In Kap. 1 hatten wir gesehen: am gleichen Punkt im Bauteil hat der Spannungsvektor S(X,n) je nach Schnittrichtung n einen anderen Wert. Beim Zugstab unter 45° war das deutlich sichtbar. Diese ganze Familie von Vektoren wollen wir jetzt mathematisch sauber zusammenfassen, und das geht mit einem einzigen Objekt: dem SpannungstensorT.
Wir beschränken uns in diesem Kapitel auf den ebenen Spannungszustand (2D). Die ganze Spannungs-Information am Punkt steckt dann in einer 2×2-Matrix mit vier Einträgen: zwei Normalspannungen σx,σy auf der Diagonale und zwei Schubspannungen τxy,τyx ausserhalb. Die Diagonale beschreibt das Ziehen oder Drücken in x- bzw. y-Richtung; die Off-Diagonale beschreibt das tangentiale Schieben in den jeweiligen Schnittflächen.
Anschaulich kann man T am infinitesimalen Würfel ablesen: an jeder Würfelseite wirken eine Normalspannung (senkrecht zur Fläche) und eine Schubspannung (in der Fläche). Die Indizes σij und τij folgen einer einfachen Konvention. Erster Index: Schnittflächen-Normalrichtung, das heisst Richtung des Vektors welche senkrecht auf der Schnitt-Oberfläche steht. Dieser Index gibt also die Würfelseite an. Zweiter Index: Schubspannungs-Richtung, also wohin die Schubspannung in dieser Fläche zeigt.
Konkret: τxy ist die Schubspannung auf der Schnittfläche mit Normale in x-Richtung (also der Würfelseite senkrecht zu ex), die in y-Richtung wirkt. τyx ist umgekehrt: Schnittfläche mit Normale in y-Richtung, Spannung in x-Richtung. Im nächsten Abschnitt zeigen wir, dass diese beiden Komponenten aus Gleichgewichtsgründen gleich gross sein müssen.
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Spannungstensor in 2D
Txy=(σxτyxτxyσy)
Diagonale: Normalspannungen (σx,σy). Off-Diagonal: Schubspannungen (τxy,τyx). Index-Konvention: erster Index Schnittnormale, zweiter Index Spannungs-Richtung.
DefinitionSpannungstensor 2D 2×2-Matrix mit vier Einträgen, die den ebenen Spannungs-Zustand an einem Punkt vollständig beschreibt.
MerkeVier Zahlen pro Punkt
Zwei Diagonal-Einträge σx,σy plus zwei Off-Diagonal-Einträge τxy,τyx. Bevor wir die Symmetrie in 1.2 zeigen, sind das vier potenziell unabhängige Werte.
NotationIndex-Reihenfolge τij: erster Index i ist die Schnittflächen-Normale, zweiter Index j ist die Richtung der Spannung in dieser Fläche.
Auf den ersten Blick hat T vier unabhängige Einträge. Tatsächlich sind es nur drei, weil die beiden Schubkomponenten gleich gross sein müssen: τxy=τyx. Diese Symmetrie ist keine willkürliche Festsetzung, sondern folgt direkt aus dem Momentengleichgewicht eines infinitesimalen Würfel-Elements.
Argument. Betrachte einen kleinen Würfel mit Kantenlänge dx=dy am Punkt. Auf seiner rechten Fläche (Normale +ex) wirkt eine Schubspannung τxy in +y-Richtung; auf der linken Fläche das negative Gegenstück. Diese beiden bilden ein Kräftepaar mit Hebelarm dx, also ein Drehmoment um die z-Achse. Damit der Würfel nicht in Rotation gerät, muss ein zweites Kräftepaar das Moment ausgleichen: τyx auf den oberen und unteren Flächen. Setzt man die beiden Momente gleich, fällt der Hebelarm raus, und es bleibt τxy=τyx. Die erste Abbildung hilft dir dabei, dir das vorzustellen. (Der Würfel wird von der Seite betrachtet mit der Normalen in z-Richtung, daher sieht man nur ein Quadrat.)
Das bedeutet: in 2D hat der Spannungstensor nur drei unabhängige Komponenten (σx,σy,τxy). Die Schubspannung in einer x-Schnittfläche ist gleich der Schubspannung in einer y-Schnittfläche, beide mit gleichem Vorzeichen. Diese symmetrische Struktur ist später beim Mohrschen Kreis und bei den Hauptspannungen entscheidend.
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Symmetrie der Schubspannungen
τxy=τyx
Folgt aus dem Momentengleichgewicht eines infinitesimalen Würfel-Elements. Drei unabhängige Komponenten in 2D statt vier.
Symmetrische Tensor-Form
Txy=(σxτxyτxyσy)
Drei unabhängige Einträge: σx,σy,τxy. Off-Diagonale gleich gross wegen Symmetrie.
MerkeDrei statt vier
In 2D hat T wegen τxy=τyx nur drei unabhängige Komponenten.
DefinitionMomentengleichgewicht
Summe aller Drehmomente um den Würfelmittelpunkt =0. Liefert die Symmetrie τij=τji.
PrüfungstippEselsbrücke
Wäre τxy=τyx, würde der Würfel rotieren. Da Statik-Gleichgewicht keine Rotation zulässt, müssen sie gleich sein.
1.3 Cauchy-Hauptsatz angewendet
Wir hatten in Kap. 1 (Section 3.4) den Cauchy-Hauptsatz kurz vorgestellt: an einem Punkt X liefert das Matrix-Vektor-Produkt S=T⋅n den Spannungsvektor zur Schnittnormale n. Hier in 2D wollen wir ihn explizit durchrechnen und sehen, wie er die Zerlegung in σn und τn am Schnitt herstellt.
Sei n=(nx,ny)⊤ ein Einheitsvektor (also nx2+ny2=1) und T der symmetrische Tensor aus 1.2. Komponentenweise ausgeschrieben: sx=σxnx+τxyny, sy=τxynx+σyny. Das ist der ganze Cauchy-Hauptsatz in 2D, ohne Tricks.
Für die Zerlegung wählen wir den Tangenten-Einheitsvektor t=(−ny,nx)⊤ (senkrecht zu n und in der Schnittebene). Dann sind die beiden Komponenten von S in dieser Basis: σn=S⋅n als Normalanteil und τn=S⋅t als Schubanteil. Beide ergeben sich also aus zwei Skalarprodukten, sobald S bekannt ist.
Setzt man S=Tn in σn=S⋅n ein, wird σn=n⊤Tn. Das ist eine quadratische Form in n. Genau diese Form werden wir in Section 2 nutzen, um zu zeigen, wie σn vom Drehwinkel des Schnitts abhängt.
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Cauchy-Hauptsatz (2D)
S=T⋅n=(σxnx+τxynyτxynx+σyny)
Lineare Abbildung von der Schnittnormale auf den Spannungsvektor. n=(nx,ny)⊤ Einheitsvektor.
Normal- und Schubanteil
σn=Tnn=n⊤Tn,τn=t⊤Tn
σn als quadratische Form in n. t=(−ny,nx)⊤ ist der Tangenten-Einheitsvektor.
FormelCauchy in einer Zeile
S=T⋅n
Tensor mal Schnittnormale ergibt Spannungsvektor. Die zentrale lineare Abbildung.
MerkeAus S folgt σn und τn
Sobald S bekannt ist, sind beide Komponenten zwei Skalarprodukte: σn=S⋅n, τn=S⋅t.
PrüfungstippTangente t=(−ny,nx)⊤ steht senkrecht auf n und liegt in der Schnittebene.
Aufgabe (aus Übungsserie 2, H1). Ein Balken A-D der Länge l ist an der Stelle D gelenkig mit dem Stab D-E verbunden. Am Gelenk D wirkt eine Kraft mit Betrag F in positiver y-Richtung. An der Mitte (Stelle B) des Balkens A-D ist ein Kragarm B-C der Länge l/2 angeschweisst, an dem eine Horizontalkraft F angreift. Der Stab D-E besitzt einen quadratischen Querschnitt mit Seitenlänge d≪l. Bestimme: (a) die Normalspannung σ0 im Querschnitt a-a senkrecht zur Stab-D-E-Achse, (b) die Normalspannung σbb am hypothetischen Schnitt b-b, der mit der Stab-D-E-Achse den Winkel γ einschliesst (Geometrie aus Lageplan: sinγ=2/5), und (c) den Betrag der Schubspannung ∣τbb∣ an demselben Schnitt.
Lösungsweg in 6 Schritten
Schritt 1: Normalkraft im Stab D-E aus Gleichgewicht
Der Balken A-D dreht um das Lager A. Das Momentengleichgewicht ∑M(A)=0 bringt F am Kragarm B-C, F am Gelenk D und die unbekannte Stab-Normalkraft NDE in Beziehung. Aus der Geometrie liest man sinγ=2/5, cosγ=1/5 ab.
Momentengleichgewicht um A liefert die axiale Stabkraft.
NDE=2sinγ3F=435F
Schritt 2: Normalspannung im Schnitt a-a
Der Schnitt a-a steht senkrecht zur Stabachse. Bei reiner Axiallast und konstantem quadratischem Querschnitt A=d2 ist die Normalspannung gleichmässig über die Schnittfläche verteilt, σ0=NDE/A. Schubspannung τ0=0.
Einsetzen von NDE und A=d2.
σ0=d2NDE=435d2F,τ0=0
Schritt 3: Tensor des Stab-Spannungs-Zustands
Im Koordinatensystem mit x-Achse entlang der Stabachse hat der Stab nur eine einzige Spannungs-Komponente. Der Tensor ist diagonal mit einem Null-Eintrag, alle Off-Diagonal-Schubeinträge sind null.
Im xy-Koordinatensystem mit x entlang der Stabachse:
Txy=(σ0000)
Schritt 4: Schnittnormale am schrägen Schnitt b-b
Der Schnitt b-b schliesst den Winkel γ mit der Stabachse ein. Die Schnittnormale steht senkrecht zur Schnittebene und schliesst daher den komplementären Winkel αbb=π/2−γ mit der Stabachse ein. Damit ist cosαbb=sinγ=2/5 und sinαbb=cosγ=1/5.
Schnittnormale im xy-Koordinatensystem:
nbb=(cosαbbsinαbb)=51(21)
Schritt 5: Normalspannung σbb via Cauchy-Hauptsatz
Cauchy liefert S=T⋅nbb, dann σbb=S⋅nbb=nbb⊤Tnbb. Mit dem Diagonal-Tensor wird das einfach σ0nx2=σ0cos2αbb.
Einsetzen von cos2αbb=4/5:
σbb=σ0cos2αbb=σ0⋅54=54σ0
Schritt 6: Schubspannung ∣τbb∣
Der Tangenten-Einheitsvektor in der Schnittebene ist tbb=(−sinαbb,cosαbb)⊤. Aus τbb=S⋅tbb=−σ0sinαbbcosαbb folgt der Betrag.
Mit sinαbbcosαbb=(1/5)(2/5)=2/5:
σ0=435d2F,σbb=54σ0,∣τbb∣=52σ0
FormelResultate
σ0=435d2F
Plus σbb=54σ0 und ∣τbb∣=52σ0.
MerkeSchlüsselschritt
Cauchy-Hauptsatz mit Diagonal-Tensor reduziert sich auf Schnittwinkel-Formeln. Beide Sichtweisen liefern dasselbe.
PrüfungstippGeometrie-Check sinγ=2/5 folgt aus den Hebelarmen l und l/2 im Lageplan. Vor der Stab-Rechnung Geometrie sauber zeichnen.
2.1 Drehung um den Winkel α
Bisher haben wir den Spannungstensor in einem festen xy-Koordinatensystem ausgedrückt. Was passiert, wenn wir das Koordinatensystem drehen? Der physikalische Spannungs-Zustand am Punkt bleibt natürlich derselbe, aber seine Komponenten ändern sich, weil sie immer relativ zu einem Koordinatensystem definiert sind.
Setup. Das ursprüngliche Koordinatensystem mit Achsen x,y und Einheitsvektoren ex,ey wird um den Winkel α entgegen dem Uhrzeigersinn gedreht. Das neue Koordinatensystem heisst ξη mit Einheitsvektoren eξ=(cosα,sinα)⊤ und eη=(−sinα,cosα)⊤. Im gedrehten Koordinatensystem nennen wir die Tensor-Komponenten σξ,ση,τξη.
Idee. Da σξ die Normalspannung an einer Schnittfläche mit Normale eξ ist, können wir sie direkt aus dem Cauchy-Hauptsatz berechnen: σξ=eξ⊤Teξ. Das ist genau die quadratische Form aus 1.3, ausgewertet bei n=eξ. Analog für ση=eη⊤Teη und für τξη=eξ⊤Teη.
Bedeutung. Die Drehung des Koordinatensystems ist äquivalent dazu, den Schnitt am Bauteil unter dem Winkel α zu legen. Die Frage was sind die Spannungen, wenn ich das Koordinatensystem um α drehe? ist also identisch mit was passiert am Schnitt unter Winkel α?. Beide Sichtweisen führen auf die gleichen Formeln, die wir gleich aufschreiben.
DefinitionGedrehtes Koordinatensystem
Achsen ξ,η sind das um den Winkel α gegenüber x,y gedrehte Koordinatensystem (gegen den Uhrzeigersinn).
NotationEinheitsvektoren eξ=(cosα,sinα)⊤, eη=(−sinα,cosα)⊤. Beide sind xy-Komponenten der gedrehten Achsen.
MerkeKoordinatensystem oder Schnitt?
Beide Sichtweisen sind äquivalent. Eine Drehung des Koordinatensystems um α entspricht einem Schnitt unter Winkel α zur ursprünglichen Achse.
2.2 Transformations-Formeln
Setzt man eξ und eη in die quadratischen Formen aus 2.1 ein, fallen die Skalarprodukte explizit auf trigonometrische Ausdrücke. Wir erhalten drei Formeln, eine pro neue Komponente, alle in σx,σy,τxy und Trigonometrie von α ausgedrückt. Diese Form mit sinαcosα und sin2α,cos2α ist die direkte Auswertung.
Direkte Auswertung der quadratischen Formen. σξ+ση=σx+σy ist die Spur-Invariante (unabhängig vom Koordinatensystem).
Mit den Doppelwinkel-Identitäten sin(2α)=2sinαcosα und cos(2α)=cos2α−sin2α lassen sich diese drei Ausdrücke kompakter schreiben. Diese Doppelwinkel-Form ist die Brücke zum Mohrschen Kreis: jeder Eintrag ist eine Sinus- oder Kosinus-Welle in 2α um einen Mittelwert. Genau dieses Pattern wird der Mohr-Kreis grafisch darstellen.
Brücke zum Mohrschen Kreis. Mittelwert (σx+σy)/2 plus Sinus-/Kosinus-Welle in 2α mit Amplitude (σx−σy)2/4+τxy2.
FormelDoppelwinkel-Identitäten
sin(2α)=2sinαcosα,cos(2α)=cos2α−sin2α
Verbinden die sin/cos²-Form mit der Doppelwinkel-Form.
MerkeSpur-Invariante σξ+ση=σx+σy ist unabhängig von α. Erste Tensor-Invariante in 2D.
MerkeBrücke zum Mohr-Kreis
Mittelwert (σx+σy)/2 wird zum Kreis-Mittelpunkt; Amplitude wird zum Radius.
PrüfungstippFaktor 2 im Winkel
Mohr-Kreis arbeitet mit 2α, das Bauteil mit α. Beim Ablesen Winkel halbieren oder verdoppeln je nach Richtung.
2.3 Beispiel: Drehung um konkretes α
Aufgabe (aus Übungsserie 2, H2). Der ebene Spannungszustand in einem Punkt P eines Körpers ist durch die Hauptachsen und die Hauptspannungen gegeben: σ1=5k, σ2=−2k (mit k[N/m2]). Bestimme die Normalspannung σ und die Schubspannung τ am Flächenelement, dessen Schnittnormale n um 30° zur x-Achse geneigt ist (mit der x-Achse entlang der ersten Hauptrichtung).
Lösungsweg in 5 Schritten
Schritt 1: Tensor im Hauptachsen-Koordinatensystem
In den Hauptachsen ist der Tensor diagonal. Die Schubspannung verschwindet (das ist gerade die Definition der Hauptachsen). Damit hat der Tensor seine einfachste Form: nur die Hauptspannungen auf der Diagonale.
Mit σ1=5k und σ2=−2k:
T=(σ100σ2)=(5k00−2k)
Schritt 2: Schnittnormale und Tangente
Die Schnittnormale n steht im 30°-Winkel zur x-Achse. Mit Standardform n=(cosα,sinα)⊤. Der Tangenten-Einheitsvektor t ist 90° gegen den Uhrzeigersinn weiter, also t=(−sinα,cosα)⊤. Beide bilden mit der z-Achse ein Rechtssystem.
Bei α=30°:
n=21(31),t=21(−13)
Schritt 3: Spannungsvektor S=T⋅n
Cauchy-Hauptsatz auf den Diagonal-Tensor angewendet: jede Komponente bekommt einfach den passenden Diagonal-Eintrag als Faktor. Erste Komponente: σ1nx=5k⋅3/2. Zweite Komponente: σ2ny=−2k⋅1/2.
Spannungsvektor im Hauptachsen-Koordinatensystem:
S=T⋅n=(53/2−1)k
Schritt 4: Normalspannung σ=S⋅n
Die Normalspannung am Schnitt ist die Komponente des Spannungsvektors entlang der Schnittnormale. Skalarprodukt komponentenweise.
σ=(53/2)(3/2)+(−1)(1/2)=15/4−1/2=13/4.
σ=S⋅n=(53/2−1)⋅21(31)k=413k
Schritt 5: Schubspannung τ=S⋅t
Analog die Komponente von S entlang der Tangente t. Vorzeichen kommt aus der Wahl von t: zeigt S entgegen t, ist τ negativ.
τ=(53/2)(−1/2)+(−1)(3/2)=−53/4−3/2=−73/4.
σ=413k,τ=−473k
FormelResultate
σ=413k,τ=−473k
Bei α=30° gegen die erste Hauptrichtung.
MerkeHauptachsen-Koordinatensystem
Im Hauptachsen-Koordinatensystem ist der Tensor diagonal. Cauchy reduziert sich auf zwei einfache Multiplikationen.
PrüfungstippMohr-Kreis-Express σ=M+Rcos(2α), τ=−Rsin(2α) im Hauptachsen-Koordinatensystem. Doppelter Winkel im Mohr-Kreis.
Der Mohrsche Kreis ist die geometrische Visualisierung der Doppelwinkel-Form aus 2.2. Trägt man σξ horizontal und −τξη vertikal in einem Diagramm auf und lässt α von 0 bis π laufen, fährt der Punkt (σξ(α),−τξη(α)) einen Kreis ab. Das ist der Mohrsche Kreis.
Konstruktion in drei Schritten. Erstens: trage die zwei Punkte X=(σx,−τxy) und Y=(σy,+τxy) ins στ-Diagramm ein. Sie liegen auf gegenüberliegenden Seiten des Kreises. Zweitens: ihr Mittelpunkt liegt auf der σ-Achse bei M=(σx+σy)/2. Drittens: der Radius ist der Abstand von M zu einem der Punkte, R=(σx−σy)2/4+τxy2.
Diese Konstruktion folgt direkt aus der Doppelwinkel-Form. Setze α=0: dann sind σξ=σx und τξη=τxy, der Punkt X landet bei (σx,−τxy) (mit Vorzeichen-Konvention für die τ-Achse). Setze α=π/2: dann sind σξ=σy und τξη=−τxy, der Punkt Y landet bei (σy,+τxy). Beide Punkte liegen 180° auseinander am Kreis (entspricht α-Differenz π/2, also Faktor 2 in Mohr).
Wenn man α jetzt von 0 in kleinen Schritten erhöht, wandert der Punkt X entgegen dem Uhrzeigersinn auf dem Kreis. Bei 2α= einer halben Umdrehung (α=π/4, also Schnitt unter 45°) ist man genau auf der Spitze des Kreises, wo τ maximal ist. Bei 2α=180° (α=90°) hat man den Punkt Y erreicht.
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Mittelpunkt des Mohr-Kreises
M=(2σx+σy,0)
Mittelpunkt liegt immer auf der σ-Achse, weil die τ-Komponente im Mittel verschwindet. Erste Tensor-Invariante: σx+σy ändert sich nicht unter Drehung.
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Radius des Mohr-Kreises
R=(2σx−σy)2+τxy2
Folgt aus Pythagoras im Dreieck M, X, Fusspunkt: Kathete waagrecht (σx−σy)/2, Kathete senkrecht τxy.
DefinitionMohrscher Kreis
Geometrische Darstellung der στ-Werte an allen möglichen Schnitten am Punkt, parametrisiert durch den Schnittwinkel α.
FormelMittelpunkt
M=2σx+σy
Auf der σ-Achse. Tensor-Invariante.
FormelRadius
R=4(σx−σy)2+τxy2
Pythagoras-Abstand zwischen M und Eingangspunkt X.
PrüfungstippEingangspunkte X=(σx,−τxy) und Y=(σy,+τxy) liegen 180° auseinander am Kreis.
3.2 Was man am Kreis abliest
Sobald der Kreis konstruiert ist, lassen sich die wichtigsten Grössen ohne weitere Rechnung ablesen. Die Hauptspannungen σ1,σ2 sind die Schnittpunkte mit der σ-Achse, also σ1,2=M±R. Die maximale Schubspannung τmax ist der höchste Punkt des Kreises, also τmax=R. Der Drehwinkel zur Hauptachse, im Mohr-Kreis als 2α1 ablesbar, ist im Bauteil halbiert: α1.
Ablese-Schritte. Erstens: σ-Achsen-Schnittpunkte des Kreises markieren, beschriften als σ1 (rechts) und σ2 (links). Zweitens: höchster Punkt markieren als τmax. Drittens: im Mohr-Kreis den Winkel von Punkt X zur +σ-Achse messen, das ist 2α1, halbieren zu α1. Damit hat man Hauptspannungen, max. Schub und Hauptwinkel auf einen Blick.
Für eine Schnittfläche unter beliebigem Winkel α am Bauteil sucht man den Punkt am Kreis mit Winkel 2α vom Eingangspunkt X aus (im Mohr-Kreis im gleichen Drehsinn wie am Bauteil). Die σ-Koordinate dieses Punktes ist σn(α), die τ-Koordinate ist −τn(α). So bekommt man jede Drehung am Bauteil als geometrische Auswertung am Kreis.
MerkeHauptspannungen ablesen σ1,2=M±R. Schnittpunkte mit der σ-Achse.
MerkeMax. Schubspannung ablesen τmax=R. Höchster Punkt des Kreises.
PrüfungstippDrehwinkel im Kreis
Am Mohr-Kreis stets 2α, am Bauteil α. Verbindungslinie von M zu X macht Winkel −2α1 mit der +σ-Achse.
3.3 Beispiel: Mohr-Konstruktion und Ablesen
Aufgabe (aus Übungsserie 3, H1). Gegeben sei die Matrix {T}xy=(−1112)k mit k>0, die den Spannungstensor im xy-Koordinatensystem repräsentiert. (1) Bestimme die Matrix {T}ξη im ξη-Koordinatensystem, das um 45° gegenüber dem xy-Koordinatensystem gedreht ist. (2) Bestimme die Hauptspannungen σI (Maximum) und σII (Minimum) auf Basis von {T}xy. (3) Konstruiere den zugehörigen Mohrschen Spannungskreis und trage die Punkte (σξ,τξη), (σI,0) und (σII,0) ein. (4) Bestimme die Hauptspannungsrichtungen analytisch.
Lösungsweg in 6 Schritten
Schritt 1: Tensor-Komponenten ablesen
Lese aus der gegebenen Matrix die drei unabhängigen Komponenten ab. Diagonale: Normalspannungen. Off-Diagonal: Schubspannung. Alle in Einheiten von k.
Drei Komponenten:
σx=−k,σy=2k,τxy=k
Schritt 2: Koordinatentransformation auf ξη bei α=45°
Mit den Doppelwinkel-Formeln aus 2.2 bei α=45°: cos(2α)=cos(90°)=0 und sin(2α)=sin(90°)=1. Die Cosinus-Beiträge fallen weg, nur die Sinus-Terme bleiben.
Schritt 3: Mittelpunkt M und Radius R des Mohr-Kreises
Standard-Mohr-Formeln aus 3.1. M ist Mittelwert der Diagonale (Spur-Invariante), R ist Pythagoras aus halber Diagonal-Differenz und Schub.
Einsetzen der Komponenten aus Schritt 1.
M=2−1+2k=21k,R=4(−1−2)2+12k=49+1k=213k
Schritt 4: Hauptspannungen σI,σII
Die Hauptspannungen sind die Schnittpunkte des Mohr-Kreises mit der σ-Achse, also M±R. Konvention: σI mit +R, σII mit −R.
Numerisch: 13/2≈1.803, also σI≈2.303k, σII≈−1.303k.
σI=21+13k≈2,303k,σII=21−13k≈−1,303k
Schritt 5: Mohr-Kreis konstruieren und Punkte eintragen
Trage Mittelpunkt M=(1/2,0)k auf der σ-Achse ein, Kreis mit Radius R=13/2k. Eingangspunkt X=(σx,−τxy)=(−1,−1)k liegt links unten am Kreis (entspricht α=0°). Bei α=45° ist man 2α=90° entgegen dem Uhrzeigersinn weiter, also bei X′=(σξ,−τξη)=(3/2,−3/2)k.
Eine Schnittrichtung heisst Hauptrichtung, wenn dort die Schubspannung verschwindet, also τn(α)=0. Die zugehörige Normalspannung heisst Hauptspannung, üblicherweise mit σ1,σ2 bezeichnet. Anschaulich: an einer Hauptrichtung wirkt nur reines Ziehen oder Drücken, kein seitliches Schieben.
Eigenwert-Bild. Mathematisch sind Hauptspannungen genau die Eigenwerte des Tensors T, und die Hauptrichtungen sind seine Eigenvektoren. Das ist ein direktes Resultat aus der linearen Algebra: Tn=σn heisst, dass S=Tn parallel zu n ist, also keinen Tangentialanteil hat. Das ist genau die Hauptachsen-Bedingung.
Wozu nützlich. In der Festigkeitslehre testen alle wichtigen Kriterien (Tresca, von Mises, Druckbehälter-Auslegung) primär die Hauptspannungen, nicht die Komponenten in irgendeinem zufälligen xy-Koordinatensystem. Hauptspannungen sind unabhängig vom Koordinatensystem, also ist der Spannungs-Zustand invariant beschrieben. Wer sie kennt, hat alles physikalisch Relevante über den Punkt in der Hand.
Hauptachsen-Bedingung
τξη(α1)=0⇔Teξ(α1)=σ1eξ(α1)
Verschwindende Schubspannung ist äquivalent zur Eigenwert-Bedingung. Hauptspannungen sind Eigenwerte, Hauptrichtungen sind Eigenvektoren von T.
DefinitionHauptrichtung
Schnittrichtung mit τn=0. Entspricht Eigenvektor von T.
DefinitionHauptspannung
Normalspannung in einer Hauptrichtung. Eigenwert von T, üblicherweise σ1,σ2 mit σ1≥σ2.
MerkeUnabhängig vom Koordinatensystem σ1,σ2 sind Tensor-Eigenschaften und hängen nicht vom xy-Koordinatensystem ab. Daher beschreiben sie den Spannungs-Zustand invariant.
4.2 Direkte Berechnung
Aus dem Mohr-Kreis ist die Berechnung der Hauptspannungen ein Einzeiler: σ1,2 sind die Schnittpunkte des Kreises mit der σ-Achse, also M±R. Mit den Formeln für M und R aus 3.1 lassen sich die Hauptspannungen direkt aus den Tensor-Komponenten ablesen, ohne den Kreis erst zu zeichnen.
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Direkte Hauptwerte
σ1,2=2σx+σy±(2σx−σy)2+τxy2
M±R aus dem Mohr-Kreis. σ1 mit +, σ2 mit −. Konvention: σ1≥σ2.
Hauptwinkel. Die Richtung der ersten Hauptachse zur x-Achse ergibt sich aus der Bedingung τξη(α1)=0 in der Doppelwinkel-Form (Section 2.2). Auflösen liefert tan(2α1)=2τxy/(σx−σy), also α1=21arctan(σx−σy2τxy). Konventionsgemäss wählen wir die Lösung mit 0≤α1≤90°. Die zweite Hauptachse steht senkrecht dazu: α2=α1+90°.
Der Faktor 21 vor dem Arkustangens kommt aus dem 2α in der Doppelwinkel-Form. Wer den Faktor vergisst, dreht doppelt so weit wie nötig und landet auf einer ganz anderen Schnittfläche. Eselsbrücke: Mohr arbeitet mit 2α, deshalb am Schluss durch 2 teilen.
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Hauptwinkel
α1=21arctan(σx−σy2τxy)
Drehwinkel der ersten Hauptachse zur x-Achse, mit 0≤α1≤90°. Zweite Hauptachse: α2=α1+90°.
FormelHauptspannungen
σ1,2=M±R
Mittelpunkt ± Radius des Mohr-Kreises. Konvention σ1≥σ2.
FormelHauptwinkel
α1=21arctan(σx−σy2τxy)
Faktor 21 wegen 2α im Mohr-Kreis.
MerkeSenkrecht zueinander α2=α1+90°. Hauptachsen sind immer orthogonal (symmetrischer Tensor).
PrüfungstippVorzeichen prüfen
Bei α1<0 aus arctan: 90° addieren, um in [0°,90°] zu landen.
4.3 Maximale Schubspannung
Die maximale Schubspannung τmax ist der höchste Punkt des Mohrschen Kreises, also genau der Radius: τmax=R. Der zugehörige Winkel im Mohr-Kreis ist 90° entfernt vom Punkt X, im Bauteil also 45° versetzt zur ersten Hauptachse. Anders ausgedrückt: zwischen Hauptspannungen und max. Schub liegt genau 45° Drehung.
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Maximale Schubspannung
τmax=R=(2σx−σy)2+τxy2=2σ1−σ2
Drei äquivalente Ausdrücke: über die Tensor-Komponenten, geometrisch als Mohr-Radius, oder als halbe Differenz der Hauptspannungen.
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Winkel der maximalen Schubspannung
ατmax=α1+45°
Schnittfläche mit max. Schub liegt 45° gegenüber der ersten Hauptachse. Folgt aus der Mohr-Geometrie: 90° am Kreis entsprechen 45° am Bauteil.
Wichtig. An der Schnittfläche mit max. Schub verschwindet die Normalspannung im Allgemeinen nicht. Stattdessen ist sie dort genau gleich dem Mittelwert M=(σx+σy)/2. Das sieht man am Mohr-Kreis: am höchsten Punkt liegt der σ-Wert genau am Mittelpunkt, also bei M. Bei einem Spannungszustand mit σx=σy verschwindet auch das, aber im allgemeinen Fall hat die max-Schub-Fläche eine Mittelwert-Normalspannung gleichzeitig.
Formelτmax=R
τmax=2σ1−σ2
Halbe Differenz der Hauptspannungen, gleichzeitig der Mohr-Radius.
FormelWinkel zur Hauptachse
ατmax=α1+45°
Schub-max-Fläche liegt 45° versetzt zur Hauptachse.
MerkeNormalspannung dort
Im Allgemeinen σ=M=(σx+σy)/2=0. Nicht nur Schub.
PrüfungstippBruchwinkel
Spröde Materialien versagen oft unter 45°, weil dort τmax wirkt.
4.4 Beispiel: Hauptspannungen direkt berechnen
Aufgabe (aus Übungsserie 2, H3). Gegeben sei der Spannungstensor im xy-Koordinatensystem (σ0>0): {T}xy=(−10442)σ0. Bestimme die maximale und die minimale Hauptspannung sowie die zugehörigen Hauptrichtungen (Winkel bezüglich der x-Achse in Grad).
Lösungsweg in 5 Schritten
Schritt 1: Tensor-Komponenten ablesen
Aus der Matrix die drei unabhängigen Komponenten ablesen. Diagonale gibt Normalspannungen, Off-Diagonale die Schubspannung. Alle in Einheiten von σ0.
Drei Tensor-Komponenten:
σx=−10σ0,σy=2σ0,τxy=4σ0
Schritt 2: Mittelpunkt M und Radius R
Mohr-Mittelpunkt M=(σx+σy)/2 und Radius R aus Pythagoras. Hier ist σx stark negativ, also wandert M ins Negative.
M=−4σ0. Im Radius: (σx−σy)/2=−6σ0, quadriert 36σ02, plus τxy2=16σ02.
M=2−10+2σ0=−4σ0,R=36+16σ0=52σ0
Schritt 3: Hauptspannungen σ1,2=M±R
Hauptspannungen sind die Schnittpunkte des Mohr-Kreises mit der σ-Achse. Konvention σ1 Maximum, σ2 Minimum.
Numerisch: 52≈7,21. σ1=−4+7,21≈3,21. σ2=−4−7,21≈−11,21. Beide in σ0.
σ1,2=−4σ0±52σ0
Schritt 4: Hauptwinkel via arctan
Aus der Doppelwinkel-Bedingung folgt tan(2α1)=2τxy/(σx−σy)=8/(−12)=−2/3. Halbieren liefert einen negativen Wert; per Konvention 90° addieren, um in [0°,90°] zu landen.
2α1=arctan(−2/3)≈−33,69°. Halbiert α1≈−16,85°+90°≈73,15°. Zweite Hauptachse: α2=α1−90°≈−16,85° (oder äquivalent 163,15°).
α1=21arctan(12−8)+90°≈73,15°
Schritt 5: Resultat
Alle vier Resultate (max., min. Hauptspannung und beide Hauptrichtungen) zusammenfassen. Numerisch ist σ1≈+3,21σ0 (Zug), σ2≈−11,21σ0 (starker Druck).
Beachte die starke Asymmetrie: der Druck-Eigenwert ist betragsmässig fast 4x grösser als der Zug-Eigenwert. Bei der Auslegung würde der Druck-Wert dimensionierend wirken.
σ1=(−4+52)σ0,σ2=(−4−52)σ0,α1≈73,15°
FormelResultate
σ1,2=(−4±52)σ0
Plus α1≈73,15°. Druck-Eigenwert dominiert.
MerkeDrei-Schritt-Standard
Erst M, dann R, dann M±R. Plus arctan-Halbierung für den Winkel.
Prüfungstipp52 stehen lassen
Klausur-Antworten oft in geschlossener Form. 52=213≈7,21 liest sich sauberer als 7,211... .
Vier Multiple-Choice-Aufgaben aus alten Klausuren. Die Antwort-Optionen sind 1:1 aus der jeweiligen Original-Klausur übernommen, gleiche Reihenfolge, gleiche Distraktoren. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg.
Aufgabe 1
Aus Klausur FS22, Frage A1. Gegeben sei der Spannungstensor im ξη-Koordinatensystem (ebener Spannungszustand): {T}ξη=(1,511−1,5)⋅k mit k>0. Bestimme die maximale Hauptnormalspannung σ1.
Lösungsweg
Schritt 1: Tensor-Komponenten ablesen
Aus der Matrix die drei unabhängigen Komponenten direkt entnehmen. Diagonale: σξ,ση. Off-Diagonal: τξη. Alle in Einheiten von k.
Drei Zahlen aus der Matrix:
σξ=1,5k,ση=−1,5k,τξη=k
Schritt 2: Mittelpunkt M des Mohr-Kreises
Mohr-Mittelpunkt ist der Mittelwert der Diagonale. Hier sind σξ und ση entgegengesetzt gleich gross, also M=0.
Spurinvariante verschwindet:
M=2σξ+ση=21,5+(−1,5)k=0
Schritt 3: Radius R des Mohr-Kreises
R aus Pythagoras: halbe Diagonal-Differenz und Schub in Quadrat addieren. Halbe Differenz (σξ−ση)/2=1,5k, im Quadrat 9/4k2, plus τξη2=1k2.
Wurzel ziehen:
R=49+1k=413k=213k
Schritt 4: Maximale Hauptspannung σ1=M+R
σ1 ist der grössere Schnittpunkt des Mohr-Kreises mit der σ-Achse, also M+R. Mit M=0 vereinfacht sich das auf R.
Setze M=0 ein:
σ1=M+R=0+213k=213k
Schritt 5: Antwort identifizieren
Vergleich mit den 8 Optionen: Option H entspricht σ1=13/2⋅k. Distraktoren: A nimmt (σ−σ)2+4τ2 ohne Halbierung. B vertauscht 4 und 6 in der Wurzel. C, D, F, G setzen falsche Zahlenwerte. E verwechselt σ1 mit der Spannungsdifferenz ∣σξ−ση∣.
Korrekte Antwort: h.
σ1=213k
Aufgabe 2
Aus Klausur FS22, Frage A3. Gegeben sei der Spannungstensor {T}ξη=(1,511−1,5)⋅k mit k>0. Die x-Achse ist um 45° gegen den Uhrzeigersinn aus der ξ-Achse gedreht (die y-Achse entsprechend 90° weiter). Bestimme die Komponente σx des Spannungstensors im xy-Koordinatensystem.
Lösungsweg
Schritt 1: Tensor-Komponenten und Drehwinkel
Aus der Matrix die Komponenten im ξη-Koordinatensystem ablesen. Der gesuchte σx ist die Normalspannung an einem Schnitt mit Normale ex. Im ξη-Koordinatensystem steht ex um 45° gegen den Uhrzeigersinn aus eξ gedreht.
Komponenten und Schnittnormale:
σξ=1,5k,ση=−1,5k,τξη=k,n=ex=21(11)ξη
Schritt 2: Cauchy-Hauptsatz S=T⋅n
Spannungsvektor zur Schnittnormale via Matrix-Vektor-Produkt. Die 1/2-Skalierung der Normale wirkt linear durch.
Erste Komponente: 1,5⋅1+1⋅1=2,5. Zweite Komponente: 1⋅1+(−1,5)⋅1=−0,5. Beide mal k/2.
S=2k(1,5+11−1,5)=2k(2,5−0,5)
Schritt 3: σx=S⋅n
Normalspannung am Schnitt ist die Komponente von S entlang n. Skalarprodukt komponentenweise: S⋅n wobei beide Vektoren den Faktor 1/2 haben, der gemeinsam 1/2 ergibt.
Komponentenprodukt: 2,5⋅1+(−0,5)⋅1=2. Mal Vorfaktor k/2.
σx=S⋅n=2k(2,5−0,5)=2k⋅2=k
Schritt 4: Cross-Check mit Doppelwinkel-Form
Zur Sicherheit mit der Transformations-Formel aus 2.2 prüfen: σx=M+(σξ−ση)/2⋅cos(2α)+τξηsin(2α) mit α der Drehung von ξ zu x. Bei α=45° ist cos(2α)=0 und sin(2α)=1, also fällt der mittlere Term weg.
Mit M=0 und τξη=k:
σx=0+0+k⋅1=k✓
Schritt 5: Antwort identifizieren
Vergleich mit den Optionen: Option E entspricht σx=k. Distraktoren entstehen durch Vorzeichen- und Faktor-Fehler in der Doppelwinkel-Formel. A: nimmt ∣σξ−ση∣/2 statt τξηsin(2α). B: rechnet sin(2α)=0 statt 1. C, D, F: falsche Drehwinkel. G, H: vertauschen ξ und x.
Korrekte Antwort: e.
σx=k
Aufgabe 3
Aus Klausur FS24, Frage A2. Gegeben sei der Spannungstensor {T}xyz=−101010101k mit k>0. Bestimme die mittlere Hauptspannung σII.
Lösungsweg
Schritt 1: Block-Struktur erkennen
Bevor man die volle 3×3-Eigenwert-Rechnung anpackt, lohnt sich ein Blick auf die Tensor-Struktur. Die zweite Zeile und Spalte enthalten nur einen einzigen Eintrag T22=1 auf der Diagonalen, alle Off-Diagonal-Beiträge in der y-Zeile/Spalte sind null. Das heisst: die y-Achse ist bereits eine Hauptachse, mit Hauptspannung gleich T22.
Der Tensor zerfällt in einen 1×1-Block (nur y, mit Eigenwert 1k) und einen 2×2-Block (in xz).
σyHaupt=T22k=k
Schritt 2: 2×2-Block in xz extrahieren
Der gekoppelte Teil ist die xz-Untermatrix. Auf die wenden wir die 2D-Hauptspannungs-Formel aus Section 4.2 an. Komponenten: σx=−1, σz=1, τxz=1 (jeweils in Einheiten k).
Aus der Matrix lese ich diese drei Zahlen ab. Die Schubkomponente τxz=1 steht symmetrisch an Position (1,3) und (3,1).
Txz=(−1111)k
Schritt 3: Mittelpunkt M und Radius R des xz-Blocks
Standard-Mohr-Formeln: M ist Mittelwert der Diagonale, R ist Pythagoras aus halber Differenz und Schub.
M=(−1+1)/2=0. R=((−1−1)/2)2+12=1+1=2. Beide in k.
M=0,R=1+1=2k
Schritt 4: Hauptspannungen des xz-Blocks
M±R liefert die zwei Hauptspannungen in der xz-Ebene. Plus den schon bekannten y-Eigenwert.
Insgesamt drei Hauptspannungen: 2k, −2k, k.
σxzHaupt=0±2k=±2k
Schritt 5: Sortieren und mittlere Hauptspannung wählen
σI=2k, σII=k, σIII=−2k. Die mittlere Hauptspannung ist also der y-Eigenwert.
σI=2k>σII=k>σIII=−2k
Schritt 6: Antwort identifizieren
Vergleich mit den Optionen: Option G entspricht σII=k. Distraktoren entstehen aus typischen Fehlern: B/F nehmen die grösste/kleinste Hauptspannung statt der mittleren; A/C verlieren den Faktor 2; D ignoriert den y-Anteil, E/H setzen einen falschen Wert aus der Tensor-Matrix ein.
Korrekte Antwort: g.
σII=k
Aufgabe 4
Aus Klausur FS25, Frage A2. Gegeben sei der Spannungstensor {T}xyz=1202−1000−1k mit k>0. Bestimme die mittlere Hauptspannung σII.
Lösungsweg
Schritt 1: Block-Struktur erkennen
Wie in der vorigen Aufgabe lohnt sich der Blick auf die Struktur. Hier sind die Off-Diagonal-Einträge der dritten Zeile und Spalte alle null, also ist die z-Achse bereits Hauptachse mit Eigenwert T33=−1.
Der Tensor zerfällt in einen 2×2-Block (in xy) und einen 1×1-Block (in z).
σzHaupt=T33k=−k
Schritt 2: 2×2-Block in xy extrahieren
Der gekoppelte Teil ist die xy-Untermatrix. Komponenten: σx=1, σy=−1, τxy=2 (jeweils in Einheiten k).
Aus der Matrix lese ich diese drei Zahlen ab.
Txy=(122−1)k
Schritt 3: Mittelpunkt M und Radius R des xy-Blocks
Mohr-Formeln aus Section 4.2 anwenden.
M=(1+(−1))/2=0. R=((1−(−1))/2)2+22=1+4=5. Beide in k.
M=0,R=1+4=5k
Schritt 4: Hauptspannungen des xy-Blocks
M±R liefert die zwei Hauptspannungen in der xy-Ebene. Plus den schon bekannten z-Eigenwert.
Drei Hauptspannungen insgesamt: 5k, −5k, −k.
σxyHaupt=0±5k=±5k
Schritt 5: Sortieren und mittlere Hauptspannung wählen
Konvention σI≥σII≥σIII. Numerisch: 5≈2,236, also 5k≈2,24k, −k, −5k≈−2,24k.
σI=5k, σII=−k, σIII=−5k. Mittlere Hauptspannung ist der z-Eigenwert.
σI=5k>σII=−k>σIII=−5k
Schritt 6: Antwort identifizieren
Vergleich mit den Optionen: Option D entspricht σII=−k. Distraktoren: I und G nehmen die grösste/kleinste statt der mittleren Hauptspannung; A vergisst den z-Beitrag; B verliert das Vorzeichen; C/E mischen 2 und 5; F/H setzen ±3k aus einem Tensor-Eintrag-Mix.