Bevor wir in zwei Variablen linearisieren, kurzes Auffrischen aus Analysis I. In einer Variable beschreibt die Tangente an am Stützpunkt den Funktionsverlauf in einer Umgebung. Sie hat zwei Bauteile: den Funktionswert am Stützpunkt und die Steigung mal die Veränderung in -Richtung.
Das Differential ist die infinitesimale Variante der Steigung. Statt einer endlichen Veränderung in und der zugehörigen Veränderung rechnen wir mit infinitesimalen Schritten und .
Approximations-Aussage: für kleine Schritte ist die Tangente eine gute Näherung. Identifiziert man , gilt .
Anschaulich heisst das, du darfst die Kurve durch ihre Tangente ersetzen, solange du nicht zu weit weg vom Stützpunkt schaust. Je glatter und je kleiner , desto besser. Genau diese Idee bauen wir gleich auf zwei Variablen aus, dort wird aus der Geraden eine Ebene.
Bei einer Variable gibt's nur eine Richtung, also eine Steigung . Bei zwei Variablen kommen zwei Richtungen ins Spiel (- und -Richtung), also zwei Steigungen und . Aus der Tangente an die Kurve wird die Tangentialebene am Hügel.
Stell dir den Hügel vor. An jedem inneren Punkt liegt eine Tangentialebene am Hügel an, wie ein flaches Brett, das den Hügel an genau einem Punkt berührt und in der Umgebung möglichst eng anliegt. Das ist das Pendant der Tangente in zwei Variablen.
Wichtig: zwei Steigungen, nicht eine. misst, wie steil der Hügel ansteigt, wenn du ein Stück in -Richtung gehst (also 'nach Osten'); ist die analoge Steigung 'nach Norden'. Eine einzige Zahl reicht nicht, weil der Hügel je nach Himmelsrichtung anders aussehen kann (im Extremfall: bergauf in eine Richtung, bergab in die andere).
Die formale Übersetzung des Tangentialebenen-Bilds ist die lineare Ersatzfunktion. Drei Bauteile, jedes anschaulich: der Stützpunkt liefert die Starthöhe; der -Term beschreibt das Ansteigen in -Richtung; der -Term macht dasselbe in -Richtung.
Schau die drei Zeilen einzeln an. Der Stützpunkt legt die Starthöhe am Anker fest. Der zweite Term wächst linear, wenn du in -Richtung wegläufst, und zwar mit Steigung . Der dritte Term macht dasselbe für die -Richtung. Zusammen ergibt sich die Ebene, die am Stützpunkt am Hügel klebt und in beiden Richtungen die richtige Steigung hat.
Konkrete Rechnung am Vorlesungs-Beispiel. Wir nehmen und linearisieren am Stützpunkt . Drei Werte am Stützpunkt rechnen, dann ins Schema einsetzen.
Werte einsetzen, ausmultiplizieren, Konstanten zusammenfassen. Die Konstanten beim Stützpunkt-Term () summieren sich zu , die linearen Terme zu .
Die Ersatzfunktion ist eine Funktion in zwei Variablen . Ihr Graph ist eine Ebene im . Diese Ebene heisst Tangentialebene.
Feststellung. ist linear, also ist eine Ebene. Beide partiellen Ableitungen und sind konstant (sie hängen nicht mehr von ab). Die Ebene hat überall dieselben Steigungen, daher ist sie flach.
Anders bei der echten Funktion : dort hängt die Steigung normalerweise vom Auswertungspunkt ab (auf dem Hügel ist sie an der Spitze flach, an den Flanken steil). Die Tangentialebene friert die Steigung am Stützpunkt ein und behält sie überall. Daher ist die Approximation in der Nähe von gut und weiter weg schlecht.
Im Beispiel oben ( am Punkt ) ergibt das die konkrete Tangentialebene. Beide Schreibweisen, als und als implizite Ebenen-Gleichung:
Wie gut nähert die Ersatzfunktion die echte Funktion an? Antwort vorab: bei kleinem Schritt schrumpft der Approximations-Fehler schneller als die Schrittlänge. Dafür brauchen wir zuerst einen Namen für den Fehler.
Definition. Die Approximations-Differenz ist die Differenz zwischen am verschobenen Punkt und der Ersatzfunktion am verschobenen Punkt:
Setzt man die Definition von aus §2.1 ein, kann man direkt mit und den partiellen Ableitungen am Stützpunkt schreiben:
Satz. Für stetig differenzierbare schrumpft schneller gegen Null als der Abstand :
Dieselbe Aussage in der Landau-Schreibweise (Klein-o):
Beweis-Idee in einer Zeile: addiere und subtrahiere in , dann zwei Anwendungen des Mittelwertsatzes, dann Stetigkeit der partiellen Ableitungen.
Aufspalten. Wir setzen den Hilfsterm ein und gruppieren so, dass die erste Differenz rein in , die zweite rein in läuft.
MWS in -Richtung. Es existiert ein zwischen und mit:
MWS in -Richtung. Es existiert ein zwischen und mit:
Quotient zerlegen. Beides in einsetzen, durch teilen, Vorfaktoren und als beschränkte Brüche nach vorn ziehen:
Limes-Schluss. Limes . Beide Vorfaktoren bleiben beschränkt durch . Die Klammer-Differenzen und gehen wegen Stetigkeit der partiellen Ableitungen gegen Null (sowohl als auch , und sind stetig). Beschränkt mal Null ist Null. Also .
Verschiebt man das Koordinatensystem in den Stützpunkt , wird die Ersatzfunktion zur kompakten Form mit zwei Termen. Statt 'Veränderung gegenüber dem Stützpunkt' rechnen wir 'Veränderung gegenüber dem Ursprung' der neuen Koordinaten.
Neue Variablen: statt , statt , statt der Differenz . Die Schreibweise des totalen Differentials ist die kompakte Form:
Vergleich mit der Ersatzfunktion in den ursprünglichen Koordinaten: . Die zwei Terme und entsprechen exakt den zwei Veränderungs-Beiträgen aus §2.1. Inhaltlich identisch, Schreibweise kompakter. Der Stützpunkt-Wert verschwindet im neuen Ursprung.
Diese kompakte Form ist genau das, was die Fehlerrechnung in §5 und §6 braucht. Statt mit Differenzen zum Stützpunkt zu hantieren, behandelst du und wie kleine Stellschrauben, an denen proportional reagiert. Wenn du an um drehst, verändert sich ungefähr um , und das ohne Wenn und Aber.
Zwei verwandte, aber nicht identische Grössen. ist die echte Veränderung von zwischen Stützpunkt und neuem Punkt, ist die lineare Ersatzgrösse aus §4.1. Der Unterschied ist genau der Approximations-Fehler aus §3.
Definition. Die echte Differenz: .
Identifizieren wir und , dann ist exakt die Approximations-Differenz aus §3:
Lies die Zeile als 'echter Funktionsunterschied minus lineare Schätzung gleich Approximations-Fehler'. Der Approximations-Satz aus §3 sagt, dass dieser Fehler schneller schrumpft als der Schrittabstand . Praktisch: wird der Schritt kleiner, wird der Fehler im Verhältnis zum Schrittabstand immer kleiner. Die lineare Näherung wird relativ zur Schrittgrösse also immer besser.
Aus dem Approximations-Satz folgt direkt: für kleine und ist . Genau diese Identifikation macht das totale Differential zum praktischen Werkzeug der Fehlerrechnung.
Eingangsgrössen kommen oft mit Messfehlern oder Fertigungstoleranzen. Diese Fehler vererben sich auf die berechnete Grösse . Die Linearisierung aus §4 liefert die kompakte Schätzung für diese Vererbung.
Absoluter Fehler: für kleine Eingangsfehler. Relativer Fehler: . Der relative Fehler ist dimensionslos und damit zwischen verschiedenen Grössen vergleichbar.
Werkzeug für die obere Schranke: Dreiecksungleichung.
Damit gilt und für den relativen Fehler analog. Die Dreiecksungleichung gibt die Worst-Case-Schranke.
Bei einer Funktion in Produkt-Potenz-Form gibt es eine Faustregel: relative Fehler addieren sich, gewichtet mit den Exponenten. Direkt aus dem totalen Differential rechnen, durch teilen, kürzen:
Mit Dreiecksungleichung folgt die Schranke . Der Effekt: Variablen mit hoher Potenz beherrschen den Gesamtfehler. Bei einem -Term wird der relative Fehler in vierfach gewichtet, bei einem -Term einfach. Konkrete Anwendung in §6.1.
Anschaulich: bei einem Produkt wirkt jede Variable unabhängig auf das Resultat, und ihr Fehler-Beitrag ist ihr eigener relativer Fehler, gewichtet mit dem Exponenten. Verdoppelst du in einem -Term, vervierfacht sich . Daher zählt eine -Toleranz in einem -Term doppelt, in einem -Term vierfach.
Standard-Klausur-Aufgabe aus Mechanik mit Werkzeugen aus §5. Vollzylinder mit Radius , Höhe , konstante Dichte . Massenträgheitsmoment um die Rotationsachse:
Fertigungstoleranz in und je , also . Wie gross ist der relative Fehler in ?
Absoluter Fehler. Totales Differential mit und :
Relativer Fehler. Durch teilen. Vorfaktor kürzt sich exakt, , :
Beobachtung. Hauptanteil aus (), kleiner Anteil aus (). Das ist der Effekt der vierten Potenz: steckt in mit Exponent 4, mit Exponent 1. Daher beherrscht der -Fehler den Gesamtfehler.
Zweite Anwendungs-Aufgabe, hier mit Quotient und potenzieller Fehler-Explosion. Spezifisches Gewicht einer Probe. Mit Archimedischem Prinzip: ist die Gewichtskraft in Luft, ist die Gewichtskraft unter Wasser (Auftrieb subtrahiert).
Messtoleranz . Wie gross ist der relative Fehler in ?
Absoluter Fehler. Quotientenregel auf und . Mit und :
Relativer Fehler. Wir teilen durch . Die Identität macht das Ergebnis kompakt:
Dreiecksungleichung. Nach dem Teilen und Anwenden der -Identität:
Beobachtung. Bei nahezu gleichen und wird gross, der relative Fehler explodiert. Das ist die generische Numerik-Falle 'Subtraktion fast-gleich-grosser Zahlen': wenn und sich fast aufheben, geht ein Grossteil der signifikanten Stellen in der Differenz verloren, und der relative Fehler wird riesig.
| Schritt | Was tun | Resultat |
|---|---|---|
| 1. Werte am Stützpunkt | , , berechnen | drei Zahlen |
| 2. Lineare Ersatzfunktion | Funktion in zwei Variablen | |
| 3. Tangentialebene | als | Ebene im |
| 4. Totales Differential | infinitesimale Form | |
| 5. Absoluter Fehler | , Dreiecksungleichung | |
| 6. Relativer Fehler | Exponent-gewichtete Summe |
Aufgaben werden vom Nutzer geliefert. Standard-Vorgehen: Werte am Stützpunkt berechnen, Ersatzfunktion oder aufstellen, je nach Aufgabe Tangentialebene angeben oder Fehlerrechnung ausführen. Cheat-Sheet aus §6 deckt die typischen Fälle ab.