Bevor wir den Satz von Schwarz formulieren, klären wir kurz, was 'stetig' bei zwei Variablen heisst. Aus Analysis I kennst du Stetigkeit für Funktionen in einer Variable: stetig in bedeutet, dass jede Folge auch erfüllt. In zwei Variablen heisst es genauso, nur jetzt mit Folgen in der Ebene.
Formal: heisst stetig in , wenn für jede Folge in der Ebene mit auch gilt. Achtung: 'jede Folge' meint wirklich jede Annäherung, egal aus welcher Richtung.
Der Satz von Schwarz wird gleich verlangen, dass und stetig sind. Bei welchen Funktionen ist das automatisch der Fall?
Bei Polynomen, Exponentialfunktionen und trigonometrischen Funktionen sind alle partiellen Ableitungen aller Ordnungen automatisch stetig. Beispiel aus IV.2 §3.2: . Alle Ableitungen sind wieder Polynome mal , also auf ganz stetig. Für Schwarz reicht das.
Bei rationalen Funktionen (Quotienten von Polynomen): stetig auf dem Definitionsbereich, aber Vorsicht an Polstellen. Bei Wurzeln und Logarithmen: stetig im Inneren des Definitionsbereichs.
Jetzt der Hauptsatz dieses Kapitels.
Voraussetzungen: ist eine Funktion in zwei Variablen, offen, ein innerer Punkt. Die gemischten zweiten Ableitungen und existieren in einer Umgebung von und sind dort stetig.
Konklusion: Am Punkt stimmen und überein.
Die Idee des Beweises geht in drei Bewegungen. Erst ein kleines Quadrat mit einer Ecke bei aufstellen. Dann die Doppel-Differenz von auf zwei Wegen ausdrücken. Beide Wege liefern denselben Quotienten , einmal als -Wert, einmal als -Wert. Zum Schluss Limes für , und Stetigkeit verschiebt die Auswertung an den Punkt .
Konstruktion. Quadrat mit Ecken , , , . Wir nehmen so klein, dass alle vier Ecken in der Umgebung liegen, in der und stetig sind.
Erster Weg. Hilfsfunktion in einer Variable: pro misst den vertikalen 'Höhenunterschied' von zwischen und .
Die Doppel-Differenz vergleicht an zwei -Stellen:
Mittelwertsatz auf in -Richtung: es existiert mit . Da wieder eine Differenz an zwei -Stellen ist, dürfen wir den Mittelwertsatz nochmal anwenden, jetzt auf in -Richtung. Es existiert mit . Zusammen:
Zweiter Weg. Definiere mit vertauschten Rollen: pro misst den 'Längenunterschied' von zwischen und .
Schlüssel-Beobachtung: dieselbe Doppel-Differenz lässt sich auch über ausdrücken.
Mittelwertsatz zweimal, jetzt zuerst nach , dann nach . Es existieren und mit:
Limes-Schluss. Beide Ausdrücke und sind gleich , also identisch. Lassen wir gehen, schrumpft das Quadrat auf den Punkt . Die Punkte und konvergieren gegen , weil sie im schrumpfenden Quadrat eingeschlossen sind. Stetigkeit der Mischableitungen lässt den Grenzübergang durch:
Aus IV.2 §3.2 erinnern wir uns: bei kam als Beobachtung heraus. Mit Schwarz wird daraus jetzt ein Satz.
Diagramm dazu. Zwei Wege durch die Ableitungs-Reihenfolge führen zum selben Resultat. Erst nach , dann nach ergibt . Erst nach , dann nach ergibt . Schwarz garantiert: bei stetigen Mischableitungen sind beide Wege identisch.
Praktischer Wert. Bei Polynomen, Exponentialfunktionen und trigonometrischen Funktionen sind alle Voraussetzungen ohne weitere Prüfung erfüllt. Alle Ableitungen sind wieder Funktionen derselben Klasse, also stetig. Schwarz darf benutzt werden, ohne den Stetigkeits-Check explizit zu führen.
Schwarz fragt: gegeben , ist gleich ? Die Integrabilitätsbedingung dreht das um. Gegeben zwei Funktionen und , gibt es ein gemeinsames , dessen partielle Ableitungen genau diese sind?
Das umgekehrte Diagramm. Gegeben sind und als zwei stetig differenzierbare Funktionen in zwei Variablen. Gesucht ist eine einzige Funktion mit und auf demselben Definitionsbereich. Wenn so ein existiert, sagen wir, das Paar ist integrabel.
Notwendige Bedingung. Falls so ein existiert, dann gilt und . Aus Schwarz folgt , also muss gelten. Verletzen und diese Bedingung, kann kein gemeinsames existieren.
Schöner ist die umgekehrte Richtung. Die Bedingung ist auch hinreichend, sofern und stetig differenzierbar in einem achsenparallelen Rechteck sind.
Beweis dafür kommt nicht im Theorie-Block, sondern operational: in §4 zeigen wir an Beispielen, wie man aus konstruiert. Die Konstruktion ist der Beweis.
Vor jeder Rekonstruktion: prüf erst, ob IB überhaupt erfüllt ist. Spart Zeit, wenn IB scheitert.
Beispiel 1 (positiv). Sei und .
IB-Check: und . Beide Resultate identisch.
IB ist erfüllt, also existiert ein mit und . Konstruktion folgt in §4.1 und §4.2.
Beispiel 2 (negativ). Sei und .
IB-Check: und . Identisch nur auf der Geraden , sonst nirgends.
IB ist nicht erfüllt, also existiert kein mit und . Warum der Versuch trotzdem zerbricht (und genau so der Beweis dafür entsteht), zeigt §4.3.
Erste Idee zur Rekonstruktion: und getrennt aufstellen, dann die Resultate vergleichen. Konzeptionell klar, jeder Schritt ist Stammfunktion-Bilden. Als Beispiel nehmen wir und aus §3.2 (positives Beispiel, IB ist erfüllt).
Erster Integral-Pass. Aus folgt durch Integration nach ein Ausdruck, in dem die 'Konstante' eine beliebige Funktion in ist (siehe IV.2 §5.1). Aus analog mit Funktion in :
Vergleich. Beide Ausdrücke müssen dasselbe darstellen. Die rein--abhängigen Stücke aus Eq 2 (also und stehen schon in Eq 2; muss die rein--abhängigen Stücke von Eq 1 ergänzen, also plus eventuell eine echte Konstante). Analog für .
Aus Eq 1 lesen wir ab. Aus Eq 2 lesen wir mit derselben Konstante (denn das volle ist eindeutig bis auf eine reelle Zahl).
Schnellere Variante: integriere nur einmal, leite das Ergebnis nach der zweiten Variable ab und vergleiche mit . Dasselbe Beispiel wie in §4.1.
Eine Integration plus eine Ableitung. Erst in -Skelett mit Funktions-Loch aufstellen. Dann aus diesem Skelett ableiten und mit identifizieren, das gibt . Zum Schluss durch Integration.
einsetzen: , identisch zu §4.1.
Was passiert, wenn IB nicht erfüllt ist und man trotzdem zu rekonstruieren versucht? Antwort: der Versuch endet algebraisch unrettbar, und genau das ist der Beweis dafür, dass IB notwendige Bedingung ist.
Wir nehmen das negative Beispiel aus §3.2: und . IB-Check ergab vs , nicht identisch.
Vergleich. Eq 1 enthält den Mischterm . Damit Eq 2 dasselbe darstellt, müsste den Term tragen. Aber hängt nur von ab, kann also kein enthalten. Analog enthält Eq 2 den Mischterm , den nicht abdecken kann (hängt nur von ab).
Beide gemischten Terme sind algebraisch unrettbar. Schluss: kein existiert, das beiden Bedingungen gleichzeitig genügt.
| Schritt | Was tun | Resultat |
|---|---|---|
| 1. IB-Check | und ausrechnen | ⟹ weiter; ⟹ kein , fertig |
| 2. Variante 1 | und aufstellen | Vergleich; als Reste ablesen |
| 3. Variante 2 | bilden, dann | aus Vergleich mit , integrieren |
| 4. Gegenprobe | ausrechnen | mit vergleichen |
Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: bei Schwarz-Aufgaben Mischableitungen ausrechnen, Voraussetzungen (Stetigkeit) verifizieren, Gleichheit als Theorem berufen. Bei Rekonstruktions-Aufgaben erst IB-Check (), dann Variante 1 oder 2. Cheat-Sheet aus §4.3 deckt die Standardfälle ab.