1.1 Was ist eine Funktion in zwei Variablen?

Stell dir vor, du stehst auf einem Hügel. Zu jedem Punkt (x,y)(x, y) auf der Karte gehört eine Höhe über Meer. Genau das ist eine Funktion in zwei Variablen: jedem erlaubten Punkt der Ebene wird eine reelle Zahl zugeordnet.

In der Vorlesung definieren wir das so: nimm eine Teilmenge AR2A \subset \mathbb{R}^2 der Ebene. Eine Funktion in zwei Variablen auf AA ist eine Vorschrift ff, die jedem Punkt (x,y)A(x, y) \in A genau eine reelle Zahl f(x,y)Rf(x, y) \in \mathbb{R} zuordnet. Pingelig wichtig: pro Punkt genau eine Zahl, sonst keine Funktion.

!!!
Funktion in zwei Variablen
f:AR,    (x,y)f(x,y),    AR2f: A \to \mathbb{R}, \;\; (x, y) \mapsto f(x, y), \;\; A \subset \mathbb{R}^2
Zwei reelle Inputs, eine reelle Zahl als Output.
Definitionsbereich
D(f):=AD(f) := A
Welche Punkte (x,y)(x, y) darf ich einsetzen?
Wertebereich (Bild)
W(f):={f(x,y)R(x,y)D(f)}W(f) := \{\, f(x, y) \in \mathbb{R} \mid (x, y) \in D(f) \,\}
Welche Werte werden tatsächlich angenommen?
Definition Funktion in 2 Variablen
Abbildung f:AR2Rf: A \subset \mathbb{R}^2 \to \mathbb{R}. Pro Punkt (x,y)(x, y) genau ein Wert f(x,y)f(x, y).
Definition D(f)D(f), W(f)W(f)
D(f)=AD(f) = A ist der Definitionsbereich. W(f)={f(x,y)(x,y)D(f)}W(f) = \{f(x, y) \mid (x, y) \in D(f)\} ist der Wertebereich (auch Bild genannt).
Notation Notation: ff vs f(x,y)f(x, y)
ff ist die ganze Funktion. f(x,y)f(x, y) ist der Funktionswert an einem Punkt.

1.2 Darstellung im R3\mathbb{R}^3

Wie zeichnet man eine Funktion in zwei Variablen? In der Vorlesung haben wir den einfachen Trick gesehen: setze z:=f(x,y)z := f(x, y) und trage den Funktionswert als Höhe über der xyxy-Ebene auf.

Was rauskommt, ist eine Fläche im R3\mathbb{R}^3. Stell dir den Definitionsbereich AA als Wiese am Boden vor; über jedem Punkt (x,y)(x, y) markierst du eine Höhe z=f(x,y)z = f(x, y). Positive Werte liegen über der xyxy-Ebene, negative darunter. Diese Höhenpunkte bilden die Fläche. In Section 4 geben wir der Fläche einen offiziellen Namen (Γ(f)\Gamma(f), der Graph).

Darstellung im R3\mathbb{R}^3
z:=f(x,y)z := f(x, y)
Funktionswert wird zur Höhe in der dritten Dimension.
Merke Bild im Kopf: D(f)D(f) ist die Wiese am Boden. Über jedem Punkt markierst du die Höhe z=f(x,y)z = f(x, y).

1.3 Definitionsbereich und Wertebereich am Beispiel

Bevor du eine Funktion auswertest, beantworte zwei Fragen. Wo darfst du einsetzen (D(f)D(f))? Welche Werte kommen heraus (W(f)W(f))?

In der Vorlesung haben wir das am Beispiel g(x,y)=x2+y2g(x, y) = x^2 + y^2 gesehen. Definitionsbereich: Quadrieren und Addieren funktioniert für jedes Paar reeller Zahlen, also D(g)=R2D(g) = \mathbb{R}^2. Wertebereich: Quadrate sind nie negativ. Wert 00 wird bei x=y=0x = y = 0 erreicht, beliebig grosse Werte für grosse x|x| oder y|y|. Damit W(g)=[0,)W(g) = [0, \infty).

!!
Beispiel g(x,y)=x2+y2g(x, y) = x^2 + y^2
D(g)=R2,    W(g)=[0,)D(g) = \mathbb{R}^2, \;\; W(g) = [0, \infty)
Manche Texte schreiben R0\mathbb{R}_{\geq 0} statt [0,)[0, \infty).
Definition Beispiel g=x2+y2g = x^2 + y^2
D(g)=R2D(g) = \mathbb{R}^2, W(g)=[0,)W(g) = [0, \infty). Quadrate werden nie negativ.
Notation Notation: R0\mathbb{R}_{\geq 0}
R0=[0,)={xRx0}\mathbb{R}_{\geq 0} = [0, \infty) = \{x \in \mathbb{R} \mid x \geq 0\}. Drei Schreibweisen, eine Menge.
Prüfungstipp Vorgehen bei jeder neuen Funktion: erst D(f)D(f), dann W(f)W(f), dann rechnen.

2.1 Höhenfeld

Das einfachste Beispiel kennt jeder, der schon mal eine Wanderkarte gelesen hat: f(x,y)=f(x, y) = Höhe über Meer am Punkt (x,y)(x, y). Aus der Vorlesung kennen wir das als allererstes Beispiel.

Die berühmten Höhenlinien einer topografischen Karte sind genau die Niveaulinien dieses Höhenfelds. Section 5 holt das Konzept formal ein.

Höhenfeld
h(x,y)=Ho¨he u¨ber Meer bei (x,y)h(x, y) = \text{Höhe über Meer bei } (x, y)
Werte in Metern. Niveaulinien dieses Felds heissen Höhenlinien.
Merke Anwendung: Kartografie und Topografie. Höhenkarten zeichnen Niveaulinien des Höhenfelds.
Notation Notation: Synonyme
Höhenlinie und Niveaulinie sind dasselbe Objekt unter verschiedenen Namen.

2.2 Ideales Gas (Zustandsgleichung)

Ein zweites Beispiel kommt aus der Thermodynamik. Die Zustandsgleichung des idealen Gases verbindet Druck pp, Volumen VV, Stoffmenge nn und Temperatur TT über die Gaskonstante RR.

In der Vorlesung lesen wir das als Funktion in zwei Variablen T(p,V)T(p, V): gegeben Druck und Volumen, ergibt sich die Temperatur. Die zwei Variablen heissen hier nicht xx und yy, sondern pp und VV. Eine Funktion in zwei Variablen kann beliebige Buchstaben für ihre Argumente nehmen.

!!
Zustandsgleichung des idealen Gases
T(p,V)=pVnRT(p, V) = \frac{p\,V}{n\,R}
RR ist die Gaskonstante, nn die feste Stoffmenge. Druck pp und Volumen VV sind die zwei Variablen.
Formel Spickzettel: ideales Gas
T(p,V)=pVnRT(p, V) = \tfrac{p\,V}{n\,R}
pp und VV Variablen, RR Gaskonstante, nn feste Stoffmenge.
Notation Notation: TT in 2.2 vs 2.3
Hier TT = Temperatur. In 2.3 ist TT die Periode der Welle.
Querverweis Verweise
→ 6.1 Isothermen, Isobaren

2.3 Harmonische Welle

Als drittes Beispiel ein Klassiker aus der Physik. Eine harmonische Welle ist eine Sinusschwingung, die zugleich vom Ort xx und von der Zeit tt abhängt. Die zwei Variablen sind Ort und Zeit, der Funktionswert ist die Auslenkung der Welle.

In der Vorlesung sind die wichtigen Konstanten beschriftet: Amplitude AA ist der maximale Ausschlag, Periode TT die Dauer eines vollen Schwingungszyklus, Phasengeschwindigkeit cc die Geschwindigkeit, mit der ein Wellenberg wandert, Phasenverschiebung φ\varphi der Startwert des Sinus.

!!
Harmonische Welle
f(x,t)=Asin ⁣(2πT(xct)+φ)f(x, t) = A \sin\!\left( \frac{2\pi}{T} \Bigl( \frac{x}{c} - t \Bigr) + \varphi \right)
Variablen xx (Ort), tt (Zeit). Konstanten: Amplitude AA, Periode TT, Phasengeschwindigkeit cc, Phasenverschiebung φ\varphi.

Was ist die Phasengeschwindigkeit cc? In der Vorlesung haben wir das so gesehen: setze x=ctx = c \, t. Dann wird xct=0\frac{x}{c} - t = 0, das Argument des Sinus bleibt konstant, und damit auch der Funktionswert. Anschaulich: ein Wellenberg wandert mit Geschwindigkeit cc.

Wellenberg konstant entlang x=ctx = c \, t
x=ct    xct=0    f(x,t)=Asin(φ)=const.x = c \, t \;\Longrightarrow\; \tfrac{x}{c} - t = 0 \;\Longrightarrow\; f(x, t) = A \sin(\varphi) = \text{const.}
Der Wellenberg wandert mit Geschwindigkeit cc. Daher der Name Phasengeschwindigkeit.
Formel Spickzettel: Welle
f(x,t)=Asin ⁣(2πT(xct)+φ)f(x, t) = A \sin\!\left( \tfrac{2\pi}{T}(\tfrac{x}{c} - t) + \varphi \right)
Zwei Variablen (x,t)(x, t), vier Konstanten (A,T,c,φ)(A, T, c, \varphi).
Notation Notation: AA in 2.3 vs 1.1
Hier AA = Amplitude (Zahl). In 1.1 hiess AA der Definitionsbereich (Menge).
Merke Merke: Argument xct\tfrac{x}{c} - t konstant entlang x=ctx = c \, t. Das definiert cc als Phasengeschwindigkeit.

3.1 Lineare Funktion ax+by+ca\,x + b\,y + c

Die einfachste Form einer Funktion in zwei Variablen ist linear. In der Vorlesung haben wir das so gesehen: für gegebene a,b,cRa, b, c \in \mathbb{R} heisst f(x,y)=ax+by+cf(x, y) = a\,x + b\,y + c eine lineare Funktion in zwei Variablen.

Definitionsbereich ist immer ganz R2\mathbb{R}^2. Wertebereich ist ganz R\mathbb{R}, solange (a,b)(0,0)(a, b) \neq (0, 0). Geometrisch: der Graph ist eine Ebene im R3\mathbb{R}^3. Die Konstante cc schiebt die Ebene in der Höhe, aa und bb regeln die Steigungen in xx- und yy-Richtung.

!!
Lineare Funktion in zwei Variablen
f(x,y)=ax+by+c,    a,b,cR,    (a,b)(0,0)f(x, y) = a\,x + b\,y + c, \;\; a, b, c \in \mathbb{R}, \;\; (a, b) \neq (0, 0)
D(f)=R2D(f) = \mathbb{R}^2, W(f)=RW(f) = \mathbb{R} falls (a,b)(0,0)(a, b) \neq (0, 0).
Formel Spickzettel: lineare Funktion
f(x,y)=ax+by+cf(x, y) = a\,x + b\,y + c
D(f)=R2D(f) = \mathbb{R}^2, W(f)=RW(f) = \mathbb{R}. Graph ist Ebene.
Notation Notation: linear vs konstant
Konvention: linear verlangt (a,b)(0,0)(a, b) \neq (0, 0). Sonst heisst ff konstant.
Merke Merke: Geometrisch eine Ebene im R3\mathbb{R}^3.

4.1 Graph Γ(f)\Gamma(f)

In 1.2 hatten wir schon das Bild: über jedem Punkt (x,y)(x, y) markieren wir die Höhe z=f(x,y)z = f(x, y), und diese Höhenpunkte bilden eine Fläche. Jetzt geben wir dieser Fläche einen Namen.

In der Vorlesung haben wir den Graphen von ff so definiert: Γ(f)\Gamma(f) ist die Menge aller Punkte (x,y,z)(x, y, z) im R3\mathbb{R}^3 mit z=f(x,y)z = f(x, y) und (x,y)D(f)(x, y) \in D(f). Welche Form Γ(f)\Gamma(f) hat, hängt von ff ab: Ebene bei linearer Funktion, Paraboloid bei f=x2+y2f = x^2 + y^2, Sattel bei f=x2y2f = x^2 - y^2, Halbsphäre bei g=1x2y2g = \sqrt{1 - x^2 - y^2}.

!!!
Graph von ff
Γ(f):={(x,y,z)R3z=f(x,y),  (x,y)D(f)}\Gamma(f) := \{\, (x, y, z) \in \mathbb{R}^3 \mid z = f(x, y), \; (x, y) \in D(f) \,\}
Eine Fläche im R3\mathbb{R}^3, parametrisiert durch (x,y)D(f)(x, y) \in D(f).
Definition Graph Γ(f)\Gamma(f)
Γ(f)={(x,y,z)R3z=f(x,y),(x,y)D(f)}\Gamma(f) = \{(x, y, z) \in \mathbb{R}^3 \mid z = f(x, y), (x, y) \in D(f)\}. Eine Fläche in R3\mathbb{R}^3.
Notation Notation: Graph
Wir: Γ(f)\Gamma(f). Manche Texte schreiben graph(f)\operatorname{graph}(f) oder GfG_f.

5.1 Definition der Niveaulinie

Eine Höhenkarte zeichnet keinen Hügel, sie zeichnet Höhenlinien. Mathematisch heissen die Niveaulinien.

Die Idee: statt die ganze Fläche Γ(f)\Gamma(f) im R3\mathbb{R}^3 zu zeichnen, sammeln wir alle Punkte (x,y)(x, y) mit gleichem Funktionswert in eine Kurve. Pro Niveauwert eine Kurve. Mehrere Niveaus zusammen ergeben eine Karte der Funktion.

In der Vorlesung haben wir das so definiert: für ein fixes CRC \in \mathbb{R} ist die Niveaulinie zum Niveau CC die Menge aller Punkte (x,y)D(f)(x, y) \in D(f) mit f(x,y)=Cf(x, y) = C. Zwei Niveaulinien zu verschiedenen Werten schneiden sich nie, sonst hätte ff am Schnittpunkt zwei Werte gleichzeitig.

!!!
Niveaulinie zum Niveau CC
NC:={(x,y)D(f)f(x,y)=C},    CRN_C := \{\, (x, y) \in D(f) \mid f(x, y) = C \,\}, \;\; C \in \mathbb{R}
Alle Punkte mit gleichem Funktionswert. Typischerweise eine Kurve.
Definition Niveaulinie
NC={(x,y)D(f)f(x,y)=C}N_C = \{(x, y) \in D(f) \mid f(x, y) = C\}. Kurve in der xyxy-Ebene.
Notation Notation: Synonyme
Niveaumenge (allgemein), Niveaulinie (in R2\mathbb{R}^2). In Anwendungen: Höhenlinien, Isothermen, Isobaren, Äquipotentiallinien.
Merke Merke: Niveaulinien zu verschiedenen Werten schneiden sich nie.

5.2 Beispiel: Paraboloid f(x,y)=x2+y2f(x, y) = x^2 + y^2

Schauen wir auf das einfachste Beispiel mit konzentrischen Kreisen: f(x,y)=x2+y2f(x, y) = x^2 + y^2. Aus 1.3 wissen wir D(f)=R2D(f) = \mathbb{R}^2, W(f)=[0,)W(f) = [0, \infty).

Setze f(x,y)=Cf(x, y) = C, also x2+y2=Cx^2 + y^2 = C. Für C0C \geq 0 ist das eine Kreisgleichung um den Ursprung mit Radius C\sqrt{C}. Für C<0C < 0 keine reelle Lösung, also leer. Für C=0C = 0 schrumpft der Kreis auf den einzigen Punkt (0,0)(0, 0). Geometrisch ist Γ(f)\Gamma(f) ein Paraboloid (eine nach oben offene Schüssel).

!!
Niveaulinie als Kreis
x2+y2=C    Kreis um (0,0) mit Radius C,    C0x^2 + y^2 = C \;\Longleftrightarrow\; \text{Kreis um } (0, 0) \text{ mit Radius } \sqrt{C}, \;\; C \geq 0
Konzentrische Kreise. Sonderfall C=0C = 0: nur Ursprung. C<0C < 0: leer.
Formel Spickzettel: Paraboloid
x2+y2=Cx^2 + y^2 = C
Kreis Radius C\sqrt{C} (C0C \geq 0). Punkt für C=0C = 0, leer für C<0C < 0.
Merke Merke: Konzentrische Kreise als Niveaulinien sind Erkennungszeichen rotationssymmetrischer Funktionen.

5.3 Beispiel: Sattel f(x,y)=x2y2f(x, y) = x^2 - y^2

Drehen wir das Vorzeichen um, kippt die Schüssel zu einem Sattel. Aus dem Paraboloid wird die Sattelfläche, die Niveaulinien werden zu Hyperbeln. In der Vorlesung haben wir das als wichtigstes Sattel-Beispiel gesehen.

Niveau-Gleichung x2y2=Cx^2 - y^2 = C. Bei C=0C = 0 hilft die dritte binomische Formel: (x+y)(xy)=0(x + y)(x - y) = 0, also y=xy = x oder y=xy = -x. Die Niveaulinie zum Niveau 00 besteht aus zwei Geraden durch den Ursprung.

Für C0C \neq 0 kommen Hyperbeln. Bei C>0C > 0 öffnen sich die Äste entlang der xx-Achse (Probe y=0y = 0: x=±Cx = \pm\sqrt{C}). Bei C<0C < 0 formen wir um zu y2x2=Cy^2 - x^2 = -C, die Äste öffnen sich entlang der yy-Achse.

Nullniveau (C=0C = 0)
x2y2=0    (x+y)(xy)=0    y=x  oder  y=xx^2 - y^2 = 0 \;\Longleftrightarrow\; (x + y)(x - y) = 0 \;\Longleftrightarrow\; y = x \;\text{oder}\; y = -x
Zwei Geraden durch den Ursprung.
Hyperbeln zu C0C \neq 0
C>0:    x2y2=C    A¨ste entlang x-AchseC<0:    y2x2=C    A¨ste entlang y-Achse\begin{aligned} C > 0 &: \;\; x^2 - y^2 = C \;\Rightarrow\; \text{Äste entlang } x\text{-Achse} \\ C < 0 &: \;\; y^2 - x^2 = -C \;\Rightarrow\; \text{Äste entlang } y\text{-Achse} \end{aligned}
Vorzeichen von CC entscheidet die Öffnungsrichtung.
Formel Spickzettel: Sattel
x2y2=Cx^2 - y^2 = C
C>0C > 0: Hyperbel entlang xx-Achse. C<0C < 0: entlang yy-Achse. C=0C = 0: y=±xy = \pm x.
Merke Merke: Diagonalen y=±xy = \pm x trennen die zwei Hyperbel-Familien.

5.4 Beispiel: Halbsphäre g(x,y)=1(x2+y2)g(x, y) = \sqrt{1 - (x^2 + y^2)}

Jetzt ein Beispiel, in dem der Definitionsbereich nicht ganz R2\mathbb{R}^2 ist. Die Wurzel verlangt 1(x2+y2)01 - (x^2 + y^2) \geq 0, also D(g)={x2+y21}D(g) = \{x^2 + y^2 \leq 1\}, die geschlossene Einheitskreisscheibe. Die Wurzel ist nichtnegativ und maximal 11 (am Ursprung), also W(g)=[0,1]W(g) = [0, 1].

Niveaulinien: setze g(x,y)=Cg(x, y) = C, quadriere beide Seiten (beide nichtnegativ, also Äquivalenzumformung). Aus C2=1x2y2C^2 = 1 - x^2 - y^2 wird x2+y2=1C2x^2 + y^2 = 1 - C^2. Das ist wieder eine Kreisgleichung, mit Radius R(C)=1C2R(C) = \sqrt{1 - C^2}. Definiert für 0C10 \leq C \leq 1.

Hübsche Identität: Radius und Niveau erfüllen R(C)2+C2=1R(C)^2 + C^2 = 1. Die Punkte (R(C),C)(R(C), C) liegen selbst auf einem Einheitskreis. Genau das macht gg zur oberen Halbsphäre, also zur oberen Hälfte der Einheitssphäre x2+y2+z2=1x^2 + y^2 + z^2 = 1 mit z0z \geq 0.

!!
Definitions- und Wertebereich
D(g)={(x,y)R2x2+y21},    W(g)=[0,1]D(g) = \{\, (x, y) \in \mathbb{R}^2 \mid x^2 + y^2 \leq 1 \,\}, \;\; W(g) = [0, 1]
Geschlossene Einheitskreisscheibe.
Herleitung der Niveaulinien
C=1(x2+y2)C2=1x2y2x2+y2=1C2\begin{aligned} C &= \sqrt{1 - (x^2 + y^2)} \\ C^2 &= 1 - x^2 - y^2 \\ x^2 + y^2 &= 1 - C^2 \end{aligned}
Quadrieren ist Äquivalenzumformung, weil beide Seiten nichtnegativ sind.
!!
Identität Halbsphäre
R(C)2+C2=1R(C)^2 + C^2 = 1
Kreisgleichung in (R,C)(R, C). Charakterisiert die Halbsphäre.
Formel Spickzettel: Halbsphäre
x2+y2=1C2x^2 + y^2 = 1 - C^2
Kreis Radius 1C2\sqrt{1 - C^2}, definiert für 0C10 \leq C \leq 1.
Merke Identität: R(C)2+C2=1R(C)^2 + C^2 = 1. Erkennt die Halbsphäre.
Notation Halbsphäre vs Halbkugel
Halbsphäre = Oberfläche (Fläche). Halbkugel = gefülltes Volumen (Region im R3\mathbb{R}^3).

5.5 Spezialfälle: Punkt, leere Menge, gefüllte Fläche

Manchmal schrumpft eine Niveaulinie zu einem Punkt, manchmal verschwindet sie ganz, manchmal füllt sie eine Region im R2\mathbb{R}^2 aus. Wir illustrieren das an der Halbsphäre gg aus 5.4.

Bei C=1C = 1 gilt x2+y2=0x^2 + y^2 = 0, also x=y=0x = y = 0: die Niveaulinie schrumpft auf den einzigen Punkt {(0,0)}\{(0, 0)\}. Bei C>1C > 1 oder C<0C < 0 liegt CC ausserhalb von W(g)=[0,1]W(g) = [0, 1], die Niveaulinie ist die leere Menge.

Allgemein kann eine Niveaulinie auch eine ganze Fläche füllen, wenn ff auf einem Gebiet konstant ist.

Drei Fälle für die Halbsphäre gg
C=1:    N1={(0,0)}    (Punkt)C(0,1):    Kreis Radius 1C2C>1 oder C<0:    NC=,    CW(g)\begin{aligned} C = 1 &: \;\; N_1 = \{(0, 0)\} \;\; (\text{Punkt}) \\ C \in (0, 1) &: \;\; \text{Kreis Radius } \sqrt{1 - C^2} \\ C > 1 \text{ oder } C < 0 &: \;\; N_C = \emptyset, \;\; C \notin W(g) \end{aligned}
Drei mögliche Geometrien: Punkt, Kurve, leere Menge.
Merke Vier mögliche Geometrien: Kurve (Standard), Punkt, leere Menge (CW(f)C \notin W(f)), Region im R2\mathbb{R}^2 (ff konstant).
Prüfungstipp Vor dem Zeichnen: CW(f)C \in W(f)? Falls nein, leer.

6.1 Isothermen und Isobaren

Niveaulinien sind nicht abstrakt: jedes pVpV-Diagramm zeigt sie. Aus 2.2 kennen wir die Zustandsgleichung T(p,V)=pVnRT(p, V) = \frac{pV}{nR}. Ihre Niveaulinien sind Punkte gleicher Temperatur im pVpV-Diagramm. Setzen wir T=T0T = T_0 konstant, ergibt sich V=nRT0pV = \frac{n R T_0}{p}, eine Hyperbel im ersten Quadranten. Diese Hyperbeln heissen Isothermen.

Analog heissen Niveaulinien zu konstantem Druck Isobaren. Beides sind Niveaulinien einer Funktion in zwei Variablen, nur in der Sprache der Thermodynamik.

Isotherme zum Temperaturniveau T0T_0
pVnR=T0    V=nRT0p\frac{p\,V}{n\,R} = T_0 \;\Longleftrightarrow\; V = \frac{n\,R\,T_0}{p}
Hyperbel im pVpV-Diagramm, p>0p > 0, V>0V > 0.
Formel Spickzettel: Isotherme
V=nRT0pV = \tfrac{n\,R\,T_0}{p}
Hyperbel im pVpV-Diagramm zum Temperaturniveau T0T_0.
Merke Merke: Isotherme = TT const. Isobare = pp const.
Querverweis Verweise
→ 2.2 Zustandsgleichung

6.2 Cheat-Sheet: Standard-Niveaulinien

Vier Funktionen, die du auf einen Blick erkennen solltest. Sie decken praktisch alle Klausur-Beispiele für IV.1 ab.

Funktion Def-/Wertebereich Niveaulinien (Flächentyp)
f=ax+by+cf = a x + b y + c D=R2D = \mathbb{R}^2, W=RW = \mathbb{R} Geraden ax+by=Cca x + b y = C - c (Ebene)
f=x2+y2f = x^2 + y^2 D=R2D = \mathbb{R}^2, W=[0,)W = [0, \infty) Kreise Radius C\sqrt{C} (Paraboloid)
f=x2y2f = x^2 - y^2 D=R2D = \mathbb{R}^2, W=RW = \mathbb{R} Hyperbeln; C=0C = 0: y=±xy = \pm x (Sattel)
g=1x2y2g = \sqrt{1 - x^2 - y^2} DD: x2+y21x^2 + y^2 \leq 1, W=[0,1]W = [0, 1] Kreise Radius 1C2\sqrt{1 - C^2} (Halbsphäre)
Vier Standard-Funktionen mit ihren Niveaulinien.
Merke Vier Standard-Geometrien: Ebene, Paraboloid, Sattel, Halbsphäre.