1.1 Erinnerung: Ableitung in einer Variable

Bevor wir das mit zwei Variablen angehen, kurz das aus Analysis I auffrischen. In einer Variable ist die Ableitung von ff an der Stelle xx die Steigung der Kurve genau dort. Formal: nimm einen winzigen Schritt Δx\Delta x, miss wie stark ff sich ändert, teile durch Δx\Delta x, und schau was passiert wenn Δx\Delta x gegen Null geht.

Drei Schreibweisen für dieselbe Sache: f(x)f'(x), dfdx(x)\frac{df}{dx}(x) und ddxf(x)\frac{d}{dx}f(x). Welche du nutzt, hängt vom Geschmack ab. Inhaltlich identisch.

!!
Ableitung in einer Variable
f(x)=dfdx(x)=limΔx0f(x+Δx)f(x)Δxf'(x) = \frac{df}{dx}(x) = \lim_{\Delta x \to 0} \frac{f(x+\Delta x) - f(x)}{\Delta x}
Steigung der Tangente an y=f(x)y = f(x) am Punkt (x,f(x))(x, f(x)). Limes des Differenzenquotienten.
Notation ff', dfdx\frac{df}{dx}
Zwei gängige Schreibweisen für dieselbe Ableitung in einer Variable. Identisch in Bedeutung.
Merke Bild im Kopf: Steigung der Tangente an die Kurve y=f(x)y = f(x) im Punkt (x,f(x))(x, f(x)).

1.2 Verallgemeinerung: was heisst Ableiten bei zwei Variablen?

Stell dir den Graphen z=f(x,y)z = f(x, y) als Hügelland vor. Über jedem Punkt (x,y)(x, y) der Ebene steht eine Höhe f(x,y)f(x, y), und die Spitzen aller Höhen bilden eine Fläche im R3\mathbb{R}^3.

Bei einer Variable war die Ableitung die Steigung der Kurve. Bei zwei Variablen ist die Steigung des Hügels nicht eindeutig: je nach Himmelsrichtung kann es steil oder flach werden. Stell dir vor, du stehst auf einem Bergsattel. Nordwärts geht es bergauf, ostwärts bergab. Welche Steigung soll die Ableitung jetzt liefern?

Lösung der Vorlesung: zwei Spezial-Richtungen rauspicken, nämlich entlang der xx-Achse und entlang der yy-Achse. Pro Richtung eine Steigung. Beide zusammen heissen die partiellen Ableitungen. Allgemeinere Richtungen (beliebige Vektoren) kommen erst in IV.7 (Richtungsableitung).

Merke Hügel-Bild: z=f(x,y)z = f(x, y) als Höhe über der xyxy-Ebene. Steigung hängt von der Richtung ab.
Notation Achsenrichtungen
xx-Richtung: bewege xx, halte yy fest. yy-Richtung: umgekehrt. Allgemeine Richtungen folgen in IV.7.

1.3 Trick: eine Variable fixieren

Einfachster Trick aus der Vorlesung: yy festhalten und nach xx ableiten. Das nennen wir Slicing: wir schneiden den Hügel mit einer vertikalen Ebene y=y0y = y_0. Die Schnittkurve ist eine Kurve, und auf der können wir wie gewohnt ableiten.

Formal: setze y0y_0 fest und definiere die Hilfsfunktion g(x):=f(x,y0)g(x) := f(x, y_0). Diese gg frisst nur noch eine Variable, ist also eine ganz normale Funktion in einer Variable. Klassisch differenzieren liefert g(x)g'(x), und das ist genau die Steigung von ff in xx-Richtung am Punkt (x,y0)(x, y_0).

Slice-Funktion
g(x):=f(x,y0)g(x) := f(x, y_0)
y0y_0 wird als feste Zahl behandelt, nicht als Variable. gg ist Funktion in einer Variable xx.
Ableitung der Slice-Funktion
g(x)=limΔx0f(x+Δx,y0)f(x,y0)Δxg'(x) = \lim_{\Delta x \to 0} \frac{f(x+\Delta x,\, y_0) - f(x, y_0)}{\Delta x}
Differenzenquotient in einer Variable. y0y_0 steht nur als Parameter im Funktionswert, nicht im Limes.
Formel Spickzettel: Slice
g(x):=f(x,y0)g(x) := f(x, y_0)
y0y_0 ist fest, xx variiert. gg ist Funktion in einer Variable.
Notation Slice gg vs ff
gg und ff sind zwei Objekte: ff lebt im R2\mathbb{R}^2, gg ist die Schnittfunktion in einer Variable entlang y=y0y = y_0.

2.1 Definition der partiellen Ableitung

Schreiben wir den Slice-Trick aus 1.3 sauber als Definition auf. Statt g(x)g'(x) schreiben wir fx(x0,y0)f_x(x_0, y_0) oder fx(x0,y0)\frac{\partial f}{\partial x}(x_0, y_0), und meinen damit dieselbe Sache: die Steigung von ff in xx-Richtung am Punkt (x0,y0)(x_0, y_0).

Das geschwungene \partial liest sich 'del'. Es macht sichtbar, dass mehrere Variablen im Spiel sind und wir nur nach einer ableiten. Bei einer Variable braucht das niemand, da reicht ddx\frac{d}{dx}. Bei zwei oder mehr Variablen wäre ddx\frac{d}{dx} missverständlich, weil unklar ist, welche anderen Variablen fix bleiben.

!!!
Partielle Ableitung nach xx
fx(x0,y0):=fx(x0,y0):=limΔx0f(x0+Δx,y0)f(x0,y0)Δx\begin{aligned} f_x(x_0, y_0) &:= \frac{\partial f}{\partial x}(x_0, y_0) \\ &:= \lim_{\Delta x \to 0} \frac{f(x_0+\Delta x,\, y_0) - f(x_0, y_0)}{\Delta x} \end{aligned}
Differenzenquotient in einer Variable an der Stelle (x0,y0)(x_0, y_0), y0y_0 bleibt fest.
!!!
Partielle Ableitung nach yy
fy(x0,y0):=fy(x0,y0):=limΔy0f(x0,y0+Δy)f(x0,y0)Δy\begin{aligned} f_y(x_0, y_0) &:= \frac{\partial f}{\partial y}(x_0, y_0) \\ &:= \lim_{\Delta y \to 0} \frac{f(x_0,\, y_0+\Delta y) - f(x_0, y_0)}{\Delta y} \end{aligned}
Analog. Jetzt wandert nur yy um Δy\Delta y, x0x_0 bleibt fest.
Definition fx(x0,y0)f_x(x_0, y_0)
Partielle Ableitung von ff nach xx an der Stelle (x0,y0)(x_0, y_0). Limes des Differenzenquotienten in einer Variable in xx-Richtung mit festgehaltenem y0y_0.
Notation fxf_x, fx\frac{\partial f}{\partial x}, xf\partial_x f
Drei Schreibweisen, eine Bedeutung. Aussprache: 'del f nach del x'. Such dir eine aus, bleib konsistent.
Notation \partial vs dd
\partial macht sichtbar, dass mehrere Variablen vorhanden sind. dd bei einer Variable, \partial ab zwei. Anders wäre unklar, welche Variable fix bleibt.
Formel Spickzettel: Definition
fx=limΔx0f(x0+Δx,y0)f(x0,y0)Δxf_x = \lim_{\Delta x \to 0} \tfrac{f(x_0+\Delta x,\, y_0) - f(x_0, y_0)}{\Delta x}
Limes in einer Variable mit fixiertem yy. Analog für fyf_y mit fixiertem xx.

2.2 Beispiel: Polynom mit Vorzeichen-Stolperfallen

Nehmen wir das erste Beispiel der Vorlesung: ein Polynom mit gemischten Termen. Daran sieht man sofort, welche Terme verschwinden und welche überleben.

Beispiel-Funktion
f(x,y)=(x54)3(y12)2x+3y+152f(x, y) = \bigl(x - \tfrac{5}{4}\bigr)^3 \bigl(y - \tfrac{1}{2}\bigr)^2 - x + 3y + \tfrac{15}{2}
Vier Summanden: ein Mischterm, ein reiner xx-Term, ein reiner yy-Term, eine Konstante.

Ableitung nach xx: behandle yy als Konstante. Der Mischterm (x54)3(y12)2(x-\tfrac{5}{4})^3 (y-\tfrac{1}{2})^2 liefert per Kettenregel den Faktor 3(x54)23(x-\tfrac{5}{4})^2, der (y12)2(y-\tfrac{1}{2})^2-Faktor bleibt unangetastet. Der Term x-x liefert 1-1. Die reinen yy-Terme +3y+3y und +152+\tfrac{15}{2} sind beide Konstanten in xx, also Ableitung null.

Ableitung nach xx
fx(x,y)=3(x54)2(y12)21f_x(x, y) = 3 \bigl(x - \tfrac{5}{4}\bigr)^2 \bigl(y - \tfrac{1}{2}\bigr)^2 - 1
+3y+3y und +152+\tfrac{15}{2} sind Konstanten in xx, fallen weg.

Ableitung nach yy: jetzt ist xx konstant. Der Mischterm liefert (x54)32(y12)(x-\tfrac{5}{4})^3 \cdot 2(y-\tfrac{1}{2}). Der Term x-x ist Konstante in yy, fällt weg. +3y+3y liefert +3+3. +152+\tfrac{15}{2} fällt auch weg.

Ableitung nach yy
fy(x,y)=2(x54)3(y12)+3f_y(x, y) = 2 \bigl(x - \tfrac{5}{4}\bigr)^3 \bigl(y - \tfrac{1}{2}\bigr) + 3
x-x und +152+\tfrac{15}{2} sind Konstanten in yy, fallen weg.
Formel Spickzettel: Mischterm
x[(xa)m(yb)n]=m(xa)m1(yb)n\partial_x \bigl[(x-a)^m (y-b)^n\bigr] = m(x-a)^{m-1}(y-b)^n
yy-Faktor bleibt unangetastet. Analog für y\partial_y.
Prüfungstipp Pro Summand fragen: enthält dieser die Ableit-Variable? Wenn nein, Ableitung null.

3.1 Definition: fxxf_{xx}, fxyf_{xy}, fyxf_{yx}, fyyf_{yy}

fxf_x und fyf_y sind selber Funktionen in xx und yy. Also kann man sie nochmal partiell ableiten. Pro Reihenfolge bekommt man eine sogenannte zweite partielle Ableitung.

Vier Möglichkeiten: erst nach xx und dann nochmal nach xx (fxxf_{xx}), erst nach xx und dann nach yy (fxyf_{xy}), erst nach yy und dann nach xx (fyxf_{yx}), erst nach yy und dann nochmal nach yy (fyyf_{yy}). Die ersten und letzten heissen rein, die mittleren beiden gemischt.

Reine zweite Ableitungen
fxx:=(fx)x,    fyy:=(fy)yf_{xx} := (f_x)_x, \;\; f_{yy} := (f_y)_y
Zweimal hintereinander nach derselben Variable ableiten.
Gemischte zweite Ableitungen
fxy:=(fx)y,    fyx:=(fy)xf_{xy} := (f_x)_y, \;\; f_{yx} := (f_y)_x
Erst nach der erstgenannten Variable, dann nach der zweiten. Bei fxyf_{xy} also zuerst nach xx.

Lese-Konvention der Vorlesung: fxyf_{xy} heisst erst nach xx, dann nach yy. Die Reihenfolge der Indizes liest sich von links nach rechts. Manche Texte interpretieren fxyf_{xy} umgekehrt (erst yy, dann xx). Wir folgen der Mitschrift.

Definition Zweite Ableitungen
fxx=(fx)xf_{xx} = (f_x)_x, fyy=(fy)yf_{yy} = (f_y)_y (rein); fxy=(fx)yf_{xy} = (f_x)_y, fyx=(fy)xf_{yx} = (f_y)_x (gemischt).
Notation Reihenfolge bei fxyf_{xy}
Mitschrift-Konvention: fxy=(fx)yf_{xy} = (f_x)_y. Erst nach xx, dann nach yy. Erste Index-Variable wird zuerst abgeleitet, bei fxyf_{xy} also zuerst nach xx. Manche Texte interpretieren das umgekehrt.
Merke Schwarz-Vorschau: fxy=fyxf_{xy} = f_{yx} für stetig differenzierbare ff. Beweis in IV.3.

3.2 Beispiel: f(x,y)=ex3+3yf(x, y) = e^{x^3+3y}, alle Ableitungen bis zur 2. Ordnung

Wir rechnen alle ersten und zweiten Ableitungen einer Exponentialfunktion durch. Die Ableitung einer e-Funktion ist immer wieder die e-Funktion selbst, mal die innere Ableitung.

Beispiel-Funktion
f(x,y)=ex3+3yf(x, y) = e^{x^3 + 3y}
Zwei Variablen im Exponenten. Innere Funktion: h(x,y)=x3+3yh(x, y) = x^3 + 3y.

Erste Ableitungen via Kettenregel. Innere Ableitung nach xx ist 3x23x^2, nach yy ist 33. Die äussere Ableitung der e-Funktion ist die e-Funktion selbst.

Ableitung nach xx
fx(x,y)=3x2ex3+3yf_x(x, y) = 3 x^2 \, e^{x^3 + 3y}
Innere Ableitung x(x3+3y)=3x2\partial_x(x^3+3y) = 3x^2.
Ableitung nach yy
fy(x,y)=3ex3+3yf_y(x, y) = 3 \, e^{x^3 + 3y}
Innere Ableitung y(x3+3y)=3\partial_y(x^3+3y) = 3.

Zweite Ableitungen: einfach nochmal ableiten. fxxf_{xx} braucht die Produktregel auf 3x2ex3+3y3x^2 \cdot e^{x^3+3y}:

fxxf_{xx}
fxx(x,y)=(6x+9x4)ex3+3yf_{xx}(x, y) = \bigl(6x + 9 x^4\bigr) \, e^{x^3 + 3y}
Produktregel: 6xex3+3y+3x23x2ex3+3y6x \cdot e^{x^3+3y} + 3x^2 \cdot 3x^2 \, e^{x^3+3y}, dann ausklammern.

fxy=(fx)yf_{xy} = (f_x)_y: 3x23x^2 ist Konstante in yy, ex3+3ye^{x^3+3y} liefert den Kettenregel-Faktor 33. Dasselbe in der anderen Reihenfolge (fyxf_{yx}) liefert dieselbe Form.

fxyf_{xy}
fxy(x,y)=9x2ex3+3yf_{xy}(x, y) = 9 x^2 \, e^{x^3 + 3y}
Aus 3x2ex3+3y3x^2 \, e^{x^3+3y} nach yy ableiten: 3x23ex3+3y3x^2 \cdot 3 \cdot e^{x^3+3y}.
fyxf_{yx}
fyx(x,y)=9x2ex3+3yf_{yx}(x, y) = 9 x^2 \, e^{x^3 + 3y}
Aus 3ex3+3y3 \, e^{x^3+3y} nach xx ableiten: 33x2ex3+3y3 \cdot 3x^2 \cdot e^{x^3+3y}.
fyyf_{yy}
fyy(x,y)=9ex3+3yf_{yy}(x, y) = 9 \, e^{x^3 + 3y}
Aus 3ex3+3y3 \, e^{x^3+3y} nach yy: 33ex3+3y3 \cdot 3 \cdot e^{x^3+3y}.

Beobachtung: fxyf_{xy} und fyxf_{yx} sind identisch. Die Reihenfolge der gemischten Ableitungen spielt also keine Rolle. Genau das ist der Inhalt des Satzes von Schwarz, den wir in IV.3 sauber beweisen.

!!
Schwarz-Beobachtung
fxy(x,y)=fyx(x,y)=9x2ex3+3yf_{xy}(x, y) = f_{yx}(x, y) = 9 x^2 \, e^{x^3 + 3y}
Beobachtet, nicht hier bewiesen. Beweis und allgemeine Aussage in IV.3.
Formel Spickzettel: erste
fx=3x2ex3+3y,    fy=3ex3+3yf_x = 3x^2 e^{x^3+3y}, \;\; f_y = 3 e^{x^3+3y}
Kettenregel mit innerer Ableitung 3x23x^2 bzw 33.
Formel Spickzettel: zweite
fxx=(6x+9x4)ex3+3y,    fyy=9ex3+3yf_{xx} = (6x+9x^4)e^{x^3+3y}, \;\; f_{yy} = 9 e^{x^3+3y}
Reine zweite. fxxf_{xx} braucht Produktregel.
Merke Schwarz: fxy=fyx=9x2ex3+3yf_{xy} = f_{yx} = 9x^2 e^{x^3+3y}. Reihenfolge egal bei stetig differenzierbaren ff.

4.1 Definition: grad(f)\operatorname{grad}(f) als Vektor

fxf_x und fyf_y zusammen ergeben einen Vektor: den Gradienten von ff. An jedem Punkt (x0,y0)(x_0, y_0) kannst du beide Steigungen ausrechnen und als Spaltenvektor stapeln.

!!!
Gradient
grad(f(x0,y0))=(fx(x0,y0)fy(x0,y0))\operatorname{grad}(f(x_0, y_0)) = \begin{pmatrix} f_x(x_0, y_0) \\ f_y(x_0, y_0) \end{pmatrix}
Spaltenvektor mit beiden partiellen Ableitungen. Definiert für jeden Punkt (x0,y0)(x_0, y_0) separat.

'Gleich' heisst hier: für jede Stelle, an der ff partiell differenzierbar ist. Der Gradient ist damit selbst eine Funktion: jedem Punkt (x0,y0)(x_0, y_0) ordnet er einen Vektor im R2\mathbb{R}^2 zu. In der Sprache der Vektoranalysis: ein Vektorfeld.

Definition Gradient
grad(f(x0,y0))\operatorname{grad}(f(x_0, y_0)) ist der Spaltenvektor (fx,fy)(f_x, f_y)^\top am Punkt (x0,y0)(x_0, y_0). Vektor der partiellen Ableitungen.
Notation grad(f)\operatorname{grad}(f) vs f\vec{\nabla} f
Wir schreiben grad(f)\operatorname{grad}(f). Das Symbol f\vec{\nabla} f ('Nabla') liefert die gleiche Bedeutung; formal eingeführt in IV.7.
Notation Spalte vs Zeile
Mitschrift: Spaltenvektor (Matrixprodukt-kompatibel). Manche Texte schreiben einen Zeilenvektor. Inhalt identisch, nur Schreibweise.
Formel Spickzettel: Gradient
grad(f)=(fxfy)\operatorname{grad}(f) = \begin{pmatrix} f_x \\ f_y \end{pmatrix}
Beide partiellen Ableitungen, gestapelt.

4.2 Vorschau: was bedeutet der Gradient geometrisch?

Geometrisch sagt grad(f)\operatorname{grad}(f) mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. In IV.2 nehmen wir den Gradienten rein algebraisch: zwei partielle Ableitungen, in einen Vektor gepackt. Das genügt vorerst.

Vorschau für IV.7: grad(f(x0,y0))\operatorname{grad}(f(x_0, y_0)) zeigt in die Richtung des steilsten Anstiegs des Hügels z=f(x,y)z = f(x, y) am Punkt (x0,y0)(x_0, y_0). Sein Betrag misst, wie steil dieser Anstieg ist. Und er steht senkrecht auf der Niveaulinie durch (x0,y0)(x_0, y_0). Hier weder Beweis noch eigene Herleitung. Beides kommt mit dem nötigen Werkzeug in IV.7.

Wann brauche ich den Gradienten? Drei Hauptanwendungen warten in den nächsten Kapiteln. Erstens: Tangentialebene an den Graphen z=f(x,y)z = f(x, y) in IV.4 (grad(f)\operatorname{grad}(f) liefert die Steigungen der Ebene). Zweitens: Extrema in IV.5 (notwendige Bedingung grad(f)=0\operatorname{grad}(f) = \mathbf{0}). Drittens: Richtung des steilsten Anstiegs in IV.7.

Merke Wofür den Gradienten?
Drei Hauptanwendungen: Tangentialebene (IV.4), Extrema (IV.5), Anstiegsrichtung und Senkrechte auf Niveaulinien (IV.7).
Prüfungstipp In IV.2 nur algebraisch berechnen. Geometrische Deutung kommt mit Beweis in IV.7.

5.1 Aufgabe: finde alle ff mit fx0f_x \equiv 0

Drehen wir die Frage um. Was, wenn die partielle Ableitung gegeben ist und ff gesucht? In einer Variable wäre das Stammfunktion-Bilden: aus f(x)=g(x)f'(x) = g(x) wird f(x)=g(x)dx+Cf(x) = \int g(x)\,dx + C, mit CRC \in \mathbb{R} als Integrationskonstante.

In zwei Variablen ist die Idee gleich, aber die 'Konstante' wird komplizierter. Aus fx0f_x \equiv 0 folgt: ff ist in xx-Richtung konstant. Nur in xx-Richtung. Bezüglich yy kann sich ff frei verändern. Damit hängt ff nur von yy ab, ohne weitere Einschränkung.

!!
Lösung von fx0f_x \equiv 0
f(x,y)=C(y),    C beliebige Funktion in yf(x, y) = C(y), \;\; C \text{ beliebige Funktion in } y
C(y)C(y) ist KEINE Zahl. CC ist eine beliebige Funktion in der nicht-integrierten Variable yy.

Gegenprobe: leite C(y)C(y) partiell nach xx ab. Da CC nur von yy abhängt, ist es eine Konstante in xx. Ableitung null. Passt zur Voraussetzung fx0f_x \equiv 0.

Formel Spickzettel: fx0f_x \equiv 0
f(x,y)=C(y)f(x, y) = C(y)
C(y)C(y) beliebige Funktion in yy.
Notation C(y)C(y) ist eine Funktion
Achtung: C(y)C(y), u(x)u(x), v(y)v(y), U(x)U(x), V(y)V(y) sind beliebige Funktionen in der jeweiligen Variable, KEINE Zahlen wie in einer Variable. Häufigste Stolperfalle in IV.2.

5.2 Aufgabe: finde alle ff mit fy=cos(y/x)f_y = \cos(y/x)

Jetzt mit nicht-trivialer rechter Seite. Aus fy(x,y)=cos(y/x)f_y(x, y) = \cos(y/x) mit x0x \neq 0 wird die Frage: integriere nach yy, xx bleibt Parameter.

Substitution u:=y/xu := y/x macht es einfach. Bei festgehaltenem xx ist uu linear in yy mit dudy=1x\frac{du}{dy} = \frac{1}{x}, also dy=xdudy = x\,du. Damit wird cos(y/x)dy=cos(u)xdu=xsin(u)+const=xsin(y/x)+const\int \cos(y/x)\,dy = \int \cos(u) \cdot x\,du = x \sin(u) + \text{const} = x \sin(y/x) + \text{const}.

Die 'Konstante' beim Integrieren nach yy ist eine beliebige Funktion in xx, nennen wir sie u(x)u(x). Achtung Notations-Doppelbelegung: das uu aus der Substitution (u=y/xu = y/x) ist hier weg; u(x)u(x) ist eine neue beliebige Funktion in xx.

!!
Lösung von fy=cos(y/x)f_y = \cos(y/x)
f(x,y)=xsin ⁣(yx)+u(x),    u beliebigf(x, y) = x \sin\!\left(\tfrac{y}{x}\right) + u(x), \;\; u \text{ beliebig}
u(x)u(x) beliebige Funktion in xx, nicht zu verwechseln mit der Substitutions-Variable u=y/xu = y/x aus der Rechnung.

Gegenprobe: y[xsin(y/x)]=xcos(y/x)1x=cos(y/x)\partial_y \bigl[x \sin(y/x)\bigr] = x \cdot \cos(y/x) \cdot \frac{1}{x} = \cos(y/x). Plus yu(x)=0\partial_y u(x) = 0. Stimmt zu fy=cos(y/x)f_y = \cos(y/x).

Formel Spickzettel
f=xsin(y/x)+u(x)f = x \sin(y/x) + u(x)
u(x)u(x) beliebig in xx.
Notation Doppel-uu
uu aus der Substitution (u=y/xu = y/x) und u(x)u(x) aus der 'Konstante' sind zwei verschiedene Objekte. Nicht verwechseln.

5.3 Aufgabe: finde alle ff mit fxy0f_{xy} \equiv 0; Beispiel Artanh(y/x)\operatorname{Artanh}(y/x)

Letzter Spezialfall. Was, wenn die gemischte zweite Ableitung verschwindet? Aus fxy0f_{xy} \equiv 0 folgt, dass fxf_x konstant in yy ist (denn (fx)y=0(f_x)_y = 0). Also fx(x,y)=u(x)f_x(x, y) = u(x) mit uu beliebig in xx.

Jetzt nach xx integrieren: Stammfunktion UU von uu, plus die 'Integrations-Konstante' beim dx\int \cdots dx, die wieder eine beliebige Funktion ist, nennen wir sie V(y)V(y). Damit:

!!!
Lösung von fxy0f_{xy} \equiv 0
f(x,y)=U(x)+V(y),    U,V beliebigf(x, y) = U(x) + V(y), \;\; U, V \text{ beliebig}
ff zerfällt in einen reinen xx-Term plus einen reinen yy-Term. Variablen werden nicht gemischt.

Anschaulich: in Funktionen mit fxy0f_{xy} \equiv 0 kommen xx und yy nicht 'gemischt' vor, sondern jeder in seinem eigenen Summanden. Das ist die Aussage der Vorlesung in einer Zeile.

Zur Illustration ein Beispiel, das diese Form nicht hat. Wir rechnen alle ersten und zweiten Ableitungen von f(x,y)=Artanh(y/x)f(x, y) = \operatorname{Artanh}(y/x) durch und schauen, was bei fxyf_{xy} rauskommt.

Beispiel-Funktion
f(x,y)=Artanh ⁣(yx)f(x, y) = \operatorname{Artanh}\!\left(\tfrac{y}{x}\right)
Definitionsbereich: y/x<1|y/x| < 1, also y<x|y| < |x| mit x0x \neq 0.
Erinnerung Artanh-Ableitung
Artanh(t)=11t2\operatorname{Artanh}'(t) = \frac{1}{1 - t^2}
Aus Analysis I bekannt. Innere Ableitung folgt aus Kettenregel.

fxf_x: Kettenregel mit innerer Ableitung x(y/x)=y/x2\partial_x(y/x) = -y/x^2. Den Bruch 1(y/x)21 - (y/x)^2 schreibt man am besten gleich um: 1(y/x)2=(x2y2)/x21 - (y/x)^2 = (x^2 - y^2)/x^2. Damit kürzt sich x2x^2 und übrig bleibt:

fxf_x
fx=yx2y2f_x = \frac{-y}{x^2 - y^2}
Kettenregel mit Vereinfachung: 11(y/x)2yx2=yx2y2\frac{1}{1-(y/x)^2} \cdot \frac{-y}{x^2} = \frac{-y}{x^2-y^2}.

fyf_y: gleiche äussere Ableitung, innere Ableitung y(y/x)=1/x\partial_y(y/x) = 1/x. Wieder x2x^2 kürzen:

fyf_y
fy=xx2y2f_y = \frac{x}{x^2 - y^2}
Kettenregel: 11(y/x)21x=xx2y2\frac{1}{1-(y/x)^2} \cdot \frac{1}{x} = \frac{x}{x^2-y^2}.

fxyf_{xy} und fyxf_{yx}: Quotientenregel auf fxf_x nach yy bzw fyf_y nach xx. Beide liefern dieselbe Form, beide identisch zueinander (Schwarz lässt grüssen):

fxyf_{xy}
fxy=x2y2(x2y2)2f_{xy} = \frac{-x^2 - y^2}{(x^2 - y^2)^2}
Quotientenregel auf y/(x2y2)-y/(x^2-y^2) nach yy.
fyxf_{yx}
fyx=x2y2(x2y2)2f_{yx} = \frac{-x^2 - y^2}{(x^2 - y^2)^2}
Quotientenregel auf x/(x2y2)x/(x^2-y^2) nach xx. Identisch zu fxyf_{xy}.

Beobachtung: fxy=fyxf_{xy} = f_{yx}, wieder die Schwarz-Gleichheit. Aber: fxy0f_{xy} \neq 0, deshalb 'mischt' Artanh(y/x)\operatorname{Artanh}(y/x) tatsächlich Variablen. Genau das passt zur Aussage von oben: fxy0f_{xy} \equiv 0 ist äquivalent zu 'kein Mischen', und unser Beispiel mischt, also ist fxyf_{xy} ungleich null.

Merke Was sagt fxy0f_{xy} \equiv 0?
Merke: ff zerfällt in U(x)+V(y)U(x) + V(y). Variablen werden nicht gemischt.
Formel Spickzettel
fxy0    f=U(x)+V(y)f_{xy} \equiv 0 \;\Longleftrightarrow\; f = U(x) + V(y)
U,VU, V beliebige Funktionen.
Notation Artanh, tanh1\tanh^{-1}, atanh\operatorname{atanh}
Artanht=tanh1t=atanht\operatorname{Artanh} t = \tanh^{-1} t = \operatorname{atanh} t. Drei Namen, eine Funktion. Definiert für t<1|t| < 1.

5.4 Cheat-Sheet: Strategien zur Rekonstruktion von ff

Wenn die partielle Ableitung gegeben ist und ff gesucht: vier Standard-Situationen, vier Strategien. Schau auf die Tabelle, dann erinnerst du dich an die Antwort-Form.

Ausgangsdaten Strategie Antwort-Form
fxf_x bekannt nach xx integrieren; 'Konstante' ist Funktion in yy f=fxdx+C(y)f = \int f_x\,dx + C(y)
fyf_y bekannt nach yy integrieren; 'Konstante' ist Funktion in xx f=fydy+u(x)f = \int f_y\,dy + u(x)
fxy0f_{xy} \equiv 0 ff zerfällt in Summanden ohne Vermischung f=U(x)+V(y)f = U(x) + V(y)
ff stetig differenzierbar Schwarz garantiert fxy=fyxf_{xy} = f_{yx} gilt für alle Beispiele in IV.2
Strategien zur Rekonstruktion von ff aus partiellen Ableitungen.
Merke Vier Standard-Strategien: fxf_x, fyf_y, fxy0f_{xy} \equiv 0, plus Schwarz-Beobachtung als Sicherheitsnetz.
Prüfungstipp Gegenprobe ist immer das Letzte. Leite ab und prüf, ob die Voraussetzung rauskommt.

6.1 Aufgaben

Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: bei direkten Aufgaben Variable fixieren und partiell ableiten (jede andere Variable wie eine Konstante behandeln). Bei inversen Aufgaben (gegeben eine partielle Ableitung, gesucht ff) integrieren mit beliebiger Funktion in der nicht-integrierten Variable als 'Konstante'. Cheat-Sheet aus 5.4 deckt die typischen Fälle ab.