III.1.1 Genauigkeit: Richtigkeit und Präzision

Stell dir vor, du sollst hundert Mal denselben Wellenstummel auf d=10mmd = 10\,\text{mm} drehen. Schon nach dem zweiten Versuch wirst du merken: kein einziges Stück trifft die 10,000mm10{,}000\,\text{mm} exakt. Mal sind es 9,9949{,}994, mal 9,9989{,}998, mal 10,00110{,}001. Genau diese Streuung ist der Ausgangspunkt der ganzen Toleranzlehre.

Bevor wir mit den ISO-Symbolen anfangen, lohnt es sich zwei einfache Worte sauber zu trennen: Richtigkeit und Präzision. Beide zusammen ergeben das, was umgangssprachlich „Genauigkeit“ heisst, und beide werden in der Fertigung getrennt gemessen und getrennt verbessert.

Dartscheiben-Bild. Stell dir vier Schützen vor, die jeweils fünf Pfeile auf das Bullauge werfen. Schütze (a) trifft alle fünf eng zusammen mitten ins Schwarze, Schütze (b) eng zusammen aber links daneben, Schütze (c) verstreut um die Mitte herum, Schütze (d) verstreut und ausserhalb. Richtigkeit heisst: der Schwerpunkt der Treffer liegt im Bullauge. Präzision heisst: die Treffer liegen eng beieinander, egal wo. Beim Drehen ist es dasselbe: der Schwerpunkt μ\mu aller Messungen entspricht der Richtigkeit, die Streuung um μ\mu herum (gemessen mit der Standardabweichung) entspricht der Präzision.

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III.1.1.1 Richtigkeit
Richtigkeit:μdSoll\text{Richtigkeit:} \quad \mu \approx d_{\text{Soll}}
μ\mu ist der Mittelwert aller gemessenen Werte, dSolld_{\text{Soll}} der Sollwert auf der technischen Zeichnung. Ein systematischer Versatz μdSoll0\mu - d_{\text{Soll}} \neq 0 heisst Lagefehler (z. B. Maschine falsch genullt).
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III.1.1.2 Präzision
Pra¨zision:σ  klein\text{Pr\"azision:} \quad \sigma \;\text{klein}
σ\sigma ist die Standardabweichung der Messwerte um den Mittelwert. Eine grosse σ\sigma heisst grosse Streuung (zufällige Fehler: Werkzeugverschleiss, Vibrationen, Temperaturschwankungen). Achtung: in dieser Page ist σ\sigma in den Kap. III.2 ff. dann der Spannungs-Buchstabe. Der Kontext entscheidet.

In Worten und mit Konsequenz für die Werkstatt. Hat dein Prozess kleine σ\sigma aber falsches μ\mu, dann lieferst du systematisch zu kleine oder zu grosse Teile. Lösung: Maschine nachjustieren (Werkzeug-Offset, Anstellung), Streuung bleibt klein. Hat dein Prozess richtiges μ\mu aber grosse σ\sigma, dann lieferst du zwar im Mittel den Sollwert, aber jedes einzelne Teil kann weit daneben liegen. Lösung: Werkzeugschneide schärfen, Spindel auswuchten, Temperatur stabilisieren. Beide Stellschrauben sind unabhängig.

Definition Richtigkeit
Nähe des Mittelwerts μ\mu zum Sollwert. Systematischer Lagefehler.
Definition Präzision
Geringe Streuung σ\sigma um den Mittelwert. Zufällige Fehler.
Merke Genauigkeit = Richtigkeit + Präzision. Beide Stellschrauben sind unabhängig und müssen einzeln betrachtet werden.

III.1.2 Lage und Feld der Prozesssteuerung

Wenn du die hundert gemessenen Wellendurchmesser in ein Histogramm trägst, ergibt sich fast immer eine Glockenkurve (Normalverteilung). Zwei Eigenschaften beschreiben diese Glocke vollständig: wo sie steht und wie breit sie ist. Genau diese zwei Begriffe nennt die Vorlesung Lage und Feld, und sie sind die statistische Übersetzung von Richtigkeit und Präzision.

Lage (Prozesslage). Die Position des Mittelwerts μ\mu relativ zum Sollwert. Verschiebt sich μ\mu nach rechts, wandert die ganze Glockenkurve nach rechts, alle Teile werden im Mittel zu gross. Verschiebt sich μ\mu nach links, werden alle zu klein.

Feld (Streufeld, Prozessstreuung). Die Breite der Verteilung. Ein schmales Feld heisst: fast alle Teile fallen in ein enges Intervall um μ\mu. Ein breites Feld heisst: die Teile sind über einen weiten Bereich verteilt.

Kernaussage: Lage sagt, wo der Prozess liegt. Feld sagt, wie breit er streut. Beides muss gemessen und überwacht werden.

Wann ist das einfach? Bei einem gut eingerichteten, eingelaufenen Prozess sind sowohl Lage als auch Feld stabil. Du musst die Maschine nicht jedes Mal neu vermessen, eine Stichprobe von n=10n = 10 bis 3030 Teilen reicht für die Statistik aus.

Wann geht das oft schief? Beim Anfahren der Maschine (kalter Spindelstock) wandert die Lage. Bei stumpfem Werkzeug wird das Feld breiter. Bei stark schwankender Raumtemperatur driften beide. Beide Effekte sind in der Praxis getrennt zu adressieren.

Definition Lage
Position des Mittelwerts μ\mu relativ zum Sollwert. Verschiebung der Glockenkurve.
Definition Feld
Breite der Glockenkurve, also Streuung der Messwerte um μ\mu herum.

III.1.3 Einfluss von Fertigungsverfahren und Messmittel

Welche Toleranz ist überhaupt machbar? Diese Frage hängt nicht vom guten Willen des Konstrukteurs ab, sondern direkt vom gewählten Fertigungsverfahren. Sandformgiessen liefert grobe Maße mit einer Streuung von Millimetern. Rundschleifen und Honen schaffen Mikrometer. Dazwischen liegt eine ganze Skala, die in der Vorlesung als Tabelle „Toleranzen und Herstellverfahren“ erscheint.

Verfahrensgruppe Verfahren Typischer IT-Bereich
Umformen Gesenkschmieden, Kaltfliesspressen, Walzen IT 9 bis IT 16
Umformen Präzisionsschmieden, Abstreckgleitziehen IT 6 bis IT 11
Trennen Drehen, Fräsen IT 7 bis IT 12
Trennen Rundschleifen IT 5 bis IT 8
Feinbearbeitung Honen, Läppen, Polierschleifen IT 1 bis IT 5
Erreichbare Grundtoleranzgrade IT pro Verfahrensgruppe (Auswahl, nach V06).

Lies die Tabelle so: die rechte Spalte sagt dir, welche IT-Klasse (vgl. Kap. III.2.3) du mit einem Verfahren routinemässig hinkriegst. Engere Klassen sind möglich, aber mit „sehr hohem Aufwand“, was in der Praxis exponentiell mit dem Stückpreis steigt. Faustregel: jedes Verfahren hat einen normalen Aufwandsbereich (grün), einen aufwändigen Randbereich (gelb) und einen unwirtschaftlichen Spitzenbereich (rot). Wähle das Verfahren so, dass deine geforderte Toleranz im grünen Bereich liegt.

Messmittel haben dieselbe Auflösungs-Logik. Ein Messschieber löst auf etwa 0,05mm0{,}05\,\text{mm} auf. Eine Mikrometerschraube kommt auf etwa 0,01mm0{,}01\,\text{mm}. Wenn dein Toleranzfeld nur 15μm15\,\mu\text{m} breit ist (typisch IT 6 bei d30mmd \approx 30\,\text{mm}), kannst du es mit dem Messschieber nicht prüfen, du brauchst die Mikrometerschraube. Genauer wird es nur mit Koordinatenmessmaschinen, Form-Tastern oder Laser-Interferometern.

Faustregel. Das Messmittel sollte mindestens fünf- bis zehnmal feiner auflösen als das Toleranzfeld, das du prüfen willst. Sonst misst du nur dein Messmittel, nicht das Werkstück.

Merke Faustregel Messmittel: Auflösung mindestens 5×5\times feiner als das Toleranzfeld.
Merke Faustregel Verfahren: Toleranz im grünen (normalen) Bereich des Verfahrens halten.

III.2.1 Nennmaß, Abmaße und das Toleranzfeldbild

Wenn du eine technische Zeichnung aufschlägst, steht dort eine Maßzahl wie 350,0650,050\varnothing 35^{-0{,}050}_{-0{,}065}. Das sind drei Informationen in einer Zeile: das Nennmaß 35mm35\,\text{mm}, ein oberes Abmaß von 50μm-50\,\mu\text{m} und ein unteres Abmaß von 65μm-65\,\mu\text{m}. Damit definiert die Zeichnung den erlaubten Bereich, in dem das fertige Maß liegen darf.

Toleranzfeldbild. Sehr viel anschaulicher als die Zahlenkette ist eine kleine Skizze, die du dir nebenher zeichnen kannst. Du setzt eine waagrechte Nulllinie (das Nennmaß), beschriftest die Achse mit ++ nach oben, - nach unten, und zeichnest darüber ein kleines Rechteck, das die zwei Abmaße als obere und untere Grenze hat. Dieses Rechteck heisst Toleranzfeld. Die Skizze ist nicht massstabsgetreu, aber die Vorzeichen und die relative Lage zur Nulllinie müssen stimmen.

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III.2.1.1 Toleranzfeldbreite
T  =  oberes Abmaß    unteres AbmaßT \;=\; \text{oberes Abma{\ss}} \;-\; \text{unteres Abma{\ss}}
TT ist die Höhe des Toleranzfelds. Sie ist immer positiv (das obere Abmaß liegt definitionsgemäß über dem unteren). Einheit üblicherweise μm\mu\text{m}.

Bohrung versus Welle, vier Symbole. Die Vorlesung trennt strikt zwischen Außenmaßen (Wellen) und Innenmaßen (Bohrungen). Bei einer Bohrung heissen die Abmaße ESES (oberes, von „écart supérieur“) und EIEI (unteres, „écart inférieur“). Bei einer Welle heissen sie eses und eiei. Großbuchstaben für die Bohrung, Kleinbuchstaben für die Welle. Diese Konvention zieht sich durch alle Tabellen und Formeln dieses Kapitels.

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III.2.1.2 Abmaße in Symbolen
Bohrung:T=ESEIWelle:T=esei\begin{aligned} \text{Bohrung:} \quad T &= ES - EI \\ \text{Welle:} \quad T &= es - ei \end{aligned}
Beispiel Welle Ø35 mit oberem Abmaß es=50μmes = -50\,\mu\text{m} und unterem ei=65μmei = -65\,\mu\text{m}: T=50(65)=15μmT = -50 - (-65) = 15\,\mu\text{m}.
Definition Nennmaß dd
Sollwert auf der Zeichnung. Definiert die Nulllinie im Toleranzfeldbild.
Definition Abmaß
Vorzeichenbehafteter Abstand der Toleranzgrenze von der Nulllinie.
Formel Konvention
Bohrung: ES,EIWelle: es,ei\text{Bohrung: } ES,\, EI \quad \text{Welle: } es,\, ei
Großbuchstaben Bohrung, Kleinbuchstaben Welle. Auswendig lernen.

III.2.2 ISO-Kurzzeichen: Lage als Buchstabe, Feld als Zahl

Die rohen Abmaße +25μm+25\,\mu\text{m} und 0μm0\,\mu\text{m} jedesmal hinzuschreiben wäre auf einer Zeichnung mit zwanzig Maßen ein einziges Chaos. Deshalb bündelt das ISO-System nach DIN EN ISO 286 die ganze Toleranzangabe in zwei Zeichen: einen Buchstaben und eine Zahl. Beispiele: H7\text{H}7, h6\text{h}6, k6\text{k}6, r6\text{r}6, u8\text{u}8.

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III.2.2.1 Anatomie eines ISO-Kurzzeichens
HLage7Grundtoleranzgrad IT\underbrace{\text{H}}_{\text{Lage}}\,\underbrace{7}_{\text{Grundtoleranzgrad IT}}
Der Buchstabe sagt, wo das Toleranzfeld relativ zur Nulllinie liegt. Die Zahl sagt, wie breit das Feld ist (über die IT-Klasse).

Buchstabe = Lage. Die Vorlesung zeigt für Bohrungen die Buchstaben A bis ZC (von ganz oben mit grossem Spiel bis ganz unten mit grossem Übermaß) und für Wellen die Kleinbuchstaben a bis zc analog. Achtung Spiegelung: bei Bohrungen liegen die Felder zu A hin über der Nulllinie, bei Wellen ist die Lage genau umgekehrt (vgl. Treppendiagramm im Kap. III.3). Die Lage H/h sitzt genau an der Nulllinie und ist die Referenzlage.

Zahl = Feld. Die Zahl ist der Grundtoleranzgrad IT\text{IT}. IT1\text{IT}\,1 ist extrem eng (Mikrometerbruchteile), IT18\text{IT}\,18 ist sehr grob (Millimeter). Welche genaue Breite die Zahl ergibt, hängt vom Nennmaßbereich ab und steht in der Tabelle TB 2-1 (siehe nächste Subsection).

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III.2.2.2 Sonderfall H und h
Bohrung H:EI=0,ES=+TWelle h:es=0,ei=T\begin{aligned} \text{Bohrung H:} \quad EI &= 0,\quad ES = +T \\ \text{Welle h:} \quad es &= 0,\quad ei = -T \end{aligned}
Bei H sitzt das Toleranzfeld genau über der Nulllinie, bei h genau unter. Beide bilden die Einheitsbohrung bzw. Einheitswelle der zwei Passungssysteme (vgl. III.3.3).
Merke Buchstabe = Lage, Zahl = Feld. Beide Bestandteile braucht jede ISO-Toleranzangabe.
Definition H und h
Referenzlagen direkt an der Nulllinie. H mit Toleranzfeld oben, h mit Toleranzfeld unten.

III.2.3 Tabellen IT, Welle, Bohrung

Die ganze Notation aus III.2.2 ist nur dann nutzbar, wenn du aus dem Buchstaben und der Zahl konkrete Mikrometerwerte herauslesen kannst. Genau das machen die drei Standardtabellen der Vorlesung: TB 2-1 (Grundtoleranzgrade), TB 2-2 (Wellen-Abmaße) und TB 2-3 (Bohrungs-Abmaße). Sie sind die nachschlagbare Brücke zwischen ISO-Kurzzeichen und echten Zahlen.

TB 2-1: Toleranzfeldbreite TT aus IT. Die Tabelle hat in der Kopfzeile die IT\text{IT}-Klassen 1 bis 18 und in der linken Spalte den Nennmaßbereich (bis 3mm3\,\text{mm}, 33 bis 6mm6\,\text{mm}, 66 bis 10mm10\,\text{mm}, ...). Im Schnittpunkt steht die Toleranzfeldbreite TT in μm\mu\text{m} (linke Tabellenhälfte) bzw. mm\text{mm} (rechte Hälfte ab IT 12). Du gehst also: (1) Nennmaß-Zeile suchen, (2) IT-Spalte suchen, (3) Wert ablesen.

TB 2-2 (Welle) und TB 2-3 (Bohrung): Lage in μm\mu\text{m}. Diese zwei Tabellen geben für jede Buchstaben-Lage die Werte des oberen bzw. unteren Abmaßes an. Bei Wellen findet man das obere Abmaß eses links (für a, c, d, e, f, g, h), bei Bohrungen das untere Abmaß EIEI links (für C, D, E, F, G, H). Das jeweils andere Abmaß rechnest du dann selbst aus.

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III.2.3.1 Tabellen-Verknüpfung Welle
ei  =  es    TITei \;=\; es \;-\; T_{\text{IT}}
Tabelle TB 2-2 liefert je nach Lage entweder eses direkt oder eiei direkt, das andere folgt mit TT aus TB 2-1. Beispiel Welle Ø35 h9: aus TB 2-2 ist es=0es = 0, aus TB 2-1 ist IT9=62μm\text{IT}\,9 = 62\,\mu\text{m}, also ei=62μmei = -62\,\mu\text{m}.
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III.2.3.2 Tabellen-Verknüpfung Bohrung
ES  =  EI  +  TITES \;=\; EI \;+\; T_{\text{IT}}
Beispiel Bohrung Ø35 H7: aus TB 2-3 ist EI=0EI = 0, aus TB 2-1 ist IT7=25μm\text{IT}\,7 = 25\,\mu\text{m}, also ES=+25μmES = +25\,\mu\text{m}.
Merke Zwei orthogonale Achsen im ISO-System: Buchstabe (Lage) und Zahl (Feld). Beide einzeln nachschlagen.

III.3.1 Was ist eine Passung?

Bisher haben wir ein Werkstück mit Toleranzfeld betrachtet, isoliert. Eine Passung entsteht erst dann, wenn du zwei Werkstücke aufeinanderlegst, deren Maße zusammenpassen sollen: typisch eine Welle in einer Bohrung. Aus den beiden Toleranzfeldern ergibt sich automatisch, ob die Verbindung loseweis verschiebbar ist, gerade so eingreift oder fest eingepresst werden muss.

Drei Fälle, je nach Lage der zwei Toleranzfelder. Liegt das Wellen-Feld komplett unter dem Bohrungs-Feld, ist die Welle immer dünner als die Bohrung. Die Welle gleitet hinein, es bleibt Spiel: Spielpassung. Liegt das Wellen-Feld komplett über dem Bohrungs-Feld, ist die Welle immer dicker als die Bohrung. Sie muss eingepresst werden, es entsteht Übermaß: Übermasspassung (alias Presspassung). Liegen die Felder so, dass sie sich überschneiden, kann es je nach Einzelwerkstück Spiel oder Übermaß geben: Übergangspassung.

Passungsart Welle vs. Bohrung und Sitz Beispiel
Spielpassung Welle immer kleiner; verschiebbar, drehbar (Gleitsitz) Gleitlager, Zentrierflansche, Stell- und Distanzringe
Übergangspassung ungefähr gleich gross; minimales Spiel oder leichte Pressung Zahnräder mit Hammerschlag, Riemenscheiben
Übermasspassung Welle immer grösser; fest, rutschsicher (Reibschluss) fest sitzende Zahnräder, Kupplungen, Schwungräder
Die drei Passungsarten anschaulich, mit Funktion und typischem Anwendungsbeispiel.

Wann brauche ich was? Eine drehende Welle in einem Gleitlager braucht Spielpassung, sonst klemmt sie heiss. Ein Zahnrad, das per Hand auf eine Welle geschoben und zusätzlich mit einer Passfeder gesichert wird, braucht eine Übergangspassung (festen Sitz ohne grossen Aufwand). Ein Lagerinnenring, der allein durch den Reibschluss auf der Welle drehmomentfest sein soll, braucht Übermasspassung.

Definition Spielpassung
Wellen-Feld unter Bohrungs-Feld. Welle gleitet, Spiel garantiert positiv.
Definition Übermasspassung
Wellen-Feld über Bohrungs-Feld. Welle steckt fest, Übermaß garantiert positiv.
Definition Übergangspassung
Felder überschneiden sich. Spiel oder Übermaß je nach Einzelfall.

III.3.2 System Einheitsbohrung und System Einheitswelle

Du könntest theoretisch jeden Buchstaben mit jedem Buchstaben kombinieren (a/A, b/B, ..., zc/ZC), das wären über 20×2020 \times 20 mögliche Paarungen. In der Praxis wäre das ein Albtraum für die Werkstatt: jede neue Toleranzklasse heisst neues Werkzeug, neue Lehre, neuer Messaufbau. Deshalb gibt es zwei Standardisierungen, die jeweils eines der beiden Teile festzurren und nur das andere variieren lassen.

System Einheitsbohrung. Die Bohrung bekommt immer die Lage H (Toleranzfeld an der Nulllinie nach oben). Du variierst die Welle. Mit Welle h ergibt sich Spielpassung mit minimalem Spiel; mit Welle f, g, e wird das Spiel grösser; mit Welle k, m kommt Übergang; mit Welle p, r, s, u, x wird es Übermass. Vorteil: eine Bohrung-Lehre fürs ganze Sortiment, du musst nur die Welle nachjustieren.

System Einheitswelle. Genau umgekehrt: die Welle ist immer h, du variierst die Bohrung von A bis ZC. Wann ist das praktischer? Wenn die Welle eine durchgehende Stange ist, auf der mehrere Naben sitzen (z. B. mehrere Zahnräder auf einer Hauptwelle). Dann kannst du die Welle in einem Schleifgang fertigen und die einzelnen Naben individuell anpassen.

Faustregel: nimm System Einheitsbohrung, wenn nichts dagegen spricht. Es ist der häufigere und werkstattfreundlichere Fall. Greife zu System Einheitswelle nur dann, wenn die geometrische Situation (durchgehende Welle, mehrere Naben) den Wechsel rechtfertigt.

Merke Einheitsbohrung H ist der Industrie-Standard. Einheitswelle h nur bei durchgehender Welle mit mehreren Naben.

III.3.3 Berechnung von Spiel und Übermaß

Aus den Abmaßen der zwei Toleranzfelder folgt direkt, wieviel Spiel oder Übermaß die Paarung im günstigsten und im ungünstigsten Fall zulässt. Die Formeln sehen knapp aus, aber sie haben eine Vorzeichen-Logik, an der man sich leicht verheddert. Deshalb: erst das Toleranzfeldbild zeichnen, dann erst rechnen.

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III.3.3.1 Spielpassung
Smin=EIesSmax=ESei\begin{aligned} S_{\min} &= EI - es \\ S_{\max} &= ES - ei \end{aligned}
SS positiv heisst echtes Spiel. Beispiel Ø60 C11/h9: Smin=+140μmS_{\min} = +140\,\mu\text{m}, Smax=+404μmS_{\max} = +404\,\mu\text{m}.
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III.3.3.2 Übermasspassung
Umin=esESUmax=eiEI\begin{aligned} U_{\min} &= es - ES \\ U_{\max} &= ei - EI \end{aligned}
Achtung Vorzeichen: UminU_{\min} und UmaxU_{\max} kommen positiv heraus, wenn man die Differenz wie hier richtig herum bildet. Manche Texte schreiben die Übermaßformeln mit umgekehrtem Vorzeichen und definieren Übermaß als negatives Spiel. Inhaltlich identisch.

Wie das mit dem Toleranzfeldbild zusammenpasst. Bei einer Spielpassung liegt das Bohrungs-Rechteck im Bild oben, das Wellen-Rechteck darunter. Das minimale Spiel ist der vertikale Abstand zwischen dem unteren Rand des Bohrungs-Rechtecks (EIEI) und dem oberen Rand des Wellen-Rechtecks (eses). Das maximale Spiel ist der Abstand zwischen oberer Bohrungs-Grenze (ESES) und unterer Wellen-Grenze (eiei).

Bei der Übermasspassung ist es genau umgedreht: das Wellen-Rechteck liegt oben, das Bohrungs-Rechteck unten. UminU_{\min} ist der vertikale Abstand zwischen dem unteren Wellen-Rand (eses ist hier oberes Wellen-Abmaß, also unteres Wellen-Feld-Grenze in dieser Situation der untere) und dem oberen Bohrungs-Rand (ESES). Das Toleranzfeld-Bild macht jede Vorzeichendebatte überflüssig.

Formel Spiel
Smin=EIesS_{\min} = EI - es
Untere Bohrungs-Grenze minus obere Wellen-Grenze.
Formel Übermaß
Umin=esESU_{\min} = es - ES
Untere Wellen-Grenze (im Übermassfall) minus obere Bohrungs-Grenze.
Prüfungstipp Toleranzfeldbild zuerst, dann erst Vorzeichen einsetzen. Spart Punkte.

III.3.4 Standardpassungen (TB 2-9) und Treppendiagramm

In der Praxis hast du selten freie Wahl: für eine bestimmte Funktion (Gleitlager, Wälzlager-Sitz, Zahnrad-Sitz, festsitzender Schrumpfring) sind bewährte Passungspaare üblich. Die Vorlesung fasst sie in einer Übersichts-Tabelle (TB 2-9) zusammen. Wenn du in der Klausur nach einer „geeigneten Passung“ gefragt wirst, ist die Lösung fast immer eine Zeile aus dieser Tabelle.

Passung (Einheitsbohrung) Charakter Typische Anwendung
H11/c11, H11/d9 sehr grosses Spiel Lager mit Verschmutzung, Landmaschinen
H8/d9, H11/d9 reichliches Spiel Bau- und Landmaschinenlagerungen
H7/f7, H8/f7 geringes Spiel Gleitlager, Gleitbuchsen auf Wellen
H7/h6, H8/h9 gerade noch verschiebbar Zentrierflansche, Stell- und Distanzringe
H7/j6 leichter Übergang leicht ein- und ausbaubare Zahnräder
H7/k6 Übergang mit Hammerschlag Zahnräder, Riemenscheiben
H7/n6 fester Übergang, einpressbar Lagerbuchsen in Naben
H7/r6 Pressverband, durch Druck fügbar festsitzende Zahnräder, Flansche
H8/u8 Pressverband, nur durch Erwärmen fügbar Schrumpfringe, dauerhafte Pressverbände
Standardpassungen nach TB 2-9, geordnet von viel Spiel bis viel Übermaß. Fett: besonders häufige Wahlen.

Treppendiagramm. Die Vorlesung zeigt zwei „besser“ und zwei „schlechter“ gezeichnete Treppendiagramme, in denen die Toleranzfeld-Lagen von a/A bis zc/ZC aufgereiht erscheinen. Die wichtige didaktische Botschaft daraus: an der Nulllinie wechseln die Felder weich zwischen „etwas Spiel“ (Lagen g, h, js) und „etwas Übermaß“ (Lagen k, m, n). Je weiter du dich von der Nulllinie entfernst, desto klarer wird der Passungscharakter (a, b, c sind grobes Spiel; r, s, u, x sind klarer Pressverband).

Wie liest du das Diagramm? Linke Seite mit Buchstaben a bis h ist Spiel (Wellen-Feld unter Nulllinie). Mitte (h bis k, p, r) ist Übergangsbereich. Rechte Seite (s, u, x, z, zc) ist klarer Übermaßbereich. Mit dieser Reihenfolge im Kopf weisst du, welche Buchstaben „enger“ und welche „lockerer“ sitzen.

Querverweis Standardtabelle
TB 2-9 Roloff/Matek (siehe Vorlesung)
Merke Industriewahl: H7/h6\text{H}7/\text{h}6 (gerade verschiebbar), H7/f7\text{H}7/\text{f}7 (Gleitlager), H7/r6\text{H}7/\text{r}6 (Pressverband).

III.3.5 Passungsauswahl beim Zylindrischen Pressverband

Die schönste Anwendung der ganzen Toleranzlehre kommt jetzt: der Zylindrische Pressverband (ZPV). Du willst zwei Teile (Welle und Nabe) so verbinden, dass sie nur durch Reibschluss zusammenhalten, also ohne Passfeder, ohne Schraube, ohne Verkleben. Das funktioniert nur, wenn die Welle grösser ist als die Bohrung. Dann pressen die zwei Teile beim Fügen aufeinander, der Werkstoff verformt sich elastisch, und eine umlaufende Pressung pp hält das Ganze zusammen.

Längs- versus Querpressverband. Beim Längspressverband drückst du die Welle axial in die Nabe hinein, kalt, mit Presse oder Hydraulik. Beim Querpressverband erwärmst du die Nabe (oder kühlst die Welle) so weit, dass sie sich vorübergehend ausdehnt bzw. zusammenzieht, schiebst die Welle locker hinein und lässt das Ganze auf Raumtemperatur kommen. Beim Abkühlen schrumpft die Nabe und klemmt die Welle fest. Beide Verfahren liefern denselben fertigen Pressverband, die Frage ist nur, wieviel Übermaß du fügen kannst.

Mechanische Brücke. Hooke am Pressverband. Bevor wir die Pressung in ein Übermaß umrechnen, lohnt sich ein Blick auf die mechanische Wurzel der nächsten Formel. Sie ist nichts anderes als das Hookesche Werkstoffgesetz, angewendet auf einen Ring statt auf einen geraden Stab. Wer den Schritt einmal mitgegangen ist, sieht die ZPV-Formel III.3.5.1 nicht mehr als auswendig zu lernende Beziehung, sondern als verkleideten Zugstab in Umfangsrichtung.

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III.3.5.0a Hooke-Werkstoffgesetz
σ  =  Eε\sigma \;=\; E \cdot \varepsilon
Lineares Werkstoffgesetz im elastischen Bereich. Eine Normalspannung σ\sigma erzeugt eine proportionale Dehnung ε=Δl/l\varepsilon = \Delta l / l. Diese Linearität ist die mechanische Wurzel jeder folgenden Pressverband-Formel.
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III.3.5.0b Zugstab-Dehnung
Δl  =  σlE\Delta l \;=\; \frac{\sigma \cdot l}{E}
Direkt aus Hooke mit ε=Δl/l\varepsilon = \Delta l / l. Genau diese Formel wandelt sich beim Pressverband in Gleichung III.3.5.1 um: der gepresste Nabenring ist mechanisch ein Ringzugstab, der durch die Pressung pp in Umfangsrichtung gedehnt wird.
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III.3.5.1 Pressung in Übermaß übersetzen
Δd  =  pDFEAK\Delta d \;=\; \frac{p \cdot D_F}{E_A} \cdot K
Δd\Delta d ist die Aufweitung des Nabeninnendurchmessers (oder die Stauchung der Welle) unter der Pressung pp. Im Pressverband vor dem Fügen entspricht dieses Δd\Delta d dem wirksamen Übermaß: was die Welle dicker ist, muss die Nabe aufweiten.
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III.3.5.2 Wirksames Übermaß
Uw,min=pminDFEAKUw,max=pmaxDFEAK\begin{aligned} U_{w,\min} &= \frac{p_{\min} \cdot D_F}{E_A} \cdot K \\ U_{w,\max} &= \frac{p_{\max} \cdot D_F}{E_A} \cdot K \end{aligned}
Direkter Umkehrschluss aus der vorigen Formel. Uw,minU_{w,\min} gehört zur minimalen geforderten Pressung (Reibschluss hält noch), Uw,maxU_{w,\max} zur maximal zulässigen (Werkstoff fliesst noch nicht).

Hilfsgröße KK. Die dimensionslose Zahl KK packt die ganze Werkstoff- und Geometrie-Abhängigkeit in einen einzigen Faktor. Sie wächst mit dem Durchmesserverhältnis QA=DF/DAQ_A = D_F/D_A und hängt von der Werkstoffpaarung (E-Moduln und Querkontraktionszahlen) ab. Du liest KK entweder aus einem Diagramm (TB 12-7 für Standard-Werkstoffe) oder rechnest sie über die geschlossene Formel aus der Vorlesung. Für gleiche Werkstoffe innen und aussen, Vollwelle und mittlere QAQ_A liegt KK typischerweise zwischen 22 und 44.

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III.3.5.3 Hilfsgröße K, allgemein
K  =  EAEI ⁣(1+QI21QI2νI)+1+QA21QA2+νAK \;=\; \frac{E_A}{E_I}\!\left(\frac{1+Q_I^2}{1-Q_I^2} - \nu_I\right) + \frac{1+Q_A^2}{1-Q_A^2} + \nu_A
QA=DF/DAQ_A = D_F/D_A, QI=DIi/DFQ_I = D_{Ii}/D_F. Bei Vollwelle gilt QI=0Q_I = 0, und der erste Term vereinfacht sich zu EAEI(1νI)\tfrac{E_A}{E_I}(1 - \nu_I). Bei gleichem Werkstoff (EA=EIE_A = E_I, νA=νI\nu_A = \nu_I) hebt sich noch mehr weg.

Tangentialspannung und Radialspannung im Pressverband. Die Fugenpressung pp am Innenring der Nabe erzeugt eine Tangentialspannung σt\sigma_t in Umfangsrichtung und eine Radialspannung σr\sigma_r in Radialrichtung. Die Tangentialspannung ist am Innenrand maximal und nimmt nach aussen ab; sie ist die Spannung, die die Nabe zum Aufreissen bringt. Die Radialspannung ist am Innenrand gleich p-p (Druck) und am Aussenrand null (freie Oberfläche). Aus dieser Verteilung folgt: beim Werkstoff-Limit prüft man σt,max\sigma_{t,\max} gegen ReR_e (Stahl) bzw. RmR_m (Gusseisen). Das ist die mechanische Begründung, warum pmaxp_{\max} überhaupt eine Werkstoff-Grenze hat.

Glättung G nicht vergessen. Das wirksame Übermaß UwU_w ist nur die rechnerische Differenz aus Welle und Bohrung ohne Rauheitseinfluss. Beim Fügen werden die Rauspitzen jedoch eingeebnet, und ein Teil des Übermasses geht dabei verloren. Diesen Verlust nennt die Vorlesung Glättung GG (siehe Kap. III.4.4). Das tatsächliche Übermaß UU in der Toleranzangabe ist deshalb U=Uw+GU = U_w + G. Wer GG vergisst, fertigt einen Pressverband, der zu locker sitzt.

Werkstoff-Limit: was begrenzt pmaxp_{\max}. Die obere Grenze der Fugenpressung wird vom schwächeren Bauteil gesetzt. Bei einer Nabe aus zähem Werkstoff (Stahl) ist das Limit das Fliessen: pmaxp_{\max} folgt aus der Streckgrenze ReR_e, abgemildert um eine Sicherheit gegen Fliessen SFS_F. Bei einer Nabe aus sprödem Werkstoff (Gusseisen) ist das Limit der Bruch: pmaxp_{\max} folgt aus der Zugfestigkeit RmR_m mit Bruchsicherheit SBS_B. Wer das Werkstoff-Limit überschreitet, sprengt die Nabe beim Fügen oder reisst sie im Betrieb auf.

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III.3.5.4 Zulässige Pressung bei zähem Werkstoff
pzul,Stahl  =  ReSFp_{\mathrm{zul,Stahl}} \;=\; \frac{R_e}{S_F}
Streckgrenze geteilt durch geforderte Sicherheit gegen Fliessen. Für Stahl ist ReR_e der relevante Werkstoffkennwert, weil zähes Material zuerst plastisch fliesst, bevor es bricht. Typisch SF=1,5S_F = 1{,}5 bis 22 je nach Anwendung.
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III.3.5.5 Zulässige Pressung bei sprödem Werkstoff
pzul,Gusseisen  =  RmSBp_{\mathrm{zul,Gusseisen}} \;=\; \frac{R_m}{S_B}
Zugfestigkeit geteilt durch geforderte Sicherheit gegen Bruch. Bei sprödem Material wie Gusseisen springt das Bauteil ohne Fliess-Vorlauf, daher ist RmR_m und nicht ReR_e der Bezugswert. Typisch SB=2S_B = 2 bis 33.
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III.3.5.6 Bauteilgrösseneinfluss
Re,m  =  KtRe,m,NR_{e,m} \;=\; K_t \cdot R_{e,m,N}
Festigkeitswerte aus dem Tabellenbuch (Re,N,Rm,NR_{e,N}, R_{m,N}) sind an Normprüfstäben mit 10mm\varnothing 10\,\text{mm} gemessen. Reale Bauteile mit grösserem Querschnitt erreichen diese Werte nicht ganz, weil die Härte zur Bauteilmitte hin abnimmt. Der technologische Größeneinflussfaktor Kt<1K_t < 1 aus dem TB-Diagramm korrigiert das.

Workflow Passungsauswahl ZPV in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Wirksames Übermaß aus Pressungsforderung
    Die Anwendung gibt vor, welche Pressung der Reibschluss minimal braucht (pminp_{\min}) und welche der Werkstoff höchstens aushält (pmaxp_{\max}). Daraus folgt das Übermaß-Fenster.
    Rechne Uw,minU_{w,\min} und Uw,maxU_{w,\max} aus.
    Uw,min=pminDFEAK,Uw,max=pmaxDFEAKU_{w,\min} = \frac{p_{\min} D_F}{E_A} K, \qquad U_{w,\max} = \frac{p_{\max} D_F}{E_A} K
  2. Schritt 2: Glättung G ermitteln
    Die Rauspitzen werden beim Fügen eingedrückt. Ohne G fällt das tatsächliche Übermaß zu klein aus.
    G=0,4(RzA+RzI)G = 0{,}4 \cdot (Rz_A + Rz_I), dann Umin=Uw,min+GU_{\min} = U_{w,\min} + G und Umax=Uw,max+GU_{\max} = U_{w,\max} + G.
  3. Schritt 3: Bohrungs-Toleranzfeld wählen
    Im System Einheitsbohrung legt man zunächst H fest und entscheidet nur über die IT-Klasse.
    Faustregel: H7\text{H}7 (oder H8\text{H}8 bei grösseren Nennmaßen). Das obere Abmaß ESES folgt aus TB 2-1, das untere ist EI=0EI = 0.
  4. Schritt 4: Wellen-Toleranzfeld bestimmen
    Damit das tatsächliche Übermaß zwischen UminU_{\min} und UmaxU_{\max} landet, muss die Welle einen passenden Bereich oberhalb ESES belegen.
    Bedingung: eiES+Uminei \ge ES + U_{\min} und esES+Umaxes \le ES + U_{\max}, ausserdem TWelle=eseiUmaxUminT_{\text{Welle}} = es - ei \le U_{\max} - U_{\min}. Aus TB 2-2 mit passendem IT-Wert die Lage suchen, die diese Ungleichungen erfüllt (typisch u, r, s, x bei Pressverbänden).
  5. Schritt 5: Ergebnis prüfen
    Vor der Endabnahme noch einmal mit den Tabellenwerten ausrechnen, dass beide Grenzen tatsächlich eingehalten sind.
    Rechne Umin=eiESU_{\min} = ei - ES und Umax=esEIU_{\max} = es - EI mit den endgültigen Abmaßen aus der Tabelle nach. Beide müssen im geforderten Fenster liegen, sonst korrigiere die Lage oder die IT-Klasse.
Formel Kernformel
Uw=pDFEAKU_w = \frac{p D_F}{E_A} K
Brücke zwischen Pressung und wirksamem Übermaß.
Formel Mit Glättung
U=Uw+GU = U_w + G
Tatsächliches Übermaß für die Toleranzangabe.
Formel Werkstoff-Limit
pmax=Re/SFp_{\max} = R_e / S_F
Stahl-Nabe. Bei Gusseisen-Nabe pmax=Rm/SBp_{\max} = R_m / S_B (sprödes Material).

III.4.1 Maßtoleranz reicht nicht: Gestalt und Lage zählen mit

Bisher haben wir nur über das Maß gesprochen: wie dick die Welle, wie weit die Bohrung. Eine Welle könnte aber im Maß perfekt H7-konform sein und trotzdem krumm oder nicht rund. Sie hat dann zwar den richtigen Durchmesser, aber sie eiert beim Drehen. Genau hier setzen die Form- und Lagetoleranzen nach DIN EN ISO 1101 an. Sie sind eine eigene Toleranzfamilie, parallel zu den Maßtoleranzen aus Kap. III.2.

Zwei Familien, zwei Normen. Maßtoleranzen (ISO 286) geben den erlaubten Bereich des Maßes an. Form- und Lagetoleranzen (ISO 1101) geben den erlaubten Bereich der Geometrie an. Beide gelten gleichzeitig: ein Werkstück muss sowohl im Maß als auch in Form und Lage innerhalb der Toleranzen liegen. Wer nur die Maßangaben prüft und Form/Lage vergisst, lässt funktional defekte Teile durch.

Familie Toleranz Was sie beschränkt
Formtoleranz Geradheit Abweichung einer Linie von der idealen Geraden
Formtoleranz Ebenheit Abweichung einer Fläche von der idealen Ebene
Formtoleranz Rundheit Abweichung eines Querschnitts von der idealen Kreislinie
Formtoleranz Zylindrizität Abweichung einer Zylinderfläche vom idealen Zylinder
Richtungstoleranz Parallelität Abweichung der Richtung gegenüber einer Bezugsachse
Richtungstoleranz Rechtwinkligkeit Senkrechtheit gegenüber einer Bezugsfläche
Ortstoleranz Position Lage eines Elements gegenüber einem Bezugssystem
Lauftoleranz Rundlauf Schlag eines drehenden Elements gegenüber einer Bezugsachse
Übersicht der Form- und Lagetoleranzen nach ISO 1101 (Auswahl).

Wann brauche ich Form/Lage? Immer dann, wenn die Funktion mehr verlangt als nur ein korrektes Maß. Eine Lagerstelle einer Welle muss rund und gerade sein, sonst eiert das Lager. Zwei Flansche müssen parallel sein, sonst leckt die Dichtung. Eine Bohrung in einem Gehäuse muss rechtwinklig zur Stirnfläche stehen, sonst verkantet die Schraube. Maßtoleranz allein kann all das nicht garantieren.

Definition ISO 1101
Norm für Form- und Lagetoleranzen, parallel zu ISO 286 (Maßtoleranzen).
Merke Maß allein reicht nicht. Form (Geradheit, Rundheit, ...) und Lage (Parallelität, Rundlauf, ...) müssen gleichzeitig eingehalten werden.

III.4.2 Gestaltabweichungen: die vier Ordnungen

Eine reale Oberfläche ist nie eine mathematisch glatte Ebene. Sie ist eine Überlagerung mehrerer Abweichungen, die unterschiedlich grob und unterschiedlich relevant sind. Die Norm ordnet diese Abweichungen in vier Ordnungen, vom Groben zum Feinen.

Ordnung Bezeichnung und Anschauung Typische Ursache
1. Formabweichung: Werkstück ist konisch oder gekrümmt statt zylindrisch Werkzeugverlauf, Spannfehler, Verspannungen
2. Welligkeit: Periodische Wellen über die ganze Länge Vibrationen der Maschine, ungleichmässiger Vorschub
3. Rillen: Periodische Riefen quer zur Bearbeitungsrichtung Vorschubspuren des Drehmeissels, Zähnigkeit des Fräsers
4. Riefen: Feine, mehr oder weniger regellose Mikrostruktur Schneidkanten-Mikrogeometrie, Werkstoffkörnung
Die vier Ordnungen der Gestaltabweichungen.

Welche Ordnung ist wofür wichtig? Für eine Passung sind die Ordnungen 3 und 4 entscheidend, denn sie sind die Rauspitzen, die beim Fügen eingeebnet werden (siehe Glättung in III.4.4). Die Ordnung 1 (Formabweichung) wird durch Form-Toleranzen wie Rundheit oder Geradheit kontrolliert. Die Ordnung 2 (Welligkeit) ist eine eigene Kennzahl, die in Spezialanwendungen (Lagerlaufflächen, Dichtflächen) separat geprüft wird.

Wann ist das einfach? Bei einer grob bearbeiteten Stahlfläche dominiert ein Effekt klar: bei einer rohgeschmiedeten Welle die Formabweichung, bei einer gedrehten Lagerstelle die Rillen (Vorschubspuren), bei einer geschliffenen Dichtfläche die Welligkeit. Die anderen Anteile sind dann vernachlässigbar.

Merke 1. Form, 2. Welligkeit, 3. Rillen, 4. Riefen. Vom Grossen zum Kleinen.
Definition Rauheit
Gestaltabweichungen 3. und 4. Ordnung zusammen. Hochfrequente Mikrostruktur.

III.4.3 Gemittelte Rautiefe Rz

Wenn du ein Tastschnittgerät über eine Oberfläche fährst und das Profil aufzeichnest, siehst du eine zackige Linie mit Höhen und Tiefen. Wie verdichtet man dieses Profil in eine einzige Zahl, die als Rauheits-Kenngröße taugt? Eine Möglichkeit ist die gemittelte Rautiefe Rz, die in der Vorlesung verwendet wird.

!!
III.4.3.1 Gemittelte Rautiefe
Rz  =  Z1+Z2+Z3+Z4+Z55Rz \;=\; \frac{Z_1 + Z_2 + Z_3 + Z_4 + Z_5}{5}
Die Messstrecke ll wird in fünf gleich lange Einzelstrecken l/5l/5 aufgeteilt. In jeder dieser Einzelstrecken misst man die Einzelrautiefe ZiZ_i (höchste Spitze minus tiefste Tal). RzRz ist das arithmetische Mittel dieser fünf Werte. Einheit: μm\mu\text{m}.

Warum nicht einfach „Spitze minus Tal“ über die ganze Strecke? Weil eine einzelne Ausreisserspitze (durch einen Span, einen Krater) den Wert komplett verfälschen würde. Die Mittelung über fünf Einzelstrecken bügelt solche Ausreisser aus und gibt eine robustere Kennzahl.

Verfahren Rz-Bereich (µm)
Läppen, Polierschleifen 0,04 bis 1,6
Honen, Rundschleifen 0,4 bis 6,3
Drehen, Fräsen (Feinbearbeitung) 1,6 bis 25
Drehen, Fräsen (Schruppen) 25 bis 250
Sandformgiessen, Gesenkschmieden 63 bis 1000
Typische Rz-Werte verschiedener Fertigungsverfahren (Auswahl, nach V06 / TB 2-12).

Lies die Tabelle so: wenn du auf der Zeichnung Rz6Rz\,6 verlangst, brauchst du mindestens Schleifen. Rz10Rz\,10 schaffst du noch mit gutem Drehen. Rz1Rz\,1 schafft nur eine Honbearbeitung. Daher hängt der Aufwand (Maschine, Zeit, Kosten) direkt am geforderten Rz-Wert.

Wann brauche ich kleines Rz? An Pressverbänden (kleine Rauspitzen heisst kleine Glättung, weniger Übermaß-Verlust), an Dichtflächen (Dichtung darf nicht durchgeschnitten werden), an Lagerlaufflächen (sonst hoher Verschleiss). Überall sonst ist eine fein bearbeitete Oberfläche meist nur teuer und ohne Funktionsgewinn.

Formel RzRz in Worten
Rz=15i=15ZiRz = \tfrac{1}{5}\textstyle\sum_{i=1}^{5} Z_i
Mittel der fünf Einzelrautiefen auf der Messstrecke.
Merke Kleines Rz = glatte Oberfläche = aufwändigeres Verfahren = höhere Kosten.

III.4.4 Glättung G und Temperatureinfluss

Zwei letzte Effekte komplettieren die Pressverband-Auslegung: die Glättung G der Oberflächen beim Fügen und der Temperatureinfluss auf alle Maße. Beide sind klein gegenüber dem Hauptübermaß, aber bei knapp ausgelegten Passungen können sie über funktioniert und steckt durch entscheiden.

Glättung G. Wenn die Welle in die Nabe gepresst wird, werden die Rauspitzen der beiden Oberflächen flachgedrückt. Aus den ursprünglichen Profil-Spitzen wird eine gemeinsame, geglättete Kontaktfläche. Dieser Prozess verbraucht einen Teil des wirksamen Übermasses. Die empirische Faustformel aus Roloff/Matek (im Skript verwendet) sagt: G ist etwa 40%40\,\% der Summe der beiden gemittelten Rautiefen.

!!
III.4.4.1 Glättung
G  =  0,4(RzA+RzI)G \;=\; 0{,}4 \,(Rz_A + Rz_I)
RzARz_A: Rautiefe der Nabe innen (Aussenteil). RzIRz_I: Rautiefe der Welle aussen (Innenteil). Die Vorfaktor 0,40{,}4 ist eine empirische Konstante.
!!!
III.4.4.2 Tatsächliches Übermaß
Umin=Uw,min+GUmax=Uw,max+G\begin{aligned} U_{\min} &= U_{w,\min} + G \\ U_{\max} &= U_{w,\max} + G \end{aligned}
Du musst pro Passung also mehr Übermaß einplanen als die Pressung allein verlangt: das wirksame Übermaß UwU_w aus der Mechanik plus die Glättung GG aus der Rauheit. Erst diese Summe ist das tatsächliche Übermaß, mit dem du in die ISO-Tabelle gehst.

Temperatureinfluss. Bei Erwärmung dehnt sich jeder Werkstoff aus, bei Abkühlung zieht er sich zusammen. Der lineare Wärmeausdehnungskoeffizient α\alpha (Einheit: 1/K1/\text{K}, typisch in 106/K10^{-6}/\text{K} angegeben) sagt dir, wie viel pro Kelvin und pro Längeneinheit. Das ist die ganze Grundlage des Querpressverbands.

!!
III.4.4.3 Wärmeausdehnung
Δl  =  αlΔT\Delta l \;=\; \alpha \cdot l \cdot \Delta T
Aluminium α23,8106/K\alpha \approx 23{,}8 \cdot 10^{-6}/\text{K}; reines Eisen α11,5106/K\alpha \approx 11{,}5 \cdot 10^{-6}/\text{K}; Gusseisen α10,5106/K\alpha \approx 10{,}5 \cdot 10^{-6}/\text{K}; Invar α1106/K\alpha \approx 1 \cdot 10^{-6}/\text{K}.

Rechnung am Beispiel. Erwärmst du einen Aluminium-Lagerring von 100mm\varnothing 100\,\text{mm} um ΔT=100K\Delta T = 100\,\text{K}, so dehnt sich der Durchmesser um Δd=23,8106/K100mm100K=238μm\Delta d = 23{,}8\cdot 10^{-6}/\text{K} \cdot 100\,\text{mm} \cdot 100\,\text{K} = 238\,\mu\text{m}. Das sind grob fünf normale Toleranzfeldbreiten in IT 7. Ein Querpressverband mit thermischem Fügen schafft also locker das nötige Übermaß, wenn man Welle und Nabe um 5050 bis 100K100\,\text{K} auseinanderzieht.

Formel Glättung
G=0,4(RzA+RzI)G = 0{,}4 (Rz_A + Rz_I)
Empirische Faustformel, gibt Übermaßverlust beim Fügen.
Formel Wärmeausdehnung
Δl=αlΔT\Delta l = \alpha \,l\, \Delta T
Grundgleichung für Querpressverband und Temperatur-Drift.
Merke Tatsächliches Übermaß = wirksames Übermaß + Glättung. Beides addieren, sonst sitzt der Pressverband locker.

III.5.1 Aufgabe 1: Abmaße aus ISO-Kurzzeichen ablesen

Aufgabenstellung (Moodle-Quiz, Frage 1). Auf der technischen Zeichnung einer Welle ist der grösste Wellenabschnitt mit Nennmaß d=40mmd = 40\,\text{mm} angegeben. Das Toleranzfeld ist d9. Bestimme das obere Abmaß und das untere Abmaß des Toleranzfelds mithilfe der Tabellen TB 2-1 (IT) und TB 2-2 (Welle).

Gegeben: Nennmaß d=40mmd = 40\,\text{mm}, Toleranzfeld d9 (Welle, weil Kleinbuchstabe).

Gesucht: oberes Abmaß eses und unteres Abmaß eiei in μm\mu\text{m}.

Lösung in 3 Schritten

  1. Schritt 1: Lage aus TB 2-2 (Wellen-Tabelle)
    Der Buchstabe ‚d‘ (klein, also Welle) gibt die Lage des Toleranzfelds. In TB 2-2 steht für Lage ‚d‘ das obere Abmaß eses direkt.
    Zeile Nennmaßbereich >30 bis 50mm> 30 \text{ bis } 50\,\text{mm}, Spalte ‚d‘: es=80μmes = -80\,\mu\text{m}.
  2. Schritt 2: Toleranzfeldbreite aus TB 2-1
    Die Zahl ‚9‘ ist der Grundtoleranzgrad. In TB 2-1 liest man die Breite TT aus.
    Zeile Nennmaßbereich >30 bis 50mm> 30 \text{ bis } 50\,\text{mm}, Spalte IT 9: T=62μmT = 62\,\mu\text{m}.
  3. Schritt 3: unteres Abmaß ausrechnen
    Bei Wellen gilt ei=esTei = es - T, weil das Toleranzfeld nach unten geht.
    ei=80μm62μm=142μmei = -80\,\mu\text{m} - 62\,\mu\text{m} = -142\,\mu\text{m}.
    es=80μm,ei=142μmes = -80\,\mu\text{m}, \qquad ei = -142\,\mu\text{m}
Merke Ergebnis: 40d9\varnothing 40\,\text{d}9 heisst es=80μmes = -80\,\mu\text{m}, ei=142μmei = -142\,\mu\text{m}, also reines Spielfeld unterhalb der Nulllinie.

III.5.2 Aufgabe 2: Passungsart bestimmen

Aufgabenstellung (Moodle-Quiz, Frage 6). Welche der folgenden Aussagen zu den Passungen 22H7/p6\varnothing 22\,\text{H}7/\text{p}6 und 22H9/p8\varnothing 22\,\text{H}9/\text{p}8 ist richtig? Bestimme für jede Paarung die Passungsart (Spiel-, Übergangs- oder Übermasspassung).

Vorgehen. Für jede Paarung muss man die zwei Toleranzfelder skizzieren (Bohrung und Welle übereinander auf derselben Nulllinie) und prüfen, ob sie sich überschneiden, getrennt sind oder eines komplett über dem anderen liegt. Tabellenwerte für d=22mmd = 22\,\text{mm} aus TB 2-3 (Bohrung) und TB 2-2 (Welle):

Toleranzfeld oberes Abmaß unteres Abmaß
H7 (Bohrung) ES=+21μmES = +21\,\mu\text{m} EI=0μmEI = 0\,\mu\text{m}
p6 (Welle) es=+35μmes = +35\,\mu\text{m} ei=+22μmei = +22\,\mu\text{m}
H9 (Bohrung) ES=+52μmES = +52\,\mu\text{m} EI=0μmEI = 0\,\mu\text{m}
p8 (Welle) es=+55μmes = +55\,\mu\text{m} ei=+22μmei = +22\,\mu\text{m}
Abmaße für d=22mmd = 22\,\text{mm}, >18 bis 30mm> 18 \text{ bis } 30\,\text{mm}.

Lösung: zwei Paarungen, zwei Skizzen

  1. Paarung 1: H7/p6
    Beide Toleranzfelder über die Nulllinie auftragen und prüfen, ob sich die Rechtecke überschneiden.
    Bohrung H7: 00 bis +21μm+21\,\mu\text{m}. Welle p6: +22+22 bis +35μm+35\,\mu\text{m}. Untere Wellengrenze ei=+22ei = +22 liegt oberhalb der oberen Bohrungsgrenze ES=+21ES = +21. Die Felder überschneiden sich nicht, die Welle ist immer dicker. Folge: Übermasspassung.
  2. Paarung 2: H9/p8
    Selbes Vorgehen, breitere Felder.
    Bohrung H9: 00 bis +52μm+52\,\mu\text{m}. Welle p8: +22+22 bis +55μm+55\,\mu\text{m}. Die Welle (untere Grenze +22+22, obere +55+55) und die Bohrung (untere 00, obere +52+52) überschneiden sich zwischen +22+22 und +52+52. Folge: Übergangspassung.
  3. Ergebnis
    Die Antwort kombiniert beide Befunde.
    H7/p6\text{H}7/\text{p}6 ist eine Übermasspassung, H9/p8\text{H}9/\text{p}8 ist eine Übergangspassung. Obwohl beide denselben Buchstaben ‚p‘ haben, wird mit grösserer IT-Klasse aus dem Übermass-Charakter ein Übergangs-Charakter.
Merke Doppelter Befund: H7/p6\text{H}7/\text{p}6 → Übermass; H9/p8\text{H}9/\text{p}8 → Übergang.

III.5.3 Aufgabe 3: Wellenfeld aus geforderten Spielgrenzen

Aufgabenstellung (Moodle-Quiz, Frage 7, leicht umformuliert). Für eine Spielpassung zwischen einer Welle und einer Nabe wurden die folgenden Kennwerte definiert: Nennmaß d=60mmd = 60\,\text{mm}, minimales Spiel Smin120μmS_{\min} \ge 120\,\mu\text{m}, maximales Spiel Smax240μmS_{\max} \le 240\,\mu\text{m}, Bohrung in H8. Welches Wellen-Toleranzfeld erfüllt die Vorgaben?

Strategie. Aus SminS_{\min} ergibt sich eine obere Schranke für das obere Wellen-Abmaß eses, aus SmaxS_{\max} eine untere Schranke für das untere Wellen-Abmaß eiei. Dazwischen sucht man in der Wellen-Tabelle ein Feld, dessen Grenzen passen.

Lösung

  1. Schritt 1: Bohrungswerte aus H8
    Wir brauchen ESES und EIEI, um die Spielformeln auszuwerten.
    Für d=60mmd = 60\,\text{mm} (Bereich >50 bis 65mm> 50 \text{ bis } 65\,\text{mm}) ist IT8=46μm\text{IT}\,8 = 46\,\mu\text{m}. Bohrung H: EI=0EI = 0, ES=+46μmES = +46\,\mu\text{m}.
  2. Schritt 2: Obere Grenze für eses
    Aus Smin=EIes120μmS_{\min} = EI - es \ge 120\,\mu\text{m} folgt esEI120=120μmes \le EI - 120 = -120\,\mu\text{m}.
    es120μmes \le -120\,\mu\text{m}. Das Wellen-Feld muss also komplett unterhalb der Nulllinie liegen und mindestens 120μm120\,\mu\text{m} darunter beginnen.
  3. Schritt 3: Untere Grenze für eiei
    Aus Smax=ESei240μmS_{\max} = ES - ei \le 240\,\mu\text{m} folgt eiES240=194μmei \ge ES - 240 = -194\,\mu\text{m}.
    ei194μmei \ge -194\,\mu\text{m}. Das Wellen-Feld darf also nicht weiter als 194μm194\,\mu\text{m} nach unten reichen.
  4. Schritt 4: passendes Feld aus TB 2-2 suchen
    Wir brauchen eine Lage mit es120es \le -120 und ei194ei \ge -194. Tabelle TB 2-2 durchgehen.
    Lage c für d=60d = 60 in IT 8: es=140μmes = -140\,\mu\text{m}, Breite T=IT8=46μmT = \text{IT}\,8 = 46\,\mu\text{m}, also ei=186μmei = -186\,\mu\text{m}. Beide Bedingungen erfüllt. Antwort: Wellen-Feld c8.
  5. Schritt 5: Probe
    Spielgrenzen mit den Endwerten nachrechnen.
    Smin=EIes=0(140)=140μm120μmS_{\min} = EI - es = 0 - (-140) = 140\,\mu\text{m} \ge 120\,\mu\text{m} ✓. Smax=ESei=46(186)=232μm240μmS_{\max} = ES - ei = 46 - (-186) = 232\,\mu\text{m} \le 240\,\mu\text{m} ✓. Passt.
    Passung: 60H8/c8\text{Passung: } \varnothing 60\,\text{H}8/\text{c}8
Formel Schrankenpaar
esEISmin,eiESSmaxes \le EI - S_{\min}, \quad ei \ge ES - S_{\max}
Reine Algebra, vor dem Tabellenblättern.
Merke Lösung: Passung 60H8/c8\varnothing 60\,\text{H}8/\text{c}8.

III.5.4 Aufgabe 4: Komplette Passungsauswahl beim ZPV

Aufgabenstellung (Übung U06.4). Das Tellerrad eines Kegelradgetriebes soll über einen zylindrischen Pressverband mit der Welle verbunden werden. Gesucht ist eine ISO-Passung, durch die die minimale Pressung pminp_{\min} sicher erreicht und die maximale Pressung pmaxp_{\max} nicht überschritten wird.

Gegeben:

Grösse Wert
Minimale Pressung pminp_{\min} 33,9N/mm233{,}9\,\text{N/mm}^2
Maximale Pressung pmaxp_{\max} 170,4N/mm2170{,}4\,\text{N/mm}^2
Fugendurchmesser DFD_F 55mm55\,\text{mm}
Außendurchmesser Nabe DAD_A 100mm100\,\text{mm}
E-Modul EI=EAE_I = E_A 210000N/mm2210\,000\,\text{N/mm}^2
Hilfsgröße KK 2,92{,}9
Rautiefe Nabe RzARz_A 16μm16\,\mu\text{m}
Rautiefe Welle RzIRz_I 10μm10\,\mu\text{m}
Eingabedaten Aufgabe 4 (Tellerrad ZPV).

Lösung in 5 Schritten (vgl. Workflow III.3.5)

  1. Schritt 1: wirksames Übermaß
    Setze pminp_{\min} und pmaxp_{\max} in die ZPV-Grundformel ein.
    Mit Uw=pDFEAKU_w = \tfrac{p\, D_F}{E_A}\, K folgt direkt:
    Uw,min=33,9552100002,9=25,7μm,Uw,max=170,4552100002,9=129,4μmU_{w,\min} = \frac{33{,}9 \cdot 55}{210\,000}\cdot 2{,}9 = 25{,}7\,\mu\text{m}, \quad U_{w,\max} = \frac{170{,}4 \cdot 55}{210\,000}\cdot 2{,}9 = 129{,}4\,\mu\text{m}
  2. Schritt 2: Glättung G
    Die Rauspitzen drücken sich beim Fügen ein, ein Teil des Übermasses geht verloren.
    G=0,4(RzA+RzI)=0,4(16+10)μm=10,4μmG = 0{,}4 \cdot (Rz_A + Rz_I) = 0{,}4 \cdot (16 + 10)\,\mu\text{m} = 10{,}4\,\mu\text{m}.
  3. Schritt 3: tatsächliches Übermaß
    Das tatsächliche Übermaß ist das wirksame plus die Glättung.
    Umin=Uw,min+G=25,7+10,4=36,1μmU_{\min} = U_{w,\min} + G = 25{,}7 + 10{,}4 = 36{,}1\,\mu\text{m} und Umax=Uw,max+G=129,4+10,4=139,8μmU_{\max} = U_{w,\max} + G = 129{,}4 + 10{,}4 = 139{,}8\,\mu\text{m}.
  4. Schritt 4: Toleranzfeld Bohrung (Wahl H8)
    Im System Einheitsbohrung wird zuerst die Bohrungslage festgelegt. H8 ist für ZPV bei mittleren Nennmaßen typisch.
    Bei DF=55mmD_F = 55\,\text{mm} (Bereich >50 bis 65> 50 \text{ bis } 65): IT8=46μm\text{IT}\,8 = 46\,\mu\text{m}. Also EI=0EI = 0, ES=+46μmES = +46\,\mu\text{m}.
  5. Schritt 5: Wellenfeld bestimmen und prüfen
    Das tatsächliche Übermaß muss zwischen 36,136{,}1 und 139,8μm139{,}8\,\mu\text{m} liegen. Daraus folgt: eiES+Umin=46+36,1=82,1μmei \ge ES + U_{\min} = 46 + 36{,}1 = 82{,}1\,\mu\text{m} und Toleranzfeldbreite TWelleUmaxUmin=139,836,1=103,7μmT_{\text{Welle}} \le U_{\max} - U_{\min} = 139{,}8 - 36{,}1 = 103{,}7\,\mu\text{m}.
    Aus TB 2-2 für DF=55mmD_F = 55\,\text{mm}, Lage u, IT 8: ei=+87μmei = +87\,\mu\text{m}, Breite T=IT8=46μmT = \text{IT}\,8 = 46\,\mu\text{m}, es=+133μmes = +133\,\mu\text{m}. Probe: Umin,ist=eiES=8746=41μm36,1U_{\min,\text{ist}} = ei - ES = 87 - 46 = 41\,\mu\text{m} \ge 36{,}1 ✓, Umax,ist=esEI=1330=133μm139,8U_{\max,\text{ist}} = es - EI = 133 - 0 = 133\,\mu\text{m} \le 139{,}8 ✓. Passt.
    Antwort: 55H8/u8\text{Antwort: } \varnothing 55\,\text{H}8/\text{u}8

Was haben wir damit gezeigt? Die Frage „welche Passung wähle ich“ wird durch eine geschlossene Kette beantwortet, in der jede Stufe einen klaren physikalischen Inhalt hat: Pressung \to wirksames Übermaß (Mechanik der Aufweitung), wirksames Übermaß plus Glättung \to tatsächliches Übermaß (Oberflächeneinfluss), tatsächliches Übermaß \to ISO-Kurzzeichen (Tabellen). Wer diese Kette von links nach rechts und von rechts nach links sicher beherrscht, kann auch andere Pressverband-Aufgaben ohne neues Schema lösen.

Formel Endergebnis
55H8/u8\varnothing 55\,\text{H}8/\text{u}8
Pressverband mit Umin,ist=41μmU_{\min,\text{ist}} = 41\,\mu\text{m}, Umax,ist=133μmU_{\max,\text{ist}} = 133\,\mu\text{m}.

Weitere Aufgaben

Die zentralen Aufgaben sind oben in Kap. III.5 inklusive Musterlösungen ausgearbeitet. Für zusätzliches Training siehe die Moodle-Serie 6 (acht Quizfragen rund um Toleranzfelder, Passungsarten und ZPV-Auswahl) sowie die vollständigen Übungsblätter U06.1 bis U06.4.

Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.

MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!
Variablen-Glossar (42 Einträge)
dd Nennmaß (Sollwert eines Durchmessers oder einer Länge auf der technischen Zeichnung) mm
DFD_F Fugendurchmesser beim zylindrischen Pressverband (gemeinsame Trennfläche zwischen Welle und Nabe) mm
DAD_A Außendurchmesser des Außenteils (Nabe) mm
DIiD_{Ii} Innendurchmesser des Innenteils bei Hohlwelle (für Vollwelle gilt DIi=0D_{Ii} = 0) mm
ESES oberes Abmaß einer Bohrung (Großbuchstaben für Innenmaß) µm
EIEI unteres Abmaß einer Bohrung µm
eses oberes Abmaß einer Welle (Kleinbuchstaben für Außenmaß) µm
eiei unteres Abmaß einer Welle µm
TT Toleranzfeldbreite (T=oberes Abmaßunteres AbmaßT = \text{oberes Abmaß} - \text{unteres Abmaß}) µm
ITIT Grundtoleranzgrad nach DIN EN ISO 286 (Zahl im ISO-Kurzzeichen, z. B. die 7 in H7) -
SminS_{\min} minimales Spiel bei einer Spielpassung µm
SmaxS_{\max} maximales Spiel bei einer Spielpassung µm
UminU_{\min} minimales tatsächliches Übermaß (nach Berücksichtigung der Glättung) µm
UmaxU_{\max} maximales tatsächliches Übermaß µm
Uw,minU_{w,\min} minimales wirksames Übermaß (theoretischer Überstand vor dem Pressen, bevor die Rauspitzen geglättet werden) µm
Uw,maxU_{w,\max} maximales wirksames Übermaß µm
GG Glättung (Verlust an Übermaß durch das Einebnen der Rauspitzen beim Einpressen) µm
RzRz gemittelte Rautiefe einer Oberfläche (Mittel aus fünf Einzelrautiefen) µm
RzARz_A gemittelte Rautiefe der Außenfläche (Nabe) µm
RzIRz_I gemittelte Rautiefe der Innenfläche (Welle) µm
pp Fugenpressung beim zylindrischen Pressverband (Flächenpressung in der Trennfläche) N/mm²
pminp_{\min} minimale geforderte Pressung (damit der Reibschluss noch hält) N/mm²
pmaxp_{\max} maximal zulässige Pressung (damit der Werkstoff nicht fliesst) N/mm²
EE Elastizitätsmodul (Steifigkeit des Werkstoffs) N/mm²
EAE_A E-Modul des Außenteils (Nabe) N/mm²
EIE_I E-Modul des Innenteils (Welle) N/mm²
KK Hilfsgröße für die Übermaß-Pressung-Beziehung (hängt von Geometrie und Werkstoff ab) -
KtK_t Technologischer Größeneinflussfaktor. Berücksichtigt, dass die an Normprüfstäben gemessenen Festigkeitswerte Re,N,Rm,NR_{e,N}, R_{m,N} bei realen Bauteilen mit grösserem Querschnitt sinken: Re,m=KtRe,m,NR_{e,m} = K_t \cdot R_{e,m,N}. Aus Diagramm TB 1-1 (Roloff/Matek). -
QAQ_A Durchmesserverhältnis Nabe (QA=DF/DAQ_A = D_F / D_A, zwischen 0 und 1) -
QIQ_I Durchmesserverhältnis Innenteil (QI=DIi/DFQ_I = D_{Ii} / D_F, QI=0Q_I = 0 bei Vollwelle) -
ReR_e Streckgrenze des Werkstoffs (Spannung, bei der die elastische Verformung endet und die plastische beginnt; auch Rp0,2R_{p0{,}2} für die 0,2-%-Dehngrenze) N/mm²
RmR_m Zugfestigkeit des Werkstoffs (maximale Spannung, die das Material vor dem Bruch erträgt) N/mm²
SBS_B Sicherheit gegen Bruch (Verhältnis Bruchfestigkeit zu vorhandener Spannung; bei sprödem Werkstoff wie Gusseisen die maßgebliche Sicherheit) -
SFS_F Sicherheit gegen Fliessen (Verhältnis Streckgrenze zu vorhandener Spannung; bei zähem Werkstoff wie Stahl die maßgebliche Sicherheit) -
ν\nu Querkontraktionszahl (Poissonzahl, dimensionslos) -
σ\sigma Normalspannung im Werkstoff N/mm²
σt\sigma_t Tangentialspannung im Pressverband (in Umfangsrichtung) N/mm²
σr\sigma_r Radialspannung im Pressverband (in Radialrichtung) N/mm²
ε\varepsilon Dehnung (ε=Δl/l\varepsilon = \Delta l / l, dimensionslos) -
α\alpha linearer Wärmeausdehnungskoeffizient 1/K
μ\mu Mittelwert einer Stichprobe (statistische Lage) mm
σStd\sigma_{\text{Std}} Standardabweichung der Fertigungs-Streuung (statistische Präzision; in dieser Page mit dem Spannungs-σ\sigma konsequent durch den Kontext zu unterscheiden) mm