1.1 Die Idee: Bilanz statt Pfennigfuchserei

Stell dir eine geschlossene Box mitten in einem Strömungsfeld vor. Wasser strömt durch die Wände, mal rein, mal raus. Wie viel Wasser geht netto durch die Hülle? Schau erst auf die Box von aussen: du müsstest jede der sechs Wände einzeln mit einem Flussintegral abklappern (Kap. VI.4) und am Ende alles aufsummieren. Mühsam.

Der Divergenzsatz dreht die Frage um. Statt aussen jede Wand abzutasten, schau ins Innere der Box: addiere alle Quellen auf (wo Wasser entsteht, etwa ein Sprudel) und subtrahiere alle Senken (wo es verschwindet, etwa ein Abfluss). Was netto reinkommt oder rausgeht, muss durch die Hülle. Eine simple Buchhaltung: Bilanz im Inneren statt Pfennigfuchserei am Rand.

Merke Ein-Satz-Lesart
Fluss durch die Hülle = Summe aller Quellen und Senken im Inneren. Bilanz statt Wand-für-Wand-Rechnung.
Querverweis Verweise
→ VI.2 Divergenz
→ VI.4 Fluss

1.2 Theorem-Statement

Bevor wir die Formel hinschreiben, klären wir die Voraussetzungen. Die sind keine Beiwerk-Fussnote: sobald eine davon verletzt ist, gilt der Satz nicht mehr (siehe Section 2). Vier Punkte:

(1) v\mathbf{v} ist ein stetig differenzierbares Vektorfeld auf einem Definitionsbereich D(v)R3D(\mathbf{v}) \subset \mathbb{R}^3. Heisst: alle partiellen Ableitungen xv1,yv2,zv3\partial_x v_1, \partial_y v_2, \partial_z v_3 (die in v\nabla \cdot \mathbf{v} stecken) existieren und sind stetig.

(2) VR3V \subset \mathbb{R}^3 ist ein beschränktes Volumen (kein unendlich grosser Bereich) mit VD(v)V \subset D(\mathbf{v}). Achtung: VV muss ganz im Definitionsbereich liegen, nicht nur sein Rand.

(3) S=VS = \partial V ist die Randfläche des Volumens (der „Rand von VV"). Bei einer Vollkugel etwa: die Sphäre. Bei einem Quader: die sechs Wände. Schreibweise V\partial V kommt aus Kap. VI.3.

(4) Auf SS wählen wir den Normaleneinheitsvektor n\mathbf{n} als Aussennormale: er zeigt vom Volumen weg, nicht hinein. Diese Konvention steckt in der Form des Theorems; andere Wahl ergibt einen Vorzeichenflip.

!!!
Divergenzsatz von Gauss
VvndO=VvdV\begin{aligned} \iint_{\partial V} \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}\,\mathrm{d}O &= \iiint_V \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V \end{aligned}
v\mathbf{v} stetig differenzierbar auf D(v)D(\mathbf{v}). VD(v)V \subset D(\mathbf{v}) beschränkt. S=VS = \partial V Randfläche, n\mathbf{n} Aussennormale, dO\mathrm{d}O Oberflächenelement, dV\mathrm{d}V Volumenelement.

In Worten: Der Fluss durch die geschlossene Hülle V\partial V ist gleich dem Volumenintegral der Divergenz im Inneren VV. Die linke Seite ist eine Rechnung auf der Hülle (zwei Integrationsvariablen pro Wand), die rechte Seite eine Rechnung im Volumen (drei Integrationsvariablen). Welche der beiden leichter ist, hängt von der Aufgabe ab; für die meisten Klausur-Aufgaben ist die rechte Seite drastisch einfacher (siehe Section 6).

Definition Divergenzsatz von Gauss
Für v\mathbf{v} stetig differenzierbar auf VD(v)V \subset D(\mathbf{v}) und S=VS = \partial V mit Aussennormale n\mathbf{n} ist der Fluss durch SS gleich dem Volumenintegral der Divergenz.
Formel Hauptformel
VvndO=VvdV\iint_{\partial V} \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}\,\mathrm{d}O = \iiint_V \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V
Notation V\partial V
Rand des Volumens VV. Geometrisches Objekt: die Hülle. Nicht zu verwechseln mit der partiellen Ableitung f/x\partial f/\partial x, die zwar denselben Buchstaben benutzt, aber als Operator vor einer Funktion steht. Eingeführt in Kap. VI.3.
Notation v\nabla \cdot \mathbf{v}
Divergenz des Vektorfelds v\mathbf{v}. Manche Texte schreiben dafür auch divv\operatorname{div} \mathbf{v}. Bedeutet dasselbe. Eingeführt in Kap. VI.2 als v=xv1+yv2+zv3\nabla \cdot \mathbf{v} = \partial_x v_1 + \partial_y v_2 + \partial_z v_3.
Querverweis Verweise
→ VI.2 Divergenz
→ VI.3 Rand ∂V

1.3 Wozu der Trick taugt

Wann lohnt sich der Divergenzsatz? Pragmatisch: immer dann, wenn die Hülle V\partial V kompliziert oder zerklüftet ist (mehrere Wände, krumme Geometrie, ungünstiges Vektorfeld), die Divergenz v\nabla \cdot \mathbf{v} aber einfach (Konstante, oder sogar null). Statt jede Wand mühsam zu parametrisieren und zu integrieren, machst du eine Rechnung im Inneren.

Drei besonders dankbare Fälle: v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0 (Volumenintegral verschwindet, Fluss ist null); v=c\nabla \cdot \mathbf{v} = c konstant (Volumenintegral ist cvol(V)c \cdot \operatorname{vol}(V), fertig); v\nabla \cdot \mathbf{v} eine einfache Funktion wie zz oder rr (Volumenintegral in geeigneten Koordinaten kurz).

Prüfungstipp Drei Goldene Fälle
v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0: Fluss = 0. v=c\nabla \cdot \mathbf{v} = c konstant: Fluss = cvol(V)c \cdot \operatorname{vol}(V). v\nabla \cdot \mathbf{v} einfache Funktion: Volumenintegral in Standard-Koord. (Section 5).
Merke Faustregel
Geschlossene Hülle plus einfache Divergenz = Divergenzsatz. Komplizierte Hülle plus komplizierte Divergenz: dann zur Hauptformel aus VI.4 zurück.

2.1 Stetig differenzierbar auf ganz VV

Diese Voraussetzung ist die wichtigste und die am häufigsten verletzte. Es reicht nicht, dass v\mathbf{v} auf der Hülle V\partial V wohldefiniert ist. Auch ein einziger Punkt im Inneren VV, an dem v\mathbf{v} nicht definiert oder nicht stetig differenzierbar ist, killt den Satz. Schau dir das an einem klassischen Beispiel an, das du aus der Physik kennst: das Coulombfeld.

Sei v(r)=Cer^/r2\mathbf{v}(\mathbf{r}) = C\, e \,\hat{\mathbf{r}}/r^2 mit r=rr = |\mathbf{r}|. Anschaulich: das elektrische Feld einer Punktladung ee im Ursprung, mit Konstante CC. Sein Definitionsbereich ist D(v)=R3{0}D(\mathbf{v}) = \mathbb{R}^3 \setminus \{\mathbf{0}\} (im Ursprung explodiert es). Eine direkte Rechnung zeigt: überall, wo v\mathbf{v} definiert ist, gilt v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0. Quellfrei, soweit man hinschauen kann.

Lehre daraus. Bei jedem Vektorfeld, das aus einer Punktquelle entspringt (Coulomb, Gravitation, magnetischer Monopol, hydrodynamischer Sprudel), zuerst den Definitionsbereich prüfen. Liegt eine Singularität im Volumen, ist der Divergenzsatz nicht direkt anwendbar. Der saubere Trick (kleine Hilfskugel um die Singularität ausschneiden) wird in Kap. VI.6 ausgearbeitet.

Prüfungstipp Singularitäten checken
Bei jedem Coulomb-, Gravitations- oder Punktquellen-Feld: 0V\mathbf{0} \in V? Falls ja: Divergenzsatz nicht direkt; Hilfskugel ausschneiden (Vorgriff VI.6).
Formel Coulombfeld
v(r)=Cer2r^\mathbf{v}(\mathbf{r}) = \dfrac{C e}{r^2}\,\hat{\mathbf{r}}
Formel Definitionsbereich
D(v)=R3{0}D(\mathbf{v}) = \mathbb{R}^3 \setminus \{\mathbf{0}\}
Merke Counterexample
v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0 auf D(v)D(\mathbf{v}), aber ΦK=4πCe0\Phi_{\partial K} = 4\pi C e \neq 0. Voraussetzung KD(v)K \subset D(\mathbf{v}) verletzt.

2.2 Geschlossene Hülle Pflicht

Der Satz braucht S=VS = \partial V als Rand eines Volumens. Eine offene Fläche, die kein Volumen umrandet, geht nicht direkt durch. Beispiele für offene Flächen, die in Klausur-Aufgaben vorkommen: eine Halbkugelschale ohne Boden, ein Kegelmantel ohne Bodenscheibe, ein Zylindermantel ohne Deckel. Alle drei sind fast geschlossen, aber eben nicht ganz.

Die Standard-Lösung: ergänze die fehlenden Stücke, sodass eine geschlossene Hülle entsteht. Bei einer Halbkugelschale: füge die Kreisscheibe in der xyxy-Ebene als Boden hinzu. Bei einem Kegelmantel: dieselbe Idee, Kreisscheibe als Boden. Bei einem Zylindermantel: zwei Kreisscheiben (oben und unten). Auf der so geschlossenen Hülle wendest du den Divergenzsatz an, am Ende ziehst du den Fluss durch die Hilfsstücke wieder ab.

!!
Schliess-Strategie
ΦS  =  VvdV    ΦSHilf\Phi_S \;=\; \iiint_V \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V \;-\; \Phi_{S_{\text{Hilf}}}
SS offene Originalfläche, SHilfS_{\text{Hilf}} ergänzendes Stück, VV das resultierende Volumen mit V=SSHilf\partial V = S \cup S_{\text{Hilf}}. Aussennormale auf SHilfS_{\text{Hilf}} zeigt vom Volumen weg.
Merke Schliess-Trick
Offene Hülle? Hilfsstück addieren, Divergenzsatz auf das volle Volumen, am Ende Hilfsstück-Fluss subtrahieren.
Formel Zerlegung
ΦS=VvdVΦSHilf\Phi_S = \iiint_V \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V - \Phi_{S_{\text{Hilf}}}

2.3 Aussennormale ist Konvention

Die Formel des Theorems setzt explizit die Aussennormale voraus: n\mathbf{n} zeigt vom Volumen weg, nicht in es hinein. Bei einer Vollkugel heisst das radial nach aussen, bei einem Quader nach aussen aus jeder der sechs Wände, bei einem Zylinder beim Mantel radial weg von der Achse und beim Deckel jeweils in +z+z oder z-z (je nachdem oben oder unten).

Wenn deine Aufgabe eine andere Richtung wünscht, dreht das nur das Vorzeichen: Φinnen=Φaussen\Phi_{\text{innen}} = -\Phi_{\text{aussen}}. Klausur-Stolperfalle: Aufgaben verstecken die Richtungswahl gerne in der Formulierung („Fluss von aussen nach innen“, „nach unten gerichtet“). Lies die Aufgabe zweimal und notiere dir die geforderte Richtung explizit, bevor du anfängst zu rechnen.

Merke Konvention im Satz
n\mathbf{n} ist im Theorem stets die Aussennormale. Andere Wahl = Vorzeichenflip.
Prüfungstipp Aufgabe genau lesen
„Nach aussen“, „nach innen“, „nach oben“ sind die typischen Trigger. Notiere die geforderte Richtung explizit, bevor du integrierst.

3.1 Eine zweite Lesart der Divergenz

Bisher hatten wir die Divergenz aus Kap. VI.2 nur als Rechenrezept gesehen: v=xv1+yv2+zv3\nabla \cdot \mathbf{v} = \partial_x v_1 + \partial_y v_2 + \partial_z v_3, eine Summe partieller Ableitungen. Was die Zahl an einem Punkt eigentlich bedeutet, blieb undurchsichtig.

Mit dem Divergenzsatz in der Hand bekommen wir eine zweite Lesart, die viel anschaulicher ist. Die Divergenz an einem Punkt r0\mathbf{r}_0 ist der Fluss aus einer infinitesimal kleinen Hülle um r0\mathbf{r}_0 herum, geteilt durch das Volumen dieser Hülle. Mit anderen Worten: Fluss pro Volumen. Quellstärke pro Raum-Einheit.

Merke Zweite Lesart
Divergenz an einem Punkt = Fluss aus einer kleinen Hülle pro Volumen. „Quellstärke pro Raum“.

3.2 Mittelwertsatz-Argument

Wie kommen wir formal zur Limes-Definition? Sei P0P_0 ein fester Punkt mit Ortsvektor r0=(x0,y0,z0)\mathbf{r}_0 = (x_0, y_0, z_0), und ΔVD(v)\Delta V \subset D(\mathbf{v}) ein kleines Volumen, das P0P_0 enthält. Aus dem Mittelwertsatz für Volumenintegrale (Analysis I, übertragen auf 3D) folgt: es gibt einen Punkt Pr=(xr,yr,zr)ΔVP_r = (x_r, y_r, z_r) \in \Delta V mit

Mittelwertsatz für die Divergenz
ΔVvdV=v(Pr)vol(ΔV)\begin{aligned} \iiint_{\Delta V} \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V \\ = \nabla \cdot \mathbf{v}(P_r) \cdot \operatorname{vol}(\Delta V) \end{aligned}
PrΔVP_r \in \Delta V heisst „Punkt mit durchschnittlicher Divergenz“ über ΔV\Delta V. Existenz garantiert durch Stetigkeit von v\nabla \cdot \mathbf{v}.

Anschaulich: PrP_r ist der Punkt mit „durchschnittlicher Divergenz“ über ΔV\Delta V. Schrumpft jetzt das Volumen ΔV\Delta V auf P0P_0 zu (also vol(ΔV)0\operatorname{vol}(\Delta V) \to 0), so wird auch PrP0P_r \to P_0 erzwungen (PrP_r liegt ja in ΔV\Delta V). Aus der Stetigkeit von v\nabla \cdot \mathbf{v} folgt dann v(Pr)v(P0)\nabla \cdot \mathbf{v}(P_r) \to \nabla \cdot \mathbf{v}(P_0).

Notation vol(ΔV)\operatorname{vol}(\Delta V)
Volumeninhalt des Bereichs ΔV\Delta V. Bei der Vollkugel mit Radius RR etwa 43πR3\tfrac{4}{3}\pi R^3, beim Quader abcabc. Skalare positive Grösse.
Merke Mittelwertsatz für Integrale
Es gibt PrΔVP_r \in \Delta V mit ΔVvdV=v(Pr)vol(ΔV)\iiint_{\Delta V} \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V = \nabla \cdot \mathbf{v}(P_r) \cdot \operatorname{vol}(\Delta V). Brücke zwischen Integral und punktweisem Wert.

3.3 Limes-Definition als Formel

Setze die Mittelwert-Identität zusammen mit dem Divergenzsatz auf ΔV\Delta V. Aus ΔVvdV=(ΔV)vndO\iiint_{\Delta V} \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V = \iint_{\partial(\Delta V)} \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}\,\mathrm{d}O wird mit dem Mittelwert eine Punkt-Aussage. Teile durch vol(ΔV)\operatorname{vol}(\Delta V) und schicke das Volumen auf null:

!!!
Divergenz als Limes (Koordinatenfreie Definition)
v(r0)=limvol(ΔV)0(ΔV)vndOvol(ΔV)\nabla \cdot \mathbf{v}(\mathbf{r}_0) = \lim_{\operatorname{vol}(\Delta V) \to 0} \frac{\displaystyle\iint_{\partial(\Delta V)} \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}\,\mathrm{d}O}{\operatorname{vol}(\Delta V)}
r0\mathbf{r}_0 ein fester Punkt, ΔV\Delta V ein parametrisiertes Volumen mit r0ΔV\mathbf{r}_0 \in \Delta V, vol(ΔV)\operatorname{vol}(\Delta V) sein Volumeninhalt, (ΔV)\partial(\Delta V) sein Rand mit Aussennormale n\mathbf{n}.

In Worten: die Divergenz an r0\mathbf{r}_0 ist der Limes des Flusses aus einer schrumpfenden Hülle um r0\mathbf{r}_0, dividiert durch das eingeschlossene Volumen. „Fluss pro Volumen an dieser Stelle“. Damit hat das vorher abstrakte v\nabla \cdot \mathbf{v} eine geometrische Bedeutung, die nicht von Koordinaten abhängt.

Formel Limes-Definition
v(r0)=limvol(ΔV)01vol(ΔV)(ΔV)vndO\nabla \cdot \mathbf{v}(\mathbf{r}_0) = \lim_{\operatorname{vol}(\Delta V) \to 0} \dfrac{1}{\operatorname{vol}(\Delta V)} \iint_{\partial(\Delta V)} \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}\,\mathrm{d}O
Merke Merksatz
„div ist die Ableitung des Flusses“. Im selben Sinn wie ff' die Ableitung von ff in Analysis I.

3.4 Koordinatenfreiheit

Die Limes-Definition aus 3.3 hat einen tiefen Vorteil: in ihr taucht kein Koordinatensystem auf. Volumen, Hülle, Aussennormale, Skalarprodukt, alles geometrisch definiert ohne Bezug auf xx, yy, zz. Folge: die Divergenz ist eine intrinsische Grösse des Vektorfelds, keine Eigenschaft der gewählten Koordinaten.

Konkret: wenn (ξ,η,ζ)(\xi, \eta, \zeta) ein anderes kartesisches Koordinatensystem ist und v~\tilde{\mathbf{v}} das Vektorfeld in diesen Koordinaten, dann gilt v~=v~1,ξ+v~2,η+v~3,ζ=v1,x+v2,y+v3,z=v\nabla \cdot \tilde{\mathbf{v}} = \tilde{v}_{1,\xi} + \tilde{v}_{2,\eta} + \tilde{v}_{3,\zeta} = v_{1,x} + v_{2,y} + v_{3,z} = \nabla \cdot \mathbf{v}. Die Zahl an einem Punkt ist in jedem kartesischen System dieselbe.

Merke Intrinsische Grösse
Divergenz hängt nicht vom Koordinatensystem ab. Wechsel zu (ξ,η,ζ)(\xi, \eta, \zeta) ändert weder die Definition noch die Zahl.
Formel Koordinatenfreiheit
v~1,ξ+v~2,η+v~3,ζ=v1,x+v2,y+v3,z\tilde{v}_{1,\xi} + \tilde{v}_{2,\eta} + \tilde{v}_{3,\zeta} = v_{1,x} + v_{2,y} + v_{3,z}

4.1 Drei Begriffe und ihre Anschauung

Die geometrische Lesart aus Section 3 macht drei klassische Bezeichnungen natürlich. An einem Punkt P0P_0 heisst v\mathbf{v}:

Quelle, wenn v(P0)>0\nabla \cdot \mathbf{v}(P_0) > 0. Anschaulich: aus einer kleinen Hülle um P0P_0 tritt mehr Strömung aus, als rein. Etwas wird im Punkt erzeugt; ein Sprudel im Wasserbecken.

Senke, wenn v(P0)<0\nabla \cdot \mathbf{v}(P_0) < 0. Anschaulich umgekehrt: in eine kleine Hülle um P0P_0 läuft mehr ein als raus. Etwas verschwindet im Punkt; ein Abfluss.

Quellenfrei heisst das ganze Vektorfeld auf einem Gebiet DD, wenn v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0 auf DD. Keine Quellen, keine Senken: alles, was reinläuft, läuft auch wieder raus. Bekannte Beispiele aus der Physik: das Magnetfeld B\mathbf{B} ist quellenfrei (eine der Maxwell-Gleichungen, B=0\nabla \cdot \mathbf{B} = 0); inkompressible Strömungen sind quellenfrei.

Definition Quelle
Punkt P0P_0 mit v(P0)>0\nabla \cdot \mathbf{v}(P_0) > 0. Anschaulich: Strömung wird hier erzeugt.
Definition Senke
Punkt P0P_0 mit v(P0)<0\nabla \cdot \mathbf{v}(P_0) < 0. Anschaulich: Strömung verschwindet hier.
Definition Quellenfrei
Vektorfeld v\mathbf{v} heisst quellenfrei auf DD, wenn v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0 auf DD. Beispiel: das Magnetfeld B\mathbf{B}.

4.2 Erste Konsequenz: Φ = 0 auf jedem Rand

Was sagt der Divergenzsatz, wenn v\mathbf{v} quellenfrei auf VD(v)V \subset D(\mathbf{v}) ist? Die rechte Seite verschwindet, weil der Integrand überall null ist. Also auch die linke Seite:

Quellenfreies Feld: Fluss durch jeden Rand verschwindet
ΦV=VvdV=V0dV=0\begin{aligned} \Phi_{\partial V} &= \iiint_V \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V \\ &= \iiint_V 0\,\mathrm{d}V \\ &= 0 \end{aligned}
Voraussetzung: v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0 auf VD(v)V \subset D(\mathbf{v}). Folgt unmittelbar aus dem Divergenzsatz.

Anschaulich gelesen: was nicht produziert oder verschluckt wird im Inneren, kann auch nicht netto durch die Hülle. Bei einem quellenfreien Vektorfeld ist der Fluss durch jeden geschlossenen Rand null. Egal wie kompliziert die Hülle aussieht, egal wie das Feld an der Hülle gerade strudelt.

Merke Quellenfrei → Φ=0\Phi = 0
Quellenfreies Feld: Fluss durch jeden geschlossenen Rand V\partial V in D(v)D(\mathbf{v}) ist null. Spart oft die ganze Rechnung.
Formel Folgerung
v0    VvndO=0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0 \;\Longrightarrow\; \iint_{\partial V} \mathbf{v} \cdot \mathbf{n}\,\mathrm{d}O = 0

4.3 Zweite Konsequenz: gleicher Rand → gleicher Fluss

Stell dir zwei verschiedene Flächen S1S_1 und S2S_2 vor, die denselben Rand haben (also S1=S2\partial S_1 = \partial S_2 als Kurve im Raum). S1S_1 wölbt sich nach oben wie eine Halbkugelschale, S2S_2 ist flach wie ein Deckel. Dazwischen liegt ein abgeschlossenes Volumen V1,2V_{1,2}.

Wenn v\mathbf{v} quellenfrei auf V1,2V_{1,2} ist, dann gilt ΦS1=ΦS2\Phi_{S_1} = \Phi_{S_2}. Die genaue Form der Fläche ist egal, nur ihr Rand zählt. Das ist die topologische Tiefe des Divergenzsatzes.

Merke Quellenfrei + gleicher Rand
S1,S2S_1, S_2 mit S1=S2\partial S_1 = \partial S_2 und quellenfreies v\mathbf{v} auf V1,2V_{1,2}: ΦS1=ΦS2\Phi_{S_1} = \Phi_{S_2}. Form der Fläche egal.

4.4 Allgemeiner Fall: Flussdifferenz

Wenn v\mathbf{v} nicht quellenfrei ist, verschwindet das Volumenintegral nicht. Stattdessen wächst der Fluss durch S2S_2 (verglichen mit dem durch S1S_1, gemessen in derselben Richtung) gerade um das Volumenintegral der Divergenz im Bereich dazwischen:

!!
Allgemeine Flussdifferenz
ΦS2ΦS1  =  V1,2vdV\Phi_{S_2} - \Phi_{S_1} \;=\; \iiint_{V_{1,2}} \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V
S1,S2S_1, S_2 mit gemeinsamem Rand S1=S2\partial S_1 = \partial S_2, V1,2V_{1,2} das eingeschlossene Volumen, beide Flüsse in dieselbe Richtung gemessen.

Das ist die exakte 3D-Version des Hauptsatzes der Analysis. Funktion wächst um f\int f', Fluss wächst um v\iiint \nabla \cdot \mathbf{v}. Quellen im Volumen drücken den Fluss nach oben, Senken ziehen ihn runter. Der quellenfreie Spezialfall aus 4.3 fällt sofort als Sonderfall raus: v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0 macht die rechte Seite null, also ΦS1=ΦS2\Phi_{S_1} = \Phi_{S_2}.

Formel Flussdifferenz
ΦS2ΦS1=V1,2vdV\Phi_{S_2} - \Phi_{S_1} = \iiint_{V_{1,2}} \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V
Merke Wie Hauptsatz
Funktion wächst auf [a,b][a,b] um abfdx\int_a^b f'\,\mathrm{d}x. Fluss wächst zwischen zwei Flächen mit gleichem Rand um VvdV\iiint_V \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V.

5.1 Übersicht: die fünf Standard-Volumen

In Klausur-Aufgaben tauchen immer wieder dieselben Volumen auf: Quader, Vollkugel, Halbkugel, Vollzylinder, Kegel. Die Tabelle hier listet für jedes das Volumeninhalt vol\operatorname{vol} und die Zerlegung der Hülle V\partial V auf einen Blick. Die folgenden Subsections holen jede Geometrie einzeln raus mit Bereichen, dV\mathrm{d}V-Element und Aussennormalen.

Volumen vol\operatorname{vol} V\partial V besteht aus
Quader (ba)(dc)(fe)(b-a)(d-c)(f-e) 6 Rechtecke
Vollkugel RR 43πR3\tfrac{4}{3}\pi R^3 Sphäre
Halbkugel RR 23πR3\tfrac{2}{3}\pi R^3 obere Sphäre + Kreisscheibe
Vollzylinder R,hR, h πR2h\pi R^2 h Mantel + 2 Kreisscheiben
Kegel R,hR, h 13πR2h\tfrac{1}{3}\pi R^2 h Mantel + Kreisscheibe
Standard-Volumen für Anwendungs-Aufgaben
Merke Spickzettel
Diese Tabelle ist die Cheat-Sheet-Seite des Kapitels. Jede Aufgabe mit Divergenzsatz fängt hier an.
Formel dV\mathrm{d}V kartesisch
dV=dxdydz\mathrm{d}V = \mathrm{d}x\,\mathrm{d}y\,\mathrm{d}z
Formel dV\mathrm{d}V Zylinder
dV=ρdρdφdz\mathrm{d}V = \rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z
Formel dV\mathrm{d}V Kugel
dV=r2sinθdrdθdφ\mathrm{d}V = r^2 \sin\theta\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\theta\,\mathrm{d}\varphi

5.2 Vollkugel

Geometrie. Vollkugel KK mit Radius RR um den Ursprung. Hülle K\partial K ist die Sphäre mit Radius RR. Aussennormale auf der Sphäre zeigt radial nach aussen, n=r^\mathbf{n} = \hat{\mathbf{r}}.

Wann lohnt's sich. Wenn v\nabla \cdot \mathbf{v} konstant oder einfach radial ist, wird das Volumenintegral in Kugelkoord. fast geschenkt. Beispiel: v=c\nabla \cdot \mathbf{v} = c konstant ergibt direkt KcdV=c43πR3\iiint_K c\,\mathrm{d}V = c \cdot \tfrac{4}{3}\pi R^3. Eine Zeile, fertig.

!!
Vollkugel-Volumen
vol(K)=43πR3dV=r2sinθdrdθdφ\begin{aligned} \operatorname{vol}(K) &= \tfrac{4}{3}\pi R^3 \\ \mathrm{d}V &= r^2 \sin\theta\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\theta\,\mathrm{d}\varphi \end{aligned}
Kugelkoord.-Bereich: r[0,R]r \in [0, R], θ[0,π]\theta \in [0, \pi] (Polarwinkel), φ[0,2π)\varphi \in [0, 2\pi) (Azimut).
Formel Vollkugel
vol(K)=43πR3\operatorname{vol}(K) = \tfrac{4}{3}\pi R^3
Merke Sphäre als Hülle
K\partial K ist die Sphäre. Aussennormale n=r^\mathbf{n} = \hat{\mathbf{r}}, radial nach aussen.

5.3 Quader

Geometrie. Quader V=[a,b]×[c,d]×[e,f]V = [a,b]\times[c,d]\times[e,f]. Hülle besteht aus sechs Rechtecken, jedes parallel zu einer Koordinatenebene. Die Aussennormalen sind konstant pro Wand: ±e^x\pm \hat{\mathbf{e}}_x, ±e^y\pm \hat{\mathbf{e}}_y, ±e^z\pm \hat{\mathbf{e}}_z.

Wann lohnt's sich. Volumenintegral in kartesischen Koord. ist ein dreifach iteriertes Integral, oft separabel. Der Beweis des Divergenzsatzes wurde übrigens für genau diesen Fall geführt (siehe Mitschrift S. 20): mit dem Hauptsatz der Analysis I auf jede der drei Komponenten, gefolgt von der Identifikation der Randterme als Flussintegrale über die sechs Wände.

!!
Quader-Volumen
vol(V)=(ba)(dc)(fe)dV=dxdydz\begin{aligned} \operatorname{vol}(V) &= (b-a)(d-c)(f-e) \\ \mathrm{d}V &= \mathrm{d}x\,\mathrm{d}y\,\mathrm{d}z \end{aligned}
Aussennormalen pro Wand: ±e^x\pm \hat{\mathbf{e}}_x (links/rechts), ±e^y\pm \hat{\mathbf{e}}_y (vorne/hinten), ±e^z\pm \hat{\mathbf{e}}_z (oben/unten).
Formel Quader
vol(V)=(ba)(dc)(fe)\operatorname{vol}(V) = (b-a)(d-c)(f-e)
Merke Sechs Wände
Jede Wand parallel zu einer Koord.-Ebene. Aussennormalen ±e^x,±e^y,±e^z\pm \hat{\mathbf{e}}_x, \pm \hat{\mathbf{e}}_y, \pm \hat{\mathbf{e}}_z konstant.
Merke Beweis-Geometrie
Der Beweis des Divergenzsatzes (Mitschrift S. 20) läuft genau über diesen Quader-Fall, mit dem Hauptsatz pro Achse.

5.4 Halbkugel-Vollkörper

Geometrie. Obere Halbkugel K+K_+ mit Radius RR um den Ursprung: {(x,y,z)R3:x2+y2+z2R2,z0}\{(x,y,z) \in \mathbb{R}^3 : x^2 + y^2 + z^2 \leq R^2,\, z \geq 0\}. Hülle besteht aus zwei Stücken: die obere Sphärenkappe SS (x2+y2+z2=R2x^2+y^2+z^2 = R^2, z0z \geq 0) und die Kreisscheibe DD in der xyxy-Ebene mit Radius RR.

Aussennormalen. Auf SS: radial nach aussen, n=r^\mathbf{n} = \hat{\mathbf{r}}. Auf DD: nach unten weg vom Volumen, also n=e^z\mathbf{n} = -\hat{\mathbf{e}}_z. Letzteres wird in Klausuren gerne falsch gemacht; merke dir: „aussen“ bezieht sich auf weg vom Volumen, nicht auf eine globale Richtung.

Wann lohnt's sich. Klassischer Schliess-Trick (Section 2.2): Aufgaben fragen oft nur nach dem Fluss durch die obere Halbkugelschale SS alleine. Strategie: ergänze um die Bodenscheibe DD zum Vollkörper K+K_+, wende Divergenzsatz auf K+K_+ an, ziehe am Schluss den Bodenfluss ab.

!!
Halbkugel-Volumen
vol(K+)=23πR3dV=r2sinθdrdθdφ\begin{aligned} \operatorname{vol}(K_+) &= \tfrac{2}{3}\pi R^3 \\ \mathrm{d}V &= r^2 \sin\theta\,\mathrm{d}r\,\mathrm{d}\theta\,\mathrm{d}\varphi \end{aligned}
Kugelkoord.-Bereich: r[0,R]r \in [0, R], θ[0,π/2]\theta \in [0, \pi/2] (Polarwinkel, da nur obere Hälfte), φ[0,2π)\varphi \in [0, 2\pi).
Formel Halbkugel
vol(K+)=23πR3\operatorname{vol}(K_+) = \tfrac{2}{3}\pi R^3
Merke Hülle in zwei Stücken
K+=SD\partial K_+ = S \cup D. SS obere Sphärenkappe (n=r^\mathbf{n} = \hat{\mathbf{r}}), DD Bodenscheibe (n=e^z\mathbf{n} = -\hat{\mathbf{e}}_z).
Prüfungstipp Bodenscheibe: n=e^z\mathbf{n} = -\hat{\mathbf{e}}_z
Aussennormale zeigt nach unten (weg vom Volumen, das oberhalb liegt). Häufig falsch gemacht.

5.5 Vollzylinder mit Deckeln

Geometrie. Vollzylinder VV mit Radius RR und Höhe hh, achsen-zentriert: {(x,y,z):x2+y2R2,0zh}\{(x,y,z) : x^2 + y^2 \leq R^2,\, 0 \leq z \leq h\}. Hülle besteht aus drei Stücken: dem Mantel MM (x2+y2=R2x^2+y^2 = R^2, 0zh0 \leq z \leq h), dem oberen Deckel DoD_o (x2+y2R2x^2+y^2 \leq R^2, z=hz = h), dem unteren Boden DuD_u (x2+y2R2x^2+y^2 \leq R^2, z=0z = 0).

Aussennormalen. Mantel: radial nach aussen, n=(cosφ,sinφ,0)\mathbf{n} = (\cos\varphi, \sin\varphi, 0). Oberer Deckel: nach oben, n=+e^z\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{e}}_z. Unterer Boden: nach unten, n=e^z\mathbf{n} = -\hat{\mathbf{e}}_z.

Wann lohnt's sich. Genauso wie bei der Halbkugel: bei „Zylindermantel ohne Deckel“-Aufgaben ergänzt du die zwei Kreisscheiben, wendest den Divergenzsatz auf den vollen Zylinder an, ziehst am Schluss die Deckel-Flüsse ab.

!!
Zylinder-Volumen
vol(V)=πR2hdV=ρdρdφdz\begin{aligned} \operatorname{vol}(V) &= \pi R^2 h \\ \mathrm{d}V &= \rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z \end{aligned}
Zylinderkoord.-Bereich: ρ[0,R]\rho \in [0, R], φ[0,2π)\varphi \in [0, 2\pi), z[0,h]z \in [0, h].
Formel Vollzylinder
vol(V)=πR2h\operatorname{vol}(V) = \pi R^2 h
Merke Hülle in drei Stücken
Mantel (n\mathbf{n} radial), oberer Deckel (+e^z+\hat{\mathbf{e}}_z), unterer Boden (e^z-\hat{\mathbf{e}}_z).

5.6 Kegel-Vollkörper

Geometrie. Stehender Kegel mit Spitze unten in 0\mathbf{0} und kreisrundem Boden bei z=hz = h vom Radius RR (oder die analoge Bauart mit Spitze oben). Hülle besteht aus zwei Stücken: dem Mantel MM und der Bodenkreisscheibe DD bei z=hz = h.

Aussennormalen. Auf DD (Boden oben): n=+e^z\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{e}}_z (weg vom Volumen, das unterhalb liegt). Auf dem Mantel: schräg nach aussen weg von der Achse (siehe VI.4 Section 5.6).

Wann lohnt's sich. Bei „Kegelmantel ohne Boden“-Aufgaben dieselbe Schliess-Strategie: Bodenscheibe ergänzen, Divergenzsatz auf den vollen Kegel, Bodenfluss separat. Volumenintegral in Zylinderkoord. mit ρzR/h\rho \leq z R/h.

!!
Kegel-Volumen
vol(V)=13πR2hdV=ρdρdφdz\begin{aligned} \operatorname{vol}(V) &= \tfrac{1}{3}\pi R^2 h \\ \mathrm{d}V &= \rho\,\mathrm{d}\rho\,\mathrm{d}\varphi\,\mathrm{d}z \end{aligned}
Zylinderkoord.-Bereich: z[0,h]z \in [0, h], φ[0,2π)\varphi \in [0, 2\pi), ρ[0,zR/h]\rho \in [0, z R/h]. Bei umgedrehter Bauart (Spitze oben): Grenzen anpassen.
Formel Kegel
vol(V)=13πR2h\operatorname{vol}(V) = \tfrac{1}{3}\pi R^2 h
Merke Aussennormale Boden
Bei stehender Bauart (Spitze unten): Bodenscheibe oben, n=+e^z\mathbf{n} = +\hat{\mathbf{e}}_z. Bei Spitze-oben-Bauart umgekehrt.

6.1 Drei klassische Strategien

Bevor du eine Hülle parametrisierst, frag dich: ist der Divergenzsatz die schnellere Route? Drei wiederkehrende Konstellationen, in denen die Antwort fast immer ja lautet:

Strategie 1: Geschlossen + Divergenz einfach. Ist S=VS = \partial V eine geschlossene Hülle UND ist v\nabla \cdot \mathbf{v} konstant oder null oder eine einfache Funktion? Dann direkt Divergenzsatz, fertig. Volumenintegral in Standard-Koord. (Section 5). Bei v=c\nabla \cdot \mathbf{v} = c ist das Resultat sogar cvol(V)c \cdot \operatorname{vol}(V), ohne explizite Integration.

Strategie 2: Offen + leicht zu schliessen. Ist SS offen (Halbkugelschale, Kegelmantel, Zylindermantel ohne Deckel), aber durch eine ebene Fläche zum Vollkörper schliessbar? Dann: Hilfsstück SHS_H wählen (typisch eine Kreisscheibe in einer Koord.-Ebene), Divergenzsatz auf das resultierende Volumen VV anwenden, Bodenfluss separat berechnen, am Ende ΦS=VvdVΦSH\Phi_S = \iiint_V \nabla \cdot \mathbf{v}\,\mathrm{d}V - \Phi_{S_H}.

Strategie 3: Singularität in VV. Hat v\mathbf{v} einen Punkt im Inneren, an dem es nicht definiert oder nicht differenzierbar ist (klassisch das Coulombfeld bei 0\mathbf{0})? Dann ist der Divergenzsatz nicht direkt anwendbar (siehe 2.1). Saubere Lösung: kleine Hilfskugel um die Singularität ausschneiden, Divergenzsatz auf den durchlöcherten Bereich anwenden. Der Hilfskugel-Fluss ist beim Coulombfeld 4πCe4\pi C e und in vielen anderen Fällen leicht zu rechnen. Vollständige Ausarbeitung in Kap. VI.6.

Merke Drei Strategien
(1) Geschlossen + einfache Divergenz: direkt anwenden. (2) Offen + schliessbar: Hilfsstück + subtrahieren. (3) Singularität: Hilfskugel ausschneiden (VI.6).
Prüfungstipp Strategien-Reihenfolge
Erst Strategie 3 prüfen (Singularität ist Show-Stopper). Dann Strategie 1. Falls Hülle nicht geschlossen, Strategie 2.

6.2 Drei Stolperfallen

Stolperfalle 1: Hilfsstück-Normale verkehrt. Bei Strategie 2 zeigt die Aussennormale auf dem Hilfsstück SHS_H in die entgegengesetzte Richtung wie auf der Originalfläche SS. Grund: n\mathbf{n} auf V\partial V zeigt immer vom Volumen weg. Beispiel Halbkugelschale: n\mathbf{n} auf SS ist nach oben/aussen (r^\hat{\mathbf{r}}), n\mathbf{n} auf der Bodenscheibe ist nach unten (e^z-\hat{\mathbf{e}}_z), nicht nach oben.

Stolperfalle 2: Singularität übersehen. Bei jedem Vektorfeld, das aus einer Punktquelle kommt (Coulomb 1/r21/r^2, Gravitation, hydrodynamischer Sprudel, magnetischer Monopol), zuerst den Definitionsbereich prüfen. Liegt 0\mathbf{0} im Volumen? Wenn ja: Divergenzsatz nicht direkt, sondern über die Hilfskugel-Konstruktion (VI.6). Eine Pauschal-Anwendung würde Φ=0\Phi = 0 ergeben, was gegen die explizite Rechnung Φ=4πCe\Phi = 4\pi Ce verstösst.

Stolperfalle 3: Quellenfreiheit nicht ausnutzen. Wenn v0\nabla \cdot \mathbf{v} \equiv 0, ist das Volumenintegral wirklich null. Klingt trivial, wird aber regelmässig vergessen, wenn die Aufgabe nicht prominent „quellenfrei“ sagt. Berechne die Divergenz immer als ersten Schritt, bevor du an Hülle und Parametrisierung denkst. Wenn rauskommt v=0\nabla \cdot \mathbf{v} = 0, bist du in zwei Zeilen fertig.

Prüfungstipp Drei Stolperfallen
(1) Hilfsstück-n\mathbf{n} entgegengesetzt zur Original-n\mathbf{n}. (2) Punktquellen-Singularität übersehen. (3) v=0\nabla \cdot \mathbf{v} = 0 als ersten Schritt prüfen.
Merke Erst Divergenz, dann alles andere
Berechne v\nabla \cdot \mathbf{v} immer zuerst. Falls 00 oder konstant: 80 Prozent der Aufgabe schon erledigt.

7.1 Vier klassische Anwendungen

Der Divergenzsatz ist nicht nur ein Rechen-Trick für Klausur-Aufgaben. Er ist das Werkzeug, mit dem man integrale Erhaltungssätze in differenzielle Gleichungen umwandelt. In Kap. VI.6 schauen wir uns vier klassische Anwendungen an, jede ein Eckpfeiler einer ganzen Disziplin der Physik:

(1) Kontinuitätsgleichung der Hydrodynamik. Aus „Masse wird weder erzeugt noch vernichtet“ wird mit dem Divergenzsatz die lokale Bilanzgleichung tρ+(ρu)=0\partial_t \rho + \nabla \cdot (\rho\,\mathbf{u}) = 0, wobei ρ\rho die Massendichte und u\mathbf{u} die Strömungsgeschwindigkeit ist.

(2) Wärmeleitungsgleichung. Aus Energieerhaltung und dem Fourier-Gesetz q=kT\mathbf{q} = -k\,\nabla T folgt die berühmte Wärmeleitungsgleichung tT=a2ΔT\partial_t T = a^2\,\Delta T, mit Δ=\Delta = \nabla \cdot \nabla dem Laplace-Operator.

(3) Grundgleichung der Elektrostatik. Aus dem Coulomb-Fluss durch eine Gauss-Hülle und einer Ladungsdichte ρ\rho folgt E=ρ/ε0\nabla \cdot \mathbf{E} = \rho/\varepsilon_0 (eine der vier Maxwell-Gleichungen). Der Übergang von Hülle zu Volumen erfolgt direkt durch den Divergenzsatz.

(4) Hydrostatischer Auftrieb (Archimedes). Aus dem Druckintegral über die Hülle eines eingetauchten Körpers folgt F=ρflugVe^z\mathbf{F} = -\rho_{\text{flu}}\,g\,V\,\hat{\mathbf{e}}_z. Auftriebskraft ist gleich Gewicht der verdrängten Flüssigkeit, exakt das archimedische Prinzip.

Merke Vier Anwendungen
Kontinuität (Hydrodynamik), Wärmeleitung (Fourier), Elektrostatik (Maxwell), Archimedes (Hydrostatik). Alle in VI.6.
Querverweis Verweise
→ VI.6 Anwendungen Divergenzsatz

7.2 Das gemeinsame Schema

Alle vier Anwendungen folgen demselben Muster, das es sich lohnt, jetzt schon zu kennen:

Schritt 1. Eine integrale Erhaltungsaussage formulieren: „Die Änderungsrate von etwas (Masse, Energie, Ladung) im Volumen VV ist gleich dem Fluss von etwas durch die Hülle V\partial V, plus eventuelle Quellterme im Inneren.“

Schritt 2. Den Fluss VdO\iint_{\partial V} \ldots\,\mathrm{d}O mit dem Divergenzsatz in ein Volumenintegral V()dV\iiint_V \nabla \cdot (\ldots)\,\mathrm{d}V verwandeln.

Schritt 3. Argumentieren, dass die resultierende Gleichung für jedes Volumen VV gelten muss. Das geht nur, wenn die Integranden punktweise gleich sind. Daraus folgt eine differenzielle Gleichung ohne Integrale.

Beispiel. Bei Hydrodynamik: aus ddtVρdV=VρundO\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}t}\iiint_V \rho\,\mathrm{d}V = -\iint_{\partial V} \rho\,\mathbf{u} \cdot \mathbf{n}\,\mathrm{d}O wird V(tρ+(ρu))dV=0\iiint_V (\partial_t \rho + \nabla \cdot (\rho\,\mathbf{u}))\,\mathrm{d}V = 0, und weil das für jedes VV gelten muss, folgt tρ+(ρu)=0\partial_t \rho + \nabla \cdot (\rho\,\mathbf{u}) = 0 punktweise. Das ist die Kontinuitätsgleichung.

Merke Brückenschlag
Divergenzsatz wandelt integrale Erhaltung in differenzielle Bewegungsgleichung. Werkzeug der ganzen klassischen Feldtheorie.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!