Stell dir vor: eine Vollkugel mit Radius , und entlang ihrer -Achse stanzt du einen geraden Kreiszylinder mit kleinerem Radius heraus. Das Stück Kugel, das innerhalb des Zylinders liegt, heisst zylindrischer Kugelausschnitt. Wie viel Volumen hat es? Das ist die Aufgabe aus der Mitschrift, und sie wird unser Leitbeispiel für diese ganze Section.
Die obere Kugelhälfte hat die Gleichung , daraus . Das ist die Höhe der Kugelfläche über der -Ebene. Fasse als Höhenfunktion auf, dann liegt der Ausschnitt direkt über der Grundfläche (Kreisscheibe vom Radius in der -Ebene).
Mit V.1 §1 ist das Volumen zwischen und der oberen Kugelkappe gerade . Doppelt nehmen, weil obere plus untere Halbkugel zusammen den vollen Ausschnitt geben:
Direkt drauflos in kartesisch ist machbar, aber eher mühsam und fehleranfällig. Lieber das Werkzeug wechseln. Zylinder und Kugel sind beide rotationssymmetrisch um die -Achse, und Rotationssymmetrie schreit nach Polarkoordinaten: ein Punkt in der Ebene wird durch seinen Abstand zum Ursprung und seinen Winkel zur positiven -Achse adressiert.
In Polarkoordinaten nimmt das Gebiet eine besonders einfache Form an: die Kreisscheibe um den Ursprung ist einfach und . Wir benennen das transformierte Gebiet und die transformierte Höhenfunktion (Tilde-Konvention aus IV.8 §2.1: gleicher Funktionswert, andere Variablen, andere Adresse):
Eleganter geht es kaum: aus zwei Variablen wird in nur noch eine Variable , weil der Integrand nur vom Abstand abhängt. Genau diese Reduktion ist der Gewinn der Polar-Wahl. Aber wir können das Integral noch nicht in Polar hinschreiben, weil das Flächenelement in nicht einfach ist. Es fehlt ein Faktor. Den ergründet §2.
Wenn du in Polarkoordinaten integrierst, kannst du nicht einfach schreiben. Es fehlt ein Faktor . Warum? Schau dir an, wie kleine Flächenstücke in beiden Koordinaten-Wahlen aussehen.
Kartesisch. Du zerlegst in winzige Quader mit Seitenlänge in -Richtung und in -Richtung. Jeder kleine Quader ist ein Rechteck mit Fläche :
Polar. Du zerlegst in winzige Sektor-Stücke (Tortenstückchen) zwischen zwei benachbarten Kreisen mit Radien und und zwei benachbarten Strahlen mit Winkeln und . Im Grenzwert ist das Tortenstück fast rechteckig mit zwei Seitenlängen: radiale Tiefe und Bogenlänge . Damit:
Der Faktor ist hier der Kern. ist ein reiner Winkel-Schritt, der hat selbst keine Länge. Um daraus eine Länge zu machen, brauchen wir den Radius: Bogenlänge an einem Kreis ist immer Winkel mal Radius. Genau dieser Faktor macht aus dem Winkel-Schritt eine Bogenlänge, und damit aus eine echte Fläche. Damit ist das Flächenelement in Polarkoordinaten gegeben durch den folgenden Satz (Mitschrift):
| Koordinaten | Hinweis | |
|---|---|---|
| Kartesisch | Quader-Element | |
| Polar | Sektor-Element, -Faktor Pflicht | |
| Allgemein | kommt in V.4 |
Mit dem Flächenelement aus §2 ist der Kugelausschnitt aus §1 jetzt eine Routinerechnung in zwei Substitutionen. Wir machen daraus ein voll durchgerechnetes Beispiel. Danach folgt der härtere Fall: das exzentrisch gebohrte Loch in der Kugel, bei dem kein zentrierter Kreis mehr ist und der -Bereich aus der Geometrie folgen muss.
Beispiel 1, Kugelausschnitt weiterführen. Wir greifen genau die Aufgabe aus §1 wieder auf: Vollkugel Radius , Zylinder Radius entlang der -Achse, gesucht ist das Volumen des Ausschnitts. Polar-Setup: , .
Beispiel 2, Loch in der Kugel. Jetzt der etwas trickreichere Fall (Mitschrift). Vollkugel mit Radius . Wir bohren ein zylindrisches Loch heraus: Radius , Achse parallel zur -Achse. Diesmal trifft die Zylinderachse die -Ebene nicht im Ursprung, sondern im Punkt , das Loch ist also exzentrisch verschoben. Wie viel Volumen hat das herausgebohrte Stück?
| Geometrie | Polar-Bereich | Notiz |
|---|---|---|
| Vollkreis Radius | , | konzentrisch um Ursprung |
| Kreisring | , | mit |
| Sektor | , | Tortenstück |
| Verschobener Kreis | Loch-Beispiel |
Das Gauss-Integral ist berühmt-berüchtigt: keine elementare Stammfunktion. In einer Variable steht man fest. In Polarkoordinaten löst es sich in vier Zeilen. Der Trick: anstatt direkt zu suchen, suchen wir .
schreibt sich als Doppelintegral, weil das Produkt zweier eindimensionaler Integrale (über denselben Bereich, aber mit unabhängigen Variablen) immer ein Doppelintegral ergibt (Fubini, V.1 §4). Im Integranden steht dann . Genau hier wird Polar interessant: , der Integrand reduziert sich zu .
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