda \in \mathbb{R} gilt: det(AB)=det(A)det(B)\det(AB) = \det(A)\det(B) (multiplikativ), det(AT)=det(A)\det(A^\mathsf{T}) = \det(A), det(λA)=λndet(A)\det(\lambda A) = \lambda^n \det(A) und, falls AA invertierbar, det(A1)=1/det(A)\det(A^{-1}) = 1/\det(A). Bei Zeilentausch flippt das Vorzeichen; das Skalieren einer Zeile mit λ\lambda zieht λ\lambda aus der Determinante heraus; die Zeilenaddition lässt die Determinante unverändert.

Für eine invertierbare 2×22 \times 2-Matrix A=(abcd)A = \begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} liefert die Adjugate-Formel die Inverse explizit: A1=1det(A)(dbca)A^{-1} = \frac{1}{\det(A)} \begin{pmatrix} d & -b \\ -c & a \end{pmatrix}. Die Matrix (dbca)\begin{pmatrix} d & -b \\ -c & a \end{pmatrix} heißt Adjugate oder Kofaktormatrix transponiert. Merkhilfe: Hauptdiagonale vertauschen, Nebendiagonale mit Minuszeichen versehen.

Für größere Matrizen ist die Gauss-Jordan-Elimination oder LR-Zerlegung numerisch sinnvoller als die allgemeine Adjugate-Formel (die bei n4n \geq 4 sehr aufwändig wird).

Eigenschaften der Determinante
det(AB)=det(A)det(B),det(AT)=det(A),det(λA)=λndet(A)det(A1)=1det(A)\begin{aligned} \det(AB) &= \det(A)\det(B), \\ \det(A^{\mathsf{T}}) &= \det(A), \\ \det(\lambda A) &= \lambda^n \det(A)\\ \det(A^{-1}) &= \frac{1}{\det(A)} \end{aligned}
A,BRn×nA, B \in \mathbb{R}^{n \times n}, λR\lambda \in \mathbb{R}.
Inverse einer 2×2-Matrix
A1=1det(A)(dbca)fu¨A=(abcd)A^{-1} = \frac{1}{\det(A)} \begin{pmatrix} d & -b \\ -c & a \end{pmatrix} \quad \text{für } A = \begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix}
Existenzbedingung: det(A)=adbc0\det(A) = ad - bc \neq 0.
det(A) --
Abb. 13: Inverse einer 2×2-Matrix via Adjugate Schritt für Schritt.
Formel 2×2-Inverse
A1=1det(A)(dbca)A^{-1} = \tfrac{1}{\det(A)} \begin{pmatrix} d & -b \\ -c & a \end{pmatrix}
Merke Existenz
A1A^{-1} existiert genau dann, wenn det(A)0\det(A) \neq 0. Andernfalls ist AA singulär und keine Inverse existiert.

1.3.5 Sandbox. Invertierbarkeit prüfen

Die neun Äquivalenzen für quadratische Matrizen leben oder sterben gemeinsam. Diese Sandbox prüft alle neun gleichzeitig: ändere die Matrix und beobachte, ob die Indikatoren reihenweise grün (invertierbar) oder rot (singulär) werden. Für rang(A)=n\operatorname{rang}(A) = n sind alle Aussagen erfüllt; sobald det(A)=0\det(A) = 0, fallen alle.

Die Presets decken die Kernfälle ab: Identität (trivial invertierbar), Drehmatrix (invertierbar, kein Eigenwert 0), singulär (kollineare Spalten) und Zufall. Editiere die Matrix direkt in der Zelle; die neun Indikatoren aktualisieren sich synchron nach jedem Tastendruck.

9 Äquivalenzen prüfen

Nur quadratische Matrizen haben alle neun Eigenschaften. Editiere AA und beobachte die Indikator-Reihe.

Merke Einheits-Prüfung
Ein einziger Test reicht. det(A)0\det(A) \neq 0 impliziert alle acht anderen Aussagen.
Querverweis Verweise
→ 1.3.1 Neun Äquivalenzen

1.4.1 Triviale Lösung und der Kern

Ein lineares Gleichungssystem der Form Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} heißt homogen. Es hat immer mindestens eine Lösung: den Nullvektor x=0\mathbf{x} = \mathbf{0}, die sogenannte triviale Lösung. Die Frage ist, ob darüber hinaus noch weitere (nicht-triviale) Lösungen existieren.

Die Menge aller Lösungen heißt Kern (auch Nullraum) von AA und wird mit ker(A)\operatorname{ker}(A) notiert. Formal: ker(A)={xRn:Ax=0}\operatorname{ker}(A) = \{\mathbf{x} \in \mathbb{R}^n : A\mathbf{x} = \mathbf{0}\}. Der Kern ist stets ein Unterraum von Rn\mathbb{R}^n: Er enthält 0\mathbf{0}, ist abgeschlossen unter Addition (x,ykerx+yker\mathbf{x}, \mathbf{y} \in \operatorname{ker} \Rightarrow \mathbf{x}+\mathbf{y} \in \operatorname{ker}) und abgeschlossen unter Skalar-Multiplikation (λxker\lambda\mathbf{x} \in \operatorname{ker} für jedes λR\lambda \in \mathbb{R}).

Geometrisch ist ker(A)\operatorname{ker}(A) die Menge aller Vektoren, die durch AA auf Null abgebildet werden. Für rang(A)=n\operatorname{rang}(A) = n wird nur der Nullvektor auf Null abgebildet; für rang(A)<n\operatorname{rang}(A) < n wird ein ganzer Unterraum zerquetscht.

Der Kern als Unterraum
ker(A)={xRn:Ax=0}\operatorname{ker}(A) = \{\mathbf{x} \in \mathbb{R}^n : A\mathbf{x} = \mathbf{0}\}
Unterraum von Rn\mathbb{R}^n: enthält 0\mathbf{0}, abgeschlossen unter ++ und \cdot.
rang(A) --
dim(ker) --
Abb. 14: Der Kern einer 2×2-Matrix als Gerade oder Punkt.
Definition Kern (Nullraum)
ker(A)={x:Ax=0}\operatorname{ker}(A) = \{\mathbf{x} : A\mathbf{x} = \mathbf{0}\}. Unterraum von Rn\mathbb{R}^n; enthält mindestens 0\mathbf{0}.
Merke Unterraum-Eigenschaften
(1) 0ker\mathbf{0} \in \operatorname{ker}; (2) x,ykerx+yker\mathbf{x},\mathbf{y} \in \operatorname{ker} \Rightarrow \mathbf{x}+\mathbf{y} \in \operatorname{ker}; (3) λxker\lambda\mathbf{x} \in \operatorname{ker}.

1.4.2 Rang-Nullity-Theorem

Das Rang-Nullity-Theorem (auch Dimensionssatz) verknüpft Rang und Kerndimension: für jede Matrix ARm×nA \in \mathbb{R}^{m \times n} gilt rang(A)+dimker(A)=n\operatorname{rang}(A) + \dim \operatorname{ker}(A) = n.

Die Begründung folgt aus der Zeilenstufenform: Jede Pivot-Spalte trägt +1+1 zum Rang bei, jede freie Spalte trägt +1+1 zur Kerndimension bei. Die Gesamtzahl der Spalten ist nn, also summieren sich beide Größen zu nn.

Das Theorem erlaubt schnelle Schlüsse: Ist rang(A)=n\operatorname{rang}(A) = n, so ist dimker(A)=0\dim \operatorname{ker}(A) = 0, also ker(A)={0}\operatorname{ker}(A) = \{\mathbf{0}\}: nur die triviale Lösung. Ist dagegen rang(A)<n\operatorname{rang}(A) < n, so ist dimker(A)1\dim \operatorname{ker}(A) \geq 1: es existiert eine nicht-triviale Lösung, und die Lösungsmenge des homogenen Systems hat mindestens eine frei wählbare Richtung.

Rang-Nullity-Theorem (Dimensionssatz)
rang(A)+dimker(A)=n\operatorname{rang}(A) + \dim \operatorname{ker}(A) = n
nn = Anzahl Spalten von AA. Gilt für jede reelle Matrix.
n --
rang(A) --
dim(ker) --
Abb. 15: Rang-Nullity-Zähler für verschiedene Matrizen.
Formel Dimensionssatz
rang(A)+dimker(A)=n\operatorname{rang}(A) + \dim\operatorname{ker}(A) = n
Merke Anwendung
Kerndimension bekommt man ohne explizite Basisbestimmung über dimker(A)=nrang(A)\dim\operatorname{ker}(A) = n - \operatorname{rang}(A).

1.4.3 Bild und Spaltenraum

Das Bild (auch Spaltenraum) von AA ist die Menge aller Vektoren, die von AA erzeugt werden können: im(A)={Ax:xRn}\operatorname{im}(A) = \{A\mathbf{x} : \mathbf{x} \in \mathbb{R}^n\}. Äquivalent ist im(A)\operatorname{im}(A) der Erzeugnis (Span) der Spalten von AA: im(A)=span{a1,,an}\operatorname{im}(A) = \operatorname{span}\{\mathbf{a}_1, \ldots, \mathbf{a}_n\}.

Das Bild ist ein Unterraum von Rm\mathbb{R}^m (Ziel-Raum), und seine Dimension ist der Rang von AA: dimim(A)=rang(A)\dim \operatorname{im}(A) = \operatorname{rang}(A). Diese Identität ergibt sich, weil die Pivot-Spalten eine Basis des Bildes bilden.

Die Spaltensicht macht klar: Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} ist genau dann lösbar, wenn bim(A)\mathbf{b} \in \operatorname{im}(A). Das ist die geometrische Interpretation des Frobenius-Kriteriums (siehe 1.2.2).

Bild (Spaltenraum) von A
im(A)={Ax:xRn}=span{a1,,an}\operatorname{im}(A) = \{A\mathbf{x} : \mathbf{x} \in \mathbb{R}^n\} = \operatorname{span}\{\mathbf{a}_1, \ldots, \mathbf{a}_n\}
dimim(A)=rang(A)\dim \operatorname{im}(A) = \operatorname{rang}(A). Basis: die Pivot-Spalten von AA.
dim(im) --
0.50
2.00
Abb. 16: Bild zweier Spaltenvektoren im ℝ².
Definition Bild (Spaltenraum)
im(A)=span{a1,,an}Rm\operatorname{im}(A) = \operatorname{span}\{\mathbf{a}_1, \ldots, \mathbf{a}_n\} \subseteq \mathbb{R}^m. Dimension =rang(A)= \operatorname{rang}(A).
Querverweis Verweise
→ 1.2.2 Frobenius-Kriterium

1.4.4 Allgemeine Lösung xₚ + ker(A)

Ist Ax=bA\mathbf{x} = \mathbf{b} lösbar, so hat die Lösungsmenge eine klare Struktur: Sei xp\mathbf{x}_p irgendeine Partikulärlösung, also ein Vektor mit Axp=bA\mathbf{x}_p = \mathbf{b}. Dann ist jede Lösung x\mathbf{x} von der Form x=xp+k\mathbf{x} = \mathbf{x}_p + \mathbf{k} mit kker(A)\mathbf{k} \in \operatorname{ker}(A). Kurz: Lösungsmenge =xp+ker(A)= \mathbf{x}_p + \operatorname{ker}(A).

Die Idee: Ist x\mathbf{x} eine Lösung, so folgt A(xxp)=AxAxp=bb=0A(\mathbf{x} - \mathbf{x}_p) = A\mathbf{x} - A\mathbf{x}_p = \mathbf{b} - \mathbf{b} = \mathbf{0}, also xxpker(A)\mathbf{x} - \mathbf{x}_p \in \operatorname{ker}(A). Umgekehrt erfüllt jedes x=xp+k\mathbf{x} = \mathbf{x}_p + \mathbf{k} mit kker\mathbf{k} \in \operatorname{ker} die Gleichung Ax=Axp+Ak=b+0=bA\mathbf{x} = A\mathbf{x}_p + A\mathbf{k} = \mathbf{b} + \mathbf{0} = \mathbf{b}.

Geometrisch ist die Lösungsmenge ein affiner Unterraum: parallel zum Kern, verschoben um xp\mathbf{x}_p. Für b=0\mathbf{b} = \mathbf{0} (homogener Fall) ist xp=0\mathbf{x}_p = \mathbf{0} zulässig, und die Lösungsmenge wird zum Unterraum ker(A)\operatorname{ker}(A) selbst.

Struktur der Lösungsmenge
{x:Ax=b}=xp+ker(A)\{\mathbf{x} : A\mathbf{x} = \mathbf{b}\} = \mathbf{x}_p + \operatorname{ker}(A)
xp\mathbf{x}_p beliebige Partikulärlösung. Die Lösungsmenge ist affiner Unterraum parallel zum Kern.
xₚ --
k --
0.0
0.00
Abb. 17: Allgemeine Lösung als affine Gerade xₚ + t·k im ℝ².
Formel Lösungsstruktur
x=xp+ker(A)\mathbf{x} = \mathbf{x}_p + \operatorname{ker}(A)
Merke Affin vs Unterraum
Für b0\mathbf{b} \neq \mathbf{0} ist die Lösungsmenge ein affiner Unterraum (enthält 0\mathbf{0} nicht). Für b=0\mathbf{b} = \mathbf{0} wird sie zum linearen Unterraum ker(A)\operatorname{ker}(A).

1.4.5 Sandbox. Kern und Bild bestimmen

Für eine Matrix AA ohne rechte Seite löst die Sandbox das homogene System Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0} und liefert eine Basis des Kerns. Bei vollem Spaltenrang ist der Kern trivial; bei defektem Rang erscheinen die kern-aufspannenden Richtungsvektoren als k1,k2,\mathbf{k}_1, \mathbf{k}_2, \ldots.

Die Schritte-Liste zeigt die Reduktion zur RREF, aus der man Kern und Bild direkt ablesen kann. Pivot-Spalten spannen das Bild im(A)\operatorname{im}(A) auf; freie Spalten steuern die Parameter der Kernbasis. Experimentiere mit den Presets: voller Rang (ker = {0}\{\mathbf{0}\}), Rang 1 (ker ist Gerade), Nullmatrix (ker = Rn\mathbb{R}^n) und Projektion (ker ist die orthogonale Achse).

Kern und Bild bestimmen

Löst Ax=0A\mathbf{x} = \mathbf{0}. Kernbasis erscheint als k1,k2,\mathbf{k}_1, \mathbf{k}_2, \ldots; Pivot-Spalten spannen das Bild auf.

Definition Kernbasis
Menge unabhängiger Vektoren, die ker(A)\operatorname{ker}(A) aufspannen. Die Anzahl ist nrang(A)n - \operatorname{rang}(A).
Querverweis Verweise
→ 1.4.1 Kern
→ 1.4.3 Bild

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!