1.1 Definition: Stetigkeit über Folgen

Bevor wir den Satz von Schwarz formulieren, klären wir kurz, was 'stetig' bei zwei Variablen heisst. Aus Analysis I kennst du Stetigkeit für Funktionen in einer Variable: ff stetig in x0x_0 bedeutet, dass jede Folge xnx0x_n \to x_0 auch f(xn)f(x0)f(x_n) \to f(x_0) erfüllt. In zwei Variablen heisst es genauso, nur jetzt mit Folgen in der Ebene.

Formal: ff heisst stetig in (x0,y0)(x_0, y_0), wenn für jede Folge (xn,yn)(x_n, y_n) in der Ebene mit (xn,yn)(x0,y0)(x_n, y_n) \to (x_0, y_0) auch f(xn,yn)f(x0,y0)f(x_n, y_n) \to f(x_0, y_0) gilt. Achtung: 'jede Folge' meint wirklich jede Annäherung, egal aus welcher Richtung.

!!
Stetigkeit über Folgen
f stetig in (x0,y0):  (xn,yn)(x0,y0):  f(xn,yn)f(x0,y0)\begin{aligned} & f \text{ stetig in } (x_0, y_0) \\ & :\Longleftrightarrow\; \forall (x_n, y_n) \to (x_0, y_0):\; f(x_n, y_n) \to f(x_0, y_0) \end{aligned}
Folgen-Definition. Jede Annäherung in der Ebene zieht den Funktionswert mit.
Definition Stetigkeit in zwei Variablen
ff stetig in (x0,y0)(x_0, y_0): jede Folge (xn,yn)(x0,y0)(x_n, y_n) \to (x_0, y_0) erfüllt f(xn,yn)f(x0,y0)f(x_n, y_n) \to f(x_0, y_0). Strenger als komponentenweise Stetigkeit.
Notation 'Umgebung von (x0,y0)(x_0, y_0)'
Informelle Schreibweise für 'auf einem offenen Ball Br(x0,y0)B_r(x_0, y_0) mit Radius r>0r > 0'. Wir nutzen 'Umgebung' wie die Mitschrift, ohne den Ball-Radius explizit zu fixieren.

1.2 Was heisst 'fxyf_{xy} stetig' konkret?

Der Satz von Schwarz wird gleich verlangen, dass fxyf_{xy} und fyxf_{yx} stetig sind. Bei welchen Funktionen ist das automatisch der Fall?

Bei Polynomen, Exponentialfunktionen und trigonometrischen Funktionen sind alle partiellen Ableitungen aller Ordnungen automatisch stetig. Beispiel aus IV.2 §3.2: f(x,y)=ex3+3yf(x, y) = e^{x^3+3y}. Alle Ableitungen sind wieder Polynome mal ex3+3ye^{x^3+3y}, also auf ganz R2\mathbb{R}^2 stetig. Für Schwarz reicht das.

Bei rationalen Funktionen (Quotienten von Polynomen): stetig auf dem Definitionsbereich, aber Vorsicht an Polstellen. Bei Wurzeln und Logarithmen: stetig im Inneren des Definitionsbereichs.

Merke Faustregel: Polynome, exe^x, sin,cos\sin, \cos und ihre Verknüpfungen sind 'glatt überall'. Schwarz darf ohne Prüfung benutzt werden.
Prüfungstipp Vorsicht nur bei Polstellen und am Rand des Definitionsbereichs. Beispiel: Artanh(y/x)\operatorname{Artanh}(y/x) aus IV.2 §5.3 ist nur für y<x|y| < |x| definiert.

2.1 Die Aussage

Jetzt der Hauptsatz dieses Kapitels.

Voraussetzungen: f:ARf: A \to \mathbb{R} ist eine Funktion in zwei Variablen, AR2A \subset \mathbb{R}^2 offen, (x0,y0)A(x_0, y_0) \in A ein innerer Punkt. Die gemischten zweiten Ableitungen fxyf_{xy} und fyxf_{yx} existieren in einer Umgebung von (x0,y0)(x_0, y_0) und sind dort stetig.

Konklusion: Am Punkt (x0,y0)(x_0, y_0) stimmen fxyf_{xy} und fyxf_{yx} überein.

!!!
Satz von Schwarz
fxy,fyx stetig in einer Umgebung von (x0,y0)  fxy(x0,y0)=fyx(x0,y0)\begin{aligned} & f_{xy}, f_{yx} \text{ stetig in einer Umgebung von } (x_0, y_0) \\ & \Longrightarrow\; f_{xy}(x_0, y_0) = f_{yx}(x_0, y_0) \end{aligned}
Punktweise Aussage. Gilt am Punkt (x0,y0)(x_0, y_0), wo beide Mischableitungen stetig sind.
Definition Satz von Schwarz
Sind fxyf_{xy} und fyxf_{yx} in einer Umgebung von (x0,y0)(x_0, y_0) stetig, so fxy(x0,y0)=fyx(x0,y0)f_{xy}(x_0, y_0) = f_{yx}(x_0, y_0).
Merke Folgerung
Bei mehrfacher Differenzierbarkeit zählt nur, wie oft nach jeder Variable abgeleitet wurde, nicht in welcher Reihenfolge. So sind fxxy,fxyx,fyxxf_{xxy}, f_{xyx}, f_{yxx} alle gleich, sofern alle Ableitungen stetig sind.
Notation fxy=(fx)yf_{xy} = (f_x)_y
Lesekonvention wie in IV.2 §3.1: erste Index-Variable wird zuerst abgeleitet. fxyf_{xy} heisst 'erst nach xx, dann nach yy'. Wir bleiben bei der Mitschrift-Konvention.

2.2 Beweisskizze: Mittelwertsatz zweimal

Die Idee des Beweises geht in drei Bewegungen. Erst ein kleines Quadrat mit einer Ecke bei (x0,y0)(x_0, y_0) aufstellen. Dann die Doppel-Differenz von ff auf zwei Wegen ausdrücken. Beide Wege liefern denselben Quotienten A(h)/h2A(h)/h^2, einmal als fxyf_{xy}-Wert, einmal als fyxf_{yx}-Wert. Zum Schluss Limes für h0h \to 0, und Stetigkeit verschiebt die Auswertung an den Punkt (x0,y0)(x_0, y_0).

Konstruktion. Quadrat mit Ecken (x0,y0)(x_0, y_0), (x0+h,y0)(x_0+h, y_0), (x0+h,y0+h)(x_0+h, y_0+h), (x0,y0+h)(x_0, y_0+h). Wir nehmen hh so klein, dass alle vier Ecken in der Umgebung liegen, in der fxyf_{xy} und fyxf_{yx} stetig sind.

Erster Weg. Hilfsfunktion φ\varphi in einer Variable: pro xx misst φ(x)\varphi(x) den vertikalen 'Höhenunterschied' von ff zwischen y0y_0 und y0+hy_0+h.

Hilfsfunktion φ\varphi
φ(x):=f(x,y0+h)f(x,y0)\varphi(x) := f(x, y_0+h) - f(x, y_0)
Eine Variable: xx läuft, y0y_0 und hh sind Parameter. φ\varphi ist Funktion in einer Variable.

Die Doppel-Differenz A(h)A(h) vergleicht φ\varphi an zwei xx-Stellen:

Doppel-Differenz A(h)A(h)
A(h):=φ(x0+h)φ(x0)A(h) := \varphi(x_0+h) - \varphi(x_0)
Differenz von φ\varphi über das Intervall [x0,x0+h][x_0, x_0+h] in xx-Richtung.

Mittelwertsatz auf φ\varphi in xx-Richtung: es existiert ξ1(x0,x0+h)\xi_1 \in (x_0, x_0+h) mit A(h)/h=φ(ξ1)A(h)/h = \varphi'(\xi_1). Da φ(x)=fx(x,y0+h)fx(x,y0)\varphi'(x) = f_x(x, y_0+h) - f_x(x, y_0) wieder eine Differenz an zwei yy-Stellen ist, dürfen wir den Mittelwertsatz nochmal anwenden, jetzt auf fx(ξ1,)f_x(\xi_1, \cdot) in yy-Richtung. Es existiert η1(y0,y0+h)\eta_1 \in (y_0, y_0+h) mit φ(ξ1)/h=fxy(ξ1,η1)\varphi'(\xi_1)/h = f_{xy}(\xi_1, \eta_1). Zusammen:

Erster Weg: A(h)/h2A(h)/h^2 als fxyf_{xy}
A(h)h2=fxy(ξ1,η1)mit ξ1(x0,x0+h),  η1(y0,y0+h)\begin{aligned} & \frac{A(h)}{h^2} = f_{xy}(\xi_1, \eta_1) \\ & \text{mit } \xi_1 \in (x_0, x_0+h),\; \eta_1 \in (y_0, y_0+h) \end{aligned}
Mittelwertsatz zweimal: erst nach xx (liefert ξ1\xi_1), dann nach yy (liefert η1\eta_1).

Zweiter Weg. Definiere ψ\psi mit vertauschten Rollen: pro yy misst ψ(y)\psi(y) den 'Längenunterschied' von ff zwischen x0x_0 und x0+hx_0+h.

Hilfsfunktion ψ\psi
ψ(y):=f(x0+h,y)f(x0,y)\psi(y) := f(x_0+h, y) - f(x_0, y)
Eine Variable: yy läuft, x0x_0 und hh sind Parameter.

Schlüssel-Beobachtung: dieselbe Doppel-Differenz A(h)A(h) lässt sich auch über ψ\psi ausdrücken.

Gleiches AA über ψ\psi
A(h)=ψ(y0+h)ψ(y0)A(h) = \psi(y_0+h) - \psi(y_0)
Beide Schreibweisen liefern die Eckwerte-Kombination f(x0+h,y0+h)f(x0+h,y0)f(x0,y0+h)+f(x0,y0)f(x_0+h, y_0+h) - f(x_0+h, y_0) - f(x_0, y_0+h) + f(x_0, y_0).

Mittelwertsatz zweimal, jetzt zuerst nach yy, dann nach xx. Es existieren ξ2(x0,x0+h)\xi_2 \in (x_0, x_0+h) und η2(y0,y0+h)\eta_2 \in (y_0, y_0+h) mit:

Zweiter Weg: A(h)/h2A(h)/h^2 als fyxf_{yx}
A(h)h2=fyx(ξ2,η2)mit ξ2(x0,x0+h),  η2(y0,y0+h)\begin{aligned} & \frac{A(h)}{h^2} = f_{yx}(\xi_2, \eta_2) \\ & \text{mit } \xi_2 \in (x_0, x_0+h),\; \eta_2 \in (y_0, y_0+h) \end{aligned}
Analog zum ersten Weg, aber mit umgekehrter Reihenfolge der zwei MWS-Anwendungen.

Limes-Schluss. Beide Ausdrücke fxy(ξ1,η1)f_{xy}(\xi_1, \eta_1) und fyx(ξ2,η2)f_{yx}(\xi_2, \eta_2) sind gleich A(h)/h2A(h)/h^2, also identisch. Lassen wir h0h \to 0 gehen, schrumpft das Quadrat auf den Punkt (x0,y0)(x_0, y_0). Die Punkte (ξ1,η1)(\xi_1, \eta_1) und (ξ2,η2)(\xi_2, \eta_2) konvergieren gegen (x0,y0)(x_0, y_0), weil sie im schrumpfenden Quadrat eingeschlossen sind. Stetigkeit der Mischableitungen lässt den Grenzübergang durch:

Limes für h0h \to 0
fxy(x0,y0)=limh0fxy(ξ1,η1)=limh0fyx(ξ2,η2)=fyx(x0,y0)\begin{aligned} f_{xy}(x_0, y_0) &= \lim_{h \to 0} f_{xy}(\xi_1, \eta_1) \\ &= \lim_{h \to 0} f_{yx}(\xi_2, \eta_2) \\ &= f_{yx}(x_0, y_0) \end{aligned}
Beide Limites haben denselben Wert A(h)/h2A(h)/h^2, also gleiches Resultat.
!!
Schluss
fxy(x0,y0)=fyx(x0,y0)f_{xy}(x_0, y_0) = f_{yx}(x_0, y_0)
Punktweise Gleichheit am Stetigkeitspunkt (x0,y0)(x_0, y_0).
Notation φ\varphi und ψ\psi hier: Hilfsfunktionen
Pflicht-Hinweis: Hier sind φ(x),ψ(y)\varphi(x), \psi(y) Hilfsfunktionen in einer Variable (Differenzen von ff). In §3 tauchen φ,ψ\varphi, \psi wieder auf, aber als Komponenten der IB in zwei Variablen. Doppelbelegung.
Notation ξ1,η1,ξ2,η2,h\xi_1, \eta_1, \xi_2, \eta_2, h
hh ist die Quadrat-Seitenlänge (h0h \to 0). ξi(x0,x0+h)\xi_i \in (x_0, x_0+h), ηi(y0,y0+h)\eta_i \in (y_0, y_0+h) sind die Zwischenstellen aus dem Mittelwertsatz. Index 11 für den ersten Weg, 22 für den zweiten.
Merke Beweis-Idee
Eine Doppel-Differenz, zwei Wege. A(h)/h2A(h)/h^2 ist sowohl fxy(ξ1,η1)f_{xy}(\xi_1, \eta_1) als auch fyx(ξ2,η2)f_{yx}(\xi_2, \eta_2). Limes h0h \to 0 plus Stetigkeit erzwingt fxy(x0,y0)=fyx(x0,y0)f_{xy}(x_0, y_0) = f_{yx}(x_0, y_0).

2.3 Folgerung und Re-Verifikation am e-Beispiel aus IV.2

Aus IV.2 §3.2 erinnern wir uns: bei f(x,y)=ex3+3yf(x, y) = e^{x^3+3y} kam fxy=fyx=9x2ex3+3yf_{xy} = f_{yx} = 9 x^2 e^{x^3+3y} als Beobachtung heraus. Mit Schwarz wird daraus jetzt ein Satz.

Diagramm dazu. Zwei Wege durch die Ableitungs-Reihenfolge führen zum selben Resultat. Erst nach xx, dann nach yy ergibt fxyf_{xy}. Erst nach yy, dann nach xx ergibt fyxf_{yx}. Schwarz garantiert: bei stetigen Mischableitungen sind beide Wege identisch.

Praktischer Wert. Bei Polynomen, Exponentialfunktionen und trigonometrischen Funktionen sind alle Voraussetzungen ohne weitere Prüfung erfüllt. Alle Ableitungen sind wieder Funktionen derselben Klasse, also stetig. Schwarz darf benutzt werden, ohne den Stetigkeits-Check explizit zu führen.

Merke Diagramm Schwarz
fxfxyfxyf \xrightarrow{\partial_x} f_x \xrightarrow{\partial_y} f_{xy} und fyfyxfyxf \xrightarrow{\partial_y} f_y \xrightarrow{\partial_x} f_{yx}. Bei stetigen Mischableitungen führen beide Wege zum gleichen Resultat.

3.1 Aussage und das umgekehrte Diagramm

Schwarz fragt: gegeben ff, ist fxyf_{xy} gleich fyxf_{yx}? Die Integrabilitätsbedingung dreht das um. Gegeben zwei Funktionen φ\varphi und ψ\psi, gibt es ein gemeinsames ff, dessen partielle Ableitungen genau diese sind?

Das umgekehrte Diagramm. Gegeben sind φ(x,y)\varphi(x, y) und ψ(x,y)\psi(x, y) als zwei stetig differenzierbare Funktionen in zwei Variablen. Gesucht ist eine einzige Funktion ff mit fxφf_x \equiv \varphi und fyψf_y \equiv \psi auf demselben Definitionsbereich. Wenn so ein ff existiert, sagen wir, das Paar (φ,ψ)(\varphi, \psi) ist integrabel.

Notwendige Bedingung. Falls so ein ff existiert, dann gilt φy=(fx)y=fxy\varphi_y = (f_x)_y = f_{xy} und ψx=(fy)x=fyx\psi_x = (f_y)_x = f_{yx}. Aus Schwarz folgt fxy=fyxf_{xy} = f_{yx}, also muss φyψx\varphi_y \equiv \psi_x gelten. Verletzen φ\varphi und ψ\psi diese Bedingung, kann kein gemeinsames ff existieren.

Integrabilitätsbedingung (IB)
(IB)    φyψx   in einem achsenparallelen Rechteck(\text{IB})\;\; \varphi_y \equiv \psi_x \;\text{ in einem achsenparallelen Rechteck}
Notwendige Bedingung für die Existenz eines gemeinsamen ff.

Schöner ist die umgekehrte Richtung. Die Bedingung ist auch hinreichend, sofern φ\varphi und ψ\psi stetig differenzierbar in einem achsenparallelen Rechteck sind.

!!!
IB-Existenzaussage
φ,ψ stetig differenzierbar,  φyψx  f:  fxφ,  fyψ\begin{aligned} & \varphi, \psi \text{ stetig differenzierbar},\; \varphi_y \equiv \psi_x \\ & \Longrightarrow\; \exists\, f:\; f_x \equiv \varphi,\; f_y \equiv \psi \end{aligned}
Auf einem achsenparallelen Rechteck (a,b)×(c,d)(a, b) \times (c, d). Beweis nicht abstrakt: das ff wird in §4 explizit konstruiert.

Beweis dafür kommt nicht im Theorie-Block, sondern operational: in §4 zeigen wir an Beispielen, wie man ff aus φ,ψ\varphi, \psi konstruiert. Die Konstruktion ist der Beweis.

Definition Integrabilitätsbedingung
φyψx\varphi_y \equiv \psi_x auf einem achsenparallelen Rechteck. Notwendig und hinreichend für f\exists f mit fxφ,fyψf_x \equiv \varphi, f_y \equiv \psi.
Notation φ\varphi und ψ\psi hier: Komponenten
Pflicht-Hinweis: In §3 und §4 sind φ(x,y),ψ(x,y)\varphi(x, y), \psi(x, y) Komponenten der IB in zwei Variablen. Im Schwarz-Beweis §2.2 hatten dieselben Buchstaben eine andere Bedeutung als Hilfsfunktionen in einer Variable. Doppelbelegung.
Notation Achsenparalleles Rechteck
Offene Menge der Form (a,b)×(c,d)R2(a, b) \times (c, d) \subset \mathbb{R}^2. Kanten parallel zu den Koordinatenachsen. Nicht jedes Gebiet erfüllt das.
Notation \equiv vs ==
φyψx\varphi_y \equiv \psi_x: identisch gleich auf dem ganzen Definitionsbereich, an jedem Punkt. φy(x0,y0)=ψx(x0,y0)\varphi_y(x_0, y_0) = \psi_x(x_0, y_0) wäre bloss punktweise Gleichheit. IB verlangt die starke Form.

3.2 Beispiele: IB-Check ja vs nein

Vor jeder Rekonstruktion: prüf erst, ob IB überhaupt erfüllt ist. Spart Zeit, wenn IB scheitert.

Beispiel 1 (positiv). Sei φ(x,y)=x2+y\varphi(x, y) = x^2 + y und ψ(x,y)=y2+x\psi(x, y) = y^2 + x.

Beispiel 1 (φ\varphi, ψ\psi)
φ(x,y)=x2+y,    ψ(x,y)=y2+x\varphi(x, y) = x^2 + y, \;\; \psi(x, y) = y^2 + x
Beide sind Polynome, also stetig differenzierbar auf ganz R2\mathbb{R}^2.

IB-Check: y(x2+y)=1\partial_y(x^2 + y) = 1 und x(y2+x)=1\partial_x(y^2 + x) = 1. Beide Resultate identisch.

IB-Check Beispiel 1
φy1,    ψx1  φyψx  (IB erfu¨llt)\begin{aligned} \varphi_y &\equiv 1, \;\; \psi_x \equiv 1 \\ &\Longrightarrow\; \varphi_y \equiv \psi_x \;\text{(IB erfüllt)} \end{aligned}
Beide Ableitungen liefern die Konstante 11. IB hält auf ganz R2\mathbb{R}^2.

IB ist erfüllt, also existiert ein ff mit fxφf_x \equiv \varphi und fyψf_y \equiv \psi. Konstruktion folgt in §4.1 und §4.2.

Beispiel 2 (negativ). Sei φ(x,y)=y2+x\varphi(x, y) = y^2 + x und ψ(x,y)=x2+y\psi(x, y) = x^2 + y.

Beispiel 2 (φ\varphi, ψ\psi)
φ(x,y)=y2+x,    ψ(x,y)=x2+y\varphi(x, y) = y^2 + x, \;\; \psi(x, y) = x^2 + y
Achtung: gegenüber Beispiel 1 sind nur φ\varphi und ψ\psi vertauscht. Trotzdem schlägt IB fehl.

IB-Check: y(y2+x)=2y\partial_y(y^2 + x) = 2y und x(x2+y)=2x\partial_x(x^2 + y) = 2x. Identisch nur auf der Geraden y=xy = x, sonst nirgends.

IB-Check Beispiel 2
φy=2y,    ψx=2x  φy≢ψx  (IB nicht erfu¨llt)\begin{aligned} \varphi_y &= 2y, \;\; \psi_x = 2x \\ &\Longrightarrow\; \varphi_y \not\equiv \psi_x \;\text{(IB nicht erfüllt)} \end{aligned}
Identisch nur auf {y=x}\{y = x\}, was kein achsenparalleles Rechteck ist. IB scheitert.

IB ist nicht erfüllt, also existiert kein ff mit fxφf_x \equiv \varphi und fyψf_y \equiv \psi. Warum der Versuch trotzdem zerbricht (und genau so der Beweis dafür entsteht), zeigt §4.3.

Formel Spickzettel: IB-Check
φy=?ψx\varphi_y \stackrel{?}{=} \psi_x
Vor jeder Rekonstruktion: yφ\partial_y \varphi und xψ\partial_x \psi ausrechnen, vergleichen. Identisch ⟹ weiter; nicht identisch ⟹ kein ff, fertig.
Prüfungstipp Reihenfolge wichtig: erst IB-Check, dann Rekonstruktion. Wer mit dem Integrieren startet ohne Check, verschwendet Zeit, falls IB nicht erfüllt ist.

4.1 Variante 1: Integrale vergleichen

Erste Idee zur Rekonstruktion: φdx\int \varphi\,dx und ψdy\int \psi\,dy getrennt aufstellen, dann die Resultate vergleichen. Konzeptionell klar, jeder Schritt ist Stammfunktion-Bilden. Als Beispiel nehmen wir φ(x,y)=x2+y\varphi(x, y) = x^2 + y und ψ(x,y)=y2+x\psi(x, y) = y^2 + x aus §3.2 (positives Beispiel, IB ist erfüllt).

Erster Integral-Pass. Aus fxφf_x \equiv \varphi folgt durch Integration nach xx ein Ausdruck, in dem die 'Konstante' eine beliebige Funktion in yy ist (siehe IV.2 §5.1). Aus fyψf_y \equiv \psi analog mit Funktion in xx:

Variante 1 in zwei Integralen
f=φdx=x33+xy+v(y)f=ψdy=y33+xy+u(x)\begin{aligned} f &= \int \varphi\,dx = \tfrac{x^3}{3} + xy + v(y) \\ f &= \int \psi\,dy = \tfrac{y^3}{3} + xy + u(x) \end{aligned}
v(y)v(y) und u(x)u(x) sind beliebige Funktionen, keine Zahlen. Beide Zeilen müssen dasselbe ff darstellen.

Vergleich. Beide Ausdrücke müssen dasselbe ff darstellen. Die rein-xx-abhängigen Stücke aus Eq 2 (also y33\tfrac{y^3}{3} und xyxy stehen schon in Eq 2; u(x)u(x) muss die rein-xx-abhängigen Stücke von Eq 1 ergänzen, also x33\tfrac{x^3}{3} plus eventuell eine echte Konstante). Analog für v(y)v(y).

Aus Eq 1 lesen wir u(x)=x33+Cu(x) = \tfrac{x^3}{3} + C ab. Aus Eq 2 lesen wir v(y)=y33+Cv(y) = \tfrac{y^3}{3} + C mit derselben Konstante CC (denn das volle ff ist eindeutig bis auf eine reelle Zahl).

!!
Lösung Beispiel 1
f(x,y)=x33+xy+y33+C,    CRf(x, y) = \tfrac{x^3}{3} + xy + \tfrac{y^3}{3} + C, \;\; C \in \mathbb{R}
Eindeutig bis auf eine reelle Konstante CC. Gegenprobe: fx=x2+y=φf_x = x^2 + y = \varphi, fy=x+y2=ψf_y = x + y^2 = \psi.
Notation u(x),v(y),U(x),V(y),C(y)u(x), v(y), U(x), V(y), C(y)
Pflicht-Hinweis (siehe IV.2 §5): diese Buchstaben sind beliebige Funktionen in der jeweiligen Variable, keine Zahlen. Die häufigste Stolperfalle bei Rekonstruktions-Aufgaben.
Formel Spickzettel: Variante 1
f=φdx+v(y)=ψdy+u(x)f = \int\varphi\,dx + v(y) = \int\psi\,dy + u(x)
Zwei Integrale, beide gleichsetzen, u,vu, v aus dem Vergleich ablesen.

4.2 Variante 2: Integral ableiten

Schnellere Variante: integriere nur einmal, leite das Ergebnis nach der zweiten Variable ab und vergleiche mit ψ\psi. Dasselbe Beispiel wie in §4.1.

Eine Integration plus eine Ableitung. Erst f=φdxf = \int \varphi\,dx in ff-Skelett mit Funktions-Loch v(y)v(y) aufstellen. Dann fyf_y aus diesem Skelett ableiten und mit ψ\psi identifizieren, das gibt v(y)v'(y). Zum Schluss v(y)v(y) durch Integration.

!!
Variante 2 als Sequenz
f=φdx=13x3+xy+v(y)fy=x+v(y)=!x+y2=ψ  v(y)=y2v(y)=y33+C\begin{aligned} f &= \int \varphi\,dx = \tfrac{1}{3}x^3 + xy + v(y) \\ f_y &= x + v'(y) \stackrel{!}{=} x + y^2 = \psi \\ \Longrightarrow\; v'(y) &= y^2 \\ v(y) &= \tfrac{y^3}{3} + C \end{aligned}
Vier Zeilen: integrieren, fyf_y-Ableitung, vv' vergleichen, vv aus Integration.

v(y)v(y) einsetzen: f(x,y)=x33+xy+y33+Cf(x, y) = \tfrac{x^3}{3} + xy + \tfrac{y^3}{3} + C, identisch zu §4.1.

Formel Spickzettel: Variante 2
f=φdx+v(y),  v(y)=ψy ⁣ ⁣ ⁣ ⁣φdxf = \int\varphi\,dx + v(y),\; v'(y) = \psi - \partial_y\!\!\int\!\!\varphi\,dx
Eine Integration plus eine Ableitung plus eine Stammfunktion in yy.

4.3 Wenn IB scheitert: der Versuch zerbricht sichtbar

Was passiert, wenn IB nicht erfüllt ist und man trotzdem zu rekonstruieren versucht? Antwort: der Versuch endet algebraisch unrettbar, und genau das ist der Beweis dafür, dass IB notwendige Bedingung ist.

Wir nehmen das negative Beispiel aus §3.2: φ(x,y)=y2+x\varphi(x, y) = y^2 + x und ψ(x,y)=x2+y\psi(x, y) = x^2 + y. IB-Check ergab φy=2y\varphi_y = 2y vs ψx=2x\psi_x = 2x, nicht identisch.

Versuch Beispiel 2
f=φdx=xy2+x22+v(y)f=ψdy=x2y+y22+u(x)\begin{aligned} f &= \int \varphi\,dx = xy^2 + \tfrac{x^2}{2} + v(y) \\ f &= \int \psi\,dy = x^2 y + \tfrac{y^2}{2} + u(x) \end{aligned}
Beide Ausdrücke sollten dasselbe ff darstellen. Tun sie aber nicht.

Vergleich. Eq 1 enthält den Mischterm xy2xy^2. Damit Eq 2 dasselbe ff darstellt, müsste u(x)u(x) den Term xy2xy^2 tragen. Aber uu hängt nur von xx ab, kann also kein yy enthalten. Analog enthält Eq 2 den Mischterm x2yx^2 y, den v(y)v(y) nicht abdecken kann (hängt nur von yy ab).

Beide gemischten Terme sind algebraisch unrettbar. Schluss: kein ff existiert, das beiden Bedingungen gleichzeitig genügt.

Schluss Beispiel 2
f:  fxφ,  fyψ\nexists\, f:\; f_x \equiv \varphi,\; f_y \equiv \psi
Algebraisch unrettbar, weil u(x)u(x) keinen yy-Term und v(y)v(y) keinen xx-Term abdecken kann.
Schritt Was tun Resultat
1. IB-Check φy\varphi_y und ψx\psi_x ausrechnen \equiv ⟹ weiter; ≢\not\equiv ⟹ kein ff, fertig
2. Variante 1 φdx\int \varphi\,dx und ψdy\int \psi\,dy aufstellen Vergleich; u(x),v(y)u(x), v(y) als Reste ablesen
3. Variante 2 φdx\int \varphi\,dx bilden, dann y\partial_y v(y)v'(y) aus Vergleich mit ψ\psi, integrieren
4. Gegenprobe fx,fyf_x, f_y ausrechnen mit φ,ψ\varphi, \psi vergleichen
IB-Check und Rekonstruktion auf einen Blick.
Merke IB ist mehr als Theorie: sie verhindert verschwendete Rechenarbeit. Erst IB-Check, dann Rekonstruktion. Bei Verletzung sieht man den Bruch direkt im ersten Mischterm.
Prüfungstipp Gegenprobe ist immer das Letzte. fxf_x und fyf_y ausrechnen, mit φ,ψ\varphi, \psi vergleichen. Falls Abweichung: Vorzeichen oder Term im Vergleich übersehen.

5.1 Aufgaben

Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: bei Schwarz-Aufgaben Mischableitungen ausrechnen, Voraussetzungen (Stetigkeit) verifizieren, Gleichheit als Theorem berufen. Bei Rekonstruktions-Aufgaben erst IB-Check (φy=?ψx\varphi_y \stackrel{?}{=} \psi_x), dann Variante 1 oder 2. Cheat-Sheet aus §4.3 deckt die Standardfälle ab.