IX.1DC Motoren

IX.1.1 Aufbau und Funktionsweise

Fast jede bewegte Maschine braucht am Anfang einen Elektromotor: er wandelt elektrische Energie in eine Drehbewegung. In Antriebsprojekten begegnen dir drei Typen, die wir auf dieser Seite der Reihe nach durchgehen: der Gleichstrommotor (DC-Motor), der Servo und der Schrittmotor (Stepper). Der DC-Motor ist der einfachste und die Grundlage für die anderen beiden.

Er besteht aus zwei Hauptteilen. Der Stator (der feststehende Teil) ist ein ringförmiger Permanentmagnet mit festem Nord- und Südpol. Der Rotor (der drehende Teil) trägt ein Blechpaket (den Anker), mehrere Spulen aus Kupferdraht und einen Kommutator mit zwei Kohlebürsten.

Fliesst Strom durch eine Rotorspule, wird sie selbst zum Magneten. Ihr Nordpol wird vom Statorsüdpol angezogen und vom Statornordpol abgestossen, der Rotor dreht sich. Damit er sich weiter dreht und nicht nach einer Vierteldrehung stehen bleibt, muss die Stromrichtung in der Spule im richtigen Moment umgekehrt werden. Genau das erledigt der Kommutator: er besteht aus mitdrehenden Ringsegmenten, an denen die beiden ortsfesten Kohlebürsten schleifen. Bei jeder Drehung wechselt so die Stromrichtung in den Spulen und damit die Ausrichtung ihres Magnetfelds, der Rotor wird ständig weitergezogen.

Rotorwinkel θ
Drehmoment-Richtung + (CCW)
Umpolungen 0
1.0
Abb. 1: Kommutator-Wirkprinzip. Der Spulenstrom wird jede Halbdrehung umgepolt, das Drehmoment MM (gold) bleibt gleichgerichtet.
Definition Stator und Rotor
Stator: feststehender Permanentmagnet. Rotor: drehendes Blechpaket mit Spulen und Kommutator.
Definition Kommutator
Mitdrehende Ringsegmente mit ortsfesten Kohlebürsten. Kehrt die Stromrichtung in den Spulen um.

IX.1.2 Elektromechanische Motorkonstanten

Wie schnell und wie kräftig ein DC-Motor dreht, beschreiben zwei Kennzahlen aus dem Datenblatt. Die Drehzahlkonstante knk_n verknüpft die angelegte Spannung mit der Drehzahl: je höher die Spannung, desto höher die Drehzahl. Die Drehmomentkonstante kMk_M verknüpft den Strom mit dem Moment: je mehr Strom fliesst, desto grösser das Drehmoment.

Ein kleiner Teil des Stroms geht aber immer für die innere Reibung verloren. Wir unterscheiden deshalb drei Ströme: den gesamten Klemmenstrom II (das, was ein Messgerät anzeigt), den Leerlaufstrom I0I_0 (fliesst schon ohne Last und deckt die Reibung) und den Momentstrom II0I - I_0, der allein das Drehmoment erzeugt.

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IX.1.2.1 Die zwei Motorkonstanten
n=knUM=kM(II0)\begin{aligned} n &= k_n \, U \\ M &= k_M \,(I - I_0) \end{aligned}
nn Drehzahl, UU Spannung, MM Moment. Nur der Momentstrom II0I - I_0 erzeugt Moment; bei kleinem Leerlaufstrom gilt kurz MkMIM \approx k_M\,I. Einheiten: [kn]=min1/V[k_n] = \text{min}^{-1}/\text{V}, [kM]=mNm/A[k_M] = \text{mNm}/\text{A}.

Die beiden Konstanten sind keine unabhängigen Grössen, sondern hängen über eine feste Beziehung zusammen. Setzt man die ideale Leistungsbilanz 2πnM=UI2\pi\,n\,M = U\,I an und kürzt mit n=knUn = k_n U und M=kMIM = k_M I, bleibt nur eine Gleichung zwischen knk_n und kMk_M übrig: sie sind zwei Seiten derselben elektromechanischen Medaille.

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IX.1.2.2 Zusammenhang der Konstanten (SI-Einheiten)
kn=12πkMk_n = \frac{1}{2\pi \, k_M}
Gilt in konsistenten SI-Einheiten und folgt direkt aus der idealen Leistungsbilanz. Kennt man eine Konstante, folgt die andere.
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IX.1.2.3 Praktische Form mit Datenblatt-Einheiten
kn=600002πkMk_n = \frac{60000}{2\pi \, k_M}
Diese Form nimmt man, wenn kMk_M in mNm/A\text{mNm}/\text{A} und knk_n in min1/V\text{min}^{-1}/\text{V} steht, so wie im Datenblatt. Der Faktor 6000060000 ist die Einheitenumrechnung 1AmNm=60000min1V1\,\tfrac{\text{A}}{\text{mNm}} = 60000\,\tfrac{\text{min}^{-1}}{\text{V}} (Minuten gegen Sekunden, mNm gegen Nm).
Notation Notation: drei Ströme
II = gesamter Klemmenstrom, I0I_0 = Leerlaufstrom, II0I - I_0 = Momentstrom (erzeugt das Moment). Manche Texte schreiben ItotI_{tot} statt II.
Formel Drehzahlkonstante
n=knUn = k_n \, U
Mehr Spannung, mehr Drehzahl.
Formel Drehmomentkonstante
M=kM(II0)M = k_M \,(I - I_0)
Mehr Momentstrom, mehr Moment.

IX.1.3 Leistungsbilanz und Drehzahlkennlinie

Ein Motor nimmt elektrische Leistung auf und gibt mechanische Leistung ab. Dazwischen geht ein Teil als Wärme verloren. Drei Leistungen bilanzieren das Geschehen.

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IX.1.3.1 Die drei Leistungen
Pel=UIPel,Verlust=RI2Pmech=2πnM\begin{aligned} P_{el} &= U \, I \\ P_{el,\text{Verlust}} &= R \, I^2 \\ P_{mech} &= 2\pi \, n \, M \end{aligned}
PelP_{el} ist die aufgenommene elektrische Leistung (Spannung mal Gesamtstrom), Pel,Verlust=RI2P_{el,\text{Verlust}} = R\,I^2 die Wärme im Wicklungswiderstand RR, Pmech=2πnMP_{mech} = 2\pi\,n\,M die abgegebene mechanische Leistung.

Energieerhaltung verlangt, dass die aufgenommene Leistung gleich der abgegebenen plus den Verlusten ist. Im idealisierten Fall (kleiner Leerlaufstrom, also MkMIM \approx k_M\,I) setzt man I=M/kMI = M/k_M ein und löst nach der Drehzahl auf. Heraus kommt die wichtigste Beziehung des DC-Motors: die Drehzahlkennlinie.

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IX.1.3.2 Leistungsbilanz
Pel=Pmech+Pel,VerlustUI=2πnM+RI2\begin{aligned} P_{el} &= P_{mech} + P_{el,\text{Verlust}} \\ U\,I &= 2\pi \, n \, M + R \, I^2 \end{aligned}
Mit I=M/kMI = M/k_M (idealisiert) wird daraus eine Gleichung, die nur noch nn, UU und MM enthält.
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IX.1.3.3 Drehzahlkennlinie
n=knUknkMRM=n0n0MHM\begin{aligned} n &= k_n \, U - \frac{k_n}{k_M} \, R \, M \\ &= n_0 - \frac{n_0}{M_H}\,M \end{aligned}
Die Drehzahl fällt linear mit steigendem Lastmoment MM. Ohne Last dreht der Motor am schnellsten (n=n0n = n_0), beim Anhaltemoment steht er still (n=0n = 0). Die zweite Form mit n0n_0 und MHM_H ist besonders handlich.
Drehzahl n 0 min⁻¹
Strom I 0 A
Leistung P 0 W
12.0 V
7.0 mNm
Abb. 2: Drehzahlkennlinie (RB-35GM). Die Drehzahl nn fällt linear mit dem Lastmoment MM, von n0n_0 bis zum Anhaltemoment MHM_H.
Formel Leistungen
Pmech=2πnMP_{mech} = 2\pi \, n \, M
Mechanische Leistung aus Drehzahl und Moment.
Formel Drehzahlkennlinie
n=knUknkMRMn = k_n U - \frac{k_n}{k_M} R M
Drehzahl fällt linear mit der Last.

IX.1.4 Leerlauf, mechanische Leistung und Wirkungsgrad

Ein echter Motor hat innere Reibung. Selbst ohne Last muss er deshalb einen kleinen Leerlaufstrom I0I_0 aufnehmen, um sein eigenes Reibmoment MRM_R zu überwinden. Daraus ergeben sich die beiden Leerlauf-Kennwerte.

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IX.1.4.1 Leerlauf-Kennwerte
n0=kn(UNI0R)I0=MRkM\begin{aligned} n_0 &= k_n \, (U_N - I_0 \, R) \\ I_0 &= \frac{M_R}{k_M} \end{aligned}
n0n_0 ist die Leerlaufdrehzahl, I0I_0 der Leerlaufstrom, MR=kMI0M_R = k_M\,I_0 das innere Reibmoment. Mit diesen Grössen schreibt sich die Kennlinie kompakt als n=n0n0MHMn = n_0 - \tfrac{n_0}{M_H}\,M.
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IX.1.4.2 Anhaltemoment
MH=kM(UNRI0)=n0kMknR\begin{aligned} M_H &= k_M\left(\frac{U_N}{R} - I_0\right) \\ &= \frac{n_0 \, k_M}{k_n \, R} \end{aligned}
Beim Stillstand (n=0n = 0) zieht der Motor den Anlaufstrom UN/RU_N/R; davon geht der Leerlaufstrom I0I_0 für die Reibung ab. MHM_H ist das grösste Moment, das der Motor liefert (der rechte Endpunkt der Drehzahlkennlinie).

Die abgegebene mechanische Leistung ist null im Leerlauf (keine Last) und null bei Blockade (keine Drehung). Dazwischen durchläuft sie ein Maximum, ihre Kurve über dem Moment ist eine nach unten geöffnete Parabel.

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IX.1.4.3 Mechanische Leistung und ihr Maximum
Pmech=RI2+(U+RI0)IUI0Pmech,max=R4(UNRI0)2\begin{aligned} P_{mech} &= -R \, I^2 + (U + R \, I_0)\, I - U \, I_0 \\ P_{mech,\max} &= \frac{R}{4}\left(\frac{U_N}{R} - I_0\right)^{2} \end{aligned}
Das Maximum der mechanischen Leistung liegt etwa in der Mitte der Kennlinie, beim Moment Mmech,max=MH/2M_{mech,\max} = M_H/2.

Der Wirkungsgrad η\eta ist das Verhältnis aus abgegebener zu aufgenommener Leistung. Auch er hat ein Maximum, das aber bei einem anderen Betriebspunkt liegt als das Leistungsmaximum.

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IX.1.4.4 Wirkungsgrad
η=(URI)(II0)UI\eta = \frac{(U - R\,I)(I - I_0)}{U \, I}
Wirkungsgrad = abgegebene durch aufgenommene Leistung, η=Pmech/Pel\eta = P_{mech}/P_{el}. Ausmultipliziert ist der Zähler RI2+(U+RI0)IUI0-R\,I^2 + (U + R\,I_0)\,I - U\,I_0.
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IX.1.4.5 Bestpunkte des Wirkungsgrads
ηmax=(1I0RUN)2Mη,max=MHMR\begin{aligned} \eta_{\max} &= \left(1 - \sqrt{\frac{I_0 \, R}{U_N}}\right)^{2} \\ M_{\eta,\max} &= \sqrt{M_H \, M_R} \end{aligned}
Der beste Wirkungsgrad ηmax\eta_{\max} wird beim Moment Mη,max=MHMRM_{\eta,\max} = \sqrt{M_H \, M_R} erreicht, näher am Leerlauf als die maximale Leistung.

Für den unter Last aufgenommenen Strom gilt schliesslich Iges=M/kM+I0I_{ges} = M/k_M + I_0: der Laststrom M/kMM/k_M plus der ohnehin nötige Leerlaufstrom. Mit diesem IgesI_{ges} rechnet man die elektrische Leistung Pel=UNIgesP_{el} = U_N \, I_{ges} und daraus den Wirkungsgrad im konkreten Betriebspunkt.

Kennwert Symbol Wert
Nennspannung UNU_N 12 V
Anschlusswiderstand RR 13,3 Ω
Leerlaufdrehzahl n0n_0 6000 min⁻¹
Leerlaufstrom I0I_0 33 mA
Anhaltemoment MHM_H 16 mNm
Drehzahlkonstante knk_n 519 min⁻¹/V
Drehmomentkonstante kMk_M 18,4 mNm/A
Datenblatt eines typischen Klein-DC-Motors (RB-35GM, Werte ohne Getriebe).
Drehzahl n 0 min⁻¹
Leistung P 0 W
Wirkungsgrad η 0 %
6.00 mNm
Abb. 3: Kennlinienfeld des RB-35GM (U = 12 V). Drehzahl nn, Leistung PmechP_{mech} und Wirkungsgrad η\eta über dem Lastmoment MM, normiert auf je ihr Maximum.
Formel Leerlaufdrehzahl
n0=kn(UNI0R)n_0 = k_n (U_N - I_0 R)
Höchste Drehzahl, ganz ohne Last.
Formel Wirkungsgrad-Maximum
ηmax=(1I0RUN)2\eta_{\max} = \left(1 - \sqrt{\tfrac{I_0 R}{U_N}}\right)^{2}
Bei Mη,max=MHMRM_{\eta,\max} = \sqrt{M_H M_R}.
Notation Notation: MHM_H und MRM_R
MHM_H = Anhaltemoment (bei n=0n = 0), MR=kMI0M_R = k_M I_0 = inneres Reibmoment.

IX.2Servos

IX.2.1 Aufbau und Stirnradgetriebe

Ein DC-Motor dreht schnell, aber er weiss nicht, wo er steht. Will man stattdessen einen genauen Winkel anfahren, etwa das Ruder eines Modellflugzeugs auf 3030^\circ stellen, braucht man einen Servo. Er positioniert innerhalb eines begrenzten Bereichs (meist 180180^\circ) stufenlos jeden gewünschten Winkel und regelt nach, sobald die Last ihn aus der Solllage drückt.

Ein Servo ist kein neuer Motortyp, sondern ein cleveres Paket aus vier Teilen: ein DC-Motor als Antrieb, ein mehrstufiges Stirnradgetriebe, ein Potentiometer als Winkelsensor und eine Kontrolleinheit als Regler. Das Getriebe ist dabei entscheidend: der kleine DC-Motor dreht schnell, aber schwach. Erst die hohe Übersetzung macht aus der schnellen, schwachen Drehung die langsame, kräftige Stellbewegung.

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IX.2.1.1 Gesamtübersetzung des Getriebes
iges=i12i34i56i78i_{ges} = i_{12} \cdot i_{34} \cdot i_{56} \cdot i_{78}
Vier Stirnradstufen multiplizieren ihre Einzelübersetzungen. Mit den Werten 5911491135104213\tfrac{59}{11} \cdot \tfrac{49}{11} \cdot \tfrac{35}{10} \cdot \tfrac{42}{13} ergibt sich iges270i_{ges} \approx 270. Weil das Moment von Stufe zu Stufe wächst, werden die Zahnräder (der Modul) immer grösser.
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IX.2.1.2 Drehmoment-Einheit beim Servo
1kgcm=0,0980665Nm1\,\text{kg}\cdot\text{cm} = 0{,}0980665\,\text{N}\cdot\text{m}
Servo-Datenblätter geben das Stellmoment oft in kgcm\text{kg}\cdot\text{cm} an (welche Masse der Servo an einem Hebelarm von 1 cm hält). Diese Umrechnung bringt es auf SI-Einheiten.
Drehzahl Eingang 0 U/s
Drehzahl Abtrieb 0 U/s
Übersetzung i 270
1.0
Abb. 4: Vierstufiges Stirnradgetriebe des Servos. Vom schnellen Eingangsritzel (11 Zähne) zur langsamen Abtriebswelle, iges270i_{ges} \approx 270.
Definition Servo
DC-Motor + mehrstufiges Stirnradgetriebe + Potentiometer + Kontrolleinheit. Fährt geregelt einen Sollwinkel an.
Formel Gesamtübersetzung
iges=i12i34i56i78i_{ges} = i_{12} i_{34} i_{56} i_{78}
Stufen multiplizieren sich, hier zu rund 270.

IX.2.2 Funktionsweise als Regelkreis

Das Besondere am Servo ist, dass er ein geregeltes System ist. Er misst laufend seine Ist-Position und vergleicht sie mit der vorgegebenen Soll-Position. Bei einer Differenz aktiviert er den Motor so lange, bis Ist und Soll übereinstimmen. Das nennt man einen Regelkreis.

Der Kreis läuft so: Der Sollwinkel φsoll\varphi_{soll} geht in die Elektronik; sie steuert den Motor; der treibt über das Getriebe die Abtriebswelle auf den Istwinkel φist\varphi_{ist}. Das Potentiometer misst diesen Istwinkel, sein Widerstand R(φ)R(\varphi) wird zur Elektronik zurückgeführt und mit dem Sollwert verglichen. Eine äussere Störung (etwa Wind am Ruder), die die Welle verdreht, wird sofort erkannt und ausgeregelt.

Tauscht man das Potentiometer gegen einen konstanten Widerstand, entsteht ein Continuous Rotation Servo. Dann ist zwar keine Regelung mehr möglich, dafür ist der Verfahrbereich nicht mehr auf 180180^\circ begrenzt: der Servo lässt sich wie ein einfacher DC-Motor mit Getriebe für unbegrenzte Drehung nutzen.

Soll φ 90°
Ist φ 90°
Abweichung Δφ
90 °
Abb. 5: Servo als Regelkreis. Der Arm regelt auf den Sollwinkel φ und ein periodischer Windstoss wird selbsttätig ausgeregelt.
Merke Regelkreis: Soll vorgeben, Ist messen, Differenz ausregeln. Der Servo korrigiert Störungen selbsttätig.
Definition Continuous Rotation Servo
Potentiometer durch festen Widerstand ersetzt: keine Regelung, dafür unbegrenzte Drehung.

IX.3Schrittmotoren

IX.3.1 Aufbau und Funktionsweise

Der dritte Typ, der Schrittmotor (Stepper), positioniert ohne Sensor und ohne Regelkreis. Statt stufenlos dreht er in festen Schritten weiter; die Schrittweite ist der Schrittwinkel α\alpha (typisch 1,81{,}8^\circ). Die erreichte Position wird nicht nachgeregelt, sondern allein durch ein hohes Haltemoment MHM_H gehalten. Schrittmotoren eignen sich sowohl für kontinuierliche Drehung als auch für genaue Positionierung (3D-Drucker, Plotter).

Der Aufbau eines Hybridschrittmotors ist umgekehrt zum DC-Motor: Der Rotor ist hier der Permanentmagnet, axial magnetisiert und an beiden Enden mit fein gezahnten Polscheiben abgeschlossen (ein Ende Nordpol, das andere Südpol). Der Stator trägt die Spulen aus Kupferdraht, verbunden mit innenverzahnten Ringsegmenten.

Innen- und Aussenverzahnung haben dieselbe Teilung, sind aber gegeneinander versetzt: immer nur zwei gegenüberliegende Segmente stehen genau Zahn auf Zahn, die anderen Zahn auf Zahnlücke. Zusätzlich sind die beiden Polscheiben des Rotors um eine halbe Teilung verschoben. Dadurch heben sich Anziehung und Abstossung nicht auf, sondern verstärken sich, und der Rotor rastet bei jedem Schritt sauber in die nächste Zahnstellung ein.

Definition Schrittmotor
Dreht in festen Schritten (Schrittwinkel α\alpha). Hält die Position durch das Haltemoment MHM_H, ohne Regelung.
Notation Notation: Rotor und Stator
Beim Stepper ist der Rotor der Permanentmagnet (gezahnte Polscheiben), der Stator trägt die Spulen.

IX.3.2 Vollschritt: unipolar und bipolar

Die Drehung entsteht durch schrittweises Aktivieren der Spulen. Der Stator hat vier Wicklungsanschlüsse, die wir A, A′, B, B′ nennen: A und A′ bilden das eine gegenüberliegende Spulenpaar, B und B′ das um 9090^\circ dazu versetzte. Welche Spule wann Strom bekommt, legt eine feste Steuersequenz fest, und mit jedem Takt dreht der Rotor um einen Schrittwinkel weiter.

So liest man eine Steuersequenz-Tabelle: jede Zeile ist ein Takt (ein Schritt). Die Steuerung läuft die Zeilen von oben nach unten durch und beginnt danach wieder oben. Jede Spalte steht für einen Spulenanschluss. Ein + bedeutet, dass Strom (in Vorwärtsrichtung) fliesst, eine 0 bedeutet stromlos, und ein (nur im bipolaren Betrieb) bedeutet Strom in umgekehrter Richtung. Liest man eine Zeile quer, sieht man genau, welche Spulen in diesem Takt anziehen.

In der Grundeinstellung läuft der Motor im unipolaren Vollschrittbetrieb: es ist immer nur ein Anschluss gleichzeitig aktiv, und der Strom fliesst stets in dieselbe Richtung. Daher unipolar, nur eine Polarität: in der Tabelle tauchen nur + und 0 auf. Die Sequenz schaltet die Anschlüsse A, B, A′, B′ der Reihe nach durch.

Takt A A′ B B′
1 + 0 0 0
2 0 0 + 0
3 0 + 0 0
4 0 0 0 +
Steuersequenz im unipolaren Vollschrittbetrieb. In jedem Takt ist genau ein Anschluss bestromt (+). Reihenfolge 1-2-3-4 dreht im Uhrzeigersinn, 4-3-2-1 im Gegenuhrzeigersinn.

Beim bipolaren Vollschrittbetrieb werden die um 9090^\circ versetzten Spulen eines Paares in Reihe geschaltet, sodass sie gemeinsam wirken. Gesteuert wird nun nicht nur über An und Aus, sondern auch über die Stromrichtung: ein Anschluss kann + (vorwärts), (rückwärts) oder 0 sein. Dadurch nutzt jede Spule beide Feldrichtungen, und das Haltemoment steigt spürbar (kurzzeitig um etwa +100%+100\,\%, im Dauerbetrieb um etwa +40%+40\,\%).

Takt A B
1 + 0
2 0 +
3 0
4 0
Steuersequenz im bipolaren Vollschrittbetrieb. Jetzt zählt die Stromrichtung: + vorwärts, − rückwärts, 0 stromlos.
Takt 1 / 4
Rotorwinkel
aktive Spule A +
1.0
Abb. 6: Schrittmotor-Funktionsweise. Die Steuersequenz schaltet die Spulen Takt für Takt, der Rotor folgt dem Feld wie eine Kompassnadel.
Notation Notation: A, A′, B, B′ und +/0/−
A, A′, B, B′ = die vier Statoranschlüsse (B um 9090^\circ zu A versetzt). In der Tabelle: + = Strom vorwärts, − = Strom rückwärts, 0 = stromlos.
Merke Unipolar: nur + und 0, einfache Schaltung. Bipolar: auch −, mehr Moment, braucht H-Brücken.

IX.3.3 Halbschritt

Beim Halbschrittbetrieb aktiviert man abwechselnd einen einzelnen und zwei nebeneinanderliegende Anschlüsse. Stehen zwei benachbarte Anschlüsse gleichzeitig unter Strom, zieht der Rotor genau in die Mitte zwischen die beiden Vollschritt-Stellungen. So entsteht ein zusätzlicher Halt zwischen je zwei Vollschritten: der Schrittwinkel halbiert sich und die Auflösung verdoppelt sich. Auch der Halbschritt kann unipolar oder bipolar gefahren werden.

Takt A A′ B B′
1 + 0 0 0
2 + 0 + 0
3 0 0 + 0
4 0 + + 0
5 0 + 0 0
6 0 + 0 +
7 0 0 0 +
8 + 0 0 +
Steuersequenz Halbschritt, unipolar. Takte mit einem aktiven Anschluss (die Vollschritt-Stellungen) wechseln sich mit Takten ab, in denen zwei Anschlüsse zugleich anziehen (die Zwischenstellungen).
Takt A B
1 + 0
2 + +
3 0 +
4 +
5 0
6
7 0
8 +
Steuersequenz Halbschritt, bipolar. Dieselbe Idee mit Stromrichtung: + vorwärts, − rückwärts, 0 stromlos.

Statt vier Takten durchläuft die Sequenz nun acht: der Rotor macht für dieselbe Drehung doppelt so viele, halb so grosse Schritte. Der Preis dafür: weil in den Zwischentakten zwei Anschlüsse, in den anderen nur einer ziehen, ist das Drehmoment nicht in jedem Takt gleich gross. Es schwankt ein wenig von Schritt zu Schritt.

Definition Halbschritt
Zwischentakte mit zwei aktiven Anschlüssen halbieren den Schrittwinkel und verdoppeln die Auflösung. Das Drehmoment schwankt dabei leicht.
Merke Vollschritt: 4 Takte, ein Anschluss je Takt. Halbschritt: 8 Takte, abwechselnd ein und zwei Anschlüsse.

Aufgaben mit Musterlösungen

Fünf Aufgaben zum permanentmagneterregten Gleichstrommotor. Sie führen vom Datenblatt über die Kennlinie bis zum Betriebspunkt des besten Wirkungsgrads.

Aufgabe 1

Die Drehmomentkonstante eines DC-Motors ist kM=31,75mNm/Ak_M = 31{,}75\,\text{mNm/A}. Wie gross ist die Drehzahlkonstante knk_n?

Aufgabe 2

Ein DC-Motor hat UN=24VU_N = 24\,\text{V}, R=15,7ΩR = 15{,}7\,\Omega, Leerlaufstrom I0=29mAI_0 = 29\,\text{mA} und kn=301min1/Vk_n = 301\,\text{min}^{-1}/\text{V}. Wie gross ist die Leerlaufdrehzahl n0n_0 bei Nennspannung?

Aufgabe 3

Ein DC-Motor hat eine Leerlaufdrehzahl n0=9960min1n_0 = 9960\,\text{min}^{-1} und ein Anhaltemoment MH=11,9mNmM_H = 11{,}9\,\text{mNm}. Welche Drehzahl nn stellt sich bei einem konstanten Lastmoment M=4,4mNmM = 4{,}4\,\text{mNm} ein?

Aufgabe 4

Ein DC-Motor mit UN=24VU_N = 24\,\text{V}, R=5,78ΩR = 5{,}78\,\Omega und Leerlaufstrom I0=58mAI_0 = 58\,\text{mA} nimmt bei Nennspannung den Strom I=3,125AI = 3{,}125\,\text{A} auf. Wie gross ist der Wirkungsgrad η\eta?

Aufgabe 5

Gegeben ist ein DC-Motor mit UN=24VU_N = 24\,\text{V}, R=15,7ΩR = 15{,}7\,\Omega, I0=29mAI_0 = 29\,\text{mA}, kn=301min1/Vk_n = 301\,\text{min}^{-1}/\text{V} und kM=31,8mNm/Ak_M = 31{,}8\,\text{mNm/A}. Wie gross ist die mechanische Leistung PmechP_{mech} im Betriebspunkt des maximalen Wirkungsgrads?
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!
Variablen-Glossar (25 Einträge)
UU an den Motor angelegte Spannung V
UNU_N Nennspannung des Motors V
II gesamter vom Motor aufgenommener (Klemmen-)Strom A
I0I_0 Leerlaufstrom (deckt nur die Reibung im unbelasteten Zustand) A
INI_N Nennstrom A
IgesI_{ges} Gesamtstrom unter Last, dasselbe wie II im belasteten Betrieb A
II0I - I_0 Momentstrom: der drehmomentbildende Anteil des Stroms, M=kM(II0)M = k_M\,(I - I_0) A
nn Drehzahl der Abtriebswelle min⁻¹
n0n_0 Leerlaufdrehzahl (Drehzahl ohne Last) min⁻¹
nNn_N Nenndrehzahl min⁻¹
MM an der Welle anliegendes Last- oder Drehmoment mNm
MHM_H Anhaltemoment (Moment, bei dem die Drehzahl auf null sinkt); beim Schrittmotor das Haltemoment mNm
MNM_N Nenndrehmoment mNm
MRM_R inneres Reibmoment des Motors, MR=kMI0M_R = k_M \, I_0 mNm
Mη,maxM_{\eta,\max} Drehmoment im Betriebspunkt des maximalen Wirkungsgrads mNm
knk_n Drehzahlkonstante (Drehzahl pro Volt) min⁻¹/V
kMk_M Drehmomentkonstante (Moment pro Ampere) mNm/A
RR Anschlusswiderstand der Motorwicklung Ω
PelP_{el} aufgenommene elektrische Leistung, Pel=UIP_{el} = U I W
PmechP_{mech} abgegebene mechanische Leistung, Pmech=2πnMP_{mech} = 2\pi n M W
Pel,VerlustP_{el,Verlust} elektrische Verlustleistung in der Wicklung, RI2R I^2 W
η\eta Wirkungsgrad, abgegebene durch aufgenommene Leistung -
igesi_{ges} Gesamtübersetzung des Servo-Getriebes -
α\alpha Schrittwinkel des Schrittmotors Grad
φ\varphi Drehwinkel der Servo-Abtriebswelle (vom Potentiometer gemessen) Grad