1.1 Setup, Funktion entlang einer Kurve

In einem Gebiet A=D(f)A = D(f) liegt eine Kurve KK mit Parametrisierung r:[a,b]A\vec{r}: [a, b] \to A. Wie verhält sich die Funktion ff entlang dieser Kurve?

Stell dir vor, ff ist eine Höhen-Landschaft (Hügel und Täler), und die Kurve KK ist ein Wanderweg quer durchs Gelände. Die Frage 'wie verändert sich ff entlang KK' wird konkret zu 'wie steil geht es auf dem Weg bergauf oder bergab?'.

Wir definieren die Höhen-Funktion entlang des Weges als Komposition aus Bahn und Skalarfeld. Wichtig: FF ist eine Funktion in einer Variable tt (dem Wegparameter), obwohl ff in zwei Variablen lebt. Gesucht ist die Ableitung F(t)F'(t).

Anwendungs-Vorschau. Falls KK der Rand des Definitionsbereichs D(f)D(f) ist und F(t0)=0F'(t_0) = 0 an einem Wegpunkt gilt, dann ist r(t0)\vec{r}(t_0) ein Kandidat für eine lokale Extremalstelle entlang des Randes (siehe IV.5 §3.1, notwendige Bedingung Typ (i)).

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Setup, Funktion entlang Kurve
F(t):=f(r(t))=f(x(t),y(t))F(t) := f(\vec{r}(t)) = f(x(t), y(t))
Komposition aus Wegparametrisierung und Skalarfunktion. FF lebt in einer Variable tt, ff in zwei Variablen.
Definition F(t)=f(r(t))F(t) = f(\vec{r}(t))
Komposition aus Wegparametrisierung r:[a,b]D(f)\vec{r}: [a, b] \to D(f) und Skalarfunktion ff. FF ist Funktion in einer Variable tt, Werte in R\mathbb{R}.
Notation FF in einer Variable trotz ff in zwei (Pflicht)
Pflicht-Hinweis: F:RRF: \mathbb{R} \to \mathbb{R}, F(t)=f(r(t))F(t) = f(\vec{r}(t)). Wegparameter tt ist die einzige verbleibende Variable, (x(t),y(t))(x(t), y(t)) wird durch r\vec{r} festgelegt. Trotz Skalarfeld ff in zwei Variablen ist FF eindimensional.
Formel Spickzettel
F=frF = f \circ \vec{r}
Komposition kompakt geschrieben. FF ist Skalar-Funktion in einer Variable.

2.1 Limes-Definition und φ\varphi-Trick

Ableitung von FF rechnen wir aus dem Differenzenquotienten und nutzen den Approximations-Satz aus IV.4. Erster Schritt: schreibe F(t)F'(t) als Limes.

Limes-Definition F(t)F'(t)
F(t)=limΔt0F(t+Δt)F(t)ΔtF'(t) = \lim_{\Delta t \to 0} \frac{F(t+\Delta t) - F(t)}{\Delta t}
Standard-Differenzenquotient. Was passiert mit dem Zähler F(t+Δt)F(t)F(t+\Delta t) - F(t)?

Setze Δx:=x(t+Δt)x(t)\Delta x := x(t+\Delta t) - x(t) und Δy:=y(t+Δt)y(t)\Delta y := y(t+\Delta t) - y(t). Dann ist x(t+Δt)=x(t)+Δxx(t+\Delta t) = x(t) + \Delta x und entsprechend für yy.

Substitution Δx,Δy\Delta x, \Delta y
Δx=x(t+Δt)x(t),    Δy=y(t+Δt)y(t)x(t+Δt)=x(t)+Δx,    y(t+Δt)=y(t)+Δy\begin{aligned} \Delta x &= x(t+\Delta t) - x(t),\;\; \Delta y = y(t+\Delta t) - y(t) \\ x(t+\Delta t) &= x(t) + \Delta x,\;\; y(t+\Delta t) = y(t) + \Delta y \end{aligned}
Bahn-Schritt in xx- und yy-Richtung. Beide 0\to 0, wenn Δt0\Delta t \to 0 (sofern x,yx, y stetig).

Damit gilt F(t+Δt)F(t)=f(x+Δx,y+Δy)f(x,y)F(t+\Delta t) - F(t) = f(x+\Delta x, y+\Delta y) - f(x, y). Genau diese Differenz haben wir in IV.4 §3.1 schon studiert: sie zerlegt sich in den linearen Anteil aus dem totalen Differential plus die Approximations-Differenz φ\varphi.

φ\varphi-Erinnerung aus IV.4
φ(Δx,Δy)=f(x+Δx,y+Δy)f(x,y)fxΔxfyΔy\varphi(\Delta x, \Delta y) = f(x+\Delta x, y+\Delta y) - f(x, y) - f_x\,\Delta x - f_y\,\Delta y
Definition aus IV.4 §3.1. Klein-o gegen (Δx)2+(Δy)2\sqrt{(\Delta x)^2 + (\Delta y)^2} für stetig differenzierbare ff.

Auflösen nach der echten Differenz: f(x+Δx,y+Δy)f(x,y)=φ(Δx,Δy)+fxΔx+fyΔyf(x+\Delta x, y+\Delta y) - f(x, y) = \varphi(\Delta x, \Delta y) + f_x\,\Delta x + f_y\,\Delta y. Einsetzen in den Differenzenquotienten liefert eine Summe aus drei Termen, die wir gleich einzeln behandeln.

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F(t)F'(t) erweitert
F(t)=limΔt0φ(Δx,Δy)+fxΔx+fyΔyΔt\begin{aligned} F'(t) &= \lim_{\Delta t \to 0} \frac{\varphi(\Delta x, \Delta y) + f_x\,\Delta x + f_y\,\Delta y}{\Delta t} \end{aligned}
Drei Terme im Zähler. Den linearen Teil dürfen wir direkt durch Δt\Delta t teilen, der φ\varphi-Teil braucht eine Erweiterung (siehe §2.2).
Definition Approximations-Differenz φ\varphi
φ(Δx,Δy)=f(Punkt)t(Punkt)\varphi(\Delta x, \Delta y) = f(\text{Punkt}) - t(\text{Punkt}) aus IV.4 §3.1. Misst die Abweichung von der Tangentialebene.
Notation φ\varphi in §2.1 (Pflicht)
Pflicht-Hinweis: φ\varphi hier ist die Approximations-Differenz aus IV.4 §3.1 (φ=ft\varphi = f - t). DRITTE Bedeutung in der IV-Reihe: IV.3 §2.2 (Hilfsfunktion in einer Variable), IV.3 §3 (IB-Komponente), jetzt IV.4-Übernahme.
Formel Spickzettel: φ\varphi
φ=ft=o((Δx)2+(Δy)2)\varphi = f - t = o(\sqrt{(\Delta x)^2+(\Delta y)^2})
Klein-o gegen den Schritt-Abstand. Verschwindet schneller als Δt\Delta t im Limes.

2.2 Limes-Schluss, Klein-o und stetige Differenzierbarkeit

Den Term mit φ\varphi erweitern wir mit einem 11-Faktor: multipliziere und dividiere mit (Δx)2+(Δy)2\sqrt{(\Delta x)^2 + (\Delta y)^2}. Damit bekommen wir das Stück φ/(Δx)2+(Δy)2\varphi/\sqrt{(\Delta x)^2 + (\Delta y)^2} rein, das per Klein-o gegen 00 geht.

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Klein-o-Schluss
(Δx)2+(Δy)2Δt=(ΔxΔt)2+(ΔyΔt)2Δt0x˙2+y˙2=r˙(t)\begin{aligned} \frac{\sqrt{(\Delta x)^2 + (\Delta y)^2}}{\Delta t} &= \sqrt{\bigl(\tfrac{\Delta x}{\Delta t}\bigr)^2 + \bigl(\tfrac{\Delta y}{\Delta t}\bigr)^2} \\ &\xrightarrow{\Delta t \to 0} \sqrt{\dot{x}^2 + \dot{y}^2} = |\dot{\vec{r}}(t)| \end{aligned}
Beschränkter Faktor (endliche Bahngeschwindigkeit) mal Klein-o-Faktor (0\to 0) ergibt 00. Der ganze φ\varphi-Term verschwindet.

Das Reststück Δx/Δt\Delta x / \Delta t und Δy/Δt\Delta y / \Delta t konvergieren bei Δt0\Delta t \to 0 gegen die Komponenten der Bahngeschwindigkeit x˙(t)\dot{x}(t) bzw. y˙(t)\dot{y}(t). Der lineare Teil aus §2.1 wird also zu fxx˙+fyy˙f_x \dot{x} + f_y \dot{y}. Das ist schon der Hauptsatz, den wir im nächsten Subsection sauber aufschreiben.

Voraussetzung im Klartext. Wir brauchen ff stetig differenzierbar (für den φ\varphi-Klein-o-Satz aus IV.4 §3.1) plus r\vec{r} differenzierbar mit beschränkter Bahngeschwindigkeit (damit r˙(t)<|\dot{\vec{r}}(t)| < \infty). Beides ist bei jeder Klausur-Aufgabe automatisch erfüllt.

Merke Beweis-Pattern
Merke: Klein-o-Anteil isolieren, durch Δt\Delta t teilen, Stetigkeit lässt den Limes durch. Genau wie im IV.4 §3.2-Beweis, nur mit Δt\Delta t statt mit dem Schritt-Abstand.
Notation r˙(t)|\dot{\vec{r}}(t)|
Bahngeschwindigkeit, also Länge des Geschwindigkeitsvektors. r˙(t)=x˙2+y˙2|\dot{\vec{r}}(t)| = \sqrt{\dot{x}^2 + \dot{y}^2} in zwei Variablen.
Formel Spickzettel
φ/Δt0 via r˙\varphi/\Delta t \to 0 \text{ via } |\dot{\vec{r}}|
Bahngeschwindigkeit ist endlich, φ\varphi ist Klein-o, Produkt geht gegen 00.

2.3 Hauptsatz und Beispiel f=xy2f = xy^2 mit Trochoiden-Bahn

Der Limes liefert die Hauptaussage des Kapitels.

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Verallgemeinerte Kettenregel
F(t)=fx(x(t),y(t))x˙(t)+fy(x(t),y(t))y˙(t)=(fxfy)(x˙y˙)=grad(f(r(t)))r˙(t)\begin{aligned} F'(t) &= f_x(x(t), y(t)) \cdot \dot{x}(t) + f_y(x(t), y(t)) \cdot \dot{y}(t) \\ &= \begin{pmatrix} f_x \\ f_y \end{pmatrix} \cdot \begin{pmatrix} \dot{x} \\ \dot{y} \end{pmatrix} = \operatorname{grad}(f(\vec{r}(t))) \cdot \dot{\vec{r}}(t) \end{aligned}
Drei äquivalente Schreibweisen in einer Zeile. Skalarprodukt aus Gradient und Bahngeschwindigkeit, am Bahnpunkt r(t)\vec{r}(t) ausgewertet.

Vier äquivalente Schreibweisen sammeln wir in §2.4 als Cheat-Sheet. Anwendungs-Beispiel jetzt: nehmen wir f(x,y)=xy2f(x, y) = xy^2 und die Trochoiden-artige Bahn r(t)=(32tcos(t),  tsin(t))\vec{r}(t) = (-\tfrac{3}{2} t \cos(t),\; t \sin(t)).

Beispiel-Funktion und Bahn
f(x,y)=xy2r(t)=(32tcos(t),    tsin(t))\begin{aligned} f(x, y) &= x\,y^2 \\ \vec{r}(t) &= \bigl(-\tfrac{3}{2}\,t \cos(t),\;\; t \sin(t)\bigr) \end{aligned}
Skalarfunktion plus Bahn. Die Bahn beschreibt eine sich aufweitende Spirale.

Bahngeschwindigkeit per Produktregel: x˙(t)=32(cos(t)tsin(t))\dot{x}(t) = -\tfrac{3}{2}(\cos(t) - t \sin(t)) und y˙(t)=sin(t)+tcos(t)\dot{y}(t) = \sin(t) + t \cos(t). Beide explizit ausschreiben:

Bahngeschwindigkeit r˙(t)\dot{\vec{r}}(t)
r˙(t)=(32(cos(t)tsin(t)),  sin(t)+tcos(t))\dot{\vec{r}}(t) = \bigl(-\tfrac{3}{2}(\cos(t) - t \sin(t)),\; \sin(t) + t \cos(t)\bigr)
Komponentenweise Produktregel. Wird gleich in die Kettenregel-Formel eingesetzt.

Partielle Ableitungen von ff: fx=y2f_x = y^2 und fy=2xyf_y = 2xy. Einsetzen in F(t)=fxx˙+fyy˙F'(t) = f_x \dot{x} + f_y \dot{y} liefert den vollen Ausdruck:

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Beispiel F(t)F'(t)
F(t)=y2x˙+2xyy˙=t2sin2t(32)(cos(t)tsin(t))    +2(32)tcos(t)tsin(t)(sin(t)+tcos(t))\begin{aligned} F'(t) &= y^2 \cdot \dot{x} + 2 x y \cdot \dot{y} \\ &= t^2 \sin^2 t \cdot \bigl(-\tfrac{3}{2}\bigr)(\cos(t) - t \sin(t)) \\ &\;\; + 2 \cdot \bigl(-\tfrac{3}{2}\bigr) t \cos(t) \cdot t \sin(t) \cdot (\sin(t) + t \cos(t)) \end{aligned}
Drei Zeilen: Gradient-Geschwindigkeit-Form, dann beide Anteile mit den Bahn-Werten ausgeschrieben.

Auswerten an einer interessanten Stelle: t=πt = \pi. Dort ist sin(π)=0\sin(\pi) = 0, also y(π)=πsin(π)=0y(\pi) = \pi \sin(\pi) = 0. Beide Terme tragen yy als Faktor (im ersten als y2y^2, im zweiten als 2xy2xy). Mit y=0y = 0 verschwinden beide:

FF' bei t=πt = \pi
F(π)=0    (sin(π)=0,  y(π)=0)F'(\pi) = 0 \;\;(\sin(\pi) = 0,\; y(\pi) = 0)
Lokale Extremalstelle entlang der Bahn? Erfüllt notwendige Bedingung Typ (i) aus IV.5 §3.1, jetzt für die Bahn-Restriktion FF.
Definition Hauptsatz
Verallgemeinerte Kettenregel: F(t)=grad(f(r(t)))r˙(t)F'(t) = \operatorname{grad}(f(\vec{r}(t))) \cdot \dot{\vec{r}}(t). Skalarprodukt aus Gradient und Bahngeschwindigkeit am Bahnpunkt.
Notation r˙\dot{\vec{r}} vs rt\vec{r}_t
Beide Schreibweisen für die Bahngeschwindigkeit sind gängig. Mitschrift schreibt x˙,y˙\dot{x}, \dot{y} (Newton-Punkt), manche Texte xt,ytx_t, y_t (Subscript). Inhalt identisch.
Formel Spickzettel
F=grad(f)r˙F' = \operatorname{grad}(f) \cdot \dot{\vec{r}}
Kompakteste Form. Skalarprodukt aus Gradient und Bahngeschwindigkeit.

2.4 Cheat-Sheet, vier Schreibweisen

Die Verallgemeinerte Kettenregel hat vier Schreibweisen, alle inhaltlich identisch. Welche du wann nutzt, entscheidet die Aufgabenstellung und der Geschmack. Im Klausur-Lösungsweg lohnt es sich, immer die Form zu wählen, die zur Anwendung am besten passt.

Form Ausdruck Wann nutzen
explizit fx(r(t))x˙(t)+fy(r(t))y˙(t)f_x(\vec{r}(t))\,\dot{x}(t) + f_y(\vec{r}(t))\,\dot{y}(t) wenn x˙,y˙\dot{x}, \dot{y} ausrechenbar; konkretes Beispiel
subscript fxxt+fyytf_x\,x_t + f_y\,y_t kompakte Mitschrift-Notation; schnell hinschreiben
Vektor (fx,fy)(x˙,y˙)(f_x, f_y) \cdot (\dot{x}, \dot{y}) Skalarprodukt sichtbar; wenn die Geometrie zählt
Gradient grad(f)r˙\operatorname{grad}(f) \cdot \dot{\vec{r}} koordinatenfrei; für Beweise und Niveaulinien-Argumente (§3)
Vier Schreibweisen der Verallgemeinerten Kettenregel. Alle inhaltlich identisch, nur Notation und Anwendungs-Kontext unterscheiden sich.
Merke Inhalt vs Notation
Merke: alle vier Schreibweisen sind dasselbe Objekt (Skalarprodukt aus Gradient und Bahngeschwindigkeit). Nur die Notation wechselt.
Formel Spickzettel
F=grad(f)r˙=fxx˙+fyy˙F' = \operatorname{grad}(f) \cdot \dot{\vec{r}} = f_x \dot{x} + f_y \dot{y}
Beide Hauptformen nebeneinander. Kompakt-geometrische plus explizit-rechnerische Variante.

3.1 Niveaulinien sind Kurven, auf denen ff konstant ist

Niveaulinien wurden in IV.1 eingeführt: die Menge {(x,y)f(x,y)=C}\{(x, y) \mid f(x, y) = C\} aller Punkte, an denen ff einen festen Wert CC annimmt. Jetzt holen wir ihre Tangenten ein, mit der Verallgemeinerten Kettenregel als Werkzeug.

Sei r(t)\vec{r}(t) eine Parametrisierung einer Niveaulinie, also f(r(t))=Cf(\vec{r}(t)) = C für alle tt aus dem zulässigen Bereich. Dann ist die Höhen-Funktion entlang der Bahn F(t)=f(r(t))=CF(t) = f(\vec{r}(t)) = C konstant in tt. Konstante Funktion, Ableitung null. Setzen wir das mit der Kettenregel zusammen:

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Niveaulinie und Kettenregel
F(t)=C const auf {f=C}    F(t)=0    grad(f)r˙=0    grad(f)r˙\begin{aligned} F(t) = C \text{ const auf } \{f = C\} &\;\Longrightarrow\; F'(t) = 0 \\ &\;\Longrightarrow\; \operatorname{grad}(f) \cdot \dot{\vec{r}} = 0 \\ &\;\Longrightarrow\; \operatorname{grad}(f) \perp \dot{\vec{r}} \end{aligned}
Drei Schritte: konstante Höhe entlang der Bahn, also Ableitung null, also Skalarprodukt null, also Senkrecht-Stehung.

Geometrische Bedeutung: der Gradient steht an jedem Punkt senkrecht auf der Niveaulinie durch diesen Punkt. Das ist eine Eigenschaft des Gradienten, die in IV.2 §4.2 nur als Vorschau erwähnt war (ohne Beweis); hier folgt sie direkt aus 'Höhe konstant entlang Niveaulinie + Kettenregel'.

Geometrisches Bild zum Mitnehmen: stehst du auf einem Wanderweg, der genau einer Höhenlinie folgt, dann zeigt der Gradient (Richtung des steilsten Anstiegs) immer rechtwinklig zum Weg. Logisch: würde er einen Anteil entlang des Weges haben, würdest du beim Gehen die Höhe ändern, also wärst du nicht mehr auf einer Höhenlinie.

Merke grad(f)\operatorname{grad}(f) \perp Niveaulinien
Merke: der Gradient steht an jedem Punkt senkrecht auf der Niveaulinie durch diesen Punkt. Direkte geometrische Folge der Verallgemeinerten Kettenregel.
Formel Spickzettel
fC auf K    grad(f)Kf \equiv C \text{ auf } K \;\Longrightarrow\; \operatorname{grad}(f) \perp K
Höhe konstant auf Kurve, also Gradient senkrecht zur Kurve. Ein-Zeilen-Folgerung aus der Kettenregel.

4.1 Setup und Satz Tangentensteigung

Eine Kurve KK ist oft implizit durch eine Gleichung f(x,y)=0f(x, y) = 0 gegeben, ohne dass man yy explizit als Funktion von xx auflösen kann. Beispiel: die Hyperbel x2/a2y2/b2=1x^2/a^2 - y^2/b^2 = 1 liefert y=±bx2/a21y = \pm b\sqrt{x^2/a^2 - 1} nur stückweise mit Vorzeichen-Wahl. Trotzdem gibt es eine Tangentensteigung an jedem Punkt der Kurve, und die Verallgemeinerte Kettenregel liefert sie ohne explizite Auflösung.

Setup. Sei K={(x,y)f(x,y)=0}K = \{(x, y) \mid f(x, y) = 0\} und (x0,y0)K(x_0, y_0) \in K ein Punkt auf der Kurve. In einem Bereich um (x0,y0)(x_0, y_0) existiert eine lokale Auflösung y=φ(x)y = \varphi(x) mit φ(x0)=y0\varphi(x_0) = y_0. Damit gilt:

Implizite Auflösung y=φ(x)y = \varphi(x)
f(x,φ(x))=0 fu¨x um x0f(x, \varphi(x)) = 0 \text{ für } x \text{ um } x_0
Identisch null als Funktion in xx. Lokale Existenz von φ\varphi aus dem Satz der impliziten Funktion (Analysis III oder Aufbau-Vorlesung).

Beide Seiten der Identität nach xx ableiten: links Verallgemeinerte Kettenregel auf die Komposition xf(x,φ(x))x \mapsto f(x, \varphi(x)), rechts Ableitung der Konstanten ist null.

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Kettenregel-Anwendung und Auflösung
F(x)=fx(x,φ(x))1+fy(x,φ(x))φ(x)=0    φ(x0)=fx(x0,y0)fy(x0,y0)\begin{aligned} F'(x) &= f_x(x, \varphi(x)) \cdot 1 + f_y(x, \varphi(x)) \cdot \varphi'(x) = 0 \\ \Longrightarrow\;\; \varphi'(x_0) &= -\frac{f_x(x_0, y_0)}{f_y(x_0, y_0)} \end{aligned}
Zwei Zeilen: erst Kettenregel mit x˙=1\dot{x} = 1 und y˙=φ\dot{y} = \varphi', dann auflösen nach φ\varphi'. Voraussetzung: fy(x0,y0)0f_y(x_0, y_0) \neq 0.

Satz Tangentensteigung. An einem Punkt (x0,y0)(x_0, y_0) auf der impliziten Kurve {f=0}\{f = 0\} mit fy(x0,y0)0f_y(x_0, y_0) \neq 0 ist die Tangentensteigung der lokalen Auflösung y=φ(x)y = \varphi(x) gegeben durch φ(x0)=fx/fy\varphi'(x_0) = -f_x/f_y, beide Ableitungen am Punkt (x0,y0)(x_0, y_0) ausgewertet. Geometrisch: die Tangente an die Kurve hat genau diese Steigung.

Definition Lokale Auflösung
y=φ(x)y = \varphi(x) mit φ(x0)=y0\varphi(x_0) = y_0 und f(x,φ(x))=0f(x, \varphi(x)) = 0 auf einem Intervall um x0x_0. Existenz aus Satz der impliziten Funktion.
Notation φ\varphi in §4.1 (Pflicht)
Pflicht-Hinweis: φ\varphi hier ist die lokal aufgelöste Funktion y=φ(x)y = \varphi(x). VIERTE Bedeutung in der Kapitel-Reihe: nicht IV.3 §2.2 (Hilfsfunktion), §3 (IB-Komponente), IV.4 §3.1 (Approx.-Differenz); jetzt implizite Auflösung.
Notation y=φ(x)y = \varphi(x) vs x=ψ(y)x = \psi(y)
Bei fy(x0,y0)0f_y(x_0, y_0) \neq 0: yy als Funktion von xx auflösbar. Bei fy=0,fx0f_y = 0, f_x \neq 0: stattdessen x=ψ(y)x = \psi(y) mit ψ(y0)=fy/fx\psi'(y_0) = -f_y/f_x. Eine der beiden Auflösungen geht immer.
Formel Spickzettel
φ(x0)=fxfy(x0,y0)\varphi'(x_0) = -\frac{f_x}{f_y}\bigl|_{(x_0, y_0)}
Tangentensteigung als negativer Quotient der partiellen Ableitungen, am Kurvenpunkt ausgewertet.

4.2 Beispiel, Tangente an Hyperbel x2/a2y2/b2=1x^2/a^2 - y^2/b^2 = 1

Standard-Klausur-Beispiel ohne explizite Parametrisierung. Die Hyperbel H={f=0}H = \{f = 0\} mit f(x,y)=x2/a2y2/b21f(x, y) = x^2/a^2 - y^2/b^2 - 1 und Halbachsen a,b>0a, b > 0. Sei (x0,y0)H(x_0, y_0) \in H ein beliebiger Kurvenpunkt mit y00y_0 \neq 0.

Partielle Ableitungen direkt: fx=2x/a2f_x = 2x/a^2 und fy=2y/b2f_y = -2y/b^2. Mit dem Satz aus §4.1 folgt die Tangentensteigung:

Tangentensteigung Hyperbel
m=fxfy=2x0/a22y0/b2=b2a2x0y0m = -\frac{f_x}{f_y} = -\frac{2 x_0 / a^2}{-2 y_0 / b^2} = \frac{b^2}{a^2} \cdot \frac{x_0}{y_0}
Voraussetzung y00y_0 \neq 0 (sonst fy=0f_y = 0, vertikale Tangente). Negative Quotientenregel mit Doppel-Minus, was sich zu Plus auflöst.

Die Tangente durch (x0,y0)(x_0, y_0) mit Steigung mm ist yy0=m(xx0)y - y_0 = m(x - x_0). Multiplikation mit y0/b2y_0/b^2 und Ausnutzung der Punkt-auf-Hyperbel-Bedingung x02/a2y02/b2=1x_0^2/a^2 - y_0^2/b^2 = 1 liefert eine elegante implizite Form:

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Tangentengleichung Hyperbel
yy0=b2a2x0y0(xx0)    T:    x0a2xy0b2y=1\begin{aligned} y - y_0 &= \frac{b^2}{a^2} \cdot \frac{x_0}{y_0}(x - x_0) \\ \Longrightarrow\;\; T:\;\; \frac{x_0}{a^2}\, x - \frac{y_0}{b^2}\, y &= 1 \end{aligned}
Zwei Zeilen: Punkt-Steigung-Form, dann nach Umformung die elegante implizite Form. Gleicher Aufbau wie die Hyperbel selbst, nur mit (x0/a2)(x_0/a^2) und (y0/b2)(y_0/b^2) als Koeffizienten.
Merke Elegante implizite Form
Merke: für jeden Kegelschnitt liefert die implizite Methode eine Tangentengleichung mit derselben Struktur wie die Kurve, nur mit (x0,y0)(x_0, y_0) als linearen Koeffizienten. Spart Parametrisierungs-Arbeit.
Formel Spickzettel Hyperbel-Tangente
T:x0a2xy0b2y=1T: \frac{x_0}{a^2}\, x - \frac{y_0}{b^2}\, y = 1
Implizite Form. x0,y0x_0, y_0 sind die Koordinaten des Berührpunkts.

5.1 Ausdehnungs-, Spannungs-, Kompressibilitätskoeffizient

Im idealen Gas pV=nRTpV = nRT und allgemeineren Gas-Gesetzen ergeben sich drei implizite Funktionen, je nachdem welche Variable man als abhängig wählt. Druck als Funktion von Volumen und Temperatur, Volumen als Funktion von Druck und Temperatur, Temperatur als Funktion von Druck und Volumen.

Drei implizite Funktionen
p(V,T),    V(p,T),    T(p,V)p(V, T),\;\; V(p, T),\;\; T(p, V)
Drei Sichtweisen auf dieselbe Zustands-Gleichung. Jede hat zwei Variablen, je nach Wahl der abhängigen Grösse.

Charakteristische Stoff-Konstanten leiten sich aus partiellen Ableitungen dieser drei Funktionen ab. Drei Standard-Definitionen:

Ausdehnungskoeffizient α\alpha
α=1VVT\alpha = \frac{1}{V} \cdot V_T
Wie stark wächst das Volumen mit der Temperatur (bei festem Druck)? Pro Volumen-Einheit. Einheit 1/K1/\mathrm{K}.
Spannungskoeffizient β\beta
β=1ppT\beta = \frac{1}{p} \cdot p_T
Wie stark wächst der Druck mit der Temperatur (bei festem Volumen)? Pro Druck-Einheit. Einheit 1/K1/\mathrm{K}.
Kompressibilität κ\kappa
κ=1VVp\kappa = -\frac{1}{V} \cdot V_p
Wie stark schrumpft das Volumen mit dem Druck (bei fester Temperatur)? Pro Volumen-Einheit. Minus-Vorzeichen für Konventions-Positivität. Einheit 1/Pa1/\mathrm{Pa}.

Vorzeichen-Vorsicht. Bei steigendem Druck nimmt das Volumen ab, also ist Vp<0V_p < 0. Per Konvention will man κ>0\kappa > 0 als positive Materialkonstante, daher steht das Minus-Vorzeichen vor dem Quotienten in der Definition. Das Minus ist kein Schreibfehler, sondern bewusste Vorzeichen-Korrektur.

Vorschau auf IV.7. Die drei Koeffizienten hängen über eine implizite Relation zusammen, die direkt aus der Verallgemeinerten Kettenregel auf die Zustands-Gleichung folgt. Die volle Herleitung folgt in IV.7, sobald wir formal mit Funktionen in drei Variablen arbeiten. Hier reichen die Definitionen.

Definition Drei Gas-Koeffizienten
Ausdehnung α=VT/V\alpha = V_T/V (Volumen-Temperatur, bei festem pp). Spannung β=pT/p\beta = p_T/p (Druck-Temperatur, bei festem VV). Kompressibilität κ=Vp/V\kappa = -V_p/V (Volumen-Druck, bei fester TT, Vorzeichen-Korrektur).
Notation Vorzeichen κ\kappa (Pflicht)
Pflicht-Hinweis: Vp<0V_p < 0 (Volumen nimmt mit Druck ab), per Konvention κ>0\kappa > 0. Daher Minus vor dem Quotienten in der Definition κ=Vp/V\kappa = -V_p/V. Das Minus ist Vorzeichen-Korrektur, kein Schreibfehler.
Merke Drei Sichtweisen, ein Gesetz
Merke: drei Funktionen p(V,T)p(V,T), V(p,T)V(p,T), T(p,V)T(p,V) aus einer einzigen Zustands-Gleichung. Jede liefert eigene Stoff-Konstanten via partieller Ableitung.

6.1 Aufgaben

Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: bei 'Funktion entlang Kurve'-Aufgaben Verallgemeinerte Kettenregel in der passenden Schreibweise (Cheat-Sheet §2.4) aufstellen, r˙\dot{\vec{r}} und grad(f)\operatorname{grad}(f) ausrechnen, Skalarprodukt bilden. Bei impliziten Tangenten-Aufgaben Voraussetzung fy0f_y \neq 0 prüfen, fx/fy-f_x/f_y einsetzen, gegebenenfalls mit der Implizit-Bedingung umformen (siehe §4.2 Hyperbel-Beispiel). Bei Niveaulinien-Argumenten direkt die Senkrechtstellung grad(f)K\operatorname{grad}(f) \perp K aus §3.1 nutzen.