1.1 Idee der Superposition

Kapitel 6 hat die Spezielle Biegung behandelt: ein Balken wird durch ein Biegemoment MzM_z belastet, ohne Normalkraft. In Kapitel 7 kommt die Normalkraft NN wieder dazu. Beide Lasten erzeugen eine Normalspannung σx\sigma_x in derselben Faserrichtung des Stabes. Die zentrale Aussage: die beiden Effekte addieren sich punktweise.

Anschauung. Ein zentrisch gezogener Stab unter einer Normalkraft N>0N > 0 hat überall im Querschnitt dieselbe Zugspannung σN=N/A\sigma_N = N/A. Ein reiner Biegebalken unter einem Biegemoment MzM_z hat eine linear über den Querschnitt verteilte Spannung σb=Mzy/Iz\sigma_b = -M_z\,y/I_z, die bei y=0y = 0 verschwindet (neutrale Faser im Schwerpunkt). Wenn beide Lasten gleichzeitig wirken, ist die resultierende Spannung an jedem Punkt (y,z)(y, z) einfach die Summe.

Voraussetzung. Hooke ist linear, also gilt das Superpositionsprinzip. Solange das Material linear-elastisch bleibt und die Verformungen klein sind, dürfen die Beiträge aus NN und MzM_z unabhängig voneinander berechnet und am Schluss addiert werden. Bei nichtlinearem Materialverhalten (Plastifizierung) bricht die Aufteilung zusammen und beide Beanspruchungen müssen gemeinsam analysiert werden.

!!!
Superposition Normalkraft plus Biegung
σx(y)=NAσN konstant  +  (MzyIz)σb linear in y\sigma_x(y) = \underbrace{\frac{N}{A}}_{\sigma_N\text{ konstant}} \;+\; \underbrace{\Big(-\frac{M_z\,y}{I_z}\Big)}_{\sigma_b\text{ linear in }y}
σN\sigma_N kommt aus der Normalkraft, σb\sigma_b aus der Biegung. Beide haben dieselbe Einheit und addieren sich punktweise.
Merke Superposition
σx=N/AMzy/Iz\sigma_x = N/A - M_z\,y/I_z. Konstanter plus linearer Anteil.
Prüfungstipp Voraussetzung
Linear-elastisches Material. Bei Plastifizierung gilt Superposition nicht.

1.2 Vollständige Hauptformel mit zwei Biegeachsen

Wenn der Balken um beide Hauptachsen gebogen wird (Biegemoment MzM_z um die zz-Achse und MyM_y um die yy-Achse), addieren sich auch die zwei Biege-Anteile zu der Normalkraft-Konstanten. Das ist die vollständige Hauptformel für σx\sigma_x in einem Querschnittspunkt (y,z)(y, z).

Bei Querschnitten mit zwei Symmetrie-Achsen (Rechteck, Quadrat, Kreis, I-Profil mit voller Symmetrie) sind yy und zz automatisch Hauptachsen, Cyz=0C_{yz} = 0 und die Formel gilt direkt. Bei unsymmetrischen Querschnitten muss zuerst in die Hauptachsen transformiert werden. Das wird in Kap. 8 zur schiefen Biegung ausführlich behandelt.

Sonderfall ein Biegemoment. In Mech II Kap. 7 ist üblicherweise nur ein Biegemoment MzM_z aktiv (ebene Biegung). Dann reduziert sich die Formel auf σx=N/AMzy/Iz\sigma_x = N/A - M_z\,y/I_z. Das deckt alle Aufgaben aus Üs7 (H1, H2, S1, S2, Wiederholung) ab.

!!!
Vollständige Hauptformel
σx(x,y,z)=N(x)AMz(x)yIz+My(x)zIy\sigma_x(x, y, z) = \frac{N(x)}{A} - \frac{M_z(x)\,y}{I_z} + \frac{M_y(x)\,z}{I_y}
Drei Beiträge: zentrische Normalkraft, Biegung um die zz-Achse, Biegung um die yy-Achse. Voraussetzung: yy und zz sind Hauptachsen, also Cyz=0C_{yz} = 0.
!!!
Verbreiteter Spezialfall (ebene Biegung)
σx(x,y)=N(x)AMz(x)yIz\sigma_x(x, y) = \frac{N(x)}{A} - \frac{M_z(x)\,y}{I_z}
Wenn nur ein Biegemoment aktiv ist. Praktisch der Standardfall in Mech II Kap. 7.
Formel Hauptformel
σx=N/AMzy/Iz+Myz/Iy\sigma_x = N/A - M_z\,y/I_z + M_y\,z/I_y
Zentrische Last plus zwei Biege-Anteile.
Merke Hauptachsen nötig
y,zy, z müssen Hauptachsen sein (Cyz=0C_{yz} = 0).
Querverweis Transformation bei Bedarf
→ Kap. 6 Sec. 3 Hauptachsen

1.3 Vorzeichen und Konventionen

Die Vorzeichen-Frage ist die häufigste Quelle für Klausur-Fehler. Sie hängt von drei Festlegungen ab: Richtung der yy-Achse (oben oder unten), Drehsinn von MzM_z (welche Faser wird durch positives MzM_z unter Zug gesetzt), und Vorzeichen von NN (Zug oder Druck positiv).

Konvention der Vorlesung Mech II. yy-Achse zeigt nach unten, zz-Achse zeigt aus dem Bild heraus, xx-Achse zeigt entlang dem Stab (von links nach rechts in der Standardskizze). N>0N > 0 bedeutet Zug. Mz>0M_z > 0 bedeutet, dass die obere Faser (y<0y < 0) unter Zug steht und die untere Faser (y>0y > 0) unter Druck. In der Formel σx=N/AMzy/Iz\sigma_x = N/A - M_z\,y/I_z ist das Vorzeichen schon konsistent eingebaut.

Cross-Check über die Skizze. Bevor man Vorzeichen einsetzt, schaue auf die Skizze und identifiziere: in welche Richtung wirkt die Last, welche Faser wird gedehnt (Zug), welche wird gestaucht (Druck). Das sollte mit der Formel-Vorhersage übereinstimmen. Wenn nicht, ist ein Vorzeichen falsch.

Grösse Vorzeichen Bedeutung
NN >0> 0 Zugkraft (Stab wird verlängert)
NN <0< 0 Druckkraft (Stab wird verkürzt)
MzM_z >0> 0 Obere Faser (y<0y < 0) unter Zug
MzM_z <0< 0 Obere Faser unter Druck
σx\sigma_x >0> 0 Zugspannung an dieser Stelle
σx\sigma_x <0< 0 Druckspannung an dieser Stelle
Vorzeichen-Konvention der Vorlesung. yy-Achse nach unten, Schwerpunkt der neutralen Faser bei y=0y = 0.
Merke Vorlesungskonvention
yy nach unten, N>0N > 0 Zug, Mz>0M_z > 0 obere Faser Zug.
Prüfungstipp Skizze prüfen
Vor dem Rechnen Achsen-Richtung an der Skizze verifizieren.

1.4 Verschiebung der neutralen Faser

Bei reiner Biegung liegt die neutrale Faser (σx=0\sigma_x = 0) in der Schwerpunkts-Achse y=0y = 0. Sobald eine Normalkraft hinzukommt, verschiebt sich diese spannungsfreie Linie weg vom Schwerpunkt.

Lage der neuen neutralen Faser. Setze σx(y0)=0\sigma_x(y_0) = 0:   N/AMzy0/Iz=0    y0=NIz/(MzA)\;N/A - M_z\,y_0/I_z = 0 \;\Longrightarrow\; y_0 = N\,I_z / (M_z\,A). Die spannungsfreie Linie liegt nicht mehr beim Schwerpunkt, sondern um y0y_0 versetzt. Bei N>0N > 0 (Zug) und Mz>0M_z > 0 verschiebt sich y0y_0 in den Bereich y>0y > 0 (unten). Bei N<0N < 0 (Druck) und Mz>0M_z > 0 verschiebt sich y0y_0 in den oberen Bereich.

Konsequenz für die Maximalspannung. Das Maximum von σx|\sigma_x| tritt nicht mehr in der Mitte auf (zwischen den Faserrändern symmetrisch), sondern asymmetrisch: an dem Faserrand, der weiter von der neuen neutralen Faser entfernt liegt. Bei einem rechteckigen Querschnitt mit Höhe hh liegt das Maximum entweder an y=+h/2y = +h/2 oder an y=h/2y = -h/2, je nach den Vorzeichen von NN und MzM_z. Beide Faserränder müssen geprüft werden.

!!
Lage der neutralen Faser bei kombinierter Last
y0=NIzMzAy_0 = \frac{N\,I_z}{M_z\,A}
Versatz der spannungsfreien Linie vom Schwerpunkt. Bei reiner Biegung (N=0N = 0): y0=0y_0 = 0. Bei reiner Normalkraft (Mz=0M_z = 0): keine neutrale Faser, σx\sigma_x konstant.
0
20.0
20
Abb. 1: Verschiebung der neutralen Faser bei kombinierter Last NN und MzM_z.
Formel Neutrale Faser
y0=NIz/(MzA)y_0 = N\,I_z/(M_z\,A)
Versatz vom Schwerpunkt bei kombinierter Last.
Merke Asymmetrische Maxima
Beide Faserränder einsetzen, grösseren Wert nehmen.

1.5 Beispiel zur Anwendung der Hauptformel: Kragarm mit Axial- und Querlast

Aufgabe (aus Übungsserie 7, Hausübung H2). Ein Kragarm mit quadratischem Vollquerschnitt (Seitenlänge aa) ist links eingespannt und hat die Länge LL. Eine Vertikalkraft PP greift in der Mitte des Stabes (bei x=L/2x = L/2) nach unten an. Eine zweite Kraft PP wirkt am rechten Ende A horizontal nach links (axiale Druckkraft).

Gegeben. a=10a = 10 cm, P=10P = 10 kN, L=1L = 1 m. Querschnitts-Achsen z,yz, y wie in der Inset-Skizze: zz horizontal, yy vertikal nach unten, Schwerpunkt bei z=y=0z = y = 0.

Teilaufgabe a). Wie verläuft die Normalspannung im Querschnitt A-A (am rechten Stabende)? Begründe.

Teilaufgabe b). Berechne die maximale (kritische) Normalspannung im ganzen Stab.

Merke Daten
a=10a = 10 cm, P=10P = 10 kN, L=1L = 1 m. Quadrat-Querschnitt.
Prüfungstipp Muster erkennen
Kragarm, axiale plus quere Last. Klassisches Kap-7-Beispiel.

1.6 Teilaufgabe a): Spannungsverlauf im Querschnitt A-A

Lösungsweg in 4 Schritten

  1. Schritt 1: Schnittkräfte bei A-A bestimmen
    Schnitt direkt am rechten Ende, also am Punkt A. Rechts vom Schnitt ist nur der Stabkopf mit der angreifenden axialen Kraft PP in x-x-Richtung. Die vertikale Kraft PP greift bei x=L/2x = L/2 an, also LINKS vom Schnitt A-A. Sie liefert keinen Beitrag im Bereich xL/2x \geq L/2.
    Normalkraft und Biegemoment am Schnitt A-A.
    N(L)=P(Druckkraft, da  P  nach links zeigt)Mz(L)=0(kein Biegemoment im lastfreien Endbereich)\begin{aligned} N(L) &= -P \quad (\text{Druckkraft, da}\;P\;\text{nach links zeigt}) \\ M_z(L) &= 0 \quad (\text{kein Biegemoment im lastfreien Endbereich}) \end{aligned}
  2. Schritt 2: Spannungsformel anwenden
    Mit N=PN = -P und Mz=0M_z = 0 wird die Hauptformel zu reiner Normalspannung. Die linearen Biege-Anteile verschwinden, der konstante Normalkraft-Anteil bleibt.
    Vereinfachte Formel.
    σx=NAMzyIz=Pa20=Pa2\sigma_x = \frac{N}{A} - \frac{M_z\,y}{I_z} = \frac{-P}{a^2} - 0 = -\frac{P}{a^2}
  3. Schritt 3: Konstanter Druck-Verlauf
    σx\sigma_x ist unabhängig von yy (kein yy-Faktor übrig), also konstant über den ganzen Querschnitt. Negativ, weil Druckspannung. Numerisch: σx=10000/(0,1)2=106\sigma_x = -10\,000/(0{,}1)^2 = -10^6 Pa =1= -1 MPa.
    Verlauf-Charakterisierung.
    σx(y)=Pa2=1  MPa(konstant u¨ber den Querschnitt)\sigma_x(y) = -\frac{P}{a^2} = -1\;\mathrm{MPa} \quad (\text{konstant über den Querschnitt})
  4. Schritt 4: Beschreibung des Verlaufs
    Da σx\sigma_x im ganzen Querschnitt konstant ist und negativ, ist das Profil ein gleichmässiger Druck-Verlauf: rechteckig, ohne lineare Variation. Es gibt weder Zug- noch Druck-Spitzen am Faserrand. Die obere Faser hat denselben Wert wie die untere und die Schwerpunkts-Achse. Reines Druckverhalten.
    Profil-Charakterisierung.
      σx=P/a2=1  MPa  konstant u¨ber den ganzen Querschnitt  \boxed{\;\sigma_x = -P/a^2 = -1\;\mathrm{MPa}\;\text{konstant über den ganzen Querschnitt}\;}
Formel Resultat A-A
σx=P/a2=1  MPa\sigma_x = -P/a^2 = -1\;\mathrm{MPa}
Konstanter Druck im ganzen Querschnitt.
Merke Lastfreier Endbereich
Rechts vom Lastangriff: Mz=0M_z = 0, nur NN aktiv.

1.7 Teilaufgabe b): Maximale Normalspannung im ganzen Stab

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Maximales Biegemoment lokalisieren
    Bei einem Kragarm mit einer Punktlast PP in der Mitte ist das Biegemoment im Bereich links vom Lastangriff (also 0xL/20 \leq x \leq L/2) das einzige nichtleere. Es wächst linear und erreicht sein Maximum bei x=0x = 0 (an der Einspannung). Schnitt bei x=0x = 0, freigeschnittener rechter Teil enthält PP in der Mitte und axiale PP am Ende.
    Schnittmoment-Bilanz.
    Mzmax=PL2=PL2|M_z|_{\max} = P \cdot \frac{L}{2} = \frac{P\,L}{2}
  2. Schritt 2: Trägheitsmoment des Quadrats
    Ein Quadrat der Seitenlänge aa hat um die Schwerpunkts-Achse Iz=a4/12I_z = a^4/12 (aus der Profil-Tabelle Sec. 2.3 in Kap. 6). Symmetrisch bezüglich yy-Achse, also ymax=a/2|y_{\max}| = a/2.
    Geometrische Grössen.
    Iz=a412,ymax=a2I_z = \frac{a^4}{12}, \qquad |y_{\max}| = \frac{a}{2}
  3. Schritt 3: Maximale Biegespannung
    σbmax|\sigma_b|_{\max} tritt am Faserrand y=±a/2y = \pm a/2 auf, an der kritischen Stelle x=0x = 0 (Einspannung). In Mech-II-Konvention: σb=Mzy/Iz\sigma_b = -M_z\,y/I_z. Mit Mzmax=+PL/2M_z|_{\max} = +P\,L/2 (Mech-II: Last nach unten erzeugt obere Faser unter Zug) und y=±a/2y = \pm a/2 folgt σb=PLa/(22a4/12)=3PL/a3\sigma_b = \mp P\,L\,a/(2 \cdot 2 \cdot a^4/12) = \mp 3\,P\,L/a^3. Obere Faser (y=a/2y = -a/2) Zug, untere (y=+a/2y = +a/2) Druck.
    Numerisch einsetzen.
    σbmax=MzmaxymaxIz=PL/2a/2a4/12=3PLa3|\sigma_b|_{\max} = \frac{|M_z|_{\max} \cdot |y_{\max}|}{I_z} = \frac{P\,L/2 \cdot a/2}{a^4/12} = \frac{3\,P\,L}{a^3}
  4. Schritt 4: Numerischer Wert der beiden Anteile
    Mit P=10P = 10 kN, L=1L = 1 m, a=0,1a = 0{,}1 m: σb=3100001/(0,1)3=3107\sigma_b = 3 \cdot 10\,000 \cdot 1 /(0{,}1)^3 = 3 \cdot 10^7 Pa =30= 30 MPa (Betrag). Und σN=P/a2=1\sigma_N = -P/a^2 = -1 MPa wie in Teil a) berechnet.
    Beide Werte vorbereiten für Superposition.
    σbmax=30  MPa,σN=1  MPa|\sigma_b|_{\max} = 30\;\mathrm{MPa}, \qquad \sigma_N = -1\;\mathrm{MPa}
  5. Schritt 5: Superposition und kritischer Punkt
    An der Einspannung mit Druckseite (y>0y > 0): σx=σN+(30)=130=31\sigma_x = \sigma_N + (-30) = -1 - 30 = -31 MPa. An der Zugseite (y<0y < 0): σx=σN+30=1+30=29\sigma_x = \sigma_N + 30 = -1 + 30 = 29 MPa. Der Betrag 31|-31| ist grösser als 29|29|, also liegt das absolute Maximum auf der Druckseite.
    Antwort.
      σmax=31  MPa  (im Druckbereich, am Einspannungsrand)  \boxed{\;\sigma_{\max} = -31\;\mathrm{MPa}\;\text{(im Druckbereich, am Einspannungsrand)}\;}
Abb. 2: Üs7 H2 Walkthrough. Kragarm mit Axial- und Querlast, Quadrat-Querschnitt.
Formel Resultate
σmax=31  MPa\sigma_{\max} = -31\;\mathrm{MPa}
Druck am Einspannungsrand.
Merke Muster Druck plus Biegung
An der Druckseite addieren sich beide Beiträge.
Prüfungstipp Klein plus Gross
σN|\sigma_N| ist hier klein im Vergleich zu σb|\sigma_b|, aber das Vorzeichen-Spiel bestimmt das absolute Maximum.

2.1 Konzept und Definitionen

Was ist Q(x), was ist Mb(x)M_b(x). Bei einem Balken erzeugen Quer- und Längslasten innere Schnittgrössen, die entlang der Stab-Achse variieren. Q(x)Q(x) ist die Querkraft an der Stelle xx (vertikale Kraft, die der linke Teil des Stabes auf den rechten ausübt). Mb(x)=Mz(x)M_b(x) = M_z(x) ist das Biegemoment an der Stelle xx (Drehmoment, das der linke Teil auf den rechten ausübt).

Wieso braucht man sie. Drei zentrale Anwendungen. (1) Biegespannung: σb=Mzy/Iz\sigma_b = -M_z\,y/I_z liefert die Spannung an jedem Punkt, also den Versagens-relevanten Wert. (2) Kritische Stelle: das Maximum von Mz/I|M_z|/I ist die kritische Querschnitts-Position für die Dimensionierung. (3) Biegelinie: die DGL EIzv(x)=Mz(x)E\,I_z\,v''(x) = M_z(x) braucht Mz(x)M_z(x) als rechte Seite. Wer das MzM_z-Diagramm direkt sieht, kann alle drei Aufgaben in unter einer Minute angehen.

Vorzeichen-Konvention der Vorlesung Mech II. Positives MzM_z setzt die obere Faser (y<0y < 0 wenn yy nach unten zeigt) unter Zug. Positive Querkraft QQ ist der Schub, den der linke Stab-Teil nach oben auf den rechten ausübt (oder äquivalent: der rechte Teil schiebt den linken nach unten). Diese Konvention macht alle Differential-Beziehungen mit konsistenten Vorzeichen.

Differentialbeziehungen. Aus dem Gleichgewicht eines infinitesimalen Balken-Elements folgt direkt Mz(x)=Q(x)M'_z(x) = -Q(x) und Q(x)=q(x)Q'(x) = -q(x). Bedeutung: QQ ist die negative Steigung von MzM_z, und qq ist die negative Steigung von QQ. Diese zwei Beziehungen sind die ALLERWICHTIGSTEN Werkzeuge für das schnelle Skizzieren der Diagramme.

Konsequenz für Verlaufsformen. Bei q=0q = 0 (keine verteilte Last): QQ ist konstant, MzM_z linear (eine schräge Gerade). Bei konstantem qq: QQ linear, MzM_z quadratisch (Parabel). Bei qq linear (Dreieckslast): QQ quadratisch, MzM_z kubisch. Höchste Last-Ordnung gibt die niedrigste MzM_z-Glattheit.

!!!
Differentialbeziehungen
Mz(x)=Q(x),Q(x)=q(x)M'_z(x) = -Q(x), \qquad Q'(x) = -q(x)
Aus Gleichgewicht eines infinitesimalen Balken-Elements. Verbindet Streckenlast, Querkraft und Biegemoment.
!!
Folge: zweite Ordnung
Mz(x)=Q(x)=q(x)M''_z(x) = -Q'(x) = q(x)
Krümmung des MzM_z-Diagramms gleich der Streckenlast. Daraus die quadratische Form bei konstanter Streckenlast.
Definition Querkraft Q(x)Q(x)
Vertikale Schub-Kraft, die linker Teil auf rechten ausübt.
Definition Biegemoment Mz(x)M_z(x)
Drehmoment, das linker Teil auf rechten ausübt.
Formel Differential
Mz=Q,  Q=qM'_z = -Q,\;Q' = -q
Aus Gleichgewicht. Schlüssel zum schnellen Skizzieren.
Merke Verlaufsformen
q=0q = 0: MzM_z linear. Konstantes qq: MzM_z Parabel. qq linear: MzM_z kubisch.
Prüfungstipp Steigung-Plausibilitätscheck
Q=0MzQ = 0 \Rightarrow M_z-Extremum. Schnelle Verifikation.

2.2 Vier Standardlasten und ihre Diagramm-Form

Vier Last-Typen reichen für 95 % der Klausuren. Jeder Typ hat ein charakteristisches Muster im QQ- und MzM_z-Diagramm. Die ganzen Aufgaben mit beliebig zusammengesetzten Lasten lassen sich aus diesen vier Bausteinen zusammensetzen.

(1) Punktlast. Eine konzentrierte Kraft PP am Punkt x=ax = a erzeugt einen Sprung in QQ um P-P (bei nach unten gerichteter Kraft) und einen Knick in MzM_z (Steigungs-Sprung). Im Diagramm: vertikaler Treppensprung in QQ, abrupter Steigungswechsel in MzM_z. Vor dem Sprung war eine Steigung, danach eine andere.

(2) Streckenlast (gleichmässig). Eine konstante Streckenlast qq über eine Strecke erzeugt eine lineare QQ-Funktion (Steigung q-q) und eine parabolische MzM_z-Funktion (Krümmung qq). Bei Streckenlast nach unten ist MzM_z konkav nach unten geöffnet (Maximum-Wert in der Mitte des belasteten Bereichs).

(3) Punktmoment. Ein eingeprägtes Moment M0M_0 am Punkt x=ax = a erzeugt KEINEN Effekt auf QQ, aber einen Sprung in MzM_z um ±M0\pm M_0. Im Diagramm: vertikaler Treppensprung in MzM_z, QQ unverändert. Punktmomente sind selten direkt aufgebracht (häufiger als reine Lager-Reaktion).

(4) Verteilte Last (Dreieck oder beliebig variabel). Eine linear ansteigende Last q(x)=q0x/Lq(x) = q_0\,x/L erzeugt QQ als parabolisch und MzM_z als kubisch. Allgemein: q(x)q(x) Polynom Grad nnQ(x)Q(x) Polynom Grad n+1n+1Mz(x)M_z(x) Polynom Grad n+2n+2.

Last-Typ QQ-Diagramm MzM_z-Diagramm
Punktlast PP Sprung um P-P Knick (Steigungs-Sprung)
Streckenlast q=q = konst. linear (Steigung q-q) Parabel (Krümmung +q+q)
Punktmoment M0M_0 kein Effekt Sprung um ±M0\pm M_0
Streckenlast qq linear parabolisch kubisch
Lager-Reaktion AA wie Punktlast (Sprung) wie Punktlast (Knick)
Schnittgrössen-Verhalten pro Standard-Last. Muster für das schnelle Skizzieren.
Abb. 3: Vier Standardlasten und ihre Q(x)Q(x)- und Mz(x)M_z(x)-Diagramme.
Merke Vier Bausteine
Punktlast, Streckenlast, Punktmoment, lineare Last.
Formel Skalierung
q(x)  Grad  nMz(x)  Grad  n+2q(x)\;\text{Grad}\;n \Rightarrow M_z(x)\;\text{Grad}\;n+2
QQ ist eine Stufe niedriger, MzM_z zwei.
Prüfungstipp Lager als Punktlast
Lager-Reaktion erzeugt Sprung in QQ, Knick in MzM_z.

2.3 Kombinationsregeln und Mehrbereichs-Verlauf

Linearität und Superposition. Mehrere Lasten an einem Balken überlagern sich linear in Q(x)Q(x) und Mz(x)M_z(x). Wenn Last 1 die Diagramme Q1,Mz,1Q_1, M_{z,1} erzeugt und Last 2 die Diagramme Q2,Mz,2Q_2, M_{z,2}, dann ist die Antwort des Balkens unter beiden Lasten gleichzeitig Q=Q1+Q2Q = Q_1 + Q_2 und Mz=Mz,1+Mz,2M_z = M_{z,1} + M_{z,2}.

Bereichswechsel pro Last/Lager-Punkt. An jeder Stelle, wo eine Punktlast, ein Lager oder ein Punktmoment angreift, ändert sich die analytische Form von QQ und MzM_z. Daher braucht man pro Diagramm-Bereich (Region zwischen zwei Last-/Lager-Punkten) eine eigene Formel. Die Bereiche sind durch die Last-Geometrie diktiert.

Vorgehen für Mehrbereichs-Diagramme. Erstens: alle Last- und Lager-Punkte entlang dem Balken auflisten. Zweitens: pro Bereich (zwischen zwei Punkten) eine Schnittmoment-Formel aufstellen, indem man von links oder rechts schneidet und die externen Lasten auf einer Seite zusammenzählt. Drittens: an jedem Bereichs-Wechsel überprüfen, dass QQ den richtigen Sprung macht (Punktlast) oder Knick (Lager) und MzM_z den richtigen Wert (kontinuierlich oder Sprung bei Punktmoment).

Ablesen statt Rechnen. Wer die vier Bausteine (Sec. 2.2) intus hat, kann oft das ganze Diagramm direkt zeichnen: für jeden Bereich die richtige Funktionsform (linear, parabolisch, etc.) wählen, an den Bereichs-Grenzen die Kontinuitäts- oder Sprung-Bedingung anwenden, und das Ganze zusammensetzen. Für Multiple-Choice-Klausuren ist dieses Muster viel schneller als ausgiebige Doppelintegration.

!!
Linearität
Qges(x)=iQi(x),Mz,ges(x)=iMz,i(x)Q_{\text{ges}}(x) = \sum_i Q_i(x), \qquad M_{z,\text{ges}}(x) = \sum_i M_{z,i}(x)
Linearität der DGL. Mehrere Lasten überlagern sich punktweise.
Merke Linearität
Alle Lasten addieren sich punktweise in QQ und MzM_z.
Formel Bereichs-Anzahl
nBereiche=nPunkte+1n_{\text{Bereiche}} = n_{\text{Punkte}} + 1
Last-/Lager-Punkte zählen plus eins.
Prüfungstipp Sprung vs. Knick
Punktlast: Sprung in QQ, Knick in MzM_z. Punktmoment: Sprung in MzM_z allein.

2.4 Vorzeichen-Referenz und Faustregeln

Fünf Faustregeln für das schnelle, fehlerfreie Zeichnen von QQ- und MzM_z-Diagrammen in der Klausur. Jede Regel hat einen typischen Fall, an dem sie sich am leichtesten merken lässt.

Regel Aussage
1. Streckenlast erzeugt Parabel Streckenlast nach unten erzeugt Parabel mit Maximum unter dem Schwerpunkt der Streckenlast.
2. Lager-Sprung in QQ Lager nimmt Last AA auf \Rightarrow QQ springt nach oben um +A+A (in Mech-II-Konvention).
3. Punktmoment-Sprung in MzM_z Punktmoment +M0+M_0 in CCW-Richtung \Rightarrow MzM_z springt um +M0+M_0 nach oben.
4. Kragarm-Maximum Kragarm-Einspannung: Mz|M_z| ist am grössten an der Einspannung und null am freien Ende.
5. Q=0Q = 0 markiert Extremum An jeder Stelle, wo Q(x)=0Q(x) = 0, hat Mz(x)M_z(x) ein lokales Extremum (oder Wendepunkt bei Doppel-Null).
Fünf Faustregeln. Vor jedem Diagramm einmal durchgehen.
!!!
Klassiker: einfacher Balken plus Streckenlast
Mzmax=qL28(in Mitte,  Q=0)|M_z|_{\max} = \frac{q\,L^2}{8} \quad (\text{in Mitte},\;Q = 0)
Beidseitig gelenkig, Streckenlast qq über Länge LL. Klassisches Resultat aus jeder Stahlbau-Tabelle. Maximal-Wert in Mitte, Mzmax=qL2/8|M_z|_{\max} = q\,L^2/8.
Merke 5 Faustregeln
Streckenlast Parabel, Lager Sprung in QQ, Punktmoment Sprung in MzM_z, Kragarm Max bei Einspannung, Q=0Q = 0 Extremum.
Formel Klassiker
Mz,max=qL2/8|M_{z,\max}| = q\,L^2/8
Beidseitig gelenkig, Streckenlast. Referenzwert.
Prüfungstipp Referenzbeispiel
Eines auswendig, alle anderen dagegen prüfen.
Querverweis Beispiel
→ Sec. 2.5 Referenzdiagramm

2.5 Beispiel: beidseitig gelenkiger Balken mit Streckenlast

Klassisches Mech-I-Beispiel. Beidseitig gelenkig gelagerter Balken Länge LL unter konstanter Streckenlast qq nach unten. Lagerkräfte aus Symmetrie: A=B=qL/2A = B = q\,L/2. Aufgabe: Zeichne das vollständige QQ- und MzM_z-Diagramm.

Methode 1: Schnittmoment-Bilanz (ausführlich). Schnitt bei x(0,L)x \in (0, L), links freigeschnitten. Die linke Lagerkraft A=qL/2A = q\,L/2 wirkt nach oben am Punkt x=0x = 0, die anteilige Streckenlast qxq\,x wirkt mit Schwerpunkt x/2x/2 nach unten. Fy=0\sum F_y = 0 liefert Q(x)=qL/2qx=q(L/2x)Q(x) = q\,L/2 - q\,x = q(L/2 - x). Mx=0\sum M_x = 0 am Schnitt-Ort liefert (mit Mech-II-Konvention Mz>0M_z > 0 = obere Faser Zug) Mz(x)=qx(Lx)/2M_z(x) = -q\,x\,(L-x)/2. Negativ in (0,L)(0, L), mit Extremum bei x=L/2x = L/2: Mz(L/2)=qL2/8M_z(L/2) = -q\,L^2/8.

Methode 2: Direktes Ablesen (Klausur-schnell). QQ startet bei +qL/2+q\,L/2 (Lager-Sprung), fällt linear um qq pro Längeneinheit, also nach LL um insgesamt qLq\,L. Endwert: qL/2qL=qL/2q\,L/2 - q\,L = -q\,L/2. Mit dem Sprung beim rechten Lager wieder zu null. Geht durch null in der Mitte (bei x=L/2x = L/2). MzM_z ist eine Parabel: null an beiden Lagern (RB), Extremum dort wo Q=0Q = 0, also bei x=L/2x = L/2. Wert: Mz(L/2)=qL2/8M_z(L/2) = -q\,L^2/8 (negativ in Mech-II-Konvention, weil bei dieser Lager-Geometrie die obere Faser unter Druck steht).

Verifikation der zwei Methoden. Beide liefern dasselbe Resultat. Methode 2 ist um Faktor 5 schneller in der Klausur, weil keine Integration nötig ist. Sie funktioniert immer dann, wenn man die Verlaufsformen aus den Standardfällen kennt.

!!!
Vollständiges Resultat einfacher Balken plus Streckenlast
Q(x)=q(L/2x)(linear, durch null bei  x=L/2)Mz(x)=qx(Lx)2(Parabel, Extremum bei  x=L/2)Mz(L/2)=qL28\begin{aligned} Q(x) &= q\,(L/2 - x) \quad\text{(linear, durch null bei}\;x = L/2\text{)} \\ M_z(x) &= -\frac{q\,x\,(L - x)}{2} \quad\text{(Parabel, Extremum bei}\;x = L/2\text{)} \\ M_z(L/2) &= -\frac{q\,L^2}{8} \end{aligned}
Referenzdiagramm. Auswendig wissen ist Klausur-Pflicht.
Formel Referenzresultat
Mz(L/2)=qL2/8M_z(L/2) = -q\,L^2/8
Beidseitig gelenkig plus Streckenlast. Pflicht-Wert (Mech-II strikt: Sagging \Rightarrow obere Faser Druck Mz<0\Rightarrow M_z < 0).
Merke Methode 2 in 30 Sekunden
Standardfälle abrufen, an Bereichs-Grenzen verbinden.
Prüfungstipp Plausibilitätscheck
Mz=0M_z = 0 an beiden Lagern verifizieren.

2.6 Beispiel: Kragarm mit Streckenlast und Punktlast

Aufgabe. Kragarm Länge LL, eingespannt links, freier Endpunkt rechts. Konstante Streckenlast qq über die ganze Länge plus eine Punktlast FF in der Mitte (x=L/2x = L/2). Aufgabe: Zeichne das MzM_z-Diagramm.

Bereichs-Identifikation. Punkt-Lasten und Lager: Einspannung bei x=0x = 0, Punktlast bei x=L/2x = L/2, freies Ende bei x=Lx = L. Zwei Bereiche: Bereich 1 (0xL/20 \leq x \leq L/2) hat Streckenlast plus alle externen Lasten rechts vom Schnitt (also auch die Punktlast FF). Bereich 2 (L/2xLL/2 \leq x \leq L) hat nur die Streckenlast rechts vom Schnitt (Punktlast ist links vom Schnitt).

Bereich 2 (einfacher). Schnitt bei x(L/2,L)x \in (L/2, L), rechts freigeschnitten. Streckenlast qq wirkt auf Strecke LxL - x rechts vom Schnitt mit Schwerpunkt (Lx)/2(L - x)/2. Schnittmoment-Bilanz um Schnitt (Mech-II: Kragarm mit Last nach unten erzeugt obere Faser unter Zug, also Mz>0M_z > 0): Mz(x)=+q(Lx)2/2M_z(x) = +q(L - x)^2/2. Quadratisch, Mz(L)=0M_z(L) = 0 am freien Ende, Mz(L/2)=+q(L/2)2/2=+qL2/8M_z(L/2) = +q(L/2)^2/2 = +q\,L^2/8.

Bereich 1 (komplexer). Schnitt bei x(0,L/2)x \in (0, L/2), rechts freigeschnitten. Streckenlast qq über LxL - x plus Punktlast FF bei x=L/2x = L/2 (Hebelarm L/2xL/2 - x). Mz(x)=+q(Lx)2/2+F(L/2x)M_z(x) = +q(L - x)^2/2 + F\,(L/2 - x). Bei x=0x = 0 (Einspannung): Mz(0)=+qL2/2+FL/2M_z(0) = +q\,L^2/2 + F\,L/2. Bei x=L/2x = L/2: Mz(L/2)=+q(L/2)2/2+0=+qL2/8M_z(L/2) = +q(L/2)^2/2 + 0 = +q\,L^2/8 (kontinuierlich zu Bereich 2 ✓).

Knick im Diagramm. An x=L/2x = L/2 macht Mz(x)M_z(x) einen Knick (Steigungs-Sprung). Vor dem Knick: zwei Beiträge wachsen (steiler), nach dem Knick: nur ein Beitrag (flacher). Das ist das Standard-Punktlast-Muster.

!!
Resultat in zwei Bereichen
Mz(x)={+q(Lx)2/2+F(L/2x)0xL/2+q(Lx)2/2L/2xLM_z(x) = \begin{cases} +q(L-x)^2/2 + F(L/2 - x) & 0 \leq x \leq L/2 \\ +q(L-x)^2/2 & L/2 \leq x \leq L \end{cases}
Knick bei x=L/2x = L/2. Stetig in MzM_z, aber nicht in Mz=QM'_z = -Q.
Abb. 4: Cross-Check Mz(x)σx(y)M_z(x) \to \sigma_x(y) am kritischen Querschnitt.
Formel Resultat Bereich 2
Mz(x)=+q(Lx)2/2M_z(x) = +q(L-x)^2/2
Reine Streckenlast-Parabel, Kragarm-Standardform.
Merke Knick = Punktlast
Steigungs-Sprung im MzM_z-Diagramm.
Prüfungstipp Stetigkeits-Check
MzM_z aus beiden Bereichen am Übergang gleich.
Querverweis Anwendung
→ Sec. 5.5 Üs7 H1 Beispiel

3.1 Konzept: was ist ein σx\sigma_x-Profil

Was ist ein σ_x-Profil. An einem Querschnitt eines Stabes variiert die Normalspannung σx\sigma_x über die Höhen-Koordinate yy. Das σx\sigma_x-Profil ist die Funktion σx(y)\sigma_x(y) an einer festen xx-Position, geplottet als 2D-Diagramm: σ\sigma-Werte horizontal, yy-Werte vertikal. Das Bild zeigt direkt die Spannungsverteilung über die Faserhöhe.

Wieso braucht man das. Drei Anwendungen: (1) Wo ist σmax\sigma_{\max}: am Faserrand mit dem grössten Profil-Ausschlag. (2) Zug oder Druck: Vorzeichen am Faserrand zeigt, ob Zug- oder Druckspannung kritisch ist. (3) Lage der neutralen Faser: dort wo das Profil die yy-Achse durchquert, ist σx=0\sigma_x = 0. Diese drei Information sind zentral für jede Versagens- oder Festigkeits-Analyse.

Wann brauche ich das. Bei jeder Klausur-Aufgabe nach dem Spannungs-Verlauf-Bild. FS25 F2 (Bild-Vergleich), FS22 F1, FS24 F1 (mit Vorzeichen-Markierung). Wer die acht Standardprofile (Sec. 3.2) im Kopf hat, erkennt die richtige Antwort in 30 Sekunden.

Hauptformel. Aus Kap. 7 Sec. 1.2: σx(y)=N/AMzy/Iz\sigma_x(y) = N/A - M_z\,y/I_z. Der Term N/AN/A ist konstant über yy, der Term Mzy/IzM_z\,y/I_z ist linear in yy. Das Profil ist damit immer eine lineare Funktion in yy: konstant (wenn Mz=0M_z = 0), Dreieck (wenn N=0N = 0), oder Trapez (wenn beide aktiv). Acht Standardfälle decken alle Vorzeichen-Kombinationen ab.

!!!
σx\sigma_x-Profil als Funktion von y
σx(y)=NAkonstantMzyIzlinear in y\sigma_x(y) = \underbrace{\frac{N}{A}}_{\text{konstant}} - \underbrace{\frac{M_z\,y}{I_z}}_{\text{linear in }y}
Zwei Anteile: konstanter (aus NN) plus linearer (aus MzM_z). Insgesamt linear in yy. Die Profilform ist Trapez im Allgemeinfall, mit Spezialfällen Rechteck und Dreieck.
Definition σx\sigma_x-Profil
Funktion σx(y)\sigma_x(y) am festen xx-Querschnitt, als 2D-Plot.
Formel Hauptformel
σx(y)=N/AMzy/Iz\sigma_x(y) = N/A - M_z\,y/I_z
Konstant plus linear in yy.
Merke Linear in y
Bernoulli macht das Profil immer linear. Zwei Rand-Werte genügen.
Prüfungstipp Klausur-Standard
FS25 F2, FS22 F1, FS24 F1 fragen nach Profilform mit Bild.
Querverweis Hauptformel
→ Sec. 1.2 Hauptformel

3.2 Acht Standardfälle mit Profilform

Die acht Standardprofile decken alle Vorzeichen-Kombinationen aus NN und MzM_z ab. Vier Spezialfälle (reiner Zug, reiner Druck, reine Biegung positiv/negativ) plus vier kombinierte Fälle (Zug- oder Druck-dominant, jeweils mit oder ohne Vorzeichenwechsel im Profil). Sechs der acht erscheinen typischerweise als Multiple-Choice-Optionen in den Klausuren FS22-FS25.

Fall 1: Reiner Zug (N>0N > 0, Mz=0M_z = 0). Konstante Zugspannung über die ganze Höhe. Profil-Form: Rechteck rechts (alles positiv). Bei einem zentrisch gezogenen Stab. Lehrpunkt: keine Variation in yy, weil keine Biegung.

Fall 2: Reiner Druck (N<0N < 0, Mz=0M_z = 0). Konstante Druckspannung über die ganze Höhe. Profil-Form: Rechteck links (alles negativ). Bei einem zentrisch gedrückten Stab oder am lastfreien Ende eines Kragarms mit nur axialer Druckkraft (siehe Üs7 H2 Querschnitt A-A).

Fall 3: Reine positive Biegung (N=0N = 0, Mz>0M_z > 0). Lineare Spannung mit Vorzeichenwechsel im Schwerpunkt. Obere Faser (y<0y < 0) unter Zug, untere Faser (y>0y > 0) unter Druck (Mech-II-Konvention Mz>0M_z > 0 = obere Faser Zug). Profil-Form: Dreieck oben rechts + unten links. Tritt auf bei reiner Kragarm-Biegung mit Querlast nach unten an der Einspannung (siehe Fig 4 in Sec. 2.6).

Fall 4: Reine negative Biegung (N=0N = 0, Mz<0M_z < 0). Spiegelbild zu Fall 3: obere Faser Druck, untere Faser Zug. Profil-Form: Dreieck oben links + unten rechts. Tritt auf bei einem beidseitig gelenkigen Balken mit Streckenlast nach unten an der Mitte (Sagging-Bereich, Mz<0M_z < 0 in Mech-II strikt, siehe Sec. 2.5).

Fall 5: Zug + Biegung gleichgerichtet, NN dominant (NIz>MzAymax|N\,I_z| > |M_z\,A\,y_{\max}|). Beide Anteile addieren sich auf einer Seite, kompensieren teilweise auf der anderen. Beide Faserränder positiv. Profil-Form: Trapez ganz im positiven Bereich, Schiefe von links unten nach rechts oben (oder spiegelbildlich).

Fall 6: Druck + Biegung gleichgerichtet, NN dominant. Spiegelbild zu Fall 5: beide Faserränder negativ. Profil-Form: Trapez ganz im negativen Bereich. Tritt auf bei Kragarm mit kombinierter Druck+Quer-Last nahe der Einspannung (FS25 F2 Antwort I, Üs7 H2 nahe Einspannung).

Fall 7: Zug + Biegung mit Vorzeichenwechsel, MzM_z dominant (NIz<MzAymax|N\,I_z| < |M_z\,A\,y_{\max}|). Biegung erzeugt grösseren Ausschlag als die zentrische Last. Daher springt das Vorzeichen im Profil. Profil-Form: Vorzeichenwechsel mit MEHR positivem Anteil (Zug überwiegt, weil N>0N > 0 den Schwerpunkt nach +σ verschiebt).

Fall 8: Druck + Biegung mit Vorzeichenwechsel, MzM_z dominant. Spiegelbild zu Fall 7. Profil-Form: Vorzeichenwechsel mit MEHR negativem Anteil (Druck überwiegt). Tritt auf bei Kragarm mit Druckkraft + Querlast und schwacher axialer Komponente.

Fall NN MzM_z
1 >0> 0 =0= 0
2 <0< 0 =0= 0
3 =0= 0 >0> 0
4 =0= 0 <0< 0
5 >0> 0 0\neq 0, NN dom.
6 <0< 0 0\neq 0, NN dom.
7 >0> 0 0\neq 0, MzM_z dom.
8 <0< 0 0\neq 0, MzM_z dom.
Acht Standardprofile, Teil 1: Belastung pro Fall, Vorzeichen von NN und MzM_z.
Fall σ\sigma an ±ymax\pm y_{\max} Profilform
1 >0> 0 / >0> 0 Rechteck rechts
2 <0< 0 / <0< 0 Rechteck links
3 <0< 0 / >0> 0 Dreieck mit Wechsel
4 >0> 0 / <0< 0 Dreieck mit Wechsel (gespiegelt)
5 >0> 0 / >0> 0 Trapez rechts
6 <0< 0 / <0< 0 Trapez links
7 <0< 0 / >0> 0 Wechsel, mehr +
8 <0< 0 / >0> 0 Wechsel, mehr −
Acht Standardprofile, Teil 2: Faserrand-Spannungen und Profilform pro Fall. Erster Wert gilt bei +ymax+y_{\max}, zweiter bei ymax-y_{\max}.
Merke Acht Standardprofile
Vier Spezialfälle plus vier kombinierte. Klassifikation aus zwei Faserrand-Werten.
Formel Faserrand-Werte
σ(±ymax)=N/AMzymax/Iz\sigma(\pm y_{\max}) = N/A \mp M_z\,y_{\max}/I_z
Zwei Werte rechnen, dann Klassifikation.
Prüfungstipp Referenzbeispiele
Üs7 H2 (Fall 8 an Einspannung, MzM_z dominant), FS25 F2 nahe A (Fall 6, NN dominant).
Querverweis Multiple-Choice-Anwendung
→ Sec. 3.5 (FS25 F2-ähnlicher Profil-Vergleich)

3.3 Lage der neutralen Faser und Vorzeichenwechsel-Kriterium

Was ist die neutrale Faser. Die neutrale Faser ist die Linie im Querschnitt, an der σx=0\sigma_x = 0. Sie liegt im Schwerpunkt, wenn N=0N = 0 (reine Biegung). Bei kombinierter Belastung verschiebt sie sich.

Lage als Formel. Setze σx(y0)=0\sigma_x(y_0) = 0: N/AMzy0/Iz=0    y0=NIz/(MzA)N/A - M_z\,y_0/I_z = 0 \;\Longrightarrow\; y_0 = N\,I_z/(M_z\,A). Das ist die yy-Koordinate, an der das Profil die yy-Achse durchquert. Bei reiner Biegung (N=0N = 0) liegt die NA bei y0=0y_0 = 0 (Schwerpunkt). Bei reiner Normalkraft (Mz=0M_z = 0) divergiert y0y_0 formal: die NA liegt im Unendlichen, also gibt es keine NA im Profil.

Vorzeichenwechsel-Kriterium. Der Vorzeichenwechsel im Profil tritt auf, wenn die NA innerhalb des Querschnitts liegt: y0<ymax|y_0| < y_{\max}. Einsetzen liefert das Kriterium NIz<MzAymax|N\,I_z| < |M_z\,A\,y_{\max}|, oder umgeformt: Mz/N>Iz/(Aymax)|M_z|/|N| > I_z/(A\,y_{\max}). Wenn das Kriterium erfüllt ist: Vorzeichenwechsel im Profil (Fall 3, 4, 7, 8). Wenn nicht: einseitiges Trapez (Fall 1, 2, 5, 6).

Faustregel praxis. Wer in der Klausur die zwei Faserrand-Werte ausrechnet (σ(±ymax)\sigma(\pm y_{\max})), sieht das Vorzeichen-Kriterium direkt. Wenn beide gleiches Vorzeichen haben: kein Wechsel. Verschiedene Vorzeichen: Wechsel. Das ist schneller als das Kriterium über y0y_0 zu prüfen.

!!!
Lage der neutralen Faser
y0=NIzMzAy_0 = \frac{N\,I_z}{M_z\,A}
Versatz vom Schwerpunkt. Bei N=0N = 0: y0=0y_0 = 0. Bei Mz=0M_z = 0: y0y_0 \to \infty (keine NA im Querschnitt).
!!
Vorzeichenwechsel-Kriterium
y0<ymax    NIz<MzAymax|y_0| < y_{\max} \;\Longleftrightarrow\; |N\,I_z| < |M_z\,A\,y_{\max}|
Erfüllt: Profil hat Vorzeichenwechsel (Fall 3, 4, 7, 8). Nicht erfüllt: einseitiges Trapez (Fall 1, 2, 5, 6).
Formel NA-Lage
y0=NIz/(MzA)y_0 = N\,I_z/(M_z\,A)
Versatz vom Schwerpunkt bei kombinierter Last.
Merke Wechsel-Kriterium
y0<ymax|y_0| < y_{\max} ⇔ Profil mit Vorzeichenwechsel.
Prüfungstipp Faustregel
Beide Rand-Vorzeichen prüfen, schneller als y0y_0-Rechnung.

3.4 Tipps zum direkten Erkennen (5 Faustregeln)

Fünf Faustregeln für das schnelle Erkennen der Profilform aus den Schnittgrössen NN und MzM_z. Wer die Regeln verinnerlicht, klassifiziert jedes σ_x-Profil in unter 30 Sekunden.

Regel Aussage
(a) Reine Biegung N=0N = 0 und Mz0M_z \neq 0 → Dreieck mit Vorzeichenwechsel durch Schwerpunkt
(b) Reine Normalkraft N0N \neq 0 und Mz=0M_z = 0 → Rechteck (gleiches Vorzeichen über ganze Höhe)
(c) Beide aktiv Beide Faserrand-Werte ausrechnen: σ(±ymax)=N/AMzymax/Iz\sigma(\pm y_{\max}) = N/A \mp M_z\,y_{\max}/I_z
(d) Maximum am gleichen Vorzeichen wie N σmax|\sigma_{\max}| tritt auf der Faserseite auf, wo Biegung und NN gleichgerichtet sind
(e) Profilform aus zwei Vorzeichen Beide Rand-Werte gleich: Trapez einseitig. Verschieden: Vorzeichenwechsel-Profil
Fünf Faustregeln zur Profil-Klassifikation. Vor jeder Aufgabe einmal durchgehen.

Superposition als visuelles Bauen. Das σx\sigma_x-Profil bei kombinierter Belastung ist die punktweise Summe von zwei einfacheren Profilen: Rechteck (aus NN) plus Dreieck (aus MzM_z). Wer das Bild im Kopf hat, kann jedes Trapez-Profil rückwärts analysieren: Rechteck-Anteil (Mittelwert der zwei Rand-Werte) plus Dreieck-Anteil (Halbdifferenz). Visuell: Rechteck zuerst zeichnen, dann das Dreieck draufaddieren, fertig ist das Trapez.

Klausur-Strategie. Bei einer Multiple-Choice-Aufgabe nach dem Profil-Bild: erst NN und MzM_z am Querschnitt grob abschätzen (Vorzeichen reicht oft). Dann mit Regel (e) klassifizieren: einseitig oder Wechsel. Mit Regel (d) Spitze identifizieren. Damit ist die Antwort fast immer eindeutig zuordenbar.

!!
Superposition als visuelles Muster
σx(y)Trapez=N/ARechteck+(Mzy/Iz)Dreieck\underbrace{\sigma_x(y)}_{\text{Trapez}} = \underbrace{N/A}_{\text{Rechteck}} + \underbrace{(-M_z\,y/I_z)}_{\text{Dreieck}}
Trapez-Profil als Summe zweier Standard-Profile. Visuell überlagern.
Merke 5 Faustregeln
(a) reine Biegung → Dreieck. (b) reine Normalkraft → Rechteck. (c) beide → 2 Werte. (d) Max gleich Vorzeichen wie NN. (e) Profilform aus 2 Vorzeichen.
Formel Superposition
Trapez=Rechteck+Dreieck\text{Trapez} = \text{Rechteck} + \text{Dreieck}
σx\sigma_x-Profil als visuelle Summe.
Prüfungstipp Klausur-Strategie
N,MzN, M_z Vorzeichen → Regel (e) → Profilform.

3.5 Beispiel: σx\sigma_x-Profil nahe dem Auflager A (FS25 F2-ähnlich)

Aufgabe. Gegeben ist die Geometrie aus FS25 F1/F2/F3: schräger Balken (45°) zwischen AA (gelenkig unten links) und BB (horizontal verhindert oben rechts), mit Streckenlast q=F/lq = F/l senkrecht zum Stab und vertikaler Kraft FF bei BB. Quadratquerschnitt a×aa \times a. Aus der ex1-Auflösung (FS25 F1) wissen wir: Ax=+3FA_x = +3\,F, Ay=0A_y = 0. Daraus folgt die axiale Komponente am Querschnitt nahe AA: NA=3F/2|N_A| = 3\,F/\sqrt{2} (Druck im Stab, weil die Reaktion bei AA den Stabkopf in Richtung BB drückt). Gesucht: σ_x-Profilform am Querschnitt nahe AA (also bei x=A+x = A^+, leicht innerhalb des Stabes).

Lösungsweg in 4 Schritten

  1. Schritt 1: σN\sigma_N am Querschnitt nahe A
    Aus der ex1-Auflösung (FS25 F1): Ax=+3FA_x = +3\,F, Ay=0A_y = 0. Projiziert auf die Stab-Achse (1/2,1/2)(1/\sqrt{2}, 1/\sqrt{2}) liefert die axiale Komponente NA=3F/2|N_A| = 3\,F/\sqrt{2}. Vorzeichen: Druck im Stab (Reaktion bei AA drückt den Stab in Richtung BB). Querschnittsfläche AQ=a2A_Q = a^2.
    Konstanter Anteil.
    σN=NAQ=3F2a2=32Fa2(gross, negativ)\sigma_N = \frac{N}{A_Q} = -\frac{3\,F}{\sqrt{2}\,a^2} = -\frac{3}{\sqrt{2}}\,\frac{F}{a^2}\quad (\text{gross, negativ})
  2. Schritt 2: σb\sigma_b am Faserrand nahe A
    Bei x=Ax = A (Gelenklager) ist Mz(A)=0M_z(A) = 0 exakt. Bei x=A+x = A^+ (leicht innerhalb) wächst MzM_z linear vom Lager weg. Für eine kleine Strecke Δx\Delta x ist Mz(A+)QΔxM_z(A^+) \approx Q \cdot \Delta x klein. Daher ist σb\sigma_b auch klein im Vergleich zu σN\sigma_N.
    Linearer Anteil ist klein.
    σbmax(A+)=Mz(A+)ymaxIzσN|\sigma_b|_{\max}(A^+) = \frac{|M_z(A^+)| \cdot |y_{\max}|}{I_z} \ll |\sigma_N|
  3. Schritt 3: Vorzeichenwechsel-Kriterium prüfen
    Mit NIz|N\,I_z| gross und MzAQymax|M_z\,A_Q\,y_{\max}| klein: NIzMzAQymax|N\,I_z| \gg |M_z\,A_Q\,y_{\max}|. Das Kriterium für Vorzeichenwechsel ist NICHT erfüllt. Daraus: einseitiges Trapez (kein Wechsel). Vorzeichen aus NN: negativ.
    Klassifikation: Trapez im negativen Bereich.
    NIzMzAQymax    kein Vorzeichenwechsel|N\,I_z| \gg |M_z\,A_Q\,y_{\max}| \;\Longrightarrow\; \text{kein Vorzeichenwechsel}
  4. Schritt 4: Profilform identifizieren
    Aus den Tabellen 8-Standardfälle (Sec. 3.2): Druck-dominiert, kein Wechsel = Fall 6. Profilform: Trapez ganz im negativen Bereich, leichte Schiefe wegen kleinem Biege-Anteil. Visuell: das ist Option I in der FS25 F2-Aufgabe.
    Antwort: Trapez Druck.
    Profilform: Fall 6 (Trapez ganz im Druck-Bereich)\boxed{\,\text{Profilform: Fall 6 (Trapez ganz im Druck-Bereich)}\,}
Formel Referenzresultat
Fall 6: Trapez Druck\text{Fall 6: Trapez Druck}
Druck-dominiert nahe Gelenklager A.
Merke Lager-Muster
Bei x=x = Lager+^+: MzM_z klein, Profil ist (Fast-)Rechteck oder Trapez.
Querverweis Multiple-Choice-Klausur
→ ex1 FS25 F1 (Statik des schrägen Balkens)

4.1 Längsdehnung u(x)u(x) aus Normalkraft

Was ist die Längsdehnung. Die Funktion u(x)u(x) misst, wie weit ein Punkt der Mittellinie eines Stabes sich in xx-Richtung gegenüber dem Anfangsausgangspunkt verschoben hat. Sie ist die Mittellinien-Verschiebung, NICHT die Faser-Verschiebung (letztere variiert noch über yy via Bernoulli). Bei einem Kragarm, der nur axial gezogen wird, sieht man u(L)u(L) als die sichtbare Verlängerung des Stabes.

Wieso u(x)=N(x)/(EA)u'(x) = N(x)/(EA). Aus Hooke 1D: σx=Eεx\sigma_x = E\,\varepsilon_x. Die Verzerrung εx=u/x=u(x)\varepsilon_x = \partial u/\partial x = u'(x) ist die Ableitung der Mittellinien-Verschiebung. Mit σx=N/A\sigma_x = N/A folgt u(x)=N(x)/(EA)u'(x) = N(x)/(EA). Das ist die Differentialgleichung für die Mittellinien-Verschiebung in xx-Richtung. Eine Stufe einfacher als die Biege-DGL, weil nur erste Ableitung.

Wann brauche ich das. Bei jeder Aufgabe in Kap. 7, in der eine axiale Last (oder eine schräge Lager-Reaktion mit axialer Komponente) auftritt und wir die Verschiebung eines Punktes brauchen. Im Üs7 S1 (45°-Lager) wird u(L)u(L) gebraucht, um die Verträglichkeit am schrägen Lager auszuwerten.

Häufige Falle. Vorzeichen-Verwechslung. N>0N > 0 (Zug) erzeugt Δl>0\Delta l > 0 (Verlängerung). N<0N < 0 (Druck) erzeugt Δl<0\Delta l < 0 (Verkürzung). Wenn der Stab in xx-Richtung verschoben wird (positives u(L)u(L)), verlängert er sich um diesen Wert. Vorzeichen-konsistent halten: positiv-Richtung der Verschiebung passt zur positiv-Richtung der Last.

!!!
Differentialgleichung der Mittellinien-Verschiebung
u(x)=N(x)EAu'(x) = \frac{N(x)}{E\,A}
EE ist E-Modul, AA Querschnittsfläche, N(x)N(x) axiale Schnittkraft an der Stelle xx. Erste Ordnung, deshalb nur eine Konstante.
!!!
Integralform
u(x)=u(0)+0xN(s)EAdsu(x) = u(0) + \int_0^x \frac{N(s)}{E\,A}\,ds
Bei abschnittsweise konstantem NN (Üblich): Summe der Teillängen mit Hookeschem Gesetz. Gilt u(0)=0u(0) = 0 bei Einspannung am linken Ende.
!!
Spezialfall konstantes NN über Länge LL
Δl=u(L)u(0)=NLEA\Delta l = u(L) - u(0) = \frac{N\,L}{E\,A}
Hooke 1D Standard. Bei einfachem Zug- oder Druckstab mit konstantem Querschnitt.
Definition Längsdehnung u(x)u(x)
xx-Verschiebung der Mittellinie. Aus u(x)=N(x)/(EA)u'(x) = N(x)/(EA) via Integration.
Formel Hauptformel
u(x)=N(x)/(EA)u'(x) = N(x)/(E\,A)
DGL erster Ordnung.
Merke Eine RB
Pro Bereich nur eine Konstante. Üblich u(0)=0u(0) = 0.
Prüfungstipp Vorzeichen
N>0N > 0 Zug, u>0u' > 0 Verlängerung.
Querverweis Brücke
→ Kap. 5 Sec. 1.1 Hooke 1D

4.2 Biegelinie v(x)v(x) aus Biegemoment (Wiederholung Kap. 6)

Was ist die Biegelinie. Die Funktion v(x)v(x) misst, wie weit die Mittellinie eines Balkens in yy-Richtung gegenüber der Anfangslage verschoben ist. Bei einem Kragarm unter Querlast sieht man v(L)v(L) als die sichtbare Durchbiegung am freien Ende.

Wieso EIzv(x)=Mz(x)E\,I_z\,v''(x) = M_z(x). Aus Bernoulli: ebene Querschnitte bleiben eben und senkrecht zur deformierten Mittellinie. Die Faser-Dehnung ist εx(y)=yv(x)\varepsilon_x(y) = -y\,v''(x) (Geometrie). Mit Hooke: σx=Eyv\sigma_x = -E\,y\,v''. Schnittmoment-Definition: Mz=AσxydA=EvAy2dA=EIzvM_z = -\int_A \sigma_x\,y\,dA = E\,v'' \cdot \int_A y^2\,dA = E\,I_z\,v''. Daraus die Biege-DGL.

Doppelintegration mit zwei RB pro Bereich. Pro Bereich liefert die zweimalige Integration zwei Konstanten (C1,C2C_1, C_2). Daher braucht man zwei Randbedingungen pro Bereich. Bei nn Bereichen sind 2n2\,n Konstanten und 2n2\,n RB nötig. Verfügbare RB-Typen: gelenkiges Lager (v=0v = 0, eine RB), Einspannung (v=0v = 0 und v=0v' = 0, zwei RB), Bereichs-Übergang (v1=v2v_1 = v_2 und v1=v2v'_1 = v'_2, zwei RB), Symmetrie-Mitte (v=0v' = 0, eine RB).

Wann brauche ich das. Immer wenn ein Querkraft- oder Querlast-Beitrag im System ist. Gilt für jede Aufgabe in Kap. 7, weil dort kombinierte Belastung auftritt; der Biegungs-Anteil wird über v(x)v(x) behandelt.

!!!
Biege-DGL zweiter Ordnung
EIzv(x)=Mz(x)E\,I_z\,v''(x) = M_z(x)
Zentrale DGL der Biegelinie. EE E-Modul, IzI_z Trägheitsmoment um die zz-Achse, Mz(x)M_z(x) Schnittmoment-Verlauf.
!!
Doppelintegration mit Konstanten
EIzv(x)=Mz(x)dx+C1EIzv(x)=Mz(x)dxdx+C1x+C2\begin{aligned} E\,I_z\,v'(x) &= \int M_z(x)\,dx + C_1 \\ E\,I_z\,v(x) &= \iint M_z(x)\,dx\,dx + C_1\,x + C_2 \end{aligned}
Zwei Konstanten pro Bereich. Aus Randbedingungen festlegen.
Lager vv und vv' Anzahl RB
Gelenkiges Lager v=0v=0, vv' frei 1
Festes Lager v=0v=0, vv' frei 1
Einspannung v=0v=0, v=0v'=0 2
Symmetrie-Mitte vv frei, v=0v'=0 1
Freier Rand vv frei, vv' frei 0 (aber v=v=0v''=v'''=0)
Bereichs-Übergang v1=v2v_1=v_2, v1=v2v'_1=v'_2 2
Standard-Randbedingungen für die Biegelinie. Jedes Lager liefert eine bestimmte Anzahl an Bedingungen.
Definition Biegelinie v(x)v(x)
yy-Verschiebung der Mittellinie. Aus EIzv=MzE\,I_z\,v'' = M_z via Doppelintegration.
Formel Biege-DGL
EIzv(x)=Mz(x)E\,I_z\,v''(x) = M_z(x)
Zweiter Ordnung. Pro Bereich zwei Konstanten.
Merke 2n2n Konstanten
nn Bereiche \Rightarrow 2n2\,n RB nötig.

4.3 Beide Effekte gleichzeitig in einem Stab

Zwei unabhängige Verformungs-Felder. In einem schlanken Stab unter kombinierter Belastung gibt es zwei Verschiebungen: u(x)u(x) in xx-Richtung (Längsdehnung) und v(x)v(x) in yy-Richtung (Biegelinie). Bei kleinen Verformungen sind diese beiden Felder unabhängig: die axiale Last erzeugt u(x)u(x) ohne Einfluss auf v(x)v(x), und die Querlast erzeugt v(x)v(x) ohne Einfluss auf u(x)u(x).

Linearisierung im kleinen Verformungsbereich. Diese Trennung gilt nur, weil wir alle Terme höherer Ordnung in u,vu, v und ihren Ableitungen vernachlässigen. Das ist die geometrisch lineare Theorie. Bei grossen Verformungen oder bei Knickung (Kap. 13) wird die Trennung zerstört: Druckkräfte verstärken Biegung und umgekehrt. Mech II Kap. 7 nutzt durchweg die lineare Trennung.

Konsequenz für das Vorgehen. Statik liefert N(x)N(x) und Mz(x)M_z(x) unabhängig (an jeder Stelle separat). Verformungen werden danach getrennt berechnet: u(x)u(x) aus NN und v(x)v(x) aus MzM_z. Erst beim Bestimmen der Endpunkt-Verschiebung (Sec. 4.4) oder bei Verträglichkeits-Bedingungen (Sec. 5.3 und 6.2) treffen die zwei Felder wieder aufeinander.

!!!
Verschiebungsfeld der Mittellinie
(u(x),v(x))  mit  {u(x)=N(x)/(EA)EIzv(x)=Mz(x)(u(x), v(x)) \;\text{mit}\; \begin{cases} u'(x) = N(x)/(E\,A) \\ E\,I_z\,v''(x) = M_z(x) \end{cases}
Zwei entkoppelte Differentialgleichungen. Die linke ist erster Ordnung, die rechte zweiter Ordnung. Jeweils mit eigenen Randbedingungen.
!!
Vollständiges Verschiebungsfeld einer Faser
uFaser(x,y)=u(x)yv(x)vFaser(x,y)=v(x)\begin{aligned} u_{\text{Faser}}(x, y) &= u(x) - y\,v'(x) \\ v_{\text{Faser}}(x, y) &= v(x) \end{aligned}
Bernoulli-Faser: bewegt sich mit der Mittellinie v(x)v(x) und kippt um den Winkel v(x)v'(x). Daraus die zusätzliche yv-y\,v'-Komponente in xx-Richtung.
Merke Entkopplung
u(x)u(x) und v(x)v(x) sind unabhängig im linearen Bereich.
Formel Bernoulli-Faser
uFaser=u(x)yv(x)u_{\text{Faser}} = u(x) - y\,v'(x)
Mittellinien-Verschiebung plus Faser-Kippung.
Prüfungstipp Kleine Verformungen
Bei grossen Verformungen oder Knickung gilt die Entkopplung nicht.
Querverweis Knicken
→ Kap. 13 Knicken (Stabilität)

4.4 Verschiebungsvektor eines Endpunkts

Endpunkt-Verschiebung als Vektor. Wenn ein Stab in AA befestigt ist und am Endpunkt BB frei beweglich, dann hat BB einen Verschiebungsvektor (uB,vB)(u_B, v_B) relativ zur Anfangslage. Beide Komponenten kommen aus den zwei entkoppelten Verformungs-Rechnungen: uB=u(L)u_B = u(L) aus der Längsdehnung, vB=v(L)v_B = v(L) aus der Biegelinie.

Betrag der Verschiebung. Geometrisch ist die Endpunkt-Verschiebung der Vektor-Betrag: sB=uB2+vB2|s_B| = \sqrt{u_B^2 + v_B^2}. Bei reiner Axiallast: sB=uB|s_B| = |u_B|. Bei reiner Querlast: sB=vB|s_B| = |v_B|. Bei kombinierter Belastung muss der Pythagoras angewendet werden.

Kragarm-Beispiel zur Anschauung. Kragarm der Länge LL mit Axialkraft FxF_x am Ende und Querlast FyF_y am Ende. u(L)=FxL/(EA)u(L) = F_x\,L/(EA) aus Hooke. v(L)=FyL3/(3EIz)v(L) = F_y\,L^3/(3\,EI_z) aus Doppelintegration mit Kragarm-RB. Der Endpunkt verschiebt sich um den Vektor (FxL/(EA),FyL3/(3EIz))(F_x\,L/(EA), F_y\,L^3/(3\,EI_z)). Die zwei Komponenten haben sehr verschiedene Skalierungen mit LL (LL vs. L3L^3): bei langen Stäben dominiert die Biegung, bei kurzen die Axialdehnung.

Wichtig für Verträglichkeit. An einem schrägen Lager (Sec. 6) liegt der Verschiebungsvektor zwingend auf der Bewegungsrichtung des Lagers. Daraus folgt eine geometrische Beziehung zwischen uBu_B und vBv_B. Diese Beziehung ist die Schlüsselgleichung für statisch unbestimmte Systeme mit kombinierter Belastung.

!!!
Endpunkt-Verschiebungsvektor
sB=(uBvB)=(u(L)v(L)),sB=uB2+vB2\vec{s}_B = \begin{pmatrix} u_B \\ v_B \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} u(L) \\ v(L) \end{pmatrix}, \qquad |s_B| = \sqrt{u_B^2 + v_B^2}
Aus den zwei Verformungs-Feldern abgelesen am Endpunkt x=Lx = L. Vektorbetrag via Pythagoras.
!!
Kragarm-Standardresultate
u(L)Fxaxial am Ende=FxLEAv(L)Fyquer am Ende=FyL33EIz\begin{aligned} u(L)\big|_{F_x\,\text{axial am Ende}} &= \frac{F_x\,L}{E\,A} \\ v(L)\big|_{F_y\,\text{quer am Ende}} &= \frac{F_y\,L^3}{3\,E\,I_z} \end{aligned}
Klassische Kragarm-Resultate. Die Skalierung mit LL ist sehr unterschiedlich: linear für Axial, kubisch für Biegung.
Formel Endpunkt
sB=uB2+vB2|s_B| = \sqrt{u_B^2 + v_B^2}
Vektorbetrag der Endpunkt-Verschiebung.
Merke Verschiedene Skalierungen
u(L)Lu(L) \propto L, v(L)L3v(L) \propto L^3 am Kragarm.
Prüfungstipp Pythagoras
Zwei Komponenten als Vektor zusammensetzen.
Querverweis Anwendung
→ Sec. 6.5 Beispiel 45°-Lager

5.1 Wann ist ein Balken statisch unbestimmt

Was bedeutet statisch unbestimmt. Ein Balken ist statisch unbestimmt, wenn er mehr Lagerreaktionen hat als unabhängige Gleichgewichts-Bedingungen vorhanden sind. Die GGB allein reichen nicht aus, um alle Reaktionen zu bestimmen, deshalb braucht man eine zusätzliche Gleichung aus der Verformungsbetrachtung.

Wieso so viele Reaktionen. Konstruktiv möchte man oft mehr Lager als minimal nötig, um die Steifigkeit zu erhöhen oder die Durchbiegung zu reduzieren. Beispiel: ein einfacher Balken mit zwei Lagern hat vmax=5qL4/(384EI)v_{\max} = 5\,q\,L^4/(384\,E\,I). Dasselbe System mit einem zusätzlichen mittleren Lager hat eine kleinere maximale Durchbiegung. Der Preis: das System ist nun statisch unbestimmt.

Wie viele Bedingungen fehlen. Ein 2D-Balken hat drei GGB (Fx=0\sum F_x = 0, Fy=0\sum F_y = 0, M=0\sum M = 0). Bei vier Reaktionen ist das System einfach statisch unbestimmt (eine Zusatz-Gleichung nötig). Bei fünf Reaktionen zweifach. Allgemein: Grad der statischen Unbestimmtheit == Anzahl Reaktionen - 3 (in 2D).

Wann erkenne ich das. Erkennungsmerkmale aus dem Aufgabentext: zwei oder mehr Lager neben einer Einspannung, oder ein Balken mit drei oder mehr Auflagern. Die Skizze zeigt mehr Lager als minimal nötig (drei für 2D).

Topologie Reaktionen Grad
Kragarm (statisch bestimmt) 3 0
Kragarm plus Loslager 4 1
Kragarm plus festes Lager 5 2
Doppelt eingespannter Balken 6 3
Drei-Lager-Balken (durchlaufend) 4 1
Häufige stat. unbest. Topologien in Mech-II-Aufgaben.
Definition Statisch unbestimmt
Mehr Reaktionen als GGB. Verformungs-Bedingung schliesst das System.
Merke Grad
Anzahl Reaktionen minus 3 (in 2D). Anzahl überzähliger XX.
Prüfungstipp Erkennungsmerkmal
Mehr als 3 Lagerkomponenten in 2D.

5.2 Verträglichkeitsbedingung als Zusatzgleichung

Was ist Verträglichkeit. Zwei Teile, die am selben Punkt verbunden sind, müssen sich an diesem Punkt gleich verschieben. Diese geometrische Bedingung heisst Verträglichkeit (compatibility). Bei stat. unbest. Systemen liefert sie die zusätzliche Gleichung in der überzähligen Reaktion XX.

Brücke zu Kap. 5 Sec. 4. Bei statisch unbestimmten Stäben (Kap. 5) war die Verträglichkeit der Längenänderungen die Zusatz-Gleichung: Δl1=Δl2\Delta l_1 = \Delta l_2 wenn beide Stäbe an einem starren Querschnitt angreifen. Bei statisch unbestimmten Biege-Systemen (Kap. 7) ist die Verträglichkeit der Verschiebungen die Zusatz-Gleichung: v(xLager)=0v(x_{\text{Lager}}) = 0, weil das Lager den Balken an dieser Stelle festhält. Idee identisch, nur Verformungs-Grösse anders.

Wie das eine Gleichung in XX wird. Wähle eine überzählige Reaktion XX. Drücke die anderen Reaktionen aus den drei GGB als Funktion von XX aus. Berechne die Biegelinie v(x)v(x) aus der Doppelintegration; die Konstanten C1,C2C_1, C_2 werden teilweise aus den anderen RB festgelegt. Dann: setze die letzte Verträglichkeits-RB ein (typisch v(xLager)=0v(x_{\text{Lager}}) = 0). Diese Gleichung enthält XX und liefert dessen Wert.

Wann brauche ich das. Immer wenn das System stat. unbest. ist UND eine Verformungs-Grösse (typisch Verschiebung an einem Lager) verfügbar ist. Das ist der Fall in jeder Sec. 5, 6, 7 dieses Kapitels.

!!!
Verträglichkeits-Gleichung an einem Lager
v(xLager;X)=vvorgeschriebenv(x_{\text{Lager}}; X) = v_{\text{vorgeschrieben}}
Typisch vvorgeschrieben=0v_{\text{vorgeschrieben}} = 0 am festen oder Loslager. Bei einer schrägen Lager-Geometrie können auch andere Werte auftreten (Sec. 6).
Definition Verträglichkeit
Verbundene Teile müssen am Verbindungspunkt gleich verschoben sein.
Formel Schliess-Gleichung
v(xLager;X)=0v(x_{\text{Lager}}; X) = 0
Liefert die Gleichung in der überzähligen Reaktion.
Merke Muster
Statik(XX) plus Verformung(XX) plus Verträglichkeit gibt XX.

5.3 Lager-Geometrie als Zwangsbedingung

Welches Lager liefert welche RB. Jeder Lagertyp lässt eine bestimmte Verschiebung zu und sperrt andere. Die gesperrten Verschiebungen liefern Verträglichkeits-RB. Das ist eine geometrische Aussage: das Lager zwingt den Balken-Punkt auf eine bestimmte Bewegung.

Vier Standard-Lagertypen. Gelenkiges Lager (Punkt-Auflager, Roll-Lager): erlaubt Drehung, sperrt vertikale Verschiebung. RB: v(xL)=0v(x_{\text{L}}) = 0. Festes Lager (Gelenk-Lager fest am Boden): erlaubt nur Drehung, sperrt beide Translationen. RB: u(xL)=0u(x_{\text{L}}) = 0 und v(xL)=0v(x_{\text{L}}) = 0. Einspannung: sperrt alles. RB: u=0u = 0, v=0v = 0, v=0v' = 0. Schräges Lager (Lager-Linie unter Winkel α\alpha): sperrt Verschiebung senkrecht zur Linie, erlaubt Verschiebung entlang der Linie. RB: usin(α)+vcos(α)=0u\,\sin(\alpha) + v\,\cos(\alpha) = 0 (oder ähnlich, je nach genauer Definition).

Beispiele aus Üs7. Üs7 H1: Kragarm-Einspannung links (u=v=v=0u = v = v' = 0 bei x=0x = 0) plus Loslager rechts (v(L)=0v(L) = 0). Drei plus eins gleich vier RB für die Biegelinie und ein XX. Üs7 S1: Kragarm-Einspannung links plus 45°-Lager rechts (Verträglichkeit u(L)=v(L)|u(L)| = |v(L)|).

Häufige Falle. Vergessen, dass Einspannung v(0)=0v'(0) = 0 liefert. Oder Vorzeichen falsch bei schrägem Lager. Die Lager-Geometrie sauber aus der Skizze ablesen, insbesondere die Bewegungsrichtung des Loslagers.

Lagertyp Erlaubte Bewegung RB
Loslager (vertikal sperren) u,vu, v' v(xL)=0v(x_{\text{L}}) = 0
Festes Gelenklager vv' u=0u = 0 und v=0v = 0
Einspannung nichts u=0u = 0, v=0v = 0, v=0v' = 0
Schräges Lager (Winkel α\alpha) Bewegung entlang Lager-Linie usin(α)+vcos(α)=0u\,\sin(\alpha) + v\,\cos(\alpha) = 0
Verträglichkeits-Bedingungen pro Lagertyp. Die verbotenen Bewegungen sind das Komplement der erlaubten.
Merke RB pro Lagertyp
Loslager: v=0v=0. Einspannung: v=v=0v=v'=0. Schräg: gekoppelt.
Formel Schräges Lager
usin(α)+vcos(α)=0u\,\sin(\alpha) + v\,\cos(\alpha) = 0
Senkrecht zur Lager-Linie.
Prüfungstipp Skizze
Bewegungsrichtung des Loslagers aus der Skizze ablesen.
Querverweis Anwendung
→ Sec. 6 Schräges Lager

5.4 Vorgehen in fünf Schritten

Standard-Muster für jede statisch unbestimmte Aufgabe in Kap. 7. Diese Schritte sind eine Verfeinerung des Vier-Schritte-Musters aus Kap. 5 (Stäbe) auf den Biegelinien-Fall.

Schritt 1: Überzählige Reaktion XX wählen. Identifiziere den Grad der statischen Unbestimmtheit. Wähle eine Reaktion als überzählig, deren Verträglichkeit einfach formulierbar ist. Bei Üs7 H1: X=BX = B (Loslager-Reaktion).

Schritt 2: Statik in Funktion von XX. Drei GGB aufstellen, alle anderen Reaktionen aus den GGB ausdrücken. Schnittkraft N(x)N(x) und Schnittmoment Mb(x)M_b(x) entlang dem Stab als Funktion von XX.

Schritt 3: Verformungen in Funktion von XX. Längsdehnung u(x)u(x) aus u=N(x)/(EA)u' = N(x)/(EA) (falls NN relevant). Biegelinie v(x)v(x) aus EIzv(x)=Mb(x)E\,I_z\,v''(x) = M_b(x). Beide Funktionen enthalten XX als Parameter, plus Integrationskonstanten.

Schritt 4: Bekannte Randbedingungen einsetzen. Einspannungs-RB (v(0)=0v(0) = 0, v(0)=0v'(0) = 0 etc.) liefern die Integrationskonstanten als Funktion von XX. So bleibt nur noch XX unbekannt.

Schritt 5: Verträglichkeits-RB einsetzen, XX auflösen. Die Lager-Bedingung am stat. unbest. Lager liefert eine Gleichung in XX. Lösen, einsetzen, alle Reaktionen und Verformungen finalisieren.

!!!
Muster in einer Zeile
X=X(Lasten,Steifigkeiten)    v(xstat. unbest. Lager;X)=0X = X(\text{Lasten}, \text{Steifigkeiten}) \;\Longleftarrow\; v(x_{\text{stat. unbest. Lager}}; X) = 0
Endform: XX als Ausdruck in den Last- und Steifigkeits-Werten.
Merke 5 Schritte
XX wählen, Statik(XX), Verformungen(XX), bekannte RB, Verträglichkeit.
Formel Schliess-Gleichung
v(xLager;X)=0v(x_{\text{Lager}}; X) = 0
Liefert XX am Schluss.
Prüfungstipp Konstanten zählen
2n+g2\,n + g Unbekannte, gleichviel RB.
Querverweis Anwendung
→ Sec. 5.5 Üs7 H1 Beispiel

5.5 Beispiel: Kragarm mit Streckenlast und Loslager (Üs7 H1)

Aufgabe (aus Übungsserie 7, Hausübung H1). Ein Kragarm ist links bei AA eingespannt und hat ein zusätzliches Loslager BB am rechten Ende. Über die ganze Länge LL wirkt eine Streckenlast qq nach unten. Berechne die Lagerreaktionen.

Statisch unbestimmt. An der Einspannung AA gibt es drei Reaktionen (AxA_x, AyA_y, MAM_A), am Loslager BB eine Reaktion (BB). Insgesamt vier Unbekannte, aber nur drei Gleichgewichtsbedingungen (Fx=0\sum F_x = 0, Fy=0\sum F_y = 0, M=0\sum M = 0). Das System ist einfach statisch unbestimmt, also brauchen wir eine zusätzliche Gleichung aus der Verformung.

Vorgehen. Eine der Reaktionen als überzählige Unbekannte XX wählen, die anderen aus den drei GGB in Funktion von XX ausdrücken. Dann Biegelinie aufstellen und Randbedingungen einsetzen. Die Randbedingung am Loslager BB (v(L)=0v(L) = 0) liefert die zusätzliche Gleichung, die XX festlegt.

Definition Statisch unbestimmt
Mehr Reaktionen als GGB. Verformungs-Bedingung schliesst das System.
Merke Vorgehen 5 Schritte
Überzählige als XX, Statik in XX, Biegelinie, RB einsetzen, XX auflösen.

5.6 Lagerreaktionen in Abhängigkeit von B

Lösungsweg in 3 Schritten

  1. Schritt 1: Freischnitt mit B als Unbekannte
    Einspannung links: AxA_x, AyA_y, MAM_A. Loslager rechts: nur vertikale Reaktion BB. Insgesamt vier Unbekannte. Streckenlast qq nach unten über die ganze Länge LL, Resultierende qLq\,L in der Mitte.
    GGB aufstellen.
    Fx=0    Ax=0Fy=0    Ay=qLBMA=0    MA=LBL2q2\begin{aligned} \sum F_x &= 0 \;\Longrightarrow\; A_x = 0 \\ \sum F_y &= 0 \;\Longrightarrow\; A_y = q\,L - B \\ \sum M_A &= 0 \;\Longrightarrow\; M_A = L\,B - \frac{L^2\,q}{2} \end{aligned}
  2. Schritt 2: Schnittmoment in Abhängigkeit von B
    Schnitt bei x[0,L]x \in [0, L] vom rechten Ende aus betrachtet (so muss man AA-Reaktionen nicht aufschreiben). Rechts vom Schnitt: anteilige Streckenlast q(Lx)q\,(L - x) mit Schwerpunkt (Lx)/2(L - x)/2 vom Schnitt entfernt, plus Loslager-Reaktion BB am Endpunkt mit Hebelarm (Lx)(L - x).
    Schnittmoment-Bilanz um den Schnitt-Punkt.
    Mb(x)=q2(Lx)2B(Lx)=q2x2+(BqL)xBL+L2q2\begin{aligned} M_b(x) &= \frac{q}{2}\,(L - x)^2 - B\,(L - x) \\ &= \frac{q}{2}\,x^2 + (B - q\,L)\,x - B\,L + \frac{L^2\,q}{2} \end{aligned}
  3. Schritt 3: Vorbereitung der Biegelinie
    Mit EIzv(x)=Mb(x)E\,I_z\,v''(x) = M_b(x) haben wir alles, was wir für die Doppelintegration brauchen. Die zwei Konstanten C1,C2C_1, C_2 und die unbekannte BB ergeben drei Unbekannte. Drei Randbedingungen werden sie alle drei festlegen.
    Ausgangspunkt für Sec. 5.7.
    EIzv(x)=q2x2+(BqL)xBL+L2q2E\,I_z\,v''(x) = \frac{q}{2}\,x^2 + (B - q\,L)\,x - B\,L + \frac{L^2\,q}{2}
Formel Reaktionen in BB
Ay=qLB,  MA=LBL2q/2A_y = q\,L - B,\;M_A = L\,B - L^2\,q/2
Drei Reaktionen in Funktion von BB.
Merke Schnitt von rechts
Vermeidet Einspannungsreaktionen, vereinfacht Mb(x)M_b(x).

5.7 Biegelinie und Randbedingungen

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Doppelintegration
    EIzv(x)=Mb(x)E\,I_z\,v''(x) = M_b(x) zweimal nach xx integrieren. Pro Integration eine Konstante.
    Allgemeine Lösung mit C1,C2C_1, C_2.
    EIzv(x)=q24x4+BqL6x3+BL+L2q/22x2+C1x+C2\begin{aligned} E\,I_z\,v(x) &= \frac{q}{24}\,x^4 + \frac{B - q\,L}{6}\,x^3 \\ &\quad + \frac{-B\,L + L^2\,q/2}{2}\,x^2 + C_1\,x + C_2 \end{aligned}
  2. Schritt 2: Drei Randbedingungen
    Einspannung bei x=0x = 0: v(0)=0v(0) = 0 und v(0)=0v'(0) = 0. Loslager bei x=Lx = L: v(L)=0v(L) = 0. Insgesamt drei RB für drei Unbekannte (C1,C2,BC_1, C_2, B).
    Bedingungen ausschreiben.
    v(0)=0,dvdxx=0=0,v(L)=0v(0) = 0, \qquad \frac{dv}{dx}\bigg|_{x=0} = 0, \qquad v(L) = 0
  3. Schritt 3: Erste zwei RB lösen
    v(0)=0v(0) = 0 liefert C2=0C_2 = 0 direkt. v(0)=0v'(0) = 0 liefert C1=0C_1 = 0 direkt (kein konstantes Glied in vv' am Anfang). So sind beide Integrationskonstanten festgelegt, ohne BB zu kennen.
    C1,C2C_1, C_2 verschwinden.
    C2=0,C1=0C_2 = 0, \qquad C_1 = 0
  4. Schritt 4: Dritte RB liefert B
    v(L)=0v(L) = 0 einsetzen und Polynom in LL ausrechnen. Mit etwas Algebra (Üs7 H1 zeigt die Zwischenschritte mit gleichnamigem Nenner 2424) lassen sich alle Terme zusammenfassen zu einer linearen Gleichung in BB.
    Lineare Gleichung lösen.
    v(L)=0    qL424+(BqL)L36+(BL+L2q/2)L22=0    B3+qL8=0    B=3qL8\begin{aligned} v(L) = 0 &\;\Longrightarrow\; \frac{q\,L^4}{24} + \frac{(B - q\,L)\,L^3}{6} + \frac{(-B\,L + L^2\,q/2)\,L^2}{2} = 0 \\ &\;\Longrightarrow\; -\frac{B}{3} + \frac{q\,L}{8} = 0 \;\Longrightarrow\; B = \frac{3\,q\,L}{8} \end{aligned}
  5. Schritt 5: Restliche Reaktionen
    BB in die Formeln aus Sec. 5.6 einsetzen. Die zwei restlichen Einspannungs-Reaktionen AyA_y und MAM_A folgen direkt.
    Endwerte für alle vier Reaktionen.
      B=3qL8,Ay=5qL8,MA=qL28  \boxed{\;B = \frac{3\,q\,L}{8},\qquad A_y = \frac{5\,q\,L}{8},\qquad M_A = -\frac{q\,L^2}{8}\;}
Formel Resultate
B=3qL/8,  Ay=5qL/8,  MA=qL2/8B = 3\,q\,L/8,\;A_y = 5\,q\,L/8,\;M_A = -q\,L^2/8
Klassische Verteilung beim einseitig eingespannten Balken mit Endlager.
Merke Drei RB, drei Unbekannte
Zwei Integrationskonstanten plus eine überzählige Reaktion.

6.1 Wieso ein schräges Lager beide Verformungen koppelt

Die Idee. Ein Lager unter Winkel α\alpha zur Horizontalen lässt eine Bewegung nur entlang einer bestimmten Richtung zu. Wenn der Verschiebungsvektor des Lager-Punktes den horizontalen Anteil uBu_B und den vertikalen Anteil vBv_B hat, dann liegt (uB,vB)(u_B, v_B) zwingend auf der Bewegungs-Linie des Lagers.

Anschauliches Bild. Stell dir ein Schienenfahrzeug vor: das Fahrgestell sitzt auf Schienen unter Winkel α\alpha. Es kann nur entlang der Schiene rollen, nicht senkrecht dazu. Wenn das Fahrgestell sich um Distanz dd entlang der Schiene bewegt, ist die horizontale Verschiebung u=dcos(α)u = d\,\cos(\alpha) und die vertikale v=dsin(α)v = d\,\sin(\alpha). Beide Komponenten sind durch die einzige Variable dd bestimmt, also gekoppelt.

Konsequenz für die Statik. Das schräge Lager liefert eine Reaktion ENTLANG seiner Lager-Linie (nicht senkrecht dazu). Wenn die Lager-Linie unter α\alpha steht, hat die Reaktion die Komponenten (sin(α),cos(α))R(\sin(\alpha), \cos(\alpha)) \cdot |R| oder ähnlich. Damit hat das Lager NUR EINE unabhängige Reaktions-Grösse R|R|, nicht zwei wie bei einem festen Gelenklager.

Wieso das stat. unbest. wird. Bei einem Kragarm (links eingespannt) plus schrägem Lager rechts: Einspannung hat 3 Reaktionen, schräges Lager hat 1 Reaktion. Total 4 Reaktionen, 3 GGB, also einfach stat. unbest. Eine Verträglichkeits-Bedingung wird gebraucht; sie kommt aus der Lager-Geometrie.

!!!
Verschiebungs-Komponenten am schrägen Lager
(uB,vB)=d(cos(α),sin(α))fu¨r  d  entlang der Lager-Linie(u_B, v_B) = d \cdot (\cos(\alpha), \sin(\alpha)) \quad\text{für}\;d\;\text{entlang der Lager-Linie}
dd ist die Distanz, um die das Lager sich verschiebt. Beide Komponenten gekoppelt durch dd.
Definition Schräges Lager
Lager mit Bewegungs-Linie unter Winkel α\alpha zur Horizontalen.
Formel Verschiebungs-Komponenten
uB=dcos(α),  vB=dsin(α)u_B = d\,\cos(\alpha),\;v_B = d\,\sin(\alpha)
Eindimensionale Bewegung.
Merke Eine Reaktions-Grösse
Reaktion entlang Lager-Linie, ein freier Parameter.
Prüfungstipp Skizze konsultieren
Winkel α\alpha und Bewegungsrichtung exakt ablesen.

6.2 Verträglichkeit mathematisch

Allgemeine Formulierung. Wenn (uB,vB)=d(cos(α),sin(α))(u_B, v_B) = d \cdot (\cos(\alpha), \sin(\alpha)), dann ist die Komponente von (uB,vB)(u_B, v_B) SENKRECHT zur Lager-Linie null. Mathematisch: uBsin(α)+vBcos(α)=0-u_B \sin(\alpha) + v_B \cos(\alpha) = 0 oder äquivalent uB/cos(α)=vB/sin(α)u_B/\cos(\alpha) = v_B/\sin(\alpha) (wenn beide Nenner ungleich null). Diese Beziehung ist die Verträglichkeitsbedingung.

Spezialfall α=45°\alpha = 45°. sin(α)=cos(α)=1/2\sin(\alpha) = \cos(\alpha) = 1/\sqrt{2}, also uB+vB=0-u_B + v_B = 0, das heisst uB=vBu_B = v_B. Wenn die Vorzeichen-Konvention so gewählt ist, dass beide positiv sind: uB=vBu_B = v_B. Bei umgekehrter Lager-Richtung: uB=vBu_B = -v_B. Aufgabe Üs7 S1 hat uB=vB|u_B| = |v_B|.

Spezialfall α=0°\alpha = 0° (horizontale Lager-Linie). sin(α)=0\sin(\alpha) = 0, also vBcos(α)=0v_B \cos(\alpha) = 0, also vB=0v_B = 0. Das heisst, das Lager fungiert als Loslager mit nur vertikaler Sperre. Die horizontale Bewegung uBu_B ist frei.

Spezialfall α=90°\alpha = 90° (vertikale Lager-Linie). cos(α)=0\cos(\alpha) = 0, also uBsin(α)=0u_B \sin(\alpha) = 0, also uB=0u_B = 0. Das Lager sperrt horizontale Bewegung, lässt vertikale frei.

!!!
Verträglichkeit am schrägen Lager
uBsin(α)vBcos(α)=0    uBcos(α)=vBsin(α)u_B \sin(\alpha) - v_B \cos(\alpha) = 0 \;\Longleftrightarrow\; \frac{u_B}{\cos(\alpha)} = \frac{v_B}{\sin(\alpha)}
Die Komponente senkrecht zur Lager-Linie ist null. Vorzeichen kann je nach Richtungs-Konvention der Skizze variieren.
Winkel α\alpha Lager-Typ RB
0° horizontaler Boden, vertikales Sperren vB=0v_B = 0
45°45° Diagonale, beide Komponenten gekoppelt uB=vB|u_B| = |v_B|
90°90° vertikale Wand, horizontales Sperren uB=0u_B = 0
allgemein α\alpha Lager-Linie uBsin(α)=vBcos(α)u_B \sin(\alpha) = v_B \cos(\alpha)
Verträglichkeitsbedingung pro Lager-Winkel.
Formel Verträglichkeit
uBsin(α)=vBcos(α)u_B \sin(\alpha) = v_B \cos(\alpha)
Komponente senkrecht zur Lager-Linie verschwindet.
Merke α=45°\alpha = 45°
Standardfall. uB=vB|u_B| = |v_B|.
Prüfungstipp Vorzeichen aus Skizze
Bewegungsrichtung exakt ablesen.

6.3 Drei Bausteine zur Lösung

Übersicht. Eine stat. unbest. Aufgabe mit schrägem Lager und kombinierter Last erfordert drei Verformungs-Berechnungen, die alle in der überzähligen Reaktion XX formuliert sind. Die Verträglichkeit am Lager liefert dann die Schliess-Gleichung.

Baustein 1: Statik in XX. Lager-Reaktion XX als überzählig wählen. Drei GGB liefern die anderen Reaktionen ausgedrückt durch XX. Schnittkraft N(x)N(x) und Schnittmoment Mb(x)M_b(x) entlang dem Stab als Funktion von XX.

Baustein 2: Längsdehnung am Endpunkt aus NN. Integration u(L)=0LN(x)/(EA)dxu(L) = \int_0^L N(x)/(EA)\,dx. Bei abschnittsweise konstantem NN: u(L)=iNiLi/(EAi)u(L) = \sum_i N_i\,L_i/(EA_i). Bei einem schrägen Lager wirkt nur die axiale Komponente von XX als NN, also N(x)=Xcos(α)N(x) = -X \cos(\alpha) (Vorzeichen aus Skizze). Resultat: u(L)u(L) als linearer Ausdruck in XX.

Baustein 3: Biegelinie am Endpunkt aus MM. Doppelintegration der Biege-DGL EIzv(x)=Mb(x)E\,I_z\,v''(x) = M_b(x) mit Kragarm-RB (v(0)=0v(0) = 0, v(0)=0v'(0) = 0). Resultat: v(L)v(L) als Ausdruck in der Streckenlast und in XX. Beide Beiträge linear in den Lasten und in XX.

Schliess-Gleichung. Mit den zwei Funktionen u(L;X)u(L; X) und v(L;X)v(L; X) einsetzen in die Verträglichkeit uBsin(α)=vBcos(α)u_B \sin(\alpha) = v_B \cos(\alpha). Das ist eine lineare Gleichung in XX. Auflösen, einsetzen, alle Verformungen und Reaktionen finalisieren.

!!!
Drei-Bausteine-Muster
Statik:N(x;X),  Mb(x;X)Axial:u(L;X)=0LN(x;X)EAdxBiegung:v(L;X)=Doppelintegration mit RBSchliess:u(L;X)sin(α)=v(L;X)cos(α)    X\begin{aligned} &\text{Statik:}\quad N(x; X), \;M_b(x; X) \\ &\text{Axial:}\quad u(L; X) = \int_0^L \frac{N(x; X)}{E\,A}\,dx \\ &\text{Biegung:}\quad v(L; X) = \text{Doppelintegration mit RB} \\ &\text{Schliess:}\quad u(L; X) \sin(\alpha) = v(L; X) \cos(\alpha) \;\Longrightarrow\; X \end{aligned}
Vollständige Methodik in vier Schritten. Muster für jede Aufgabe mit schrägem Lager.
Merke Drei Bausteine
Statik, Axial-Verformung, Biegelinie. Alle in XX.
Formel Längsdehnung
u(L)=0LN(x)/(EA)dxu(L) = \int_0^L N(x)/(EA)\,dx
Aus Kap. 5 Hooke 1D.
Prüfungstipp Vorzeichen-Sorgfalt
Drei Felder, drei Vorzeichen-Konventionen. Kontrollieren.
Querverweis Anwendung
→ Sec. 6.5 Üs7 S1 Beispiel

6.4 Anschauung: warum AL2+3IA\,L^2 + 3\,I als Nenner auftritt

Vorhang auf für die Steifigkeits-Kombination. Bei vielen Aufgaben mit schrägem Lager (insbesondere Üs7 S1) erscheint der Ausdruck AL2+3IA\,L^2 + 3\,I als Nenner in der überzähligen Reaktion XX. Das ist kein Zufall. Es kombiniert die zwei Steifigkeiten des Stabes auf eine geometrisch sinnvolle Weise.

Axiale Steifigkeit. Der Term AL2A\,L^2 stammt aus der axialen Verformung. Bei einer Lagerreaktion mit horizontaler Komponente X\propto X und Hebelarm LL verkürzt sich der Stab um u(L)XL/(EA)u(L) \propto X\,L/(EA). Aus der Verträglichkeit folgt eine Beziehung zwischen uu und XX, die den Faktor AA enthält. Multiplikation mit L2L^2 kommt aus der Hebelarm-Beziehung.

Biege-Steifigkeit. Der Term 3I3\,I stammt aus der Biegelinie. Bei einer Lagerreaktion mit vertikaler Komponente X\propto X am Kragarm-Ende ist die Durchbiegung v(L)XL3/(3EI)v(L) \propto X\,L^3/(3\,E\,I). Das Verhältnis zwischen uu und vv über die Verträglichkeit liefert dann den Faktor 3I3\,I im Nenner.

Konsequenz für die Praxis. Wenn AL23IA\,L^2 \gg 3\,I: axiale Steifigkeit dominiert, Biegung ist vernachlässigbar. Der Stab verhält sich wie ein Kabel-Stab. Wenn AL23IA\,L^2 \ll 3\,I: Biege-Steifigkeit dominiert, axiale Verkürzung ist vernachlässigbar. Der Stab verhält sich wie ein reiner Biegebalken. Das Verhältnis AL2/(3I)A\,L^2/(3\,I) ist der Schlüssel-Indikator dafür, welcher Effekt dominant ist.

Dimensions-Check. AL2A\,L^2 hat Dimension [m4][\mathrm{m}^4], II hat ebenfalls [m4][\mathrm{m}^4]. Beide Terme sind also dimensionskonform und können addiert werden. Das Verhältnis AL2/IA\,L^2/I ist dimensionslos und gibt eine geometrische Charakterisierung des Stabes.

!!
Steifigkeits-Verhältnis
η=AL23I\eta = \frac{A\,L^2}{3\,I}
Dimensionslos. η1\eta \gg 1: axial dominant. η1\eta \ll 1: Biegung dominant. Bei η1\eta \approx 1: beide Effekte gleichberechtigt.
Formel Nenner
AL2+3IA\,L^2 + 3\,I
Kombinierte Steifigkeit aus axial und Biegung.
Merke Dimensionscheck
Beide Terme [m4][\mathrm{m}^4], dimensionskonform.
Prüfungstipp Verhältnis η\eta
AL2/(3I)A\,L^2/(3\,I) zeigt dominanten Effekt.

6.5 Beispiel: 45°-Lager mit Eigengewicht (Üs7 S1)

Aufgabe (aus Übungsserie 7, Schnellübung S1). Ein Biegebalken (Länge LL, E-Modul EE, Querschnittsfläche AA, Trägheitsmoment II) ist links bei AA eingespannt und rechts bei BB schräg gelagert (45° gegen die Horizontale). Auf den Balken wirkt sein Eigengewicht als verteilte Last q0q_0 nach unten. Berechne den Betrag der Verschiebung des Punktes BB.

Muster. Diese Aufgabe ist die Königsdisziplin von Kap. 7. Gleichzeitig statisch unbestimmt UND kombinierte Biegung-und-Normalkraft, weil das schräge Lager eine Reaktion erzeugt, die sowohl horizontale als auch vertikale Komponenten hat. Die horizontale Komponente führt zu einer axialen Stabverkürzung, die vertikale zu einer Biegung. Das Lager 45° verbindet beide Verschiebungen, was eine zusätzliche Verträglichkeitsbedingung ergibt.

Merke Schräges Lager 45°
Reaktion in 45°-Richtung, koppelt uBu_B und vBv_B.
Prüfungstipp Erweiterte Methodik
Wie Sec. 5, aber mit zusätzlicher Verträglichkeit aus der Lager-Geometrie.

6.6 Lagerreaktionen, Schnittkräfte und Biegelinie

Lösungsweg in 6 Schritten

  1. Schritt 1: Lagerreaktionen in Abhängigkeit von B
    Einspannung links: AxA_x, AyA_y, MAM_A. Schräges Lager rechts: Reaktion BB entlang 45°. Komponenten: Bx=(2/2)BB_x = (\sqrt{2}/2)\,B (in der Skizze nach links), By=(2/2)BB_y = -(\sqrt{2}/2)\,B. Streckenlast q0q_0 nach unten gleichmässig.
    Drei GGB aufstellen.
    Fx=0    Ax=22BFy=0    Ay=q0L22BMA=0    MA=22BLL22q0\begin{aligned} \sum F_x &= 0 \;\Longrightarrow\; A_x = \frac{\sqrt{2}}{2}\,B \\ \sum F_y &= 0 \;\Longrightarrow\; A_y = q_0\,L - \frac{\sqrt{2}}{2}\,B \\ \sum M_A &= 0 \;\Longrightarrow\; M_A = \frac{\sqrt{2}}{2}\,B\,L - \frac{L^2}{2}\,q_0 \end{aligned}
  2. Schritt 2: Innere Beanspruchung im Stab
    Schnitt von rechts bei x[0,L]x \in [0, L]. Normalkraft aus der horizontalen Komponente von BB (kann nicht durch andere Lasten geändert werden, da q0q_0 vertikal). Biegemoment aus Streckenlast plus vertikale Komponente von BB.
    Zwei Schnittgrössen.
    N(x)=22B(konstant)Mb(x)=q02(Lx)222B(Lx)\begin{aligned} N(x) &= -\frac{\sqrt{2}}{2}\,B \quad (\text{konstant}) \\ M_b(x) &= \frac{q_0}{2}\,(L - x)^2 - \frac{\sqrt{2}}{2}\,B\,(L - x) \end{aligned}
  3. Schritt 3: Doppelintegration der Biegelinie
    EIv(x)=Mb(x)E\,I\,v''(x) = M_b(x) zweimal integrieren. Mit der Substitution u=Lxu = L - x gibt es eine kompakte Form, ausgeschrieben dann mit C1,C2C_1, C_2.
    Allgemeine Lösung.
    EIv(x)=q024(Lx)4212B(Lx)3+C1x+C2\begin{aligned} E\,I\,v(x) &= \frac{q_0}{24}\,(L - x)^4 - \frac{\sqrt{2}}{12}\,B\,(L - x)^3 + C_1\,x + C_2 \end{aligned}
  4. Schritt 4: Erste zwei RB lösen
    Einspannung bei x=0x = 0: v(0)=0v(0) = 0 und v(0)=0v'(0) = 0. Setze ein und löse nach C1,C2C_1, C_2.
    Konstanten als Funktion von BB.
    v(0)=0    C2=L324(22Bq0L)v(0)=0    C1=L224(4q0L62B)\begin{aligned} v(0) = 0 &\;\Longrightarrow\; C_2 = \frac{L^3}{24}\,(2\,\sqrt{2}\,B - q_0\,L) \\ v'(0) = 0 &\;\Longrightarrow\; C_1 = \frac{L^2}{24}\,(4\,q_0\,L - 6\,\sqrt{2}\,B) \end{aligned}
  5. Schritt 5: Verträglichkeit am 45°-Lager
    Bei x=Lx = L muss die Verschiebung in der 45°-Richtung sein, also v(L)=u(L)|v(L)| = |u(L)|. u(L)u(L) kommt aus der Stabverkürzung durch NN: u(L)=NL/(EA)=(2/2)BL/(EA)u(L) = -N\,L/(EA) = (\sqrt{2}/2)\,B\,L/(EA). Einsetzen in v(L)=uB=u(L)v(L) = u_B = -u(L) (Vorzeichen aus Lager-Richtung) liefert eine Gleichung in BB.
    Verträglichkeits-Gleichung lösen.
    v(L)=uB=22BLEAB=23AL3q08(AL2+3I)\begin{aligned} v(L) &= u_B = \frac{\sqrt{2}}{2}\,\frac{B\,L}{E\,A} \\ \Longrightarrow\quad B &= \frac{\sqrt{2}\cdot 3\,A\,L^3\,q_0}{8\,(A\,L^2 + 3\,I)} \end{aligned}
  6. Schritt 6: Verschiebung des Punktes B
    Mit BB aus Schritt 5 einsetzen in vB=uBv_B = -u_B und Betrag rechnen. Geometrische Verschiebung in 45°-Richtung: sB=uB2+vB2=2vB|s_B| = \sqrt{u_B^2 + v_B^2} = \sqrt{2}\,|v_B|.
    Endwert.
    uB=2BL2EA=3L4q08E(AL2+3I)vB=uB=3L4q08E(AL2+3I)sB=uB2+vB2\begin{aligned} u_B &= \frac{\sqrt{2}\,B\,L}{2\,E\,A} = -\frac{3\,L^4\,q_0}{8\,E\,(A\,L^2 + 3\,I)} \\ v_B &= -u_B = \frac{3\,L^4\,q_0}{8\,E\,(A\,L^2 + 3\,I)} \end{aligned} \\[6pt] \boxed{\,|s_B| = \sqrt{u_B^2 + v_B^2}\,}
Formel Endwert B
B=23AL3q08(AL2+3I)B = \frac{\sqrt{2}\cdot 3\,A\,L^3\,q_0}{8\,(A\,L^2 + 3\,I)}
Lagerreaktion am 45°-Lager.
Merke Verträglichkeit aus Lager
uB=vB|u_B| = |v_B| aus der 45°-Bewegungsrichtung.
Prüfungstipp Zwei Steifigkeiten
AL2A\,L^2 aus axialer plus 3I3\,I aus Biegung.

6.7 Synthese: warum dieses Muster alle bisherigen Werkzeuge integriert

Üs7 S1 ist die Vorlage für viele FS18-FS25-Klausuren. Sobald ein Lager nicht streng horizontal oder vertikal ist (also unter einem Winkel α0°,90°\alpha \neq 0°, 90°), kommt eine Verträglichkeitsbedingung der Form uBcos(α)+vBsin(α)=0u_B \cos(\alpha) + v_B \sin(\alpha) = 0 ins Spiel. Diese Bedingung verbindet axiale Stabverlängerung (aus NN) mit der Biegelinie (aus MbM_b). Das ist der Grund, warum Kap. 7 die Synthese aller bisherigen Werkzeuge ist.

Drei Bausteine. Erstens: Statik in Abhängigkeit der überzähligen Reaktion XX. Zweitens: Schnittkräfte N(x)N(x) und Mb(x)M_b(x) in Funktion von XX. Drittens: zwei Verformungsrechnungen, eine für u(L)u(L) aus N/(EA)N/(EA) (Kap. 5) und eine für v(L)v(L) aus der Biegelinie (Kap. 6), beide in Funktion von XX. Verträglichkeit am Lager liefert die Gleichung in XX.

Muster in einer Zeile. X=X(Lasten,Steifigkeiten)X = X(\text{Lasten}, \text{Steifigkeiten}), dann alle Verformungen einsetzen, fertig.

Merke Synthese-Aufgabe
Statik plus Verträglichkeit, axial plus Biegung.
Prüfungstipp Drei Bausteine
Statik(XX), Schnittkräfte(XX), Verformungen(XX).

7.1 Wann mehrere Bereiche

Fünf Ursachen für einen Bereichswechsel. Ein Bereich endet und ein neuer beginnt, sobald sich die analytische Form der Schnittkräfte N(x)N(x) oder Mb(x)M_b(x) ändert. Das passiert in fünf Standard-Situationen.

(1) Querschnittssprung. Wenn das Trägheitsmoment II oder die Querschnittsfläche AA entlang dem Stab variiert, ändert sich das Verhältnis M/IM/I und damit die Biegelinie pro Bereich. Beispiel: Welle mit dünnem Aussenstück und dickem Mittelstück (Üs7 S2).

(2) Einzellast. Eine Punktkraft erzeugt einen Knick im Schnittmoment-Diagramm. Vor und hinter der Last hat Mb(x)M_b(x) unterschiedliche Steigungen. Pro Knick ein neuer Bereich.

(3) Streckenlast-Endpunkt. Wenn eine Streckenlast nur über einen Teil des Balkens wirkt und dort endet, ändert sich am Endpunkt die Steigung der Querkraft (und damit die Krümmung des Schnittmoments).

(4) Punktmoment. Ein angreifendes Punktmoment erzeugt einen Sprung im Schnittmoment-Diagramm. Pro Sprung ein neuer Bereich.

(5) Mittleres Lager. Ein zusätzliches Lager mitten im Balken (etwa beim durchlaufenden Träger) erzeugt einen Knick im Schnittmoment, weil die Lagerreaktion eine zusätzliche Kraft am Lager-Punkt liefert.

Ursache Effekt im MbM_b-Diagramm Beispiel
Querschnittssprung kein Knick in MbM_b, aber EIE\,I ändert sich Üs7 S2
Einzellast Knick (Steigungs-Sprung) Standardfall, siehe Sec. 2.6
Streckenlast-Endpunkt Krümmungs-Sprung Üs7 Wiederholung, Üs6 S1
Punktmoment Sprung (Wert-Sprung) FS22 E2
Mittleres Lager Knick Drei-Lager-Träger
Bereichswechsel pro Ursache. Pro Wechsel ein neuer Bereich mit eigenen Konstanten.
Merke Fünf Ursachen
Querschnittssprung, Einzellast, Streckenlast-End, Punktmoment, mittleres Lager.
Formel 2n2n Konstanten
n  Bereiche    2n  Konstantenn\;\text{Bereiche}\;\Rightarrow\;2\,n\;\text{Konstanten}
Pro Bereich Doppelintegration mit zwei RB.
Prüfungstipp Skizze
Vor dem Rechnen MbM_b-Diagramm überschlagen.
Querverweis Aus Kap. 6
→ Kap. 6 Sec. 6.1 Mehrere Bereiche

7.2 Stetigkeitsbedingungen am Übergang

Wieso Stetigkeit zwingend. Ein Balken kann nicht reissen oder einen scharfen Knick haben. Daher muss die Verschiebung v(x)v(x) und die Steigung v(x)v'(x) am Übergang zwischen zwei Bereichen stetig sein. Diese Stetigkeit liefert zwei Randbedingungen pro Bereichs-Grenze, was genau zur Anzahl der Konstanten passt.

Bedingungen am Übergang. Bei Bereichs-Grenze x=ax = a: v1(a)=v2(a)v_1(a) = v_2(a) und v1(a)=v2(a)v'_1(a) = v'_2(a). Wenn die Laufvariablen gleich orientiert sind (x1x_1 und x2x_2 beide von links nach rechts), gelten die Stetigkeits-Bedingungen direkt. Wenn die Laufvariablen entgegengesetzt orientiert sind (selten in Kap. 7), dreht sich das Vorzeichen der Steigung.

Längsdehnung beim Querschnittssprung. Beim Wechsel des Querschnitts ist die Stetigkeit auch für u(x)u(x) wichtig. u1(a)=u2(a)u_1(a) = u_2(a) ist erfüllt, weil Hooke 1D von links und rechts gleichzeitig betrachtet werden kann. Aber: u1u'_1 und u2u'_2 können verschieden sein, weil EAE\,A links und rechts verschieden sein können (wenn AA springt). Das bedeutet, der STAB hat eine Dehnungs-Diskontinuität, aber die VERSCHIEBUNG ist stetig.

Wie viele RB pro Übergang. Bei nn Bereichen entstehen n1n - 1 Bereichs-Grenzen, jede liefert 2 Stetigkeits-RB für vv (Verschiebung und Steigung). Plus 2 RB an den Stab-Enden (üblicherweise aus Lagern). Insgesamt 2(n1)+2=2n2(n-1) + 2 = 2n RB, was zu 2n2n Konstanten passt.

!!!
Stetigkeit der Biegelinie am Übergang
v1(a)=v2(a),v1(a)=v2(a)v_1(a) = v_2(a), \qquad v'_1(a) = v'_2(a)
Pro Bereichs-Grenze zwei RB. Beide aus physikalischer Notwendigkeit (kein Bruch, kein Knick im Stab).
!!
Stetigkeit der Längsdehnung am Querschnittssprung
u1(a)=u2(a)(aber  u1u2  wenn  A  springt)u_1(a) = u_2(a) \quad\text{(aber}\;u'_1 \neq u'_2\;\text{wenn}\;A\;\text{springt)}
Verschiebung stetig, Dehnung kann springen. Bei konstantem AA entlang dem Stab ist auch die Dehnung stetig.
Formel Stetigkeit
v1(a)=v2(a),  v1(a)=v2(a)v_1(a) = v_2(a),\;v'_1(a) = v'_2(a)
Pro Bereichs-Grenze zwei RB.
Merke Material-Kontinuität
Kein Bruch, kein Knick. Daraus zwei stetige Funktionen.
Querverweis Aus Kap. 6
→ Kap. 6 Sec. 6.2

7.3 Kritische Querschnitt-Stelle

Was ist die kritische Stelle. Die kritische Querschnitt-Stelle ist die, an der die Spannung σx|\sigma_x| maximal wird. Bei einem Stab mit konstantem Querschnitt fällt das mit der Stelle des grössten Mb|M_b| zusammen. Bei abschnittsweise variablem Querschnitt nicht mehr: dort kann das Verhältnis Mb/I|M_b|/I an einer Stelle gross sein, an der Mb|M_b| selber nicht maximal ist.

Wieso Mb/I|M_b|/I statt Mb|M_b|. Die Biegespannung ist σb=Mbymax/I|\sigma_b| = |M_b| \cdot |y_{\max}|/I. Wenn II über den Stab variiert, hängt der Spannungswert nicht nur von Mb|M_b|, sondern auch von ymax/I|y_{\max}|/I ab. An einer Stelle mit kleinerem II und nur leicht kleinerem Mb|M_b| kann die Spannung grösser sein als an der Stelle mit maximalem Mb|M_b| aber grossem II.

Muster für die Suche. Identifiziere alle kritischen Kandidaten: Stellen mit lokalen Maxima des Mb|M_b|-Diagramms UND Stellen, an denen II einen Sprung nach unten macht (Übergang von dickem zu dünnem Bereich). An jedem Kandidat Mb/I|M_b|/I berechnen, das Maximum nehmen.

Üs7 S2 als Beispiel. In der Welle ist das Biegemoment am grössten in der Mitte (x=5L/2x = 5\,L/2, Mb=5qL2/4|M_b| = 5\,q\,L^2/4). Aber an dieser Stelle ist auch Iz=πR4I_z = \pi\,R^4 (dicker Bereich). An der Übergangs-Stelle x=2Lx = 2\,L ist Mb=qL2|M_b| = q\,L^2 (kleiner) und Iz=πR4/4I_z = \pi\,R^4/4 (deutlich kleiner). Das Verhältnis ist an der Übergangs-Stelle GRÖSSER, also ist DAS die kritische Stelle. Lehrpunkt: bei abschnittsweise variablem Querschnitt mehrere Stellen prüfen, nicht nur das Mb|M_b|-Maximum.

!!!
Kritische Querschnitt-Stelle
x=argmaxxMb(x)ymax(x)I(x)x^* = \arg\max_{x} \frac{|M_b(x)| \cdot |y_{\max}(x)|}{I(x)}
Suche das Maximum des Spannungs-Verhältnisses, nicht des Biegemoments allein.
!!
Bei kombinierter Belastung
σxmax=maxx,yN(x)A(x)Mb(x)yI(x)|\sigma_x|_{\max} = \max_{x, y} \Big| \frac{N(x)}{A(x)} - \frac{M_b(x)\,y}{I(x)} \Big|
Mit Normalkraft addieren sich Anteile. Maximum oft an den Faserrändern y=±ymaxy = \pm y_{\max}.
Merke M/I|M|/I entscheidet
Bei variablem Querschnitt nicht M|M| allein.
Formel Maximum
x=argmax  Mbymax/Ix^* = \arg\max\; |M_b|\,|y_{\max}|/I
Über alle Querschnitt-Kandidaten.
Prüfungstipp Übergangs-Stellen
Häufig kritisch wegen II-Sprung nach unten.

7.4 Volumenabhängige Streckenlast

Was ist eine volumenabhängige Streckenlast. Wenn das Eigengewicht eines Stabes als Belastung berücksichtigt werden muss, ist die Streckenlast qq proportional zum Querschnittsvolumen pro Längeneinheit, also zur Querschnittsfläche AA. Bei einem Stab mit konstantem AA ist auch qq konstant. Bei einem Stab mit variablem AA ist qq abschnittsweise verschieden.

Wieso qAq \propto A. Eigengewicht: ein Stab-Element der Länge dxdx und Querschnittsfläche AA hat das Volumen AdxA\,dx und die Masse ρAdx\rho \cdot A\,dx (mit ρ\rho der Dichte). Die Gewichtskraft pro Längeneinheit ist gρAg \cdot \rho \cdot A, also q=gρAq = g\,\rho\,A. Bei einem zylindrischen Stab mit Radius RR ist A=πR2A = \pi\,R^2, also q=gρπR2R2q = g\,\rho\,\pi\,R^2 \propto R^2.

Wann brauche ich das. Bei jeder Aufgabe, in der das Eigengewicht des Stabes nicht vernachlässigt werden kann. Üblicherweise bei langen, schweren Stäben oder bei Dimensionierungs-Aufgaben, in denen die Frage ist, wie dick der Stab sein muss, damit das Eigengewicht alleine ihn nicht zerstört.

Konsequenz für die Dimensionierung. Wenn qR2q \propto R^2 und die kritische Spannung σ=|\sigma| = konstant qL2/R3R2L2/R3=L2/R\cdot q\,L^2/R^3 \propto R^2 \cdot L^2/R^3 = L^2/R ist, dann liefert die Bedingung σσzul|\sigma| \leq \sigma_{\text{zul}} direkt RCL2/σzulR \geq C \cdot L^2/\sigma_{\text{zul}} mit einer geometrischen Konstante. Das ist die Standard-Form der Dimensionierungs-Formel bei Eigengewicht.

!!!
Volumenabhängige Streckenlast
q=gρAoder kompaktq=fGAq = g\,\rho \cdot A \quad\text{oder kompakt}\quad q = f_G \cdot A
fG=gρf_G = g\,\rho ist das spezifische Gewicht (Kraft pro Volumen). Bei zylindrischem Stab: q=fGπR2q = f_G\,\pi\,R^2.
!!
Skalierung bei Dimensionierung
σmaxqL2R3=fGπR2L2R3=fGπL2R|\sigma_{\max}| \propto \frac{q\,L^2}{R^3} = \frac{f_G\,\pi\,R^2 \cdot L^2}{R^3} = \frac{f_G\,\pi\,L^2}{R}
Bei zylindrischem Stab. R2R^2 aus qq kürzt zwei Potenzen aus R3R^3, übrig bleibt 1/R1/R. Daraus die Standard-Dimensionierung.
Formel Eigengewicht
q=fGAq = f_G \cdot A
Streckenlast aus Eigengewicht. Variabel bei variablem AA.
Merke Skalierung
Beim zylindrischen Stab: qR2q \propto R^2, σL2/R|\sigma| \propto L^2/R.
Prüfungstipp Einheiten
fGf_G in N/mm3\mathrm{N/mm^3} umrechnen für saubere Algebra.
Querverweis Anwendung
→ Sec. 7.5 Üs7 S2

7.5 Beispiel: Welle mit drei Bereichen (Üs7 S2)

Aufgabe (aus Übungsserie 7, Schnellübung S2). Eine kreiszylindrische Welle ist symmetrisch in AA und BB in yy-Richtung unverschieblich gelagert (oberhalb und unterhalb je ein Auflager). Die Welle besteht aus drei Abschnitten: dünner Bereich Radius RR in den Aussenstücken, dickerer Mittelteil Radius 2R\sqrt{2}\,R. Fünf gleiche Längenabschnitte LL mit Auflagern bei x=Lx = L (AA) und x=4Lx = 4\,L (BB). Die Welle wird nur durch das Eigengewicht belastet. Berechne den kleinstmöglichen zulässigen Radius RR bei gegebener Länge LL, gegebenem spezifischen Gewicht fGf_G und zulässiger Spannung σzul\sigma_{\text{zul}}.

Gegeben. L=1L = 1 m, σzul=20\sigma_{\text{zul}} = 20 kN/cm² =200= 200 N/mm², fG=80f_G = 80 N/dm³ =80×106= 80 \times 10^{-6} N/mm³.

Volumenabhängige Streckenlast. Da das Eigengewicht volumenabhängig ist, hat der dicke Bereich eine grössere Streckenlast pro Längeneinheit als der dünne. Konkret: qdu¨nn=fGπR2qq_{\text{dünn}} = f_G \cdot \pi\,R^2 \equiv q und qdick=fGπ(2R)2=2qq_{\text{dick}} = f_G \cdot \pi\,(\sqrt{2}\,R)^2 = 2\,q. Das macht die Statik zu einem dreiabschnittigen Problem.

Merke Drei Bereiche
Dünn-Dick-Dünn mit verschiedenen qq und IzI_z.
Prüfungstipp Volumenabhängig
qR2q \propto R^2, also dicker Bereich hat 2q2\,q.

7.6 Lagerkräfte, Biegemoment und Dimensionierung

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Lagerkräfte aus Symmetrie
    Gesamt-Eigengewicht: zwei Aussenstücke je 2qL2\,q\,L (qq über je 2L2\,L Länge im dünnen Bereich) plus Mittelstück 2qL2\,q\,L (2q2\,q über LL im dicken Bereich). Insgesamt 6qL6\,q\,L. Aus Symmetrie folgt A=B=3qLA = B = 3\,q\,L.
    Lagerkräfte.
    A=B=3qLA = B = 3\,q\,L
  2. Schritt 2: Biegemoment in drei Bereichen
    Schnitt im linken Kragarm-Bereich 0xL0 \leq x \leq L (vor Auflager AA): nur Streckenlast qq rechts vom Schnitt. Im Bereich Lx2LL \leq x \leq 2\,L (zwischen AA und Mittelstück): Streckenlast qq plus Lagerreaktion AA. Im Bereich 2Lx5L/22\,L \leq x \leq 5\,L/2 (im Mittelstück): zusätzlich Streckenlast 2q2\,q ab x=2Lx = 2\,L. Symmetrie liefert die rechte Hälfte spiegelbildlich.
    Drei Funktionen Mb(x)M_b(x).
    Mb,0(x)=q2x2(0xL)Mb,1(x)=q2x23qL(xL)(Lx2L)Mb,2(x)=q(x2L)2qL(xL)(2Lx5L/2)\begin{aligned} M_{b,0}(x) &= \frac{q}{2}\,x^2 \quad (0 \leq x \leq L) \\ M_{b,1}(x) &= \frac{q}{2}\,x^2 - 3\,q\,L\,(x - L) \quad (L \leq x \leq 2\,L) \\ M_{b,2}(x) &= q\,(x - 2\,L)^2 - q\,L\,(x - L) \quad (2\,L \leq x \leq 5\,L/2) \end{aligned}
  3. Schritt 3: Kritische Stelle finden
    Der Betrag Mb(x)|M_b(x)| ist am grössten bei x=5L/2x = 5\,L/2 (in der Mitte des dicken Stücks): Mb(5L/2)=(5/4)qL2|M_b(5\,L/2)| = (5/4)\,q\,L^2. Aber an dieser Stelle ist IzI_z auch grösser (Iz=π(2R)4/4=πR4I_z = \pi\,(\sqrt{2}\,R)^4/4 = \pi\,R^4). Bei x=2Lx = 2\,L (Übergangs-Stelle, gerade noch im dünnen Bereich) ist Mb(2L)=qL2|M_b(2\,L)| = q\,L^2 und Iz=πR4/4I_z = \pi\,R^4/4. Vergleiche σ|\sigma| an beiden Stellen.
    Spannung an beiden kritischen Stellen.
    σmax(2L,R)=Mb(2L)RIz(2L)=qL2RπR4/4=4qL2πR3σmax ⁣(5L2,2R)=Mb(5L/2)2RIz(5L/2)=(5/4)qL22RπR4=25qL24πR3\begin{aligned} \sigma_{\max}(2\,L, R) &= \frac{|M_b(2\,L)| \cdot R}{I_z(2\,L)} = \frac{q\,L^2 \cdot R}{\pi\,R^4/4} = \frac{4\,q\,L^2}{\pi\,R^3} \\[4pt] \sigma_{\max}\!\left(\frac{5\,L}{2}, \sqrt{2}\,R\right) &= \frac{|M_b(5\,L/2)| \cdot \sqrt{2}\,R}{I_z(5\,L/2)} = \frac{(5/4)\,q\,L^2 \cdot \sqrt{2}\,R}{\pi\,R^4} = \frac{\sqrt{2}\cdot 5\,q\,L^2}{4\,\pi\,R^3} \end{aligned}
  4. Schritt 4: Welche Stelle ist kritisch
    Bilde das Verhältnis: σ(2L)/σ(5L/2)=(4)/(25/4)=16/(25)>1\sigma(2\,L)/\sigma(5\,L/2) = (4) / (\sqrt{2}\cdot 5/4) = 16/(\sqrt{2}\cdot 5) > 1. Also ist die Spannung bei x=2Lx = 2\,L grösser. Die kritische Stelle ist die Übergangs-Stelle, NICHT die Mitte, weil dort das Trägheitsmoment noch klein ist.
    Kritische Stelle.
    σmax=4qL2πR3(bei  x=2L)\sigma_{\max} = \frac{4\,q\,L^2}{\pi\,R^3} \quad (\text{bei}\;x = 2\,L)
  5. Schritt 5: Dimensionierung
    Setze σmaxσzul\sigma_{\max} \leq \sigma_{\text{zul}} und löse nach RR auf. Mit q=fGπR2q = f_G \cdot \pi\,R^2 einsetzen, dann das R3R^3 kürzt sich teilweise weg.
    Endformel für den minimalen Radius.
    4(fGπR2)L2πR3σzul4fGL2RσzulR4fGL2σzul=480×106(1000)2200=1,6  mm\begin{aligned} \frac{4\,(f_G\,\pi\,R^2)\,L^2}{\pi\,R^3} &\leq \sigma_{\text{zul}} \\ \frac{4\,f_G\,L^2}{R} &\leq \sigma_{\text{zul}} \end{aligned} \\[6pt] \boxed{\,R \geq \frac{4\,f_G\,L^2}{\sigma_{\text{zul}}} = \frac{4 \cdot 80 \times 10^{-6} \cdot (1000)^2}{200} = 1{,}6\;\mathrm{mm}\,}
Formel Resultat
R4fGL2/σzul=1,6  mmR \geq 4\,f_G\,L^2/\sigma_{\text{zul}} = 1{,}6\;\mathrm{mm}
Minimaler Radius gegen Versagen.
Merke Mehrere Querschnitte prüfen
Kritisch ist M/I|M|/I, nicht M|M| allein.
Prüfungstipp Einheits-Falle
fGf_G in N/mm3\mathrm{N/mm^3} umrechnen für saubere Algebra.

8.1 Schwerpunkt und Trägheitsmoment des Halbkreises (Wiederholung Kap. 6)

Pflicht-Wiederholung. Bevor wir die Wiederholungs-Aufgabe lösen können, brauchen wir den Schwerpunkt und das Flächenträgheitsmoment des Halbkreis-Querschnitts um die Schwerpunkts-Achse. Das ist Stoff aus Kap. 6 Sec. 2.1 (Schwerpunkt-Integral) und Sec. 3.1 (Steiner). Hier explizit hergeleitet, weil die Halbkreis-Geometrie häufig auftritt.

Schwerpunkt via Polarkoordinaten-Integral. Halbkreis: oben gewölbt, flache Seite unten. Hilfskoordinatensystem (ξ,η)(\xi, \eta) mit Ursprung im Mittelpunkt der flachen Seite, η\eta-Achse senkrecht nach oben. Aus Symmetrie: ξS=0\xi_S = 0. Für ηS\eta_S das Schwerpunkt-Integral ηS=(1/A)ηdA\eta_S = (1/A)\iint \eta\,dA mit η=rsin(φ)\eta = r\sin(\varphi), dA=rdφdrdA = r\,d\varphi\,dr, A=πR2/2A = \pi\,R^2/2. Doppelintegral 0R0πr2sin(φ)dφdr\int_0^R\int_0^\pi r^2\sin(\varphi)\,d\varphi\,dr. Auswertung: das innere Integral 0πsin(φ)dφ=2\int_0^\pi \sin(\varphi)\,d\varphi = 2, das äussere 0Rr2dr=R3/3\int_0^R r^2\,dr = R^3/3. Produkt: 2R3/32\,R^3/3. Schwerpunkt: ηS=(2R3/3)/(R2π/2)=4R/(3π)\eta_S = (2\,R^3/3)/(R^2 \cdot \pi/2) = 4\,R/(3\,\pi).

Trägheitsmoment um Mittelpunkt der flachen Seite. Direktes Integral IHK=η2dA=0R0πr3sin2φdφdrI_{HK} = \iint \eta^2\,dA = \int_0^R\int_0^\pi r^3\sin^2\varphi\,d\varphi\,dr. Inneres Integral: 0πsin2φdφ=π/2\int_0^\pi \sin^2\varphi\,d\varphi = \pi/2. Äusseres: 0Rr3dr=R4/4\int_0^R r^3\,dr = R^4/4. Produkt: πR4/8\pi\,R^4/8. Das ist IHKI_{HK} um die Achse durch den Mittelpunkt der flachen Seite.

Steiner zum Schwerpunkt. Schwerpunkt liegt ηS=4R/(3π)\eta_S = 4\,R/(3\,\pi) oberhalb der flachen Seite. Die gesuchte Schwerpunkts-IzI_z ist Iz=IHKηS2AI_z = I_{HK} - \eta_S^2 \cdot A (Steiner umgekehrt: vom Hilfskoordinatensystem zum Schwerpunkt-Koordinatensystem). Einsetzen: Iz=πR4/8(4R/(3π))2πR2/2=R4(π/88/(9π))I_z = \pi\,R^4/8 - (4\,R/(3\,\pi))^2 \cdot \pi\,R^2/2 = R^4(\pi/8 - 8/(9\,\pi)).

Numerischer Vorfaktor. π/80,3927\pi/8 \approx 0{,}3927, 8/(9π)0,28298/(9\,\pi) \approx 0{,}2829. Differenz: 0,1098\approx 0{,}1098. Also Iz0,1098R4I_z \approx 0{,}1098\,R^4. Deutlich kleiner als πR4/80,393R4\pi\,R^4/8 \approx 0{,}393\,R^4, weil der Schwerpunkt nicht auf der Symmetrie-Achse der flachen Seite liegt.

!!!
Schwerpunkt des Halbkreises
ηS=4R3π0,4244R\eta_S = \frac{4\,R}{3\,\pi} \approx 0{,}4244\,R
Vom Mittelpunkt der flachen Seite gemessen. Standard-Resultat aus Mech I.
!!!
Schwerpunkts-Trägheitsmoment des Halbkreises
Iz=R4(π889π)0,1098R4I_z = R^4 \Big(\frac{\pi}{8} - \frac{8}{9\,\pi}\Big) \approx 0{,}1098\,R^4
Um die horizontale Achse durch den Schwerpunkt. Aus IHK=πR4/8I_{HK} = \pi\,R^4/8 und Steiner-Verschiebung.
Formel Schwerpunkt
ηS=4R/(3π)\eta_S = 4\,R/(3\,\pi)
Halbkreis. Vom Mittelpunkt der flachen Seite.
Formel Schwerpunkts-IzI_z
Iz=R4(π/88/(9π))I_z = R^4(\pi/8 - 8/(9\,\pi))
0,1098R4\approx 0{,}1098\,R^4. Aus Steiner.
Merke Standard-Integrale
0πsin(φ)dφ=2\int_0^\pi\sin(\varphi)\,d\varphi = 2, 0πsin2φdφ=π/2\int_0^\pi\sin^2\varphi\,d\varphi = \pi/2.

8.2 Muster: alle Werkzeuge zusammen

Synthese-Aufgabe. Die Üs7-Wiederholungsaufgabe ist die längste und komplexeste Aufgabe der ganzen Vorlesung. Sie integriert ALLE Werkzeuge aus Kap. 5, Kap. 6 und Kap. 7 in einer einzigen Rechnung. Wer diese Aufgabe vollständig bearbeiten kann, hat das Material durchdrungen.

Werkzeug-Liste. (1) Schwerpunkt und Trägheitsmoment des Halbkreises via Polarkoord-Integral und Steiner (Kap. 6 Sec. 2-3, hier in 6.1 wiederholt). (2) Lagerkräfte aus Symmetrie (Mech I). (3) Schnittmoment in mehreren Bereichen (Kap. 6 Sec. 6, Kap. 7 Sec. 5). (4) Doppelintegration der Biegelinie mit Stetigkeit (Kap. 6 Sec. 5-6). (5) Volumenabhängige Streckenlast aus Eigengewicht (Kap. 7 Sec. 5.4). (6) Maximum suchen, Dimensionierung. (7) Polynom-Auflösung mit numerischen Methoden.

Wo welches Werkzeug. Die Werkzeuge greifen in einer bestimmten Reihenfolge ineinander. Erst muss der Querschnitt analysiert werden (IzI_z), dann die Lagerkräfte (A=BA = B), dann das Schnittmoment in zwei Bereichen, dann die Biegelinie via Doppelintegration mit vier Konstanten und vier RB. Das Maximum bei x=2ax = 2\,a einsetzen, dann die Bedingung v(2a)R/10v(2a) \leq R/10 nach RR auflösen. Mit Eigengewicht entsteht ein Polynom 5. Grades, das numerisch gelöst werden muss.

Muster in einer Zeile. Querschnitt \to Statik \to Schnittmoment \to Biegelinie \to Maximum \to Dimensionierung. Jeder Pfeil ist ein eigenes Werkzeug, alle zusammen geben die Lösung. Wenn ein Schritt unsicher ist, hilft die Übersicht: welcher Schritt fehlt ist meistens klar, sobald man die Liste durchgeht.

Schritt Werkzeug Sec. Referenz
Querschnitt Polarkoord-Integral, Steiner Sec. 6.1, Kap. 6 Sec. 2-3
Lagerkräfte Symmetrie, GGB Mech I
Schnittmoment Mehrbereichs-Berechnung Sec. 7.1-7.2, Kap. 6 Sec. 6
Biegelinie Doppelintegration, Stetigkeit Kap. 6 Sec. 5-6
Eigengewicht Volumenabhängige qq Sec. 7.4
Maximum Symmetrie-Auswertung Sec. 7.3
Dimensionierung Bedingung vvzulv \leq v_{\text{zul}} Sec. 7.4
Werkzeug-Übersicht für die Synthese-Aufgabe.
Merke Synthese
Alle Werkzeuge aus Kap. 5, 6, 7 in einer Aufgabe.
Prüfungstipp Schritt-für-Schritt
Strikt nach Werkzeug-Liste arbeiten.
Querverweis Anwendung
→ Sec. 8.3 Aufgabe

8.3 Aufgabe Üs7 Wiederholung

Aufgabe (aus Übungsserie 7, Wiederholungsaufgabe). Ein Balken mit halbkreisförmigem Querschnitt (Radius RR) ist beidseitig gelenkig gelagert. Die Belastung besteht aus einer verteilten Last des Gesamtbetrags PP über das mittlere 2a2\,a-Stück (zwischen x=ax = a und x=3ax = 3\,a) plus dem Eigengewicht (überall vorhanden). Wie gross muss RR mindestens sein, damit die maximale Durchbiegung höchstens R/10R/10 beträgt?

Gegeben. P=5P = 5 kN, E=210E = 210 GPa, a=50a = 50 cm, ρ=7,85\rho = 7{,}85 kg/dm³, g=9,81g = 9{,}81 m/s². Insgesamt vier Längen a,2a,aa, 2\,a, a (Auflager bei x=0x = 0 und x=4ax = 4\,a).

Muster. Diese Aufgabe ist die längste Aufgabe der ganzen Vorlesung. Sie integriert ALLE Werkzeuge: Schwerpunkt mit Steiner für Halbkreis (Kap. 6), Doppelintegration mit Übergangsbedingungen, Stetigkeit der Biegelinie über Bereichsgrenzen, Maximum suchen und Dimensionierung. Schritt für Schritt durchgehen, bis das Muster automatisch sitzt.

Merke Halbkreisquerschnitt
Eigen-II und Steiner für Halbkreis nötig.
Prüfungstipp Längste Aufgabe
Integriert alle Werkzeuge aus Kap. 5, 6, 7.

8.4 Walkthrough Teil 1: Halbkreis-Trägheitsmoment via Steiner

Lösungsweg in 4 Schritten (Querschnitt-Analyse)

  1. Schritt 1: Schwerpunkt des Halbkreises
    Halbkreis: oben gewölbt, unten flach. Schwerpunkt liegt auf der Symmetrie-Achse (vertikal), Abstand ηS=4R/(3π)\eta_S = 4\,R/(3\,\pi) vom Mittelpunkt der flachen Seite (Standard-Resultat aus Mech I, hergeleitet via Polarkoordinaten-Integral).
    Schwerpunkt-Lage.
    ηS=4R3π\eta_S = \frac{4\,R}{3\,\pi}
  2. Schritt 2: Trägheitsmoment um Mittelpunkt der flachen Seite
    Direktes Integral IHK=HKη2dAI_{HK} = \iint_{HK} \eta^2\,dA in Polarkoordinaten (η=rsin(φ)\eta = r\sin(\varphi), dA=rdφdrdA = r\,d\varphi\,dr) liefert πR4/8\pi\,R^4/8. Das ist der Wert um die Achse durch den Mittelpunkt der flachen Seite.
    II um die Hilfs-Achse.
    IHK=πR48I_{HK} = \frac{\pi\,R^4}{8}
  3. Schritt 3: Steiner zum Schwerpunkt
    Schwerpunkts-IzI_z folgt aus Steiner: Iz=IHKηS2AI_z = I_{HK} - \eta_S^2 \cdot A mit A=πR2/2A = \pi\,R^2/2. Einsetzen und algebraisch vereinfachen.
    Schwerpunkts-IzI_z als geschlossene Formel.
    Iz=πR48(4R3π)2πR22=πR4816R29π2πR22=R4(π889π)\begin{aligned} I_z &= \frac{\pi\,R^4}{8} - \Big(\frac{4\,R}{3\,\pi}\Big)^2 \cdot \frac{\pi\,R^2}{2} \\ &= \frac{\pi\,R^4}{8} - \frac{16\,R^2}{9\,\pi^2} \cdot \frac{\pi\,R^2}{2} \\ &= R^4 \Big(\frac{\pi}{8} - \frac{8}{9\,\pi}\Big) \end{aligned}
  4. Schritt 4: Numerisch und in der Biegung verwendbar
    Faktor π/88/(9π)0,3930,2830,110\pi/8 - 8/(9\,\pi) \approx 0{,}393 - 0{,}283 \approx 0{,}110. Also Iz0,110R4I_z \approx 0{,}110\,R^4. Vorbereitet für die Biegelinie-Berechnung.
    Numerischer Vorfaktor.
    Iz=R4(π889π)0,1098R4I_z = R^4 \cdot \Big(\frac{\pi}{8} - \frac{8}{9\,\pi}\Big) \approx 0{,}1098\,R^4
Formel Halbkreis IzI_z
Iz=R4(π/88/(9π))I_z = R^4 \big(\pi/8 - 8/(9\,\pi)\big)
Schwerpunkts-Trägheitsmoment des Halbkreises.
Merke Schwerpunkt 4R/(3π)4R/(3\pi)
Vom Mittelpunkt der flachen Seite. Standard-Resultat.
Querverweis Steiner
→ Kap. 6 Sec. 3.1

8.5 Walkthrough Teil 2: Biegelinie und Dimensionierung

Lösungsweg in 5 Schritten (Biegelinie und R)

  1. Schritt 1: Lagerkraft und Gesamtlast
    Eigengewicht über die ganze Länge 4a4\,a als Streckenlast q=gρAQuerschnitt=gρπR2/2q = g\,\rho\,A_{Querschnitt} = g\,\rho \cdot \pi\,R^2/2. Resultat: G=q4aG = q \cdot 4\,a. Plus die verteilte Last PP über das mittlere 2a2\,a. Lagerkräfte aus Symmetrie: A=B=(P+q4a)/2A = B = (P + q \cdot 4\,a)/2.
    Vorbereitung.
    A=B=P+q4a2,q=gρπR22A = B = \frac{P + q \cdot 4\,a}{2}, \qquad q = g\,\rho \cdot \frac{\pi\,R^2}{2}
  2. Schritt 2: Biegemoment in zwei Bereichen
    Bereich 1 (0xa0 \leq x \leq a, vor der verteilten Last): nur Eigengewicht und AA. Bereich 2 (ax2aa \leq x \leq 2\,a, in der verteilten Last): zusätzlich P/(2a)P/(2\,a) pro Längeneinheit als zusätzliche Streckenlast.
    Zwei Funktionen Mb(x)M_b(x).
    Mb,1(x)=q2x2AxMb,2(x)=12(P2a+q)x2(A+P2)x+aP4\begin{aligned} M_{b,1}(x) &= \frac{q}{2}\,x^2 - A\,x \\ M_{b,2}(x) &= \frac{1}{2}\Big(\frac{P}{2\,a} + q\Big)\,x^2 - \Big(A + \frac{P}{2}\Big)\,x + \frac{a\,P}{4} \end{aligned}
  3. Schritt 3: Doppelintegration mit vier Konstanten
    Pro Bereich zwei Integrationskonstanten (C1,C2C_1, C_2 für Bereich 1, C3,C4C_3, C_4 für Bereich 2). Insgesamt vier RB nötig: v1(0)=0v_1(0) = 0, v1(a)=v2(a)v_1(a) = v_2(a) (Stetigkeit), v1(a)=v2(a)v_1'(a) = v_2'(a) (Steigungs-Stetigkeit), v2(2a)=0v_2'(2\,a) = 0 (Symmetrie-Bedingung).
    Algebra-Block. Resultat siehe Üs7 Wiederholung.
    C2=0C4=a3P48C3=a26(12AP8aq)C1=a212(24A16aqP)\begin{aligned} C_2 &= 0 \\ C_4 &= \frac{a^3\,P}{48} \\ C_3 &= \frac{a^2}{6}(12\,A - P - 8\,a\,q) \\ C_1 &= \frac{a^2}{12}(24\,A - 16\,a\,q - P) \end{aligned}
  4. Schritt 4: Maximaler Durchbiegungs-Wert bei x=2a
    Biegelinie v2(x)v_2(x) bei x=2ax = 2\,a einsetzen. Das ist die Mitte aufgrund der Symmetrie. Mit AA und qq ausgedrückt durch PP und RR (über AA, qq aus Schritt 1) entsteht eine Formel allein in RR und Konstanten. Üs7-Lösung gibt explizit:
    Geschlossene Form.
    v2(2a)=3a3π(80aρgπR2+57P)2E(9π264)R4v_2(2\,a) = \frac{3\,a^3\,\pi\,(80\,a\,\rho\,g\,\pi\,R^2 + 57\,P)}{2\,E\,(9\,\pi^2 - 64)\,R^4}
  5. Schritt 5: Bedingung v(2a) ≤ R/10 lösen
    Setze v2(2a)R/10v_2(2\,a) \leq R/10 und löse die Ungleichung nach RR. Mit den gegebenen numerischen Werten (P=5P = 5 kN, E=210E = 210 GPa, a=50a = 50 cm, ρ=7,85\rho = 7{,}85 kg/dm³, g=9,81g = 9{,}81 m/s²) entsteht ein Polynom 5. Grades in RR, das numerisch gelöst werden muss.
    Endwert.
      R252  mm  \boxed{\;R \geq 252\;\mathrm{mm}\;}
Formel Resultat
R252  mmR \geq 252\;\mathrm{mm}
Minimaler Radius bei Halbkreis-Querschnitt.
Merke Polynom 5. Grades
Eigengewicht macht die Algebra länger.
Prüfungstipp Numerisch lösen
Newton-Verfahren oder Solver. Plausibilitätscheck am Ende.

Aufgaben mit Musterlösungen

Vier Multiple-Choice-Aufgaben aus Klausuren FS21, FS22, FS24, FS25. Antwort-Optionen 1:1 aus der Original-Klausur übernommen. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg.

Aufgabe 1

Aus Klausur FS25, Frage F1. Ein Balken AA-BB mit quadratischem Vollquerschnitt (Seitenlänge aa) ist an der Stelle AA unverschieblich gelagert. An der Stelle BB ist die horizontale Verschiebung verhindert. Er wird durch eine Gleichstreckenlast q=F/l>0q = F/l > 0 über die gesamte Länge AA-BB belastet. Zusätzlich wirkt an der Stelle BB eine Vertikalkraft mit dem Betrag F>0F > 0. Bestimme die horizontale Kraft BHB_H, die an der Stelle BB vom Tragwerk ins Auflager übertragen wird (BH>0B_H > 0 für Zugkraft, BH<0B_H < 0 für Druckkraft).

Aufgabe 2

Aus Klausur FS22, Frage E1. Der Balken AA-BB-CC (Biegesteifigkeit EIzE\,I_z) der Länge 2l2\,l ist an der Stelle AA unverschieblich (festes Gelenklager) und an der Stelle BB vertikal unverschieblich (Loslager) gelagert. CC ist freier Überstand der Länge ll. Am Ende CC greift ein in die positive zz-Richtung wirkendes Biegemoment mit dem Betrag M0>0M_0 > 0 an. Bestimme die vertikale Auflagerkraft BVB_V, die am Punkt BB übertragen wird (Vorzeichenkonvention: BV>0B_V > 0 für Zugkraft, BV<0B_V < 0 für Druckkraft).

Aufgabe 3

Aus Klausur FS24, Frage E1. Gegeben sei ein an der Stelle AA eingespannter Kragarm AA-BB-CC (Biegesteifigkeit EIE\,I), der an der Stelle BB durch eine um 45° (bezüglich der Horizontalen) geneigte Kraft F>0F > 0 belastet wird. Der Kragarm verläuft selbst unter 45° von AA unten links nach CC oben rechts; BB liegt in der Mitte. Die Strecke AA-BB hat horizontale Projektion ll und vertikale Projektion ll (analog für BB-CC). Bestimme die Horizontalverschiebung uCu_C des Punktes CC.

Aufgabe 4

Aus Klausur FS21, Frage F2. Der linear elastische Balken AA-BB-CC (Länge 2l2\,l, Elastizitätsmodul EE, Vollkreisquerschnitt mit Durchmesser aa, Flächenträgheitsmoment I=πa4/64I = \pi\,a^4/64) ist an der Stelle AA eingespannt und wird durch eine Kraft des Betrags 2F\sqrt{2}\,F an der Stelle BB unter 45° zur Horizontalen belastet. Bestimme den Betrag der maximalen Zugspannung maxσx\max\sigma_x an der Stelle AA für l=10al = 10\,a.
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!