3.1.1 Feldlinien & Rechte-Hand-Regel

Ein magnetisches Feld B\vec{B} entsteht überall dort, wo elektrische Ladungen in Bewegung sind: ein stromdurchflossener Draht, der Spin der Elektronen in einem Permanentmagneten, oder die Konvektionsströme im Erdkern. Magnetische Feldlinien beschreiben Richtung und Stärke des Magnetfeldes. Sie verlaufen immer geschlossen, denn es gibt keine magnetischen Monopole (zweite Maxwell-Gleichung B=0\nabla\cdot\vec{B}=0).

Magnetische Feldlinien bilden geschlossene Kurven ohne Anfang und Ende. Ausserhalb eines Magneten verlaufen sie von Nord nach Süd, innerhalb von Süd nach Nord. Die Dichte der Feldlinien ist ein Mass für die Stärke des Feldes: je dichter die Linien, desto stärker das Feld. Zwei Feldlinien können sich nie schneiden (sonst wäre die Feldrichtung am Schnittpunkt nicht eindeutig).

Die Rechte-Hand-Regel für einen geraden Leiter lautet: Der Daumen zeigt in die Stromrichtung II, die gekrümmten Finger umschliessen den Leiter in Feldrichtung B\vec{B}. Für einen einzelnen langen Draht ergibt sich daraus ein konzentrisches Kreismuster um die Drahtachse, das mit zunehmendem Abstand rr schwächer wird.

!!!
B-Feld eines geraden Leiters
B(r)=μ0I2πrB(r) = \frac{\mu_0 I}{2\pi r}
Konzentrische Kreise um den Draht. rr ist der senkrechte Abstand zur Drahtachse, μ0=4π107Vs/(Am)\mu_0 = 4\pi\cdot10^{-7}\,\mathrm{Vs/(Am)} ist die magnetische Feldkonstante.
!!
Magnetische Flussdichte (Einheit)
[B]=T=Vsm2=Wbm2=kgAs2[B] = \mathrm{T} = \frac{\mathrm{Vs}}{\mathrm{m}^2} = \frac{\mathrm{Wb}}{\mathrm{m}^2} = \frac{\mathrm{kg}}{\mathrm{A}\,\mathrm{s}^2}
Tesla ist die SI-Einheit der magnetischen Flussdichte. Praktische Werte: Erdmagnetfeld 50μT\approx 50\,\mu\mathrm{T}, Stabmagnet 0.01T\approx 0.01\,\mathrm{T}, MRT-Magnet 1.5-7T1.5\text{-}7\,\mathrm{T}, supraleitender Magnet bis 45T\approx 45\,\mathrm{T}.
!!!
Lorentzkraft (Vektorform)
F=q(v×B)\vec{F} = q\,(\vec{v}\times\vec{B})
Steht stets senkrecht auf v\vec{v} und B\vec{B}. [F]=N[F] = \mathrm{N}, [B]=T=Vs/m2[B] = \mathrm{T} = \mathrm{Vs/m^2}.
Linien 16
Speed 1.0
1.0
16
Abb. 1: Magnetische Feldlinien eines geraden Leiters
Definition Magnetische Flussdichte B
Mass für die Feldstärke. Einheit: Tesla (T). Vektorgrösse, Richtung tangential an Feldlinien.
Formel Lorentzkraft
F=q(v×B)\vec{F} = q\,(\vec{v}\times\vec{B})
Steht immer \perp auf v\vec{v} und B\vec{B}.
Formel B-Feld des Leiters
B(r)=μ0I2πrB(r) = \frac{\mu_0 I}{2\pi r}
Kreissymmetrie um den Draht, 1/r1/r-Abfall.
Merke Keine Monopole
Anders als beim E-Feld gibt es keine isolierten Nord- oder Südpole. Trennt man einen Magneten, entstehen zwei kleinere Magnete.

3.1.2 Lorentzkraft: F = q v × B

Die Lorentzkraft ist die Kraft, die ein Magnetfeld auf bewegte Ladungen ausübt. Sie steht senkrecht auf der Geschwindigkeit v\vec{v} und auf B\vec{B}, ihr Betrag hängt vom eingeschlossenen Winkel α\alpha ab.

!!!
Lorentzkraft (Vektor- und Betragsform)
F=q(v×B)F=qvBsinα\begin{aligned} \vec{F} &= q\,(\vec{v}\times\vec{B}) \\ |\vec{F}| &= q\,v\,B\,\sin\alpha \end{aligned}
α\alpha ist der Winkel zwischen v\vec{v} und B\vec{B}. vBF=0\vec{v}\parallel\vec{B}\Rightarrow F=0. vBF\vec{v}\perp\vec{B}\Rightarrow F maximal.
!!
Allgemeine Lorentzkraft (mit E-Feld)
F=q(E+v×B)\vec{F} = q\,(\vec{E} + \vec{v}\times\vec{B})
Vollständige Lorentzkraft inklusive des elektrischen Anteils. Der magnetische Term wirkt nur auf bewegte Ladungen, der elektrische auch auf ruhende.

Eigenschaften der Lorentzkraft: F\vec{F} steht stets senkrecht auf v\vec{v} (Fv\vec{F}\perp\vec{v}). Sie verrichtet daher keine Arbeit, und der Betrag v|\vec{v}| bleibt konstant. Ebenso gilt FB\vec{F}\perp\vec{B}. Ist die Geschwindigkeit parallel zum Feld (vB\vec{v}\parallel\vec{B}), so verschwindet die Kraft (sin0=0\sin 0 = 0). Maximale Kraft tritt bei vB\vec{v}\perp\vec{B} auf (sin90°=1\sin 90° = 1). Für positive Ladungen zeigt F\vec{F} in Richtung v×B\vec{v}\times\vec{B}, für negative Ladungen entgegengesetzt.

!!
Arbeit der Lorentzkraft
WLorentz=Fds=q(v×B)vdt=0W_{\text{Lorentz}} = \int \vec{F}\cdot d\vec{s} = \int q(\vec{v}\times\vec{B})\cdot \vec{v}\,dt = 0
FvFv=0\vec{F}\perp\vec{v}\Rightarrow \vec{F}\cdot\vec{v}=0. Die kinetische Energie Ekin=12mv2E_{\text{kin}}=\frac{1}{2}mv^2 bleibt konstant; das Magnetfeld lenkt nur ab, beschleunigt nie.
F = qv×B 0.00 N
1.0
Abb. 2: Lorentzkraft im B-Feld

Da F\vec{F} immer senkrecht auf v\vec{v} steht, ändert sie nur die Richtung, nicht den Betrag der Geschwindigkeit. Eine Kraft, die stets senkrecht zur Bewegungsrichtung wirkt, ist per Definition eine Zentripetalkraft. Das Ergebnis ist eine Kreisbahn.

Eine perfekte Kreisbahn entsteht nur im homogenen Magnetfeld. Nur wenn B\vec{B} überall gleich ist, bleibt der Radius r=mv/(qB)r = mv/(qB) konstant. Bei inhomogenem B\vec{B} ändert sich rr ständig: die Bahn driftet und ist kein geschlossener Kreis (Gradientendrift).

Merke Keine Arbeit!
FvW=0\vec{F}\perp\vec{v}\Rightarrow W=0. EkinE_{\text{kin}} bleibt konstant.
Formel Sonderfälle
α=0°F=0\alpha=0°\Rightarrow F=0
α=90°F=qvB\alpha=90°\Rightarrow F=qvB (Maximum)
Notation Notation
Manche Texte schreiben FL\vec{F}_L oder Fmag\vec{F}_{\text{mag}} statt F\vec{F}, um die Lorentzkraft von anderen Kräften zu unterscheiden.

3.1.3 Kreisbahn: r = m v / (q B)

Im homogenen Magnetfeld mit vB\vec{v}\perp\vec{B} bewegt sich eine Ladung auf einer perfekten Kreisbahn. Die Lorentzkraft liefert die nötige Zentripetalkraft. Aus dem Kräftegleichgewicht qvB=mv2/rqvB = mv^2/r folgen alle wichtigen Bahngrössen.

!!
Kräftegleichgewicht (Lorentzkraft = Zentripetalkraft)
qvB=mv2rq\,v\,B = \frac{m\,v^2}{r}
Auflösen nach rr liefert den Bahnradius. Die rechte Seite ist die Zentripetalkraft eines Massepunktes auf Kreisbahn.
!!!
Kreisbahnradius (Zyklotronradius)
r=mvqBr = \frac{m\,v}{q\,B}
rvr\propto v (schnellere Teilchen, grösserer Kreis), rmr\propto m (schwerere Teilchen, grösserer Kreis), r1/Br\propto 1/B (stärkeres Feld, engerer Kreis).
!!!
Winkelgeschwindigkeit (Zyklotronfrequenz)
ω=qBm\omega = \frac{q\,B}{m}
Bemerkenswert: ω\omega ist vollständig unabhängig von der Geschwindigkeit. Alle Teilchen gleicher Spezifischer Ladung q/mq/m umlaufen mit derselben Frequenz, egal wie schnell sie sind.
!!
Umlaufperiode und Frequenz
T=2πmqBf=1T=qB2πm\begin{aligned} T &= \frac{2\pi\,m}{q\,B} \\ f &= \frac{1}{T} = \frac{q\,B}{2\pi\,m} \end{aligned}
Die Periode hängt nur von mm, qq, BB ab. Grundlage des Zyklotrons (Teilchenbeschleuniger): konstante Frequenz erlaubt resonante Beschleunigung mit fester HF.
B 1.00 T
ω 1.00
r₁ 1.50
r₂ 2.50
r₃ 3.50
1.0
Abb. 3: Kreisbahn im homogenen B-Feld (B oszilliert)

Hat das Teilchen eine zusätzliche Geschwindigkeitskomponente parallel zu B\vec{B} (vv_\parallel), so überlagert sich die Kreisbewegung mit einer geradlinigen Bewegung längs der Feldlinien. Das Resultat ist eine Helix (Schraubenbahn). Der Radius bestimmt sich aus dem senkrechten Anteil vv_\perp, die Steigung aus vTv_\parallel\cdot T.

!!
Helixbahn (allgemein)
r=mvqBSteigung=vT=2πmvqB\begin{aligned} r &= \frac{m\,v_\perp}{q\,B} \\ \text{Steigung} &= v_\parallel\,T = \frac{2\pi\,m\,v_\parallel}{q\,B} \end{aligned}
Bahn auf der Mantelfläche eines Zylinders mit Radius rr und Steigung pro Umlauf vTv_\parallel T. Wichtig für Plasma-Confinement (Magnetspiegel, Tokamak).
Definition Zyklotronfrequenz
ω=qB/m\omega = qB/m. Unabhängig von vv.
Formel Spezifische Ladung
qm=ωB\frac{q}{m} = \frac{\omega}{B}
Aus ω\omega und BB direkt messbar. Klassisches Experiment von J.J. Thomson zur Bestimmung von e/me/m.
Merke Zyklotron-Prinzip
ω=qB/m\omega = qB/m
Konstante HF kann Teilchen jeder Energie beschleunigen.
Querverweis Anwendung
→ § 3.2.5 Massenspektrometer

3.2.1 Kraft auf stromdurchflossenen Leiter: F = B I l

Ein stromdurchflossener Leiter im Magnetfeld erfährt eine Kraft. Diese ist die makroskopische Summe der Lorentzkräfte auf alle bewegten Ladungsträger. Pro Volumenelement wirkt die Kraftdichte f=nq(vd×B)=j×B\vec{f} = n\,q\,(\vec{v}_d\times\vec{B}) = \vec{j}\times\vec{B} mit der Stromdichte j=nqvd\vec{j} = nq\vec{v}_d.

Integriert über den Leiterquerschnitt und entlang des Leiters folgt die Stromkraftformel. Sie ist die Grundlage aller Elektromotoren, Lautsprecher und Galvanometer.

!!!
Kraft auf einen geraden Leiter (homogenes Feld)
F=I(l×B)F=BIlsinα\begin{aligned} \vec{F} &= I\,(\vec{l}\times\vec{B}) \\ |\vec{F}| &= B\,I\,l\,\sin\alpha \end{aligned}
l\vec{l} zeigt in Stromrichtung, l=l|\vec{l}|=l ist die Leiterlänge im Feld, α\alpha ist der Winkel zwischen l\vec{l} und B\vec{B}. α=90°F=BIl\alpha=90°\Rightarrow F=BIl (Maximum).
!!
Kraft auf ein Stromelement (allgemein)
dF=I(dl×B)d\vec{F} = I\,(d\vec{l}\times\vec{B})
Integralform für gekrümmte Leiter oder inhomogene Felder: F=CI(dl×B)\vec{F} = \int_C I\,(d\vec{l}\times\vec{B}).
!
Kraftdichte im stromdurchflossenen Volumen
f=j×B\vec{f} = \vec{j}\times\vec{B}
Volumenkraftdichte (N/m3\mathrm{N/m^3}) auf eine Stromverteilung mit Stromdichte j\vec{j}. Wichtig in der Magnetohydrodynamik und für Plasmen.
F 0.00 N
B 1.00 T
1.0
Abb. 4: Kraft auf stromdurchflossenen Leiter im B-Feld
Formel Schlüsselformel
F=BIlsinαF = B\,I\,l\,\sin\alpha
α=90°F\alpha=90°\Rightarrow F maximal. α=0°F=0\alpha=0°\Rightarrow F=0.
Formel Parallele Leiter
Fl=μ0I1I22πd\frac{F}{l} = \frac{\mu_0\,I_1\,I_2}{2\pi\,d}
Anziehung bei gleichsinnigen, Abstossung bei gegensinnigen Strömen.
Querverweis Anwendung
Galvanometer, Lautsprecher, Elektromotor, Linearmotor (Maglev). Alle nutzen F=BIlF = BIl.

3.2.2 Drehmoment auf eine Stromschleife: τ = B I N A

Eine Stromschleife im Magnetfeld erfährt ein Drehmoment, das sie in Richtung des Feldes ausrichtet. Dies ist das Funktionsprinzip des Elektromotors. Die Schleife verhält sich wie ein magnetischer Dipol mit Moment m=NIAn^\vec{m} = N\,I\,A\,\hat{n}, wobei n^\hat{n} die Flächennormale (Rechte-Hand-Regel zur Stromrichtung) ist.

!!!
Magnetisches Moment einer Stromschleife
m=NIAn^\vec{m} = N\,I\,A\,\hat{n}
NN = Windungszahl, II = Strom, AA = Schleifenfläche, n^\hat{n} = Flächennormale (Rechte-Hand-Regel: Finger in Stromrichtung, Daumen = n^\hat{n}). [m]=Am2[m] = \mathrm{A\,m^2}.
!!!
Drehmoment auf magnetisches Moment
τ=m×Bτ=mBsinθ=NIABsinθ\begin{aligned} \vec{\tau} &= \vec{m}\times\vec{B} \\ |\vec{\tau}| &= m\,B\,\sin\theta = N\,I\,A\,B\,\sin\theta \end{aligned}
θ\theta = Winkel zwischen m\vec{m} und B\vec{B}. Maximum bei θ=90°\theta=90° (Schleife parallel zum Feld), τ=0\tau=0 bei θ=0°\theta=0° (stabiles Gleichgewicht, mB\vec{m}\parallel\vec{B}).
!!
Potentielle Energie eines Dipols im B-Feld
U=mB=mBcosθU = -\vec{m}\cdot\vec{B} = -m\,B\,\cos\theta
Minimum bei θ=0°\theta=0° (U=mBU=-mB): m\vec{m} parallel zu B\vec{B}. Maximum bei θ=180°\theta=180° (U=+mBU=+mB): instabiles Gleichgewicht. Aus τ=dU/dθ\tau = -dU/d\theta folgt direkt das Drehmoment.
τ 0.00 Nm
θ 0.0°
1.0
Abb. 5: Drehmoment auf Stromschleife im B-Feld
Definition Magnetisches Moment
m=NIAn^\vec{m} = N\,I\,A\,\hat{n}
[m]=Am2[m]=\mathrm{A\,m^2}. Definiert wie ein magnetischer Dipol.
Merke Elektromotor-Prinzip
Das Drehmoment τ=NIAB\tau = NIAB dreht die Spule in die Gleichgewichtslage.
Formel Energie
U=mBU = -\vec{m}\cdot\vec{B}
Analogon zum elektrischen Dipol U=pEU = -\vec{p}\cdot\vec{E}.

3.2.3 Feldgrössen H und B: B = μ₀ μᵣ H

Im Vakuum existiert nur eine Feldgrösse, B\vec{B}. In Materie unterscheidet man zwei verwandte Grössen: die magnetische Erregung oder Feldstärke H\vec{H} (materialunabhängig, hängt nur von freien Strömen ab) und die magnetische Flussdichte B\vec{B} (berücksichtigt zusätzlich die Magnetisierung des Materials).

Die beiden hängen über die relative Permeabilität μr\mu_r und die Magnetisierung M\vec{M} zusammen. Für lineare Materialien (dia- und paramagnetisch) ist μr\mu_r eine Konstante; für ferromagnetische Stoffe hängt sie vom Feld ab (Hysterese).

!!!
Materialbeziehung
B=μ0μrH=μH\vec{B} = \mu_0\,\mu_r\,\vec{H} = \mu\,\vec{H}
μ0=4π107Vs/(Am)=4π107H/m\mu_0 = 4\pi\cdot 10^{-7}\,\mathrm{Vs/(Am)} = 4\pi\cdot 10^{-7}\,\mathrm{H/m} (magnetische Feldkonstante). μ=μ0μr\mu = \mu_0\mu_r ist die absolute Permeabilität.
!!!
Allgemeine Materialbeziehung mit Magnetisierung
B=μ0(H+M)\vec{B} = \mu_0\,(\vec{H} + \vec{M})
M\vec{M} = Magnetisierung (magnetisches Moment pro Volumen, [M]=A/m[M]=\mathrm{A/m}). Für lineare Materialien M=χmH\vec{M} = \chi_m\vec{H} mit der Suszeptibilität χm\chi_m.
!!!
Verknüpfung μr\mu_r und χm\chi_m
μr=1+χm\mu_r = 1 + \chi_m
Vakuum: χm=0μr=1\chi_m=0\Rightarrow\mu_r=1. Diamagnetisch: χm<0μr<1\chi_m<0\Rightarrow\mu_r<1. Paramagnetisch: χm>0\chi_m>0 klein. Ferromagnetisch: χm1\chi_m\gg 1.
!!
Einheiten von H und B
[H]=A/m[B]=T=Vs/m2\begin{aligned} [H] &= \mathrm{A/m} \\ [B] &= \mathrm{T} = \mathrm{Vs/m^2} \end{aligned}
Die Trennung von H\vec{H} und B\vec{B} ist nur in Materie wirklich nötig. Im Vakuum ist B=μ0H\vec{B}=\mu_0\vec{H}, beide enthalten dieselbe Information.
H 0.0 A/m
B 0.0 mT
1.0
Abb. 6: H- und B-Feld in verschiedenen Materialien
Definition Permeabilität
μ=μ0μr\mu = \mu_0\,\mu_r
μ0=4π107Vs/(Am)\mu_0 = 4\pi\cdot 10^{-7}\,\mathrm{Vs/(Am)}
Querverweis Typische μr\mu_r
Vakuum: 11
Luft: 1\approx 1
Wasser: 0.9999910.999991
Aluminium: 1.0000221.000022
Ferrit: 100-1000100\text{-}1000
Weicheisen: 1000-100001000\text{-}10000
Notation Suszeptibilität
χm=μr1\chi_m = \mu_r - 1
Auch χ\chi oder κ\kappa geschrieben.

3.2.4 Hall-Effekt

Im Magnetfeld werden bewegte Ladungsträger quer zur Stromrichtung abgelenkt. In einer dünnen Platte sammeln sie sich an einer Seitenfläche an, die andere wird positiv. Es baut sich eine Hallspannung UHU_H auf, deren elektrisches Feld die magnetische Ablenkung gerade kompensiert: das Stromdichteprofil bleibt gleichförmig.

Das Vorzeichen von UHU_H verrät den Typ der Ladungsträger: Elektronen (q-q) und Defektelektronen (+q+q, Löcher in Halbleitern) werden in entgegengesetzte Richtungen abgelenkt und liefern entgegengesetzte UHU_H. So entdeckt man Halbleiter-Typ (nn oder pp) und Trägerdichte nn in einem Experiment.

!
Driftgeschwindigkeit der Ladungsträger
vd=InqA=Inqbdv_d = \frac{I}{n\,q\,A} = \frac{I}{n\,q\,b\,d}
nn = Trägerdichte, qq = Trägerladung, A=bdA=b\cdot d = Querschnitt der Platte (bb = Breite, dd = Dicke).
!!
Gleichgewichtsbedingung (Lorentz = elektrostatisch)
qvdB=qEHEH=vdBq\,v_d\,B = q\,E_H \quad\Rightarrow\quad E_H = v_d\,B
Die quer aufgebaute Hall-Feldstärke EHE_H kompensiert die Lorentzkraft im stationären Zustand.
!!!
Hall-Spannung
UH=EHb=vdBb=IBnqdU_H = E_H\,b = v_d\,B\,b = \frac{I\,B}{n\,q\,d}
dd = Dicke der Platte (in Feldrichtung), bb = Breite (quer dazu, nicht im Endergebnis). Dünnere Platten erzeugen grössere Spannungen. nn = Ladungsträgerdichte, qq = Elementarladung.
!!
Hall-Konstante
RH=1nqUH=RHIBdR_H = \frac{1}{n\,q} \quad\Rightarrow\quad U_H = R_H\,\frac{I\,B}{d}
Materialeigenschaft. Vorzeichen sign(RH)\mathrm{sign}(R_H) = Vorzeichen der Ladungsträger (nn-Typ: RH<0R_H<0, pp-Typ: RH>0R_H>0).
UH 0.00 mV
1.0
Abb. 7: Hall-Effekt: Aufbau der Hallspannung
Querverweis Anwendung
Hall-Sensor
Messung von B\vec{B}-Feldern und Strömen ohne galvanische Verbindung. In jedem Auto, Smartphone, jeder Tastatur.
Formel Hall-Konstante
RH=1nqR_H = \frac{1}{n\,q}
Bestimmt aus UHU_H, II, BB, dd. Gibt Trägerdichte und Vorzeichen.
Merke Quanten-Hall-Effekt
Bei tiefen Temperaturen und starken Feldern wird RHR_H in Stufen quantisiert: RH=h/(e2ν)R_H = h/(e^2\nu). Nobelpreis 1985 (Klitzing).

3.2.5 Massenspektrometer

Im Massenspektrometer werden geladene Teilchen zunächst durch eine Beschleunigungsspannung UU auf eine bestimmte Geschwindigkeit gebracht und dann im homogenen Magnetfeld auf eine Halbkreisbahn umgelenkt. Da der Bahnradius r=mv/(qB)r = mv/(qB) direkt vom Verhältnis m/qm/q abhängt, lassen sich Teilchen verschiedener Masse oder Ladung nach Auftreffort räumlich trennen.

!!
Beschleunigung im E-Feld
qU=12mv2v=2qUmq\,U = \tfrac{1}{2}\,m\,v^2 \quad\Rightarrow\quad v = \sqrt{\frac{2\,q\,U}{m}}
Energieerhaltung: Die im E-Feld gewonnene Arbeit wird zu kinetischer Energie. Schwerere Teilchen sind langsamer (gleicher Energie).
!!!
Bahnradius im B-Feld
r=mvqB=1B2mUqr = \frac{m\,v}{q\,B} = \frac{1}{B}\sqrt{\frac{2\,m\,U}{q}}
Der Bahnradius wächst wie m/q\sqrt{m/q} bei gegebener Beschleunigungsspannung. Trennung nach m/qm/q ist die Grundlage der Isotopenanalyse.
!!
Auftreffpunkt nach Halbkreis
x=2r=2mvqB=2B2mUqx = 2\,r = \frac{2\,m\,v}{q\,B} = \frac{2}{B}\sqrt{\frac{2\,m\,U}{q}}
Direkt messbar mit Detektor (CCD, Photoplatte, Mikrokanalplatte). Aus xx, BB, UU folgt m/qm/q.
!
Geschwindigkeitsfilter (Wien-Filter)
vfilter=EBv_{\text{filter}} = \frac{E}{B}
Gekreuzte E\vec{E}- und B\vec{B}-Felder lassen nur Teilchen mit v=E/Bv=E/B unabgelenkt durch. Wird oft vor das eigentliche Spektrometer geschaltet, um die Geschwindigkeit auf einen schmalen Bereich zu begrenzen.
r₁ 0.00
r₂ 0.00
r₃ 0.00
1.0
Abb. 8: Massenspektrometer: Isotopentrennung
Querverweis Anwendung
Massenspektrometrie: Isotopenanalyse, Elementbestimmung, Doping-Kontrolle, Pharmakologie, Geologie.
Formel Auftreffpunkt
x=2r=2mvqBx = 2\,r = \frac{2\,m\,v}{q\,B}
Trennung nach m/qm/q.
Merke Wien-Filter
v=E/Bv = E/B
Liefert monoenergetische Teilchen vor dem Magnetfeld.

3.3.1 Ampèresches Gesetz

Das Ampèresche Gesetz verknüpft die Zirkulation des H\vec{H}-Feldes entlang einer geschlossenen Kurve mit dem von dieser Kurve eingeschlossenen Strom. Es ist das magnetische Analogon zum Gauss'schen Gesetz für das elektrische Feld und vereinfacht die Berechnung des Magnetfeldes drastisch, sobald genügend Symmetrie vorliegt.

!!!
Ampèrescher Durchflutungssatz (Integralform)
CHdl=Iein=AjdA\oint_C \vec{H}\cdot d\vec{l} = I_{\text{ein}} = \int_A \vec{j}\cdot d\vec{A}
CC = beliebige geschlossene Kurve, AA = irgendeine Fläche, die CC umrandet, j\vec{j} = Stromdichte. IeinI_{\text{ein}} ist die algebraische Summe aller Ströme durch AA (Vorzeichen via Rechte-Hand-Regel zu dld\vec{l}).
!!
Ampèresches Gesetz mit B (Vakuum, lineares Material)
CBdl=μ0μrIein\oint_C \vec{B}\cdot d\vec{l} = \mu_0\,\mu_r\,I_{\text{ein}}
Im Vakuum (μr=1\mu_r=1): Bdl=μ0Iein\oint\vec{B}\cdot d\vec{l} = \mu_0 I_{\text{ein}}. Diese Form wird oft als 'Ampère-Form' bezeichnet.
!!!
Differentialform (lokales Ampère-Gesetz)
×H=j(stationa¨r)\nabla\times\vec{H} = \vec{j} \quad (\text{stationär})
Folgt mit dem Stokes'schen Satz aus der Integralform. Im Vakuum: ×B=μ0j\nabla\times\vec{B} = \mu_0\vec{j}. Erweiterung für zeitabhängige Felder: siehe § 3.4.2 (Maxwell-Korrektur, Verschiebungsstrom).
H 0.0 A/m
r 0.0 m
1.0
Abb. 9: Ampèrescher Integrationsweg
Formel Schlüsselformel
Hdl=Iein\oint \vec{H}\cdot d\vec{l} = I_{\text{ein}}
H2πr=IH\cdot 2\pi r = I für Kreisweg um Draht.
Formel Differentialform
×H=j\nabla\times\vec{H} = \vec{j}
Folgt aus Stokes.
Querverweis Analogie
Ampère (magnetisch) ↔ Gauss (elektrisch). Beide nutzen die Symmetrie des Feldes.

3.3.2 Gerader Leiter: B(r) = μ₀ I / (2π r)

Mit dem Ampèreschen Gesetz und der Kreissymmetrie berechnet man das B\vec{B}-Feld eines unendlich langen geraden Leiters mit Radius RR. Innen (r<Rr<R) ist nur ein Teil des Stroms eingeschlossen, aussen (r>Rr>R) der gesamte Strom II.

!!!
B-Feld ausserhalb des Leiters (r>Rr > R)
B(r)=μ0I2πrB(r) = \frac{\mu_0\,I}{2\pi\,r}
Voller Strom II eingeschlossen. 1/r1/r-Abfall mit dem Abstand. Das ist die wichtigste Formel der einfachen Magnetostatik.
!!!
B-Feld innerhalb des Leiters (r<Rr < R, gleichmässige Stromverteilung)
B(r)=μ0Ir2πR2B(r) = \frac{\mu_0\,I\,r}{2\pi\,R^2}
Eingeschlossener Strom: Iein=I(πr2)/(πR2)=Ir2/R2I_{\text{ein}} = I\cdot(\pi r^2)/(\pi R^2) = I\,r^2/R^2. Daraus B2πr=μ0Ir2/R2B\cdot 2\pi r = \mu_0 I r^2/R^2, also BrB\propto r (linear). Stetiger Übergang bei r=Rr=R: B(R)=μ0I/(2πR)B(R)=\mu_0 I/(2\pi R).
!!
Maximum am Drahtrand
Bmax=B(R)=μ0I2πRB_{\max} = B(R) = \frac{\mu_0\,I}{2\pi\,R}
Innen wächst BB linear bis zum Drahtrand und fällt ausserhalb wieder 1/r1/r-förmig.
B(r) 0.0 μT
1.0
Abb. 10: B-Feld des geraden Leiters: 1/r-Abfall
Merke Profilform
Innen (r<Rr<R): BrB\propto r
Aussen (r>Rr>R): B1/rB\propto 1/r
Maximum am Rand r=Rr=R.
Formel Innen (r<Rr < R)
B=μ0Ir2πR2B = \frac{\mu_0\,I\,r}{2\pi\,R^2}
BrB\propto r (linear).
Formel Aussen (r>Rr > R)
B=μ0I2πrB = \frac{\mu_0\,I}{2\pi\,r}
B1/rB\propto 1/r.

3.3.3 Ringspule (Toroid)

Beim Toroid (Donut-förmige Spule mit NN Windungen, Innenradius rr) verläuft das Feld vollständig im Innern: aussen ist B=0\vec{B}=0. Ein Ampèrescher Kreis mit Radius rr im Innern des Torus liefert das Feld direkt.

!!
Ampère-Anwendung beim Toroid
Hdl=H2πr=NI\oint H\,dl = H\cdot 2\pi\,r = N\,I
Der Ampère-Kreis schliesst alle NN Windungen ein, jede trägt II. Also H=NI/(2πr)H = NI/(2\pi r).
!!!
Toroid-Feld im Innern
B(r)=μ0NI2πrB(r) = \frac{\mu_0\,N\,I}{2\pi\,r}
1/r1/r-Abfall innerhalb des Torus (nicht streng homogen!). Aussen: B=0B=0 (vollständige Einhegung). Bei dünnem Torus (Δrr\Delta r\ll r) ist das Feld näherungsweise konstant.
Binnen 0.0 mT
1.0
Abb. 11: Toroid: Feldlinien vollständig im Innern
Merke Streufeld
Toroid: B=0B=0 aussen.
Solenoid: B0B\neq 0 aussen (Randfelder).
Formel Toroid-Feld
B=μ0NI2πrB = \frac{\mu_0\,N\,I}{2\pi\,r}
1/r1/r-Abfall im Innern.
Querverweis Anwendung
Ringkerntransformator, HF-Drossel, Netzteil-Filter, Tokamak.

3.3.4 Solenoid: B = μ₀ n I

Im langen Solenoid (Spule mit Länge ll, Windungszahl NN, n=N/ln=N/l Windungen pro Länge) ist das Feld innen homogen und axial gerichtet, ausserhalb näherungsweise null. Mit einem Ampèreschen Rechteckweg, dessen ein Schenkel innen, der andere aussen liegt, folgt direkt das berühmte B=μ0nIB=\mu_0 nI.

!!
Ampère-Anwendung beim Solenoid
Bdl=Bl=μ0NeinI=μ0(nl)I\oint \vec{B}\cdot d\vec{l} = B\cdot l = \mu_0\,N_{\text{ein}}\,I = \mu_0\,(n\,l)\,I
Das Rechteck der Höhe ll schliesst Nein=nlN_{\text{ein}}=nl Windungen ein. Nur der innere Schenkel trägt zum Integral bei (aussen B0\vec{B}\approx 0, an den Querschenkeln Bdl\vec{B}\perp d\vec{l}).
!!!
Solenoid-Feld (innen, lange Spule)
B=μ0nI=μ0NIlB = \mu_0\,n\,I = \frac{\mu_0\,N\,I}{l}
n=N/ln = N/l = Windungen pro Meter. Homogen über dem grössten Teil der Spule, nimmt nur an den Enden ab. Mit Eisenkern wird μ0\mu_0 durch μ0μr\mu_0\mu_r ersetzt.
!
Endfeld (an der Stirnseite einer langen Spule)
BEnde12μ0nIB_{\text{Ende}} \approx \tfrac{1}{2}\,\mu_0\,n\,I
Nur halb so gross wie das Innenfeld, weil die zweite Hälfte der Spule fehlt. Anschauliche Folgerung: zwei aneinander gestellte halbe Spulen ergeben das volle Feld.
B 0.0 mT
1.0
Abb. 12: Solenoid: homogenes Innenfeld
Formel Solenoid (innen)
B=μ0nIB = \mu_0\,n\,I
nn = Windungen pro Meter.
Formel Endfeld
BEnde12μ0nIB_{\text{Ende}} \approx \tfrac{1}{2}\,\mu_0\,n\,I
Nur halb so gross wie das Innenfeld.
Querverweis Anwendung
MRT-Magnete, Relais, Magnetventile, Linearmotoren. Überall wo homogenes B\vec{B} benötigt wird.

3.4.1 Die vier Maxwell-Gleichungen

Die Maxwell-Gleichungen beschreiben alle Erscheinungen des Elektromagnetismus, von der elektrostatischen Anziehung bis zur Lichtwelle. Sie verknüpfen die elektrischen und magnetischen Felder E\vec{E} und B\vec{B} mit ihren Quellen (Ladungen und Strömen) und untereinander. James Clerk Maxwell vereinheitlichte 1865 die Arbeiten von Coulomb, Gauss, Ampère und Faraday und ergänzte sie durch den entscheidenden Verschiebungsstrom (ε0E/t\varepsilon_0\,\partial\vec{E}/\partial t).

Es gibt zwei äquivalente Formen: die Integralform (über Flächen und geschlossene Kurven) und die Differentialform (lokal, mit \nabla\cdot und ×\nabla\times). Beide enthalten dieselbe Information; die Differentialform ist mathematisch eleganter, die Integralform anschaulicher. Hier in der Vakuumform mit E\vec{E} und B\vec{B}. In Materie (siehe § 3.12) kommen D=εE\vec{D}=\varepsilon\vec{E} und H=B/μ\vec{H}=\vec{B}/\mu als Hilfsfelder hinzu.

!!!
(1) Gauss'sches Gesetz für E (Integralform)
AEdA=Qeinε0=1ε0VρdV\oint_A \vec{E}\cdot d\vec{A} = \frac{Q_{\text{ein}}}{\varepsilon_0} = \frac{1}{\varepsilon_0}\int_V \rho\,dV
Das elektrische Feld hat Quellen: Ladungen. Differentialform: E=ρ/ε0\nabla\cdot\vec{E} = \rho/\varepsilon_0. In Materie äquivalent: DdA=Qfrei\oint\vec{D}\cdot d\vec{A} = Q_{\text{frei}}.
!!!
(2) Gauss'sches Gesetz für B (Quellenfreiheit)
ABdA=0\oint_A \vec{B}\cdot d\vec{A} = 0
Das magnetische Feld hat keine Quellen: keine magnetischen Monopole. Differentialform: B=0\nabla\cdot\vec{B}=0. Folge: Feldlinien sind immer geschlossen.
!!!
(3) Faraday'sches Induktionsgesetz
CEdl=dΦBdt=ddtABdA\oint_C \vec{E}\cdot d\vec{l} = -\frac{d\Phi_B}{dt} = -\frac{d}{dt}\int_A \vec{B}\cdot d\vec{A}
Ein zeitlich veränderliches B\vec{B}-Feld erzeugt ein zirkulierendes (Wirbel-) E\vec{E}-Feld. Differentialform: ×E=B/t\nabla\times\vec{E} = -\partial\vec{B}/\partial t. Das Minuszeichen ist die Lenz'sche Regel.
!!!
(4) Ampère-Maxwell-Gesetz
CBdl=μ0Iein+μ0ε0dΦEdt\oint_C \vec{B}\cdot d\vec{l} = \mu_0\,I_{\text{ein}} + \mu_0\,\varepsilon_0\,\frac{d\Phi_E}{dt}
Ströme und zeitlich veränderliche E\vec{E}-Felder (Verschiebungsstrom ε0dΦE/dt\varepsilon_0\,d\Phi_E/dt) erzeugen B\vec{B}-Wirbel. Differentialform: ×B=μ0j+μ0ε0E/t\nabla\times\vec{B} = \mu_0\vec{j} + \mu_0\varepsilon_0\,\partial\vec{E}/\partial t. Maxwells entscheidende Ergänzung des Ampère-Gesetzes.
!!!
Differentialform aller vier Gleichungen (kompakt)
E=ρε0B=0×E=Bt×B=μ0j+μ0ε0Et\begin{aligned}\nabla\cdot\vec{E} &= \frac{\rho}{\varepsilon_0} \\ \nabla\cdot\vec{B} &= 0 \\ \nabla\times\vec{E} &= -\frac{\partial\vec{B}}{\partial t} \\ \nabla\times\vec{B} &= \mu_0\,\vec{j} + \mu_0\,\varepsilon_0\,\frac{\partial\vec{E}}{\partial t}\end{aligned}
Vollständige lokale Form der Maxwell-Gleichungen im Vakuum. In Materie ersetzt man ρρfrei\rho\to\rho_{\text{frei}}, jjfrei\vec{j}\to\vec{j}_{\text{frei}} und nutzt D=εE\vec{D}=\varepsilon\vec{E}, H=B/μ\vec{H}=\vec{B}/\mu.
!!!
Folgerung: Lichtgeschwindigkeit aus EM-Wellengleichung
c=1ε0μ02.998108m/sc = \frac{1}{\sqrt{\varepsilon_0\,\mu_0}} \approx 2.998\cdot 10^8\,\mathrm{m/s}
Aus (3) und (4) folgt im Vakuum die Wellengleichung E=0\Box\vec{E}=0 mit Ausbreitungsgeschwindigkeit cc. Maxwells historisches Ergebnis: Licht ist eine elektromagnetische Welle.
Gl. 1
1.0
Abb. 13: Die vier Maxwell-Gleichungen
Merke 4 Gleichungen, 1 Theorie
Keine Monopole (2.), Licht ist EM-Welle (3.+4.).
Formel Lichtgeschwindigkeit
c=1ε0μ0c = \frac{1}{\sqrt{\varepsilon_0\,\mu_0}}
Folgt aus (3) und (4) im Vakuum.
Querverweis Geschichte
Maxwell 1865, vereinheitlicht Coulomb, Gauss, Ampère, Faraday. Hertz 1887: experimenteller Nachweis von Radiowellen.

3.4.2 Verschiebungsstrom: I_D = ε₀ dΦ_E/dt

Maxwell erweiterte das Ampèresche Gesetz um den Verschiebungsstrom IDI_D. Ein zeitlich veränderliches E\vec{E}-Feld wirkt wie ein Strom und erzeugt ein B\vec{B}-Feld, obwohl gar keine Ladungen fliessen. Damit schliesst sich der Stromkreis sogar im Kondensatorzwischenraum: zwischen den Platten fliesst kein Leitungsstrom, aber das wachsende E\vec{E}-Feld liefert genau den fehlenden Beitrag für Bdl\oint\vec{B}\cdot d\vec{l}.

Ohne den Verschiebungsstrom wäre das Ampère-Gesetz inkonsistent: ein Ampère-Kreis um den Kondensator-Zuleitungsdraht würde, je nachdem ob die Hilfsfläche durch den Draht oder zwischen die Platten gelegt wird, verschiedene Werte für den eingeschlossenen Strom liefern. Mit IDI_D stimmen beide Wahlen überein, und die Kontinuität der Stromdichte ist erfüllt.

!!!
Verschiebungsstrom
ID=ε0dΦEdt=ε0AdEdtI_D = \varepsilon_0\,\frac{d\Phi_E}{dt} = \varepsilon_0\,A\,\frac{dE}{dt}
Schliesst den Strom im Kondensatorzwischenraum. AA = Plattenfläche, EE = Feldstärke zwischen den Platten.
!!!
Verschiebungsstromdichte
jD=ε0Et\vec{j}_D = \varepsilon_0\,\frac{\partial \vec{E}}{\partial t}
Lokale Grösse, taucht in der vollen Maxwell-Form ×B=μ0j+μ0ε0E/t\nabla\times\vec{B} = \mu_0\vec{j} + \mu_0\varepsilon_0\,\partial\vec{E}/\partial t auf. Hat dieselbe Einheit wie j\vec{j} (A/m2\mathrm{A/m^2}), ist aber kein echter Ladungsfluss.
!!!
Erweitertes Ampère-Gesetz (Maxwell-Form)
CBdl=μ0I+μ0ε0ddtAEdA\oint_C \vec{B}\cdot d\vec{l} = \mu_0\,I + \mu_0\,\varepsilon_0\,\frac{d}{dt}\int_A \vec{E}\cdot d\vec{A}
Vakuum-Form. Für stationäre Felder (dE/dt=0dE/dt=0) reduziert sich das auf das klassische Ampère-Gesetz Bdl=μ0I\oint\vec{B}\cdot d\vec{l} = \mu_0 I. Materialform äquivalent: Hdl=Ifrei+dΦD/dt\oint\vec{H}\cdot d\vec{l} = I_{\text{frei}} + d\Phi_D/dt.
E 0.0 kV/m
BD 0.0 μT
1.0
Abb. 14: Verschiebungsstrom im Kondensator
Formel Verschiebungsstrom
ID=ε0dΦEdtI_D = \varepsilon_0\,\frac{d\Phi_E}{dt}
Änderndes E\vec{E} erzeugt B\vec{B}.
Merke Konsistenz
Ohne IDI_D wäre das Ampèresche Gesetz beim Kondensator falsch. Maxwells Korrektur rettet die Konsistenz.
Querverweis Folge
EM-Wellen, c=1/ε0μ0c = 1/\sqrt{\varepsilon_0\mu_0}. Vorhersage 1865, Bestätigung Hertz 1887.

3.5.1 Biot-Savart-Gesetz

Das Biot-Savart-Gesetz berechnet das B\vec{B}-Feld eines beliebigen Stromelements IdlI\,d\vec{l} am Aufpunkt r\vec{r}. Es ist die Basis für die Berechnung von Spulen und Leitern jeder Form: Wo das Ampère-Gesetz wegen mangelnder Symmetrie nicht direkt anwendbar ist (z.B. endlicher Draht, Helmholtz-Spule, beliebige Kurven), liefert Biot-Savart das Resultat als Integral.

Die Struktur ist analog zum Coulomb-Gesetz: 1/r21/r^2-Abfall, Vorfaktor μ0/(4π)\mu_0/(4\pi) statt 1/(4πε0)1/(4\pi\varepsilon_0), vektorielles Kreuzprodukt dl×r^d\vec{l}\times\hat{r} statt skalares r^\hat{r}. Während das Coulomb-Gesetz das radiale E\vec{E}-Feld einer Punktladung gibt, liefert Biot-Savart das tangentiale B\vec{B}-Feld eines Stromfadens.

!!!
Biot-Savart-Gesetz (differentielle Form)
dB=μ0I4πdl×r^r2d\vec{B} = \frac{\mu_0\,I}{4\pi}\,\frac{d\vec{l}\times\hat{r}}{r^2}
dld\vec{l} = Stromelementvektor (in Stromrichtung), r^=r/r\hat{r} = \vec{r}/r = Einheitsvektor vom Stromelement zum Aufpunkt. Äquivalent mit r\vec{r} statt r^\hat{r}: dB=(μ0I/4π)(dl×r)/r3d\vec{B} = (\mu_0 I/4\pi)(d\vec{l}\times\vec{r})/r^3. 1/r21/r^2-Abfall, dBdld\vec{B}\perp d\vec{l} und dBr^d\vec{B}\perp\hat{r}.
!!
Biot-Savart (integrale Form, beliebige Stromschleife)
B(r)=μ0I4πCdl×(rr)rr3\vec{B}(\vec{r}) = \frac{\mu_0\,I}{4\pi}\oint_C \frac{d\vec{l}'\times(\vec{r}-\vec{r}')}{|\vec{r}-\vec{r}'|^3}
Integration entlang der gesamten Stromkurve CC. Funktioniert für jeden Leiter, ist aber meist nur numerisch oder mit Symmetrie analytisch lösbar.
!
Biot-Savart für Volumenstromdichten
B(r)=μ04πVj(r)×(rr)rr3dV\vec{B}(\vec{r}) = \frac{\mu_0}{4\pi}\int_V \frac{\vec{j}(\vec{r}')\times(\vec{r}-\vec{r}')}{|\vec{r}-\vec{r}'|^3}\,dV'
Allgemeinste Form. Geht in die Linienform über, wenn der Strom in einem dünnen Draht fliesst. Vorfaktor μ0/(4π)=107Tm/A\mu_0/(4\pi) = 10^{-7}\,\mathrm{T\,m/A}.
dB 0.0 μT
1.0
Abb. 15: Biot-Savart: Beitrag eines Stromelements
Merke Geometrie
dBdlr^d\vec{B}\perp d\vec{l}\perp\hat{r}. Daumenregel (Rechte Hand) gilt elementweise.
Formel Vorfaktor
μ04π=107Tm/A\frac{\mu_0}{4\pi} = 10^{-7}\,\mathrm{T\,m/A}
Analogon zu k=1/(4πε0)9109k = 1/(4\pi\varepsilon_0) \approx 9\cdot 10^9.
Querverweis Geschichte
Biot und Savart 1820, kurz nach Oersteds Entdeckung der magnetischen Wirkung des Stroms (1819).

3.5.2 Gerader Draht (Biot-Savart)

Integration des Biot-Savart-Gesetzes über einen endlichen geraden Leiter im Abstand aa liefert ein winkelabhängiges Resultat. Für einen unendlich langen Draht vereinfacht sich das Ergebnis zur bekannten Form B=μ0I/(2πa)B = \mu_0 I/(2\pi a), in voller Übereinstimmung mit dem Ampèreschen Gesetz.

!!!
Endlicher gerader Draht
B(a)=μ0I4πa(sinα1+sinα2)B(a) = \frac{\mu_0\,I}{4\pi\,a}\,(\sin\alpha_1 + \sin\alpha_2)
aa = senkrechter Abstand zum Draht, α1\alpha_1, α2\alpha_2 = Winkel von aa zu den beiden Drahtenden (gemessen vom Lot auf den Draht). Formel folgt durch Integration dB=(μ0I/4π)(dl×r^)/r2d\vec{B} = (\mu_0 I/4\pi)\,(d\vec{l}\times\hat{r})/r^2 entlang des Drahtes.
!!!
Unendlich langer Draht (Spezialfall α1=α2=90°\alpha_1=\alpha_2=90°)
B(a)=μ0I2πaB(a) = \frac{\mu_0\,I}{2\pi\,a}
sinα1+sinα2=1+1=2\sin\alpha_1 + \sin\alpha_2 = 1+1 = 2. Stimmt exakt mit dem Ampère-Resultat überein. Verwendet man ara\to r, ist das identisch zur Formel aus § 3.3.2.
!!
Symmetrischer Draht der Länge L (Mittelpunkt-Lot)
B(a)=μ0I2πaL/2a2+(L/2)2B(a) = \frac{\mu_0\,I}{2\pi\,a}\cdot\frac{L/2}{\sqrt{a^2 + (L/2)^2}}
Aufpunkt mittig auf dem Lot zum Drahtmittelpunkt. Für LaL\gg a geht der Bruch gegen 11 und das Ergebnis reduziert sich auf den unendlichen Draht.
B 0.0 μT
a 0.0 m
1.0
1.5
Abb. 16: B-Feld des geraden Drahtes (Biot-Savart)
Formel Endlicher Draht
B=μ0I4πa(sinα1+sinα2)B = \frac{\mu_0\,I}{4\pi\,a}(\sin\alpha_1+\sin\alpha_2)
αi\alpha_i = Winkel zu Drahtenden.
Formel Limit LL\to\infty
B=μ0I2πaB = \frac{\mu_0\,I}{2\pi\,a}
Stimmt mit Ampère überein.
Querverweis Konsistenz
Biot-Savart und Ampère liefern für den \infty-langen Draht dasselbe Ergebnis. Wichtiger Sanity-Check.

3.5.3 Kreisring: B auf der Achse

Für eine kreisförmige Stromschleife (Radius RR, Strom II) berechnet Biot-Savart das axiale B\vec{B}-Feld in Abstand zz vom Ringzentrum entlang der Symmetrieachse. Aus Symmetriegründen heben sich die Komponenten senkrecht zur Achse auf, übrig bleibt der axiale Beitrag dBz=dBcosθdB_z = dB\cos\theta, mit cosθ=R/R2+z2\cos\theta = R/\sqrt{R^2+z^2}. Die Integration ist trivial, da dl×r^=dl|d\vec{l}\times\hat{r}| = dl am ganzen Ring konstant ist.

!!!
Axialfeld einer Kreisschleife
B(z)=μ0IR22(R2+z2)3/2B(z) = \frac{\mu_0\,I\,R^2}{2\,(R^2+z^2)^{3/2}}
Maximum im Zentrum (z=0z=0): B(0)=μ0I/(2R)B(0)=\mu_0 I/(2R). Mit NN Windungen: B(z)=μ0NIR2/[2(R2+z2)3/2]B(z)=\mu_0 N I R^2/[2(R^2+z^2)^{3/2}].
!!!
Zentrumsfeld (z = 0)
B(0)=μ0I2RB(0) = \frac{\mu_0\,I}{2\,R}
Folgt direkt aus Biot-Savart ohne Integration: dlr^d\vec{l}\perp\hat{r} am ganzen Ring, dB=(μ0I/4π)dl/R2|d\vec{B}|=(\mu_0 I/4\pi)dl/R^2, alle dBd\vec{B} axial gleichgerichtet, Ringumfang 2πR2\pi R.
!!!
Fernfeld (zRz \gg R): magnetischer Dipol
B(z)μ0IR22z3=μ02πmz3B(z) \approx \frac{\mu_0\,I\,R^2}{2\,z^3} = \frac{\mu_0}{2\pi}\,\frac{m}{z^3}
1/z31/z^3-Abfall (Dipol). m=IπR2=IAm = I\,\pi R^2 = I\,A ist das magnetische Moment der Schleife (siehe § 3.2.2). Wird auch für Magnete und Drehmoment-Analysen verwendet.
B(z)
1.0
1.5
Abb. 17: Axialfeld einer Kreisschleife
Formel Zentrum
B(0)=μ0I2RB(0) = \frac{\mu_0\,I}{2\,R}
z=0z=0 einsetzen.
Formel Fernfeld (zRz\gg R)
Bμ0IR22z3B \approx \frac{\mu_0\,I\,R^2}{2\,z^3}
Dipolartig, 1/z31/z^3.
Merke Magnetisches Moment
m=IA=IπR2m = I\,A = I\,\pi\,R^2
Mit NN Windungen: m=NIAm = NIA.

3.5.4 Helmholtz-Spule

Zwei koaxiale, gleichsinnig durchflossene Kreisschleifen (Radius RR, Strom II) im Abstand dd erzeugen ein bemerkenswert homogenes Feld im Mittelpunkt zwischen ihnen. Die Anordnung ist optimal, wenn d=Rd=R gewählt wird. Dann verschwinden im Zentrum nicht nur die erste, sondern auch die zweite Ableitung von B(z)B(z), sodass das Feld über einen weiten Bereich nahezu konstant ist.

!!
B(z) zweier Spulen (Superposition)
B(z)=μ0NIR22 ⁣[1(R2+(zd/2)2)3/2+1(R2+(z+d/2)2)3/2]B(z) = \frac{\mu_0\,N\,I\,R^2}{2}\!\left[\frac{1}{(R^2+(z-d/2)^2)^{3/2}} + \frac{1}{(R^2+(z+d/2)^2)^{3/2}}\right]
Summe der Axialfelder beider Schleifen, jeweils im Abstand d/2d/2 vom Mittelpunkt. Pro Spule NN Windungen.
!!
Helmholtz-Bedingung (d = R)
d=Rd2Bdz2z=0=0d = R \quad\Rightarrow\quad \left.\frac{d^2 B}{dz^2}\right|_{z=0} = 0
Aus der Bedingung 'zweite Ableitung verschwindet im Zentrum' folgt d=Rd=R. Das Feld ist dann über mehrere Prozent des Spulenradius nahezu homogen (relative Inhomogenität <104<10^{-4} in einem Bereich von etwa 0.1R0.1R).
!!!
Zentrumsfeld bei Helmholtz-Bedingung
B0=8μ0NI53/2R0.7155μ0NIRB_0 = \frac{8\,\mu_0\,N\,I}{5^{3/2}\,R} \approx 0.7155\,\frac{\mu_0\,N\,I}{R}
Faktor 0.71550.7155 kommt aus 8/53/28/5^{3/2}. Etwa 43%43\% höher als das Zentrumsfeld einer einzelnen Schleife (μ0NI/(2R)=0.5μ0NI/R\mu_0 NI/(2R) = 0.5\,\mu_0 NI/R).
B 0.0 mT
1.0
1.50
✓ Helmholtz
Abb. 18: Helmholtz-Spule: homogenes Zentrumsfeld
Querverweis Anwendung
MRT-Magnete (Multi-Spulen-Anordnungen), Kalibrierlabore, Elektronenstrahlröhren, Atomphysik-Experimente (z.B. Kompensation des Erdmagnetfeldes).
Merke Helmholtz-Bedingung
d=Rd = R
d2B/dz2=0d^2 B/dz^2 = 0 im Zentrum. Maximale Homogenität.
Formel Zentrumsfeld
B00.7155μ0NIRB_0 \approx 0.7155\,\frac{\mu_0\,N\,I}{R}
Beide Spulen zusammen.

3.6.1 Faraday'sches Induktionsgesetz

Eine Änderung des magnetischen Flusses durch eine Leiterschleife induziert eine elektromotorische Kraft (EMK ε\varepsilon, in V). Dies ist die Grundlage aller Generatoren, Transformatoren und induktiven Sensoren. Faraday entdeckte den Effekt 1831 und zeigte: Strom kann durch Magnetismus ohne Berührung erzeugt werden, sofern sich der Fluss ändert.

Der magnetische Fluss ΦB\Phi_B durch eine Fläche AA ist das Flächenintegral ΦB=BdA\Phi_B = \int\vec{B}\cdot d\vec{A}. Er kann sich aus drei Gründen ändern: (1) B\vec{B} ändert sich (transformator-induktion), (2) AA ändert sich (Flächenänderung), oder (3) der Winkel zwischen B\vec{B} und A\vec{A} ändert sich (rotierende Schleife).

!!!
Magnetischer Fluss
ΦB=ABdA=ABcosθdA\Phi_B = \int_A \vec{B}\cdot d\vec{A} = \int_A B\,\cos\theta\,dA
θ\theta = Winkel zwischen B\vec{B} und Flächennormale n^\hat{n}. Bei homogenem B\vec{B}: ΦB=BAcosθ\Phi_B = B\,A\,\cos\theta. Einheit: Weber, [ΦB]=Wb=Vs=Tm2[\Phi_B] = \mathrm{Wb} = \mathrm{V\,s} = \mathrm{T\,m^2}.
!!!
Faraday'sches Induktionsgesetz
ε=dΦBdt,ΦB=ABdA\varepsilon = -\frac{d\Phi_B}{dt}, \quad \Phi_B = \int_A \vec{B}\cdot d\vec{A}
Das Minuszeichen drückt die Lenz'sche Regel aus (siehe § 3.6.2). ε\varepsilon ist die in der Schleife induzierte Spannung; bei NN Windungen wirkt sie sich NN-fach aus: ε=NdΦB/dt\varepsilon = -N\,d\Phi_B/dt.
!!!
Differentialform (3. Maxwell-Gleichung)
×E=Bt\nabla\times\vec{E} = -\frac{\partial\vec{B}}{\partial t}
Lokale Form. Ein zeitlich veränderliches B\vec{B}-Feld ist Quelle eines Wirbel-E\vec{E}-Felds. Wichtig: dieses E\vec{E}-Feld ist nicht konservativ, Edl0\oint\vec{E}\cdot d\vec{l}\neq 0.
Φ 0.00 mWb
ε 0.00 mV
1.0
Abb. 19: Induktionsgesetz: Φ(t) und ε(t)
Formel Schlüsselformel
ε=dΦdt\varepsilon = -\frac{d\Phi}{dt}
3. Maxwell-Gleichung (integral).
Merke Drei Mechanismen
Fluss kann sich ändern durch (1) B(t)B(t), (2) A(t)A(t), (3) θ(t)\theta(t). Alle drei werden vom selben Gesetz erfasst.
Notation EMK-Symbol
Klassisch ε\varepsilon oder UindU_{\text{ind}}. Auch EMK\mathrm{EMK} oder einfach uu.

3.6.2 Lenz'sche Regel

Die Lenz'sche Regel formuliert die Richtung des Induktionsstroms: Der induzierte Strom ist so gerichtet, dass sein Magnetfeld der Ursache seiner Entstehung entgegenwirkt. Sie ist eine direkte Konsequenz der Energieerhaltung: würde der Induktionsstrom die Ursache verstärken, ergäbe sich eine sich selbst verstärkende Kette und damit Energie aus dem Nichts.

!!!
Lenz'sche Regel (formal)
Binduziertwirkt gegendBextdt\vec{B}_{\text{induziert}} \quad \text{wirkt gegen}\quad \frac{d\vec{B}_{\text{ext}}}{dt}
Wenn der äussere Fluss zunimmt, erzeugt der Induktionsstrom ein gegen den äusseren Fluss gerichtetes Bind\vec{B}_{\text{ind}}. Wenn er abnimmt, ein gleichgerichtetes. Das Minuszeichen in ε=dΦ/dt\varepsilon = -d\Phi/dt enthält genau diese Information.
!!
Bremsende Wirkung (Energieerhaltung)
Pel=εI=RI2=IdΦdtP_{\text{el}} = \varepsilon\,I = R\,I^2 = -I\,\frac{d\Phi}{dt}
Die im Widerstand dissipierte elektrische Leistung kommt aus der mechanischen Arbeit, die gegen die Lenz'sche Bremskraft verrichtet wird. Ohne Lenz: Energie aus dem Nichts.
I-Richtung CW
1.0
Abb. 20: Lenz'sche Regel: Gegenfeld des Induktionsstroms
Merke Bremsregel
Induktionsstrom bremst immer die Änderung, die ihn hervorruft.
Querverweis Anwendung
Wirbelstrombremse, elektromagnetische Dämpfung, induktive Bremsung im Schienenverkehr (ICE), Indukltive Heizplatte.
Prüfungstipp Vorzeichen-Check
Lenz immer als Sanity-Check: wenn das Vorzeichen anders herauskommt, hat man dΦ/dtd\Phi/dt falsch berechnet.

3.6.3 Induktion durch B-Feldänderung

Eine feste Schleife in einem zeitlich veränderlichen B\vec{B}-Feld erhält eine induzierte EMK. Die Schleifenfläche AA bleibt konstant, aber B\vec{B} ändert sich. Das ist der typische Fall im Transformator: Primärspule erzeugt B(t)\vec{B}(t), Sekundärspule fühlt dΦ/dtd\Phi/dt und liefert eine Sekundärspannung.

!!!
Spezialfall: feste Fläche, B(t)
ε=AdBdt\varepsilon = -A\,\frac{dB}{dt}
Φ=BA\Phi = B\cdot A mit A=A= const liefert dΦ/dt=AdB/dtd\Phi/dt = A\cdot dB/dt. Bei NN Windungen: ε=NAdB/dt\varepsilon = -N\,A\,dB/dt.
!!
Sinusförmige B-Änderung
B(t)=B0sin(ωt)ε(t)=NAωB0cos(ωt)\begin{aligned} B(t) &= B_0\,\sin(\omega\,t) \\ \varepsilon(t) &= -N\,A\,\omega\,B_0\,\cos(\omega\,t) \end{aligned}
Amplitude wächst mit ω\omega: höhere Frequenz, grössere induzierte Spannung. Phase um 90°90° verschoben (Cosinus statt Sinus).
B 0.0 mT
ε 0.0 mV
1.0
1.0
Abb. 21: Induktion durch änderliches B-Feld
Formel Spezialfall
ε=AdBdt\varepsilon = -A\,\frac{dB}{dt}
A=A= const, B=B(t)B = B(t).
Querverweis Anwendung
Transformator, Qi-Ladestandard, induktive Kochplatte, Metalldetektor.
Merke Sinus-Faktor
Bei B=B0sinωtB = B_0\sin\omega t: ε^=NAB0ω\hat\varepsilon = NAB_0\omega. Wächst linear mit ω\omega.

3.6.4 Induktion durch Flächenänderung

Bewegt sich ein Teil der Leiterschleife (z.B. eine Schiene) bei konstantem B\vec{B}, so ändert sich die eingeschlossene Fläche AA. Auch das ergibt eine induzierte EMK, die sogenannte Bewegungsspannung (engl. motional EMF). Sie lässt sich auf zwei Wegen herleiten: (1) per Faraday ε=dΦ/dt\varepsilon = -d\Phi/dt mit Φ=BA(t)\Phi = B\cdot A(t); (2) per Lorentzkraft auf die Ladungsträger im bewegten Stab. Beide liefern dasselbe Resultat.

!!!
Bewegungsspannung (Schiene auf Gleitkontakten)
ε=Blv\varepsilon = -B\,l\,v
Stab der Länge ll bewegt sich mit Geschwindigkeit vv senkrecht zu B\vec{B}. Vorzeichen folgt aus Lenz/Rechte-Hand-Regel; in der Praxis schreibt man oft nur den Betrag ε=Blv|\varepsilon| = B l v.
!!
Faraday-Herleitung
A(t)=lx(t)Φ(t)=Blx(t)ε=dΦdt=Blv\begin{aligned} A(t) &= l\,x(t) \\ \Phi(t) &= B\,l\,x(t) \\ \varepsilon &= -\frac{d\Phi}{dt} = -B\,l\,v \end{aligned}
Schritt für Schritt: Fläche wächst linear mit der Position xx des Stabes, daraus Φ(t)\Phi(t), daraus die Ableitung.
!!
Lorentz-Herleitung
Fq=vBUind=0l(v×B)dl=vBl\begin{aligned} \frac{F}{q} &= v\,B \\ U_{\text{ind}} &= \int_0^l (\vec{v}\times\vec{B})\cdot d\vec{l} = v\,B\,l \end{aligned}
Auf jeden Ladungsträger im Stab wirkt F=qv×B\vec{F} = q\vec{v}\times\vec{B}. Integration über die Stablänge ergibt die Klemmenspannung.
v 0.0 m/s
ε 0.0 V
1.0
1.0
Abb. 22: Gleitschiene: ε = Bvl
Formel Spezialfall
ε=Bvl\varepsilon = B\,v\,l
B=B= const, A=A(t)A = A(t). Gilt für vBl\vec{v}\perp\vec{B}\perp\vec{l}.
Querverweis Anwendung
Lineargenerator, MHD-Antrieb, elektromagnetische Pumpe (flüssiges Metall, Kühlmittel im Kernreaktor).
Merke Doppelte Herleitung
Faraday und Lorentz liefern dasselbe. Wichtiger Sanity-Check.

3.6.5 Bewegter Magnet und Schleife

Ein bewegter Stabmagnet verändert den Fluss durch eine ruhende Spule. Das Galvanometer zeigt den induzierten Strom. Er ist proportional zur Geschwindigkeit des Magneten. Solange der Magnet ruht, ist dΦ/dt=0d\Phi/dt = 0 und es fliesst kein Strom, egal wie nah der Magnet ist. Bewegt er sich auf die Spule zu, steigt Φ\Phi und der induzierte Strom ist so gerichtet, dass sein Magnetfeld den Magneten abstösst (Lenz). Beim Herausziehen kehrt sich die Stromrichtung um.

!!!
Faraday für bewegten Magneten
ε=NdΦdt=NdΦdxv\varepsilon = -N\,\frac{d\Phi}{dt} = -N\,\frac{d\Phi}{dx}\cdot v
Kettenregel mit v=dx/dtv = dx/dt. Die EMK ist proportional zur Magnetgeschwindigkeit vv. Bei v=0v=0: ε=0\varepsilon=0, auch wenn der Magnet sehr nah ist.
!
Magnetisches Dipolfeld auf der Achse
B(z)=μ0m2πz3(zd)B(z) = \frac{\mu_0\,m}{2\pi\,z^3}\,(z\gg d)
Stabmagnet mit magnetischem Moment mm erzeugt auf der Achse ein dipolartiges 1/z31/z^3-Feld. dd = Magnetlänge.
ε 0.0 mV
1.0
Abb. 23: Bewegter Magnet: Galvanometerausschlag
Merke Bewegungsabhängig
Schnellerer Magnet, grössere EMK. Stillstand: ε=0\varepsilon = 0, egal wie stark der Magnet.
Formel Richtung
Lenz: Induktionsstrom bremst den Magneten. Wirkt als rücktreibende Kraft.
Querverweis Anwendung
Mikrofon, Tonabnehmer (E-Gitarre), induktive Sensoren, Wirbelstrombremse.

3.6.6 Ruhende vs. bewegte Leiterschleife

Aus relativistischer Sicht sind beide Fälle physikalisch äquivalent: ob der Magnet sich bewegt oder die Schleife. Die induzierte EMK ist dieselbe. Im Bezugssystem der Schleife sieht man ein zeitlich veränderliches B\vec{B}-Feld (Faraday-Induktion), im Bezugssystem des Magneten sieht man eine bewegte Schleife in konstantem B\vec{B}-Feld (Lorentz-Induktion). Beide Beschreibungen liefern dasselbe Resultat, weil E\vec{E} und B\vec{B} sich beim Wechsel des Bezugssystems ineinander transformieren.

!!
Lorentz-Transformation (nicht-relativistischer Limit)
E=E+v×BBB\begin{aligned} \vec{E}' &= \vec{E} + \vec{v}\times\vec{B} \\ \vec{B}' &\approx \vec{B} \end{aligned}
Was im Ruhesystem der Schleife ein elektrisches Feld ist, war im Ruhesystem des Magneten Teil des magnetischen. Die volle Transformation enthält noch γ\gamma-Faktoren, ist hier aber nicht nötig.
ε 0.0 mV
1.0
Abb. 24: Relativität der Induktion
Querverweis Verweis
Einsteins Annus Mirabilis 1905: 'Zur Elektrodynamik bewegter Körper' (Spezielle Relativitätstheorie).
Merke Relativbewegung
Die EMK hängt nur von der Relativbewegung ab, nicht vom absoluten Ruhezustand.
Prüfungstipp Konsistenz-Check
Bei jedem Induktionsproblem hilft es, die Situation aus beiden Frames zu betrachten. Beide müssen dasselbe Resultat liefern.

3.7.1 Selbstinduktion: L = NΦ/I

Eine Spule erzeugt durch ihren eigenen Strom II einen magnetischen Fluss Φ\Phi durch sich selbst. Ändert sich II, so ändert sich auch Φ\Phi, und die Spule induziert in sich selbst eine Spannung. Dieses Phänomen heisst Selbstinduktion. Der Proportionalitätsfaktor zwischen Fluss und Strom ist die Induktivität LL, eine geometrieabhängige Materialkonstante.

!!!
Definition der Induktivität
L=NΦIL = \frac{N\,\Phi}{I}
NΦN\,\Phi = gesamter verketteter Fluss (jede der NN Windungen sieht den Fluss Φ\Phi). LL ist konstant solange die Geometrie und das Material linear sind. Bei Eisenkern wird LL feldabhängig (nichtlinear).
!!
Einheit: Henry
[L]=H=VsA=Ωs=WbA[L] = \mathrm{H} = \frac{\mathrm{Vs}}{\mathrm{A}} = \Omega\,\mathrm{s} = \frac{\mathrm{Wb}}{\mathrm{A}}
Benannt nach Joseph Henry (1797-1878), Mitentdecker der Induktion. Praktische Werte: Mikrohenry (HF-Spule) bis Henry (Netzdrossel).
L 0.0 mH
Φ 0.0 mWb
1.0
Abb. 25: Induktivität L = NΦ/I
Definition Induktivität L
[L]=H[L]=\mathrm{H} (Henry) =Vs/A=\mathrm{Vs/A}. Analogon zur Kapazität.
Formel Energie
WL=12LI2W_L = \tfrac{1}{2}\,L\,I^2
Analogon: WC=12CU2W_C = \tfrac{1}{2}CU^2.
Querverweis Querverweis
→ § 3.10.1 Magnetische Energie

3.7.2 Induktionsspannung: U_L = −L·dI/dt

Die Spannung an einer Spule ist proportional zur zeitlichen Stromänderung. Das Minuszeichen entspricht der Lenz'schen Regel: die Spule widersetzt sich Änderungen. Schnelle Stromänderungen erzeugen sehr grosse Spannungen, was beim plötzlichen Abschalten gefährliche Spannungsspitzen erzeugen kann (Schaltüberspannungen).

!!!
Selbstinduktionsspannung
uL=LdIdtu_L = -L\,\frac{dI}{dt}
Schnelle Stromänderung erzeugt grosse Spannung (Abschalt-Spannungsstoss). Vorzeichenkonvention: uLu_L zählt in Stromrichtung, das Minuszeichen drückt aus, dass die Spule der Änderung entgegenwirkt.
!!
Sinusförmiger Strom
I(t)=I^sin(ωt)    uL(t)=LωI^cos(ωt)=U^Lsin(ωtπ/2)(1)I(t) = \hat{I}\,\sin(\omega\,t) \;\Rightarrow\; u_L(t) = -L\,\omega\,\hat{I}\,\cos(\omega\,t) = \hat{U}_L\,\sin(\omega\,t - \pi/2)\cdot(-1)
Spannungsamplitude U^L=LωI^\hat{U}_L = L\,\omega\,\hat{I}. Phasenverschiebung: uLu_L eilt II um 90°90° vor (siehe § 3.13.3). Anschaulich: uLu_L ist die Ableitung von II, und die Ableitung von sin\sin ist cos\cos.
I 0.000 A
dI/dt 0.000 A/s
UL 0.0000 V
1.0
Abb. 26: U_L = −L·dI/dt: 90° Phasenverschiebung
Merke Spule: E vor I
Spannung eilt 90°90° vor dem Strom.
Formel Amplitude
U^L=LωI^\hat{U}_L = L\,\omega\,\hat{I}
Wächst mit ω\omega.
Querverweis Praxis
Abschalt-Spannungsstoss bei uL=LdI/dtu_L = -L\,dI/dt: Relais-Freilaufdiode schützt gegen Überspannung.

3.7.3 Induktivität der langen Spule: L = μ₀ N² A / l

Aus dem Solenoidfeld B=μ0nIB = \mu_0 nI und der Induktivitätsdefinition L=NΦ/IL = N\Phi/I berechnet man die Induktivität eines langen Solenoids. Das Ergebnis L=μ0N2A/lL = \mu_0 N^2 A/l enthält drei wichtige Skalierungsregeln, die für jeden Spulenentwurf wichtig sind.

!!
Herleitung Schritt für Schritt
B=μ0nI=μ0NlI,Φ=BA,L=NΦI=μ0N2AlB = \mu_0\,n\,I = \mu_0\,\frac{N}{l}\,I, \quad \Phi = B\,A, \quad L = \frac{N\,\Phi}{I} = \frac{\mu_0\,N^2\,A}{l}
Nutze B=μ0nIB = \mu_0 nI aus § 3.3.4, dann Φ=BA\Phi = B\cdot A pro Windung, dann verkette mit NN Windungen.
!!!
Induktivität des langen Solenoids
L=μ0N2Al=μ0n2Al=μ0n2VL = \frac{\mu_0\,N^2\,A}{l} = \mu_0\,n^2\,A\,l = \mu_0\,n^2\,V
LN2L\propto N^2 (doppelt so viele Windungen ergibt vierfache Induktivität). V=AlV = A\,l ist das Spulenvolumen. Mit Eisenkern: μ0μ0μr\mu_0 \to \mu_0\mu_r.
N 100
L 0.0 mH
1.0
200
Abb. 27: L = μ₀ N² A / l: quadratische Abhängigkeit von N
Formel Solenoid
L=μ0N2AlL = \frac{\mu_0\,N^2\,A}{l}
LN2L\propto N^2, quadratisch!
Querverweis Typische Werte
Netzdrossel: 1-100mH1\text{-}100\,\mathrm{mH}
HF-Spule: 1-100μH1\text{-}100\,\mu\mathrm{H}
Trafo-Primärspule: 1-10H1\text{-}10\,\mathrm{H}
Merke Mit Eisenkern
L=μ0μrn2VL = \mu_0\,\mu_r\,n^2\,V
Faktor μr\mu_r aus dem Material.

3.8.1 Gegeninduktivität: M = k √(L₁L₂)

Zwei Spulen, die sich magnetisch beeinflussen, sind über die Gegeninduktivität MM gekoppelt. Sie misst, welcher Anteil des von Spule 1 erzeugten Flusses durch Spule 2 läuft. Der Kopplungsfaktor k[0,1]k\in[0,1] gibt diesen Anteil relativ zum geometrischen Maximum an: k=0k=0 bedeutet keine Kopplung, k=1k=1 ideale Kopplung (alle Feldlinien gemeinsam, wie in einem geschlossenen Eisenkern).

!!!
Definition der Gegeninduktivität
M21=N2Φ21I1M_{21} = \frac{N_2\,\Phi_{21}}{I_1}
Φ21\Phi_{21} = der Anteil von Spule 1's Fluss, der durch Spule 2 läuft. Reziprozität: M12=M21=MM_{12} = M_{21} = M (für lineare Materialien immer symmetrisch).
!!!
Kopplungsfaktor
M=kL1L2,k[0,1]M = k\,\sqrt{L_1\,L_2}, \quad k \in [0,\,1]
k=0k=0: keine Kopplung (Spulen senkrecht zueinander, weit auseinander). k=1k=1: ideale Kopplung (gemeinsamer Eisenkern, ringförmig geschlossen). Praxis: k0.95-0.99k\approx 0.95\text{-}0.99 in Trafos, k0.1-0.5k\approx 0.1\text{-}0.5 in offenen Wickelpaaren.
!!
Reziprozitätssatz
M12=M21=MM_{12} = M_{21} = M
Folgt aus der Energiebilanz und der Symmetrie der magnetischen Kopplung. Praktisch: es ist egal, welche Spule man als Primär- und welche als Sekundärspule bezeichnet.
k 0.70
M 0.0 mH
1.0
0.80
Abb. 28: Kopplung zweier Spulen: k und M
Definition Kopplungsfaktor k
k=0k=0: keine Kopplung
k=1k=1: ideale Kopplung
Formel Gegeninduktivität
M=kL1L2M = k\,\sqrt{L_1\,L_2}
k[0,1]k\in[0,1].
Merke Reziprozität
M12=M21M_{12} = M_{21}. Beide Richtungen identisch.

3.8.2 Induzierte Spannung: ε₂ = −M·dI₁/dt

Ein wechselnder Primärstrom I1(t)I_1(t) induziert in der Sekundärspule eine Spannung ε2\varepsilon_2. Bei sinusförmigem Verlauf eilt die induzierte Spannung dem Strom um 90°90° nach (Cosinus statt Sinus, siehe Ableitung). Die Amplitude wächst proportional zu MM und zur Frequenz ω\omega, was höhere Frequenzen für Transformatoren attraktiv macht (kleinere Bauformen).

!!!
Gegeninduktions-Spannung
ε2=MdI1dt\varepsilon_2 = -M\,\frac{dI_1}{dt}
90°90° Phasenverschiebung zwischen I1I_1 und ε2\varepsilon_2: I1sinε2cosI_1\sim\sin\Rightarrow\varepsilon_2\sim -\cos. Symmetrisch: ε1=MdI2/dt\varepsilon_1 = -M\,dI_2/dt wenn I2I_2 in der Sekundärspule fliesst.
!!
Sinus-Eingang, Amplitude
I1(t)=I^1sin(ωt)    ε2(t)=MωI^1cos(ωt),ε^2=MωI^1I_1(t) = \hat{I}_1\,\sin(\omega\,t) \;\Rightarrow\; \varepsilon_2(t) = -M\,\omega\,\hat{I}_1\,\cos(\omega\,t), \quad \hat{\varepsilon}_2 = M\,\omega\,\hat{I}_1
Spitzenwert wächst mit ω\omega. Bei DC (ω=0\omega=0): keine induzierte Spannung. Deshalb funktionieren Transformatoren nur mit Wechselstrom.
I1 0.000 A
ε2 0.000 V
1.0
Abb. 29: ε₂ = −M·dI₁/dt: 90° Phasenverschiebung
Merke Phase
I1=sinε2=cosI_1=\sin\Rightarrow\varepsilon_2=-\cos. Ableitungsregel erzeugt 90°90° Versatz.
Formel Amplitude
ε^2=MωI^1|\hat{\varepsilon}_2| = M\,\omega\,\hat{I}_1
Wächst proportional zu ω\omega.
Querverweis Anwendung
Schaltnetzteil (ω\omega hoch, Trafo klein), induktiver Sensor, kontaktlose Datenübertragung (RFID, NFC).

3.8.3 Transformator: U₂/U₁ = N₂/N₁

Der ideale Transformator überträgt elektrische Energie verlustfrei. Spannungen verhalten sich wie Windungszahlen, Ströme umgekehrt. Leistung ist erhalten: P1=P2P_1 = P_2. Die Idealisierung 'verlustfrei' bedeutet: keine ohmschen Wicklungsverluste, keine Streuverluste, keine Eisenverluste (Hysterese, Wirbelströme), k=1k=1.

!!!
Transformatorgleichungen (ideal)
U2U1=N2N1I2I1=N1N2P1=U1I1=U2I2=P2\begin{aligned} \frac{U_2}{U_1} &= \frac{N_2}{N_1} \\ \frac{I_2}{I_1} &= \frac{N_1}{N_2} \\ P_1 &= U_1\,I_1 = U_2\,I_2 = P_2 \end{aligned}
Nur für Wechselspannung! Bei DC: keine Induktion, kein Transfer. Übertragungsverhältnis u¨=N1/N2\ddot{u} = N_1/N_2 ist die wichtigste Trafo-Kenngrösse.
!!
Impedanztransformation
Z1=(N1N2)2Z2Z'_1 = \left(\frac{N_1}{N_2}\right)^2 Z_2
Ein an die Sekundärseite geschaltetes Z2Z_2 wirkt von der Primärseite gesehen wie u¨2Z2\ddot{u}^2 Z_2. Wichtige Anwendung: Impedanzanpassung in Audio-Trafos und HF-Schaltungen.
!!
Wirkungsgrad (realer Trafo)
η=P2P1<1\eta = \frac{P_2}{P_1} < 1
Reale Trafos haben Verluste: Wicklungsverluste (Joule, I2RI^2R), Hystereseverluste, Wirbelstromverluste. Grosse Netztrafos erreichen η>0.99\eta>0.99, kleine Trafos η0.85-0.95\eta\approx 0.85\text{-}0.95.
U1 0.0 V
U2 0.0 V
U2/U1 2.0
1.0
8
Abb. 30: Idealer Transformator: N₂/N₁ = 2
Merke Energieerhaltung
UIU\uparrow\Rightarrow I\downarrow. P=UI=P = UI = const.
Formel Übertragungsverhältnis
u¨=N1N2=U1U2\ddot{u} = \frac{N_1}{N_2} = \frac{U_1}{U_2}
Wichtigste Kenngrösse.
Querverweis Anwendung
Netztrafo (50 Hz), Schaltnetzteil (kHz), Schweissgerät, Hochspannungsübertragung (380 kV → 230 V).

3.9.1 Einschalten: RL-Kreis

Ein RL-Kreis (Batterie U0U_0, Widerstand RR, Induktor LL in Serie) wird zum Zeitpunkt t=0t=0 geschlossen. Die Spule verhindert einen sofortigen Stromanstieg (sie wirkt zunächst wie ein offener Schaltkreis). Der Strom steigt exponentiell mit der Zeitkonstante τ=L/R\tau = L/R auf seinen Endwert I0=U0/RI_0 = U_0/R an.

!!
Kirchhoff-Maschenregel
U0=RI+LdIdtU_0 = R\,I + L\,\frac{dI}{dt}
Spannungsbilanz: Batterie == ohmscher Spannungsabfall ++ Selbstinduktionsspannung. Differentialgleichung 1. Ordnung mit konstanter Inhomogenität.
!!!
Lösung beim Einschalten
I(t)=I0(1et/τ)mitI0=U0R,  τ=LRI(t) = I_0\,(1 - e^{-t/\tau}) \quad \text{mit}\quad I_0 = \frac{U_0}{R},\; \tau = \frac{L}{R}
Beginnt bei I(0)=0I(0)=0, geht asymptotisch gegen I0I_0. Nach t=τt=\tau: I(τ)=63.2%I(\tau)=63.2\% von I0I_0. Nach t=5τt=5\tau: II0I\approx I_0 (praktisch eingeschwungen).
!!!
Zeitkonstante
τ=LR,[τ]=HΩ=s\tau = \frac{L}{R}, \quad [\tau] = \frac{\mathrm{H}}{\Omega} = \mathrm{s}
Charakteristische Zeit des RL-Kreises. Grosses LL verlangsamt den Anstieg, grosses RR beschleunigt ihn (Achtung: umgekehrt zum RC-Kreis!).
!!
Spannungen während des Einschaltens
UR(t)=U0(1et/τ)UL(t)=U0et/τUR+UL=U0\begin{aligned} U_R(t) &= U_0\,(1 - e^{-t/\tau}) \\ U_L(t) &= U_0\,e^{-t/\tau} \\ U_R + U_L &= U_0 \end{aligned}
Kirchhoff zu jedem Zeitpunkt erfüllt: ohmscher und induktiver Anteil ergänzen sich zu U0U_0. ULU_L startet bei U0U_0 und fällt auf 00, URU_R macht das Gegenteil.
I 0.0 mA
UR 0.00 V
UL 10.00 V
t/τ 0.00 τ
1.0
Abb. 31: Einschalten eines RL-Kreises: I(t) = I₀(1−e^(−t/τ))
Definition Zeitkonstante
τ=L/R\tau = L/R
[τ]=s[\tau]=\mathrm{s}. Nach τ\tau: 63.2%63.2\%. Nach 5τ5\tau: praktisch eingeschwungen.
Formel Spannungen
UR+UL=U0U_R + U_L = U_0
(Kirchhoff zu jedem Zeitpunkt)
Querverweis Vergleich
RC-Laden: UC(t)=U0(1et/τ)U_C(t) = U_0(1-e^{-t/\tau}) mit τ=RC\tau = RC. Identische Form, andere Konstante.

3.9.2 Ausschalten: RL-Kreis

Im stationären Zustand fliesst I=I0I = I_0. Beim Öffnen des Schalters fällt die Batterie weg. Die Spule treibt den Strom weiter (sie 'wehrt sich' gegen die Stromänderung): er klingt exponentiell ab gemäss I(t)=I0et/τI(t) = I_0\,e^{-t/\tau}. Die im Magnetfeld gespeicherte Energie W=12LI2W = \tfrac{1}{2}LI^2 wird im Widerstand als Joule-Wärme dissipiert. Beim plötzlichen Öffnen (z.B. Relaiskontakt, Schalter) entstehen hohe Spannungsspitzen, die Schaltkontakte zerstören oder Funken erzeugen können.

!!
Kirchhoff im Ausschaltkreis (R und L parallel)
0=RI+LdIdt0 = R\,I + L\,\frac{dI}{dt}
Homogene DGL ohne Quelle. Trennung der Variablen liefert dI/I=dt/τdI/I = -dt/\tau, daraus I(t)=I0et/τI(t) = I_0 e^{-t/\tau}.
!!!
Strom und Spannung beim Abklingen
I(t)=I0et/τuL(t)=LdIdt=U0et/τ\begin{aligned} I(t) &= I_0\,e^{-t/\tau} \\ u_L(t) &= -L\,\frac{dI}{dt} = -U_0\,e^{-t/\tau} \end{aligned}
Das negative uLu_L bedeutet: die Spule wirkt jetzt als Quelle und treibt den Strom in derselben Richtung weiter (Lenz). τ=L/R\tau = L/R wie beim Einschalten.
!!
Im Widerstand dissipierte Gesamtenergie
WR=0RI2(t)dt=0RI02e2t/τdt=12LI02W_R = \int_0^{\infty} R\,I^2(t)\,dt = \int_0^{\infty} R\,I_0^2\,e^{-2t/\tau}\,dt = \tfrac{1}{2}\,L\,I_0^2
Genau die ursprünglich im Magnetfeld gespeicherte Energie. Energieerhaltung: WmagnWJouleW_{\text{magn}}\to W_{\text{Joule}}.
I 0.0 mA
UL 0.00 V
t/τ 0.00 τ
1.0
Abb. 32: Ausschalten: I(t) = I₀·e^(−t/τ)
Merke Symmetrie
Gleiche τ=L/R\tau = L/R wie beim Einschalten.
Abklingen: reine et/τe^{-t/\tau}.
Formel Energieumwandlung
12LI02WJoule\tfrac{1}{2}\,L\,I_0^2 \to W_{\text{Joule}}
Magnetische Feldenergie wird vollständig in RR dissipiert.
Prüfungstipp Schutz
Freilaufdiode parallel zur Spule begrenzt uLu_L beim Öffnen.

3.9.3 DGL-Analogie: RC ↔ RL

RL-Einschalten und RC-Laden gehorchen der gleichen DGL-Form: f(t)=f(1et/τ)f(t) = f_\infty(1 - e^{-t/\tau}). Beim RL-Kreis steigt der Strom II, beim RC-Kreis die Spannung UCU_C. Die Spule hält den Strom konstant (wirkt wie ein 'Schwungrad' für Strom), der Kondensator die Spannung (wirkt wie ein 'Schwungrad' für Spannung). Die beiden Bauelemente sind Dualpartner: LCL\leftrightarrow C, IUI\leftrightarrow U.

!!
Allgemeine Lösungsform
f(t)=f(1et/τ)(Aufladen)f(t)=f0et/τ(Entladen)\begin{aligned} f(t) &= f_\infty\,(1 - e^{-t/\tau}) \quad &&\text{(Aufladen)} \\ f(t) &= f_0\,e^{-t/\tau} \quad &&\text{(Entladen)} \end{aligned}
Gilt für jeden Schaltvorgang in einem System mit einer einzigen Zeitkonstante (RC, RL, gedämpfter Massepunkt, etc.).
!!!
Analogie-Tabelle
RL:τ=LR,I=U0RRC:τ=RC,UC,=U0\begin{aligned} \text{RL:} \quad &\tau = \frac{L}{R}, \quad I_\infty = \frac{U_0}{R} \\ \text{RC:} \quad &\tau = R\,C, \quad U_{C,\infty} = U_0 \end{aligned}
Achtung beim Einfluss von RR: Grosses RR verlangsamt RC (τ\tau steigt), aber beschleunigt RL (τ\tau sinkt). Genaues Gegenteil!
τRL 5.0 ms
τRC 1000 ms
1.0
Abb. 33: Gleiche DGL-Form: RL vs. RC
Merke Dualität
LL hält II konstant,
CC hält UU konstant.
Formel DGL-Form
f(t)=f(1et/τ)f(t) = f_\infty\,(1-e^{-t/\tau})
Universell für 1.1.-Ordnung-Systeme.
Notation Tabelle
LCL\leftrightarrow C, IUI\leftrightarrow U, R1/RR\leftrightarrow 1/R (im Sinne der Zeitkonstante).

3.10.1 Magnetische Energie: W = ½ L I²

Ein stromdurchflossener Induktor speichert Energie im Magnetfeld. Die Arbeit zum Aufbau des Stroms von 00 auf II ergibt sich durch Integration der momentanen Leistung uLiu_L\cdot i über die Zeit. Da uL=Ldi/dtu_L = L\,di/dt, wird das ein einfaches Integral 0ILidi=12LI2\int_0^I L\,i\,di = \tfrac{1}{2}LI^2. Bei Wechselstrom oszilliert WW mit doppelter Frequenz (I2sin2I^2 \propto \sin^2) und ist stets 0\geq 0.

!!
Herleitung der magnetischen Energie
W=0TuLIdt=0TLdidtidt=L0Iidi=12LI2W = \int_0^{T} u_L\,I\,dt = \int_0^{T} L\,\frac{di}{dt}\,i\,dt = L\int_0^{I} i\,di = \tfrac{1}{2}\,L\,I^2
Schritt für Schritt: Leistung am Induktor mal Zeit, dann Substitution idii\,di, dann elementares Integral.
!!!
Magnetische Energie
WL=12LI2W_L = \tfrac{1}{2}\,L\,I^2
Analogon zum Kondensator: WC=12CU2W_C = \tfrac{1}{2}CU^2. LCL\leftrightarrow C, IUI\leftrightarrow U. Bei sinusförmigem II schwingt WW mit doppelter Frequenz, immer 0\geq 0.
!
Allgemeine Energie zweier gekoppelter Spulen
W=12L1I12+12L2I22+MI1I2W = \tfrac{1}{2}\,L_1\,I_1^2 + \tfrac{1}{2}\,L_2\,I_2^2 + M\,I_1\,I_2
Quadratische Form in (I1,I2)(I_1, I_2). Der Mischterm MI1I2MI_1I_2 trägt zur Gesamtenergie bei. Vorzeichen je nach Stromrichtungen relativ zu den Wicklungssinnen.
I 0.00 A
W 0.000 J
1.0
Abb. 34: Energie im Induktor: W = ½ L I²
Definition Magnetische Energie
WL=12LI2W_L = \tfrac{1}{2}\,L\,I^2
Momentan im Induktor gespeicherte Energie.
Formel Analogie
Induktor: WL=12LI2W_L = \tfrac{1}{2}LI^2
Kondensator: WC=12CU2W_C = \tfrac{1}{2}CU^2
Querverweis Lokale Form
Energiedichte: w=B2/(2μ0)w = B^2/(2\mu_0) (siehe § 3.10.2).

3.10.2 Energiedichte: w = B² / (2 μ₀)

Die magnetische Energie ist nicht im Stromkreis lokalisiert, sondern im Feld selbst verteilt. Pro Volumen gilt die Energiedichte w=B2/(2μ0)w = B^2/(2\mu_0). Die Gesamtenergie folgt durch Integration über das Volumen: W=wdVW = \int w\,dV. Da wB2w\propto B^2, bedeutet doppeltes BB vierfache Energiedichte. Die Formel ist universell: sie gilt nicht nur im Solenoid, sondern überall wo ein B\vec{B}-Feld existiert (auch bei elektromagnetischen Wellen, im Erdmagnetfeld, im interstellaren Raum).

!!!
Magnetische Energiedichte
wB=B22μ0,[w]=J/m3w_B = \frac{B^2}{2\,\mu_0}, \quad [w] = \mathrm{J/m^3}
Lokale Eigenschaft des Feldes. Im Material: wB=B2/(2μ0μr)=12BHw_B = B^2/(2\mu_0\mu_r) = \tfrac{1}{2}\vec{B}\cdot\vec{H}.
!!
Allgemeine Form (Material)
wB=12BH=12μH2w_B = \tfrac{1}{2}\,\vec{B}\cdot\vec{H} = \tfrac{1}{2}\,\mu\,H^2
Symmetrische Form, gilt auch für anisotrope Materialien (Tensor μ\mu). Bei Hysterese (Ferromagneten) ist die Beziehung nicht mehr eindeutig.
!!
Gesamtenergie durch Integration
W=VwBdV=VB22μ0dVW = \int_V w_B\,dV = \int_V \frac{B^2}{2\,\mu_0}\,dV
Bei homogenem Feld in einem Volumen VV: W=wBV=B2V2μ0W = w_B\cdot V = \frac{B^2 V}{2\mu_0}. Beispiel Solenoid: V=AlV = A\,l, B=μ0nIB = \mu_0 nI einsetzen, Resultat W=12LI2W = \tfrac{1}{2}LI^2 (siehe Tipp).
!!
Vergleich E- und B-Feld
wE=12ε0E2wB=B22μ0\begin{aligned} w_E &= \tfrac{1}{2}\,\varepsilon_0\,E^2 \\ w_B &= \frac{B^2}{2\,\mu_0} \end{aligned}
Bei einer EM-Welle im Vakuum sind beide Anteile gleich gross. Aus E=cBE = cB und c=1/ε0μ0c = 1/\sqrt{\varepsilon_0\mu_0} folgt wE=wBw_E = w_B, und der Energiefluss-Vektor ist S=E×H\vec{S} = \vec{E}\times\vec{H} (Poynting-Vektor).
B 0.00 T
w 0 J/m³
1.0
Abb. 35: Energiedichte w = B² / (2 μ₀): quadratische Abhängigkeit
Definition Energiedichte
w=B22μ0w = \frac{B^2}{2\,\mu_0}
[w]=J/m3[w] = \mathrm{J/m^3}. Lokale Eigenschaft.
Formel Analogie
wB=B2/(2μ0)w_B = B^2/(2\mu_0)
wE=12ε0E2w_E = \tfrac{1}{2}\varepsilon_0 E^2
Merke Universell
Gilt überall wo ein B\vec{B}-Feld existiert. Auch bei EM-Wellen und im Vakuum.

3.10.3 Serieschaltung von Induktivitäten

In Serie geschaltete Induktivitäten verhalten sich wie Widerstände in Serie: gleicher Strom durch alle, Spannungen addieren sich. Lges=L1+L2+L3L_{\text{ges}} = L_1 + L_2 + L_3. Das ist genau das Gegenteil von Kondensatoren in Serie (wo 1/Cges=1/Ci1/C_{\text{ges}} = \sum 1/C_i gilt). Voraussetzung: keine magnetische Kopplung zwischen den Spulen (M=0M=0); andernfalls kommen Mischterme ±2M\pm 2M hinzu.

!!!
Serieschaltung (ohne Kopplung)
Lges=L1+L2++LN=iLiL_{\text{ges}} = L_1 + L_2 + \dots + L_N = \sum_i L_i
Jede Spule sieht denselben Strom I(t)I(t), also addieren sich die Selbstinduktionsspannungen ui=LidI/dtu_i = L_i\,dI/dt zur Gesamtspannung. Direkter Analogvergleich: RR in Serie addiert sich.
!!
Serieschaltung mit Kopplung (zwei Spulen)
Lges=L1+L2±2ML_{\text{ges}} = L_1 + L_2 \pm 2\,M
+2M+2M bei gleichsinniger Wicklung (Flüsse addieren sich), 2M-2M bei gegensinniger (Flüsse subtrahieren). Wichtig in Trafos und gekoppelten Schwingkreisen.
L1 0.2 H
L2 0.5 H
L3 0.3 H
Lges 1.0 H
1.0
Abb. 36: Serieschaltung: L_ges = ΣL_i
Formel Serie
Lges=iLiL_{\text{ges}} = \sum_i L_i
Wie RR in Serie.
Querverweis Vergleich
LL: Serie addiert, Parallel Kehrwert.
CC: Serie Kehrwert, Parallel addiert.
Prüfungstipp Mit Kopplung
Lges=L1+L2±2ML_{\text{ges}} = L_1 + L_2 \pm 2M: gleichsinnig ++, gegensinnig -.

3.10.4 Parallelschaltung von Induktivitäten

Parallel geschaltete Induktivitäten: gleiche Spannung an allen, Ströme addieren sich. 1/Lges=1/Li1/L_{\text{ges}} = \sum 1/L_i. LgesL_{\text{ges}} ist immer kleiner als das kleinste Einzel-LL. Mehr Strom fliesst durch das kleinere LL (geringerer induktiver Blindwiderstand XL=ωLX_L = \omega L). Voraussetzung wie zuvor: keine Kopplung zwischen den Spulen.

!!!
Parallelschaltung (ohne Kopplung)
1Lges=1L1+1L2++1LN=i1Li\frac{1}{L_{\text{ges}}} = \frac{1}{L_1} + \frac{1}{L_2} + \dots + \frac{1}{L_N} = \sum_i \frac{1}{L_i}
Wie RR parallel: Kehrwertregel. Die Stromaufteilung ist umgekehrt proportional zu LiL_i: Ik=IgesLges/LkI_k = I_{\text{ges}}\cdot L_{\text{ges}}/L_k.
!!
Spezialfall: zwei Spulen parallel
Lges=L1L2L1+L2L_{\text{ges}} = \frac{L_1\,L_2}{L_1 + L_2}
Praktische Form für zwei parallele Spulen. Bei L1=L2=LL_1 = L_2 = L: Lges=L/2L_{\text{ges}} = L/2.
L1 0.2 H
L2 0.5 H
L3 0.3 H
Lges 0.097 H
1.0
Abb. 37: Parallelschaltung: 1/L_ges = Σ(1/L_i)
Formel Parallel
1Lges=i1Li\frac{1}{L_{\text{ges}}} = \sum_i \frac{1}{L_i}
Lges<min(Li)L_{\text{ges}} < \min(L_i).
Merke L wie R
LL verhält sich wie RR, nicht wie CC.
Prüfungstipp Stromaufteilung
Ik=IgesLgesLkI_k = I_{\text{ges}}\cdot\frac{L_{\text{ges}}}{L_k}
Mehr Strom durch kleineres LL.

3.11.1 Allgemeines Induktionsgesetz: EMK = −dΦ/dt

Das allgemeine Induktionsgesetz fasst alle Mechanismen der elektromagnetischen Induktion in einer einzigen Formel zusammen. Egal ob sich B\vec{B} ändert, die Fläche variiert oder beides gleichzeitig geschieht: die EMK ist immer ε=dΦ/dt\varepsilon = -d\Phi/dt. Die anschauliche Trennung in 'Faraday-Induktion' (zeitabhängiges B\vec{B}, ruhende Schleife) und 'motional EMF' (bewegte Schleife, konstantes B\vec{B}) ist nur eine Aufteilung der totalen Ableitung.

!!!
Allgemeines Induktionsgesetz
ε=dΦBdtmitΦB=ABdA\varepsilon = -\frac{d\Phi_B}{dt} \quad \text{mit}\quad \Phi_B = \int_A \vec{B}\cdot d\vec{A}
Gilt für B/t\partial\vec{B}/\partial t (Faraday), dA/dtdA/dt (Lorentz/motional) oder beides gleichzeitig. Das ist die universellste Form.
!!
Aufgespaltene Form (totale Ableitung)
ε=ABtdAA(v×B)dl\varepsilon = -\int_A \frac{\partial\vec{B}}{\partial t}\cdot d\vec{A} - \oint_{\partial A} (\vec{v}\times\vec{B})\cdot d\vec{l}
Erster Term: zeitliche Änderung von B\vec{B} bei fester Fläche (Faraday). Zweiter Term: Bewegung der Berandung der Fläche mit lokaler Geschwindigkeit v\vec{v} (motional EMF). Beide Terme zusammen ergeben dΦ/dt-d\Phi/dt.
Gesetz EMK = −dΦ/dt
Φ 0.00
EMK 0.00
B 0.00 T
1.0
Abb. 38: Allgemeines Induktionsgesetz: drei Szenarien für Φ-Änderung
Formel Universalformel
ε=dΦdt\varepsilon = -\frac{d\Phi}{dt}
Φ=BdA\Phi = \int\vec{B}\cdot d\vec{A}.
Merke Drei Ursachen
(1) B/t\partial B/\partial t (Wirbelfeld)
(2) dA/dtdA/dt (Lorentzkraft)
(3) Beides (totale Ableitung)
Prüfungstipp Vorgehen
Bei bewegten Leitern immer Φ(t)\Phi(t) aufstellen, dann ableiten. Funktioniert in jedem Fall.

3.11.2 Bewegter Leiter: EMK = B v l

Das klassische Schienenexperiment: Ein leitender Stab gleitet auf zwei parallelen Schienen in einem homogenen B\vec{B}-Feld. Die EMK entsteht mikroskopisch durch die Lorentzkraft auf Ladungen im bewegten Leiter und stimmt exakt mit der Faraday-Herleitung über dΦ/dtd\Phi/dt überein. Das ist kein Zufall, sondern eine notwendige Konsistenz: beide Beschreibungen müssen dieselbe physikalische Spannung liefern.

!!!
Motional EMF
ε=Bvl(vBl)\varepsilon = B\,v\,l \quad (\vec{v}\perp\vec{B}\perp\vec{l})
Bei beliebigem Winkel: ε=Bvlsinα\varepsilon = B\,v\,l\,\sin\alpha. Vorzeichen via Lenz oder F=qv×B\vec{F} = q\vec{v}\times\vec{B}.
!!
Faraday-Herleitung
Φ=Blx    dΦdt=Bldxdt=Blv    ε=Blv\Phi = B\,l\,x \;\Rightarrow\; \frac{d\Phi}{dt} = B\,l\,\frac{dx}{dt} = B\,l\,v \;\Rightarrow\; \varepsilon = -B\,l\,v
Geometrisch: Fläche wächst linear mit der Position des Stabes. Ableitung trivial.
!!
Lorentz-Herleitung
Fq=vB    U=0l(v×B)dl=vBl\frac{F}{q} = v\,B \;\Rightarrow\; U = \int_0^l (\vec{v}\times\vec{B})\cdot d\vec{l}' = v\,B\,l
Pro Ladungsträger im Stab: F/q=v×B\vec{F}/q = \vec{v}\times\vec{B}. Integration über die Stablänge ergibt die Klemmenspannung.
!
Allgemeine motional-EMF (beliebige Geometrie)
εmotional=C(v×B)dl\varepsilon_{\text{motional}} = \oint_C (\vec{v}\times\vec{B})\cdot d\vec{l}
Linienintegral entlang der gesamten Schleife CC. v\vec{v} ist die lokale Geschwindigkeit jedes Schleifenstücks. Bei festen Teilen verschwindet der Integrand dort.
v 0.00
EMK 0.00
1.0
Abb. 39: Bewegter Leiter auf Schienen: EMK = B v l
Formel Schienenexperiment
ε=Bvl\varepsilon = B\,v\,l
Nur gültig bei homogenem Bvl\vec{B}\perp\vec{v}\perp\vec{l}.
Prüfungstipp Allgemein
ε=(v×B)dl\varepsilon = \oint(\vec{v}\times\vec{B})\cdot d\vec{l}
Immer Φ=BA\Phi = B\cdot A aufstellen und ableiten am sichersten.
Merke Doppelter Check
Faraday und Lorentz immer beide rechnen. Müssen übereinstimmen.

3.12.1 Diamagnetismus

Diamagnetismus ist in allen Materialien vorhanden. Elektronen auf Kreisbahnen erzeugen durch die Lenz'sche Regel ein entgegengesetztes magnetisches Moment, wenn ein äusseres B\vec{B}-Feld angelegt wird. Der Effekt ist sehr klein (χm105\chi_m \approx -10^{-5}) und temperaturunabhängig. Diamagnetische Stoffe werden aus Magnetfeldern leicht herausgedrängt (allerdings sehr schwach).

!!!
Diamagnetismus
χm=μr1<0,M  antiparallel zu  H\chi_m = \mu_r - 1 < 0, \quad \vec{M} \;\text{antiparallel zu}\; \vec{H}
B=μ0μrH<μ0H\vec{B} = \mu_0\mu_r\vec{H} < \mu_0\vec{H}. Das Feld wird im Material geringfügig geschwächt.
!!
Magnetisierung diamagnetischer Stoffe
M=χmH,χm105  bis  106\vec{M} = \chi_m\,\vec{H}, \quad \chi_m \sim -10^{-5}\;\text{bis}\;-10^{-6}
Linear in H\vec{H}, klein und negativ. Temperaturunabhängig (im Gegensatz zu Para- und Ferromagnetismus).
!!
Supraleiter: idealer Diamagnet
μr=0,χm=1,Binnen=0\mu_r = 0, \quad \chi_m = -1, \quad \vec{B}_{\text{innen}} = 0
Meissner-Effekt: das B\vec{B}-Feld wird vollständig aus dem Supraleiter verdrängt. Praktische Anwendung: Magnetschwebebahn, MRT-Magnete.
Zustand B AUS
μr
1.0
Abb. 40: Diamagnetismus: Atom-Modell und Materialprobe
Definition Diamagnetismus
μr<1\mu_r < 1, χm<0\chi_m < 0
Temperaturunabhängig
Formel Beispiele
Cu: μr0.999990\mu_r \approx 0.999990
Au: μr0.999964\mu_r \approx 0.999964
Bi: μr0.999834\mu_r \approx 0.999834
H₂O: μr0.999991\mu_r \approx 0.999991
Merke Supraleiter
χm=1\chi_m = -1, Binnen=0B_{\text{innen}} = 0 (Meissner).

3.12.2 Paramagnetismus

Paramagnetische Materialien besitzen permanente magnetische Momente (z.B. ungepaarte Elektronenspins), die ohne äusseres Feld zufällig orientiert sind. Ein äusseres B\vec{B}-Feld richtet sie teilweise aus, was die Magnetisierung in Feldrichtung erhöht. Der Effekt ist temperaturabhängig: thermische Bewegung wirkt der Ausrichtung entgegen, daher das Curie-Gesetz χm1/T\chi_m \propto 1/T.

!!!
Paramagnetismus & Curie-Gesetz
χm=CT>0,M  parallel zu  H\chi_m = \frac{C}{T} > 0, \quad \vec{M} \;\text{parallel zu}\; \vec{H}
CC = Curie-Konstante, materialabhängig. B=μ0μrH>μ0H\vec{B} = \mu_0\mu_r\vec{H} > \mu_0\vec{H}. Feld wird leicht verstärkt.
!
Curie-Konstante (Theorie)
C=nμ0μeff23kBC = \frac{n\,\mu_0\,\mu_{\text{eff}}^2}{3\,k_B}
nn = Dichte der magnetischen Atome, μeff\mu_{\text{eff}} = effektives magnetisches Moment pro Atom, kBk_B = Boltzmann-Konstante. Stammt aus der statistischen Mittelung über zufällig orientierte Dipole im thermischen Gleichgewicht.
Zustand B AUS
|M| 0.00
1.0
300
Abb. 41: Paramagnetismus: teilweise Dipolausrichtung
Definition Paramagnetismus
μr>1\mu_r > 1 (knapp), χm>0\chi_m > 0
Temperaturabhängig (Curie)
Formel Beispiele
Al: μr1.000022\mu_r \approx 1.000022
Pt: μr1.000265\mu_r \approx 1.000265
O₂ (flüssig): paramagnetisch
Prüfungstipp Curie-Gesetz
χm=C/T\chi_m = C/T
Suszeptibilität sinkt mit TT.

3.12.3 Ferromagnetismus & Hysterese

Ferromagnetische Materialien (Fe, Ni, Co und ihre Legierungen) besitzen Weiss-Bezirke (magnetische Domänen). Innerhalb jeder Domäne sind die Spins parallel ausgerichtet, die Domänen aber zufällig orientiert, sodass die Probe makroskopisch unmagnetisch erscheint. Ein äusseres H\vec{H} richtet die Domänen aus. Beim Abschalten kehrt M\vec{M} nicht auf null zurück, ein Teil der Ausrichtung bleibt erhalten: Hysterese. Über der Curie-Temperatur TCT_C wird das Material paramagnetisch, weil thermische Bewegung die Domänenstruktur zerstört.

!!
Ferromagnetismus (typische Permeabilität)
μr1(z.B. Fe:  μr5000)\mu_r \gg 1 \quad \text{(z.B. Fe:}\; \mu_r \approx 5000)
Stark nichtlinear: μr\mu_r hängt vom Feld und von der Vorgeschichte ab. Sättigung bei hohen Feldern.
!!!
Hysterese-Kenngrössen
BR=Remanenz,HC=Koerzitivfeldsta¨rke,BS=Sa¨ttigungB_R = \text{Remanenz}, \quad H_C = \text{Koerzitivfeldstärke}, \quad B_S = \text{Sättigung}
BRB_R = BB bei H=0H=0 (verbleibende Magnetisierung). HCH_C = HH bei B=0B=0 (zur Entmagnetisierung nötiges Gegenfeld). BSB_S = maximale Magnetisierung bei sehr grossem HH.
!!
Energieverlust pro Hysterese-Zyklus
WVerl=HdBVW_{\text{Verl}} = \oint H\,dB \cdot V
Die eingeschlossene Fläche der Hysteresekurve mal Materialvolumen ist die pro Zyklus dissipierte Energie (Wärme). Wichtige Designgrösse für Trafokerne (klein halten) und Magnetspeicher (gross für stabilen Zustand).
!
Curie-Weiss-Gesetz (oberhalb T_C)
χm=CTTC(T>TC)\chi_m = \frac{C}{T - T_C} \quad (T > T_C)
Über der Curie-Temperatur verhält sich der Ferromagnet wie ein Paramagnet, allerdings mit verschobener Singularität. Bei T=TCT = T_C divergiert χ\chi.
H 0.00
B 0.00
1.0
0
Abb. 42: Ferromagnetismus: Weiss-Bezirke und Hysteresekurve
Definition Hysteresekurve
BRB_R = Remanenz
HCH_C = Koerzitivfeld
BSB_S = Sättigung
Formel Beispiele
Fe: μr5000\mu_r \approx 5000, TC=770°CT_C = 770°\mathrm{C}
Ni: μr600\mu_r \approx 600, TC=358°CT_C = 358°\mathrm{C}
Co: μr250\mu_r \approx 250, TC=1115°CT_C = 1115°\mathrm{C}
Querverweis Anwendung
Hart: Permanentmagnete (NdFeB, SmCo).
Weich: Trafokerne, Relais, Magnetabschirmung.

3.12.4 Magnetisierung M

Die drei Materialtypen (dia-, para-, ferromagnetisch) reagieren im gleichen äusseren H\vec{H}-Feld dramatisch verschieden. Die Magnetisierung M\vec{M} (magnetisches Moment pro Volumen, [M]=A/m[M]=\mathrm{A/m}) ist das Mass dafür, wie stark sich das Material magnetisiert. Die Grundgleichung B=μ0(H+M)\vec{B} = \mu_0(\vec{H} + \vec{M}) verbindet μr\mu_r und χm\chi_m und beschreibt alle drei Fälle einheitlich.

!!!
Grundgleichung der Magnetisierung
B=μ0(H+M)=μ0μrHM=χmH\begin{aligned} \vec{B} &= \mu_0\,(\vec{H} + \vec{M}) = \mu_0\,\mu_r\,\vec{H} \\ \vec{M} &= \chi_m\,\vec{H} \end{aligned}
χm=μr1\chi_m = \mu_r - 1. Dia: <0<0, Para: >0>0 (klein), Ferro: 1\gg 1. Achtung: B=μ0(H+M)\vec{B} = \mu_0(\vec{H} + \vec{M}), nicht B=μ0H+M\vec{B} = \mu_0\vec{H} + \vec{M}.
!!!
Verknüpfung μ_r und χ_m
μr=1+χm\mu_r = 1 + \chi_m
Folgt aus B=μ0(H+χmH)=μ0(1+χm)H=μ0μrH\vec{B} = \mu_0(\vec{H} + \chi_m\vec{H}) = \mu_0(1+\chi_m)\vec{H} = \mu_0\mu_r\vec{H}. Konsistent mit allen drei Materialklassen.
!
Magnetisches Moment pro Volumen
M=1Vimi=nm\vec{M} = \frac{1}{V}\sum_i \vec{m}_i = n\,\langle\vec{m}\rangle
nn = Dichte der magnetischen Atome, m\langle\vec{m}\rangle = mittleres Moment. Für ein paramagnetisches Gas im äusseren Feld: m=μ0m2H/(3kBT)\langle m\rangle = \mu_0 m^2 H/(3 k_B T) (Curie-Gesetz).
H 0 A/m
Mferro 0 A/m
1.0
Abb. 43: Magnetisierung M: Vergleich dia/para/ferro
Formel Grundgleichung
B=μ0(H+M)\vec{B} = \mu_0\,(\vec{H}+\vec{M})
M=χmH\vec{M} = \chi_m\vec{H}, χm=μr1\chi_m = \mu_r - 1.
Merke Drei Klassen
Dia: M\vec{M} gegen H\vec{H}, B<μ0HB < \mu_0 H.
Para: M\vec{M} mit H\vec{H}, B>μ0HB > \mu_0 H.
Ferro: M\vec{M} mit H\vec{H}, Bμ0HB \gg \mu_0 H.
Notation Suszeptibilität
Auch χ\chi oder κ\kappa geschrieben.

3.13.1 Dynamo: Wechselspannungserzeugung

Eine rechteckige Leiterschleife (NN Windungen, Fläche AA) rotiert mit Winkelgeschwindigkeit ω\omega in einem homogenen B\vec{B}-Feld. Der magnetische Fluss Φ=NBAcos(ωt)\Phi = NBA\cos(\omega t) ändert sich sinusförmig. Nach Faraday entsteht eine Wechselspannung u(t)=u^sin(ωt)u(t) = \hat{u}\sin(\omega t). Das ist das Funktionsprinzip jedes Generators und jeder Lichtmaschine.

Die Spitzenspannung u^=NBAω\hat{u} = NBA\omega hängt von vier Grössen ab: Windungszahl NN, Feldstärke BB, Schleifenfläche AA und Drehzahl ω\omega. In der Praxis gibt man Wechselgrössen als Effektivwert an: Ueff=u^/2U_{\text{eff}} = \hat{u}/\sqrt{2}. Das europäische Netz hat Ueff=230VU_{\text{eff}} = 230\,\mathrm{V}, also eine Spitzenspannung von u^325V\hat{u} \approx 325\,\mathrm{V} bei f=50Hzf = 50\,\mathrm{Hz}.

!!
Magnetischer Fluss
Φ(t)=NBAcos(ωt)\Phi(t) = N\,B\,A\,\cos(\omega\,t)
Flächennormale rotiert mit ω\omega relativ zu B\vec{B}. Bei ωt=0\omega t=0: Schleife senkrecht zu B\vec{B}, Φ\Phi maximal. Bei ωt=π/2\omega t=\pi/2: Schleife parallel zu B\vec{B}, Φ=0\Phi=0.
!!!
Induzierte EMK (Faraday)
u(t)=dΦdt=NBAωsin(ωt)=u^sin(ωt)u(t) = -\frac{d\Phi}{dt} = N\,B\,A\,\omega\,\sin(\omega\,t) = \hat{u}\,\sin(\omega\,t)
u^=NBAω\hat{u} = NBA\omega. Amplitude steigt linear mit ω\omega: schnellere Drehung erzeugt höhere Spannung.
!!!
Effektivwert (RMS)
Ueff=u^20.707u^U_{\text{eff}} = \frac{\hat{u}}{\sqrt{2}} \approx 0.707\,\hat{u}
Definition: Ueff=u2U_{\text{eff}} = \sqrt{\langle u^2\rangle}. Sinngebung: ein Gleichstrom mit Wert UeffU_{\text{eff}} liefert dieselbe Wirkleistung an einem ohmschen Widerstand wie der Wechselstrom mit Spitzenwert u^\hat{u}.
!!
Frequenz und Periode
T=2πω,f=1T=ω2πT = \frac{2\pi}{\omega}, \quad f = \frac{1}{T} = \frac{\omega}{2\pi}
Europa: f=50Hzf = 50\,\mathrm{Hz}, T=20msT = 20\,\mathrm{ms}, ω=100πrad/s314rad/s\omega = 100\pi\,\mathrm{rad/s} \approx 314\,\mathrm{rad/s}. USA: 60Hz60\,\mathrm{Hz}. Bahn (Schweiz, Österreich, Deutschland): 16.7Hz16.7\,\mathrm{Hz}.
Φ/Φ₀ 0.00
EMK/û 0.00
1.0
Abb. 44: Dynamo: Wechselspannungserzeugung
Definition Effektivwert
Ueff=u^/2U_{\text{eff}} = \hat{u}/\sqrt{2}
Liefert dieselbe Wirkleistung wie DC mit gleichem Wert.
Formel Amplitude
u^=NBAω\hat{u} = N\,B\,A\,\omega
Wächst linear mit ω\omega.
Querverweis Anwendung
Generator (Kraftwerk), Lichtmaschine (Auto), Fahrrad-Dynamo.

3.13.2 Ohmscher Widerstand: R in AC

Ein ohmscher Widerstand RR an Wechselspannung verhält sich genau wie bei Gleichstrom: u=Riu = R\,i gilt zu jedem Zeitpunkt. Strom und Spannung sind daher in Phase (φ=0\varphi = 0). Beide erreichen ihr Maximum gleichzeitig.

Die gesamte zugeführte Leistung wird im Widerstand in Wärme umgewandelt (reine Wirkleistung, keine Blindleistung). Die Momentanleistung p(t)=uip(t) = u\cdot i pulsiert mit doppelter Frequenz 2ω2\omega, ist aber nie negativ: der Widerstand gibt nie Energie zurück.

!!!
Strom und Spannung
u(t)=u^sin(ωt),i(t)=u^Rsin(ωt)=i^sin(ωt)u(t) = \hat{u}\,\sin(\omega\,t), \quad i(t) = \frac{\hat{u}}{R}\,\sin(\omega\,t) = \hat{i}\,\sin(\omega\,t)
φ=0\varphi = 0, frequenzunabhängig. Der ohmsche Widerstand sieht nicht, ob ω\omega klein oder gross ist.
!!
Momentanleistung
p(t)=ui=u^i^sin2(ωt)=12u^i^(1cos(2ωt))p(t) = u\,i = \hat{u}\,\hat{i}\,\sin^2(\omega\,t) = \tfrac{1}{2}\,\hat{u}\,\hat{i}\,(1 - \cos(2\omega\,t))
Pulsiert mit doppelter Frequenz 2ω2\omega. Mittelwert pˉ=12u^i^=UeffIeff\bar{p} = \tfrac{1}{2}\hat{u}\hat{i} = U_{\text{eff}}I_{\text{eff}}. Nie negativ: Widerstand verbraucht immer Energie.
!!!
Mittlere Wirkleistung
P=UeffIeffcosφ=UeffIeff(φ=0  fu¨r reines R)P = U_{\text{eff}}\,I_{\text{eff}}\,\cos\varphi = U_{\text{eff}}\,I_{\text{eff}} \quad(\varphi=0\;\text{für reines R})
cosφ=1\cos\varphi = 1: reine Wirkleistung. Gilt nur am ohmschen Widerstand. An LL und CC ist cosφ=0\cos\varphi = 0 (siehe nächste Sektionen).
u 0.0 V
i 0.0 mA
1.0
Abb. 45: Ohmscher Widerstand: U und I in Phase
Merke Frequenzunabhängig
XR=RX_R = R. Der ohmsche Widerstand sieht ω\omega nicht.
Formel Wirkleistung
P=UeffIeffP = U_{\text{eff}}\,I_{\text{eff}}
cosφ=1\cos\varphi = 1, reine Wirkleistung.
Notation Effektivwerte
UeffU_{\text{eff}}, IeffI_{\text{eff}} sind die mit 2\sqrt{2} skalierten Spitzenwerte.

3.13.3 Induktiver Widerstand: X_L = ω L

Eine ideale Induktivität LL an Wechselspannung: Da uL=LdI/dtu_L = L\,dI/dt, muss der Strom dem Spannungsverlauf um 90°90° nacheilen. Die Amplitude ist i^=u^/XL\hat{i} = \hat{u}/X_L mit dem induktiven Blindwiderstand XL=ωLX_L = \omega L.

XLX_L steigt linear mit der Frequenz: bei hohen Frequenzen bremst die Spule den Strom stärker (Tiefpass-Verhalten). Bei Gleichstrom (ω=0\omega = 0) ist XL=0X_L = 0. Die ideale Spule ist ein Kurzschluss für DC.

Da Strom und Spannung um 90°90° verschoben sind, ist die mittlere Leistung P=UIcos(90°)=0P = UI\cos(90°) = 0. Die Spule nimmt in einer Viertelperiode Energie auf und gibt sie in der nächsten zurück: reine Blindleistung.

!!!
Induktiver Blindwiderstand
XL=ωL=2πfLX_L = \omega\,L = 2\pi\,f\,L
[XL]=Ω[X_L] = \Omega. Beispiel: f=50Hzf = 50\,\mathrm{Hz}, L=100mHL = 100\,\mathrm{mH} liefert XL=31.4ΩX_L = 31.4\,\Omega.
!!!
Phasenverschiebung
uL(t)=u^sin(ωt),i(t)=i^sin(ωtπ/2),φ=+90°u_L(t) = \hat{u}\,\sin(\omega\,t), \quad i(t) = \hat{i}\,\sin(\omega\,t - \pi/2), \quad \varphi = +90°
Spannung eilt dem Strom um 90°90° vor. uu führt, ii hinkt. Auch im komplexen Bild: ZL=jωLZ_L = j\omega L liegt auf der positiven imaginären Achse.
!!
Wirkleistung am idealen L
P=UeffIeffcos(90°)=0P = U_{\text{eff}}\,I_{\text{eff}}\,\cos(90°) = 0
Reine Blindleistung Q=UeffIeffsinφ=UeffIeffQ = U_{\text{eff}}I_{\text{eff}}\sin\varphi = U_{\text{eff}}I_{\text{eff}} (in VAr). Energie pendelt zwischen Quelle und Magnetfeld der Spule.
u 0.0 V
i 0.0 mA
1.0
1000
Abb. 46: Induktiver Widerstand: I hinkt 90° nach
Merke Blindleistung
P=UIcos(90°)=0P = UI\cos(90°) = 0. Reine Blindleistung.
Formel Reaktanz
XL=ωLX_L = \omega\,L
Steigt linear mit ff. Tiefpass.
Querverweis Eselsbrücke
ELI the ICE man: Electrical leads current in Inductor (L).

3.13.4 Kapazitiver Widerstand: X_C = 1 / (ω C)

Ein idealer Kondensator CC an Wechselspannung: Der Strom ist proportional zur Änderungsrate der Spannung (i=CdU/dti = C\,dU/dt). Daher eilt der Strom der Spannung um 90°90° vor, genau umgekehrt wie bei der Spule.

Der kapazitive Blindwiderstand XC=1/(ωC)X_C = 1/(\omega C) sinkt mit steigender Frequenz: bei hohen Frequenzen fliesst mehr Strom durch den Kondensator (Hochpass-Verhalten). Bei Gleichstrom (ω=0\omega = 0) ist XC=X_C = \infty. Der Kondensator sperrt DC vollständig.

Auch hier ist die mittlere Leistung P=UIcos(90°)=0P = UI\cos(-90°) = 0. Der Kondensator speichert Energie im E-Feld und gibt sie wieder ab: reine Blindleistung, genau wie bei der Spule.

!!!
Kapazitiver Blindwiderstand
XC=1ωC=12πfCX_C = \frac{1}{\omega\,C} = \frac{1}{2\pi\,f\,C}
[XC]=Ω[X_C] = \Omega. Beispiel: f=50Hzf = 50\,\mathrm{Hz}, C=100μFC = 100\,\mu\mathrm{F} liefert XC31.8ΩX_C \approx 31.8\,\Omega.
!!!
Phasenverschiebung
uC(t)=u^sin(ωt),i(t)=i^sin(ωt+π/2),φ=90°u_C(t) = \hat{u}\,\sin(\omega\,t), \quad i(t) = \hat{i}\,\sin(\omega\,t + \pi/2), \quad \varphi = -90°
Strom eilt der Spannung um 90°90° vor. ii führt, uu hinkt. Komplex: ZC=j/(ωC)=1/(jωC)Z_C = -j/(\omega C) = 1/(j\omega C) liegt auf der negativen imaginären Achse.
!!
Wirkleistung am idealen C
P=UeffIeffcos(90°)=0P = U_{\text{eff}}\,I_{\text{eff}}\,\cos(-90°) = 0
Auch reine Blindleistung. Q=UeffIeffsin(90°)=UeffIeffQ = U_{\text{eff}}I_{\text{eff}}\sin(-90°) = -U_{\text{eff}}I_{\text{eff}} (in VAr, Vorzeichen je nach Konvention).
u 0.0 V
i 0.0 mA
1.0
1000
Abb. 47: Kapazitiver Widerstand: I eilt 90° vor
Merke Blindleistung
P=0P = 0. Reine Blindleistung.
Formel Reaktanz
XC=1ωCX_C = \frac{1}{\omega\,C}
Fällt mit ff. Hochpass.
Querverweis Querverweis
→ § 3.14.5 Resonanz

3.14.1 Impedanz Z in der komplexen Ebene

Die komplexe Impedanz Z=R+jX\underline{Z} = R + jX vereint Widerstand (Realteil RR) und Reaktanz (Imaginärteil XX) in einer einzigen Grösse. Sie ist die Verallgemeinerung des ohmschen Widerstands auf Wechselstromkreise: U=ZI\underline{U} = \underline{Z}\cdot\underline{I} gilt für komplexe Amplituden genau wie U=RIU = R\cdot I für Gleichstrom.

Jedes Bauelement hat seine eigene Impedanz: ZR=R\underline{Z}_R = R (rein reell), ZL=jωL\underline{Z}_L = j\omega L (rein imaginär, positiv) und ZC=j/(ωC)=1/(jωC)\underline{Z}_C = -j/(\omega C) = 1/(j\omega C) (rein imaginär, negativ). In der Gauss-Ebene liegt RR auf der reellen Achse, ZL\underline{Z}_L zeigt nach oben und ZC\underline{Z}_C nach unten.

Der Betrag Z|\underline{Z}| bestimmt das Amplitudenverhältnis u^/i^\hat{u}/\hat{i}, die Phase φ=argZ=arctan(X/R)\varphi = \arg\underline{Z} = \arctan(X/R) die Phasenverschiebung zwischen uu und ii. Impedanzen addieren sich in Serie und folgen der Kehrwertregel parallel, genau wie Widerstände.

!!!
Komplexe Impedanz
Z=R+j(XLXC)=R+jX\underline{Z} = R + j\,(X_L - X_C) = R + j\,X
Realteil = Widerstand (verbraucht Wirkleistung), Imaginärteil = Netto-Reaktanz (erzeugt Blindleistung). X=XLXCX = X_L - X_C kann positiv (induktiv) oder negativ (kapazitiv) sein.
!!!
Betrag und Phase
Z=R2+X2,tanφ=XR|\underline{Z}| = \sqrt{R^2 + X^2}, \quad \tan\varphi = \frac{X}{R}
φ>0\varphi > 0: induktiv (Strom hinkt). φ<0\varphi < 0: kapazitiv (Strom eilt vor). φ=0\varphi = 0: rein ohmsch (Resonanz oder reines RR).
!!!
Komponenten-Impedanzen
ZR=RZL=jωLZC=1jωC=jωC\begin{aligned} \underline{Z}_R &= R \\ \underline{Z}_L &= j\,\omega\,L \\ \underline{Z}_C &= \frac{1}{j\,\omega\,C} = -\frac{j}{\omega\,C} \end{aligned}
Komplexe Rechnung ersetzt trigonometrische Addition. Alle Kirchhoff-Gesetze (U=0\sum\underline{U} = 0, I=0\sum\underline{I} = 0) gelten unverändert für komplexe Amplituden.
!!
Komplexes Ohm'sches Gesetz
U=ZI\underline{U} = \underline{Z}\cdot\underline{I}
Gilt für komplexe Amplituden U=u^ejφu\underline{U} = \hat{u}\,e^{j\varphi_u}, I=i^ejφi\underline{I} = \hat{i}\,e^{j\varphi_i}. Liefert simultan Amplitudenverhältnis (Z=u^/i^|\underline{Z}|=\hat{u}/\hat{i}) und Phasenverschiebung (argZ=φuφi\arg\underline{Z} = \varphi_u - \varphi_i).
|Z| 100 Ω
φ 0.0°
1.0
Abb. 48: Impedanz Z in der komplexen Ebene
Definition Impedanz
Z=R+jX\underline{Z} = R + jX
[Z]=Ω[Z] = \Omega. Komplexe Verallgemeinerung von RR.
Formel Komplexes Ohm
U=ZI\underline{U} = \underline{Z}\,\underline{I}
Gilt für komplexe Amplituden.
Merke Bauelemente
ZR=R\underline{Z}_R = R
ZL=jωL\underline{Z}_L = j\omega L
ZC=1/(jωC)\underline{Z}_C = 1/(j\omega C)

3.14.2 Phasoren: Rotierende Zeiger

Ein Phasor ist ein rotierender Zeiger in der komplexen Ebene. Die Projektion auf die reelle Achse ergibt die physikalische Zeitfunktion: Re{U^ejωt}=u^cos(ωt)\mathrm{Re}\{\hat{U}\,e^{j\omega t}\} = \hat{u}\,\cos(\omega t). Statt mit Sinus- und Cosinus-Funktionen zu rechnen, arbeitet man mit komplexen Amplituden U=u^ejφ\underline{U} = \hat{u}\,e^{j\varphi}.

Die mathematische Grundlage ist die Euler-Formel: ejθ=cosθ+jsinθe^{j\theta} = \cos\theta + j\sin\theta. Sie verbindet die Exponentialfunktion mit Sinus und Cosinus. Multiplikation mit ejφe^{j\varphi} dreht den Zeiger um den Winkel φ\varphi. So wird Phasenverschiebung zur einfachen Multiplikation.

Im Phasordiagramm sieht man die Phasenbeziehung zwischen U\underline{U} und I\underline{I} auf einen Blick: Der Winkel zwischen den Zeigern ist φ\varphi. Bei RR zeigen beide in dieselbe Richtung, bei LL liegt U\underline{U} 90°90° vor I\underline{I}, bei CC liegt I\underline{I} 90°90° vor U\underline{U}.

!!!
Euler-Formel (Bindeglied)
ejθ=cosθ+jsinθe^{j\theta} = \cos\theta + j\,\sin\theta
Konsequenz der Reihenentwicklungen. Spezialfälle: ejπ=1e^{j\pi} = -1 (Eulers Identität), ejπ/2=je^{j\pi/2} = j (Drehung um 90°90°).
!!!
Phasor-Darstellung
U(t)=U^ej(ωt+φ)    u(t)=Re{U(t)}=U^cos(ωt+φ)\underline{U}(t) = \hat{U}\,e^{j(\omega\,t + \varphi)} \;\Rightarrow\; u(t) = \mathrm{Re}\{\underline{U}(t)\} = \hat{U}\,\cos(\omega\,t + \varphi)
U^\hat{U} = Spitzenwert, φ\varphi = Anfangsphase. Statisches Phasor-Symbol U=U^ejφ\underline{U} = \hat{U}\,e^{j\varphi} enthält Amplitude und Phase ohne den ejωte^{j\omega t}-Anteil (der an alle Phasoren gleichzeitig rotiert).
!
Komplexer Effektivwert
Ueff=U^2ejφ\underline{U}_{\text{eff}} = \frac{\hat{U}}{\sqrt{2}}\,e^{j\varphi}
Manche Lehrbücher arbeiten direkt mit komplexen Effektivwerten, sodass Ueff=Ueff|\underline{U}_{\text{eff}}| = U_{\text{eff}}. Convention je nach Buch.
u 0.0 V
i 0.0 mA
1.0
Abb. 49: Rotierende Phasoren
Merke Re-Projektion
Re{U}u(t)\mathrm{Re}\{\underline{U}\}\to u(t)
Euler: ejθ=cosθ+jsinθe^{j\theta} = \cos\theta + j\sin\theta
Formel Phasor
U=U^ej(ωt+φ)\underline{U} = \hat{U}\,e^{j(\omega t + \varphi)}
Amplitude und Phase in einem Term.
Notation Schreibweisen
Auch Uˉ\bar{U} oder U˙\dot{U} statt U\underline{U}. Inhaltlich identisch.

3.14.3 Impedanzdreieck: R, X, |Z|

Das Impedanzdreieck ist die geometrische Darstellung von Z=R+jX\underline{Z} = R + jX: RR liegt horizontal (Wirkanteil), X=XLXCX = X_L - X_C liegt vertikal (Blindanteil), Z|\underline{Z}| ist die Hypotenuse. Der Winkel φ\varphi zwischen Z|\underline{Z}| und RR bestimmt die Phasenverschiebung.

Das Dreieck ändert sich mit der Frequenz: bei tiefen Frequenzen dominiert XCX_C (kapazitiv, φ<0\varphi < 0), bei hohen XLX_L (induktiv, φ>0\varphi > 0). Bei Resonanz ist X=0X = 0 und das Dreieck kollabiert auf die horizontale Achse: Z=R|\underline{Z}| = R, φ=0\varphi = 0.

Aus dem Impedanzdreieck liest man direkt den Leistungsfaktor ab: cosφ=R/Z\cos\varphi = R/|\underline{Z}|. Je näher φ\varphi an 0°, desto mehr Wirkleistung wird übertragen, desto weniger nutzlose Blindleistung.

!!!
Impedanzdreieck (Pythagoras)
Z=R2+(XLXC)2cosφ=RZ,sinφ=XZ\begin{aligned} |\underline{Z}| &= \sqrt{R^2 + (X_L - X_C)^2} \\ \cos\varphi &= \frac{R}{|\underline{Z}|}, \quad \sin\varphi = \frac{X}{|\underline{Z}|} \end{aligned}
Pythagoras im rechtwinkligen Dreieck RR-XX-Z|\underline{Z}|. cosφ\cos\varphi ist der Leistungsfaktor.
!!!
Drei analoge Dreiecke
RZ=URUges=PS=cosφ\frac{R}{|\underline{Z}|} = \frac{U_R}{U_{\text{ges}}} = \frac{P}{S} = \cos\varphi
Impedanzdreieck (RR, XX, Z|\underline{Z}|), Spannungsdreieck (URU_R, UXU_X, UgesU_{\text{ges}}) und Leistungsdreieck (PP, QQ, SS) sind alle ähnlich (gleicher Winkel φ\varphi). Kennt man eines, kennt man alle drei.
|Z| 100 Ω
φ 0.0°
1.0
Abb. 50: Impedanzdreieck
Merke Geometrie
RR horizontal, XX vertikal, Z|\underline{Z}| diagonal.
Formel Leistungsfaktor
cosφ=RZ\cos\varphi = \frac{R}{|\underline{Z}|}
Direkt aus dem Dreieck ablesbar.
Querverweis Drei Dreiecke
Impedanz, Spannung, Leistung. Alle ähnlich, gleicher φ\varphi.

3.14.4 RLC-Serieschaltung

In der RLC-Serieschaltung fliesst der gleiche Strom II durch alle drei Elemente. Die Teilspannungen URU_R, ULU_L, UCU_C haben jedoch verschiedene Phasen und addieren sich daher vektoriell, nicht arithmetisch.

Die Gesamtimpedanz ist Z=R+j(ωL1/ωC)\underline{Z} = R + j(\omega L - 1/\omega C). Da UL\underline{U}_L und UC\underline{U}_C gegenphasig sind (180°180° Unterschied), heben sie sich teilweise auf. Bei Resonanz gilt UL=UCU_L = U_C und die gesamte Quellenspannung fällt über RR ab.

Achtung: Die Betragsaddition UR+UL+UC|U_R| + |U_L| + |U_C| ergibt nicht Uges|U_{\text{ges}}|. Wegen der Phasenverschiebung gilt Uges=UR2+(ULUC)2|U_{\text{ges}}| = \sqrt{U_R^2 + (U_L - U_C)^2}. Einzelne Teilspannungen können sogar grösser als UgesU_{\text{ges}} sein (Spannungsüberhöhung bei Resonanz).

!!!
Gesamtimpedanz
Z=R+j(ωL1ωC)\underline{Z} = R + j\,\left(\omega\,L - \frac{1}{\omega\,C}\right)
Serie: Impedanzen addieren sich direkt. Z=R2+(ωL1/(ωC))2|\underline{Z}| = \sqrt{R^2 + (\omega L - 1/(\omega C))^2}.
!!!
Spannungsaddition (Betrag)
Uges=UR2+(ULUC)2|U_{\text{ges}}| = \sqrt{U_R^2 + (U_L - U_C)^2}
Vektorielle Addition. UgesUR+UL+UC|U_{\text{ges}}| \neq |U_R| + |U_L| + |U_C|. Im Zeitbereich gilt aber immer uR(t)+uL(t)+uC(t)=uges(t)u_R(t) + u_L(t) + u_C(t) = u_{\text{ges}}(t).
!!!
Phasenwinkel
tanφ=ωL1/(ωC)R=XLXCR\tan\varphi = \frac{\omega L - 1/(\omega C)}{R} = \frac{X_L - X_C}{R}
φ>0\varphi > 0: induktiv (ω>ω0\omega > \omega_0, Strom hinkt). φ<0\varphi < 0: kapazitiv (ω<ω0\omega < \omega_0). φ=0\varphi = 0: Resonanz.
UR 0.00 V
UL 0.00 V
UC 0.00 V
1.0
Abb. 51: RLC-Serieschaltung
Merke Zeit vs. Betrag
uR+uL+uC=ugesu_R+u_L+u_C = u_{\text{ges}} (zeitlich)
UR+UL+UC\neq |U_R|+|U_L|+|U_C| (Betrag)
Formel Phasenwinkel
tanφ=XLXCR\tan\varphi = \frac{X_L - X_C}{R}
>0> 0 induktiv, <0< 0 kapazitiv.
Querverweis Querverweis
→ § 3.14.5 Resonanz

3.14.5 Resonanz & LC-Kreis

Bei der Resonanzfrequenz ω0=1/LC\omega_0 = 1/\sqrt{LC} sind die induktive und kapazitive Reaktanz gleich gross (XL=XCX_L = X_C). Sie heben sich auf, die Impedanz wird minimal (Z=R|\underline{Z}| = R) und der Strom maximal (I=U/RI = U/R).

Der Gütefaktor QG=ω0L/RQ_G = \omega_0 L/R bestimmt die Schärfe der Resonanzkurve: hohes QQ bedeutet eine schmale, scharfe Spitze (gute Frequenzselektivität), niedriges QQ eine breite, flache Kurve. Die Bandbreite ist Δω=ω0/QG\Delta\omega = \omega_0/Q_G (Halbwertsbreite, 3dB-3\,\mathrm{dB}).

Im verlustfreien LC-Schwingkreis (R=0R = 0) pendelt die Energie zwischen LL und CC: WL=12LI2W_L = \tfrac{1}{2}LI^2 und WC=q2/(2C)W_C = q^2/(2C) tauschen sich periodisch aus. Die Gesamtenergie W=WL+WCW = W_L + W_C bleibt konstant. Das elektromagnetische Analogon zum mechanischen Federpendel.

!!!
Resonanzbedingung
ω0=1LCZmin=R,Imax=UR\begin{aligned} \omega_0 &= \frac{1}{\sqrt{L\,C}} \\ |\underline{Z}|_{\min} &= R, \quad I_{\max} = \frac{U}{R} \end{aligned}
ω0\omega_0 hängt nicht von RR ab. Nur LL und CC bestimmen die Resonanzfrequenz. RR beeinflusst nur die Höhe und Breite der Resonanzkurve.
!!!
Gütefaktor
QG=ω0LR=1RLCQ_G = \frac{\omega_0\,L}{R} = \frac{1}{R}\sqrt{\frac{L}{C}}
Hohes QQ: schmale Resonanz, starke Spannungsüberhöhung (UL=QUU_L = Q\cdot U). Typische Werte: Q10-100Q\approx 10\text{-}100 in Schwingkreisen, Q104-106Q\approx 10^4\text{-}10^6 in Quarzen.
!!
Bandbreite (Halbwertsbreite)
Δω=ω0QG\Delta\omega = \frac{\omega_0}{Q_G}
Frequenzbereich, in dem I|I| noch mindestens 1/21/\sqrt{2} des Maximums beträgt. Hohes QQ heisst schmale Bandbreite, gute Selektivität (Filteranwendungen).
!!!
LC-Schwingkreis (verlustfrei, R = 0)
W=12LI2+q22C=constW = \tfrac{1}{2}\,L\,I^2 + \frac{q^2}{2\,C} = \text{const}
Energieerhaltung: WL+WC=W_L + W_C = const. Analogie zum Federpendel: LmL\leftrightarrow m (Trägheit), C1/kC\leftrightarrow 1/k (Federkonstante), IvI\leftrightarrow v (Geschwindigkeit), qxq\leftrightarrow x (Auslenkung).
!!
Spannungsüberhöhung bei Resonanz
UL(ω0)=UC(ω0)=QGUgesU_L(\omega_0) = U_C(\omega_0) = Q_G\cdot U_{\text{ges}}
Bei hohem QQ können die Teilspannungen weit über der Quellenspannung liegen. Wichtig für Schaltungsdimensionierung.
|Z| 100 Ω
I 0.0 mA
1.0
1000
Abb. 52: Resonanzkurve und LC-Energieaustausch
Definition Resonanzfrequenz
ω0=1LC\omega_0 = \frac{1}{\sqrt{L\,C}}
Hängt nur von LL, CC ab.
Formel Gütefaktor
QG=ω0LRQ_G = \frac{\omega_0\,L}{R}
Hohes QQ: scharfe Resonanz.
Querverweis Anwendung
Radioempfänger (Senderwahl), HF-Filter, Frequenzgenerator, Schwingkreis.

3.14.6 Leistung: P, Q, S

In Wechselstromkreisen unterscheidet man drei Leistungsarten: die Wirkleistung PP (tatsächlich verbrauchte Leistung, in W), die Blindleistung QQ (zwischen Quelle und L/C pendelnde Leistung, in VAr) und die Scheinleistung S=UIS = U\cdot I (Gesamtbelastung der Leitung, in VA).

Die drei Grössen bilden das Leistungsdreieck: PP horizontal, QQ vertikal, SS als Hypotenuse. Es gilt S2=P2+Q2S^2 = P^2 + Q^2. Der Winkel φ\varphi ist derselbe wie im Impedanzdreieck. Der Leistungsfaktor cosφ=P/S\cos\varphi = P/S gibt an, welcher Anteil der Scheinleistung tatsächlich Nutzarbeit verrichtet.

Energieversorger verlangen cosφ0.9\cos\varphi \geq 0.9, da ein kleiner Leistungsfaktor höhere Ströme bei gleicher Nutzleistung bedeutet (höhere Leitungsverluste I2RI^2 R). Kompensation mit einem Parallel-Kondensator reduziert die induktive Blindleistung und erhöht cosφ\cos\varphi.

!!!
Drei Leistungsarten
P=UIcosφ  [W]Q=UIsinφ  [VAr]S=UI  [VA]\begin{aligned} P &= U\,I\,\cos\varphi \;[\mathrm{W}] \\ Q &= U\,I\,\sin\varphi \;[\mathrm{VAr}] \\ S &= U\,I \;[\mathrm{VA}] \end{aligned}
UU und II sind Effektivwerte. Verschiedene Einheiten zur Unterscheidung: Watt, Volt-Ampère reaktiv, Volt-Ampère.
!!!
Leistungsdreieck (Pythagoras)
S2=P2+Q2S^2 = P^2 + Q^2
Pythagoras im rechtwinkligen Dreieck PP-QQ-SS. Folgt aus cos2φ+sin2φ=1\cos^2\varphi + \sin^2\varphi = 1.
!!!
Leistungsfaktor
cosφ=PS=RZ=URUges\cos\varphi = \frac{P}{S} = \frac{R}{|\underline{Z}|} = \frac{U_R}{U_{\text{ges}}}
Ziel in der Energieversorgung: cosφ0.9\cos\varphi \geq 0.9. Kompensation mit Parallel-CC bei induktiven Lasten (Motoren).
!!
Komplexe Scheinleistung
S=UI=P+jQ\underline{S} = \underline{U}\cdot\underline{I}^* = P + j\,Q
Komplexes Produkt aus Spannung und konjugiert komplexem Strom. Realteil = Wirkleistung, Imaginärteil = Blindleistung. Sehr elegante Schreibweise.
P 0.0 mW
Q 0.0 mVAr
S 0.0 mVA
cos φ 1.000
1.0
Abb. 53: Leistungsdreieck: P, Q, S
Definition Leistungsfaktor
cosφ=P/S\cos\varphi = P/S
Anteil der Nutzleistung.
Formel Pythagoras
S2=P2+Q2S^2 = P^2 + Q^2
Leistungsdreieck.
Querverweis Praxis
Motoren: cosφ0.8\cos\varphi \approx 0.8.
Kompensation mit Parallel-CC.

Aufgaben mit Musterlösungen

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Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!