1.1 Eine Frage zuerst

Stell dir vor, du schiebst eine Schubkarre einen Hügel hoch. Auf jedem Meter Weg drückst du gegen die Hangabtriebskraft an. Wie viel Kraft mal Weg insgesamt? Genau das ist Arbeit. Das ist die zweite zentrale Frage der Vektoranalysis (die erste war der Fluss aus Kap. VI.4): überall im Raum sitzt eine Kraft (das Vektorfeld v\mathbf{v}), und ein Teilchen läuft auf einem Weg WW durch dieses Feld. Wir wollen die Gesamt-Arbeit, die das Feld am Teilchen leistet.

Dieselbe Frage taucht in vielen Disziplinen auf, mit unterschiedlichen Namen: in der Mechanik heisst sie Arbeit (Energie pro Teilchen), in der Strömungslehre Zirkulation (Netto-Umlauf), in der Elektrostatik Spannung (Energie pro Ladung), im Magnetismus Umlaufintegral. Eine Konstruktion, vier Bilder. Das Skalarprodukt vdr\mathbf{v} \cdot \mathrm{d}\mathbf{r} ist in allen Fällen das Mini-Werkzeug, mit dem wir summieren.

Merke Eine Frage
Wie viel leistet das Vektorfeld v\mathbf{v} am Teilchen, das auf dem Weg WW durch das Feld läuft?
Notation v\mathbf{v}
Vektorfeld. Manche Texte nutzen F\mathbf{F} (Kraftfeld in der Mechanik), E\mathbf{E} (elektrisches Feld), B\mathbf{B} (Magnetfeld). Dasselbe Objekt, andere Anwendung.
Querverweis Verweise
→ VI.1 Vektorfeld
→ VI.4 Fluss

1.2 Definition Weg

Bevor wir die Arbeit definieren, brauchen wir den Begriff des Wegs. Ein Weg WW von PP nach QQ ist eine Raumkurve mit Startpunkt PP und Endpunkt QQ, die aus stückweise differenzierbaren Stücken besteht. Die Betonung liegt auf stückweise: einzelne Ecken oder Knicke sind erlaubt, solange jedes glatte Teilstück eine differenzierbare Parametrisierung hat.

Drei klassische Beispiele, die du gleich oft sehen wirst: (1) eine gerade Strecke von PP nach QQ, also ein einziges glattes Stück. (2) ein gekrümmter Bogen, etwa ein Halbkreis oder eine Helix-Windung. (3) eine Polygonzug-Kombination, also mehrere gerade Stücke aneinandergehängt, mit Knicken zwischen den Segmenten.

Definition Weg WW
Raumkurve mit Startpunkt PP und Endpunkt QQ, stückweise differenzierbar. Ecken erlaubt zwischen den Stücken.
Notation WW
Hier Weg. Manche Texte schreiben CC (curve), andere Γ\Gamma oder γ\gamma. Wir bleiben durchgängig bei WW.

1.3 Arbeit im homogenen, geradlinigen Spezialfall

Damit das Konzept zuerst greifbar ist, fangen wir mit dem einfachsten Fall an: das Feld v\mathbf{v} ist überall im Raum gleich (homogen), und der Weg ist eine gerade Strecke von PP nach QQ. Sei L=PQL = |\overrightarrow{PQ}| die Länge der Strecke und α\alpha der Winkel zwischen v\mathbf{v} und der Wegrichtung. Dann ist die Arbeit:

!!
Arbeit homogen geradlinig
A=vLcosα=vPQA = |\mathbf{v}|\,L\,\cos\alpha = \mathbf{v}\cdot\overrightarrow{PQ}
v\mathbf{v} konstant auf WW, WW gerade von PP nach QQ, LL die Länge, α\alpha der Winkel zwischen v\mathbf{v} und der Wegrichtung.

In Worten: nur der parallele Anteil der Kraft trägt zur Arbeit bei. Der senkrechte Anteil (vsinα|\mathbf{v}|\sin\alpha) ist „verlorene Kraft“ am tangentialen Weg, weil das Teilchen ja nicht in die senkrechte Richtung ausweicht. Die Identität vLcosα=vPQ|\mathbf{v}|\,L\cos\alpha = \mathbf{v}\cdot\overrightarrow{PQ} ist nichts anderes als die Definition des Skalarprodukts.

Merke Anschauung
Nur der parallele Kraft-Anteil leistet Arbeit. Der senkrechte Anteil ist im homogenen geradlinigen Fall „verschenkte Kraft“.
Notation AA
Arbeit als Skalar. NICHT verwechseln mit der vektoriellen Auftriebskraft A\mathbf{A} aus Kap. VI.6 oder mit Fläche AA in Kap. VI.3/VI.4.

1.4 Vom Spezialfall zur allgemeinen Formel

Im allgemeinen Fall ist v\mathbf{v} nicht konstant und WW nicht gerade. Trick aus Section 1.3: zerlege WW in infinitesimale gerade Stücke dr\mathrm{d}\mathbf{r} (Vektor entlang Weg, infinitesimale Länge). Auf jedem Mini-Stück gilt der homogene Spezialfall: dA=vdr\mathrm{d}A = \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}. Aufsummieren entlang WW gibt die Hauptdefinition:

!!!
Arbeit als Wegintegral
A=WvdrA = \int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}
v\mathbf{v} stetiges Vektorfeld auf D(v)D(\mathbf{v}), WW stückweise differenzierbarer Weg in D(v)D(\mathbf{v}) von PP nach QQ, dr\mathrm{d}\mathbf{r} tangentiales Wegelement.

In Worten: die Arbeit ist die Summe aller Mini-Skalarprodukte vdr\mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} entlang des Wegs. An jedem Punkt projiziert das Skalarprodukt das lokale Feld auf die lokale Wegrichtung. Wo das Feld stark in Wegrichtung zeigt, gibt's einen grossen Beitrag. Wo das Feld senkrecht zum Weg steht, gibt's null Beitrag. Wo das Feld gegen den Weg zeigt, gibt's einen negativen Beitrag, der die bisherige Arbeit reduziert.

Definition Arbeit
A=WvdrA = \int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}. Wegintegral des Skalarprodukts vdr\mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} über den Weg WW.
Formel Hauptformel
A=WvdrA = \int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}
Notation dr\mathrm{d}\mathbf{r}
Tangentiales Wegelement. Vektor in Wegrichtung, infinitesimale Länge. Manche Texte schreiben ds\mathrm{d}\mathbf{s} oder dl\mathrm{d}\mathbf{l}. Bedeutet dasselbe.

2.1 Drei Fälle, drei Bilder

Die Arbeit ist eine vorzeichenbehaftete Grösse. Drei Fälle, jeder mit einem klaren Bild:

A>0A > 0: Das Feld v\mathbf{v} schiebt das Teilchen entlang seines Wegs. Bild: Wind im Rücken, der Wanderer kommt schneller voran.

A<0A < 0: Das Teilchen läuft gegen das Feld an, gibt dabei die Energie A|A| an das Feld ab. Bild: Wind ins Gesicht. Wer hochwandert gegen die Schwerkraft, leistet positive Arbeit gegen das Gravitationsfeld; das Feld leistet negative Arbeit am Wanderer.

A=0A = 0: Feld steht überall senkrecht zum Weg, Skalarprodukt verschwindet. Bild: Wind weht von der Seite, treibt nicht voran und bremst nicht.

Merke Vorzeichen-Lesart
A>0A > 0: Feld schiebt mit. A<0A < 0: Teilchen läuft gegen Feld an. A=0A = 0: Feld senkrecht zum Weg.

2.2 Wann ist die Arbeit trivial null?

Drei Bedingungen, unter denen A=0A = 0 ohne jede Rechnung folgt:

(1) v0\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf WW. Kein Feld, kein Drücken. Trivial.

(2) v(r(t))r˙(t)\mathbf{v}(\mathbf{r}(t)) \perp \dot{\mathbf{r}}(t) für jedes tt. Feld immer senkrecht zur Bewegung. Klassisches Beispiel: Gravitationsfeld v=Cr/r3\mathbf{v} = -C\mathbf{r}/r^3 entlang eines Kreises um den Ursprung. Das Feld zeigt radial nach innen, die Bahn ist tangential. Skalarprodukt überall null.

(3) Geschlossener Weg in einem wirbelfreien Feld. Wenn rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf einer Fläche, die der Weg umrandet, und der Weg ist geschlossen (P=QP = Q), dann ist die Arbeit null. Das ist der Vorgriff auf VI.10 (Potentialfelder) und folgt direkt aus dem Satz von Stokes (VI.8).

Prüfungstipp Drei triviale Nullen
(1) v0\mathbf{v} \equiv \mathbf{0}. (2) vr˙\mathbf{v} \perp \dot{\mathbf{r}} überall. (3) Geschlossener Weg + wirbelfreies Feld.
Querverweis Verweise
→ VI.10 Potentialfelder

2.3 Vier physikalische Anwendungen

Dieselbe Konstruktion, vier Anwendungen mit eigenen Namen. Die Tabelle gibt einen Überblick; in Section 6 rollen wir jede Anwendung mit ihrer Schreibweise und Bedeutung aus.

Bereich Was misst AA Bezeichnung
Mechanik Energiezuwachs des Teilchens Arbeit
Strömung Netto-Umlauf, Weg geschlossen Zirkulation Γ\Gamma
Elektrostatik Energie pro Ladung, Weg offen Spannung UU
Magnetfeld Umlauf um Stromleiter 4πJ4\pi J pro Umlauf
Vier Bedeutungen der Arbeit
Notation Zirkulation Γ\Gamma
Γ=Wvdr\Gamma = \oint_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}. Der Kreis im Integral signalisiert: Weg geschlossen (P=QP = Q). Sonst dieselbe Konstruktion wie die Arbeit.
Notation Spannung UU
UPQ=WEdrU_{PQ} = \int_W \mathbf{E}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}, gemessen in Volt. Im konservativen elektrischen Feld hängt UU nur von P,QP, Q ab, nicht vom Weg.
Querverweis Verweise
→ VI.8 Satz von Stokes

3.1 Parametrisieren, was und warum

Um Wvdr\int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} konkret auszurechnen, brauchen wir den Weg WW als Funktion eines Parameters tt. Das ist die Übersetzung der Geometrie in eine Form, die man integrieren kann.

Sei r(t)=(x(t),y(t),z(t))\mathbf{r}(t) = (x(t), y(t), z(t))^{\top} mit t[tP,tQ]t \in [t_P, t_Q], wobei r(tP)\mathbf{r}(t_P) den Startpunkt PP und r(tQ)\mathbf{r}(t_Q) den Endpunkt QQ liefert. Der Tangentialvektor ist r˙(t)=(x˙(t),y˙(t),z˙(t))\dot{\mathbf{r}}(t) = (\dot{x}(t), \dot{y}(t), \dot{z}(t))^{\top}, die komponentenweise zeitliche Ableitung der Parametrisierung.

Mit der Kettenregel folgt das Wegelement: dr=r˙(t)dt\mathrm{d}\mathbf{r} = \dot{\mathbf{r}}(t)\,\mathrm{d}t. Eine differentielle Bewegung in Wegrichtung wird also zur Tangente mal infinitesimaler Zeitschritt.

Notation r(t)\mathbf{r}(t) und rr
r(t)\mathbf{r}(t) ist die vektorielle Parametrisierung des Wegs. r=rr = |\mathbf{r}| ist der skalare Abstand vom Ursprung. Verschiedene Objekte, ähnlicher Buchstabe.
Merke Wegelement
dr=r˙(t)dt\mathrm{d}\mathbf{r} = \dot{\mathbf{r}}(t)\,\mathrm{d}t. Tangente mal Zeitschritt.

3.2 Hauptformel parametrisiert

Setze dr=r˙(t)dt\mathrm{d}\mathbf{r} = \dot{\mathbf{r}}(t)\,\mathrm{d}t in die Definition A=WvdrA = \int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} ein. Das Integral wird zu einem gewöhnlichen Integral über tt:

!!!
Hauptformel parametrisiert
A=Wvdr=tPtQv(r(t))r˙(t)dt\begin{aligned} A &= \int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} \\ &= \int_{t_P}^{t_Q} \mathbf{v}(\mathbf{r}(t))\cdot\dot{\mathbf{r}}(t)\,\mathrm{d}t \end{aligned}
Reduziert das abstrakte Wegintegral auf ein gewöhnliches Integral über tt. Voraussetzung: v\mathbf{v} stetig auf D(v)D(\mathbf{v}), WW stückweise differenzierbar mit Parametrisierung r(t)\mathbf{r}(t), t[tP,tQ]t \in [t_P, t_Q].

Komponentenweise ausgeschrieben sieht das Skalarprodukt unter dem Integral so aus:

!!
Komponentenweise
A=tPtQ[v1(r(t))x˙(t)=+v2(r(t))y˙(t)+v3(r(t))z˙(t)]dt\begin{aligned} A &= \int_{t_P}^{t_Q} \bigl[v_1(\mathbf{r}(t))\,\dot{x}(t) \\ &\phantom{=}+ v_2(\mathbf{r}(t))\,\dot{y}(t) + v_3(\mathbf{r}(t))\,\dot{z}(t)\bigr]\,\mathrm{d}t \end{aligned}
Schreibe das Skalarprodukt aus, dann integriere komponentenweise. Genau das machen wir in den Beispielen.
Formel Hauptformel
A=tPtQv(r(t))r˙(t)dtA = \int_{t_P}^{t_Q} \mathbf{v}(\mathbf{r}(t))\cdot\dot{\mathbf{r}}(t)\,\mathrm{d}t
Merke Kern-Schritt
Wegelement dr=r˙dt\mathrm{d}\mathbf{r} = \dot{\mathbf{r}}\,\mathrm{d}t einsetzen, dann ist alles ein Integral über tt.

3.3 Schritt-für-Schritt-Schema

Jede Aufgabe läuft nach demselben 4-Schritte-Schema ab. Schreib jeden Schritt explizit auf, bevor du den nächsten machst.

Schritt 1: Weg parametrisieren. Finde r(t)\mathbf{r}(t) und das Intervall [tP,tQ][t_P, t_Q]. Standard-Wege siehe Section 5: Geradenstück, Kreis, Ellipse, Helix, Polygonzug.

Schritt 2: Tangente bilden. Leite r(t)\mathbf{r}(t) komponentenweise nach tt ab: r˙(t)=(x˙,y˙,z˙)\dot{\mathbf{r}}(t) = (\dot{x}, \dot{y}, \dot{z})^{\top}.

Schritt 3: Feld einsetzen. Setze in jeden Eintrag von v(x,y,z)\mathbf{v}(x, y, z) die Parametrisierung ein, also v(r(t))\mathbf{v}(\mathbf{r}(t)). Wer das vergisst, integriert am Ende über die falschen Variablen.

Schritt 4: Skalarprodukt und integrieren. Bilde v(r(t))r˙(t)\mathbf{v}(\mathbf{r}(t))\cdot\dot{\mathbf{r}}(t) als Skalar; integriere über tt von tPt_P bis tQt_Q.

Merke 4-Schritte-Schema
(1) Parametrisieren r(t)\mathbf{r}(t). (2) Tangente r˙(t)\dot{\mathbf{r}}(t). (3) Feld einsetzen v(r(t))\mathbf{v}(\mathbf{r}(t)). (4) Skalarprodukt und integrieren.

4.1 Umkehrung

Sei WW ein Weg von PP nach QQ. Der umgekehrte Weg W-W läuft denselben Pfad, aber vom Endpunkt QQ zurück zum Startpunkt PP. Was passiert mit dem Wegintegral?

!!
Umkehrungs-Identität
Wvdr=Wvdr\int_{-W} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = -\int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}
Wegumkehr flippt das Vorzeichen des Wegintegrals. Folgt direkt aus der Tangenten-Umkehr.

In Worten: die Tangente r˙\dot{\mathbf{r}} dreht sich um, Skalarprodukt flippt Vorzeichen, Integral flippt mit. Anschaulich: wer denselben Pfad rückwärts läuft, leistet die Arbeit mit umgekehrtem Vorzeichen. Das passt zur Energie-Lesart: was du auf dem Hinweg vom Feld bekommst, gibst du auf dem Rückweg ans Feld zurück.

Formel Umkehrung
Wvdr=Wvdr\int_{-W} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = -\int_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}
Merke Warum das Vorzeichen flippt
Tangente r˙\dot{\mathbf{r}} kehrt sich um, Skalarprodukt vr˙\mathbf{v}\cdot\dot{\mathbf{r}} wechselt Vorzeichen, Integral mit.

4.2 Verkettung

Seien W1W_1 ein Weg von PP nach QQ und W2W_2 ein Weg von QQ nach RR. Der zusammengesetzte Weg W1+W2W_1 + W_2 ist der Weg von PP nach RR, der erst W1W_1 und dann W2W_2 entlangläuft. Das Wegintegral spaltet sich auf:

!!
Verkettungs-Identität
W1+W2vdr=W1vdr=+W2vdr\begin{aligned} \int_{W_1 + W_2} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} &= \int_{W_1} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} \\ &\phantom{=}+ \int_{W_2} \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} \end{aligned}
Das Wegintegral ist additiv über Wegteile. Folgt aus der Linearität des Integrals.
Formel Verkettung
W1+W2=W1+W2\int_{W_1 + W_2} = \int_{W_1} + \int_{W_2}
Merke Strategie
Wege aus mehreren Stücken: jedes Stück eigenes Integral, am Ende aufsummieren.

4.3 Geschlossene Wege als Verkettung

Ein geschlossener Weg ist nichts anderes als W+(W)W + (-W') für zwei Wege W,WW, W' mit denselben Endpunkten: Hinweg minus Rückweg. Daher ist die Arbeit auf einem geschlossenen Weg Ages=AHinARu¨ckA_{\text{ges}} = A_{\text{Hin}} - A_{\text{Rück}}.

Wegunabhängigkeit. Wenn die Arbeit nur von Start- und Endpunkt abhängt (also AHin=ARu¨ckA_{\text{Hin}} = A_{\text{Rück}} für jede Wahl der Pfade), verschwindet diese Differenz. Dann ist die Zirkulation auf jedem geschlossenen Weg null. Felder mit dieser Eigenschaft heissen konservativ oder Potentialfelder; sie sind das zentrale Thema von Kap. VI.10.

Merke Wegunabhängigkeit
Hängt AA nur von PP und QQ ab, nicht vom Weg dazwischen, ist v\mathbf{v} konservativ. Zirkulation auf jedem geschlossenen Weg null.
Querverweis Verweise
→ VI.10 Potentialfelder

5.1 Übersichts-Tabelle

In Klausur-Aufgaben tauchen immer dieselben Weg-Typen auf. Die Tabelle listet Parametrisierung und Bereich auf einen Blick; die folgenden Subsections holen jede Geometrie einzeln raus mit Tangente und Anwendungs-Hinweis.

Weg Parametrisierung r(t)\mathbf{r}(t) Bereich
Geradenstück rS+t(rErS)\mathbf{r}_S + t(\mathbf{r}_E - \mathbf{r}_S) t[0,1]t \in [0, 1]
Kreis (xyxy) (Rcost,Rsint,0)(R\cos t, R\sin t, 0) t[0,2π]t \in [0, 2\pi]
Ellipse (acost,bsint,0)(a\cos t, b\sin t, 0) t[0,2π]t \in [0, 2\pi]
Helix (Rcost,Rsint,ht)(R\cos t, R\sin t, h\,t) t[0,2πn]t \in [0, 2\pi n]
Polygonzug stückweise gerade aufsplitten
Standard-Wege für Klausur-Aufgaben
Merke Spickzettel
Diese Tabelle ist die Cheat-Sheet-Seite für Standard-Wege. Jede Aufgabe mit Wegintegral fängt hier an.
Prüfungstipp Drehrichtung
Kreis und Ellipse oben sind im Gegenuhrzeigersinn parametrisiert. Bei Uhrzeiger-Aufgaben Vorzeichen flippen oder r˙-\dot{\mathbf{r}} nehmen.

5.2 Geradenstück

Die häufigste Aufgabe: Arbeit auf einer geraden Verbindung von rS\mathbf{r}_S nach rE\mathbf{r}_E. Die Standard-Parametrisierung interpoliert linear zwischen Start und Ende.

!!
Geradenstück
r(t)=rS+t(rErS)r˙(t)=rErSt[0,1]\begin{aligned} \mathbf{r}(t) &= \mathbf{r}_S + t(\mathbf{r}_E - \mathbf{r}_S) \\ \dot{\mathbf{r}}(t) &= \mathbf{r}_E - \mathbf{r}_S \\ t &\in [0, 1] \end{aligned}
rS\mathbf{r}_S Startpunkt, rE\mathbf{r}_E Endpunkt. Tangente konstant, weil Weg gerade. Wer den Bereich [0,1][0, 1] wählt, hat bei t=0t = 0 den Start und bei t=1t = 1 das Ende.
Formel Geradenstück
r(t)=rS+t(rErS)\mathbf{r}(t) = \mathbf{r}_S + t(\mathbf{r}_E - \mathbf{r}_S)

5.3 Kreis in der xyxy-Ebene

Ein Kreis vom Radius RR um den Ursprung in der xyxy-Ebene, im Gegenuhrzeigersinn durchlaufen:

!!
Kreis
r(t)=(Rcost,Rsint,0)r˙(t)=(Rsint,Rcost,0)t[0,2π]\begin{aligned} \mathbf{r}(t) &= (R\cos t,\, R\sin t,\, 0)^{\top} \\ \dot{\mathbf{r}}(t) &= (-R\sin t,\, R\cos t,\, 0)^{\top} \\ t &\in [0, 2\pi] \end{aligned}
Gegenuhrzeigersinn. Tangente steht senkrecht auf r\mathbf{r} (Skalarprodukt rr˙=0\mathbf{r}\cdot\dot{\mathbf{r}} = 0). Diese Senkrechtheit nutzen wir gleich in Section 6.2.
Formel Kreis
r(t)=(Rcost,Rsint,0)\mathbf{r}(t) = (R\cos t, R\sin t, 0)^{\top}
Notation Drehrichtung
tt wachsend ergibt Gegenuhrzeigersinn (von +z+z aus gesehen). Uhrzeigersinn: r(t)=(Rcost,Rsint,0)\mathbf{r}(t) = (R\cos t, -R\sin t, 0)^{\top} ODER Vorzeichen-Flip.

5.4 Ellipse

Eine Ellipse mit Halbachsen aa (in xx-Richtung) und bb (in yy-Richtung), Mittelpunkt im Ursprung, in der xyxy-Ebene:

!!
Ellipse
r(t)=(acost,bsint,0)r˙(t)=(asint,bcost,0)t[0,2π]\begin{aligned} \mathbf{r}(t) &= (a\cos t,\, b\sin t,\, 0)^{\top} \\ \dot{\mathbf{r}}(t) &= (-a\sin t,\, b\cos t,\, 0)^{\top} \\ t &\in [0, 2\pi] \end{aligned}
Spezialfall a=b=Ra = b = R ergibt den Kreis. Halbachsen sind in xx- und yy-Richtung; verdrehte Ellipsen brauchen zusätzlich eine Rotation.
Formel Ellipse
r(t)=(acost,bsint,0)\mathbf{r}(t) = (a\cos t, b\sin t, 0)^{\top}

5.5 Helix (Schraubenlinie)

Eine Schraubenlinie, die um die zz-Achse läuft mit konstantem Radius RR und Ganghöhe hh pro voller Umdrehung. Für nn Windungen:

!!
Helix
r(t)=(Rcost,Rsint,ht)r˙(t)=(Rsint,Rcost,h)t[0,2πn]\begin{aligned} \mathbf{r}(t) &= (R\cos t,\, R\sin t,\, h\,t)^{\top} \\ \dot{\mathbf{r}}(t) &= (-R\sin t,\, R\cos t,\, h)^{\top} \\ t &\in [0, 2\pi n] \end{aligned}
hh ist die Ganghöhe pro 2π2\pi in tt, also pro Umdrehung. nn ist die Windungszahl. Spezialfall h=0h = 0 ergibt einen wiederholt durchlaufenen Kreis.
Formel Helix
r(t)=(Rcost,Rsint,ht)\mathbf{r}(t) = (R\cos t, R\sin t, h\,t)^{\top}
Notation hh und nn
hh ist die Ganghöhe pro 2π2\pi in tt (also pro Umdrehung). nn die Anzahl Windungen. Volle Höhe =2πnh= 2\pi n h.

5.6 Polygonzug und stückweise Wege

Ein Polygonzug aus kk Geradenstücken parametrisiert man stückweise: jedes Segment nach Schema 5.2 mit eigenem Intervall, dann via Verkettungs-Identität 4.2 aufsummieren.

Bei gemischten Wegen (Halbkreis plus Sehne, Bogen plus Gerade, Helix-Stück plus Kreis-Stück) dasselbe Vorgehen: jedes glatte Stück als eigene Subaufgabe behandeln, eigenes Intervall vergeben, Integral einzeln berechnen, am Ende addieren. Achte bei rückwärts-durchlaufenen Stücken auf das Vorzeichen aus 4.1.

Merke Strategie
Polygonzüge und gemischte Wege immer per Verkettung: Stück für Stück, Vorzeichen achten.

6.1 Anwendungs-Tabelle

Vier physikalische Anwendungen, jede mit ihrer eigenen Schreibweise und Bedeutung. Die folgenden Subsections beschreiben drei davon mit Konzept und Bedeutung; konkrete Beispielrechnungen liefern die interaktiven Animationen unter den Standard-Wegen.

Bereich Formel Bemerkung
Mechanik A=WFdrA = \int_W \mathbf{F}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} F\mathbf{F} Kraftfeld
Strömung Γ=Wvdr\Gamma = \oint_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} Zirkulation, geschlossen
E-Feld U=WEdrU = \int_W \mathbf{E}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} Spannung, WW offen
Magnetfeld Bdr=4πJ\oint \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J Strom JJ umfasst
Vier Anwendungen der Arbeit
Merke Vier Anwendungen
Mechanik (Kraft), Strömung (Zirkulation), Elektrostatik (Spannung), Magnetfeld (Ampère-Umlauf). Eine Konstruktion, vier Bedeutungen.
Prüfungstipp Notation merken
\int für offenen Weg, \oint für geschlossenen Weg. Der Kreis im Integral signalisiert: Start gleich Ende.

6.2 Strömung: Zirkulation

In einem Strömungsfeld v\mathbf{v} misst die Arbeit auf einem geschlossenen Weg den Netto-Umlauf der Strömung um die Schleife. Diese Grösse heisst Zirkulation und wird Γ=Wvdr\Gamma = \oint_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} geschrieben. Der Kreis im Integralzeichen signalisiert: Start gleich Ende.

Anschaulich: stell dir ein Blatt vor, das auf einer Wasseroberfläche treibt und einer geschlossenen Bahn folgt. Dreht es sich nach einer vollen Runde um sich selbst, war die Zirkulation um diese Schleife ungleich null. Bleibt es ohne Drehung, ist die Strömung wirbelfrei innerhalb der Schleife (im Sinne von Section 4.3).

Formel Zirkulation
Γ=Wvdr\Gamma = \oint_W \mathbf{v}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}
Merke Anschauung
Netto-Umlauf der Strömung um eine geschlossene Schleife. Dreht sich ein treibendes Blatt nach einer Runde, war Γ0\Gamma \neq 0.
Querverweis Verweise
→ VI.8 Satz von Stokes

6.3 Elektrostatik: Spannung

In einem elektrischen Feld E\mathbf{E} misst die Arbeit pro Probeladung entlang eines Wegs die elektrische Spannung zwischen Start und Endpunkt: UPQ=WEdrU_{PQ} = \int_W \mathbf{E}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}, gemessen in Volt. Die Spannung sagt: wie viel Energie gewinnt eine Einheits-Ladung, wenn sie von PP nach QQ läuft.

Im konservativen elektrischen Feld (also dem statischen Feld der Elektrostatik) hängt UPQU_{PQ} nicht vom gewählten Weg ab, sondern nur von Start- und Endpunkt. Das ist die anwendungsorientierte Lesart der Wegunabhängigkeit aus Section 4.3.

Formel Spannung
UPQ=WEdrU_{PQ} = \int_W \mathbf{E}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r}
Merke Wegunabhängigkeit
Im statischen E-Feld (konservativ) hängt UPQU_{PQ} nur von PP und QQ ab, nicht vom Weg dazwischen.
Querverweis Verweise
→ VI.10 Potentialfelder

6.4 Magnetfeld: Ampères Mini-Form

Um einen unendlichen geradlinigen Stromleiter mit Stromstärke JJ entsteht ein Magnetfeld B\mathbf{B}, dessen Feldlinien Kreise um den Leiter sind. Die Zirkulation dieses Feldes entlang eines geschlossenen Wegs WW, der den Leiter einmal umschliesst, ist:

!!!
Ampères Mini-Form
WBdr=4πJ\oint_W \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J
Resultat unabhängig vom Radius und der Form des Wegs WW, solange der Leiter genau einmal umschlossen wird. JJ Stromstärke.

Das Faszinosum: das Resultat hängt nicht davon ab, wie weit weg der Weg vom Leiter ist, oder ob er kreisförmig oder eierförmig ist. Nur der umschlossene Strom zählt. Schiebst du den Weg von Radius 1 m auf Radius 100 m, bleibt Bdr=4πJ\oint \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J. Verformst du ihn zu einer Ellipse, bleibt es. Ziehst du ihn neben den Leiter (Leiter nicht mehr umschlossen), springt es auf 00.

Formel Ampère mini
WBdr=4πJ\oint_W \mathbf{B}\cdot\mathrm{d}\mathbf{r} = 4\pi J
Merke Was zählt
Nur der umschlossene Strom zählt. Form und Radius des Wegs egal, solange Leiter genau einmal umrundet.
Querverweis Verweise
→ VI.9 Anwendungen Stokes

7.1 Strategien-Liste

Bei jeder Klausur-Aufgabe läufst du die folgende Reihenfolge durch. Wer sie einhält, spart oft die ganze Integration und erreicht das Resultat in einer Zeile.

(1) Senkrechtheits-Check zuerst. Steht v\mathbf{v} überall senkrecht zu r˙\dot{\mathbf{r}}? Typisch: radiales Feld (Gravitation, Coulomb, jeder radiale Fluss) auf einem Kreisweg um den Ursprung. Resultat A=0A = 0 ohne Rechnung.

(2) Wirbelfreiheit und geschlossener Weg. Falls rotv0\operatorname{rot}\mathbf{v} \equiv \mathbf{0} auf einer Fläche, die der Weg umrandet: Stokes-Argument liefert A=0A = 0 in einer Zeile (Vorgriff Kap. VI.8). Falls Potentialfeld vorhanden: Differenz an Endpunkten, fertig (Vorgriff Kap. VI.10).

(3) Standard-Parametrisierung wählen. Geradenstück → 5.2. Kreis → 5.3. Ellipse → 5.4. Helix → 5.5. Stückweise → Verkettung 4.2.

(4) Vorzeichen kontrollieren. Aufgabentext lesen: „Gegenuhrzeigersinn“ oder „Uhrzeigersinn“? Standard-Parametrisierungen sind Gegenuhrzeigersinn; bei Uhrzeiger flippen oder r˙-\dot{\mathbf{r}} nehmen.

(5) Stückweise Wege per Verkettung. Polygonzüge oder Bogen-plus-Gerade segmentweise rechnen, am Ende per 4.2 addieren. Bei rückwärts-durchlaufenen Stücken Vorzeichen aus 4.1 nicht vergessen.

Merke Reihenfolge
(1) Senkrecht? (2) Wirbelfrei? (3) Standard-Param. (4) Vorzeichen. (5) Stückweise per Verkettung.
Prüfungstipp Klausur-Mantra
Steht es senkrecht? Ist es wirbelfrei? Erst dann integrieren.

Aufgaben mit Musterlösungen

Übungsaufgaben werden in Kürze ergänzt.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!