Während Kap. 1 bis 3 mit Spannungen den Last-Zustand beschrieben haben, beschreibt Kap. 4 die Antwort des Materials in Form von Längen- und Winkeländerungen. Die zentrale Grösse ist das Verschiebungsfeldu(x). Für jeden Punkt im Körper gibt es einen Verschiebungsvektor an, der angibt, wohin sich dieser Punkt unter Belastung verschiebt.
Bevor wir Verzerrungen ableiten können, brauchen wir das Verschiebungsfeld als Funktion. Es weist jedem materiellen Punkt mit Position x=(x,y,z)⊤ einen Verschiebungsvektor u zu, der angibt, wohin sich dieser Punkt unter Belastung verschiebt. Das Feld besteht aus drei skalaren Komponenten u,v,w, jeweils Funktionen aller drei Raum-Koordinaten.
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Verschiebungsfeld u(x,y,z)
u(x,y,z)=u(x,y,z)v(x,y,z)w(x,y,z)
Drei skalare Komponentenfelder. Jeder Punkt im Körper hat einen eindeutigen Verschiebungsvektor; das Feld dieser Vektoren beschreibt die Verformung vollständig. Aus diesen drei Funktionen werden alle Verzerrungs-Komponenten durch Ableiten gewonnen.
Das Verzerrungsfeld extrahiert daraus die lokalen Längen- und Winkeländerungen via Ableitungen, ähnlich wie der Spannungstensor lokale Kräfte aus globaler Belastung extrahiert.
Anschauung: ein Stab unter Zug verlängert sich. An jedem Punkt gibt es eine Verschiebung in Längsrichtung. Aber die Verzerrung (Längenänderung pro Länge) ist die Ableitung der Verschiebung nach der Position, nicht die Verschiebung selbst. Eine starre Translation des ganzen Körpers (alle Punkte um denselben Vektor verschoben) erzeugt keine Verzerrung, weil die Verschiebung räumlich konstant ist und ihre Ableitung null.
DefinitionVerschiebungsfeld u(x)=(u,v,w)⊤ als Vektorfeld. Gibt für jeden Punkt seine Verschiebung an.
DefinitionVerzerrung
Lokale Längen- und Winkeländerung, als Ableitung der Verschiebung.
MerkeStarre Bewegung erzeugt keine Verzerrung
Räumlich konstante Verschiebung verschwindet beim Ableiten.
1.2 Lineare Normaldehnung und Schubverzerrung
Aus dem Verschiebungsfeld extrahieren wir zwei Arten von Verzerrungen. Die lineare Normaldehnungεx=∂x∂u misst die Längenänderung pro Länge in x-Richtung an einem Punkt. Anschaulich: nimm eine kleine Strecke Δx und schau, wie viel sie sich verlängert, dividiert durch ihre ursprüngliche Länge. Das ist genau ∂x∂u.
Die Schubverzerrungεxy=21(∂x∂v+∂y∂u) misst die Winkeländerung zwischen zwei ursprünglich senkrecht stehenden Linien (eine in x, eine in y). Der Ingenieur-Schubwinkel γxy ist die anschauliche Winkeländerung selbst (in Radiant), während die Tensor-Komponente εxy die Hälfte davon ist. Es gilt also γxy=2εxy. Der Faktor 1/2 ist eine Tensor-Konvention, damit der Verzerrungstensor symmetrisch und mathematisch konsistent mit Eigenwert-Problemen ist. In der Anschauung benutzen Ingenieure typischerweise γ.
Erweiterung auf 3D analog für die anderen Achsen. Insgesamt sechs unabhängige Komponenten. Drei Diagonal-Werte εx,εy,εz (Längendehnungen in den drei Achsen) und drei Off-Diagonal-Werte εxy,εxz,εyz (Winkeländerungen in den drei Ebenen).
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Lineare Normaldehnungen
εx=∂x∂u,εy=∂y∂v,εz=∂z∂w
Diagonal-Komponenten des Verzerrungstensors. Direkte Ableitungen des Verschiebungsfeldes.
Off-Diagonalen. Symmetrisch in den Indizes (εij=εji). Faktor 1/2 ist Tensor-Konvention.
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Ingenieur-Schubwinkel
γij=2εij
Doppelte Tensor-Komponente. Anschauliche Winkeländerung in Radiant zwischen zwei ursprünglich senkrechten Materiallinien.
DefinitionLineare Normaldehnung εx=∂x∂u. Längenänderung pro Länge in x-Richtung.
DefinitionSchubverzerrung (Tensor) εxy=21(∂x∂v+∂y∂u), mit Faktor 1/2.
DefinitionSchubwinkel (Ingenieur) γxy=2εxy=∂x∂v+∂y∂u, ohne Faktor.
MerkeTensor- vs. Ingenieur-Form
Tensor-ε hat Faktor 1/2, Ingenieur-γ ohne. Symbol prüfen.
Prüfungstippγ in Klausuren
Klausur-Aufgaben fragen meistens γxy. Faktor 2 nicht vergessen.
1.3 Verzerrungstensor
Bevor wir den Tensor explizit hinschreiben, leiten wir ihn aus dem Verschiebungsgradienten ab. Das macht klar, warum er symmetrisch ist und welche Anteile aus dem Verschiebungsfeld als reine Verzerrung und welche als reine Rotation interpretiert werden.
Der Verschiebungsgradient∇u ist eine allgemeine 3×3-Matrix mit allen neun partiellen Ableitungen. Im Allgemeinen ist diese Matrix nicht symmetrisch.
Neun partielle Ableitungen. Allgemein nicht symmetrisch.
Aufteilung in symmetrischen plus antisymmetrischen Teil. Jede quadratische Matrix M zerfällt eindeutig in einen symmetrischen Teil 21(M+M⊤) und einen antisymmetrischen Teil 21(M−M⊤). Auf den Verschiebungsgradienten angewandt:
Symmetrischer Teil E ist die Verzerrung, antisymmetrischer Teil W ist die lokale Rotation.
Intuition: der antisymmetrische Teil W beschreibt eine lokale Starrkörper-Rotation um einen Punkt (kleine Drehung), die keine Verzerrung erzeugt. Das passt zur Aside „Starre Bewegung erzeugt keine Verzerrung" aus Sec. 1.1. Nur der symmetrische Teil E enthält die echte Längen- und Winkeländerung. Deshalb ist der Verzerrungstensor symmetrisch per Konstruktion. Er ist genau der „Deformations-Anteil" des Verschiebungsgradienten, ohne Rotation.
Symmetrischer Teil des Verschiebungsgradienten, explizit ausgeschrieben.
Beide Schreibweisen sind identisch. Die folgende ist nur kompakter notiert mit der ε-Abkürzung.
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Verzerrungstensor in xyz
{E}xyz=εxεxyεxzεxyεyεyzεxzεyzεz
Symmetrisch, sechs unabhängige Komponenten. Off-Diagonalen sind Tensor-Schub-Komponenten (Faktor 1/2 gegenüber Ingenieur-γ).
Brücke zu Kap. 3 und zur Eigenwert-Maschinerie. Genau wie der Spannungstensor unter Tensor-Trafos transformiert (Hauptspannungen, Mohr, Invarianten), tut das auch der Verzerrungstensor. Jedes Werkzeug aus Kap. 3 (Block-Reduktion, charakteristisches Polynom, Mohrsche Kreise, τmax-Formel) gilt 1:1 mit der formalen Substitution σij→εij. Wir können also auf das gesamte Eigenwert-Maschinerie aus Kap. 3 zurückgreifen, ohne sie neu lernen zu müssen.
DefinitionVerzerrungstensor
Symmetrisch 3×3, drei Diagonal- plus drei Off-Diagonal-Werte. Off-Diagonalen mit Faktor 1/2.
MerkeSymmetrischer plus antisymmetrischer Teil ∇u=E+W. W ist Rotation ohne Verzerrung, E ist die echte Verzerrung.
MerkeIdentisch zum Spannungs-Eigenwert-Problem
Hauptdehnungen via charakteristisches Polynom oder Block-Reduktion, exakt wie Hauptspannungen.
Bestimme den Verzerrungstensor im xy-Koordinatensystem.
Lösungsweg in 4 Schritten
Schritt 1: Lineare Normaldehnungen
Aus den Diagonal-Ableitungen des Verschiebungsfeldes. εx=∂x∂u ist der Koeffizient von x in u, εy=∂y∂v der Koeffizient von y in v.
Koeffizienten direkt ablesen.
εx=∂x∂u=7⋅10−3,εy=∂y∂v=−1⋅10−3
Schritt 2: Schubverzerrung mit Faktor 1/2
εxy=21(∂x∂v+∂y∂u). Beide gemischten Ableitungen sind die Koeffizienten von x in v bzw. y in u.
Koeffizienten ablesen, addieren, halbieren.
εxy=21(∂x∂v+∂y∂u)=21(2+4)⋅10−3=3⋅10−3
Schritt 3: Verzerrungstensor zusammensetzen
Zwei Diagonal- plus eine Off-Diagonal-Komponente (in 2D), Symmetrie εxy=εyx.
2×2-Matrix.
{E}xy=(733−1)⋅10−3
Schritt 4: Sanity-Check via Spur-Invariante
Die Spur εx+εy=6⋅10−3 ist die Volumendehnung im 2D-Sinn. Sie bleibt unter Drehung des Koordinatensystems gleich. Wenn die Hauptdehnungen später εI+εII=6⋅10−3 liefern, passt es.
Spur-Wert für späteren Cross-Check notieren.
spur(E)=6⋅10−3
FormelResultat
{E}xy=(733−1)⋅10−3
Verzerrungstensor der Scheibe.
MerkeTensor-Form behalten
Off-Diagonale mit Faktor 1/2.
Bisher haben wir den Verzerrungstensor formal aus dem Verschiebungsgradienten abgeleitet. Was misst er anschaulich? Drei Aussagen, die jede Klausur-Aufgabe geometrisch lösbar machen.
Erstens.εx,εy,εz messen Längenänderungen pro Länge in den drei Achsen-Richtungen. Wird eine Materialfaser entlang der x-Achse länger, ist εx>0. Bleibt sie konstant, ist εx=0. Negative Werte heissen Stauchung.
Zweitens.εxy,εxz,εyz messen Winkeländerungen zwischen ursprünglich senkrechten Achsen-Richtungen. Verkleinert sich der rechte Winkel zwischen einer x-Faser und einer y-Faser, ist γxy>0 (Ingenieur-Konvention) und damit εxy>0. Vergrössert er sich, sind beide negativ.
Drittens. Eine reine Starrkörper-Rotation erzeugt keine Verzerrung: alle Tensor-Komponenten sind null, weil keine Längen und keine Winkel sich ändern. Das ist die direkte geometrische Konsequenz der symm/antisymm-Aufteilung aus Sec. 1.3, wo die Rotation in W landet und gerade nicht im Verzerrungstensor E.
MerkeDrei-Punkte-Methodik
Längen-x, Längen-y, Winkel zwischen x und y. Drei Fragen, drei Tensor-Komponenten.
MerkeRotation in W, nicht in E
Reine Drehung produziert keine Verzerrung. Vorzeichen-Falle in Klausuren.
Aufgabe (aus Übungsserie 4, Hausübung H2). Ein rechteckiges Blech verformt sich in der xy-Ebene wie skizziert. Die Verformungen sind übertrieben dargestellt; in Wirklichkeit handelt es sich um kleine Längen- und Winkeländerungen. Die Längen der Kanten AD, DC und AB bleiben unverändert. Das Verzerrungsfeld ist räumlich nicht konstant. Bestimme den Verzerrungstensor (im xy-Koordinatensystem) an den vier Eckpunkten A, B, C, D unter der Annahme k>0.
Vorgehen. An jedem Eckpunkt wenden wir die Drei-Punkte-Methodik aus Sec. 2.1 an: ändert sich die Länge in x? Ändert sich die Länge in y? Ändert sich der rechte Winkel zwischen den Kanten? Aus diesen drei Antworten ergibt sich der Tensor direkt.
MerkeWas ist gegeben
Längen AD,DC,AB unverändert. Nur Kante BC wird gestreckt.
PrüfungstippAn jeder Ecke fragen
Längen-x? Längen-y? Winkel? Drei Antworten, ein Tensor.
2.3 Eckpunkt A: Schub ohne Längenänderung
Die x-Kante AB bleibt unverändert in der Länge, also εx=0. Die y-Kante AD ebenfalls, also εy=0. Aber der ursprünglich rechte Winkel zwischen ihnen wird grösser. Per Konvention ist γxy>0 für eine Verkleinerung des Winkels; hier vergrössert er sich, also γxy<0 und damit εxy=−k.
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Verzerrungstensor an A
EA=(0−k−k0)
Reiner Schub: keine Längenänderung, nur Winkeländerung.
FormelResultat A
EA=(0−k−k0)
Reiner Schub.
2.4 Eckpunkt B: Schub plus Streckung
Die x-Kante AB bleibt konstant (εx=0). Aber die y-Kante BC wird in positiver y-Richtung gestreckt (εy=k). Der Winkel öffnet sich genauso wie an A, also wieder εxy=−k.
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Verzerrungstensor an B
EB=(0−k−kk)
Schub plus reine y-Streckung.
FormelResultat B
EB=(0−k−kk)
Schub plus Streckung.
2.5 Eckpunkt C: Streckung ohne Schubverzerrung
Die Kante DC bleibt konstant in der Länge (εx=0). Die Kante BC wird in y-Richtung gestreckt (εy=k). Wichtig: die scheinbare Drehung der Kante DC ist eine Starrkörper-Rotation, kein Schub. Der rechte Winkel an C bleibt erhalten. Also εxy=0. Die Drehung wird vom antisymmetrischen Teil W aus Sec. 1.3 absorbiert und tritt im Verzerrungstensor nicht auf.
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Verzerrungstensor an C
EC=(000k)
Reine y-Streckung. Die Drehung von DC ist Starrkörper-Anteil und landet in W, nicht in E.
FormelResultat C
EC=(000k)
Reine Streckung, Drehung in W.
MerkeDrehung absorbiert
Wenn der rechte Winkel erhalten bleibt, ist Schubverzerrung null. Drehung ist Starrkörper-Anteil.
2.6 Eckpunkt D: reine Starrkörper-Bewegung
Die Kanten DC und AD bleiben beide konstant. Der Winkel an D bleibt rechtwinklig. Keine Verformung: reine Starrkörper-Bewegung. Alle Tensor-Komponenten verschwinden.
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Verzerrungstensor an D
ED=(0000)
Null-Tensor. Reine Starrkörper-Translation oder -Rotation, keine echte Verzerrung.
FormelResultat D
ED=(0000)
Reine Starrkörper-Bewegung.
MerkeVier Tensoren auf einen Blick A: reiner Schub. B: Schub plus Streckung. C: Streckung, keine Schubverzerrung. D: null-Tensor.
Das Hauptdehnungs-Problem ist mathematisch identisch zum Hauptspannungs-Problem. Formaler Austausch σij→εij. Charakteristisches Polynom mit Verzerrungs-Invarianten als Koeffizienten. Block-Reduktion bei vorhandener Hauptachse. 2D-Mohr-Formel im 2×2-Block. Die Tensor-Schubkomponente εmax ist die halbe Differenz von Maximum und Minimum (analog zu τmax); der Ingenieur-Schubwinkel ist γmax=2εmax.
Konsequenz: alles aus Kap. 3 gilt 1:1. Wir wiederholen die Werkzeuge nicht, sondern verweisen und nutzen sie.
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Charakteristische Gleichung
det(E−εI)=0⟺ε3−I1Eε2−I2Eε−I3E=0
Drei Verzerrungs-Invarianten als Koeffizienten, formal identisch zum Spannungs-Fall. Drei reelle Wurzeln: die Hauptdehnungen εI,εII,εIII.
Die Verzerrungs-Invarianten haben dieselbe Struktur wie die Spannungs-Invarianten in Kap. 3 Sec. 1.2 (formaler Austausch σij→εij). Cross-Check εI+εII+εIII=I1E analog zur Spur-Identität bei den Hauptspannungen.
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Erste Verzerrungs-Invariante (Spur)
I1E=spur(E)=εx+εy+εz
Spur des Verzerrungstensors. Unabhängig vom Koordinatensystem: gleich der Summe der Hauptdehnungen.
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Zweite Verzerrungs-Invariante
I2E=−εxεy−εyεz−εxεz+εxy2+εxz2+εyz2
Diagonal-Produkte mit minus, Off-Diagonal-Quadrate mit plus. Vorzeichen-Regel wie bei den Spannungs-Invarianten.
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Dritte Verzerrungs-Invariante (Determinante)
I3E=det(E)
Determinante des Verzerrungstensors. Es gilt εI⋅εII⋅εIII=I3E.
DefinitionHauptdehnung
Eigenwert von E. Drei reelle Werte εI≥εII≥εIII.
DefinitionHauptrichtung
Eigenvektor von E zur entsprechenden Hauptdehnung.
MerkeIdentisch zu Kap. 3
Block-Reduktion, char. Polynom, 2D-Mohr-Formel: alles 1:1 vom Spannungstensor.
Praxis-Auswertung. Die Normaldehnung in eine Richtung n ist εn=(E⋅n)⋅n. Das ist die direkte Verzerrungs-Antwort an einer Schnittfläche mit Normale n. Der zugehörige Schubanteil ist εnt mit Pythagoras-Zerlegung wie beim Spannungsvektor in Kap. 1.
Maximaler Schubwinkel γmax. Als Tensor-Wert ist εmax die Off-Diagonal-Maximalkomponente im 45°-gedrehten Hauptachsensystem, also halbe Differenz Max minus Min. Anschaulich (Ingenieur-γ): γmax=2εmax=εI−εIII, ohne den Faktor 1/2. Das ist die maximale Winkeländerung im Material.
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Normaldehnung in Richtung n
εn=(E⋅n)⋅n
Skalar. Lineare Dehnung an Schnittfläche mit Normale n.
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Maximaler Schubwinkel (Ingenieur-Konvention)
γmax=εI−εIII
Halbe Differenz mal 2, weil Ingenieur-Konvention. Maximale Winkeländerung im Material.
Richtungen der maximalen Schubverformung. Die Richtungen, in denen γmax auftritt, liegen 45° versetzt zu den extremen Hauptdehnungs-Richtungen. Konkret: wenn nI und nIII die Hauptrichtungen zu εI und εIII sind, dann liegen die Vektoren n und t der maximalen Schubverformung in der Ebene aufgespannt durch nI und nIII, jeweils unter 45° zu beiden.
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Richtungen der maximalen Schubverformung
n=21(nI+nIII),t=21(−nI+nIII)
Beide liegen 45° zu den Hauptachsen nI und nIII, in der von ihnen aufgespannten Ebene.
FormelLineare Dehnung in n
εn=(E⋅n)⋅n
Skalare Antwort an Schnittfläche.
Formelγmax
γmax=εI−εIII
Ingenieur-Konvention.
MerkeTensor- vs. Ingenieur-Form
Mohr-Radius ist εmax (Tensor); Klausur-Antwort ist meistens γmax (Ingenieur). Faktor 2.
Prüfungstipp45°-Versatz
Max-Schub-Richtungen liegen zwischen den extremen Hauptrichtungen, immer 45° vom Hauptachsensystem entfernt.
Aufgabe (Fortsetzung von Bsp. 1.4 aus Übungsserie 4, H1 b/c/d). Mit dem Verzerrungstensor aus Sec. 1.4,
{E}xy=(733−1)⋅10−3,
bestimme (b) die Hauptdehnungen εI und εII, (c) die zugehörigen Hauptrichtungs-Winkel αI und αII bezüglich der x-Achse, und (d) den maximalen Schubwinkel γmax.
Lösungsweg in 5 Schritten
Schritt 1: Mittelpunkt M und Radius R des Mohr-Kreises
2D-Mohr-Formel für Hauptdehnungen identisch zur Hauptspannungs-Formel. M ist Mittelwert der Diagonale, R aus Pythagoras der halben Differenz und der Off-Diagonal-Komponente.
Die VolumendehnungεV ist die relative Volumenänderung pro ursprünglichem Volumen, ΔV/V0, an einem Punkt im Material. Bei kleinen Verzerrungen gilt εV=εx+εy+εz=spur(E). Das ist die erste Spannungs-Invariante I1, hier auf den Verzerrungstensor angewandt.
Die Volumendehnung hängt nicht davon ab, wie wir das Koordinatensystem drehen. Rechnerisch liegt das daran, dass die Spur eines Tensors invariant ist. Physikalisch heisst das: Die Achsenwahl ändert nur die Beschreibung, nicht die tatsächliche Volumenänderung. Bei εV>0 wächst das lokale Volumen, bei εV<0 schrumpft es, und bei εV=0 bleibt es konstant.
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Volumendehnung als erste Verzerrungs-Invariante
εV=spur(E)=εx+εy+εz=εI+εII+εIII
Spur des Verzerrungstensors. Unabhängig vom Koordinatensystem. In den Hauptachsen ist εV die Summe der drei Hauptdehnungen.
MerkeErste Verzerrungs-Invariante εV=I1E, unabhängig vom Koordinatensystem.
PrüfungstippInkompressibel εV=0 heisst volumenkonstante Verformung. Tritt z.B. in plastischer Deformation auf.
4.2 Querkontraktionszahl
Bei einem Stab unter reinem axialen Zug in x-Richtung dehnt er sich in x (εx>0) und kontrahiert in y und z (εy,εz<0). Das Verhältnis dieser Querkontraktion zur Längsdehnung heisst Querkontraktionszahl oder Poissonzahl ν. Definition: ν=−εquer/εlaengs. Das Minuszeichen sorgt dafür, dass ν meistens positiv ist (Material wird dünner, wenn länger).
Werte für reale Materialien: Stahl ν≈0,3, Aluminium ν≈0,33, Gummi ν→0,5 (inkompressibel), Kork ν≈0 (kontrahiert kaum). Theoretischer Bereich −1<ν<0,5. Bei ν=0,5 ist das Material exakt inkompressibel: der Volumenverlust durch Querkontraktion kompensiert genau die Volumenzunahme durch Längsdehnung.
Volumendehnung bei reinem Zug. Wenn εy=εz=−νεx, dann εV=εx(1−2ν). Bei ν=0,5 ist (1−2ν)=0 und εV verschwindet. Bei ν=0 (Kork) ist εV=εx, voll kompressibel.
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Querkontraktionszahl
ν=−εlaengsεquer
Verhältnis Quer- zu Längsdehnung mit Vorzeichenumkehr. Materialkonstante. Stahl ν≈0,3, Gummi ν→0,5.
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Volumendehnung bei reinem Zug in x
εV=εx(1−2ν)
Bei ν=0,5 verschwindet εV (inkompressibel). Bei ν=0 ist εV=εx.
Aufgabe (Standard-Lehrbuch-Beispiel zur Querkontraktion). Ein Stahlquader (Querkontraktionszahl ν=0,3) wird in x-Richtung mit einer linearen Längsdehnung εx=1⋅10−3 belastet. Es wirkt nur reine Axiallast, alle anderen Spannungen sind null. Bestimme (a) die Querdehnungen εy und εz, (b) den vollständigen Verzerrungstensor, und (c) die Volumendehnung εV.
Lösungsweg in 4 Schritten
Schritt 1: Querdehnungen aus ν
Bei reinem Zug in x kontrahiert das Material in y und z gleichermassen (Symmetrie um die Zugachse). εy=εz=−νεx.
Diese Section dient primär der Intuition und der Vollständigkeit. Sie zeigt, warum ein Spannungsfeld im Inneren eines Körpers nicht beliebig sein kann, sondern bestimmten räumlichen Differentialgleichungen genügen muss. Klausur-Aufgaben dieses Typs erscheinen typischerweise einmal pro Prüfung. Methodisch sind sie eng verwandt mit dem Verzerrungs-Kapitel, weil beide auf räumlichen partiellen Ableitungen aufbauen.
Newton II auf ein infinitesimales Würfelvolumen im Inneren des Körpers angewendet liefert drei räumliche Differentialgleichungen für das Spannungsfeld. Der Würfel hat sechs Schnittflächen mit je drei Spannungs-Komponenten; das Gleichgewicht in jeder der drei Achsen-Richtungen liefert eine Gleichung.
Anschauung. Wenn die Spannungen räumlich variieren, müssen die Variationen in benachbarten Richtungen so zueinander passen, dass das Volumenelement im Gleichgewicht bleibt. Das ist Mechanik im Kleinen: Newton II auf jeden Punkt im Material angewandt.
Drei Gleichungen, ein Punkt-Gleichgewicht pro Achse. f=(fx,fy,fz)⊤ ist die Volumenkraft pro Volumeneinheit (z.B. Schwerkraft ρg). Bei vernachlässigbarer Volumenkraft entfallen die fi-Terme.
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Spezialfall ebener Spannungszustand ohne Volumenkraft
∂x∂σx+∂y∂τxy=0,∂x∂τxy+∂y∂σy=0
Ebener Spannungszustand (σz=τxz=τyz=0) ohne Volumenkraft. Zwei DGLs in den drei verbleibenden Komponenten σx,σy,τxy.
DefinitionGleichgewicht im Inneren
Newton II auf ein infinitesimales Volumenelement. Drei DGLs (3D), zwei (ebene Spannung).
MerkeSpannungsfeld nicht frei
Räumliche Variation von σ und τ ist über die DGLs gekoppelt.
PrüfungstippVolumenkraft prüfen
Wenn keine Schwerkraft erwähnt, f=0 annehmen.
5.2 Beispiel: Spannungsfeld aus Schubspannung und Randbedingungen
Aufgabe (aus Übungsserie 4, Hausübung H3). Man betrachte einen rechteckigen Teilbereich (Abmessungen a×b) einer mechanisch belasteten dünnen Scheibe. Spannungen in Dickenrichtung sind vernachlässigbar (ebener Spannungszustand). Von den Spannungen in der xy-Ebene ist die räumliche Variation der Schubspannung bezüglich des xy-Koordinatensystems bekannt:
τxy(x,y)=b24ay2.
Des Weiteren gelten: σx=0 für alle Punkte auf der Geraden x=0, sowie σy=0 für alle Punkte auf der Geraden y=b/2. Bestimme die Verteilung der Normalspannungen σx(x,y) und σy(x,y).
Lösungsweg in 4 Schritten
Schritt 1: DGLs auf den ebenen Fall reduzieren
Ebener Spannungszustand bedeutet σz=τxz=τyz=0. Die dritte DGL wird trivial, die ersten zwei verlieren ihre ∂z-Terme. Volumenkraft f=0 angenommen, weil die Aufgabe keine Schwerkraft erwähnt.
Es bleiben zwei DGLs für die in-plane Komponenten.
∂x∂σx+∂y∂τxy=0,∂x∂τxy+∂y∂σy=0
Schritt 2: Erste DGL nach σx integrieren
Aus der ersten DGL folgt ∂xσx=−∂yτxy. Die rechte Seite ist die y-Ableitung von τxy, die wir aus der Aufgabe ablesen. Anschliessend nach x integrieren, Integrationskonstante als g(y).
τxy hängt nicht von x ab (nur y2), also ∂xτxy=0. Damit ∂yσy=0, also σy unabhängig von y, also σy(x,y)=h(x).
Eine zweite Integration mit Konstante h(x).
∂x∂τxy=0⟹∂y∂σy=0⟹σy(x,y)=h(x)
Schritt 4: Randbedingungen einsetzen
Die Randbedingung σx(0,y)=0 für alle y liefert g(y)=0. Die Randbedingung σy(x,b/2)=0 für alle x liefert h(x)=0. Beide Funktionen verschwinden, das Spannungsfeld ist eindeutig bestimmt.
Endresultat:
σx(x,y)=−b28ayx,σy(x,y)=0
FormelResultat
σx=−b28ayx,σy=0
Aus den beiden Gleichgewichts-DGLs plus zwei Randbedingungen.
Drei Multiple-Choice-Aufgaben aus alten Klausuren. Antwort-Optionen 1:1 aus der jeweiligen Original-Klausur übernommen. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg.
Aufgabe 1
Aus Klausur FS24, Frage B1. Für eine Scheibe wurde aus Messungen das folgende ebene Verschiebungsfeld ermittelt: u(x,y)=1000l[1+ln(ly+1)], v(x,y)=1000l[1+(ly)2+3(lx)] mit l>0. Bestimme γxy (Verkleinerung des Winkels zwischen ex und ey) am Punkt mit den Koordinaten x=0 und y=l.
Lösungsweg
Schritt 1: γxy-Definition
γxy ist der Ingenieur-Schubwinkel, gleich der Summe der gemischten Ableitungen ohne Faktor 1/2. γxy=∂y∂u+∂x∂v.
Definition aufschreiben.
γxy=∂y∂u+∂x∂v
Schritt 2: ∂y∂u berechnen
u(x,y)=(l/1000)[1+ln(y/l+1)]. Ableiten nach y: innere Ableitung von ln, also 1/(y/l+1)⋅1/l mal l/1000 ergibt 1/[1000⋅(y/l+1)].
v(x,y)=(l/1000)[1+(y/l)2+3(x/l)]. Ableiten nach x: nur der Term 3(x/l) trägt bei. (l/1000)⋅(3/l)=3/1000.
Konstant in x und y. Am Punkt (0,l) ebenfalls.
∂x∂v=1000l⋅l3=10003=3⋅10−3
Schritt 4: Summieren
γxy=∂y∂u+∂x∂v am Punkt einsetzen.
0,5⋅10−3+3⋅10−3=3,5⋅10−3.
γxy(0,l)=0,5⋅10−3+3⋅10−3=3,5⋅10−3
Schritt 5: Antwort identifizieren
Vergleich mit den 8 Optionen. Option d.
Distraktoren: (a), (b), (c), (f), (g), (h) sind verschiedene Vorfaktor- oder Vorzeichen-Fehler. (e) nimmt fälschlich an, dass das Verschiebungsfeld nicht abhängig sei. (d) ist korrekt.
γxy=3,5⋅10−3
Aufgabe 2
Aus Klausur FS24, Frage B2. Gegeben sei der Verzerrungstensor E im ξ-η-Koordinatensystem: {E}ξη=(2111)⋅10−4. Bestimme die Komponente εxy des Verzerrungstensors im x-y-Koordinatensystem. Die x-Achse ist um 45° im Uhrzeigersinn aus der ξ-Achse gedreht (entsprechend ist η um 45° gegen den Uhrzeigersinn aus x).
Lösungsweg
Schritt 1: Tensor-Komponenten ablesen
Drei unabhängige Werte aus der ξη-Matrix.
Diagonale εξ,εη, Off-Diagonale εξη.
εξ=2⋅10−4,εη=1⋅10−4,εξη=1⋅10−4
Schritt 2: Mohr-Trafo-Formel für Off-Diagonale
εxyneu=((εη−εξ)/2)sin(2α)+εξηcos(2α), wobei α der Winkel von x zu ξ ist (CCW positiv). Da x um 45° im Uhrzeigersinn aus ξ liegt, ist ξ um 45° CCW aus x, also α=+45°.
Trafo-Formel hinschreiben.
εxy=2εη−εξsin(2α)+εξηcos(2α)
Schritt 3: Werte bei α=45° einsetzen
2α=90°, sin=1, cos=0. Also nur der erste Term zählt.
Einsetzen.
εxy=21−2⋅1+1⋅0=−21⋅10−4
Schritt 4: Antwort identifizieren
Option a.
Distraktoren: (h) vergisst das Vorzeichen; (b) und (c) rechnen mit ganzen ε statt halbierter Diagonal-Differenz; (e) und (f) mischen halbe und ganze Werte.
εxy=−21⋅10−4
Aufgabe 3
Aus Klausur FS25, Frage B2. Für einen würfelförmigen Bereich mit der Kantenlänge l (0≤x≤l, 0≤y≤l, 0≤z≤l) innerhalb eines Bauteils ist das Verschiebungsfeld u(x,y,z) mit u0>0 gegeben: u(x,y,z)=2x2/l+z−3y2/l−x+z2z3/l2⋅lu0. Bestimme die Koordinaten (Positionsvektor x im x-y-z-Koordinatensystem) der Stelle im Würfel, an welcher die grösste Volumenausdehnung auftritt.
Lösungsweg
Schritt 1: Volumendehnung als Spur
εV=∂x∂u+∂y∂v+∂z∂w=spur(E). Aus dem Verschiebungsfeld die drei Diagonal-Ableitungen.
εV = Summe der drei Ableitungen. Funktion von (x,y,z).
Zusammenfassen.
εV(x,y,z)=(l4x−l6y+l26z2)⋅lu0
Schritt 3: Maximieren auf [0,l]3
Jede der drei Variablen separat maximieren, weil das Feld additiv getrennt ist. ∂/∂x=4/l>0 liefert x=l. ∂/∂y=−6/l<0 liefert y=0. ∂/∂z=12z/l2>0 für z>0 liefert z=l.
Drei Optimierungs-Bedingungen.
arg[0,l]3maxεV=(x,y,z)=(l,0,l)
Schritt 4: Antwort identifizieren
Option a: l(1,0,1).
Distraktoren: (b) und (g) vergessen z; (c) und (i) nehmen y>0 fälschlich; (d), (f), (h) variieren in einzelnen Komponenten falsch; (e) nimmt y=0,5 statt y=0.