1.1 Vom 2D zum 3D Eigenwertproblem

Erinnerung an Kap. 2: in 2D haben wir Hauptspannungen aus M±RM \pm R abgelesen, schnell und visuell über den Mohrschen Kreis. In 3D ist das Vorgehen formal das gleiche (Eigenwerte des Tensors), aber rechnerisch deutlich aufwendiger, weil der Tensor jetzt 3×33 \times 3 ist und ein kubisches Polynom liefert.

Ziel des Kapitels in einem Satz: die 3D-Rechnung handhabbar machen. Drei Werkzeuge dafür. Block-Reduktion (wenn eine Achse schon Hauptachse ist), charakteristisches Polynom als Standard-Ansatz, und die Invarianten als Cross-Check. In den meisten Klausur-Tensoren reicht Block-Reduktion plus 2D-Mohr.

In 2D war ein Spannungszustand durch drei Zahlen vollständig beschrieben (σx,σy,τxy\sigma_x, \sigma_y, \tau_{xy}), in 3D durch sechs (σx,σy,σz,τxy,τxz,τyz\sigma_x, \sigma_y, \sigma_z, \tau_{xy}, \tau_{xz}, \tau_{yz}). Drei Hauptspannungen statt zwei, drei Hauptrichtungen statt zwei. Die zentrale Idee bleibt aber dieselbe. Hauptachsen sind die Schnittflächen, an denen reine Normalspannung wirkt, kein Schub. Diese Eigenschaft ist unabhängig vom Koordinatensystem und beschreibt den Spannungszustand intrinsisch.

Definition Hauptspannung 3D
Eigenwert von T\underline{\underline{T}}. Drei reelle Hauptspannungen, unabhängig vom Koordinatensystem.
Definition Hauptrichtung
Eigenvektor von T\underline{\underline{T}} zur entsprechenden Hauptspannung. Drei Hauptrichtungen, paarweise orthogonal.
Merke Symmetrie zahlt sich aus
Symmetrische Tensoren haben reelle Eigenwerte und orthogonale Eigenvektoren. Keine komplexen Zahlen, kein Vorzeichen-Chaos.
Querverweis Brücke
→ Kap. 2.4 Hauptspannungen 2D

1.2 Charakteristisches Polynom und Invarianten

Eigenwerte erhält man aus der Bedingung det(TλI)=0\det(\underline{\underline{T}} - \lambda \underline{\underline{I}}) = 0. Ausführliches Ausmultiplizieren liefert ein kubisches Polynom in λ\lambda mit drei Spannungs-Invarianten I1,I2,I3I_1, I_2, I_3 als Koeffizienten. Die Invarianten heissen so, weil sie unabhängig vom Koordinatensystem sind: egal in welchem Koordinatensystem du den Tensor darstellst, I1,I2,I3I_1, I_2, I_3 haben denselben Wert.

Diese Koordinatensystem-Unabhängigkeit ist nicht nur Theorie, sondern das Klausur-Werkzeug für den Cross-Check. Wenn du Hauptspannungen σI,σII,σIII\sigma_I, \sigma_{II}, \sigma_{III} berechnet hast, muss σI+σII+σIII=I1=σx+σy+σz\sigma_I + \sigma_{II} + \sigma_{III} = I_1 = \sigma_x + \sigma_y + \sigma_z gelten, gemessen am Original-Tensor. Stimmt das nicht, hast du dich verrechnet.

!!!
Charakteristische Gleichung
det(TλI)=0    λ3I1λ2I2λI3=0\det(\underline{\underline{T}} - \lambda \underline{\underline{I}}) = 0 \;\Longleftrightarrow\; \lambda^3 - I_1 \lambda^2 - I_2 \lambda - I_3 = 0
Drei reelle Lösungen: die Hauptspannungen σI,σII,σIII\sigma_I, \sigma_{II}, \sigma_{III}. Vorzeichen aufpassen: I1I_1-Term mit Plus, I2I_2- und I3I_3-Terme mit Minus.
!!
Erste Invariante (Spur)
I1=spur(T)=σx+σy+σzI_1 = \operatorname{spur}(\underline{\underline{T}}) = \sigma_x + \sigma_y + \sigma_z
Summe der Diagonal-Einträge. Unabhängig vom Koordinatensystem: gilt σI+σII+σIII=I1\sigma_I + \sigma_{II} + \sigma_{III} = I_1, beide Seiten am gleichen Tensor abgelesen.
!!
Zweite Invariante
I2=σxσyσyσzσxσz+τxy2+τxz2+τyz2I_2 = -\sigma_x \sigma_y - \sigma_y \sigma_z - \sigma_x \sigma_z + \tau_{xy}^2 + \tau_{xz}^2 + \tau_{yz}^2
Drei Diagonal-Produkte mit MINUS, drei Schub-Quadrate mit PLUS. Häufiger Vorzeichen-Fehler in der Klausur.
!!
Dritte Invariante (Determinante)
I3=det(T)I_3 = \det(\underline{\underline{T}})
Determinante des Tensors. Es gilt σIσIIσIII=I3\sigma_I \cdot \sigma_{II} \cdot \sigma_{III} = I_3 als Vorzeichen-Detektor.
Formel Charakteristische Gleichung
λ3I1λ2I2λI3=0\lambda^3 - I_1 \lambda^2 - I_2 \lambda - I_3 = 0
Drei reelle Wurzeln, die Hauptspannungen.
Merke Koordinatensystem-Cross-Check
σI+σII+σIII=I1\sigma_I + \sigma_{II} + \sigma_{III} = I_1, unabhängig vom Koordinatensystem. Schnellster Sanity-Check nach jeder Hauptspannungs-Rechnung.
Prüfungstipp I3I_3-Sanity
σIσIIσIII=I3\sigma_I \cdot \sigma_{II} \cdot \sigma_{III} = I_3. Vorzeichen-Fehler-Detektor, falls I1I_1-Check schon passt.
Merke Vorzeichen-Regel I2I_2
Diagonal-Produkte minus, Schub-Quadrate plus. Klassiker-Fehler in jeder Mid-Term.

1.3 Block-Reduktion

Wenn der Tensor schon eine sogenannte schon-Hauptachse hat (passiert in Klausur-Aufgaben oft), zerfällt das 3D-Problem in einen trivialen 1×11 \times 1-Block plus einen 2×22 \times 2-Block, den wir mit der bekannten 2D-Mohr-Formel aus Kap. 2 Sec. 4.2 auflösen. Wenn du eine Tür offen findest, geh durch sie statt zu klettern.

Erkennung. Eine Achse ei\boldsymbol{e}_i ist genau dann bereits Hauptachse, wenn ALLE off-diagonalen Tensor-Komponenten in der entsprechenden Zeile UND der entsprechenden Spalte verschwinden. Beispiel: τxy=τyz=0\tau_{xy} = \tau_{yz} = 0, dann ist ey\boldsymbol{e}_y Hauptrichtung mit σy\sigma_y als Hauptspannung. Der xzxz-Untertensor (also (σxτxzτxzσz)\begin{pmatrix} \sigma_x & \tau_{xz} \\ \tau_{xz} & \sigma_z \end{pmatrix}) ist das eigentliche 2×22 \times 2-Problem.

Vorgehen. 1) Tensor-Matrix anschauen. Gibt es eine Zeile UND zugehörige Spalte mit nur einem Diagonal-Eintrag (alle Off-Diagonalen 0)? 2) Wenn ja, dieser Diagonal-Eintrag ist bereits Hauptspannung, die Achse ist Hauptrichtung. 3) Verbleibende 2×22 \times 2-Untermatrix mit Standard-Mohr-Formeln aus Kap. 2 lösen: M=(σa+σb)/2M = (\sigma_a + \sigma_b)/2, R=(σaσb)2/4+τab2R = \sqrt{(\sigma_a - \sigma_b)^2/4 + \tau_{ab}^2}, Hauptspannungen =M±R= M \pm R.

!!
2D-Mohr im verbliebenen 2×22 \times 2-Block
σ1,2Block=σa+σb2±(σaσb2)2+τab2\sigma_{1,2}^{\text{Block}} = \frac{\sigma_a + \sigma_b}{2} \pm \sqrt{\left(\frac{\sigma_a - \sigma_b}{2}\right)^2 + \tau_{ab}^2}
Standard-Formel aus Kap. 2 Sec. 4.2, hier auf den nach Block-Reduktion übrig bleibenden 2×22 \times 2-Untertensor angewendet. Plus den schon bekannten dritten Eigenwert aus dem 1×11 \times 1-Block.
Definition Block-Reduktion
Tensor mit einer schon-Hauptachse zerfällt in 1×11 \times 1 plus 2×22 \times 2 Blöcke, separat lösbar. Verwandelt 3D-Eigenwert-Problem in 2D-Mohr.
Merke Erkennungs-Kriterium
Off-Diagonalen einer Zeile UND zugehörigen Spalte verschwinden. Achse ist Hauptachse, Diagonal-Eintrag ist Hauptspannung.
Querverweis Kap. 2.4.2 Direkte Berechnung
→ 2D-Formel im 2×22 \times 2-Block

1.4 Beispiel: Hauptspannungen aus Tensor mit Block-Struktur

Aufgabe (aus Übungsserie 3, Hausübung H3). An einem Materialpunkt sei der Spannungszustand durch die Komponenten σx=4k\sigma_x = 4k, σy=k\sigma_y = -k, σz=k\sigma_z = k, τyz=3k\tau_{yz} = \sqrt{3}\,k, τxy=τxz=0\tau_{xy} = \tau_{xz} = 0 (mit k>0k > 0) gegeben. Bestimme alle drei Hauptspannungen σIσIIσIII\sigma_I \geq \sigma_{II} \geq \sigma_{III}.

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Tensor aufstellen
    Aus den gegebenen Komponenten den vollständigen Tensor schreiben, Symmetrie τyz=τzy\tau_{yz} = \tau_{zy} ausnutzen.
    Die volle 3×33 \times 3-Matrix ergibt sich direkt aus den sechs unabhängigen Komponenten.
    {T}xyz=(400013031)k\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 4 & 0 & 0 \\ 0 & -1 & \sqrt{3} \\ 0 & \sqrt{3} & 1 \end{pmatrix} k
  2. Schritt 2: Block-Struktur erkennen
    Erste Zeile UND erste Spalte haben nur den Diagonal-Eintrag 4k4k, alle Off-Diagonalen sind null. Die xx-Achse ist also trivial Hauptachse mit Hauptspannung 4k4k. Das 3D-Problem zerfällt in 1×11 \times 1 (für xx) plus 2×22 \times 2 (für yzyz).
    xx-Block trivial, dann den 2×22 \times 2-Untertensor in yzyz lösen.
    σxHaupt=4k,Tyz=(1331)k\sigma_x^{\text{Haupt}} = 4k, \qquad \underline{\underline{T}}_{yz} = \begin{pmatrix} -1 & \sqrt{3} \\ \sqrt{3} & 1 \end{pmatrix} k
  3. Schritt 3: 2D-Mohr auf den yzyz-Block
    Mittelpunkt MM und Radius RR aus der Standard-Mohr-Formel aus Kap. 2 Sec. 4.2, angewandt auf σy\sigma_y, σz\sigma_z, τyz\tau_{yz}. MM ist Mittelwert der Diagonale, RR kommt aus Pythagoras.
    Beide Werte einsetzen.
    M=1+12k=0,R=(112)2+(3)2k=1+3k=2kM = \frac{-1 + 1}{2}\,k = 0, \qquad R = \sqrt{\left(\frac{-1 - 1}{2}\right)^2 + (\sqrt{3})^2}\,k = \sqrt{1 + 3}\,k = 2k
  4. Schritt 4: Hauptspannungen des yzyz-Blocks
    In 2D sind die Hauptspannungen die Schnittpunkte des Mohrschen Kreises mit der σ\sigma-Achse, also M±RM \pm R.
    Zwei Werte ±2k\pm 2k, plus den schon bekannten xx-Wert 4k4k.
    σyzHaupt=0±2k=±2k\sigma_{yz}^{\text{Haupt}} = 0 \pm 2k = \pm 2k
  5. Schritt 5: Sortieren nach σIσIIσIII\sigma_I \geq \sigma_{II} \geq \sigma_{III}
    EM-Konvention. Die drei Werte 4k4k, 2k2k, 2k-2k absteigend ordnen. Maximum wird σI\sigma_I, Minimum wird σIII\sigma_{III}.
    Endresultat:
      σI=4k,σII=2k,σIII=2k  \boxed{\;\sigma_I = 4k,\quad \sigma_{II} = 2k,\quad \sigma_{III} = -2k\;}
Formel Resultate
σI=4k,  σII=2k,  σIII=2k\sigma_I = 4k,\;\sigma_{II} = 2k,\;\sigma_{III} = -2k
Block-Reduktion plus 2D-Mohr.
Merke Block-Reduktion in der Praxis
Erst Tensor scannen, dann 2×22 \times 2 lösen. Vermeidet die kubische Gleichung.
Prüfungstipp Sortierungs-Regel
Konvention σIσIIσIII\sigma_I \geq \sigma_{II} \geq \sigma_{III}. II für Maximum, IIIIII für Minimum.
Querverweis Folgt
→ Sec. 2 Hauptrichtungen

2.1 Hauptrichtung als Eigenvektor

Eine Hauptrichtung n\vec{n} ist die Richtung, in der der Spannungstensor T\underline{\underline{T}} nur streckt, nicht dreht: Tn=σn\underline{\underline{T}} \cdot \vec{n} = \sigma \cdot \vec{n}. Das ist die Eigenvektor-Definition aus LinAlg, hier physikalisch interpretiert. Die zugehörige Hauptspannung σ\sigma ist der Streckfaktor (Eigenwert).

Anschaulich: bei einem allgemeinen Schnitt (n\vec{n} keine Hauptrichtung) zeigt der Spannungsvektor s=Tn\vec{s} = \underline{\underline{T}} \cdot \vec{n} schräg gegenüber n\vec{n}, mit Normal- UND Schubkomponente. Bei einem Hauptschnitt (n\vec{n} Hauptrichtung) zeigt s\vec{s} genau entlang n\vec{n}. Die Schubkomponente verschwindet, nur Normalspannung wirkt. Das ist die physikalische Bedeutung: Hauptrichtungen sind die Schnittflächen ohne Schub.

Brücke zur Klausur. In Aufgaben wird oft NICHT direkt nach den Hauptrichtungen gefragt, sondern danach, was an einer bestimmten Schnittfläche passiert (σn,τn\sigma_n, \tau_n). Die Hauptrichtungen sind dann das Hilfsmittel: kennt man sie, kennt man auch den maximalen σ\sigma-Wert (entlang nI\vec{n}_I) und den maximalen τ\tau-Wert (45° versetzt zwischen Hauptrichtungen).

!!!
Eigenwert-Gleichung
Tn=σnmitn=1\underline{\underline{T}} \cdot \vec{n} = \sigma \cdot \vec{n} \quad \text{mit} \quad |\vec{n}| = 1
n\vec{n} ist Hauptrichtung, σ\sigma die zugehörige Hauptspannung. Drei Lösungen (σi,ni)(\sigma_i, \vec{n}_i) für i=I,II,IIIi = I, II, III, paarweise orthogonal.
Definition Hauptrichtung
Eigenvektor des Spannungstensors. Tn=σn\underline{\underline{T}} \cdot \vec{n} = \sigma \cdot \vec{n} mit n=1|\vec{n}| = 1.
Merke Schubfreier Schnitt
Auf einer Hauptrichtungs-Fläche wirkt nur Normalspannung, kein Schub.
Merke Drei orthogonale Richtungen
Symmetrischer Tensor, drei Eigenvektoren paarweise senkrecht. Folgt aus LinAlg-Theorem für symmetrische Matrizen.

2.2 Vorgehen: (TσiI)ni=0(\underline{\underline{T}} - \sigma_i \underline{\underline{I}})\,\vec{n}_i = \vec{0}

Um die Hauptrichtung ni\vec{n}_i zur bekannten Hauptspannung σi\sigma_i zu finden, löst man das homogene Gleichungssystem (TσiI)ni=0(\underline{\underline{T}} - \sigma_i \underline{\underline{I}}) \cdot \vec{n}_i = \vec{0}. Per Konstruktion ist das System singulär (denn σi\sigma_i ist Eigenwert), die Lösungsmenge ist eindimensional. Plus die Normierungsbedingung ni=1|\vec{n}_i| = 1.

Schritte. 1) Setze σi\sigma_i ein, schreibe (TσiI)(\underline{\underline{T}} - \sigma_i \underline{\underline{I}}) als Matrix mit Zahlenwerten. 2) Reduziere die Matrix auf Echelon-Form (bzw. erkenne, welche Zeile linear abhängig ist). 3) Eine Komponente von ni\vec{n}_i frei wählen (der Faktor wird durch die Normierung am Ende fixiert). 4) Die anderen Komponenten aus den verbleibenden Gleichungen ablesen. 5) Auf ni=1|\vec{n}_i| = 1 normieren.

Praxis-Hinweis. In Klausur-Aufgaben mit Block-Struktur ist mindestens eine Hauptrichtung trivial (die Achse aus dem 1×11 \times 1-Block). Die anderen zwei Hauptrichtungen liegen in der Ebene des 2×22 \times 2-Blocks; wenn man eine berechnet hat, ist die andere senkrecht dazu in derselben Ebene. Spart einen Rechendurchgang.

!!!
Eigenvektor-Gleichung
(TσiI)ni=0,ni=1(\underline{\underline{T}} - \sigma_i \, \underline{\underline{I}}) \, \vec{n}_i = \vec{0}, \qquad |\vec{n}_i| = 1
System ist singulär. Eine Komponente frei wählen, die anderen ablesen, dann normieren.
!!
Orthogonalität der Hauptrichtungen
nInII=0,nInIII=0,nIInIII=0\vec{n}_I \cdot \vec{n}_{II} = 0, \quad \vec{n}_I \cdot \vec{n}_{III} = 0, \quad \vec{n}_{II} \cdot \vec{n}_{III} = 0
Hauptrichtungen sind paarweise orthogonal (Symmetrie des Tensors). Praktisch: zwei berechnen, die dritte als Kreuzprodukt.
Definition Eigenvektor-Gleichung
(TσiI)ni=0(\underline{\underline{T}} - \sigma_i \underline{\underline{I}}) \cdot \vec{n}_i = \vec{0} mit ni=1|\vec{n}_i| = 1. Singuläres System, eine Komponente frei.
Merke Vorzeichen unbestimmt
n\vec{n} und n-\vec{n} beschreiben dieselbe Hauptrichtung. ±\pm-Notation üblich.
Prüfungstipp Kreuzprodukt-Trick
nIII=nI×nII\vec{n}_{III} = \vec{n}_I \times \vec{n}_{II} spart einen Durchgang.

2.3 Beispiel: Hauptrichtungen über Eigenvektor-Berechnung

Aufgabe (aus Übungsserie 3, Hausübung H2). Gegeben sei ein Spannungstensor im xyzxyz-Koordinatensystem,

{T}xyz=(3k0τxz02k0τxz0σz)\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 3k & 0 & \tau_{xz} \\ 0 & 2k & 0 \\ \tau_{xz} & 0 & \sigma_z \end{pmatrix}.

Die Komponenten σz\sigma_z und τxz\tau_{xz} sind unbekannt; alle anderen Komponenten sind gegeben. Bekannt seien zudem zwei Hauptspannungen: σα=5k\sigma_\alpha = 5k und σβ=3k\sigma_\beta = -3k (zu sortieren). Bestimme (a) σz\sigma_z und τxz\tau_{xz} unter der Annahme τxz>0\tau_{xz} > 0, und (b) alle drei Hauptspannungen mit Sortierung sowie die zugehörigen Hauptrichtungen.

Lösungsweg in 7 Schritten

  1. Schritt 1: Block-Struktur erkennen
    Zweite Zeile UND zweite Spalte haben nur 2k2k auf der Diagonale, alle Off-Diagonalen 0. Die yy-Achse ist also trivial Hauptachse mit Hauptspannung 2k2k. Die anderen zwei Hauptspannungen sind 5k5k und 3k-3k und liegen in der xzxz-Ebene.
    σy=2k\sigma_y = 2k bekannt. xzxz-Block enthält die anderen zwei Hauptspannungen.
    σyHaupt=2k,{5k,3k}=Hauptspannungen des xz-Blocks\sigma_y^{\text{Haupt}} = 2k, \qquad \{5k,\,-3k\} = \text{Hauptspannungen des }xz\text{-Blocks}
  2. Schritt 2: 2D-Mohr-Formel auf den xzxz-Block invertieren
    Bekannte 5k5k und 3k-3k sind die Wurzeln M±RM \pm R des xzxz-Blocks. Daraus MM und RR rückrechnen: Summe der zwei Wurzeln gibt 2M2M, halbe Differenz gibt RR.
    Mittelpunkt und Radius:
    M=5k+(3k)2=k,R=5k(3k)2=4kM = \frac{5k + (-3k)}{2} = k, \qquad R = \frac{5k - (-3k)}{2} = 4k
  3. Schritt 3: MM zurück auf σz\sigma_z umrechnen
    Mittelpunkt-Definition M=(σx+σz)/2=(3k+σz)/2M = (\sigma_x + \sigma_z)/2 = (3k + \sigma_z)/2 gleich gefundenem M=kM = k setzen, dann σz\sigma_z auflösen.
    Eine Gleichung in einer Unbekannten:
    M=σx+σz2=3k+σz2=k    σz=kM = \frac{\sigma_x + \sigma_z}{2} = \frac{3k + \sigma_z}{2} = k \;\Longrightarrow\; \sigma_z = -k
  4. Schritt 4: RR zurück auf τxz\tau_{xz} umrechnen
    Radius-Definition R2=((σxσz)/2)2+τxz2R^2 = ((\sigma_x - \sigma_z)/2)^2 + \tau_{xz}^2. Mit σxσz=4k\sigma_x - \sigma_z = 4k und R=4kR = 4k auflösen.
    τxz2=R2((σxσz)/2)2=16k24k2=12k2\tau_{xz}^2 = R^2 - ((\sigma_x - \sigma_z)/2)^2 = 16k^2 - 4k^2 = 12k^2. Annahme τxz>0\tau_{xz} > 0, also positive Wurzel.
    R2=(σxσz2)2+τxz2    τxz2=(4k)2(2k)2=12k2    τxz=23kR^2 = \left(\frac{\sigma_x - \sigma_z}{2}\right)^2 + \tau_{xz}^2 \;\Longrightarrow\; \tau_{xz}^2 = (4k)^2 - (2k)^2 = 12k^2 \;\Longrightarrow\; \tau_{xz} = 2\sqrt{3}\,k
  5. Schritt 5: Vollständiger Tensor und Hauptspannungs-Sortierung
    Jetzt sind alle Komponenten bekannt. Sortiere die drei Werte 5k5k, 2k2k, 3k-3k absteigend nach EM-Konvention σIσIIσIII\sigma_I \geq \sigma_{II} \geq \sigma_{III}.
    σI=5k\sigma_I = 5k, σII=2k\sigma_{II} = 2k (das ist die yy-Achse aus der Block-Reduktion), σIII=3k\sigma_{III} = -3k.
    {T}xyz=(30230202301)k,σI=5k>σII=2k>σIII=3k\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 3 & 0 & 2\sqrt{3} \\ 0 & 2 & 0 \\ 2\sqrt{3} & 0 & -1 \end{pmatrix} k, \qquad \sigma_I = 5k > \sigma_{II} = 2k > \sigma_{III} = -3k
  6. Schritt 6: Hauptrichtung nI\vec{n}_I zu σI=5k\sigma_I = 5k
    Setze σ=5k\sigma = 5k in (TσI)nI=0(\underline{\underline{T}} - \sigma \underline{\underline{I}})\,\vec{n}_I = \vec{0} ein. Singuläres System lösen. Erste Zeile: 2n1+23n3=0n1=3n3-2 n_1 + 2\sqrt{3} n_3 = 0 \Rightarrow n_1 = \sqrt{3}\,n_3. Zweite Zeile: 3n2=0n2=0-3 n_2 = 0 \Rightarrow n_2 = 0. Dritte Zeile konsistent zur ersten. Normierung nI2=3n32+n32=1n3=±1/2|\vec{n}_I|^2 = 3 n_3^2 + n_3^2 = 1 \Rightarrow n_3 = \pm 1/2, n1=±3/2n_1 = \pm \sqrt{3}/2.
    Hauptrichtung in der xzxz-Ebene:
    nI=±(3/201/2)\vec{n}_I = \pm \begin{pmatrix} \sqrt{3}/2 \\ 0 \\ 1/2 \end{pmatrix}
  7. Schritt 7: Hauptrichtungen nII\vec{n}_{II} und nIII\vec{n}_{III}
    σII=2k\sigma_{II} = 2k entspricht der yy-Achse direkt (aus Block-Reduktion). σIII=3k\sigma_{III} = -3k liegt in der xzxz-Ebene und muss senkrecht zu nI\vec{n}_I sein. Senkrechter Einheitsvektor zu (3/2,0,1/2)(\sqrt{3}/2,\,0,\,1/2) in xzxz ist (1/2,0,3/2)(-1/2,\,0,\,\sqrt{3}/2).
    Drei Hauptrichtungen vollständig:
    nII=±(010),nIII=±(1/203/2)\vec{n}_{II} = \pm \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 0 \end{pmatrix}, \qquad \vec{n}_{III} = \pm \begin{pmatrix} -1/2 \\ 0 \\ \sqrt{3}/2 \end{pmatrix}
Formel Resultate σz,τxz\sigma_z, \tau_{xz}
σz=k,  τxz=23k\sigma_z = -k,\;\tau_{xz} = 2\sqrt{3}\,k
Aus 2D-Mohr-Inversion.
Formel Hauptspannungen sortiert
σI=5k,  σII=2k,  σIII=3k\sigma_I = 5k,\;\sigma_{II} = 2k,\;\sigma_{III} = -3k
EM-Konvention, absteigend.
Merke Strategie
Vorgegebene Hauptspannungen plus 2D-Mohr-Inversion.
Prüfungstipp Sortierung beachten
Aufgaben-Numerierung kann von EM-Konvention abweichen. Erst sortieren, dann mit σI,σII,σIII\sigma_I, \sigma_{II}, \sigma_{III} rechnen.

3.1 Mohrsche Kreise 3D

In 2D war Mohr ein einziger Kreis mit Radius R=(σIσII)/2R = (\sigma_I - \sigma_{II})/2. In 3D gibt es drei Kreise: einen zwischen σI\sigma_I und σII\sigma_{II}, einen zwischen σII\sigma_{II} und σIII\sigma_{III}, und einen zwischen σI\sigma_I und σIII\sigma_{III} (der grösste). Jeder Kreis beschreibt die σ\sigma-τ\tau-Wertepaare für Schnittnormalen, die in der Ebene zweier Hauptachsen liegen.

Anschauliche Bedeutung der drei Kreise: Alle möglichen σ\sigma-τ\tau-Wertepaare für irgendeinen 3D-Schnitt liegen im Bereich ZWISCHEN den drei Kreisen, nicht innerhalb eines kleineren Kreises und nicht ausserhalb des grössten. Der grösste Kreis (zwischen σI\sigma_I und σIII\sigma_{III}) umschliesst die anderen zwei und liefert das absolute Maximum der Schubspannung.

Versagens-Konnex. Für Schubversagen ist τmax\tau_{\max} die zentrale Grösse. Materialien wie Stahl versagen oft duktil unter Schub bei einem kritischen τ\tau-Wert (Tresca-Kriterium, kommt in Kap. 5). Damit ist der grosse Mohr-Kreis der relevante für Versagensvorhersagen, nicht die zwei kleineren.

Definition Mohr 3D
Drei Kreise im σ\sigma-τ\tau-Diagramm, einer pro Hauptspannungs-Paar.
Merke Drei Kreise, einer dominant
Grösster ist Maximum-Minimum-Paar (σI\sigma_I und σIII\sigma_{III}), Radius gleich τmax\tau_{\max}.
Querverweis Brücke
→ Kap. 2.3 Mohr 2D

3.2 τmax\tau_{\max}-Formel

Die maximale Schubspannung in 3D ist der Radius des grössten Mohrschen Kreises, also die halbe Differenz von Maximum (σI\sigma_I) und Minimum (σIII\sigma_{III}). Die mittlere Hauptspannung σII\sigma_{II} steht NICHT in dieser Formel.

Vorzeichen-Hinweis. Wenn σIII\sigma_{III} negativ ist (Druck), wird die Differenz σIσIII\sigma_I - \sigma_{III} grösser als beide Beträge einzeln. Das ist physikalisch sinnvoll. Ein kombinierter Zug-Druck-Zustand erzeugt grössere Schubspannungen als reiner Zug oder reiner Druck gleicher Magnitude.

Klausur-Praxis. τmax\tau_{\max} ist ein Standard-Klausurthema. Vorgehen: Hauptspannungen ausrechnen oder gegeben, sortieren, σIσIII\sigma_I - \sigma_{III} durch zwei. Drei Schritte, im Idealfall eine Minute Klausurzeit.

!!!
Maximale Schubspannung 3D
τmax=12(σIσIII)=12(max(σi)min(σj))\tau_{\max} = \frac{1}{2}\,(\sigma_I - \sigma_{III}) = \frac{1}{2}\,\Big(\max(\sigma_i) - \min(\sigma_j)\Big)
Beide Formen äquivalent. σIσIII\sigma_I - \sigma_{III} nach Sortierung; maxmin\max - \min ohne Sortierungs-Voraussetzung. Radius des grössten Mohrschen Kreises, σII\sigma_{II} irrelevant.
Formel τmax\tau_{\max}-Formel
τmax=12(σIσIII)\tau_{\max} = \tfrac{1}{2}(\sigma_I - \sigma_{III})
Halbe Differenz Maximum minus Minimum.
Merke σII\sigma_{II} spielt keine Rolle
Nur die Extremen σI,σIII\sigma_I, \sigma_{III} stehen in der Formel.
Prüfungstipp Ebener Spannungszustand
σz=0\sigma_z = 0 implizit. Achte, ob das σIII\sigma_{III} oder σII\sigma_{II} wird; das ändert τmax\tau_{\max}.

3.3 Beispiel: τmax\tau_{\max} und 3D-Mohr-Diagramm

Aufgabe (Fortsetzung von Beispiel 1.4 aus Übungsserie 3, H3 b und c). Mit den Hauptspannungen σI=4k\sigma_I = 4k, σII=2k\sigma_{II} = 2k, σIII=2k\sigma_{III} = -2k aus dem Beispiel in Sec. 1.4: bestimme (a) die maximale Schubspannung τmax\tau_{\max} im Materialpunkt, und (b) skizziere die drei Mohrschen Kreise im σ\sigma-τ\tau-Diagramm und identifiziere τmax\tau_{\max} im Diagramm.

Lösungsweg in 3 Schritten

  1. Schritt 1: Hauptspannungen identifizieren
    σI\sigma_I (Maximum) und σIII\sigma_{III} (Minimum) für die τmax\tau_{\max}-Formel ablesen. σII\sigma_{II} wird für τmax\tau_{\max} nicht gebraucht.
    Direkt aus Beispiel 1.4 übernommen.
    σI=4k,σII=2k,σIII=2k\sigma_I = 4k, \quad \sigma_{II} = 2k, \quad \sigma_{III} = -2k
  2. Schritt 2: τmax\tau_{\max}-Formel anwenden
    Halbe Differenz Maximum minus Minimum.
    Einsetzen und ausrechnen:
    τmax=σIσIII2=4k(2k)2=6k2=3k\tau_{\max} = \frac{\sigma_I - \sigma_{III}}{2} = \frac{4k - (-2k)}{2} = \frac{6k}{2} = 3k
  3. Schritt 3: Mohrsche Kreise konstruieren
    Drei Kreise im σ\sigma-τ\tau-Diagramm. Jeder Kreis hat als Endpunkte zwei der drei Hauptspannungen auf der σ\sigma-Achse. Der grösste (zwischen σI\sigma_I und σIII\sigma_{III}) liefert τmax\tau_{\max} als Radius.
    Mittelpunkte und Radien: Kreis I-II M=3k,R=kM = 3k, R = k; Kreis II-III M=0,R=2kM = 0, R = 2k; Kreis I-III M=k,R=3kM = k, R = 3k (grösster). Höchster Punkt des grossen Kreises bei (M,R)=(k,3k)(M, R) = (k, 3k), also τmax=3k\tau_{\max} = 3k.
      Kreis I-III: M=k,  R=3k=τmax  \boxed{\;\text{Kreis I-III: } M = k,\; R = 3k = \tau_{\max}\;}
Formel τmax=3k\tau_{\max} = 3k
τmax=12(σIσIII)=3k\tau_{\max} = \tfrac{1}{2}(\sigma_I - \sigma_{III}) = 3k
Halbe Differenz Maximum minus Minimum.
Merke σII\sigma_{II} irrelevant für τmax\tau_{\max}
Nur die Extremen zählen. σII\sigma_{II} definiert nur die zwei kleineren Mohr-Kreise.

Aufgaben mit Musterlösungen

Drei Multiple-Choice-Aufgaben aus alten Klausuren. Die Antwort-Optionen sind 1:1 aus der jeweiligen Original-Klausur übernommen, gleiche Reihenfolge, gleiche Distraktoren. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg.

Aufgabe 1

Aus Klausur FS24, Frage A3. Gegeben sei der Spannungstensor im xyzxyz-Koordinatensystem {T}xyz=(621261110)k\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} \sqrt{6} & 2 & 1 \\ 2 & \sqrt{6} & -1 \\ 1 & -1 & 0 \end{pmatrix} k mit k>0k > 0. Bestimme den Betrag τ|\tau| der resultierenden Schubspannung, die auf eine Schnittfläche mit der Flächennormalen {n}xyz=(0,1,0)\{\vec{n}\}_{xyz} = (0,\,1,\,0)^\top wirkt.

Aufgabe 2

Aus Klausur FS22, Frage B2. Gegeben sei der Verzerrungstensor E\underline{\underline{E}} im xyzxyz-Koordinatensystem: {E}xyz=(240420001)104\{\underline{\underline{E}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 2 & 4 & 0 \\ 4 & 2 & 0 \\ 0 & 0 & -1 \end{pmatrix} \cdot 10^{-4}. Bestimme den kleinsten Eigenwert ε3\varepsilon_3 des Verzerrungstensors. Hinweis: das Hauptdehnungs-Problem ist mathematisch identisch zum Hauptspannungs-Problem (formaler Austausch σijεij\sigma_{ij} \to \varepsilon_{ij}); Block-Reduktion und Mohr-Formel gelten 1:1.

Aufgabe 3

Aus Klausur FS25, Frage C1. In einem Materialversuch konnten mit Hilfe von Tomographiebildern alle Komponenten des Verzerrungstensors im (ex,ey,ez)(\boldsymbol{e}_x, \boldsymbol{e}_y, \boldsymbol{e}_z)-Koordinatensystem bestimmt werden: {E}xyz=(100010001)ε0\{\underline{\underline{E}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 1 & 0 & 0 \\ 0 & 1 & 0 \\ 0 & 0 & -1 \end{pmatrix} \varepsilon_0. Bestimme die maximale Schubspannung τmax\tau_{\max} im Material unter der Annahme linear elastischen Materialverhaltens (Elastizitätsmodul EE, Querkontraktionszahl ν=0\nu = 0). Hinweis: bei ν=0\nu = 0 entkoppelt das Stoffgesetz, jede Hauptdehnung gibt direkt eine Hauptspannung über σ=Eε\sigma = E \cdot \varepsilon.
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!