1.1 Aufbau und Komponenten

In Kap. 1 hatten wir gesehen: am gleichen Punkt im Bauteil hat der Spannungsvektor S(X,n)\vec{S}(\vec{X}, \vec{n}) je nach Schnittrichtung n\vec{n} einen anderen Wert. Beim Zugstab unter 45°45° war das deutlich sichtbar. Diese ganze Familie von Vektoren wollen wir jetzt mathematisch sauber zusammenfassen, und das geht mit einem einzigen Objekt: dem Spannungstensor T\underline{\underline{T}}.

Wir beschränken uns in diesem Kapitel auf den ebenen Spannungszustand (2D). Die ganze Spannungs-Information am Punkt steckt dann in einer 2×22 \times 2-Matrix mit vier Einträgen: zwei Normalspannungen σx,σy\sigma_x, \sigma_y auf der Diagonale und zwei Schubspannungen τxy,τyx\tau_{xy}, \tau_{yx} ausserhalb. Die Diagonale beschreibt das Ziehen oder Drücken in xx- bzw. yy-Richtung; die Off-Diagonale beschreibt das tangentiale Schieben in den jeweiligen Schnittflächen.

Anschaulich kann man T\underline{\underline{T}} am infinitesimalen Würfel ablesen: an jeder Würfelseite wirken eine Normalspannung (senkrecht zur Fläche) und eine Schubspannung (in der Fläche). Die Indizes σij\sigma_{ij} und τij\tau_{ij} folgen einer einfachen Konvention. Erster Index: Schnittflächen-Normalrichtung, das heisst Richtung des Vektors welche senkrecht auf der Schnitt-Oberfläche steht. Dieser Index gibt also die Würfelseite an. Zweiter Index: Schubspannungs-Richtung, also wohin die Schubspannung in dieser Fläche zeigt.

Konkret: τxy\tau_{xy} ist die Schubspannung auf der Schnittfläche mit Normale in xx-Richtung (also der Würfelseite senkrecht zu ex\boldsymbol{e}_x), die in yy-Richtung wirkt. τyx\tau_{yx} ist umgekehrt: Schnittfläche mit Normale in yy-Richtung, Spannung in xx-Richtung. Im nächsten Abschnitt zeigen wir, dass diese beiden Komponenten aus Gleichgewichtsgründen gleich gross sein müssen.

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Spannungstensor in 2D
Txy=(σxτxyτyxσy)\underline{\underline{T}}_{xy} = \begin{pmatrix} \sigma_x & \tau_{xy} \\ \tau_{yx} & \sigma_y \end{pmatrix}
Diagonale: Normalspannungen (σx,σy\sigma_x, \sigma_y). Off-Diagonal: Schubspannungen (τxy,τyx\tau_{xy}, \tau_{yx}). Index-Konvention: erster Index Schnittnormale, zweiter Index Spannungs-Richtung.
Definition Spannungstensor 2D
2×22 \times 2-Matrix mit vier Einträgen, die den ebenen Spannungs-Zustand an einem Punkt vollständig beschreibt.
Merke Vier Zahlen pro Punkt
Zwei Diagonal-Einträge σx,σy\sigma_x, \sigma_y plus zwei Off-Diagonal-Einträge τxy,τyx\tau_{xy}, \tau_{yx}. Bevor wir die Symmetrie in 1.2 zeigen, sind das vier potenziell unabhängige Werte.
Notation Index-Reihenfolge
τij\tau_{ij}: erster Index ii ist die Schnittflächen-Normale, zweiter Index jj ist die Richtung der Spannung in dieser Fläche.
Querverweis Vorblick aus Kap. 1
→ 3D-Tensor in Kap. 1 (3.4)

1.2 Symmetrie: τxy=τyx\tau_{xy} = \tau_{yx}

Auf den ersten Blick hat T\underline{\underline{T}} vier unabhängige Einträge. Tatsächlich sind es nur drei, weil die beiden Schubkomponenten gleich gross sein müssen: τxy=τyx\tau_{xy} = \tau_{yx}. Diese Symmetrie ist keine willkürliche Festsetzung, sondern folgt direkt aus dem Momentengleichgewicht eines infinitesimalen Würfel-Elements.

Argument. Betrachte einen kleinen Würfel mit Kantenlänge dx=dydx = dy am Punkt. Auf seiner rechten Fläche (Normale +ex+\boldsymbol{e}_x) wirkt eine Schubspannung τxy\tau_{xy} in +y+y-Richtung; auf der linken Fläche das negative Gegenstück. Diese beiden bilden ein Kräftepaar mit Hebelarm dxdx, also ein Drehmoment um die zz-Achse. Damit der Würfel nicht in Rotation gerät, muss ein zweites Kräftepaar das Moment ausgleichen: τyx\tau_{yx} auf den oberen und unteren Flächen. Setzt man die beiden Momente gleich, fällt der Hebelarm raus, und es bleibt τxy=τyx\tau_{xy} = \tau_{yx}. Die erste Abbildung hilft dir dabei, dir das vorzustellen. (Der Würfel wird von der Seite betrachtet mit der Normalen in z-Richtung, daher sieht man nur ein Quadrat.)

Das bedeutet: in 2D hat der Spannungstensor nur drei unabhängige Komponenten \\ (σx,σy,τxy\sigma_x, \sigma_y, \tau_{xy}). Die Schubspannung in einer xx-Schnittfläche ist gleich der Schubspannung in einer yy-Schnittfläche, beide mit gleichem Vorzeichen. Diese symmetrische Struktur ist später beim Mohrschen Kreis und bei den Hauptspannungen entscheidend.

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Symmetrie der Schubspannungen
τxy=τyx\tau_{xy} = \tau_{yx}
Folgt aus dem Momentengleichgewicht eines infinitesimalen Würfel-Elements. Drei unabhängige Komponenten in 2D statt vier.
Symmetrische Tensor-Form
Txy=(σxτxyτxyσy)\underline{\underline{T}}_{xy} = \begin{pmatrix} \sigma_x & \tau_{xy} \\ \tau_{xy} & \sigma_y \end{pmatrix}
Drei unabhängige Einträge: σx,σy,τxy\sigma_x, \sigma_y, \tau_{xy}. Off-Diagonale gleich gross wegen Symmetrie.
Merke Drei statt vier
In 2D hat T\underline{\underline{T}} wegen τxy=τyx\tau_{xy} = \tau_{yx} nur drei unabhängige Komponenten.
Definition Momentengleichgewicht
Summe aller Drehmomente um den Würfelmittelpunkt =0= 0. Liefert die Symmetrie τij=τji\tau_{ij} = \tau_{ji}.
Prüfungstipp Eselsbrücke
Wäre τxyτyx\tau_{xy} \neq \tau_{yx}, würde der Würfel rotieren. Da Statik-Gleichgewicht keine Rotation zulässt, müssen sie gleich sein.

1.3 Cauchy-Hauptsatz angewendet

Wir hatten in Kap. 1 (Section 3.4) den Cauchy-Hauptsatz kurz vorgestellt: an einem Punkt X\vec{X} liefert das Matrix-Vektor-Produkt S=Tn\vec{S} = \underline{\underline{T}} \cdot \vec{n} den Spannungsvektor zur Schnittnormale n\vec{n}. Hier in 2D wollen wir ihn explizit durchrechnen und sehen, wie er die Zerlegung in σn\sigma_n und τn\tau_n am Schnitt herstellt.

Sei n=(nx,ny)\vec{n} = (n_x, n_y)^\top ein Einheitsvektor (also nx2+ny2=1n_x^2 + n_y^2 = 1) und T\underline{\underline{T}} der symmetrische Tensor aus 1.2. Komponentenweise ausgeschrieben: sx=σxnx+τxynys_x = \sigma_x n_x + \tau_{xy} n_y, sy=τxynx+σynys_y = \tau_{xy} n_x + \sigma_y n_y. Das ist der ganze Cauchy-Hauptsatz in 2D, ohne Tricks.

Für die Zerlegung wählen wir den Tangenten-Einheitsvektor t=(ny,nx)\vec{t} = (-n_y, n_x)^\top (senkrecht zu n\vec{n} und in der Schnittebene). Dann sind die beiden Komponenten von S\vec{S} in dieser Basis: σn=Sn\sigma_n = \vec{S} \cdot \vec{n} als Normalanteil und τn=St\tau_n = \vec{S} \cdot \vec{t} als Schubanteil. Beide ergeben sich also aus zwei Skalarprodukten, sobald S\vec{S} bekannt ist.

Setzt man S=Tn\vec{S} = \underline{\underline{T}}\,\vec{n} in σn=Sn\sigma_n = \vec{S} \cdot \vec{n} ein, wird σn=nTn\sigma_n = \vec{n}^\top \underline{\underline{T}}\,\vec{n}. Das ist eine quadratische Form in n\vec{n}. Genau diese Form werden wir in Section 2 nutzen, um zu zeigen, wie σn\sigma_n vom Drehwinkel des Schnitts abhängt.

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Cauchy-Hauptsatz (2D)
S=Tn=(σxnx+τxynyτxynx+σyny)\vec{S} = \underline{\underline{T}} \cdot \vec{n} = \begin{pmatrix} \sigma_x n_x + \tau_{xy} n_y \\ \tau_{xy} n_x + \sigma_y n_y \end{pmatrix}
Lineare Abbildung von der Schnittnormale auf den Spannungsvektor. n=(nx,ny)\vec{n} = (n_x, n_y)^\top Einheitsvektor.
Normal- und Schubanteil
σn=Tnn=nTn,τn=tTn\sigma_n = \underline{\underline{T}}\,\vec{n}\,\vec{n} = \vec{n}^\top \underline{\underline{T}}\,\vec{n}, \\ \tau_n = \vec{t}^\top \underline{\underline{T}}\,\vec{n}
σn\sigma_n als quadratische Form in n\vec{n}. t=(ny,nx)\vec{t} = (-n_y, n_x)^\top ist der Tangenten-Einheitsvektor.
Formel Cauchy in einer Zeile
S=Tn\vec{S} = \underline{\underline{T}} \cdot \vec{n}
Tensor mal Schnittnormale ergibt Spannungsvektor. Die zentrale lineare Abbildung.
Merke Aus S\vec{S} folgt σn\sigma_n und τn\tau_n
Sobald S\vec{S} bekannt ist, sind beide Komponenten zwei Skalarprodukte: σn=Sn\sigma_n = \vec{S} \cdot \vec{n}, τn=St\tau_n = \vec{S} \cdot \vec{t}.
Prüfungstipp Tangente
t=(ny,nx)\vec{t} = (-n_y, n_x)^\top steht senkrecht auf n\vec{n} und liegt in der Schnittebene.
Querverweis Vertiefung
→ Kap. 1 Section 3.2 (Zerlegung)

1.4 Beispiel: Spannungsvektor und Komponenten

Aufgabe (aus Übungsserie 2, H1). Ein Balken A-D der Länge ll ist an der Stelle D gelenkig mit dem Stab D-E verbunden. Am Gelenk D wirkt eine Kraft mit Betrag FF in positiver yy-Richtung. An der Mitte (Stelle B) des Balkens A-D ist ein Kragarm B-C der Länge l/2l/2 angeschweisst, an dem eine Horizontalkraft FF angreift. Der Stab D-E besitzt einen quadratischen Querschnitt mit Seitenlänge dld \ll l. Bestimme: (a) die Normalspannung σ0\sigma_0 im Querschnitt aa-aa senkrecht zur Stab-D-E-Achse, (b) die Normalspannung σbb\sigma_{bb} am hypothetischen Schnitt bb-bb, der mit der Stab-D-E-Achse den Winkel γ\gamma einschliesst (Geometrie aus Lageplan: sinγ=2/5\sin\gamma = 2/\sqrt{5}), und (c) den Betrag der Schubspannung τbb|\tau_{bb}| an demselben Schnitt.

Lösungsweg in 6 Schritten

  1. Schritt 1: Normalkraft im Stab D-E aus Gleichgewicht
    Der Balken A-D dreht um das Lager A. Das Momentengleichgewicht M(A)=0\sum M^{(A)} = 0 bringt FF am Kragarm B-C, FF am Gelenk D und die unbekannte Stab-Normalkraft NDEN_{DE} in Beziehung. Aus der Geometrie liest man sinγ=2/5\sin\gamma = 2/\sqrt{5}, cosγ=1/5\cos\gamma = 1/\sqrt{5} ab.
    Momentengleichgewicht um A liefert die axiale Stabkraft.
    NDE=3F2sinγ=354FN_{DE} = \frac{3F}{2\sin\gamma} = \frac{3\sqrt{5}}{4}\,F
  2. Schritt 2: Normalspannung im Schnitt aa-aa
    Der Schnitt aa-aa steht senkrecht zur Stabachse. Bei reiner Axiallast und konstantem quadratischem Querschnitt A=d2A = d^2 ist die Normalspannung gleichmässig über die Schnittfläche verteilt, σ0=NDE/A\sigma_0 = N_{DE}/A. Schubspannung τ0=0\tau_0 = 0.
    Einsetzen von NDEN_{DE} und A=d2A = d^2.
    σ0=NDEd2=354Fd2,τ0=0\sigma_0 = \frac{N_{DE}}{d^2} = \frac{3\sqrt{5}}{4}\,\frac{F}{d^2}, \qquad \tau_0 = 0
  3. Schritt 3: Tensor des Stab-Spannungs-Zustands
    Im Koordinatensystem mit xx-Achse entlang der Stabachse hat der Stab nur eine einzige Spannungs-Komponente. Der Tensor ist diagonal mit einem Null-Eintrag, alle Off-Diagonal-Schubeinträge sind null.
    Im xyxy-Koordinatensystem mit xx entlang der Stabachse:
    Txy=(σ0000)\underline{\underline{T}}_{xy} = \begin{pmatrix} \sigma_0 & 0 \\ 0 & 0 \end{pmatrix}
  4. Schritt 4: Schnittnormale am schrägen Schnitt bb-bb
    Der Schnitt bb-bb schliesst den Winkel γ\gamma mit der Stabachse ein. Die Schnittnormale steht senkrecht zur Schnittebene und schliesst daher den komplementären Winkel αbb=π/2γ\alpha_{bb} = \pi/2 - \gamma mit der Stabachse ein. Damit ist cosαbb=sinγ=2/5\cos\alpha_{bb} = \sin\gamma = 2/\sqrt{5} und sinαbb=cosγ=1/5\sin\alpha_{bb} = \cos\gamma = 1/\sqrt{5}.
    Schnittnormale im xyxy-Koordinatensystem:
    nbb=(cosαbbsinαbb)=15(21)\vec{n}_{bb} = \begin{pmatrix} \cos\alpha_{bb} \\ \sin\alpha_{bb} \end{pmatrix} = \frac{1}{\sqrt{5}}\begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix}
  5. Schritt 5: Normalspannung σbb\sigma_{bb} via Cauchy-Hauptsatz
    Cauchy liefert S=Tnbb\vec{S} = \underline{\underline{T}} \cdot \vec{n}_{bb}, dann σbb=Snbb=nbbTnbb\sigma_{bb} = \vec{S} \cdot \vec{n}_{bb} = \vec{n}_{bb}^\top \underline{\underline{T}}\,\vec{n}_{bb}. Mit dem Diagonal-Tensor wird das einfach σ0nx2=σ0cos2αbb\sigma_0\,n_x^2 = \sigma_0 \cos^2\alpha_{bb}.
    Einsetzen von cos2αbb=4/5\cos^2\alpha_{bb} = 4/5:
    σbb=σ0cos2αbb=σ045=45σ0\sigma_{bb} = \sigma_0\,\cos^2\alpha_{bb} = \sigma_0 \cdot \frac{4}{5} = \frac{4}{5}\,\sigma_0
  6. Schritt 6: Schubspannung τbb|\tau_{bb}|
    Der Tangenten-Einheitsvektor in der Schnittebene ist tbb=(sinαbb,cosαbb)\vec{t}_{bb} = (-\sin\alpha_{bb}, \cos\alpha_{bb})^\top. Aus τbb=Stbb=σ0sinαbbcosαbb\tau_{bb} = \vec{S} \cdot \vec{t}_{bb} = -\sigma_0\,\sin\alpha_{bb}\cos\alpha_{bb} folgt der Betrag.
    Mit sinαbbcosαbb=(1/5)(2/5)=2/5\sin\alpha_{bb}\cos\alpha_{bb} = (1/\sqrt{5})(2/\sqrt{5}) = 2/5:
      σ0=354Fd2,σbb=45σ0,τbb=25σ0  \boxed{\;\sigma_0 = \tfrac{3\sqrt{5}}{4}\,\tfrac{F}{d^2}, \quad \sigma_{bb} = \tfrac{4}{5}\sigma_0, \quad |\tau_{bb}| = \tfrac{2}{5}\sigma_0\;}
Formel Resultate
σ0=354Fd2\sigma_0 = \tfrac{3\sqrt{5}}{4}\tfrac{F}{d^2}
Plus σbb=45σ0\sigma_{bb} = \tfrac{4}{5}\sigma_0 und τbb=25σ0|\tau_{bb}| = \tfrac{2}{5}\sigma_0.
Merke Schlüsselschritt
Cauchy-Hauptsatz mit Diagonal-Tensor reduziert sich auf Schnittwinkel-Formeln. Beide Sichtweisen liefern dasselbe.
Prüfungstipp Geometrie-Check
sinγ=2/5\sin\gamma = 2/\sqrt{5} folgt aus den Hebelarmen ll und l/2l/2 im Lageplan. Vor der Stab-Rechnung Geometrie sauber zeichnen.

2.1 Drehung um den Winkel α\alpha

Bisher haben wir den Spannungstensor in einem festen xyxy-Koordinatensystem ausgedrückt. Was passiert, wenn wir das Koordinatensystem drehen? Der physikalische Spannungs-Zustand am Punkt bleibt natürlich derselbe, aber seine Komponenten ändern sich, weil sie immer relativ zu einem Koordinatensystem definiert sind.

Setup. Das ursprüngliche Koordinatensystem mit Achsen x,yx, y und Einheitsvektoren ex,ey\boldsymbol{e}_x, \boldsymbol{e}_y wird um den Winkel α\alpha entgegen dem Uhrzeigersinn gedreht. Das neue Koordinatensystem heisst ξη\xi\eta mit Einheitsvektoren eξ=(cosα,sinα)\boldsymbol{e}_\xi = (\cos\alpha, \sin\alpha)^\top und eη=(sinα,cosα)\boldsymbol{e}_\eta = (-\sin\alpha, \cos\alpha)^\top. Im gedrehten Koordinatensystem nennen wir die Tensor-Komponenten σξ,ση,τξη\sigma_\xi, \sigma_\eta, \tau_{\xi\eta}.

Idee. Da σξ\sigma_\xi die Normalspannung an einer Schnittfläche mit Normale eξ\boldsymbol{e}_\xi ist, können wir sie direkt aus dem Cauchy-Hauptsatz berechnen: σξ=eξTeξ\sigma_\xi = \boldsymbol{e}_\xi^\top \underline{\underline{T}}\,\boldsymbol{e}_\xi. Das ist genau die quadratische Form aus 1.3, ausgewertet bei n=eξ\vec{n} = \boldsymbol{e}_\xi. Analog für ση=eηTeη\sigma_\eta = \boldsymbol{e}_\eta^\top \underline{\underline{T}}\,\boldsymbol{e}_\eta und für τξη=eξTeη\tau_{\xi\eta} = \boldsymbol{e}_\xi^\top \underline{\underline{T}}\,\boldsymbol{e}_\eta.

Bedeutung. Die Drehung des Koordinatensystems ist äquivalent dazu, den Schnitt am Bauteil unter dem Winkel α\alpha zu legen. Die Frage was sind die Spannungen, wenn ich das Koordinatensystem um α\alpha drehe? ist also identisch mit was passiert am Schnitt unter Winkel α\alpha?. Beide Sichtweisen führen auf die gleichen Formeln, die wir gleich aufschreiben.

Definition Gedrehtes Koordinatensystem
Achsen ξ,η\xi, \eta sind das um den Winkel α\alpha gegenüber x,yx, y gedrehte Koordinatensystem (gegen den Uhrzeigersinn).
Notation Einheitsvektoren
eξ=(cosα,sinα)\boldsymbol{e}_\xi = (\cos\alpha, \sin\alpha)^\top, eη=(sinα,cosα)\boldsymbol{e}_\eta = (-\sin\alpha, \cos\alpha)^\top. Beide sind xyxy-Komponenten der gedrehten Achsen.
Merke Koordinatensystem oder Schnitt?
Beide Sichtweisen sind äquivalent. Eine Drehung des Koordinatensystems um α\alpha entspricht einem Schnitt unter Winkel α\alpha zur ursprünglichen Achse.

2.2 Transformations-Formeln

Setzt man eξ\boldsymbol{e}_\xi und eη\boldsymbol{e}_\eta in die quadratischen Formen aus 2.1 ein, fallen die Skalarprodukte explizit auf trigonometrische Ausdrücke. Wir erhalten drei Formeln, eine pro neue Komponente, alle in σx,σy,τxy\sigma_x, \sigma_y, \tau_{xy} und Trigonometrie von α\alpha ausgedrückt. Diese Form mit sinαcosα\sin\alpha\cos\alpha und sin2α,cos2α\sin^2\alpha, \cos^2\alpha ist die direkte Auswertung.

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Transformations-Formeln (sin/cos²-Form)
σξ(α)=σxcos2α+σysin2α+2τxysinαcosαση(α)=σxsin2α+σycos2α2τxysinαcosατξη(α)=(σyσx)sinαcosα+τxy(cos2αsin2α)\begin{aligned} \sigma_\xi(\alpha) &= \sigma_x \cos^2\alpha + \sigma_y \sin^2\alpha + 2\tau_{xy} \sin\alpha\cos\alpha \\ \sigma_\eta(\alpha) &= \sigma_x \sin^2\alpha + \sigma_y \cos^2\alpha - 2\tau_{xy} \sin\alpha\cos\alpha \\ \tau_{\xi\eta}(\alpha) &= (\sigma_y - \sigma_x) \sin\alpha\cos\alpha + \tau_{xy}(\cos^2\alpha - \sin^2\alpha) \end{aligned}
Direkte Auswertung der quadratischen Formen. σξ+ση=σx+σy\sigma_\xi + \sigma_\eta = \sigma_x + \sigma_y ist die Spur-Invariante (unabhängig vom Koordinatensystem).

Mit den Doppelwinkel-Identitäten sin(2α)=2sinαcosα\sin(2\alpha) = 2\sin\alpha\cos\alpha und cos(2α)=cos2αsin2α\cos(2\alpha) = \cos^2\alpha - \sin^2\alpha lassen sich diese drei Ausdrücke kompakter schreiben. Diese Doppelwinkel-Form ist die Brücke zum Mohrschen Kreis: jeder Eintrag ist eine Sinus- oder Kosinus-Welle in 2α2\alpha um einen Mittelwert. Genau dieses Pattern wird der Mohr-Kreis grafisch darstellen.

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Transformations-Formeln (Doppelwinkel-Form)
σξ(α)=σx+σy2+σxσy2cos(2α)+τxysin(2α)ση(α)=σx+σy2σxσy2cos(2α)τxysin(2α)τξη(α)=σxσy2sin(2α)+τxycos(2α)\begin{aligned} \sigma_\xi(\alpha) &= \frac{\sigma_x + \sigma_y}{2} + \frac{\sigma_x - \sigma_y}{2}\cos(2\alpha) + \tau_{xy}\sin(2\alpha) \\ \sigma_\eta(\alpha) &= \frac{\sigma_x + \sigma_y}{2} - \frac{\sigma_x - \sigma_y}{2}\cos(2\alpha) - \tau_{xy}\sin(2\alpha) \\ \tau_{\xi\eta}(\alpha) &= -\frac{\sigma_x - \sigma_y}{2}\sin(2\alpha) + \tau_{xy}\cos(2\alpha) \end{aligned}
Brücke zum Mohrschen Kreis. Mittelwert (σx+σy)/2(\sigma_x + \sigma_y)/2 plus Sinus-/Kosinus-Welle in 2α2\alpha mit Amplitude (σxσy)2/4+τxy2\sqrt{(\sigma_x - \sigma_y)^2/4 + \tau_{xy}^2}.
Formel Doppelwinkel-Identitäten
sin(2α)=2sinαcosα,cos(2α)=cos2αsin2α\sin(2\alpha) = 2\sin\alpha\cos\alpha, \quad \cos(2\alpha) = \cos^2\alpha - \sin^2\alpha
Verbinden die sin/cos²-Form mit der Doppelwinkel-Form.
Merke Spur-Invariante
σξ+ση=σx+σy\sigma_\xi + \sigma_\eta = \sigma_x + \sigma_y ist unabhängig von α\alpha. Erste Tensor-Invariante in 2D.
Merke Brücke zum Mohr-Kreis
Mittelwert (σx+σy)/2(\sigma_x + \sigma_y)/2 wird zum Kreis-Mittelpunkt; Amplitude wird zum Radius.
Prüfungstipp Faktor 2 im Winkel
Mohr-Kreis arbeitet mit 2α2\alpha, das Bauteil mit α\alpha. Beim Ablesen Winkel halbieren oder verdoppeln je nach Richtung.

2.3 Beispiel: Drehung um konkretes α\alpha

Aufgabe (aus Übungsserie 2, H2). Der ebene Spannungszustand in einem Punkt PP eines Körpers ist durch die Hauptachsen und die Hauptspannungen gegeben: σ1=5k\sigma_1 = 5k, σ2=2k\sigma_2 = -2k (mit k[N/m2]k\,[\text{N/m}^2]). Bestimme die Normalspannung σ\sigma und die Schubspannung τ\tau am Flächenelement, dessen Schnittnormale n\vec{n} um 30°30° zur xx-Achse geneigt ist (mit der xx-Achse entlang der ersten Hauptrichtung).

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Tensor im Hauptachsen-Koordinatensystem
    In den Hauptachsen ist der Tensor diagonal. Die Schubspannung verschwindet (das ist gerade die Definition der Hauptachsen). Damit hat der Tensor seine einfachste Form: nur die Hauptspannungen auf der Diagonale.
    Mit σ1=5k\sigma_1 = 5k und σ2=2k\sigma_2 = -2k:
    T=(σ100σ2)=(5k002k)\underline{\underline{T}} = \begin{pmatrix} \sigma_1 & 0 \\ 0 & \sigma_2 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 5k & 0 \\ 0 & -2k \end{pmatrix}
  2. Schritt 2: Schnittnormale und Tangente
    Die Schnittnormale n\vec{n} steht im 30°30°-Winkel zur xx-Achse. Mit Standardform n=(cosα,sinα)\vec{n} = (\cos\alpha, \sin\alpha)^\top. Der Tangenten-Einheitsvektor t\vec{t} ist 90°90° gegen den Uhrzeigersinn weiter, also t=(sinα,cosα)\vec{t} = (-\sin\alpha, \cos\alpha)^\top. Beide bilden mit der zz-Achse ein Rechtssystem.
    Bei α=30°\alpha = 30°:
    n=12(31),t=12(13)\vec{n} = \frac{1}{2}\begin{pmatrix} \sqrt{3} \\ 1 \end{pmatrix}, \qquad \vec{t} = \frac{1}{2}\begin{pmatrix} -1 \\ \sqrt{3} \end{pmatrix}
  3. Schritt 3: Spannungsvektor S=Tn\vec{S} = \underline{\underline{T}} \cdot \vec{n}
    Cauchy-Hauptsatz auf den Diagonal-Tensor angewendet: jede Komponente bekommt einfach den passenden Diagonal-Eintrag als Faktor. Erste Komponente: σ1nx=5k3/2\sigma_1 n_x = 5k \cdot \sqrt{3}/2. Zweite Komponente: σ2ny=2k1/2\sigma_2 n_y = -2k \cdot 1/2.
    Spannungsvektor im Hauptachsen-Koordinatensystem:
    S=Tn=(53/21)k\vec{S} = \underline{\underline{T}} \cdot \vec{n} = \begin{pmatrix} 5\sqrt{3}/2 \\ -1 \end{pmatrix} k
  4. Schritt 4: Normalspannung σ=Sn\sigma = \vec{S} \cdot \vec{n}
    Die Normalspannung am Schnitt ist die Komponente des Spannungsvektors entlang der Schnittnormale. Skalarprodukt komponentenweise.
    σ=(53/2)(3/2)+(1)(1/2)=15/41/2=13/4\sigma = (5\sqrt{3}/2)(\sqrt{3}/2) + (-1)(1/2) = 15/4 - 1/2 = 13/4.
    σ=Sn=(53/21)12(31)k=134k\sigma = \vec{S} \cdot \vec{n} = \begin{pmatrix} 5\sqrt{3}/2 \\ -1 \end{pmatrix} \cdot \frac{1}{2}\begin{pmatrix} \sqrt{3} \\ 1 \end{pmatrix}\,k = \frac{13}{4}\,k
  5. Schritt 5: Schubspannung τ=St\tau = \vec{S} \cdot \vec{t}
    Analog die Komponente von S\vec{S} entlang der Tangente t\vec{t}. Vorzeichen kommt aus der Wahl von t\vec{t}: zeigt S\vec{S} entgegen t\vec{t}, ist τ\tau negativ.
    τ=(53/2)(1/2)+(1)(3/2)=53/43/2=73/4\tau = (5\sqrt{3}/2)(-1/2) + (-1)(\sqrt{3}/2) = -5\sqrt{3}/4 - \sqrt{3}/2 = -7\sqrt{3}/4.
      σ=134k,τ=734k  \boxed{\;\sigma = \frac{13}{4}\,k, \quad \tau = -\frac{7\sqrt{3}}{4}\,k\;}
Formel Resultate
σ=134k,τ=734k\sigma = \tfrac{13}{4}\,k, \quad \tau = -\tfrac{7\sqrt{3}}{4}\,k
Bei α=30°\alpha = 30° gegen die erste Hauptrichtung.
Merke Hauptachsen-Koordinatensystem
Im Hauptachsen-Koordinatensystem ist der Tensor diagonal. Cauchy reduziert sich auf zwei einfache Multiplikationen.
Prüfungstipp Mohr-Kreis-Express
σ=M+Rcos(2α)\sigma = M + R\cos(2\alpha), τ=Rsin(2α)\tau = -R\sin(2\alpha) im Hauptachsen-Koordinatensystem. Doppelter Winkel im Mohr-Kreis.
Querverweis Querverweis
→ 2.2 Doppelwinkel-Form

3.1 Konstruktion

Der Mohrsche Kreis ist die geometrische Visualisierung der Doppelwinkel-Form aus 2.2. Trägt man σξ\sigma_\xi horizontal und τξη-\tau_{\xi\eta} vertikal in einem Diagramm auf und lässt α\alpha von 00 bis π\pi laufen, fährt der Punkt (σξ(α),τξη(α))(\sigma_\xi(\alpha), -\tau_{\xi\eta}(\alpha)) einen Kreis ab. Das ist der Mohrsche Kreis.

Konstruktion in drei Schritten. Erstens: trage die zwei Punkte X=(σx,τxy)X = (\sigma_x, -\tau_{xy}) und Y=(σy,+τxy)Y = (\sigma_y, +\tau_{xy}) ins στ\sigma\tau-Diagramm ein. Sie liegen auf gegenüberliegenden Seiten des Kreises. Zweitens: ihr Mittelpunkt liegt auf der σ\sigma-Achse bei M=(σx+σy)/2M = (\sigma_x + \sigma_y)/2. Drittens: der Radius ist der Abstand von MM zu einem der Punkte, R=(σxσy)2/4+τxy2R = \sqrt{(\sigma_x - \sigma_y)^2/4 + \tau_{xy}^2}.

Diese Konstruktion folgt direkt aus der Doppelwinkel-Form. Setze α=0\alpha = 0: dann sind σξ=σx\sigma_\xi = \sigma_x und τξη=τxy\tau_{\xi\eta} = \tau_{xy}, der Punkt XX landet bei (σx,τxy)(\sigma_x, -\tau_{xy}) (mit Vorzeichen-Konvention für die τ\tau-Achse). Setze α=π/2\alpha = \pi/2: dann sind σξ=σy\sigma_\xi = \sigma_y und τξη=τxy\tau_{\xi\eta} = -\tau_{xy}, der Punkt YY landet bei (σy,+τxy)(\sigma_y, +\tau_{xy}). Beide Punkte liegen 180°180° auseinander am Kreis (entspricht α\alpha-Differenz π/2\pi/2, also Faktor 2 in Mohr).

Wenn man α\alpha jetzt von 00 in kleinen Schritten erhöht, wandert der Punkt XX entgegen dem Uhrzeigersinn auf dem Kreis. Bei 2α=2\alpha = einer halben Umdrehung (α=π/4\alpha = \pi/4, also Schnitt unter 45°45°) ist man genau auf der Spitze des Kreises, wo τ\tau maximal ist. Bei 2α=180°2\alpha = 180° (α=90°\alpha = 90°) hat man den Punkt YY erreicht.

!!!
Mittelpunkt des Mohr-Kreises
M=(σx+σy2,  0)M = \left(\frac{\sigma_x + \sigma_y}{2},\; 0\right)
Mittelpunkt liegt immer auf der σ\sigma-Achse, weil die τ\tau-Komponente im Mittel verschwindet. Erste Tensor-Invariante: σx+σy\sigma_x + \sigma_y ändert sich nicht unter Drehung.
!!!
Radius des Mohr-Kreises
R=(σxσy2)2+τxy2R = \sqrt{\left(\frac{\sigma_x - \sigma_y}{2}\right)^2 + \tau_{xy}^2}
Folgt aus Pythagoras im Dreieck MM, XX, Fusspunkt: Kathete waagrecht (σxσy)/2(\sigma_x - \sigma_y)/2, Kathete senkrecht τxy\tau_{xy}.
Definition Mohrscher Kreis
Geometrische Darstellung der στ\sigma\tau-Werte an allen möglichen Schnitten am Punkt, parametrisiert durch den Schnittwinkel α\alpha.
Formel Mittelpunkt
M=σx+σy2M = \frac{\sigma_x + \sigma_y}{2}
Auf der σ\sigma-Achse. Tensor-Invariante.
Formel Radius
R=(σxσy)24+τxy2R = \sqrt{\frac{(\sigma_x - \sigma_y)^2}{4} + \tau_{xy}^2}
Pythagoras-Abstand zwischen MM und Eingangspunkt XX.
Prüfungstipp Eingangspunkte
X=(σx,τxy)X = (\sigma_x, -\tau_{xy}) und Y=(σy,+τxy)Y = (\sigma_y, +\tau_{xy}) liegen 180°180° auseinander am Kreis.

3.2 Was man am Kreis abliest

Sobald der Kreis konstruiert ist, lassen sich die wichtigsten Grössen ohne weitere Rechnung ablesen. Die Hauptspannungen σ1,σ2\sigma_1, \sigma_2 sind die Schnittpunkte mit der σ\sigma-Achse, also σ1,2=M±R\sigma_{1,2} = M \pm R. Die maximale Schubspannung τmax\tau_{\max} ist der höchste Punkt des Kreises, also τmax=R\tau_{\max} = R. Der Drehwinkel zur Hauptachse, im Mohr-Kreis als 2α12\alpha_1 ablesbar, ist im Bauteil halbiert: α1\alpha_1.

Ablese-Schritte. Erstens: σ\sigma-Achsen-Schnittpunkte des Kreises markieren, beschriften als σ1\sigma_1 (rechts) und σ2\sigma_2 (links). Zweitens: höchster Punkt markieren als τmax\tau_{\max}. Drittens: im Mohr-Kreis den Winkel von Punkt XX zur +σ+\sigma-Achse messen, das ist 2α12\alpha_1, halbieren zu α1\alpha_1. Damit hat man Hauptspannungen, max. Schub und Hauptwinkel auf einen Blick.

Für eine Schnittfläche unter beliebigem Winkel α\alpha am Bauteil sucht man den Punkt am Kreis mit Winkel 2α2\alpha vom Eingangspunkt XX aus (im Mohr-Kreis im gleichen Drehsinn wie am Bauteil). Die σ\sigma-Koordinate dieses Punktes ist σn(α)\sigma_n(\alpha), die τ\tau-Koordinate ist τn(α)-\tau_n(\alpha). So bekommt man jede Drehung am Bauteil als geometrische Auswertung am Kreis.

Merke Hauptspannungen ablesen
σ1,2=M±R\sigma_{1,2} = M \pm R. Schnittpunkte mit der σ\sigma-Achse.
Merke Max. Schubspannung ablesen
τmax=R\tau_{\max} = R. Höchster Punkt des Kreises.
Prüfungstipp Drehwinkel im Kreis
Am Mohr-Kreis stets 2α2\alpha, am Bauteil α\alpha. Verbindungslinie von MM zu XX macht Winkel 2α1-2\alpha_1 mit der +σ+\sigma-Achse.

3.3 Beispiel: Mohr-Konstruktion und Ablesen

Aufgabe (aus Übungsserie 3, H1). Gegeben sei die Matrix {T}xy=(1112)k\{\underline{\underline{T}}\}_{xy} = \begin{pmatrix} -1 & 1 \\ 1 & 2 \end{pmatrix} k mit k>0k > 0, die den Spannungstensor im xyxy-Koordinatensystem repräsentiert. (1) Bestimme die Matrix {T}ξη\{\underline{\underline{T}}\}_{\xi\eta} im ξη\xi\eta-Koordinatensystem, das um 45°45° gegenüber dem xyxy-Koordinatensystem gedreht ist. (2) Bestimme die Hauptspannungen σI\sigma_I (Maximum) und σII\sigma_{II} (Minimum) auf Basis von {T}xy\{\underline{\underline{T}}\}_{xy}. (3) Konstruiere den zugehörigen Mohrschen Spannungskreis und trage die Punkte (σξ,τξη)(\sigma_\xi, \tau_{\xi\eta}), (σI,0)(\sigma_I, 0) und (σII,0)(\sigma_{II}, 0) ein. (4) Bestimme die Hauptspannungsrichtungen analytisch.

Lösungsweg in 6 Schritten

  1. Schritt 1: Tensor-Komponenten ablesen
    Lese aus der gegebenen Matrix die drei unabhängigen Komponenten ab. Diagonale: Normalspannungen. Off-Diagonal: Schubspannung. Alle in Einheiten von kk.
    Drei Komponenten:
    σx=k,σy=2k,τxy=k\sigma_x = -k,\quad \sigma_y = 2k,\quad \tau_{xy} = k
  2. Schritt 2: Koordinatentransformation auf ξη\xi\eta bei α=45°\alpha = 45°
    Mit den Doppelwinkel-Formeln aus 2.2 bei α=45°\alpha = 45°: cos(2α)=cos(90°)=0\cos(2\alpha) = \cos(90°) = 0 und sin(2α)=sin(90°)=1\sin(2\alpha) = \sin(90°) = 1. Die Cosinus-Beiträge fallen weg, nur die Sinus-Terme bleiben.
    Komponenten im gedrehten Koordinatensystem:
    σξ=σx+σy2+τxy=12+1=32kση=σx+σy2τxy=121=12kτξη=σxσy2=32=32k\begin{aligned} \sigma_\xi &= \tfrac{\sigma_x + \sigma_y}{2} + \tau_{xy} = \tfrac{1}{2} + 1 = \tfrac{3}{2}\,k \\ \sigma_\eta &= \tfrac{\sigma_x + \sigma_y}{2} - \tau_{xy} = \tfrac{1}{2} - 1 = -\tfrac{1}{2}\,k \\ \tau_{\xi\eta} &= -\tfrac{\sigma_x - \sigma_y}{2} = -\tfrac{-3}{2} = \tfrac{3}{2}\,k \end{aligned}
  3. Schritt 3: Mittelpunkt MM und Radius RR des Mohr-Kreises
    Standard-Mohr-Formeln aus 3.1. MM ist Mittelwert der Diagonale (Spur-Invariante), RR ist Pythagoras aus halber Diagonal-Differenz und Schub.
    Einsetzen der Komponenten aus Schritt 1.
    M=1+22k=12k,R=(12)24+12k=94+1k=132kM = \frac{-1 + 2}{2}\,k = \frac{1}{2}\,k, \qquad R = \sqrt{\frac{(-1-2)^2}{4} + 1^2}\,k = \sqrt{\frac{9}{4} + 1}\,k = \frac{\sqrt{13}}{2}\,k
  4. Schritt 4: Hauptspannungen σI,σII\sigma_I, \sigma_{II}
    Die Hauptspannungen sind die Schnittpunkte des Mohr-Kreises mit der σ\sigma-Achse, also M±RM \pm R. Konvention: σI\sigma_I mit +R+R, σII\sigma_{II} mit R-R.
    Numerisch: 13/21.803\sqrt{13}/2 \approx 1.803, also σI2.303k\sigma_I \approx 2.303\,k, σII1.303k\sigma_{II} \approx -1.303\,k.
    σI=1+132k2,303k,σII=1132k1,303k\sigma_I = \frac{1 + \sqrt{13}}{2}\,k \approx 2{,}303\,k, \qquad \sigma_{II} = \frac{1 - \sqrt{13}}{2}\,k \approx -1{,}303\,k
  5. Schritt 5: Mohr-Kreis konstruieren und Punkte eintragen
    Trage Mittelpunkt M=(1/2,0)kM = (1/2, 0)\,k auf der σ\sigma-Achse ein, Kreis mit Radius R=13/2kR = \sqrt{13}/2\,k. Eingangspunkt X=(σx,τxy)=(1,1)kX = (\sigma_x, -\tau_{xy}) = (-1, -1)\,k liegt links unten am Kreis (entspricht α=0°\alpha = 0°). Bei α=45°\alpha = 45° ist man 2α=90°2\alpha = 90° entgegen dem Uhrzeigersinn weiter, also bei X=(σξ,τξη)=(3/2,3/2)kX' = (\sigma_\xi, -\tau_{\xi\eta}) = (3/2, -3/2)\,k.
    Drei einzutragende Punkte am Kreis:
    (σξ,τξη)=(32,32)k,(σI,0)=(1+132,0)k,(σII,0)=(1132,0)k(\sigma_\xi, \tau_{\xi\eta}) = (\tfrac{3}{2}, \tfrac{3}{2})\,k, \quad (\sigma_I, 0) = (\tfrac{1+\sqrt{13}}{2}, 0)\,k, \quad (\sigma_{II}, 0) = (\tfrac{1-\sqrt{13}}{2}, 0)\,k
  6. Schritt 6: Hauptspannungsrichtungen analytisch
    Aus der Doppelwinkel-Bedingung τξη(αI)=0\tau_{\xi\eta}(\alpha_I) = 0 folgt tan(2αI)=2τxy/(σyσx)\tan(2\alpha_I) = -2\tau_{xy}/(\sigma_y - \sigma_x). Konvention: 0αI90°0 \leq \alpha_I \leq 90°, also bei negativer arctan-Lösung 90°90° addieren.
    tan(2αI)=2/3\tan(2\alpha_I) = -2/3, also 2αI33,69°2\alpha_I \approx -33{,}69°, αI16,85°+90°=73,15°\alpha_I \approx -16{,}85° + 90° = 73{,}15°. Zweite Richtung: αII=αI+90°163,15°\alpha_{II} = \alpha_I + 90° \approx 163{,}15°.
      σI=1+132k,  σII=1132k,  αI73,1°  \boxed{\;\sigma_I = \tfrac{1+\sqrt{13}}{2}\,k,\;\sigma_{II} = \tfrac{1-\sqrt{13}}{2}\,k,\;\alpha_I \approx 73{,}1°\;}
Formel Resultate
σI=1+132k,  σII=1132k\sigma_I = \tfrac{1+\sqrt{13}}{2}\,k, \;\sigma_{II} = \tfrac{1-\sqrt{13}}{2}\,k
Plus αI73,1°\alpha_I \approx 73{,}1°, αII163,1°\alpha_{II} \approx 163{,}1°.
Merke Invarianten
MM und RR bleiben unter Drehung gleich. Hauptspannungen sind Tensor-Eigenschaften, kein Artefakt der Koordinatensystem-Wahl.
Prüfungstipp Mohr bei α=45°\alpha = 45°
2α=90°2\alpha = 90° am Mohr-Kreis. Drehung zur τ\tau-Achsen-Spitze hin, dort wirkt maximaler Schub.
Querverweis Querverweis
→ 3.1 Konstruktion des Mohr-Kreises

4.1 Definition Hauptspannungen

Eine Schnittrichtung heisst Hauptrichtung, wenn dort die Schubspannung verschwindet, also τn(α)=0\tau_n(\alpha) = 0. Die zugehörige Normalspannung heisst Hauptspannung, üblicherweise mit σ1,σ2\sigma_1, \sigma_2 bezeichnet. Anschaulich: an einer Hauptrichtung wirkt nur reines Ziehen oder Drücken, kein seitliches Schieben.

Eigenwert-Bild. Mathematisch sind Hauptspannungen genau die Eigenwerte des Tensors T\underline{\underline{T}}, und die Hauptrichtungen sind seine Eigenvektoren. Das ist ein direktes Resultat aus der linearen Algebra: Tn=σn\underline{\underline{T}}\,\vec{n} = \sigma\,\vec{n} heisst, dass S=Tn\vec{S} = \underline{\underline{T}}\,\vec{n} parallel zu n\vec{n} ist, also keinen Tangentialanteil hat. Das ist genau die Hauptachsen-Bedingung.

Wozu nützlich. In der Festigkeitslehre testen alle wichtigen Kriterien (Tresca, von Mises, Druckbehälter-Auslegung) primär die Hauptspannungen, nicht die Komponenten in irgendeinem zufälligen xyxy-Koordinatensystem. Hauptspannungen sind unabhängig vom Koordinatensystem, also ist der Spannungs-Zustand invariant beschrieben. Wer sie kennt, hat alles physikalisch Relevante über den Punkt in der Hand.

Hauptachsen-Bedingung
τξη(α1)=0Teξ(α1)=σ1eξ(α1)\tau_{\xi\eta}(\alpha_1) = 0 \quad \Leftrightarrow \quad \underline{\underline{T}}\,\boldsymbol{e}_{\xi}(\alpha_1) = \sigma_1\,\boldsymbol{e}_{\xi}(\alpha_1)
Verschwindende Schubspannung ist äquivalent zur Eigenwert-Bedingung. Hauptspannungen sind Eigenwerte, Hauptrichtungen sind Eigenvektoren von T\underline{\underline{T}}.
Definition Hauptrichtung
Schnittrichtung mit τn=0\tau_n = 0. Entspricht Eigenvektor von T\underline{\underline{T}}.
Definition Hauptspannung
Normalspannung in einer Hauptrichtung. Eigenwert von T\underline{\underline{T}}, üblicherweise σ1,σ2\sigma_1, \sigma_2 mit σ1σ2\sigma_1 \geq \sigma_2.
Merke Unabhängig vom Koordinatensystem
σ1,σ2\sigma_1, \sigma_2 sind Tensor-Eigenschaften und hängen nicht vom xyxy-Koordinatensystem ab. Daher beschreiben sie den Spannungs-Zustand invariant.

4.2 Direkte Berechnung

Aus dem Mohr-Kreis ist die Berechnung der Hauptspannungen ein Einzeiler: σ1,2\sigma_{1,2} sind die Schnittpunkte des Kreises mit der σ\sigma-Achse, also M±RM \pm R. Mit den Formeln für MM und RR aus 3.1 lassen sich die Hauptspannungen direkt aus den Tensor-Komponenten ablesen, ohne den Kreis erst zu zeichnen.

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Direkte Hauptwerte
σ1,2=σx+σy2±(σxσy2)2+τxy2\sigma_{1,2} = \frac{\sigma_x + \sigma_y}{2} \pm \sqrt{\left(\frac{\sigma_x - \sigma_y}{2}\right)^2 + \tau_{xy}^2}
M±RM \pm R aus dem Mohr-Kreis. σ1\sigma_1 mit ++, σ2\sigma_2 mit -. Konvention: σ1σ2\sigma_1 \geq \sigma_2.

Hauptwinkel. Die Richtung der ersten Hauptachse zur xx-Achse ergibt sich aus der Bedingung τξη(α1)=0\tau_{\xi\eta}(\alpha_1) = 0 in der Doppelwinkel-Form (Section 2.2). Auflösen liefert tan(2α1)=2τxy/(σxσy)\tan(2\alpha_1) = 2\tau_{xy}/(\sigma_x - \sigma_y), also α1=12arctan(2τxyσxσy)\alpha_1 = \frac{1}{2}\arctan\left(\frac{2\tau_{xy}}{\sigma_x - \sigma_y}\right). Konventionsgemäss wählen wir die Lösung mit 0α190°0 \leq \alpha_1 \leq 90°. Die zweite Hauptachse steht senkrecht dazu: α2=α1+90°\alpha_2 = \alpha_1 + 90°.

Der Faktor 12\frac{1}{2} vor dem Arkustangens kommt aus dem 2α2\alpha in der Doppelwinkel-Form. Wer den Faktor vergisst, dreht doppelt so weit wie nötig und landet auf einer ganz anderen Schnittfläche. Eselsbrücke: Mohr arbeitet mit 2α2\alpha, deshalb am Schluss durch 2 teilen.

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Hauptwinkel
α1=12arctan ⁣(2τxyσxσy)\alpha_1 = \frac{1}{2}\arctan\!\left(\frac{2\tau_{xy}}{\sigma_x - \sigma_y}\right)
Drehwinkel der ersten Hauptachse zur xx-Achse, mit 0α190°0 \leq \alpha_1 \leq 90°. Zweite Hauptachse: α2=α1+90°\alpha_2 = \alpha_1 + 90°.
Formel Hauptspannungen
σ1,2=M±R\sigma_{1,2} = M \pm R
Mittelpunkt ±\pm Radius des Mohr-Kreises. Konvention σ1σ2\sigma_1 \geq \sigma_2.
Formel Hauptwinkel
α1=12arctan(2τxyσxσy)\alpha_1 = \tfrac{1}{2}\arctan\bigl(\tfrac{2\tau_{xy}}{\sigma_x - \sigma_y}\bigr)
Faktor 12\tfrac{1}{2} wegen 2α2\alpha im Mohr-Kreis.
Merke Senkrecht zueinander
α2=α1+90°\alpha_2 = \alpha_1 + 90°. Hauptachsen sind immer orthogonal (symmetrischer Tensor).
Prüfungstipp Vorzeichen prüfen
Bei α1<0\alpha_1 < 0 aus arctan: 90°90° addieren, um in [0°,90°][0°, 90°] zu landen.

4.3 Maximale Schubspannung

Die maximale Schubspannung τmax\tau_{\max} ist der höchste Punkt des Mohrschen Kreises, also genau der Radius: τmax=R\tau_{\max} = R. Der zugehörige Winkel im Mohr-Kreis ist 90°90° entfernt vom Punkt XX, im Bauteil also 45°45° versetzt zur ersten Hauptachse. Anders ausgedrückt: zwischen Hauptspannungen und max. Schub liegt genau 45°45° Drehung.

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Maximale Schubspannung
τmax=R=(σxσy2)2+τxy2=σ1σ22\tau_{\max} = R = \sqrt{\left(\frac{\sigma_x - \sigma_y}{2}\right)^2 + \tau_{xy}^2} = \frac{\sigma_1 - \sigma_2}{2}
Drei äquivalente Ausdrücke: über die Tensor-Komponenten, geometrisch als Mohr-Radius, oder als halbe Differenz der Hauptspannungen.
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Winkel der maximalen Schubspannung
ατmax=α1+45°\alpha_{\tau\max} = \alpha_1 + 45°
Schnittfläche mit max. Schub liegt 45°45° gegenüber der ersten Hauptachse. Folgt aus der Mohr-Geometrie: 90°90° am Kreis entsprechen 45°45° am Bauteil.

Wichtig. An der Schnittfläche mit max. Schub verschwindet die Normalspannung im Allgemeinen nicht. Stattdessen ist sie dort genau gleich dem Mittelwert M=(σx+σy)/2M = (\sigma_x + \sigma_y)/2. Das sieht man am Mohr-Kreis: am höchsten Punkt liegt der σ\sigma-Wert genau am Mittelpunkt, also bei MM. Bei einem Spannungszustand mit σx=σy\sigma_x = \sigma_y verschwindet auch das, aber im allgemeinen Fall hat die max-Schub-Fläche eine Mittelwert-Normalspannung gleichzeitig.

Formel τmax=R\tau_{\max} = R
τmax=σ1σ22\tau_{\max} = \frac{\sigma_1 - \sigma_2}{2}
Halbe Differenz der Hauptspannungen, gleichzeitig der Mohr-Radius.
Formel Winkel zur Hauptachse
ατmax=α1+45°\alpha_{\tau\max} = \alpha_1 + 45°
Schub-max-Fläche liegt 45°45° versetzt zur Hauptachse.
Merke Normalspannung dort
Im Allgemeinen σ=M=(σx+σy)/20\sigma = M = (\sigma_x + \sigma_y)/2 \neq 0. Nicht nur Schub.
Prüfungstipp Bruchwinkel
Spröde Materialien versagen oft unter 45°45°, weil dort τmax\tau_{\max} wirkt.

4.4 Beispiel: Hauptspannungen direkt berechnen

Aufgabe (aus Übungsserie 2, H3). Gegeben sei der Spannungstensor im xyxy-Koordinatensystem (σ0>0\sigma_0 > 0): {T}xy=(10442)σ0\{\underline{\underline{T}}\}_{xy} = \begin{pmatrix} -10 & 4 \\ 4 & 2 \end{pmatrix}\sigma_0. Bestimme die maximale und die minimale Hauptspannung sowie die zugehörigen Hauptrichtungen (Winkel bezüglich der xx-Achse in Grad).

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Tensor-Komponenten ablesen
    Aus der Matrix die drei unabhängigen Komponenten ablesen. Diagonale gibt Normalspannungen, Off-Diagonale die Schubspannung. Alle in Einheiten von σ0\sigma_0.
    Drei Tensor-Komponenten:
    σx=10σ0,σy=2σ0,τxy=4σ0\sigma_x = -10\,\sigma_0,\quad \sigma_y = 2\,\sigma_0,\quad \tau_{xy} = 4\,\sigma_0
  2. Schritt 2: Mittelpunkt MM und Radius RR
    Mohr-Mittelpunkt M=(σx+σy)/2M = (\sigma_x + \sigma_y)/2 und Radius RR aus Pythagoras. Hier ist σx\sigma_x stark negativ, also wandert MM ins Negative.
    M=4σ0M = -4\,\sigma_0. Im Radius: (σxσy)/2=6σ0(\sigma_x - \sigma_y)/2 = -6\,\sigma_0, quadriert 36σ0236\,\sigma_0^2, plus τxy2=16σ02\tau_{xy}^2 = 16\,\sigma_0^2.
    M=10+22σ0=4σ0,R=36+16σ0=52σ0M = \frac{-10 + 2}{2}\,\sigma_0 = -4\,\sigma_0, \qquad R = \sqrt{36 + 16}\,\sigma_0 = \sqrt{52}\,\sigma_0
  3. Schritt 3: Hauptspannungen σ1,2=M±R\sigma_{1,2} = M \pm R
    Hauptspannungen sind die Schnittpunkte des Mohr-Kreises mit der σ\sigma-Achse. Konvention σ1\sigma_1 Maximum, σ2\sigma_2 Minimum.
    Numerisch: 527,21\sqrt{52} \approx 7{,}21. σ1=4+7,213,21\sigma_1 = -4 + 7{,}21 \approx 3{,}21. σ2=47,2111,21\sigma_2 = -4 - 7{,}21 \approx -11{,}21. Beide in σ0\sigma_0.
    σ1,2=4σ0±52σ0\sigma_{1,2} = -4\,\sigma_0 \pm \sqrt{52}\,\sigma_0
  4. Schritt 4: Hauptwinkel via arctan\arctan
    Aus der Doppelwinkel-Bedingung folgt tan(2α1)=2τxy/(σxσy)=8/(12)=2/3\tan(2\alpha_1) = 2\tau_{xy}/(\sigma_x - \sigma_y) = 8/(-12) = -2/3. Halbieren liefert einen negativen Wert; per Konvention 90°90° addieren, um in [0°,90°][0°, 90°] zu landen.
    2α1=arctan(2/3)33,69°2\alpha_1 = \arctan(-2/3) \approx -33{,}69°. Halbiert α116,85°+90°73,15°\alpha_1 \approx -16{,}85° + 90° \approx 73{,}15°. Zweite Hauptachse: α2=α190°16,85°\alpha_2 = \alpha_1 - 90° \approx -16{,}85° (oder äquivalent 163,15°163{,}15°).
    α1=12arctan ⁣(812)+90°73,15°\alpha_1 = \frac{1}{2}\arctan\!\left(\frac{-8}{12}\right) + 90° \approx 73{,}15°
  5. Schritt 5: Resultat
    Alle vier Resultate (max., min. Hauptspannung und beide Hauptrichtungen) zusammenfassen. Numerisch ist σ1+3,21σ0\sigma_1 \approx +3{,}21\,\sigma_0 (Zug), σ211,21σ0\sigma_2 \approx -11{,}21\,\sigma_0 (starker Druck).
    Beachte die starke Asymmetrie: der Druck-Eigenwert ist betragsmässig fast 4x grösser als der Zug-Eigenwert. Bei der Auslegung würde der Druck-Wert dimensionierend wirken.
      σ1=(4+52)σ0,  σ2=(452)σ0,  α173,15°  \boxed{\;\sigma_1 = (-4 + \sqrt{52})\,\sigma_0,\;\sigma_2 = (-4 - \sqrt{52})\,\sigma_0,\;\alpha_1 \approx 73{,}15°\;}
Formel Resultate
σ1,2=(4±52)σ0\sigma_{1,2} = (-4 \pm \sqrt{52})\,\sigma_0
Plus α173,15°\alpha_1 \approx 73{,}15°. Druck-Eigenwert dominiert.
Merke Drei-Schritt-Standard
Erst MM, dann RR, dann M±RM \pm R. Plus arctan\arctan-Halbierung für den Winkel.
Prüfungstipp 52\sqrt{52} stehen lassen
Klausur-Antworten oft in geschlossener Form. 52=2137,21\sqrt{52} = 2\sqrt{13} \approx 7{,}21 liest sich sauberer als 7,211...7{,}211... .
Querverweis Querverweis
→ 4.2 Direkte Berechnung

Aufgaben mit Musterlösungen

Vier Multiple-Choice-Aufgaben aus alten Klausuren. Die Antwort-Optionen sind 1:1 aus der jeweiligen Original-Klausur übernommen, gleiche Reihenfolge, gleiche Distraktoren. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg.

Aufgabe 1

Aus Klausur FS22, Frage A1. Gegeben sei der Spannungstensor im ξη\xi\eta-Koordinatensystem (ebener Spannungszustand): {T}ξη=(1,5111,5)k\{\underline{\underline{T}}\}_{\xi\eta} = \begin{pmatrix} 1{,}5 & 1 \\ 1 & -1{,}5 \end{pmatrix} \cdot k mit k>0k > 0. Bestimme die maximale Hauptnormalspannung σ1\sigma_1.

Aufgabe 2

Aus Klausur FS22, Frage A3. Gegeben sei der Spannungstensor {T}ξη=(1,5111,5)k\{\underline{\underline{T}}\}_{\xi\eta} = \begin{pmatrix} 1{,}5 & 1 \\ 1 & -1{,}5 \end{pmatrix} \cdot k mit k>0k > 0. Die xx-Achse ist um 45°45° gegen den Uhrzeigersinn aus der ξ\xi-Achse gedreht (die yy-Achse entsprechend 90°90° weiter). Bestimme die Komponente σx\sigma_x des Spannungstensors im xyxy-Koordinatensystem.

Aufgabe 3

Aus Klausur FS24, Frage A2. Gegeben sei der Spannungstensor {T}xyz=(101010101)k\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} -1 & 0 & 1 \\ 0 & 1 & 0 \\ 1 & 0 & 1 \end{pmatrix} k mit k>0k > 0. Bestimme die mittlere Hauptspannung σII\sigma_{II}.

Aufgabe 4

Aus Klausur FS25, Frage A2. Gegeben sei der Spannungstensor {T}xyz=(120210001)k\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 1 & 2 & 0 \\ 2 & -1 & 0 \\ 0 & 0 & -1 \end{pmatrix} k mit k>0k > 0. Bestimme die mittlere Hauptspannung σII\sigma_{II}.
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!