VIII.1Kraftverstärkung I: Hebel- und Keilmechanismen

VIII.1.1 Die Goldene Regel der Mechanik

Stell dir vor, du sollst eine schwere Kiste anheben, die du mit blosser Hand nicht vom Boden bekommst. Du brauchst also etwas, das deine begrenzte Muskelkraft verstärkt. Genau das leistet ein Mechanismus: eine Kopplung von Bauteilen, bei der die Bewegung eines Teils eine Bewegung der anderen erzwingt. Dieses Kapitel sortiert die wichtigsten Mechanismen in zwei Familien: solche, die Kraft verstärken, und solche, die Rotation in Translation wandeln.

Bevor wir die einzelnen Bauformen anschauen, brauchen wir ein Gesetz, das für sie alle gilt. Es heisst Goldene Regel der Mechanik und ist im Kern eine Energiebilanz.

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VIII.1.1.1 Goldene Regel der Mechanik
W1=W2F1s1=F2s2\begin{aligned} W_1 &= W_2 \\ F_1 \, s_1 &= F_2 \, s_2 \end{aligned}
Ohne Reibung ist die hineingesteckte Arbeit W1=F1s1W_1 = F_1 s_1 gleich der abgegebenen Arbeit W2=F2s2W_2 = F_2 s_2. FF ist die Kraft, ss der Weg, den ihr Angriffspunkt zurücklegt.

Anschaulich heisst das: ein Mechanismus kann dir Kraft schenken, aber niemals geschenkt. Wenn die Ausgangskraft F2F_2 zehnmal so gross ist wie die Eingangskraft F1F_1, dann musst du den Eingang über den zehnfachen Weg bewegen. Was man an Kraft spart, muss man an Weg zusetzen. Diese eine Aussage erklärt jeden Mechanismus auf dieser Seite.

Definition Mechanismus
Kopplung von Maschinenelementen, bei der jede Bewegung eines Elements eine Bewegung der anderen bewirkt.
Formel Goldene Regel
F1s1=F2s2F_1 \, s_1 = F_2 \, s_2
Kraft mal Weg bleibt erhalten (reibungsfrei).

VIII.1.2 Hebel und Hebelvarianten

Der einfachste Kraftverstärker ist der Hebel. Eine Stange dreht um einen festen Drehpunkt; auf der einen Seite greift die Eingangskraft F1F_1 im Abstand l1l_1 an, auf der anderen die Ausgangskraft F2F_2 im Abstand l2l_2. Aus dem Momentengleichgewicht um den Drehpunkt (F1l1=F2l2F_1 l_1 = F_2 l_2) folgt sofort der Zusammenhang.

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VIII.1.2.1 Hebelgesetz
F2=l1l2F1F_2 = \frac{l_1}{l_2} \, F_1
Je grösser das Verhältnis der wirksamen Hebelarme l1/l2l_1 / l_2, desto grösser die Kraftverstärkung. Der lange Arm gehört zur kleinen Kraft.

In Worten: ein langer Eingangsarm und ein kurzer Ausgangsarm machen aus einer kleinen Handkraft eine grosse Nutzkraft. Genau so hebelst du mit einer langen Brechstange einen schweren Deckel auf.

Je nach Anordnung von Drehpunkt und Kräften unterscheidet man drei Bauformen. Beim einseitigen Hebel liegen beide Kräfte auf derselben Seite des Drehpunkts. Beim zweiseitigen Hebel liegt der Drehpunkt zwischen den Kräften (wie bei einer Wippe). Beim Winkelhebel stehen die beiden Arme in einem Winkel zueinander, sodass die Kraftrichtung umgelenkt wird. In allen drei Fällen gilt dasselbe Hebelgesetz, man muss nur die jeweils wirksamen (senkrechten) Hebelarme einsetzen.

Formel Hebelgesetz
F2=l1l2F1F_2 = \frac{l_1}{l_2} \, F_1
Langer Arm zur kleinen Kraft, kurzer Arm zur grossen Kraft.
Definition Wirksamer Hebelarm
Senkrechter Abstand zwischen Drehpunkt und Wirkungslinie der Kraft.

VIII.1.3 Serienschaltung von Hebeln und Kniehebel

Ein einzelner Hebel verstärkt vielleicht um den Faktor fünf. Brauchst du mehr, schaltest du mehrere Hebel hintereinander: der Ausgang des ersten ist der Eingang des zweiten. Die Verstärkungsfaktoren multiplizieren sich dann einfach.

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VIII.1.3.1 Serienschaltung von Hebeln
F3=l1l2l3l4F1F_3 = \frac{l_1}{l_2} \cdot \frac{l_3}{l_4} \, F_1
Jeder Hebel bringt seinen eigenen Faktor; die Gesamtverstärkung ist das Produkt. Ein Bolzenschneider erreicht so insgesamt das 60- bis 90-fache der Handkraft.

Eine besonders wirkungsvolle Sonderform ist der Kniehebel. Zwei Glieder sind über ein Gelenk wie ein leicht angewinkeltes Knie verbunden. Drückt man das Knie Richtung Strecklage, wandert der Endpunkt fast nicht mehr weiter, die Kraft am Ausgang wächst dafür ins Extreme. Die Winkel α1\alpha_1 und α2\alpha_2 messen, wie weit die beiden Glieder noch von der gestreckten Lage entfernt sind.

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VIII.1.3.2 Kniehebel
F2=F1tan(α1)+tan(α2)F_2 = \frac{F_1}{\tan(\alpha_1) + \tan(\alpha_2)}
Je kleiner die Winkel α1\alpha_1 und α2\alpha_2 (je näher an der Strecklage), desto kleiner der Nenner und desto grösser F2F_2. Das nennt man progressive Kraftverstärkung.

Beim symmetrischen Kniehebel mit gleichen Winkeln (α1=α2=α\alpha_1 = \alpha_2 = \alpha) vereinfacht sich die Formel zur Form unten. Erst nahe der Strecklage zahlt sich der Kniehebel aus.

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VIII.1.3.3 Symmetrischer Kniehebel
F2=F12tan(α)F_2 = \frac{F_1}{2\,\tan(\alpha)}
Sonderfall mit gleichen Winkeln. Die Kraftverstärkung k=1/(2tan(α))k = 1/(2\tan(\alpha)) ist nur dann grösser als 11, wenn 2tan(α)<12\tan(\alpha) < 1 ist, also für α<26,57\alpha < 26{,}57^\circ.
Bauform Einseitiger Hebel
Verstärkung k = F₂/F₁ 3,0
Ausgangskraft F₂ 600 N
3.0
20 °
200
0.8
Abb. 1: Kraftverstärker (9.1). Wähle die Bauform (einseitiger, zweiseitiger, Winkel- und Kniehebel, Serienschaltung sowie schiefe Ebene, Keil und Schraube); F2F_2 und Verstärkung kk folgen live.
Formel Kniehebel
F2=F1tan(α1)+tan(α2)F_2 = \frac{F_1}{\tan(\alpha_1) + \tan(\alpha_2)}
Progressive Verstärkung, am stärksten nahe der Strecklage.
Merke Serienschaltung: Verstärkungsfaktoren der einzelnen Stufen werden multipliziert.

VIII.1.4 Schiefe Ebene, Keil und Schraube

Die zweite Familie der Kraftverstärker arbeitet nicht mit Drehpunkten, sondern mit schrägen Flächen. Schiebt man eine Last über eine flache Rampe statt sie senkrecht zu heben, braucht man weniger Kraft, dafür einen längeren Weg, ganz im Sinne der Goldenen Regel.

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VIII.1.4.1 Schiefe Ebene
FG=1sin(α)Fz=lhFzF_G = \frac{1}{\sin(\alpha)} \, F_z = \frac{l}{h} \, F_z
FzF_z ist die Kraft längs der Rampe (Eingang), FGF_G die gehaltene Gewichtskraft (Ausgang). Mit der Rampenlänge ll und der Höhe hh gilt sin(α)=h/l\sin(\alpha) = h/l, daher die zweite Form. Je kleiner der Steigungswinkel α\alpha, desto grösser die Kraftverstärkung.

Ein Keil ist nichts anderes als zwei gegeneinander gestellte schiefe Ebenen. Treibt man ihn mit der Kraft F1F_1 über den Weg s1s_1 ein, drückt er die Gegenseite mit F2F_2 über den viel kürzeren Weg s2s_2 auseinander.

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VIII.1.4.2 Keil
F2=s1s2F1=1tan(α)F1F_2 = \frac{s_1}{s_2} \, F_1 = \frac{1}{\tan(\alpha)} \, F_1
Der flache Keil (kleiner Keilwinkel α\alpha) verstärkt stark, lässt sich aber nur über einen langen Weg eintreiben. s1s_1 und s2s_2 sind die Wege von Eingang und Ausgang.

Eine Schraube schliesslich ist ein auf einen Zylinder aufgewickelter Keil: das Gewinde ist die schiefe Ebene, der Steigungswinkel φ\varphi spielt die Rolle des Keilwinkels. Drehst du mit der Umfangskraft FUF_U am Schraubenkopf, entsteht in Achsrichtung die viel grössere Kraft FF.

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VIII.1.4.3 Schraube
F=1tan(φ)FUF = \frac{1}{\tan(\varphi)} \, F_U
FUF_U ist die tangential am Gewinde angreifende Umfangskraft, FF die erzeugte Axialkraft. Kleiner Steigungswinkel φ\varphi bedeutet feines Gewinde und grosse Kraftverstärkung.

Die ideale Formel vernachlässigt die Reibung im Gewinde. In Wirklichkeit musst du beim Anziehen einer Schraube zusätzlich die Gewindereibung überwinden, beim Lösen hilft sie dir. Diese Reibung fasst der Reibungswinkel ρ\rho' zusammen. Mit ihm und dem Flankendurchmesser d2d_2 (an dem die Umfangskraft wirksam angreift) ergibt sich das tatsächlich nötige Gewindemoment.

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VIII.1.4.4 Gewindemoment mit Reibung
MG=tan(φ±ρ)Fd22M_G = \tan(\varphi \pm \rho') \, \frac{F \, d_2}{2}
MGM_G ist das an der Schraube aufzubringende Moment, FF die erzeugte Axialkraft, d2d_2 der Flankendurchmesser. Das Pluszeichen gilt beim Anziehen (Reibung wirkt dagegen), das Minuszeichen beim Lösen. Ohne Reibung (ρ=0\rho' = 0) bleibt nur die Gewindesteigung φ\varphi übrig.
Definition Keil
Zwei gegeneinander gestellte schiefe Ebenen. F2=(1/tan(α))F1F_2 = (1/\tan(\alpha)) \, F_1.
Definition Schraube
Auf einen Zylinder aufgewickelter Keil. F=(1/tan(φ))FUF = (1/\tan(\varphi)) \, F_U.
Definition Selbsthemmung
Ist der Steigungswinkel kleiner als der Reibungswinkel (φ<ρ\varphi < \rho'), löst sich die Schraube nicht von selbst. Befestigungsgewinde sind immer selbsthemmend.

VIII.2Kraftverstärkung II: Flaschenzug-Mechanismen

VIII.2.1 Feste und lose Rolle

Hebel und Keil verstärken über Längen und Winkel. Der Flaschenzug verstärkt anders: er nutzt aus, dass in einem durchlaufenden, reibungsfreien Seil die Zugkraft überall gleich gross ist. Verteilt man eine Last auf mehrere Seilstränge, trägt jeder Strang nur einen Bruchteil.

Zuerst die zwei Grundbausteine. Eine feste Rolle hängt ortsfest an der Decke. Sie verstärkt nicht, sondern lenkt nur die Richtung um: du ziehst nach unten, die Last geht nach oben. Eine lose Rolle dagegen hängt im Seil und wird von der Last mitgetragen. An ihr greifen zwei Seilstränge, also halbiert sich die nötige Zugkraft.

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VIII.2.1.1 Feste und lose Rolle
feste Rolle:F2=F1lose Rolle:F2=2F1\begin{aligned} \text{feste Rolle:}\quad & F_2 = F_1 \\ \text{lose Rolle:}\quad & F_2 = 2\,F_1 \end{aligned}
F1F_1 ist die Zugkraft am Seil, F2F_2 die gehaltene Last. Die feste Rolle ändert nur die Richtung (F2=F1F_2 = F_1), die lose Rolle verdoppelt die Tragkraft (F2=2F1F_2 = 2 F_1).
Definition Feste Rolle
Ortsfest. Lenkt nur die Kraftrichtung um, keine Verstärkung: F2=F1F_2 = F_1.
Definition Lose Rolle
Hängt im Seil, wird mitgetragen. Verdoppelt die Tragkraft: F2=2F1F_2 = 2 F_1.

VIII.2.2 Flaschenzug mit mehreren Seilsträngen

Kombiniert man feste und lose Rollen, addieren sich die tragenden Seilstränge. Der Trick beim Lesen eines Flaschenzugs: zähle, wie viele Seilstränge die untere (bewegliche) Flasche mit der Last tragen. Diese Zahl nn ist der Verstärkungsfaktor.

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VIII.2.2.1 Flaschenzug allgemein
F2=nF1F_2 = n \, F_1
nn ist die Anzahl der tragenden Seilstränge an der losen Flasche. Bei sieben Strängen genügt ein Siebtel der Last als Zugkraft. Achtung: dieses nn ist die Strangzahl, nicht die Drehzahl aus VIII.3.
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VIII.2.2.2 Flaschenzug mit Wirkungsgrad
F1=F2nηFηF=ηRn\begin{aligned} F_1 &= \frac{F_2}{n \, \eta_F} \\ \eta_F &= \eta_R^{\,n} \end{aligned}
Ergänzung über den reibungsfreien Fall hinaus: jede der nn Rollen hat einen Wirkungsgrad ηR\eta_R, der Gesamtwirkungsgrad ist ηF=ηRn\eta_F = \eta_R^{\,n}. Real braucht man daher etwas mehr als die ideale Zugkraft F2/nF_2/n.

Auch hier gilt die Goldene Regel: wer die Kraft auf ein Siebtel drückt, muss das Seil sieben Mal so weit einziehen. Ein Flaschenzug spart Kraft, kostet aber Seilweg und damit Zeit.

Bauform Feste Rolle
Zugkraft 2100 N
Seilweg s₁ je Lastweg 1-facher Weg
4
2100
0.8
Abb. 2: Seilzug-Bauformen (9.2). Lose Rolle (1/2), Flaschenzug mit 1/3, 1/n und 1/7 der Last, Potenzflaschenzug (1/2³ = 1/8), plus feste Rolle als reine Umlenkung. Die Zugkraft ist die Last geteilt durch die Zahl der tragenden Stränge.
Formel Flaschenzug
F2=nF1F_2 = n \, F_1
nn = Anzahl tragender Seilstränge an der beweglichen Flasche.
Merke Mehr Stränge = weniger Kraft, aber mehr Seilweg. Goldene Regel bleibt gewahrt.

VIII.3Rotation in Translation I: Schubkurbel und Kurbelschleife

VIII.3.1 Schubkurbel und zentrische Schubkurbel

Bisher ging es um Kraft. Jetzt um Bewegung: wie macht man aus einer drehenden Welle eine geradlinige Hin- und Herbewegung? Denk an die Nadel einer Nähmaschine oder den Kolben eines Motors. Das klassische Bauteil dafür ist die Schubkurbel (englisch slider crank).

Sie besteht aus drei Gliedern: die Kurbel (Länge RR) dreht sich, das Pleuel (Länge LL) greift die Bewegung ab, und der linear geführte Stössel übernimmt nur den geradlinigen Anteil. So wird die Drehung der Kurbel in eine Translation des Stössels verwandelt.

Sitzt die Drehachse genau auf der Stösselachse, spricht man von der zentrischen Schubkurbel. Dann ist die Geometrie besonders einfach: der Stössel läuft zwischen zwei Totlagen hin und her, die genau einen Kurbeldurchmesser auseinanderliegen.

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VIII.3.1.1 Hublänge und Taktzeit
H=2Rt=1n\begin{aligned} H &= 2\,R \\ t &= \frac{1}{n} \end{aligned}
Die Hublänge HH (gesamter Verfahrweg) ist der doppelte Kurbelradius. Die Taktzeit tt für einen vollen Umlauf ist der Kehrwert der Drehzahl nn. Hin- und Rückweg dauern bei der zentrischen Schubkurbel gleich lang.
Kurbelwinkel α
Pleuelwinkel β
Stösselweg 0 mm
Zeitenverhältnis Q 1,00
0.8
0.30
0
Abb. 3: Rotation in Translation. Schubkurbel (zentrisch und exzentrisch), Kreuzkurbelschleife und Kurbelschleife.
Definition Kurbel, Pleuel, Stössel
Kurbel (Radius RR) dreht, Pleuel (Länge LL) überträgt, Stössel läuft geradlinig.
Formel Zentrische Schubkurbel
H=2R,t=1/n\begin{aligned} H &= 2R,\\ t &= 1/n \end{aligned}
Hub gleich Kurbeldurchmesser, Taktzeit gleich Kehrwert der Drehzahl.

VIII.3.2 Schubstangenverhältnis und Kräfte

Ob der Stössel gleichmässig läuft oder ruckelt, hängt vom Verhältnis von Kurbel- zu Pleuellänge ab. Diese Kennzahl heisst Schubstangenverhältnis λ\lambda.

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VIII.3.2.1 Schubstangenverhältnis
λ=RL=sin(β)sin(α)\lambda = \frac{R}{L} = \frac{\sin(\beta)}{\sin(\alpha)}
α\alpha ist der Kurbelwinkel, β\beta der Schwenkwinkel des Pleuels gegen die Stösselachse. In der Praxis liegt λ\lambda meist zwischen 0,1 und 0,4. Ein kleineres λ\lambda (langes Pleuel) bedeutet ein gleichmässigeres Geschwindigkeits- und Beschleunigungsprofil.
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VIII.3.2.2 Pleuelwinkel aus dem Kurbelwinkel
β=arcsin ⁣(Rsin(α)L)\beta = \arcsin\!\left(\frac{R \, \sin(\alpha)}{L}\right)
Der Schwenkwinkel β\beta des Pleuels folgt aus dem Kurbelwinkel α\alpha über das Sinusgesetz im Kurbeldreieck. Damit ist die Stösselkraft für jede Kurbelstellung bestimmbar.

Treibt ein konstantes Moment ManM_{an} die Kurbel an, dann ändert sich die Kraft am Stössel ständig, weil sich die Winkel α\alpha und β\beta während eines Umlaufs ändern. Die Stösselkraft FSF_S folgt aus der Zerlegung der Kurbelkraft über das Pleuel.

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VIII.3.2.3 Kraft am Stössel
FS=cos(β)Mansin(α+β)RF_S = \frac{\cos(\beta) \, M_{an}}{\sin(\alpha + \beta) \, R}
ManM_{an} ist das Antriebsmoment an der Kurbel, RR der Kurbelradius. Die Kraftkette: das Moment erzeugt an der Kurbel die Tangentialkraft Ft=Man/RF_t = M_{an}/R, diese die Pleuelkraft FPF_P und schliesslich die Stösselkraft FSF_S. Sie ist nicht konstant, sondern hängt über α\alpha und β\beta von der momentanen Kurbelstellung ab.
Formel Schubstangenverhältnis
λ=RL=sin(β)sin(α)\lambda = \frac{R}{L} = \frac{\sin(\beta)}{\sin(\alpha)}
Klein (langes Pleuel) = ruhiger Lauf. Meist 0,1λ0,40{,}1 \le \lambda \le 0{,}4.

VIII.3.3 Exzentrische Schubkurbel und Zeitenverhältnis

Verschiebt man die Drehachse um eine Exzentrizität ee aus der Stösselachse heraus, passiert etwas Nützliches: der Stössel bewegt sich in die eine Richtung schneller als in die andere. Die beiden Totlagen liegen dann nicht mehr symmetrisch, sondern um einen Winkel δ\delta versetzt. Diesen Versatz findet man über zwei Hilfswinkel γ1\gamma_1 und γ2\gamma_2 zu den beiden Totlagen. Stell in Abb. 3 die Exzentrizität e>0e > 0, um den Versatz und den daraus folgenden Eilrücklauf direkt zu sehen.

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VIII.3.3.1 Versatzwinkel der exzentrischen Schubkurbel
cos(γ1)=eLRcos(γ2)=eL+Rδ=γ2γ1\begin{aligned} \cos(\gamma_1) &= \frac{e}{L - R} \\ \cos(\gamma_2) &= \frac{e}{L + R} \\ \delta &= \gamma_2 - \gamma_1 \end{aligned}
In der näheren Totlage stehen Pleuel und Kurbel auf Differenz (LRL - R), in der ferneren auf Summe (L+RL + R). Der Versatzwinkel δ\delta ist die Differenz der beiden Hilfswinkel.

Den Effekt beschreibt das Zeitenverhältnis QQ: das Verhältnis der Zeit für den langsamen Hub zur Zeit für den schnellen Hub. Es hängt allein vom Versatzwinkel δ\delta ab.

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VIII.3.3.2 Zeitenverhältnis
Q=tlangsamtschnell=180+δ180δδ=180Q1Q+1\begin{aligned} Q &= \frac{t_{\text{langsam}}}{t_{\text{schnell}}} = \frac{180^\circ + \delta}{180^\circ - \delta} \\ \delta &= 180^\circ \cdot \frac{Q - 1}{Q + 1} \end{aligned}
Bei δ=0\delta = 0 (zentrische Schubkurbel) ist Q=1Q = 1, Hin- und Rückhub dauern gleich lang. Je grösser δ\delta, desto stärker der Eilrücklauf.
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VIII.3.3.3 Zeit für schnellen und langsamen Hub
tschnell=1n(Q+1)tlangsam=Qn(Q+1)\begin{aligned} t_{\text{schnell}} &= \frac{1}{n \, (Q + 1)} \\ t_{\text{langsam}} &= \frac{Q}{n \, (Q + 1)} \end{aligned}
Aus t=1/n=tschnell+tlangsamt = 1/n = t_{\text{schnell}} + t_{\text{langsam}} und Q=tlangsam/tschnellQ = t_{\text{langsam}}/t_{\text{schnell}} folgen die beiden Hubzeiten getrennt.
Formel Zeitenverhältnis
Q=180+δ180δQ = \frac{180^\circ + \delta}{180^\circ - \delta}
Q=1Q = 1 bei zentrischer Kurbel, Q>1Q > 1 mit Exzentrizität.
Notation Notation: ee und δ\delta
ee = Exzentrizität (Achsversatz), δ\delta = Versatzwinkel der Totlagen.

VIII.3.4 Kreuzkurbelschleife und Kurbelschleife

Statt eines Pleuels kann man auch eine Schleife (einen Schlitz) verwenden, in der ein Kurbelzapfen gleitet. Die Kreuzkurbelschleife (englisch Scotch Yoke) erzeugt damit eine perfekte Sinusbewegung des Stössels und heisst deshalb auch Sinus-Generator. Im Gegensatz zur Schubkurbel ist ihr Bewegungsprofil exakt harmonisch, ohne den Oberwellen-Anteil, den das endliche Pleuel sonst hineinbringt.

Die Kurbelschleife (englisch Quick Return) ist die zweite Schleifen-Bauform. Eine kurze Kurbel (R1R_1) treibt über einen Gleitstein eine längere Schwinge (R2R_2) an, die wiederum den Stössel schiebt. Auch sie liefert einen ausgeprägten Eilrücklauf. Versatzwinkel δ\delta und Hub HH folgen aus der Geometrie.

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VIII.3.4.1 Kurbelschleife
sin ⁣(δ2)=R1e=H2R2H=2R2R1e\begin{aligned} \sin\!\left(\tfrac{\delta}{2}\right) &= \frac{R_1}{e} = \frac{H}{2\,R_2} \\ \Rightarrow\quad H &= \frac{2\,R_2\,R_1}{e} \end{aligned}
R1R_1 ist die Kurbellänge, R2R_2 die Schwingenlänge, ee die Exzentrizität. Der Versatzwinkel δ\delta hängt nur von R1R_1 und ee ab; der Hub HH zusätzlich von der Schwingenlänge R2R_2.
Definition Scotch Yoke
Kreuzkurbelschleife, erzeugt eine exakte Sinusbewegung (Sinus-Generator).
Formel Hub der Kurbelschleife
H=2R2R1eH = \frac{2\,R_2\,R_1}{e}
Aus sin(δ/2)=R1/e=H/(2R2)\sin(\delta/2) = R_1/e = H/(2 R_2).

VIII.4Rotation in Translation II: Kurvenscheiben und Kurventrommeln

VIII.4.1 Kurvengetriebe und Kurvenform

Schubkurbel und Kurbelschleife liefern feste Bewegungsprofile (sinusähnlich). Was aber, wenn der Stössel einer ganz bestimmten, frei gewählten Bewegung folgen soll, etwa: schnell hoch, oben kurz verharren, langsam runter? Dafür gibt es das Kurvengetriebe (englisch cam mechanism).

Eine drehende Kurvenscheibe (cam) mit unrunder Kontur drückt einen abtastenden Stössel (follower) hin und her. Die Form der Kurve programmiert das Bewegungsgesetz: jeder gewünschte Verlauf von Hub, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Ruck lässt sich in die Kontur einarbeiten.

Wie das konkret aussieht, zeigt das Beispiel unten mit einem einfachen harmonischen Bewegungsgesetz h(θ)=H2(1cos(θ))h(\theta) = \tfrac{H}{2}\,(1 - \cos(\theta)). Der Stössel steht beim Drehwinkel θ=0\theta = 0 ganz unten (h=0h = 0), erreicht bei θ=180\theta = 180^\circ den oberen Totpunkt (h=Hh = H) und kehrt dann zurück. Die unrunde Kontur der Scheibe ist nichts anderes als dieses Gesetz, in einen Radius umgerechnet.

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VIII.4.1.1 Harmonisches Bewegungsgesetz
h(θ)=H2(1cos(θ))h(\theta) = \frac{H}{2}\,\bigl(1 - \cos(\theta)\bigr)
hh ist der momentane Hub des Stössels, θ\theta der Drehwinkel der Kurvenscheibe und HH der Maximalhub. Bei θ=0\theta = 0 ist h=0h = 0, bei θ=90\theta = 90^\circ ist h=H/2h = H/2, bei θ=180\theta = 180^\circ ist h=Hh = H. Die Kontur der Scheibe trägt dieses Gesetz als variablen Radius.
Drehwinkel θ
Stösselhub h 0 mm
Maximalhub H 60 mm
0.8
60
Abb. 4: Kurvengetriebe. Kurvenscheibe mit harmonischem Bewegungsgesetz h(θ)=H2(1cos(θ))h(\theta) = \tfrac{H}{2}(1 - \cos(\theta)).

Übliche Standard-Kurvenformen werden nach ihren Phasen benannt, etwa RF, RFRF, DRDF oder DRFRF. Sie unterscheiden sich darin, wie sanft Hub, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Ruck ineinander übergehen. Je weicher die Übergänge, desto kleiner die Stoss- und Massenkräfte bei hoher Drehzahl.

Definition Kurvengetriebe
Drehende Kurvenscheibe (cam) bewegt einen abtastenden Stössel (follower) nach einem frei gestaltbaren Gesetz.
Merke Die Kurvenform programmiert Hub, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Ruck.

VIII.4.2 Kurventrommel und Bauformen

Liegt die Kurve nicht als flache Scheibe, sondern als Nut auf einem Zylinder vor, spricht man von einer Kurventrommel (englisch barrel cam). Der Stössel läuft in der umlaufenden Nut und wird parallel zur Drehachse hin und her geschoben. Weil die Nut den Stössel von beiden Seiten führt, ist die Bewegung formschlüssig, der Stössel kann nicht abheben.

Aus den Grundbausteinen lassen sich reichhaltige Mechanismen bauen: Kurvengetriebe mit zwei Stösseln, die von einer Scheibe gleichzeitig zwei Abtriebe steuern, oder Kurvengetriebe mit zwei Kurven, bei denen jede Drehrichtung eine eigene Kontur abtastet. So entstehen aus einer einzigen drehenden Welle ganze Bewegungsabläufe, der Kern jeder Automatisierungs- und Verpackungsmaschine.

Definition Kurventrommel
Kurve als Nut auf einem Zylinder. Formschlüssige Führung, Stössel bewegt sich axial.

VIII.5Rotation in Translation III: Viergelenkkette und Koppelgetriebe

VIII.5.1 Viergelenkkette und Satz von Grashof

Schubkurbel, Kurbelschleife und sogar das Kurvengetriebe sind im Grunde Verwandte eines einzigen, sehr allgemeinen Bauprinzips: der Viergelenkkette (englisch four bar linkage). Stell dir vier starre Stäbe vor, die an ihren Enden über vier Drehgelenke zu einer geschlossenen Schleife verbunden sind. Genau vier Glieder, genau vier Gelenke, mehr braucht es nicht.

Die vier Glieder haben feste Rollen. Das Gestell steht fest (der Stab, den du am Boden verschraubst). Die Kurbel ist das antreibende Glied: sie dreht um ihr Gestellgelenk O2O_2, ihr freies Ende ist der Punkt AA. Die Schwinge ist das abtreibende Glied: sie dreht um ihr Gestellgelenk O4O_4, ihr freies Ende ist BB. Dazwischen verbindet die Koppel die Punkte AA und BB. Leitet man an der Kurbel eine Drehbewegung ein (AA kreist um O2O_2), entsteht am Ausgang eine Schwingbewegung (BB pendelt um O4O_4).

Ob die Kurbel voll umläuft (wie im Motor) oder nur hin und her schwingt, entscheidet erstaunlicherweise nicht der Antrieb, sondern allein das Verhältnis der vier Gliedlängen. Diese Frage beantwortet der Satz von Grashof.

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VIII.5.1.1 Satz von Grashof
lmin+lmax<l+ll_{\min} + l_{\max} < l' + l''
Das kürzeste Glied einer Viergelenkkette ist voll drehfähig, wenn die Summe aus kürzestem (lminl_{\min}) und längstem (lmaxl_{\max}) Glied kleiner ist als die Summe der beiden übrigen (ll', ll'').

Daraus folgen drei Fälle. Ist die Summe kleiner (lmin+lmax<l+ll_{\min} + l_{\max} < l' + l''), läuft das kürzeste Glied voll um. Das Getriebe ist laufsicher. Bei Gleichheit (==) gibt es Durchschlaglagen, in denen alle vier Glieder kurz auf einer Linie liegen und das Getriebe in eine andere Stellung durchschlagen kann (durchschlagend, nicht laufsicher). Ist die Summe grösser (>>), schwingen alle Glieder nur, keines läuft um.

Definition Viergelenkkette
Vier Glieder (Gestell, Kurbel, Koppel, Schwinge), über vier Drehgelenke zu einer geschlossenen Kette verbunden.
Notation Notation: Gelenke
Kurbel dreht um O2O_2 (Ende AA), Schwinge um O4O_4 (Ende BB), Koppel verbindet AA und BB.
Formel Satz von Grashof
lmin+lmax<l+ll_{\min} + l_{\max} < l' + l''
Erfüllt: kürzestes Glied läuft voll um (laufsicher).

VIII.5.2 Koppelgetriebe und Koppelkurve

Jetzt kommt der eigentliche Trick. Heftet man einen Punkt PP fest auf die Koppel (nicht auf ein Gelenk, sondern irgendwo auf dem mittleren Stab oder einem starr damit verbundenen Fortsatz), dann beschreibt dieser Punkt beim Durchlaufen des Mechanismus eine geschlossene Bahn. Diese Bahn heisst Koppelkurve, und ein Getriebe, das sie als Nutzbewegung verwendet, ein Koppelgetriebe.

Kurbelwinkel θ₂
Schwingenwinkel θ₄
Koppelpunkt-Höhe 50 mm
0.8
50
Abb. 5: Viergelenkkette. Die drehende Kurbel führt die Schwinge; der Koppelpunkt PP zeichnet die Koppelkurve.

Das Verblüffende: schon vier einfache Stäbe erzeugen erstaunlich reiche Bahnen. Die Form der Koppelkurve hängt nur von zwei Dingen ab: den vier Gliedlängen (L1L_1 Gestell, L2L_2 Kurbel, L3L_3 Koppel, L4L_4 Schwinge) und der Lage des Koppelpunkts auf der Koppel (Abstand BPBP vom Gelenk AA und Koppelwinkel γ\gamma). Verschiebt man PP, wandert die Kurve durch ein ganzes Formenspektrum.

Die Grundformen haben sogar eigene Namen: von der Pseudo-Ellipse und der Nierenbohne über Banane und Sichel bis zu nahezu geraden Stücken, Tropfen mit Spitze und Achterkurven mit Selbstüberschneidung. In Konstruktionsatlanten sind diese Kurven nach dem Längenverhältnis L3/L2=L4/L2=BP/L2L_3/L_2 = L_4/L_2 = BP/L_2 und dem Koppelwinkel γ\gamma tabelliert, sodass man zu einer gewünschten Bahn die passende Geometrie nachschlagen kann.

Der folgende Atlas macht das anschaulich: Jede Zeile steht für ein Längenverhältnis L3/L2L_3/L_2 (die Zahl links), jede Spalte für einen Koppelwinkel γ\gamma (der Wert oben). In jeder Zelle siehst du die zugehörige Koppelkurve, alle bei festem Gestellverhältnis L1/L2=2L_1/L_2 = 2. Wandere mit den Augen durch die Tabelle und beobachte, wie die Bahn ihre Form wechselt: kleine γ\gamma liefern eher rundliche Ellipsen und Nierenbohnen, um γ=180°\gamma = 180° herum werden die Kurven flacher und bananenförmig, und für grosse γ\gamma schliessen sie sich wieder zu Schleifen.

L3/L2L_3/L_2
36°
72°
108°
144°
180°
216°
252°
288°
324°
5
4,5
4
3,5
3
2,5
2
1,5
Koppelkurven-Atlas. Zeilen: Längenverhältnis L3/L2L_3/L_2 (= L4/L2L_4/L_2 = BP/L2BP/L_2). Spalten: Koppelwinkel γ\gamma. Festes Gestellverhältnis L1/L2=2L_1/L_2 = 2.
Definition Koppelkurve
Bahn eines fest auf der Koppel sitzenden Punkts PP beim Durchlauf des Getriebes.
Notation Notation: Koppelpunkt
PP Koppelpunkt, BPBP Abstand von AA, γ\gamma Koppelwinkel; L1L_1 bis L4L_4 die vier Gliedlängen.

VIII.5.3 Geradführungen und berühmte Koppelgetriebe

Eine besonders nützliche Koppelkurve ist die, die ein Stück weit fast genau geradlinig verläuft. Lange bevor es präzise Linearführungen gab, war die Viergelenkkette die einzige Möglichkeit, aus einer Drehbewegung eine angenähert gerade Linie zu erzeugen. Solche Getriebe heissen Geradführungen.

Der einfachste Spezialfall ist das Parallelkurbelgetriebe: Kurbel und Schwinge sind gleich lang, und die Koppel bleibt deshalb immer parallel zum Gestell. Jeder Punkt der Koppel macht dieselbe Kreisbewegung. Man findet es überall dort, wo etwas parallel geführt werden soll, etwa an der Parallelogramm-Aufhängung von Tischlampen, an Förderbändern oder als Kuppelstange zwischen den Rädern einer Lokomotive.

Aus geschickt gewählten Gliedlängen entstehen die klassischen Geradführungen: der Hoeken-Mechanismus (auch Lambda-Mechanismus) erzeugt ein langes, sehr gerade verlaufendes Stück der Koppelkurve, ebenso der Tchebyshev-Mechanismus. Treibt man die Idee weiter, lässt sich die Koppelkurve sogar als Fussbahn auslegen: der Jansen-Mechanismus setzt mehrere solche Ketten zu einer laufenden Maschine zusammen (den bekannten Strandbeest-Figuren).

Definition Geradführung
Koppelgetriebe, dessen Koppelkurve über ein Stück nahezu geradlinig verläuft (Hoeken, Tchebyshev).
Definition Parallelkurbel
Kurbel und Schwinge gleich lang; die Koppel bleibt parallel zum Gestell.

Aufgaben mit Musterlösungen

Fünf Aufgaben zu den Mechanismen dieses Kapitels. Rechne jede zuerst selbst, dann prüfe deinen Weg gegen die Musterlösung.

Aufgabe 1

Ein Winkelhebel wird mit der Kraft F1=1400NF_1 = 1400\,\text{N} unter 3535^\circ betätigt. Die wirksamen Hebelarme sind l1=600mml_1 = 600\,\text{mm} und l2=400mml_2 = 400\,\text{mm}. Wie gross ist die resultierende Kraft F2F_2?

Aufgabe 2

Eine Presse besteht aus zwei in Reihe geschalteten Kniehebeln und wird mit F1=20kNF_1 = 20\,\text{kN} betätigt. Die Winkel betragen α=32\alpha = 32^\circ und β=14\beta = 14^\circ. Wie gross ist die Anpresskraft F2F_2?

Aufgabe 3

Der Hebelmechanismus einer Baggerschaufel hat die Längen c=625mmc = 625\,\text{mm}, d=750mmd = 750\,\text{mm}, e=625mme = 625\,\text{mm} und r=1550mmr = 1550\,\text{mm}. Die Hydraulik stellt FZ=64kNF_Z = 64\,\text{kN} bereit. Wie gross ist die Kraft FLF_L an der Schaufelspitze? (Reibung vernachlässigt.)

Aufgabe 4

Ein Flaschenzug mit sieben tragenden Seilsträngen soll eine Last F2=4200NF_2 = 4200\,\text{N} halten. Wie gross ist die dafür nötige Zugkraft F1F_1?

Aufgabe 5

Ein Kurbelschleifen-Mechanismus hat die Kurbellänge R1=56mmR_1 = 56\,\text{mm}, die Schwingenlänge R2=260mmR_2 = 260\,\text{mm} und die Exzentrizität e=130mme = 130\,\text{mm}. Wie gross ist der Hub HH?
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!
Variablen-Glossar (62 Einträge)
F1F_1 eingeleitete Kraft (Eingang) eines Mechanismus N
F2F_2 abgegebene Kraft (Ausgang) eines Mechanismus N
kk Kraftverstärkungsfaktor, k=F2/F1k = F_2 / F_1 -
WW mechanische Arbeit, W=FsW = F \cdot s J
ss zurückgelegter Weg entlang der Wirkungslinie der Kraft m
l1l_1 wirksame Länge des Eingangs-Hebelarms (Abstand der Eingangskraft vom Drehpunkt) mm
l2l_2 wirksame Länge des Ausgangs-Hebelarms mm
α\alpha Winkel: Steigung der schiefen Ebene / Keilwinkel / Kniehebelwinkel / Kurbelwinkel der Schubkurbel Grad
α1\alpha_1 oberer Kniehebelwinkel gegen die Strecklage Grad
α2\alpha_2 unterer Kniehebelwinkel gegen die Strecklage Grad
φ\varphi Steigungswinkel des Gewindes (die Schraube ist ein aufgewickelter Keil) Grad
ρ\rho' Reibungswinkel im Gewinde; die Schraube ist selbsthemmend, wenn φ<ρ\varphi < \rho' Grad
d2d_2 Flankendurchmesser des Gewindes (wirksamer Hebelarm der Umfangskraft) mm
MGM_G Gewindemoment zum Anziehen oder Lösen, MG=tan(φ±ρ)Fd2/2M_G = \tan(\varphi \pm \rho')\,F\,d_2/2 Nm
FzF_z Kraft längs der schiefen Ebene (Eingang) N
FGF_G gehaltene Gewichtskraft / Last an der schiefen Ebene (Ausgang) N
FUF_U Umfangskraft am Schraubengewinde (tangentialer Eingang) N
s1s_1 Verschiebeweg der Eingangsseite des Keils mm
s2s_2 Verschiebeweg der Ausgangsseite des Keils mm
nn Anzahl tragender Seilstränge am Flaschenzug; getrennt davon: Drehzahl der Kurbel - bzw. 1/min
RR Kurbellänge (Radius) der Schubkurbel mm
LL Pleuellänge (Länge der Schubstange) mm
HH Hublänge, der gesamte Verfahrweg des Stössels mm
tt Taktzeit für einen vollen Umlauf, t=1/nt = 1/n s
λ\lambda Schubstangenverhältnis, λ=R/L\lambda = R/L -
β\beta Schwenkwinkel des Pleuels gegen die Stösselachse Grad
ManM_{an} Antriebsmoment an der Kurbel Nm
FSF_S Kraft am Stössel der Schubkurbel N
ee Exzentrizität, Versatz der Drehachse aus der Stösselachse mm
δ\delta Versatzwinkel zwischen den beiden Totlagen der exzentrischen Schubkurbel bzw. Kurbelschleife Grad
γ1\gamma_1 Hilfswinkel zur näheren Totlage der exzentrischen Schubkurbel Grad
γ2\gamma_2 Hilfswinkel zur ferneren Totlage Grad
QQ Zeitenverhältnis, Zeit des langsamen Hubs geteilt durch Zeit des schnellen Hubs -
R1R_1 Kurbellänge der Kurbelschleife mm
R2R_2 Länge der Schwinge der Kurbelschleife mm
F3F_3 abgegebene Kraft am Ausgang einer Serienschaltung von zwei Hebeln N
l3l_3 wirksame Länge des Eingangs-Hebelarms der zweiten Hebelstufe mm
l4l_4 wirksame Länge des Ausgangs-Hebelarms der zweiten Hebelstufe mm
cc wirksamer Hebelarm der Hydraulikkraft am oberen Gelenk des Baggerschaufel-Mechanismus mm
dd wirksamer Hebelarm der Stabkraft am oberen Gelenk des Baggerschaufel-Mechanismus mm
rr wirksamer Hebelarm der Schaufelkraft am unteren Gelenk des Baggerschaufel-Mechanismus mm
FZF_Z Kraft der Hydraulik am Baggerschaufel-Mechanismus (Eingang) kN
FLF_L Kraft an der Schaufelspitze des Baggerschaufel-Mechanismus (Ausgang) kN
FdF_d Kraft im Verbindungsstab am oberen Gelenk des Baggerschaufel-Mechanismus kN
FeF_e Kraft im Verbindungsstab am unteren Gelenk (gleich FdF_d, der Pendelstab überträgt unverändert) kN
ll Länge der Rampe (Hypotenuse) bei der schiefen Ebene mm
hh Höhe der schiefen Ebene mm
ηR\eta_R Wirkungsgrad einer einzelnen Rolle im Flaschenzug -
ηF\eta_F Gesamtwirkungsgrad des Flaschenzugs, ηF=ηRn\eta_F = \eta_R^{\,n} -
lminl_{\min} kürzestes Glied der Viergelenkkette mm
lmaxl_{\max} längstes Glied der Viergelenkkette mm
L1L_1 Gestelllänge der Viergelenkkette (Abstand der Drehlager O2O4O_2 O_4) mm
L2L_2 Kurbellänge der Viergelenkkette (antreibendes Glied) mm
L3L_3 Koppellänge der Viergelenkkette (mittleres Glied) mm
L4L_4 Schwingenlänge der Viergelenkkette (abtreibendes Glied) mm
PP Koppelpunkt: sitzt fest auf der Koppel und zeichnet die Koppelkurve -
BPBP Abstand des Koppelpunkts PP vom Koppelgelenk AA mm
γ\gamma Koppelwinkel: Lage von PP gegen die Koppelgerade ABAB Grad
θ2\theta_2 Kurbelwinkel der Viergelenkkette (Drehwinkel der Kurbel um O2O_2) Grad
θ4\theta_4 Schwingenwinkel der Viergelenkkette (Lage der Schwinge um O4O_4) Grad
FtF_t Tangentialkraft an der Kurbel der Schubkurbel, Ft=Man/RF_t = M_{an}/R N
FPF_P Zug- oder Druckkraft im Pleuel der Schubkurbel N