1.1 Funktion in drei Variablen, lineares plus radiales Beispiel

Bei zwei Variablen war der Graph eine Hügel-Landschaft im Raum. In drei Variablen wäre er eine vierdimensionale Hyperfläche, die wir nicht mehr direkt zeichnen können. Wir brauchen ein anderes Werkzeug: Niveauflächen.

Stell dir den Druck im Raum vor: an jedem Punkt (x,y,z)(x, y, z) liefert ein Sensor einen Wert p(x,y,z)p(x, y, z). Das ist eine Funktion in drei Variablen. Genauso wie in zwei Variablen ordnet sie jedem Punkt eine reelle Zahl zu, nur lebt der Definitionsbereich jetzt im Raum statt in der Ebene.

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Funktion in drei Variablen
f:AR,    (x,y,z)f(x,y,z),    rf(r)f: A \to \mathbb{R},\;\; (x,y,z) \mapsto f(x,y,z),\;\; \vec{r} \mapsto f(\vec{r})
AR3A \subset \mathbb{R}^3 Teilmenge des Raums. Die kompakte Schreibweise rf(r)\vec{r} \mapsto f(\vec{r}) versteckt die drei Komponenten x,y,zx, y, z, ist aber praktisch sobald wir mit Vektoren rechnen.

Zwei Beispiele aus der Mitschrift, die uns durch das ganze Kapitel begleiten. Erstens die lineare Funktion mit vier Konstanten:

Beispiel: lineare Funktion
f(x,y,z)=ax+by+cz+df(x,y,z) = a x + b y + c z + d
Mit a,b,c,dRa, b, c, d \in \mathbb{R} konstant. Die einfachste nicht-triviale Funktion in drei Variablen, ihr Verhalten ist überall gleich.

Zweitens eine radiale Funktion, also eine, deren Wert nur vom Abstand zum Ursprung abhängt. Beispielhaft das Coulomb-typische Inverse-Abstand-Profil:

Beispiel: radiale Funktion 1/r1/|\vec{r}|
g(r):=1r=1x2+y2+z2g(\vec{r}) := \tfrac{1}{\lvert\vec{r}\rvert} = \tfrac{1}{\sqrt{x^2 + y^2 + z^2}}
Definiert für r0\vec{r} \neq \vec{0}. Genau diese Funktion misst das Coulomb-Potential einer Punktladung im Ursprung. Wert wächst gegen unendlich am Ursprung.

Bilder einer Funktion in drei Variablen sind schwierig zu zeichnen, denn der Graph {(x,y,z,f(x,y,z))}\{(x, y, z, f(x, y, z))\} liegt in vier Dimensionen (drei Eingang, ein Ausgang). Wir verwenden stattdessen oft Niveauflächen, das nächste Section führt sie ein.

Definition f:AR3Rf: A \subset \mathbb{R}^3 \to \mathbb{R}
Funktion in drei Variablen. Definitionsbereich AA ist Teilmenge des Raums, Werte in R\mathbb{R}. Kompakte Schreibweise rf(r)\vec{r} \mapsto f(\vec{r}) steht für (x,y,z)f(x,y,z)(x, y, z) \mapsto f(x, y, z).
Notation r\vec{r} vs (x,y,z)(x, y, z)
Beide Schreibweisen sind in der Mitschrift gängig. r\vec{r} ist kompakt und versteckt die Komponenten, (x,y,z)(x, y, z) ist explizit und nützlich, sobald partielle Ableitungen /x\partial/\partial x ins Spiel kommen. Inhalt identisch.
Merke Anschauung
Bild im Kopf: Druck p(x,y,z)p(x, y, z) im Raum, Temperatur T(x,y,z)T(x, y, z) im Zimmer, Coulomb-Potential Φ(r)\Phi(\vec{r}) um eine Ladung. Skalar an jedem Raumpunkt.

2.1 Niveaufläche zum Niveau CC, Beispiele Ebene und Kugelschale

Wie zeichnen wir eine Funktion in drei Variablen, wenn der direkte Graph in vier Dimensionen lebt? Antwort: wir schneiden den Definitionsbereich in 'gleiche-Wert-Schichten'. Niveauflächen sind das Pendant zu den Niveaulinien aus IV.1, eine Stufe höher.

Definition wie in IV.1, nur mit drei statt zwei Eingangs-Variablen. Die Menge aller Punkte, an denen ff einen festen Wert CC annimmt:

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Niveaufläche zum Niveau CC
{(x,y,z)D(f)f(x,y,z)=C}\{(x,y,z) \in D(f) \mid f(x,y,z) = C\}
Statt einer Kurve in der Ebene (Niveaulinie) entsteht eine Fläche im Raum. Hierarchie: in nn Variablen ist die Niveau-Menge (n1)(n-1)-dimensional.

Beispiel linear. Setze in f(x,y,z)=ax+by+cz+df(x,y,z) = ax+by+cz+d den Wert f=Cf = C. Auflösen liefert eine Ebene im Raum:

Niveauflächen der linearen Funktion
f(x,y,z)=C    ax+by+cz=Cdf(x,y,z) = C \;\Longrightarrow\; a x + b y + c z = C - d
Eine Ebene im Raum mit Normalenvektor (a,b,c)(a, b, c)^\top. Pro Niveau CC eine parallele Ebene; der Stapel aller Ebenen füllt den Raum.

Beispiel radial. Setze in g(r)=1/rg(\vec{r}) = 1/\lvert\vec{r}\rvert den Wert g=cg = c. Auflösen liefert r=1/c\lvert\vec{r}\rvert = 1/c, also eine Kugelschale mit Radius 1/c1/c. Punkte näher am Ursprung haben grössere Werte, weil 1/r1/\lvert\vec{r}\rvert wächst, wenn r\lvert\vec{r}\rvert schrumpft.

Niveauflächen der radialen Funktion
g(r)=c    r=1/cg(\vec{r}) = c \;\Longrightarrow\; \lvert\vec{r}\rvert = 1/c
Kugelschalen um den Ursprung. Pro Niveau cc eine Schale; je kleiner cc, desto grösser der Radius. Konzentrische Familie.
Definition Niveaufläche
Menge {(x,y,z)D(f)f(x,y,z)=C}\{(x,y,z) \in D(f) \mid f(x,y,z) = C\} aller Punkte mit gleichem Wert CC. Statt einer Kurve (in zwei Variablen) eine Fläche (in drei Variablen).
Notation Niveaulinie vs Niveaufläche
Niveaulinie: in zwei Variablen, eindimensional (Kurve). Niveaufläche: in drei Variablen, zweidimensional (Fläche). Hierarchie: Niveau-Menge in nn Variablen ist (n1)(n-1)-dimensional.
Formel Spickzettel
f=C    Niveaufla¨chef = C \;\Longrightarrow\; \text{Niveaufläche}
Konstanten Wert setzen, Gleichung umstellen. Pro CC eine Fläche, alle Flächen zusammen füllen den Raum.
Querverweis Verweise
→ IV.1 Niveaulinie
Prüfungstipp Zwei Standardbilder: linear \to Ebenen-Stapel, radial \to Kugelschalen. Beide reichen, um die meisten Klausur-Aufgaben anschaulich zu verstehen.

3.1 Partielle Ableitungen fxf_x, fyf_y, fzf_z

Was heisst 'Steigung' im Raum, wenn drei Eingangs-Variablen herumliegen? Genau das, was IV.2 für zwei Variablen schon gelöst hat: friere zwei Variablen ein, leite nach der dritten ab. Die partielle Ableitung verallgemeinert sich direkt, jetzt mit drei Auswahl-Möglichkeiten statt zwei.

Definition wie in IV.2, nur mit einer dritten Variable im Funktionswert. Beim Limes wandert nur eine Komponente, die anderen beiden bleiben fest:

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Partielle Ableitung fxf_x in drei Variablen
fx(x,y,z):=fx(x,y,z):=limΔx0f(x+Δx,y,z)f(x,y,z)Δx\begin{aligned} f_x(x,y,z) &:= \frac{\partial f}{\partial x}(x,y,z) \\ &:= \lim_{\Delta x \to 0} \frac{f(x+\Delta x, y, z) - f(x,y,z)}{\Delta x} \end{aligned}
Differenzenquotient in einer Variable an der Stelle (x,y,z)(x, y, z). Beide Variablen yy und zz bleiben fest. Analog fyf_y (nur yy wandert) und fzf_z (nur zz wandert).

Mit drei Komponenten haben wir drei partielle Ableitungen: fxf_x, fyf_y, fzf_z. Jede misst die Steigung der Slice-Funktion entlang einer Koordinatenachse. Alle Rechen-Tricks aus IV.2 (Produktregel, Kettenregel, Quotientenregel) gelten weiter, einfach mit den jeweils nicht-abgeleiteten Variablen als Parameter.

Die Mitschrift führt zwei kompakte Schreibweisen ein, die wir ab jetzt durchgehend nutzen: r:=(x,y,z)\vec{r} := (x, y, z) für den Bahnpunkt und r0:=(x0,y0,z0)\vec{r}_0 := (x_0, y_0, z_0) für einen festen Auswertungspunkt. Statt fx(x0,y0,z0)f_x(x_0, y_0, z_0) schreiben wir oft kurz fx(r0)f_x(\vec{r}_0).

Definition fxf_x in drei Variablen
Partielle Ableitung von ff nach xx an der Stelle (x,y,z)(x, y, z). Beide Variablen yy und zz bleiben fest, nur xx wandert um Δx\Delta x.
Notation r,r0\vec{r}, \vec{r}_0
Mitschrift-Konvention: r:=(x,y,z)\vec{r} := (x, y, z) für laufenden Punkt, r0:=(x0,y0,z0)\vec{r}_0 := (x_0, y_0, z_0) für festen Punkt. Kürzere Notation als (x0,y0,z0)(x_0, y_0, z_0).

3.2 Satz von Schwarz in drei Variablen

Spielt die Reihenfolge der Ableitungen eine Rolle, wenn jetzt drei Variablen vorhanden sind? Antwort: nein, genau wie in zwei Variablen. Schwarz aus IV.3 verallgemeinert sich auf drei (und mehr) Variablen: bei stetigen Mischableitungen zählt nur die Anzahl der Ableitungen pro Variable, nicht die Reihenfolge.

Konkret heisst das: fxyf_{xy} und fyxf_{yx} sind gleich (Schwarz in zwei Variablen). Mit einer dritten Variable kommen Permutationen wie fxyzf_{xyz} vs fzyxf_{zyx} vs fyxzf_{yxz} ins Spiel. Sind alle Mischableitungen stetig, sind sie alle gleich. Nur der Multi-Index (a,b,c)(a, b, c) zählt: wie oft nach xx, wie oft nach yy, wie oft nach zz.

Schwarz in drei Variablen, Beispiel-Permutation
fxyzxfzxyxfyzxxf_{xyzx} \equiv f_{zxyx} \equiv f_{yzxx}
Drei verschiedene Reihenfolgen, alle mit Multi-Index (2,1,1)(2, 1, 1) (zweimal xx, einmal yy, einmal zz). Bei stetigen Mischableitungen identisch.

Beweis-Idee: jede Permutation entsteht aus jeder anderen durch endlich viele paarweise Vertauschungen benachbarter Indizes. Genau das macht der Schwarz-Beweis aus IV.3 §2.2 für je zwei benachbarte Variablen. Durch Iteration kommt man zu jeder gewünschten Reihenfolge. Voraussetzung: die Mischableitungen, die unterwegs aufgerufen werden, sind alle stetig.

Definition Schwarz in drei Variablen
Bei stetigen Mischableitungen ist die Reihenfolge der Ableitungen egal. Nur der Multi-Index (a,b,c)(a, b, c) zählt: wie oft nach xx, yy, zz abgeleitet wird.
Notation fxyzxf_{xyzx}
Notation wie in IV.2 §3.1: erste Index-Variable zuerst abgeleitet. fxyzxf_{xyzx} heisst ((((fx)y)z)x)((((f_x)_y)_z)_x), also nacheinander nach x,y,z,xx, y, z, x. Multi-Index (2,1,1)(2, 1, 1).
Merke Multi-Index
Merke: bei stetigen Mischableitungen zählt nur, wie oft nach jeder Variable abgeleitet wird, nicht die Reihenfolge. Erweiterung von zwei auf drei Variablen ist mechanisch trivial.

3.3 Integrabilitätsbedingung und Beispiel-Rekonstruktion

In IV.3 §3 hatten wir gefragt: gegeben zwei Funktionen φ,ψ\varphi, \psi, gibt es ein ff mit fxφf_x \equiv \varphi und fyψf_y \equiv \psi? Antwort: ja, falls die Integrabilitätsbedingung φyψx\varphi_y \equiv \psi_x erfüllt ist. Mit drei Variablen ändert sich nur die Anzahl der Bedingungen, das Pattern bleibt identisch.

Geben wir uns drei Funktionen φ,ψ,χ\varphi, \psi, \chi vor, gesucht ist ein ff mit fxφf_x \equiv \varphi, fyψf_y \equiv \psi, fzχf_z \equiv \chi. Welche Konsistenz-Bedingungen müssen φ,ψ,χ\varphi, \psi, \chi erfüllen, damit ein solches ff existieren kann?

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IB in drei Variablen, drei Bedingungen
φyψx,    φzχx,    ψzχy\varphi_y \equiv \psi_x,\;\; \varphi_z \equiv \chi_x,\;\; \psi_z \equiv \chi_y
Drei Konsistenz-Bedingungen statt einer. Per Schwarz: jede Mischableitung von ff kann auf zwei Wegen entstehen, beide müssen übereinstimmen.

Sind diese drei Bedingungen erfüllt (auf einem achsenparallelen Quader), dann existiert tatsächlich ein ff, das alle drei Anforderungen gleichzeitig erfüllt. Das ist der volle Satz:

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Existenz-Aussage IB
φyψx,  φzχx,  ψzχy  f:  fxφ,  fyψ,  fzχ\begin{aligned} & \varphi_y \equiv \psi_x,\; \varphi_z \equiv \chi_x,\; \psi_z \equiv \chi_y \\ & \Longrightarrow\; \exists\, f:\; f_x \equiv \varphi,\; f_y \equiv \psi,\; f_z \equiv \chi \end{aligned}
Drei Bedingungen, sechs Mischableitungen, paarweise gleich. Mit nn Variablen wären es (n2)\binom{n}{2} Bedingungen (n=2n=2: eine, n=3n=3: drei, n=4n=4: sechs).

Beispiel aus der Mitschrift. Seien φ=3x2+3y1\varphi = 3x^2 + 3y - 1, ψ=z2+3x\psi = z^2 + 3x, χ=2yz+1\chi = 2yz + 1. Existiert ein passendes ff? Erst IB-Check, dann Rekonstruktion.

Beispiel: φ,ψ,χ\varphi, \psi, \chi
φ=3x2+3y1,    ψ=z2+3x,    χ=2yz+1\varphi = 3 x^2 + 3 y - 1,\;\; \psi = z^2 + 3 x,\;\; \chi = 2 y z + 1
Drei Komponenten, jede in drei Variablen. Vor jeder Rekonstruktions-Arbeit zuerst IB-Check, sonst verschwendete Mühe.
IB-Check Beispiel
φy3ψx  ψz2zχy  φz0χx  \begin{aligned} \varphi_y &\equiv 3 \equiv \psi_x \;\checkmark \\ \psi_z &\equiv 2z \equiv \chi_y \;\checkmark \\ \varphi_z &\equiv 0 \equiv \chi_x \;\checkmark \end{aligned}
Alle drei Bedingungen erfüllt. Existenz von ff gesichert, Rekonstruktion lohnt sich.

Rekonstruktion (Variante 2 aus IV.3 §4.2, hier mit drei Schritten). Erst fxφf_x \equiv \varphi in xx integrieren, die 'Konstante' ist eine Funktion u(y,z)u(y, z) in den anderen beiden Variablen. Dann fyf_y aus dem Skelett ableiten und mit ψ\psi vergleichen, das gibt uyu_y. Dann uyu_y in yy integrieren, die 'Konstante' ist eine Funktion v(z)v(z) in zz. Schliesslich fzf_z ableiten, mit χ\chi vergleichen, v(z)v(z) aus Integration.

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Rekonstruktion in vier Schritten
f=φdx=x3+3xyx+u(y,z)fy=3x+uy=!z2+3x=ψ    uy=z2u=z2dy=yz2+v(z)f=x3+3xyx+yz2+v(z)fz=2yz+v(z)=!2yz+1=χ    v(z)=z+C\begin{aligned} f &= \int \varphi\,dx = x^3 + 3 x y - x + u(y, z) \\ f_y &= 3 x + u_y \stackrel{!}{=} z^2 + 3 x = \psi \;\Longrightarrow\; u_y = z^2 \\ u &= \int z^2\,dy = y z^2 + v(z) \\ f &= x^3 + 3 x y - x + y z^2 + v(z) \\ f_z &= 2 y z + v'(z) \stackrel{!}{=} 2 y z + 1 = \chi \;\Longrightarrow\; v(z) = z + C \end{aligned}
Fünf Zeilen, jede ein konkreter Rechen-Schritt. Achtung: uu ist Funktion in (y,z)(y, z), vv ist Funktion in zz allein. Beide tauchen als 'Integrations-Konstanten' höherer Stufe auf.

Einsetzen liefert das vollständige ff. Eindeutig bis auf eine reelle Konstante CC, wie man es von Stammfunktionen erwartet:

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Lösung ff
f(x,y,z)=x3+3xyx+yz2+z+Cf(x,y,z) = x^3 + 3 x y - x + y z^2 + z + C
Gegenprobe: fx=3x2+3y1=φf_x = 3x^2 + 3y - 1 = \varphi, fy=3x+z2=ψf_y = 3x + z^2 = \psi, fz=2yz+1=χf_z = 2yz + 1 = \chi. Alle drei stimmen, fertig.
Bedingung Was prüfen Bei Erfüllung
φyψx\varphi_y \equiv \psi_x Ableitung von φ\varphi nach yy vs ψ\psi nach xx weiter
ψzχy\psi_z \equiv \chi_y Ableitung von ψ\psi nach zz vs χ\chi nach yy weiter
φzχx\varphi_z \equiv \chi_x Ableitung von φ\varphi nach zz vs χ\chi nach xx alle ✓ ⟹ existiert ff
IB in drei Variablen: drei Bedingungen, eine Funktion. Cheat-Sheet für Klausur-Pattern.
Definition IB in drei Variablen
Drei Bedingungen φyψx\varphi_y \equiv \psi_x, φzχx\varphi_z \equiv \chi_x, ψzχy\psi_z \equiv \chi_y. Bei Erfüllung auf einem achsenparallelen Quader existiert ff mit fxφf_x \equiv \varphi, fyψf_y \equiv \psi, fzχf_z \equiv \chi.
Notation φ,ψ,χ\varphi, \psi, \chi in §3.3 (Pflicht)
Pflicht: φ,ψ,χ\varphi, \psi, \chi in §3.3 sind IB-Komponenten in drei Variablen (gleiche Rolle wie in IV.3 §3, nur erweitert). NICHT verwechseln mit IV.4/IV.6 Approximations-Differenz oder IV.6 §4.1 lokale Auflösung.
Merke (n2)\binom{n}{2} Bedingungen
Merke: bei nn Variablen sind (n2)\binom{n}{2} IB-Bedingungen nötig. n=2n=2: eine. n=3n=3: drei. n=4n=4: sechs. Skaliert quadratisch mit der Variablen-Anzahl.
Formel Spickzettel IB
φyψx,  φzχx,  ψzχy\varphi_y \equiv \psi_x,\; \varphi_z \equiv \chi_x,\; \psi_z \equiv \chi_y
Drei Bedingungen, sechs Mischableitungen, paarweise gleich. Vor jeder Rekonstruktion zuerst alle drei prüfen.

4.1 Verallgemeinerte Kettenregel und Gradient als Vektorfeld

Die Verallgemeinerte Kettenregel aus IV.6 §2.3 erweitert sich auf drei Variablen mit einem dritten Term. Mehr passiert konzeptuell nicht. Sei r(t)=(x(t),y(t),z(t))\vec{r}(t) = (x(t), y(t), z(t))^\top eine Raumkurve für t[tA,tB]t \in [t_A, t_B], und F(t):=f(r(t))F(t) := f(\vec{r}(t)) die Funktion entlang dieser Bahn.

Die Mechanik des Beweises ist identisch zu IV.6 §2.1 und §2.2 (Klein-o-Trick mit der Approximations-Differenz), nur dass der lineare Anteil jetzt drei Summanden statt zwei hat. Damit ergibt sich:

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Verallgemeinerte Kettenregel in drei Variablen
F(t)=fx(r(t))x˙(t)+fy(r(t))y˙(t)+fz(r(t))z˙(t)=(fxfyfz)(x˙y˙z˙)=grad(f(r(t)))r˙(t)\begin{aligned} F'(t) &= f_x(\vec{r}(t)) \dot{x}(t) + f_y(\vec{r}(t)) \dot{y}(t) + f_z(\vec{r}(t)) \dot{z}(t) \\ &= \begin{pmatrix} f_x \\ f_y \\ f_z \end{pmatrix} \cdot \begin{pmatrix} \dot{x} \\ \dot{y} \\ \dot{z} \end{pmatrix} = \operatorname{grad}(f(\vec{r}(t))) \cdot \dot{\vec{r}}(t) \end{aligned}
Drei Schreibweisen in einer Zeile. Skalarprodukt aus Gradient und Bahngeschwindigkeit, am Bahnpunkt r(t)\vec{r}(t) ausgewertet. Genau wie IV.6, mit drei statt zwei Komponenten.

Der Gradient bekommt eine dritte Komponente und wird damit zu einem Vektorfeld in drei Variablen. Jedem Punkt r\vec{r} wird ein Vektor in R3\mathbb{R}^3 zugeordnet:

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Gradient als Vektorfeld in R3\mathbb{R}^3
grad(f(r))=(fx(r),fy(r),fz(r))\operatorname{grad}(f(\vec{r})) = (f_x(\vec{r}),\, f_y(\vec{r}),\, f_z(\vec{r}))^\top
Vektorfeld grad(f):D(f)R3\operatorname{grad}(f): D(f) \to \mathbb{R}^3. Spaltenvektor mit drei Komponenten. Volle Theorie der Vektorfelder folgt in Kap. VI.

Beispiel linear. Bei f(x,y,z)=ax+by+cz+df(x,y,z) = ax + by + cz + d sind die partiellen Ableitungen die drei Konstanten a,b,ca, b, c. Damit ist der Gradient an jedem Punkt derselbe Vektor:

Gradient der linearen Funktion
grad(f(r))=(a,b,c)\operatorname{grad}(f(\vec{r})) = (a,\, b,\, c)^\top
Konstantes Vektorfeld, unabhängig von r\vec{r}. Geometrisch: Normalenvektor der Niveau-Ebenen ax+by+cz=Cdax + by + cz = C - d (Vorschau §6.1).
Definition Verallgemeinerte Kettenregel
F(t)=grad(f(r(t)))r˙(t)F'(t) = \operatorname{grad}(f(\vec{r}(t))) \cdot \dot{\vec{r}}(t). Skalarprodukt aus Gradient und Bahngeschwindigkeit, am Bahnpunkt ausgewertet. Erweiterung von IV.6 mit drittem Summanden.
Definition grad(f)\operatorname{grad}(f) als Vektorfeld
Spaltenvektor (fx,fy,fz)(f_x, f_y, f_z)^\top an jedem Punkt rD(f)\vec{r} \in D(f). Die Funktion grad(f):D(f)R3\operatorname{grad}(f): D(f) \to \mathbb{R}^3 heisst Vektorfeld in R3\mathbb{R}^3, volle Theorie in Kap. VI.
Notation Spalten- vs Zeilenvektor
Mitschrift: Spaltenvektor (Matrixprodukt-kompatibel, gut für Skalarprodukt mit r˙\dot{\vec{r}}). Manche Texte schreiben Zeilenvektor. Inhalt identisch.
Formel Spickzettel
F=grad(f)r˙F' = \operatorname{grad}(f) \cdot \dot{\vec{r}}
Kompakteste Form. Genau wie in IV.6, nur mit drei statt zwei Komponenten im Skalarprodukt.

4.2 Nabla-Operator und Laplace-Operator

Eine Operator-Schreibweise vereinfacht die spätere Vektoranalysis-Notation enorm. Statt grad(f)\operatorname{grad}(f) als Funktion zu sehen, betrachten wir den Gradienten als Anwendung eines Operator-Vektors auf ff. Dieser Operator heisst Nabla:

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Nabla-Operator
:=(/x/y/z)=(xyz)\begin{aligned} \vec{\nabla} := \begin{pmatrix} \partial/\partial x \\ \partial/\partial y \\ \partial/\partial z \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} \partial_x \\ \partial_y \\ \partial_z \end{pmatrix} \end{aligned}
Operator-Vektor mit Differential-Operatoren als Komponenten. Kein Zahlenvektor, sondern eine Vorschrift, die auf Funktionen angewandt einen Vektor liefert.

Auf eine Skalarfunktion ff angewandt liefert Nabla genau den Gradienten. Schreibweise: Operator-Vektor mal Skalar, das ist ein Vektor.

Gradient als Nabla-Anwendung
grad(f)=f\operatorname{grad}(f) = \vec{\nabla}\, f
Beide Schreibweisen identisch. Nabla-Form ist kompakter und bereitet die Operatoren div\operatorname{div} und rot\operatorname{rot} aus Kap. VI vor.

Skalarprodukt \vec{\nabla} \cdot \vec{\nabla} als Operator: jede Komponente quadrieren (also zweite partielle Ableitung) und summieren. Angewandt auf ff liefert das die Summe der zweiten partiellen Ableitungen, was den Laplace-Operator definiert:

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Laplace-Operator
Δf:=()f=fxx+fyy+fzz\Delta f := (\vec{\nabla} \cdot \vec{\nabla})\, f = f_{xx} + f_{yy} + f_{zz}
Summe der drei zweiten partiellen Ableitungen. Zentral in Physik (Wärmeleitung, Wellengleichung, Poisson-Gleichung). Auch geschrieben als 2f\vec{\nabla}^2 f.

Beispiel radial. Sei g(r)=1/r2=1/(x2+y2+z2)g(\vec{r}) = 1/\lvert\vec{r}\rvert^2 = 1/(x^2 + y^2 + z^2). Wir bestimmen den Gradienten. Quotientenregel auf die xx-Komponente:

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Gradient von g(r)=1/r2g(\vec{r}) = 1/\lvert\vec{r}\rvert^2
g(r)=1r2,    gx=012x(x2+y2+z2)2=2xr4grad(g(r))=2r4r\begin{aligned} g(\vec{r}) &= \tfrac{1}{\lvert\vec{r}\rvert^2}, \;\; g_x = \tfrac{0 - 1 \cdot 2 x}{(x^2 + y^2 + z^2)^2} = -\tfrac{2 x}{\lvert\vec{r}\rvert^4} \\ \operatorname{grad}(g(\vec{r})) &= -\tfrac{2}{\lvert\vec{r}\rvert^4}\, \vec{r} \end{aligned}
Quotientenregel auf xx-Komponente, gyg_y und gzg_z analog. Gradient zeigt entgegengesetzt zu r\vec{r}, also vom Punkt zum Ursprung. Standard-Pattern für radial abnehmende Funktionen.
Definition Nabla-Operator \vec{\nabla}
Operator-Vektor mit Differential-Operatoren als Komponenten. Auf eine Skalarfunktion ff angewandt liefert er den Gradienten: f=grad(f)\vec{\nabla} f = \operatorname{grad}(f).
Definition Laplace-Operator Δ\Delta
Δf:=fxx+fyy+fzz\Delta f := f_{xx} + f_{yy} + f_{zz}. Skalarprodukt \vec{\nabla} \cdot \vec{\nabla} als Operator-Quadrat, angewandt auf ff. Auch 2f\vec{\nabla}^2 f geschrieben.
Notation Δ\Delta Laplace vs Δ\Delta Differenz
Gleiches Symbol, zwei Bedeutungen. Hier Δf\Delta f ist Laplace-Operator (zweite Ableitungen). In IV.4 §4.2 war Δf=f(neu)f(alt)\Delta f = f(\text{neu}) - f(\text{alt}) Differenz. Im Kontext klar; kollidiert hier nicht, weil keine Differenzbildung vorkommt.
Notation 2f=Δf\vec{\nabla}^2 f = \Delta f
Beide Schreibweisen für den Laplace-Operator gängig. 2\vec{\nabla}^2 betont die Operator-Quadrat-Lesart, Δ\Delta ist die historisch ältere Form. Inhalt identisch.
Formel Spickzettel
grad=,    Δ=\operatorname{grad} = \vec{\nabla},\;\; \Delta = \vec{\nabla} \cdot \vec{\nabla}
Operator-Notation. Gradient als Nabla, Laplace als Skalarprodukt von Nabla mit sich selbst.

5.1 Richtungsableitung in beliebige Richtung

Partielle Ableitungen sind Steigungen entlang der Koordinatenachsen. Wie steil ist es aber, wenn ich in eine beliebige Richtung gehe, zum Beispiel diagonal nach Nord-Ost? Genau diese Frage beantwortet die Richtungsableitung.

Setup. Sei KK eine Gerade durch r0=(x0,y0,z0)\vec{r}_0 = (x_0, y_0, z_0)^\top mit Richtungsvektor e\vec{e}. Parametrisierung r:tr0+et\vec{r}: t \mapsto \vec{r}_0 + \vec{e}\, t, dabei ist e\vec{e} ein Einheitsvektor (e=1\lvert\vec{e}\rvert = 1), so dass tt die echte Bogenlänge entlang KK ist. Die Funktion entlang dieser Geraden ist F(t):=f(r(t))F(t) := f(\vec{r}(t)).

Per Verallgemeinerter Kettenregel: F(t)=grad(f(r(t)))r˙(t)F'(t) = \operatorname{grad}(f(\vec{r}(t))) \cdot \dot{\vec{r}}(t). Mit r˙(t)=e\dot{\vec{r}}(t) = \vec{e} konstant und an der Stelle t=0t = 0 (also r(0)=r0\vec{r}(0) = \vec{r}_0) ergibt das die Definition:

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Richtungsableitung
Def(r0):=grad(f(r0))e,    e=1D_{\vec{e}} f(\vec{r}_0) := \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) \cdot \vec{e}, \;\; \lvert\vec{e}\rvert = 1
Skalarprodukt aus Gradient am Punkt und Richtungs-Einheitsvektor. Voraussetzung e=1\lvert\vec{e}\rvert = 1 ist zwingend, sonst wäre die Steigung nicht 'pro Bogenlänge'.

Spezialfall x-Richtung. Setze e=(1,0,0)\vec{e} = (1, 0, 0)^\top ein. Skalarprodukt mit grad(f)\operatorname{grad}(f) liefert nur die erste Komponente, also genau fxf_x. Die Richtungsableitung in xx-Richtung ist die partielle Ableitung nach xx:

Richtungsableitung in xx-Richtung
e=(1,0,0)    Def(r0)=fx(r0)\vec{e} = (1,0,0)^\top \;\Longrightarrow\; D_{\vec{e}} f(\vec{r}_0) = f_x(\vec{r}_0)
Spezialfall. Analog für e=(0,1,0)\vec{e} = (0,1,0)^\top und e=(0,0,1)\vec{e} = (0,0,1)^\top. Partielle Ableitungen sind also Richtungsableitungen entlang der Koordinatenachsen.

Beispiel sin(xyz). Sei f(x,y,z)=sin(xyz)f(x,y,z) = \sin(xyz), r0=(1,1,0)\vec{r}_0 = (1, 1, 0)^\top und e=13(1,1,1)\vec{e} = \tfrac{1}{\sqrt{3}}(-1, -1, 1)^\top. Erst Einheitsvektor verifizieren: e2=13(1+1+1)=1\lvert\vec{e}\rvert^2 = \tfrac{1}{3}(1 + 1 + 1) = 1, passt.

Beispiel: Setup
f(x,y,z)=sin(xyz),    r0=(1,1,0),    e=13(1,1,1)f(x,y,z) = \sin(x y z),\;\; \vec{r}_0 = (1,1,0)^\top,\;\; \vec{e} = \tfrac{1}{\sqrt{3}}(-1,-1,1)^\top
Drei Gegebenheiten. Normierung des Richtungsvektors mit 1/31/\sqrt{3} stellt e=1\lvert\vec{e}\rvert = 1 sicher.

Gradient von ff per Kettenregel: fx=cos(xyz)yzf_x = \cos(xyz) \cdot yz, fy=cos(xyz)xzf_y = \cos(xyz) \cdot xz, fz=cos(xyz)xyf_z = \cos(xyz) \cdot xy. Kompakt grad(f)=cos(xyz)(yz,xz,xy)\operatorname{grad}(f) = \cos(xyz) \cdot (yz, xz, xy)^\top. Auswerten bei r0=(1,1,0)\vec{r}_0 = (1, 1, 0): cos(110)=cos(0)=1\cos(1 \cdot 1 \cdot 0) = \cos(0) = 1 und (yz,xz,xy)r0=(0,0,1)(yz, xz, xy)|_{\vec{r}_0} = (0, 0, 1):

!!
Beispiel: Rechnung
grad(f)=cos(xyz)(yz,xz,xy)grad(f(r0))=cos(0)(0,0,1)=(0,0,1)Def(r0)=(0,0,1)13(1,1,1)=13\begin{aligned} \operatorname{grad}(f) &= \cos(x y z) \cdot (y z,\, x z,\, x y)^\top \\ \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) &= \cos(0) \cdot (0,\, 0,\, 1)^\top = (0,\, 0,\, 1)^\top \\ D_{\vec{e}} f(\vec{r}_0) &= (0,0,1)^\top \cdot \tfrac{1}{\sqrt{3}}(-1,-1,1)^\top = \tfrac{1}{\sqrt{3}} \end{aligned}
Drei Zeilen: Gradient allgemein, Auswertung am Punkt, Skalarprodukt mit e\vec{e}. Resultat 1/30.5771/\sqrt{3} \approx 0.577, positive Steigung in dieser Richtung.
Definition Richtungsableitung Def(r0)D_{\vec{e}} f(\vec{r}_0)
Skalarprodukt aus Gradient am Punkt und Einheits-Richtungsvektor: Def(r0)=grad(f(r0))eD_{\vec{e}} f(\vec{r}_0) = \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) \cdot \vec{e} mit e=1\lvert\vec{e}\rvert = 1. Steigung von ff entlang der Geraden durch r0\vec{r}_0 in Richtung e\vec{e}.
Notation e=1\lvert\vec{e}\rvert = 1 zwingend (Pflicht)
Pflicht: ohne Normierung skaliert das Resultat mit e\lvert\vec{e}\rvert, ist also keine Steigung pro Bogenlänge. Bei nicht-Einheits-v\vec{v}: zuerst e:=v/v\vec{e} := \vec{v}/\lvert\vec{v}\rvert bilden, dann einsetzen.
Formel Spickzettel
Def=grad(f)eD_{\vec{e}} f = \operatorname{grad}(f) \cdot \vec{e}
Skalarprodukt mit Einheitsvektor. grad(f)\operatorname{grad}(f) am Punkt, e\vec{e} in Richtung. Drei-Schritt-Pattern: normieren, Gradient ausrechnen, Skalarprodukt.

6.1 Maximierung der Richtungsableitung und Senkrecht-Stehung

Bei festem ff und r0\vec{r}_0 ist die Richtungsableitung eine Funktion in e\vec{e}. Sie wird maximal genau dann, wenn e\vec{e} in Richtung grad(f(r0))\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) zeigt. Beweis-Idee per Cauchy-Schwarz: grad(f)egrad(f)e=grad(f)\lvert\operatorname{grad}(f) \cdot \vec{e}\rvert \leq \lvert\operatorname{grad}(f)\rvert \cdot \lvert\vec{e}\rvert = \lvert\operatorname{grad}(f)\rvert, mit Gleichheit genau dann, wenn e\vec{e} parallel zu grad(f)\operatorname{grad}(f) ist.

Alternativ direkt: grad(f)e=grad(f)ecos(θ)=grad(f)cos(θ)\operatorname{grad}(f) \cdot \vec{e} = \lvert\operatorname{grad}(f)\rvert \cdot \lvert\vec{e}\rvert \cdot \cos(\theta) = \lvert\operatorname{grad}(f)\rvert \cos(\theta), wobei θ\theta der Winkel zwischen grad(f)\operatorname{grad}(f) und e\vec{e} ist. Maximal bei θ=0\theta = 0, also e\vec{e} parallel zu grad(f)\operatorname{grad}(f). Das maximale Skalarprodukt ist genau grad(f)\lvert\operatorname{grad}(f)\rvert.

!!!
Satz: Gradient als Richtung des grössten Anstiegs
grad(f(r0)) ist die gro¨sste Richtungsableitungund zeigt in Richtung des gro¨ssten Anstiegs\begin{aligned} & \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) \text{ ist die grösste Richtungsableitung} \\ & \text{und zeigt in Richtung des grössten Anstiegs} \end{aligned}
Zwei Aussagen in einem Satz: Richtung steilsten Anstiegs plus Betrag gleich der grössten Steigung. Beide Eigenschaften gleichzeitig im Gradient verpackt.

Senkrecht-Argument. Was passiert bei Def(r0)=0D_{\vec{e}} f(\vec{r}_0) = 0? Die Richtungsableitung ist Null genau dann, wenn e\vec{e} senkrecht auf grad(f)\operatorname{grad}(f) steht. Per Verallgemeinerter Kettenregel heisst Def=0D_{\vec{e}} f = 0, dass ff entlang der Geraden in Richtung e\vec{e} momentan konstant ist. Das bedeutet: e\vec{e} liegt tangential in der Niveaufläche durch r0\vec{r}_0.

Folgerung in einem Satz: der Gradient steht an jedem Punkt senkrecht auf der Niveaufläche durch diesen Punkt, und damit auch senkrecht auf der Tangentialebene an die Niveaufläche.

!!!
Senkrecht auf Niveaufläche und Tangentialebene
grad(f(r0))Niveaufla¨che und Tangentialebene\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) \perp \text{Niveaufläche und Tangentialebene}
Direkte Folge aus Def=0D_{\vec{e}} f = 0 für e\vec{e} in der Niveaufläche. Liefert sofort die Tangentialebenen-Gleichung in §7.
Eigenschaft Aussage Konsequenz
Richtung zeigt in Richtung des grössten Anstiegs Optimierung
Betrag gleich der grössten Richtungsableitung maximale Steigung
Senkrecht-Stehung \perp Niveaufläche und Tangentialebene Normalenvektor
Drei Eigenschaften des Gradienten an einem Blick. Alle drei aus Cauchy-Schwarz und Verallgemeinerter Kettenregel.
Merke Drei Eigenschaften
Merke: Gradient zeigt in Richtung steilsten Anstiegs, Betrag gleich grösster Steigung, steht senkrecht auf Niveaufläche und Tangentialebene. Drei Eigenschaften, alle aus Cauchy-Schwarz.
Merke Senkrecht-Argument
Def=0egrad(f)eD_{\vec{e}} f = 0 \Longleftrightarrow \vec{e} \perp \operatorname{grad}(f) \Longleftrightarrow \vec{e} liegt tangential in der Niveaufläche. Drei äquivalente Aussagen.
Formel Spickzettel
maxDef=grad(f)\max D_{\vec{e}} f = \lvert\operatorname{grad}(f)\rvert
Maximaler Wert der Richtungsableitung gleich Betrag des Gradienten. Erreicht für e=grad(f)/grad(f)\vec{e} = \operatorname{grad}(f) / \lvert\operatorname{grad}(f)\rvert.
Prüfungstipp Klausur: 'in welche Richtung wächst ff am stärksten?' heisst immer e=grad(f(r0))/grad(f(r0))\vec{e} = \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) / \lvert\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0))\rvert. Maximale Steigung ist grad(f(r0))\lvert\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0))\rvert.

7.1 Allgemeines Setup und Beispiel Quadrik

Die implizite Tangenten-Methode aus IV.6 §4 verallgemeinert sich auf Flächen im Raum. Statt einer Tangenten-Geraden bekommen wir eine Tangentialebene, statt einer Tangentensteigung einen Normalenvektor. Setup wie immer: Niveaufläche, Punkt darauf, Werkzeug ist die Senkrecht-Stehung des Gradienten aus §6.1.

Setup. Sei Q={f(r)=C}Q = \{f(\vec{r}) = C\} eine Niveaufläche und r0Q\vec{r}_0 \in Q ein Punkt darauf. Da grad(f(r0))\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) senkrecht zur Niveaufläche steht (siehe §6.1), ist die Tangentialebene TT an QQ in r0\vec{r}_0 charakterisiert durch: rT(rr0)grad(f(r0))\vec{r} \in T \Longleftrightarrow (\vec{r} - \vec{r}_0) \perp \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)), was als Skalarprodukt heisst:

!!!
Tangentialebene allgemein
(rr0)grad(f(r0))=0(\vec{r} - \vec{r}_0) \cdot \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) = 0
Implizite Form der Tangentialebene. Normalenvektor ist grad(f(r0))\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)), Aufhängepunkt ist r0\vec{r}_0. Identische Struktur wie die Hesse-Normalform der Ebene.

Beispiel Quadrik. Sei Q:αx2+βy2+γz2=CQ: \alpha x^2 + \beta y^2 + \gamma z^2 = C mit (α,β,γ)(0,0,0)(\alpha, \beta, \gamma) \neq (0, 0, 0). Je nach Vorzeichen-Kombination ist QQ ein Ellipsoid (alle positiv), ein Hyperboloid (gemischte Vorzeichen), ein Kegel oder ein Zylinder. Setze f(x,y,z):=αx2+βy2+γz2f(x, y, z) := \alpha x^2 + \beta y^2 + \gamma z^2. Damit ist QQ die Niveaufläche zum Niveau CC.

Quadrik-Setup
f(x,y,z)=αx2+βy2+γz2,    Q={f=C}f(x,y,z) = \alpha x^2 + \beta y^2 + \gamma z^2,\;\; Q = \{f = C\}
ff ist die Niveau-Funktion, QQ die Niveaufläche zum festen Niveau CC. Vorfaktoren α,β,γ\alpha, \beta, \gamma regeln die Form (Ellipsoid, Hyperboloid, Kegel).

Gradient durch komponentenweises Ableiten: fx=2αxf_x = 2\alpha x, fy=2βyf_y = 2\beta y, fz=2γzf_z = 2\gamma z. Auswerten am Punkt r0=(x0,y0,z0)\vec{r}_0 = (x_0, y_0, z_0)^\top:

Gradient der Quadrik
grad(f(r0))=(2αx0,2βy0,2γz0)\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) = (2\alpha x_0,\, 2\beta y_0,\, 2\gamma z_0)^\top
Linearer in r0\vec{r}_0-Komponenten. Zeigt von der Quadrik nach aussen, ist Normalenvektor der Tangentialebene.

Tangentialebene ausschreiben: (rr0)grad(f(r0))=0(\vec{r} - \vec{r}_0) \cdot \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) = 0 wird zu 2αx0(xx0)+2βy0(yy0)+2γz0(zz0)=02\alpha x_0(x - x_0) + 2\beta y_0(y - y_0) + 2\gamma z_0(z - z_0) = 0. Ausmultiplizieren plus die Punkt-auf-Quadrik-Bedingung αx02+βy02+γz02=C\alpha x_0^2 + \beta y_0^2 + \gamma z_0^2 = C einsetzen liefert eine elegante implizite Form:

!!!
Tangentialebene Quadrik
2αx0(xx0)+2βy0(yy0)+2γz0(zz0)=0  T:    αx0x+βy0y+γz0z=C\begin{aligned} & 2\alpha x_0(x - x_0) + 2\beta y_0(y - y_0) + 2\gamma z_0(z - z_0) = 0 \\ & \Longrightarrow\; T:\;\; \alpha x_0\, x + \beta y_0\, y + \gamma z_0\, z = C \end{aligned}
Gleiche Struktur wie die Quadrik selbst, nur mit (αx0,βy0,γz0)(\alpha x_0, \beta y_0, \gamma z_0) als linearen Koeffizienten (analog zur Hyperbel-Tangente in IV.6 §4.2).
Schritt Was tun Resultat
1. Niveau-Funktion ff als Funktion mit Q={f=C}Q = \{f = C\} identifizieren f(x,y,z)f(x,y,z) und Niveau CC
2. Gradient grad(f)\operatorname{grad}(f) am Punkt r0\vec{r}_0 ausrechnen Normalenvektor
3. Ebenen-Gleichung (rr0)grad(f(r0))=0(\vec{r} - \vec{r}_0) \cdot \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) = 0 hinschreiben Implizite Form
4. Quadrik-Vereinfachung mit r0Q\vec{r}_0 \in Q-Bedingung konstanten Term zusammenfassen Elegante implizite Form
Tangentialebene-Schema in drei Variablen. Pattern für jede Klausur-Aufgabe mit impliziter Niveaufläche.
Definition Tangentialebene
T={r(rr0)grad(f(r0))=0}T = \{\vec{r} \mid (\vec{r} - \vec{r}_0) \cdot \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) = 0\}. Ebene durch r0\vec{r}_0 mit Normalenvektor grad(f(r0))\operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)). Berührt die Niveaufläche {f=C}\{f = C\} in r0\vec{r}_0.
Notation α,β,γ\alpha, \beta, \gamma in §7 (Pflicht)
Pflicht: α,β,γ\alpha, \beta, \gamma in §7 sind Vorfaktoren der Quadrik. NICHT verwechseln mit Gas-Koeffizienten α,β,κ\alpha, \beta, \kappa aus IV.6 §5.1 (Ausdehnung, Spannung, Kompressibilität). Anderer Kontext, gleiche Buchstaben.
Formel Spickzettel
T:  (rr0)grad(f(r0))=0T:\; (\vec{r} - \vec{r}_0) \cdot \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) = 0
Tangentialebene mit grad(f)\operatorname{grad}(f) als Normalenvektor. Hesse-Normalform-Stil. Vier-Schritt-Schema in der Cheat-Sheet-Tabelle.

8.1 Aufgaben

Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: bei IB-Aufgaben in drei Variablen erst alle drei Bedingungen prüfen (φyψx\varphi_y \equiv \psi_x, φzχx\varphi_z \equiv \chi_x, ψzχy\psi_z \equiv \chi_y), dann Variante 2 mit gestaffelten Integrations-Funktionen u(y,z)u(y, z) und v(z)v(z) (siehe §3.3 Cheat-Sheet). Bei Richtungsableitung erst Einheitsvektor e=1\lvert\vec{e}\rvert = 1 sicherstellen, dann grad(f)\operatorname{grad}(f) am Punkt ausrechnen, dann Skalarprodukt bilden. Bei Tangentialebene-Aufgaben Niveau-Funktion identifizieren, grad(f)\operatorname{grad}(f) am Punkt ausrechnen, Ebenen-Gleichung (rr0)grad(f(r0))=0(\vec{r} - \vec{r}_0) \cdot \operatorname{grad}(f(\vec{r}_0)) = 0 hinschreiben, ggf. mit r0Q\vec{r}_0 \in Q-Bedingung elegant umformen (siehe §7.1 Cheat-Sheet).