VII.1.1 Was ist eine Schraube?

Stell dir vor, du willst zwei Stahlplatten so fest gegeneinander pressen, dass du sie selbst mit der Hand nicht mehr auseinanderziehst. Du nimmst eine Schraube, steckst sie durch beide Bohrungen und drehst die Mutter mit dem Schraubenschlüssel fest. Plötzlich kleben die Platten zusammen, als wären sie verschweißt. Genau dieser Trick ist die Definition einer Schraube.

Eine Schraube ist ein Maschinenelement, das eine Drehbewegung in eine Längsbewegung umwandelt und damit zwei Bauteile reibschlüssig zusammenpresst. Klingt simpel, aber alles, was in diesem Kapitel folgt (Gewindesteigung, Vorspannung, Anziehmoment, Verspannungsschaubild), folgt aus diesem einen Prinzip.

Aufbau einer Schraubenverbindung. Eine klassische Schraubenverbindung besteht aus fünf Elementen:

Bauteil Funktion Beispiel
Schraubenkopf Angriffsfläche für das Werkzeug Sechskant, Imbus, Torx
Schraubenschaft Übersetzt Anziehmoment in Zugkraft glatter Schaft mit Bolzendurchmesser dd
Aussengewinde schiefe Ebene am Bolzen spiralförmige Flanken am Schraubenende
Innengewinde Gegenstück zur schiefen Ebene in Mutter oder Sackloch der Platte
Schraubenmutter fixiert die Schraube auf der Gegenseite Sechskantmutter, Hutmutter
Bestandteile einer Schraubenverbindung (V10 Slide 6).

Wirkprinzip in zwei Sätzen. Beim Anziehen rotiert die Schraube; die spiralförmigen Flanken am Außengewinde gleiten an denen des Innengewindes, und aus der Rotation wird eine Längsbewegung. Diese Längsbewegung erzeugt zwischen den verspannten Platten eine Normalkraft, und über Reibung wird daraus eine Querkraft, die die Platten gegen Verschieben sichert.

Definition Schraube
Maschinenelement, das Drehbewegung in Längsbewegung umsetzt und zwei Bauteile reibschlüssig verspannt.
Merke Drei Funktionen: Rotation → Translation → Vorspannung → Reibschluss.

VII.1.2 Gewindetypen: Befestigung und Bewegung

Nicht jedes Gewinde sieht im Querschnitt gleich aus. Der Flankenwinkel β\beta (der Öffnungswinkel zwischen den zwei Flanken eines Gewindezahns) entscheidet, ob ein Gewinde gut zum Befestigen (selbsthemmend, kleiner Wirkungsgrad gewollt) oder zum Bewegen (geringe Reibung, hoher Wirkungsgrad gewollt) geeignet ist.

Gewindetyp Flankenwinkel β\beta Anwendung
Metrisches ISO-Gewinde (M) 60°60° universelle Befestigung (Schrauben, Muttern)
Whitworth-Gewinde (G oder R) 55°55° Rohrleitungen, Sanitär
Trapezgewinde (Tr) 30°30° Bewegungsgewinde (Spindelantriebe, Linearachsen)
Sägengewinde (S) 30°30° und 3° einseitig hochbelastete Spindeln (Hydraulikpressen)
Vier Standard-Gewindetypen nach Flankenwinkel (V10 Slides 8 und 9).

Bezeichnung in der Praxis. Auf einer Schraube findest du eine Kurz-Beschriftung wie M10\text{M}10 oder M10×1\text{M}10\,{\times}\,1. Der Buchstabe gibt den Gewindetyp an (M\text{M} für metrisch ISO), die erste Zahl ist der Nenndurchmesser dd in mm\text{mm}, die optionale zweite Zahl ist die Gewindesteigung PP in mm\text{mm}. Ohne Steigungsangabe handelt es sich um ein Regelgewinde mit der Standard-Steigung aus TB 8-1. Mit Steigungsangabe handelt es sich um ein Feingewinde mit kleinerer Steigung als die Regelversion.

Rechts- und Linksgewinde. Standardgewinde sind Rechtsgewinde: sie werden im Uhrzeigersinn festgezogen. Linksgewinde (Kurzzeichen LH\text{LH}) tauchen bei Spezialanwendungen auf, bei denen das Bauteil sich durch die Betriebs-Drehung selbst lösen würde: linke Fahrradpedale, Bohrfutter, Ventilator-Schrauben. Sie werden gegen den Uhrzeigersinn festgezogen.

Definition Regel- vs Feingewinde
Beide haben denselben Nenndurchmesser, aber das Feingewinde hat eine kleinere Steigung PP. Tabellen: TB 8-1 (Regel), TB 8-2 (Fein).
Merke Flankenwinkel entscheidet: β\beta groß → selbsthemmend → Befestigung. β\beta klein → leichtgängig → Bewegung.

VII.1.3 Schraubenkopf-Formen und Werkzeug-Wahl

Bevor du eine Schraube anziehst, musst du sie packen können. Der Schraubenkopf ist die Schnittstelle zum Werkzeug, und seine Form entscheidet, wie viel Anziehmoment du übertragen kannst und wie viel Platz du dafür brauchst.

Die Vorlesung listet die wichtigsten Kopfformen und bewertet sie nach drei Kriterien: erreichbares Anziehmoment, Preis und Platzbedarf für das Werkzeug.

Kopfform Anziehmoment Platz / Preis
Längsschlitz niedrig preisgünstig, schlechte Zentrierung
Kreuzschlitz (Pozidriv) niedrig preisgünstig, gute Zentrierung
Aussensechskant hoch preisgünstig, grosser Werkzeugbedarf
Innensechskant (Imbus) mittel preisgünstig, geringer Werkzeugbedarf
Vier gängige Kopfformen und ihre Eignung (V10 Slides 15 bis 17).

Vielzahnschrauben (Aussenvielzahn, Innen-Torx). Diese High-End-Köpfe schaffen sehr hohe Anziehmomente, weil das Werkzeug an vielen Punkten gleichzeitig angreift. Preis: teurer. Anwendung: Motoren-Schrauben (Kurbelwelle, Pleuel), Lenkungs-Komponenten, alles, was nicht abrutschen darf.

Normen für Schrauben. Jede Kopfform und jede Schaftform ist nach DIN/ISO genormt. Beispiele: Sechskantschraube DIN EN ISO 4014, Zylinderkopfschraube mit Innensechskant DIN EN ISO 4762, Sechskantmutter DIN EN ISO 4032. Im Klausurzettel musst du diese Normnummern nicht auswendig wissen, aber du solltest erkennen, dass eine Norm-Bezeichnung wie ISO 4762\text{ISO 4762} keine zufällige Zahl ist, sondern eine eindeutige Geometrie definiert.

Merke Mehr Kontaktstellen → höheres übertragbares Anziehmoment ohne Kopf-Ausreißen.

VII.2.1 Gewindesteigung P und Steigungswinkel φ

Stell dir eine Schraube unter einer Pressplatte vor. Du drehst sie um eine volle Umdrehung; der Bolzen wandert dabei um einen genau definierten Weg nach unten. Dieser Weg heißt Gewindesteigung PP. Bei einer M10\text{M}10-Regelschraube ist P=1,5mmP = 1{,}5\,\text{mm} pro Umdrehung; bei einer M10×1\text{M}10\,{\times}\,1-Feinschraube nur P=1mmP = 1\,\text{mm}.

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VII.2.1.1 Gewindesteigung als Schraubenweg
s1Umdrehung  =  Ps_{1\,\text{Umdrehung}} \;=\; P
Bei einer vollen Umdrehung (360°360°) wandert die Schraube genau eine Steigung PP axial entlang der Achse. Aus TB 8-1: M6 → P=1mmP = 1\,\text{mm}, M10 → P=1,5mmP = 1{,}5\,\text{mm}, M16 → P=2mmP = 2\,\text{mm}, M20 → P=2,5mmP = 2{,}5\,\text{mm}.

Vom Weg zum Winkel. Wickelst du gedanklich eine einzelne Gewindeumdrehung ab (du legst den Gewindezahn auf eine ebene Fläche), entsteht eine schiefe Ebene mit Höhe PP und Länge πd2\pi \cdot d_2, wobei d2d_2 der Flankendurchmesser ist. Der Neigungswinkel dieser schiefen Ebene ist der Steigungswinkel φ\varphi.

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VII.2.1.2 Steigungswinkel als Tangens
tan(φ)  =  Pπd2\tan(\varphi) \;=\; \frac{P}{\pi \cdot d_2}
φ\varphi in Grad ablesbar oder aus TB 8-1 direkt entnehmbar. Bei M16 (Regelgewinde, P=2P = 2, d2=14,701d_2 = 14{,}701) ist φ2,48°\varphi \approx 2{,}48°. Steile Gewinde (Trapez, Säge) haben deutlich größere φ\varphi.

Regelgewinde versus Feingewinde. Im Maschinenbau-Klausurzettel kommen fast immer beide Tabellen vor. Aus den TB-Werten ergeben sich konkret:

Bezeichnung Steigung PP Steigungswinkel φ\varphi
M8 Regel 1,25mm1{,}25\,\text{mm} 3,17°3{,}17°
M16 Regel 2mm2\,\text{mm} 2,48°2{,}48°
M16 x 1 Fein 1mm1\,\text{mm} 1,19°1{,}19°
TB 8-1 / TB 8-2: Steigung und Steigungswinkel bei drei typischen Schrauben.
Definition Gewindesteigung PP
Axialer Weg, den die Schraube bei einer vollen Umdrehung zurücklegt.
Formel Steigungswinkel
tan(φ)=Pπd2\tan(\varphi) = \frac{P}{\pi d_2}
Geometrische Definition aus der abgewickelten Schraubenlinie.

VII.2.2 ISO-Gewinde-Geometrie und Schraubenquerschnitte

Bevor du Spannungen rechnen kannst, brauchst du den richtigen Querschnitt. Auf einer typischen Schraube tauchen drei verschiedene Durchmesser (und damit drei verschiedene Querschnitte) auf, je nachdem wo am Bolzen du gerade schaust.

Die Vorlesung benennt sie nach dem metrischen ISO-Gewinde (DIN 13): Nenndurchmesser dd am glatten Schaft, Flankendurchmesser d2d_2 in halber Profilhöhe, Kerndurchmesser d3d_3 am Gewindegrund.

Durchmesser Querschnitt Wofür
dd (Nenn) AN=πd2/4A_N = \pi d^2/4 Schaft-Geometrie, Bauraum-Auslegung
dS=(d2+d3)/2d_S = (d_2 + d_3)/2 (Spannungs) ASA_S Zugspannungs-Rechnung im Gewinde-Bereich
d3d_3 (Kern) A3=πd32/4A_3 = \pi d_3^2/4 Torsionsspannungs-Rechnung am Kern
Drei Durchmesser, drei Querschnitte (V10 Slide 13).
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VII.2.2.1 Spannungsdurchmesser
dS  =  12(d2+d3)d_S \;=\; \tfrac{1}{2}\,(d_2 + d_3)
dSd_S ist ein gemittelter Durchmesser zwischen Flanken- und Kernrundgang. Er bildet die effektive tragende Querschnittsfläche unter Zug ab, weil das Gewindeprofil im Schnitt zwischen d2d_2 und d3d_3 liegt. ASA_S wird in TB 8-1 direkt ausgewiesen.

ISO-Profil-Geometrie. Das metrische ISO-Gewinde nach DIN 13 hat einen Flankenwinkel β=60°\beta = 60° und ein dreieckiges Profil mit definierter Höhe HH. Die Gewindetiefe h3h_3 (die tatsächlich tragende Profil-Höhe nach Berücksichtigung der Spitzen-Abrundungen) folgt aus der Profil-Geometrie.

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VII.2.2.2 Profilhöhe und Gewindetiefe
H=P/2tan(β/2)h3=1724H\begin{aligned} H &= \frac{P/2}{\tan(\beta/2)} \\[4pt] h_3 &= \tfrac{17}{24}\,H \end{aligned}
Erste Zeile: Höhe des theoretischen Spitzdreiecks aus dem Tangens des halben Flankenwinkels. Zweite Zeile: tatsächliche Gewindetiefe nach Abzug der oberen und unteren Profilstücke (am Bolzen H/4H/4 unten, H/8H/8 oben). Bei β=60°\beta = 60° und gegebenem PP ist die Gewindetiefe für ALLE Gewinde gleicher Steigung gleich. Aus TB 8-1: h30,613mmh_3 \approx 0{,}613\,\text{mm} bei P=1mmP = 1\,\text{mm}.
Definition Spannungsquerschnitt ASA_S
Mittlerer Querschnitt aus Flanken- und Kerndurchmesser. Für die Zugspannungsrechnung σz=F/AS\sigma_z = F/A_S.
Merke Zug → ASA_S. Torsion → A3A_3 bzw. Wt,3W_{t,3}. Schaft-Steifigkeit → ANA_N.

VII.2.3 Schiefe Ebene als Modell für das Gewinde

Wenn du das Gewinde gedanklich von der Schraube abrollst, hast du eine schiefe Ebene mit Neigungswinkel φ\varphi. Ein kleiner Gleitkörper (er repräsentiert ein Stück Innengewinde) sitzt auf dieser schiefen Ebene. Die Schraube zieht ihn mit der Längskraft FF nach unten; das Werkzeug bewegt ihn mit der Umfangskraft FuF_u horizontal. Aus dem Kräftegleichgewicht an der schiefen Ebene fällt die zentrale Gewindemoment-Formel raus.

Schritt 1: Reibungsfreie Betrachtung. Wir setzen erst einmal μ=0\mu = 0, also keine Reibung im Gewinde. An der schiefen Ebene wirken nur die Längskraft FF (senkrecht nach unten) und die Umfangskraft FuF_u (waagerecht). Im Kräftegleichgewicht zerlegt die Normalkraft FnF_n beide Anteile.

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VII.2.3.1 Reibungsfreier Fall
tan(φ)  =  FuF\tan(\varphi) \;=\; \frac{F_u}{F}
Direkt aus dem rechtwinkligen Kraftdreieck: FuF_u ist die Komponente entlang der Ebene, FF die Komponente senkrecht zur Basis. Ohne Reibung müsste die Schraube von selbst aus dem Innengewinde herausspringen, denn jede Längskraft FF erzeugt eine Tangentialkraft Fu=Ftan(φ)F_u = F \tan(\varphi), die das Gleiten antreibt.

Schritt 2: Mit Reibung im Gewinde. Wir addieren jetzt eine Reibkraft FR=μFnF_R = \mu \cdot F_n entlang der Gleitrichtung. Die Vektoraddition aus Normalkraft und Reibkraft ergibt eine Ersatzkraft, die um den Reibungswinkel ρ\rho gegen die Senkrechte gekippt ist. Mit μ=tan(ρ)\mu = \tan(\rho) ändert sich die Tangens-Gleichung um genau diesen Winkel.

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VII.2.3.2 Fall mit Reibung (Last heben = Anziehen)
tan(φ+ρ)  =  FuFFu  =  Ftan(φ+ρ)\tan(\varphi+\rho) \;=\; \frac{F_u}{F} \quad\Rightarrow\quad F_u \;=\; F\cdot\tan(\varphi+\rho)
Die Reibung wirkt der Bewegung entgegen, also bremst sie das Aufwärtsgleiten und erfordert eine größere Umfangskraft FuF_u. Daher das Plus-Zeichen. Beim Lösen der Schraube würde ρ\rho negativ eingehen (Last senken). Der Reibungswinkel ist ρ=arctanμ\rho = \arctan\mu.

Vom FuF_u zum Gewindemoment. Die Umfangskraft FuF_u greift am Radius d2/2d_2/2 an (am Flankendurchmesser, also genau dort wo der Gleitkörper sitzt). Das resultierende Moment um die Schraubenachse ist das Gewindemoment MGM_G.

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VII.2.3.3 Gewindemoment beim Flachgewinde
MG  =  Fud22  =  tan(φ+ρ)Fd22M_G \;=\; F_u \cdot \frac{d_2}{2} \;=\; \tan(\varphi+\rho)\cdot F \cdot \frac{d_2}{2}
Achtung: das ist noch das Flachgewinde-Modell (β=0\beta = 0). Für das metrische Spitzgewinde (β=60°\beta = 60°) wird gleich der Reibungswinkel ρ\rho durch ρ\rho' ersetzt (Flankenkorrektur, VII.2.4).
Definition Reibungswinkel ρ\rho
Es gilt tan(ρ)=μ\tan(\rho) = \mu. Geometrische Übersetzung des Reibungskoeffizienten in einen Winkel.
Formel Kernformel
MG=tan(φ+ρ)Fd22M_G = \tan(\varphi+\rho)\cdot F\cdot\frac{d_2}{2}
Gewindemoment am Flachgewinde-Modell.

VII.2.4 Spitzgewinde-Korrektur und Selbsthemmung

Im Flachgewinde-Modell oben ist die Flankenfläche genau senkrecht zur Schraubenachse. Beim metrischen ISO-Gewinde ist sie aber um den halben Flankenwinkel β/2=30°\beta/2 = 30° gekippt. Das bedeutet: die Normalkraft auf die Flanke ist größer als die Längskraft, und damit ist auch die Reibung größer. Diese Korrektur steckt im modifizierten Reibungswinkel ρ\rho'.

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VII.2.4.1 Modifizierter Reibungswinkel
tan(ρ)  =  μGcos(β/2)\tan(\rho') \;=\; \frac{\mu_G}{\cos(\beta/2)}
Beim metrischen ISO-Gewinde (β=60°\beta = 60°, cos30°0,866\cos 30° \approx 0{,}866) wird die effektive Reibung um den Faktor 1/cos30°1,1551/\cos 30° \approx 1{,}155 größer. Aus μG=0,12\mu_G = 0{,}12 folgt z. B. ρ=arctan(0,12/0,866)7,89°\rho' = \arctan(0{,}12/0{,}866) \approx 7{,}89°.

Anwendung im Gewindemoment. In der Formel aus VII.2.3 ersetzt man jetzt ρ\rho durch ρ\rho' und FF durch die Montagevorspannkraft FVMF_{VM}, weil das genau die Längskraft ist, die beim Anziehen wirken soll.

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VII.2.4.2 Maximales Gewindemoment beim Anziehen
MG,max  =  tan(φ+ρ)FVMd22M_{G,\max} \;=\; \tan(\varphi + \rho')\cdot F_{VM} \cdot \frac{d_2}{2}
Das ist die zentrale Formel aus V10 Slide 44. Anwendung: bei gegebenem FVMF_{VM} (gewünschte Vorspannkraft) liefert sie das Gewindemoment, das man am Werkzeug aufbringen muss, um die Schraube auf FVMF_{VM} vorzuspannen. Werte: φ\varphi, d2d_2 aus TB 8-1; μG\mu_G aus TB 8-12; ρ\rho' aus Formel oben.

Selbsthemmung. Eine Schraube heißt selbsthemmend, wenn sie sich unter Last nicht von selbst löst. Mathematisch: wenn φ<ρ\varphi < \rho' gilt. Dann ist beim "Last senken" der Tangens tan(φρ)\tan(\varphi - \rho') negativ, und um die Schraube überhaupt zu lösen, muss man Kraft am Werkzeug aufwenden. Bei Standard-Befestigungsschrauben ist diese Bedingung praktisch immer erfüllt: φ2,5°\varphi \approx 2{,}5° ist immer kleiner als ρ8°\rho' \approx 8°.

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VII.2.4.3 Selbsthemmungs-Bedingung
φ  <  ρSchraube ist selbsthemmend\varphi \;<\; \rho' \quad\Leftrightarrow\quad \text{Schraube ist selbsthemmend}
Praktische Faustregel: bei metrischen ISO-Gewinden mit μG0,05\mu_G \ge 0{,}05 ist die Bedingung in der Regel erfüllt. Bei sehr glatten / gut geschmierten Gewinden (z. B. mit MoS₂) kann die Bedingung verletzt werden, und die Schraube braucht eine zusätzliche Sicherung gegen Lösen.
Definition Selbsthemmung
Schraube löst sich nicht von selbst, weil φ<ρ\varphi < \rho'. Bei metrischem ISO-Gewinde fast immer erfüllt.
Formel Flankenkorrektur
tan(ρ)=μGcos(β/2)\tan(\rho') = \frac{\mu_G}{\cos(\beta/2)}
Effektiver Reibungswinkel im Spitzgewinde.

VII.3.1 Vorspannung und Gestaltungsformen

Warum spannt man eine Schraube überhaupt vor, bevor irgendeine Betriebslast wirkt? Die Antwort liegt im Reibschluss: nur eine fest gegen die Platten gepresste Verbindung kann Querkräfte und Drehmomente ohne Schaft-Beanspruchung übertragen. Die Vorspannkraft FVF_V ist die Eintrittskarte für jede weitere Berechnung in diesem Kapitel.

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VII.3.1.1 Reibschluss am Plattenpaket
FQ    μFVF_Q \;\le\; \mu \cdot F_V
FQF_Q ist die übertragbare Querkraft, μ\mu der Reibwert zwischen den Platten (typisch μ=0,1\mu = 0{,}1 bis 0,30{,}3), FVF_V die Vorspannkraft in der Schraube. Sobald die Querkraft diese Grenze überschreitet, rutschen die Platten und der Schraubenschaft wird auf Scherung belastet. Konstruktions-Ziel: FVF_V so wählen, dass μFV\mu F_V deutlich über der erwarteten Betriebs-Querkraft liegt.

Zwei Grund-Gestaltungsformen. Eine Schraubenverbindung kann auf zwei Arten aufgebaut sein:

Variante Geometrie Anwendung
Einschraubverbindung Sackloch mit Innengewinde im einen Bauteil Motorblöcke, dicke Maschinenteile, kein Platz für Mutter
Durchsteckverbindung Bohrung durch beide Platten, Mutter auf der Gegenseite Standard-Stahlbau, dünne Bleche, leicht zerlegbar
Einschraubverbindung vs Durchsteckverbindung (V10 Slide 21).

Wirkprinzip beider Varianten. Beim Anziehen des Werkzeugs (Drehmoment MAM_A) verfahren Schraubenkopf bzw. Mutter axial gegen die Plattenpakete. Diese Axialbewegung presst die Platten gegeneinander mit der Vorspannkraft FVF_V, was sich als Normalkraft in der Trennfuge bemerkbar macht.

Definition Vorspannkraft FVF_V
Axiale Druckkraft zwischen den verspannten Teilen, durch das Anziehen der Schraube aufgebaut.
Merke Vorspannung ist nicht optional. Ohne FVF_V kein Reibschluss, ohne Reibschluss keine Querkraftübertragung.

VII.3.2 Gestaltungsfehler und Mindesteinschraubtiefe

Eine Schraubenverbindung kann mechanisch korrekt ausgelegt sein und trotzdem in der Praxis versagen, wenn die Gestaltung nicht passt. Die Vorlesung zeigt vier wiederkehrende Fehlerklassen, die alle ohne Rechnung am Zeichnungstisch entschieden werden.

Fehler Folge Lösung
Mindesteinschraubtiefe lel_e zu klein Innengewinde reißt aus lel_e nach Tabelle (z. B. le=1,2dl_e = 1{,}2\,d für 8.8 in Baustahl)
Kein Platz für Kopf oder Mutter Werkzeug erreicht Schraube nicht Bauteil so gestalten, dass Schlüsselweite + Spiel passt
Schraubenschaft formschlüssig in Bohrung Querkraft wird auf Schaft, nicht Reibschluss übertragen Bohrung mit Spiel zum Schaft (Durchgangsloch)
Schräge Auflagefläche unter Kopf Biegung in der Schraube (σb\sigma_b), Risse am Übergang Schaft / Kopf Senkung, Unterlegscheibe oder Vierkantscheibe
Vier typische Gestaltungsfehler und ihre Folgen (V10 Slides 23 bis 29).

Mindesteinschraubtiefe lel_e. Die Tiefe, mit der die Schraube ins Innengewinde greift, muss reichen, damit das schwächere der beiden Gewinde (Außen am Bolzen, Innen am Bauteil) nicht ausreißt. Faustwerte aus dem Tabellenbuch Metall (Auszug):

Werkstoff Bauteil Festigkeit 4.6 bis 6.8 Festigkeit 8.8
Baustahl (Rm=400R_m = 400 bis 600600) 1,2d1{,}2\,d 1,2d1{,}2\,d
Gusseisen 1,5d1{,}5\,d 1,5d1{,}5\,d
Aluminium-Guss 2,2d2{,}2\,d nicht zulässig
Kunststoffe nicht zulässig nicht zulässig
Mindesteinschraubtiefe für Regelgewinde (V10 Slide 23, Auszug).

Lastverteilung im Gewinde. Auch bei korrekter Einschraubtiefe verteilt sich die Last nicht gleichmäßig auf alle Gewindegänge. Der erste Gewindegang nahe der Auflage trägt typischerweise 30 bis 40 % der gesamten Last, die übernehmenden Gänge tragen schnell abnehmend weniger. Nach 6 bis 7 Gewindegängen ist der zusätzliche Lastbeitrag praktisch null, deshalb bringt eine längere Einschraubtiefe über 8P\sim 8 \cdot P hinaus nichts mehr.

Definition Mindesteinschraubtiefe lel_e
Tiefe, mit der das Außengewinde im Innengewinde greift, damit kein Ausriss erfolgt. Werkstoff- und festigkeitsabhängig.
Merke Schaft = Spiel. Querkraft über Reibung, nicht über Scherung.

VII.3.3 Federmodell. Nachgiebigkeit von Schraube und Teilen

Wenn du die Schraube anziehst, verlängert sie sich um einen kleinen Betrag fSf_S (typisch 0,10{,}1 bis 0,3mm0{,}3\,\text{mm}), und die Platten werden im selben Moment um fTf_T gestaucht. Beide reagieren wie Federn mit einer eigenen Steifigkeit. Diese Erkenntnis erlaubt es, die ganze Schraubenverbindung als ein zwei-Federn-System zu modellieren.

Nachgiebigkeit statt Steifigkeit. Im Schraubenkapitel arbeitet man traditionell mit der Nachgiebigkeit δ=1/R\delta = 1/R statt der Federrate RR. Das hat einen praktischen Grund: δS\delta_S der Schraube setzt sich aus mehreren Einzelbereichen (Kopf, Schaft, Gewinde, Mutter) zusammen, und Nachgiebigkeiten in Reihe addieren sich einfach, während Federraten in Reihe sich kompliziert kombinieren.

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VII.3.3.1 Nachgiebigkeit eines Zugstab-Abschnitts
δ  =  lEA\delta \;=\; \frac{l}{E \cdot A}
Geometrische Herleitung aus σ=Eε\sigma = E\varepsilon und F=σAF = \sigma A. Längung f=δFf = \delta \cdot F. Einheit: mm/N\text{mm/N}. Ein längerer Abschnitt ist nachgiebiger; ein größerer Querschnitt oder ein steiferer Werkstoff ist starrer.
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VII.3.3.2 Nachgiebigkeit der Schraube
δS  =  1ES ⁣(lKoAN+l1Ad1+l2Ad2+lGA3+lGeA3)+lMEMAN\begin{aligned} \delta_S \;=\;& \frac{1}{E_S}\!\left(\frac{l_{Ko}}{A_N} + \frac{l_1}{A_{d1}} + \frac{l_2}{A_{d2}} + \frac{l_G}{A_3} + \frac{l_{Ge}}{A_3}\right) \\ &+ \frac{l_M}{E_M\cdot A_N} \end{aligned}
Sechs Abschnitte in Reihe: Kopf (lKo=0,5dl_{Ko} = 0{,}5\,d), Schaft (l1l_1, ggf. zweiter Schaftabschnitt mit anderem Durchmesser l2l_2, Ad2A_{d2}, fehlt bei uniformen Schäften), freies Gewinde (lGl_G), eingeschraubtes Gewinde (lGe=0,5dl_{Ge} = 0{,}5\,d), Mutter (lMl_M). Bei Durchsteckverbindung gilt lM=0,4dl_M = 0{,}4\,d mit EM=ESE_M = E_S (Mutter typischerweise aus Schraubenwerkstoff). Bei Einschraubverbindung lM=0,33dl_M = 0{,}33\,d mit EM=ETE_M = E_T (E-Modul des einschraubseitigen Bauteils). Werte für ANA_N, A3A_3 aus TB 8-1.
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VII.3.3.3 Nachgiebigkeit der verspannten Teile
δT  =  lkETAers\delta_T \;=\; \frac{l_k}{E_T \cdot A_{\text{ers}}}
Klemmlänge lkl_k ist die Höhe des verspannten Plattenpakets. AersA_{\text{ers}} ist die Ersatz-Querschnittsfläche eines gedachten Druckkegels, der sich vom Schraubenkopf nach unten in die Platten ausbreitet. Aus der Geometrie folgt Aers=π4(dw2dh2)+π8dw(DAdw)((x+1)21)A_{\text{ers}} = \frac{\pi}{4}(d_w^2 - d_h^2) + \frac{\pi}{8}\, d_w (D_A - d_w)((x+1)^2 - 1) mit x=lkdw/DA23x = \sqrt[3]{l_k d_w / D_A^2}.

Längenänderungen. Mit den beiden Nachgiebigkeiten folgen die zugehörigen Wege direkt aus dem Hookeschen Federgesetz.

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VII.3.3.4 Längenänderung von Schraube und Teilen
fS  =  δSFV,fT  =  δTFVf_S \;=\; \delta_S \cdot F_V \quad,\qquad f_T \;=\; \delta_T \cdot F_V
Beide werden durch die gleiche Vorspannkraft FVF_V erzeugt: die Schraube wird um fSf_S gelängt, die Platten werden um fTf_T gestaucht. Wichtige Beobachtung: in den meisten Verbindungen ist δSδT\delta_S \gg \delta_T (die Schraube ist viel nachgiebiger als die Platten), daher fSfTf_S \gg f_T.
Definition Nachgiebigkeit δ\delta
Kehrwert der Federrate. δ=l/(EA)\delta = l/(EA) für einen Zugstab-Abschnitt.
Formel Grundformel
f=δFf = \delta \cdot F
Längenänderung ff ist proportional zur wirkenden Kraft FF.
Merke lMl_M-Faustwerte: lM=0,4dl_M = 0{,}4\,d Durchsteck (EM=ESE_M = E_S); lM=0,33dl_M = 0{,}33\,d Einschraub (EM=ETE_M = E_T).

VII.3.4 Verspannungsschaubild und Effekte

Trägt man die Kraft-Weg-Kennlinien von Schraube und Platten in dasselbe Diagramm ein, mit demselben Schnittpunkt bei der Vorspannkraft FVF_V, entsteht das Verspannungsschaubild (auch Rötscher-Diagramm). Es ist das visuelle Werkzeug, mit dem alle drei Hauptlast-Effekte (Betriebskraft, Setzkraftverlust, Anziehfaktor) ohne neue Formel ablesbar werden.

Effekt I: Axiale Betriebskraft FBF_B. Im Betrieb wirkt eine zusätzliche Zugkraft FBF_B (z. B. Innendruck im Druckbehälter). Sie zieht die Schraube weiter aus und entlastet die Platten gleichzeitig. Das System wandert vom alten Schnittpunkt nach rechts (mehr ff). Die Schraubenzusatzkraft FBSF_{BS} und die Entlastungskraft der Teile FBTF_{BT} folgen aus dem Strahlensatz im Diagramm.

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VII.3.4.1a Schrauben-Anteil der Betriebskraft
FBS  =  δTδS+δTFBF_{BS} \;=\; \frac{\delta_T}{\delta_S + \delta_T}\,F_B
Herleitung über gleiche Verformung an Schraube und Platten: Δf=δSFBS=δTFBT\Delta f = \delta_S \cdot F_{BS} = \delta_T \cdot F_{BT}, kombiniert mit FB=FBS+FBTF_B = F_{BS} + F_{BT}. Schraube nimmt einen Anteil δT/(δS+δT)\delta_T/(\delta_S+\delta_T) der Betriebskraft auf.
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VII.3.4.1b Teile-Anteil der Betriebskraft
FBT  =  δSδS+δTFBF_{BT} \;=\; \frac{\delta_S}{\delta_S + \delta_T}\,F_B
Teile nehmen den komplementären Anteil δS/(δS+δT)\delta_S/(\delta_S+\delta_T) auf. Summe ergibt FBF_B. Da meist δSδT\delta_S \gg \delta_T, ist FBSF_{BS} klein und FBTF_{BT} groß: der überwiegende Anteil der Betriebskraft entlastet die Platten, nur ein kleiner Anteil belastet die Schraube zusätzlich. Das ist der Konstruktions-Trick der Vorspannverbindung.

Effekt II: Setzkraftverlust FZF_Z. Mit der Zeit ebnen sich die mikroskopischen Rauspitzen in den Auflage- und Trennflächen plastisch ein (Setzen). Das Plattenpaket wird dadurch um den Setzbetrag fZf_Z kürzer. Die Vorspannung sinkt um den Setzkraftverlust FZF_Z.

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VII.3.4.2 Setzkraftverlust
FZ  =  fZδS+δTF_Z \;=\; \frac{f_Z}{\delta_S + \delta_T}
fZf_Z aus TB 8-10 in μm\mu\text{m} (typisch 99 bis 20μm20\,\mu\text{m} je nach Oberflächenrauheit und Anzahl Trennfugen). FZF_Z in N\text{N}. Wichtig: FZF_Z muss bei der Berechnung der minimal erforderlichen Vorspannkraft FV,minF_{V,\min} als Reserve eingeplant werden, damit die Restklemmkraft nach dem Setzen noch reicht.

Effekt III: Anziehfaktor kAk_A. Beim realen Anziehen mit Drehmomentschlüssel oder Hand schwankt die tatsächlich erreichte Vorspannkraft um die Soll-Vorspannkraft. Diese Streuung wird durch den Anziehfaktor kAk_A erfasst: kA=FV,max/FV,mink_A = F_{V,\max}/F_{V,\min}.

Anziehverfahren kAk_A Streuung Vorspannkraft
Längungssteuerung (direkt) 1,11{,}1 ±5%\pm 5\%
Hydraulisches Anziehen 1,21{,}2 ±5\pm 5 bis ±17%\pm 17\%
Streckgrenzen-gesteuert 1,21{,}2 bis 1,41{,}4 ±9\pm 9 bis ±17%\pm 17\%
Drehmomentschlüssel (messend) 1,41{,}4 bis 1,61{,}6 ±17\pm 17 bis ±23%\pm 23\%
Schlagschrauber, Hand 2,52{,}5 bis 4,04{,}0 ±43\pm 43 bis ±60%\pm 60\%
Anziehfaktoren typischer Verfahren (V10 Slide 65, Auszug aus TB 8-11).
Definition Verspannungsschaubild
Kraft-Weg-Diagramm mit Schrauben- (steigend) und Platten-Kennlinie (fallend). Schnittpunkt = Vorspannkraft.
Merke Drei Effekte: Betriebskraft FBF_B, Setzkraftverlust FZF_Z, Anziehfaktor kAk_A.
Querverweis Anwendung
↳ VII.4.3 Berechnungs-Workflow

VII.4.1 Festigkeitsklassen und Werkstoff-Kennzeichnung

Auf jedem Schraubenkopf prangt eine kleine Markierung, die die Festigkeitsklasse des Werkstoffs angibt. Sie hat das Format X.Y\text{X.Y} (z. B. 8.88.8, 10.910.9, 12.912.9) oder AX-YY\text{AX-YY} für nichtrostende Stähle (z. B. A2-70\text{A2-70}). Die zwei Zahlen kodieren direkt die Zugfestigkeit RmR_m und die Streckgrenze ReR_e, ohne dass man eine Tabelle braucht.

!!!
VII.4.1.1 Festigkeitsklasse X.Y (unlegierte und legierte Stähle)
Rm  =  X100N/mm2,Re  =  Y10RmR_m \;=\; X \cdot 100\,\text{N/mm}^2 \quad,\qquad R_e \;=\; \tfrac{Y}{10}\,R_m
Beispiel 8.8: Rm=800N/mm2R_m = 800\,\text{N/mm}^2, Re=0,8800=640N/mm2R_e = 0{,}8 \cdot 800 = 640\,\text{N/mm}^2. Beispiel 10.9: Rm=1000R_m = 1000, Re=900R_e = 900. Beispiel 12.9: Rm=1200R_m = 1200, Re=1080R_e = 1080. Höhere Festigkeitsklasse → höhere zulässige Spannung, aber auch höhere Sprödigkeit.
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VII.4.1.2 Bezeichnung nichtrostender Stähle AX-YY
Rm  =  YY10N/mm2R_m \;=\; YY \cdot 10\,\text{N/mm}^2
Buchstabe A = austenitisch, F = ferritisch. Erste Ziffer: Stahlgruppe (2 = Cr/Ni, 4 = Cr/Ni/Mo). Zahl nach Bindestrich: Zugfestigkeit in 10er-Einheiten. Beispiel A2-70: austenitischer Cr/Ni-Stahl, Rm=700N/mm2R_m = 700\,\text{N/mm}^2.
Klasse RmR_m und ReR_e Typische Anwendung
4.6 Rm=400R_m = 400, Re=240R_e = 240 einfache Konstruktionen, geringe Belastung
8.8 Rm=800R_m = 800, Re=640R_e = 640 Maschinenbau-Standard, vielseitig
10.9 Rm=1000R_m = 1000, Re=900R_e = 900 hochbelastete Verbindungen (Motoren, Getriebe)
12.9 Rm=1200R_m = 1200, Re=1080R_e = 1080 Hochleistung (Zylinderkopfschrauben, Pleuelschrauben)
Gängige Festigkeitsklassen für Schrauben.

Zulässige Vergleichsspannung. Die Schraube darf die Streckgrenze nicht überschreiten, sonst fließt der Werkstoff plastisch und die Vorspannung geht teilweise verloren. In der Auslegung wird typischerweise auf 0,9Re\sim 0{,}9\,R_e ausgelegt, also gerade unter die plastische Grenze.

!!
VII.4.1.3 Zulässige Vergleichsspannung
σv,zul    0,9Re\sigma_{v,\text{zul}} \;\le\; 0{,}9\,R_e
Faustregel im Maschinenbau. Für 8.8: σv,zul576N/mm2\sigma_{v,\text{zul}} \le 576\,\text{N/mm}^2. Der Faktor 0,90{,}9 ist Reserve gegen Streuung in Anziehfaktor, Setzkraftverlust und Materialschwankungen. Bei Spezialanwendungen (z. B. dynamisch belastete Schrauben) wird der Faktor weiter reduziert.
Definition Festigkeitsklasse
Format X.Y: Zugfestigkeit in 100N/mm2100\,\text{N/mm}^2, Streckgrenze als Anteil davon.
Merke Schraubenkopf-Markierung lesen: erste Ziffer × 100 = RmR_m; Verhältnis = Re/RmR_e/R_m.

VII.4.2 Anziehmoment MAM_A und Überschlagsformel

Das Anziehmoment MAM_A ist das, was du als Konstrukteur am Drehmomentschlüssel einstellst. Es setzt sich aus zwei Anteilen zusammen: dem Gewindemoment MGM_G (Reibung und Steigung im Gewinde) und dem Auflagereibungsmoment MRAM_{RA} (Reibung unter dem Schraubenkopf bzw. der Mutter).

!!!
VII.4.2.1 Anziehmoment in Komponenten
MA  =  MG+MRA  =  FVM ⁣[d22tan(φ+ρ)+μKdK2]M_A \;=\; M_G + M_{RA} \;=\; F_{VM}\!\left[\tfrac{d_2}{2}\tan(\varphi+\rho') + \mu_K\,\tfrac{d_K}{2}\right]
Zwei Reibstellen: im Gewinde mit μG\mu_G (steckt in ρ\rho') und unter der Auflage mit μK\mu_K. Bei einer typischen M16-Schraube fällt rund 50%50\% des Anziehmoments im Gewinde an und 50%50\% unter der Auflage. Wer einen Anteil vergisst, unterschätzt das benötigte MAM_A um die Hälfte.
!
VII.4.2.2 Wirksamer Reibungsdurchmesser
dK2    0,65d\frac{d_K}{2} \;\approx\; 0{,}65\,d
Faustformel für Sechskant- und Zylinderschrauben. dKd_K ist der mittlere Radius, an dem die Reibung unter dem Kopf wirkt; er liegt zwischen Bohrungsradius und Außenradius des Kopfes.

Überschlagsformel für den Praxis-Alltag. Wer in der Werkstatt schnell ein Anziehmoment abschätzen will, kann mit der vereinfachten Formel arbeiten: für metrische ISO-Gewinde mit β=60°\beta = 60°, μG=μK=0,12\mu_G = \mu_K = 0{,}12 und Standardgeometrie reduziert sich Gleichung VII.4.2.1 auf eine handliche Form.

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VII.4.2.3 Überschlagsformel
MA    0,17FVMdM_A \;\approx\; 0{,}17 \cdot F_{VM} \cdot d
Umgekehrt aufgelöst nach Vorspannkraft: FVMMA/(0,17d)F_{VM} \approx M_A / (0{,}17 \cdot d). Faustregel: pro Nm Anziehmoment etwa 1/(0,17d)1/(0{,}17 \cdot d) Newton Vorspannung. Anwendung: bei M16 (d=16mmd = 16\,\text{mm}) und gewünschter Vorspannkraft FVM=80kNF_{VM} = 80\,\text{kN} folgt MA0,178000016=217600Nmm218NmM_A \approx 0{,}17 \cdot 80\,000 \cdot 16 = 217\,600\,\text{Nmm} \approx 218\,\text{Nm}. Für die Klausur reicht diese Überschlags-Genauigkeit nicht: dort immer die vollständige Formel VII.4.2.1 nehmen.
Formel Überschlag
MA0,17FVMdM_A \approx 0{,}17\,F_{VM}\,d
Für metrische ISO-Schrauben mit μ=0,12\mu = 0{,}12.
Merke Zwei Reibstellen: Gewinde (μG\mu_G, Radius d2/2d_2/2) plus Auflage (μK\mu_K, Radius dK/2d_K/2).

VII.4.3 Berechnungs-Workflow in drei Schritten

Eine komplette Schraubenverbindung auslegen heißt: aus den geforderten Betriebsbedingungen (Restklemmkraft, Betriebskraft, Anziehverfahren, Setzbetrag) die maximal auftretende Spannung in der Schraube berechnen und prüfen, ob sie unter σv,zul\sigma_{v,\text{zul}} bleibt. Die Vorlesung systematisiert das in drei Schritten.

Schraubenkraft-Berechnung in 3 Schritten

  1. Schritt 1: Minimal nötige Vorspannkraft FV,minF_{V,\min}
    Im Betrieb müssen Restklemmkraft (Dichtfunktion), Setzkraftverlust (Reserve) und Entlastungskraft der Teile (Wirkung der Betriebskraft) gemeinsam abgedeckt sein.
    FV,min=FKl+FZ+FBTF_{V,\min} = F_{Kl} + F_Z + F_{BT} mit FBT=δS/(δS+δT)FBF_{BT} = \delta_S/(\delta_S+\delta_T)\cdot F_B und FZ=fZ/(δS+δT)F_Z = f_Z/(\delta_S+\delta_T).
    FV,min=FKl+FZ+FBTF_{V,\min} = F_{Kl} + F_Z + F_{BT}
  2. Schritt 2: Maximale Vorspannkraft FV,maxF_{V,\max} mit Anziehfaktor
    Das Anziehverfahren streut, also kann die tatsächliche Vorspannung um Faktor kAk_A über FV,minF_{V,\min} liegen.
    FV,max=kAFV,minF_{V,\max} = k_A \cdot F_{V,\min}. Diese FV,maxF_{V,\max} entspricht zugleich der Montagevorspannkraft FVMF_{VM}, die zur Berechnung von MG,maxM_{G,\max} und MAM_A verwendet wird.
    FV,max=kAFV,min=FVMF_{V,\max} = k_A \cdot F_{V,\min} = F_{VM}
  3. Schritt 3: Maximale Schraubenkraft FS,maxF_{S,\max}
    Im Betrieb addiert sich auf die maximale Vorspannkraft die Schraubenzusatzkraft FBSF_{BS}.
    FS,max=FV,max+FBSF_{S,\max} = F_{V,\max} + F_{BS} mit FBS=δT/(δS+δT)FBF_{BS} = \delta_T/(\delta_S+\delta_T)\cdot F_B. Damit Spannung berechnen: σz=FS,max/AS\sigma_z = F_{S,\max}/A_S, τt=MG,max/Wt,3\tau_t = M_{G,\max}/W_{t,3}, σv=σz2+3τt2\sigma_v = \sqrt{\sigma_z^2 + 3\tau_t^2}. Prüfen ob σv0,9Re\sigma_v \le 0{,}9\,R_e.
    FS,max=FV,max+FBSF_{S,\max} = F_{V,\max} + F_{BS}
!!!
VII.4.3.1 Spannungen in der Schraube
σv  =  σz2+3τt2σz  =  FS,maxASτt  =  MG,maxWt,3\begin{aligned} \sigma_v \;&=\; \sqrt{\sigma_z^2 + 3\tau_t^2} \\ \sigma_z \;&=\; \frac{F_{S,\max}}{A_S} \\ \tau_t \;&=\; \frac{M_{G,\max}}{W_{t,3}} \end{aligned}
Von-Mises-Vergleichsspannung. σz\sigma_z aus Zugbelastung (axial), τt\tau_t aus Torsionsbelastung (Gewindemoment beim Anziehen). Der Faktor 33 vor τt2\tau_t^2 kommt aus der Gestaltänderungs-Hypothese. Bei sauberem Anziehverfahren kann τt\tau_t teilweise vernachlässigt werden, da das Gewindemoment nach dem Lösen des Werkzeugs wieder abklingt.
Formel Hauptformel
σv=σz2+3τt2\sigma_v = \sqrt{\sigma_z^2 + 3\tau_t^2}
Von-Mises-Vergleichsspannung im Spannungsquerschnitt.
Querverweis Anwendung
↳ VII.5.4 Aufgabe Schraubenkraft

VII.5.1 Aufgabe 1: Gewindemoment am M16-Regelgewinde

Aufgabenstellung (Übung U10.1). Eine M16-Schraube (metrisches ISO-Regelgewinde) soll mit einer Montagevorspannkraft FVM=80kNF_{VM} = 80\,\text{kN} angezogen werden. Die Reibungszahl im Gewinde beträgt μG=0,12\mu_G = 0{,}12.

Gesucht: (a) Flankenwinkel β\beta. (b) Reibungswinkel ρ\rho'. (c) Flankendurchmesser d2d_2 und Steigungswinkel φ\varphi. (d) Maximales Gewindemoment MG,maxM_{G,\max}.

Lösung in 4 Schritten

  1. Schritt 1: Flankenwinkel ablesen
    Metrisches ISO-Regelgewinde hat einen Standard-Flankenwinkel.
    β=60°\beta = 60° (Definition des metrischen ISO-Gewindes nach DIN 13).
  2. Schritt 2: Reibungswinkel aus μG\mu_G berechnen
    Flankenkorrektur durch cos(β/2)\cos(\beta/2).
    ρ=arctan(μG/cos(β/2))=arctan(0,12/cos30°)=arctan(0,12/0,866)7,89°\rho' = \arctan(\mu_G / \cos(\beta/2)) = \arctan(0{,}12 / \cos 30°) = \arctan(0{,}12/0{,}866) \approx 7{,}89°.
    ρ=arctan ⁣(0,12cos30°)7,89°\rho' = \arctan\!\left(\frac{0{,}12}{\cos 30°}\right) \approx 7{,}89°
  3. Schritt 3: d2d_2 und φ\varphi aus TB 8-1 ablesen
    Tabellenwerte für M16-Regelgewinde.
    d2=14,701mmd_2 = 14{,}701\,\text{mm} und φ=2,48°\varphi = 2{,}48° (TB 8-1, Zeile M16, Steigung P=2P = 2).
  4. Schritt 4a: tan-Argument auswerten
    Steigungs- plus Reibungswinkel ergibt den effektiven Wirk-Winkel des Gewindes.
    φ+ρ=2,48°+7,89°=10,37°\varphi + \rho' = 2{,}48° + 7{,}89° = 10{,}37°, also tan(φ+ρ)0,183\tan(\varphi + \rho') \approx 0{,}183.
    tan(φ+ρ)=tan(10,37°)0,183\tan(\varphi + \rho') = \tan(10{,}37°) \approx 0{,}183
  5. Schritt 4b: Gewindemoment einsetzen
    Mit dem tan-Wert die Standardformel auswerten.
    MG,max=tan(φ+ρ)FVMd2/20,18380000N7,35mm108NmM_{G,\max} = \tan(\varphi+\rho') \cdot F_{VM} \cdot d_2/2 \approx 0{,}183 \cdot 80\,000\,\text{N} \cdot 7{,}35\,\text{mm} \approx 108\,\text{Nm}.
    MG,max0,183800007,35108000Nmm=108NmM_{G,\max} \approx 0{,}183 \cdot 80\,000 \cdot 7{,}35 \approx 108\,000\,\text{Nmm} = 108\,\text{Nm}
Formel Ergebnis
MG,max108NmM_{G,\max} \approx 108\,\text{Nm}
Maximales Gewindemoment bei FVM=80kNF_{VM} = 80\,\text{kN}.

VII.5.2 Aufgabe 2: Steigungsweg und Gewindetiefe

Aufgabenstellung (Moodle-Serie 10, Frage 1 und 2). (a) Eine M10-Regelschraube wird genau eine volle Umdrehung weiter eingedreht. Wie groß ist der axiale Weg ss, den der Schraubenkopf dabei zurücklegt? (b) Gegeben ein metrisches Gewinde mit β=60°\beta = 60° und Gewindesteigung P=2mmP = 2\,\text{mm}: wie groß ist die Gewindetiefe h3h_3?

Lösung Teil (a). Steigungsweg

  1. Schritt 1: Steigung aus TB 8-1 ablesen
    Bei einer M10-Regelschraube ist die Steigung tabellarisch festgelegt.
    PM10=1,5mmP_{\text{M10}} = 1{,}5\,\text{mm} (TB 8-1, Zeile M10 ohne Feingewinde-Suffix).
  2. Schritt 2: Weg pro Umdrehung
    Bei einer vollen Umdrehung bewegt sich die Schraube um genau eine Steigung axial.
    s=P=1,500mms = P = 1{,}500\,\text{mm}.
    s1Umdrehung=P=1,500mms_{1\,\text{Umdrehung}} = P = 1{,}500\,\text{mm}

Lösung Teil (b). Gewindetiefe

  1. Schritt 1: Profilhöhe aus Flankenwinkel und Steigung
    Geometrie des Spitzdreiecks: halbe Steigung P/2P/2 als Basis, Profilhöhe HH als Gegenkathete.
    tan(β/2)=(P/2)/HH=(P/2)/tan(β/2)=1/tan30°1,732mm\tan(\beta/2) = (P/2)/H \Rightarrow H = (P/2)/\tan(\beta/2) = 1/\tan 30° \approx 1{,}732\,\text{mm}.
    H=P/2tan(β/2)=1tan30°1,732mmH = \frac{P/2}{\tan(\beta/2)} = \frac{1}{\tan 30°} \approx 1{,}732\,\text{mm}
  2. Schritt 2: Gewindetiefe nach Abzug der Spitzen-Abrundungen
    Vom theoretischen Spitzdreieck werden oben H/8H/8 und unten H/4H/4 abgezogen (Abrundungen nach DIN 13).
    h3=HH/4H/8=H(16/243/24)=H17/241,227mmh_3 = H - H/4 - H/8 = H \cdot (1 - 6/24 - 3/24) = H \cdot 17/24 \approx 1{,}227\,\text{mm}.
    h3=1724H=17241,7321,227mmh_3 = \tfrac{17}{24}\,H = \tfrac{17}{24} \cdot 1{,}732 \approx 1{,}227\,\text{mm}
Formel Ergebnisse
s=1,500mm,  h31,227mms = 1{,}500\,\text{mm},\; h_3 \approx 1{,}227\,\text{mm}
Direkte Anwendung der Steigungs-Definition und Profilgeometrie.

VII.5.3 Aufgabe 3: Gewindemoment am M16 x 1 Feingewinde

Aufgabenstellung (Moodle-Serie 10, Frage 3). Eine M16 x 1-Schraube (Feingewinde) wird mit einer Montagevorspannkraft FVM=80kNF_{VM} = 80\,\text{kN} angezogen. Reibungszahl im Gewinde μG=0,12\mu_G = 0{,}12.

Gesucht: Maximales Gewindemoment MG,maxM_{G,\max} und Vergleich mit dem Regelgewinde aus Aufgabe 1.

Lösung in 3 Schritten

  1. Schritt 1: Flankendurchmesser und Steigungswinkel aus TB 8-2 ablesen
    Feingewinde M16 x 1 steht in der Feingewinde-Tabelle TB 8-2, nicht in TB 8-1.
    d2=15,35mmd_2 = 15{,}35\,\text{mm} und φ=1,19°\varphi = 1{,}19°. Steigung P=1mmP = 1\,\text{mm} (steht im Namen).
  2. Schritt 2: Reibungswinkel berechnen
    Gleicher μG\mu_G wie bei Aufgabe 1, daher gleiches ρ\rho'.
    ρ=arctan(0,12/cos30°)7,89°\rho' = \arctan(0{,}12 / \cos 30°) \approx 7{,}89°.
  3. Schritt 3: Gewindemoment
    Selbe Formel wie Aufgabe 1, nur mit den Feingewinde-Werten.
    MG,max=tan(1,19°+7,89°)8000015,35/298,1NmM_{G,\max} = \tan(1{,}19° + 7{,}89°) \cdot 80\,000 \cdot 15{,}35/2 \approx 98{,}1\,\text{Nm}.
    MG,max=tan(1,19°+7,89°)8000015,35298,1NmM_{G,\max} = \tan(1{,}19° + 7{,}89°) \cdot 80\,000 \cdot \frac{15{,}35}{2} \approx 98{,}1\,\text{Nm}
Formel Ergebnis
MG,max98,1NmM_{G,\max} \approx 98{,}1\,\text{Nm}
Feingewinde-Variante: ca. 9%9\% weniger als Regelgewinde gleichen Nenndurchmessers.
Querverweis Vergleich
↳ VII.5.1 Regelgewinde-Variante

VII.5.4 Aufgabe 4: Schraubenkraft mit allen Effekten

Aufgabenstellung (Moodle-Serie 10, Frage 7). Eine Schraubenverbindung wird mit einer axialen Betriebskraft FB=28kNF_B = 28\,\text{kN} belastet. Gegeben sind: Nachgiebigkeit der Schraube δS=1,98106mm/N\delta_S = 1{,}98 \cdot 10^{-6}\,\text{mm/N}, Nachgiebigkeit der verspannten Teile δT=0,84106mm/N\delta_T = 0{,}84 \cdot 10^{-6}\,\text{mm/N}, Setzbetrag fZ=11μmf_Z = 11\,\mu\text{m}, Anziehfaktor kA=1,7k_A = 1{,}7, geforderte Restklemmkraft FKl=3kNF_{Kl} = 3\,\text{kN}.

Gesucht: Maximale Schraubenkraft FS,maxF_{S,\max}.

Lösung in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Schraubenzusatzkraft FBSF_{BS} und Entlastungskraft FBTF_{BT}
    Die Betriebskraft teilt sich nach dem Verhältnis der Nachgiebigkeiten auf.
    FBS=δT/(δS+δT)FB=0,84/(1,98+0,84)288,34kNF_{BS} = \delta_T/(\delta_S + \delta_T) \cdot F_B = 0{,}84/(1{,}98 + 0{,}84) \cdot 28 \approx 8{,}34\,\text{kN}. FBT=δS/(δS+δT)FB19,66kNF_{BT} = \delta_S/(\delta_S + \delta_T) \cdot F_B \approx 19{,}66\,\text{kN}.
    FBS=δTδS+δTFB8,34kNF_{BS} = \frac{\delta_T}{\delta_S+\delta_T}\,F_B \approx 8{,}34\,\text{kN}
  2. Schritt 2: Setzkraftverlust FZF_Z
    Plastisches Einebnen der Rauspitzen reduziert die Vorspannung dauerhaft.
    FZ=fZ/(δS+δT)=0,011/(2,82106)3,9kNF_Z = f_Z / (\delta_S + \delta_T) = 0{,}011 / (2{,}82 \cdot 10^{-6}) \approx 3{,}9\,\text{kN}.
    FZ=fZδS+δT3,9kNF_Z = \frac{f_Z}{\delta_S + \delta_T} \approx 3{,}9\,\text{kN}
  3. Schritt 3: Minimale Vorspannkraft FV,minF_{V,\min}
    Restklemmkraft, Setzkraftverlust und Entlastungskraft müssen gleichzeitig abgedeckt sein.
    FV,min=FKl+FZ+FBT=3+3,9+19,6626,56kNF_{V,\min} = F_{Kl} + F_Z + F_{BT} = 3 + 3{,}9 + 19{,}66 \approx 26{,}56\,\text{kN}.
    FV,min=FKl+FZ+FBT26,56kNF_{V,\min} = F_{Kl} + F_Z + F_{BT} \approx 26{,}56\,\text{kN}
  4. Schritt 4: Maximale Vorspannkraft mit Anziehfaktor
    Streuung des Anziehverfahrens hebt die Vorspannkraft maximal um Faktor kAk_A.
    FV,max=kAFV,min=1,726,5645,15kNF_{V,\max} = k_A \cdot F_{V,\min} = 1{,}7 \cdot 26{,}56 \approx 45{,}15\,\text{kN}.
  5. Schritt 5: Maximale Schraubenkraft
    Im Betrieb addiert sich auf FV,maxF_{V,\max} noch die Schraubenzusatzkraft.
    FS,max=FV,max+FBS=45,15+8,3453,5kNF_{S,\max} = F_{V,\max} + F_{BS} = 45{,}15 + 8{,}34 \approx 53{,}5\,\text{kN}.
    FS,max=FV,max+FBS53,5kNF_{S,\max} = F_{V,\max} + F_{BS} \approx 53{,}5\,\text{kN}
Formel Ergebnis
FS,max53,5kNF_{S,\max} \approx 53{,}5\,\text{kN}
Maximale Schraubenkraft im Betrieb.

VII.5.5 Aufgabe 5: Anziehverfahren-Ranking

Aufgabenstellung (Moodle-Serie 10, Frage 8). Ordne die folgenden Anziehverfahren nach ihrem Anziehfaktor kAk_A vom kleinsten (präzisesten) bis zum größten (ungenausten):

(1) Anziehen mit Längungssteuerung bei direkter Ankopplung. (2) Hydraulisches Anziehen bei Normschrauben. (3) Drehmomentgesteuertes Anziehen mit messendem Drehmomentschlüssel. (4) Drehmomentgesteuertes Anziehen mit ausknickendem Drehmomentschlüssel. (5) Anziehen mit Impulsschrauber ohne Steuerungshilfen. (6) Anziehen von Hand ohne Drehmomentmessung.

Lösung. Ranking aus TB 8-11

  1. Schritt 1: Präzisestes Verfahren zuerst
    Längungssteuerung misst direkt die Schraubenlängung, also ist die Vorspannkraft sehr genau bekannt.
    (1) Längungssteuerung direkt: kA=1,1k_A = 1{,}1. (2) Hydraulisch: kA=1,2k_A = 1{,}2. Beide haben Streuung unter ±17%\pm 17\%.
  2. Schritt 2: Drehmomentgesteuerte Verfahren
    Drehmomentmessung ist indirekt, daher Streuung in Reibung und damit Vorspannkraft.
    (3) Messender Drehmomentschlüssel: kA=1,6k_A = 1{,}6. (4) Ausknickender Drehmomentschlüssel: kA<2,5k_A < 2{,}5 (typisch 1,71{,}7 bis 2,02{,}0).
  3. Schritt 3: Ungenaueste Verfahren am Schluss
    Impulsschrauber und Hand-Anziehen ohne Drehmomentmessung sind kaum reproduzierbar.
    (5) Impulsschrauber ohne Steuerung: kA2,5k_A \ge 2{,}5. (6) Hand-Anziehen: kA=4,0k_A = 4{,}0.
    kA:  1,11,21,6<2,52,54,0k_A: \;1{,}1 \to 1{,}2 \to 1{,}6 \to {<}2{,}5 \to {\ge}2{,}5 \to 4{,}0
Merke Ranking kAk_A: Längung (1,11{,}1) → Hydraulik (1,21{,}2) → Streckgrenze (1,41{,}4) → Drehmoment messend (1,61{,}6) → Drehmoment knickend (2,0\sim 2{,}0) → Impuls (2,5\ge 2{,}5) → Hand (4,04{,}0).
Variablen-Glossar (58 Einträge)
ANA_N Schaftquerschnitt der Schraube. Es gilt AN=πd2/4A_N = \pi d^2 / 4. mm²
ASA_S Spannungsquerschnitt, gemittelt aus Flanken- und Kerndurchmesser. Aus TB 8-1 ablesen. mm²
A3A_3 Kernquerschnitt (auch AKA_K). Es gilt A3=πd32/4A_3 = \pi d_3^2 / 4. Aus TB 8-1. mm²
Ad2A_{d2} Querschnittsfläche des zweiten Schaftabschnitts der Schraube. Bei Dehnschrauben oder gestuften Schäften erscheint Ad2A_{d2} zusätzlich zum Standardabschnitt Ad1A_{d1}. mm²
AersA_{\text{ers}} Ersatz-Querschnittsfläche der verspannten Teile (Druckkegel-Modell für δT\delta_T) mm²
bb Gewindelänge der Schraube (Länge des Außengewinde-Bereichs am Bolzen) mm
DAD_A Außendurchmesser der verspannten Plattenzone (Klemmsäule) mm
dd Nenndurchmesser der Schraube (Außendurchmesser des Bolzens). Bei M10 ist d=10mmd = 10\,\text{mm}. mm
d2d_2 Flankendurchmesser des Gewindes. Aus TB 8-1. mm
d3d_3 Kerndurchmesser des Außengewindes (auch dKd_K). Aus TB 8-1. mm
dSd_S Spannungsdurchmesser. Es gilt dS=(d2+d3)/2d_S = (d_2 + d_3)/2. mm
dKd_K Wirksamer Reibungsdurchmesser unter Schraubenkopf bzw. Mutter. Überschlägig dK/20,65dd_K/2 \approx 0{,}65\,d. mm
dhd_h Bohrungsdurchmesser (Durchgangsloch in den Platten) mm
dwd_w Außendurchmesser der Schraubenkopf-Auflagefläche mm
EME_M Elastizitätsmodul des Mutter-seitigen Bauteils im Federmodell der Schraube. Bei Durchsteckverbindung EM=ESE_M = E_S (Mutter aus Schraubenstahl). Bei Einschraubverbindung EM=ETE_M = E_T (E-Modul des einschraubseitigen Bauteils). N/mm²
ESE_S Elastizitätsmodul des Schraubenwerkstoffs N/mm²
ETE_T Elastizitätsmodul der verspannten Teile (Platten) N/mm²
FF Längskraft am Modell der schiefen Ebene (Modell-Größe, später durch FVMF_{VM} ersetzt) N
FVF_V Vorspannkraft in der Schraubenverbindung. Wird beim Anziehen aufgebaut. N
FVMF_{VM} Montagevorspannkraft. Die Vorspannkraft, mit der die Schraube tatsächlich angezogen wird; identisch mit FV,maxF_{V,\max}. N
FV,minF_{V,\min} Minimal nötige Vorspannkraft, damit die Verbindung im Betrieb hält. FV,min=FKl+FZ+FBTF_{V,\min} = F_{Kl} + F_Z + F_{BT}. N
FV,maxF_{V,\max} Maximal mögliche Vorspannkraft (Streuung des Anziehverfahrens). FV,max=kAFV,minF_{V,\max} = k_A \cdot F_{V,\min}. N
FBF_B Axiale Betriebskraft, die im Betrieb zusätzlich an der Verbindung zieht N
FBSF_{BS} Schraubenzusatzkraft: der Teil von FBF_B, der die Schraube zusätzlich belastet. FBS=δT/(δS+δT)FBF_{BS} = \delta_T/(\delta_S+\delta_T) \cdot F_B. N
FBTF_{BT} Entlastungskraft der Teile: der Teil von FBF_B, der die verspannten Teile entlastet. FBT=δS/(δS+δT)FBF_{BT} = \delta_S/(\delta_S+\delta_T) \cdot F_B. N
FKlF_{Kl} Geforderte Restklemmkraft. Mindest-Pressung zwischen den Teilen, die im Betrieb erhalten bleiben muss (z. B. für Dichtfunktion). N
FZF_Z Setzkraftverlust durch plastisches Einebnen der Rauspitzen. FZ=fZ/(δS+δT)F_Z = f_Z/(\delta_S+\delta_T). N
FS,maxF_{S,\max} Maximale Schraubenkraft im Betrieb. FS,max=FV,max+FBSF_{S,\max} = F_{V,\max} + F_{BS}. N
FuF_u Umfangskraft am Gleitkörper-Modell der schiefen Ebene (entspricht der Tangentialkraft im Gewinde) N
fSf_S Längung der Schraube bei Vorspannung. fS=δSFVf_S = \delta_S \cdot F_V. mm
fTf_T Stauchung der verspannten Teile bei Vorspannung. fT=δTFVf_T = \delta_T \cdot F_V. mm
fZf_Z Setzbetrag (gesamte plastische Verformung in Gewinde, Auflagen und Trennfugen). Aus TB 8-10. µm
h3h_3 Gewindetiefe (Höhe des Gewindeprofils zwischen Kern und Spitze beim Außengewinde) mm
kAk_A Anziehfaktor. Maß für die Streuung des gewählten Anziehverfahrens. Aus TB 8-11. -
ll Nennlänge der Schraube (gesamte Bolzenlänge ohne Kopf) mm
l2l_2 Länge des zweiten Schaftabschnitts der Schraube. Bei Dehnschrauben oder Schrauben mit gestuftem (tailliertem) Schaft ist l2l_2 der dünnere Abschnitt; bei uniformen Schäften ist l2=0l_2 = 0. mm
lkl_k Klemmlänge: Höhe der zwischen Kopf und Mutter eingespannten Plattenpakete mm
lel_e Mindesteinschraubtiefe der Schraube in das Innengewinde. Aus TB-Tabelle in Abhängigkeit von Werkstoff und Festigkeitsklasse. mm
lMl_M Effektive Mutter-Länge im Federmodell der Schraube. Bei Durchsteckverbindung lM=0,4dl_M = 0{,}4\,d (Mutter aus Schraubenstahl, EM=ESE_M = E_S). Bei Einschraubverbindung lM=0,33dl_M = 0{,}33\,d (Anteil des einschraubseitigen Bauteils, EM=ETE_M = E_T). mm
MAM_A Anziehdrehmoment, das vom außen ansetzenden Werkzeug aufgebracht wird. MA=MG+MRAM_A = M_G + M_{RA}. Nm
MGM_G Gewindemoment. Moment, das die Reibung und die Steigung im Gewinde dem Anziehen entgegensetzen. Nm
MG,maxM_{G,\max} Maximales Gewindemoment beim Anziehen mit Montagevorspannkraft FVMF_{VM}. MG,max=tan(φ+ρ)FVMd2/2M_{G,\max} = \tan(\varphi+\rho') \cdot F_{VM} \cdot d_2/2. Nm
MRAM_{RA} Auflagereibungsmoment unter Schraubenkopf bzw. Mutter. MRA=FVMμKdK/2M_{RA} = F_{VM} \cdot \mu_K \cdot d_K/2. Nm
PP Gewindesteigung: axialer Weg pro voller Umdrehung. Aus TB 8-1 (Regelgewinde) oder TB 8-2 (Feingewinde). mm
ReR_e Streckgrenze des Schraubenwerkstoffs (Bezeichnung auch Rp0,2R_{p0{,}2} für die 0,2-%-Dehngrenze) N/mm²
RmR_m Zugfestigkeit des Schraubenwerkstoffs N/mm²
Wt,3W_{t,3} Polares Widerstandsmoment des Kernquerschnitts. Es gilt Wt,3=πd33/16W_{t,3} = \pi d_3^3 / 16. mm³
β\beta Flankenwinkel des Gewindeprofils. Beim metrischen ISO-Gewinde β=60°\beta = 60°, beim Whitworth-Gewinde 55°55°, beim Trapezgewinde 30°30°. °
δS\delta_S Nachgiebigkeit der Schraube. Summe der Teil-Nachgiebigkeiten δKo+δ1+δG+δGe+δM\delta_{Ko} + \delta_1 + \delta_G + \delta_{Ge} + \delta_M. mm/N
δT\delta_T Nachgiebigkeit der verspannten Teile (Druckkegel im Plattenpaket). δT=lk/(ETAers)\delta_T = l_k / (E_T \cdot A_{\text{ers}}). mm/N
μG\mu_G Reibungszahl im Gewinde (zwischen Außen- und Innengewinde). Aus TB 8-12. -
μK\mu_K Reibungszahl unter Schraubenkopf bzw. Mutterauflage. Aus TB 8-12. -
μges\mu_{\text{ges}} Gesamt-Reibungszahl bei μG=μK\mu_G = \mu_K. Für Standardfälle μges=0,12\mu_{\text{ges}} = 0{,}12. -
ρ\rho' Reibungswinkel im Spitzgewinde (mit Flankenkorrektur). tanρ=μG/cos(β/2)\tan\rho' = \mu_G/\cos(\beta/2). °
σz\sigma_z Zugspannung im Spannungsquerschnitt der Schraube. σz=FS,max/AS\sigma_z = F_{S,\max} / A_S. N/mm²
σv\sigma_v Vergleichsspannung nach von-Mises (kombiniert Zug und Torsion). σv=σz2+3τt2\sigma_v = \sqrt{\sigma_z^2 + 3\tau_t^2}. N/mm²
τt\tau_t Torsionsspannung im Schraubenkern. τt=MG,max/Wt,3\tau_t = M_{G,\max} / W_{t,3}. N/mm²
φ\varphi Steigungswinkel des Gewindes. tanφ=P/(πd2)\tan\varphi = P/(\pi d_2). °