“Ein Lager ist die unsichtbare Eintrittskarte für jede rotierende Bewegung: ohne es würden Räder, Wellen und Getriebe binnen Sekunden festfressen.”
— Konstruktions-Faustregel
Stell dir vor, du schiebst eine schwere Kiste über den Boden. Direkt auf dem Beton ist es mühsam, fast unmöglich. Legst du runde Holzstäbe darunter, gleitet die Kiste plötzlich leicht. Genau diesen Trick nutzt ein Wälzlager: zwischen zwei zueinander beweglichen Bauteilen liegen kleine rollende Körper, die das Gleiten durch Rollen ersetzen.
Ein Wälzlager trennt einen rotierenden Innenring (sitzt auf der Welle) von einem stehenden Aussenring (sitzt im Gehäuse) durch eine Reihe Wälzkörper (Kugeln, Rollen, Nadeln). Die Welle kann sich frei drehen, das Gehäuse hält sie auf Position, und das ganze Spiel läuft mit minimaler Reibung.
Vier Kennwerte am Lager. Auf jeder technischen Zeichnung eines Wälzlagers tauchen vier Geometrie-Grössen auf. Sie sind in der ganzen Kapitel-Notation Standard, also einmal merken und nie wieder verwechseln:
| Symbol | Bedeutung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Innendurchmesser (Bohrung) | Entspricht dem Wellendurchmesser. Geht in die Bohrungskennzahl ein. | |
| Aussendurchmesser | Gehäusebohrung muss diesen Wert passend aufnehmen. | |
| Lagerbreite | Axiale Bauraum-Anforderung. | |
| Radial- und Axialkraft | Lastfälle, die das Lager aufnimmt. Achtung: Slides nutzen mal Kleinbuchstaben (), mal Grossbuchstaben (). Identisch gemeint. |
Bevor wir die Bauformen unterscheiden, lohnt sich ein Blick ins Innere eines Wälzlagers. Schneidet man ein typisches Rillenkugellager auf, sieht man immer fünf Bauteile in dieser Reihenfolge von innen nach aussen.
| Nr. | Komponente | Funktion |
|---|---|---|
| (1) | Innenring | Sitzt fest auf der Welle, gibt die Laufbahn für die Wälzkörper innen vor. |
| (2) | Käfig | Hält die Wälzkörper auf gleichmässigen Winkelabständen, damit sie sich nicht gegenseitig berühren. |
| (3) | Dichtung | Schützt das Lager vor Schmutz und hält den Schmierstoff im Lager (nicht jedes Lager hat eine integrierte Dichtung). |
| (4) | Wälzkörper | Rollende Körper (Kugeln, Rollen, Nadeln, Tonnen, Kegel), die die Last vom Innen- zum Aussenring übertragen. |
| (5) | Aussenring | Sitzt fest im Gehäuse, gibt die Laufbahn für die Wälzkörper aussen vor. |
Fünf Wälzkörperformen. Die Wälzkörper sind die einzige mechanische Brücke zwischen Innen- und Aussenring. Innen rollen je nach Lagerbauart Kugeln, Zylinder, Nadeln, Kegel oder Tonnen. Diese Form bestimmt im Wesentlichen, wie viel Last das Lager aufnimmt und in welche Richtung.
| Form | Wo eingesetzt | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Kugel | Rillenkugellager, Schrägkugellager, Pendelkugellager | Punktkontakt mit der Laufbahn, hohe Drehzahl-Tauglichkeit |
| Zylinder | Zylinderrollenlager | Linienkontakt, hohe radiale Tragfähigkeit, aber empfindlich gegen Schiefstellung |
| Nadel | Nadellager | schlanke Zylinder (), sehr kleiner Bauraum radial |
| Kegel | Kegelrollenlager | kombinierte Radial- und Axiallast, paarweise eingebaut |
| Tonne | Pendelrollenlager, Tonnenlager | fasstförmig, erlaubt Winkelfehler zwischen Wellen-Achse und Gehäuse-Achse |
Die wichtigste Frage der Kontaktmechanik im Wälzlager ist: berührt der Wälzkörper die Laufbahn in einem Punkt oder entlang einer Linie? Daraus folgt fast alles weitere: zulässige Last, Drehzahl-Grenze, Empfindlichkeit gegen Schiefstellung.
| Wälzkörper | Laufbahn | Kontakt-Charakter |
|---|---|---|
| Kugel | ebene Fläche | Punktkontakt: kleinste Kontaktfläche, höchste Pressung pro Last |
| Kugel | rillenförmige Laufbahn | 2-Punkt-Kontakt: Standard beim Rillenkugellager |
| Kugel | gothische Laufbahn | 3- bzw. 4-Punkt-Kontakt: axial und radial gleichzeitig (Vierpunktlager) |
| Tonne | ebene Laufbahn | Linienkontakt: verzeiht Schiefstellung |
| Zylinder | ebene Fläche | Linienkontakt: höchste Radial-Tragfähigkeit, empfindlich gegen Schiefstellung |
| Nadel | ebene Fläche | Linienkontakt: wie Zylinder, aber viel länger als dick |
Die Lehre vom Wälzlager beginnt mit der Frage: welche Last soll überhaupt aufgenommen werden? Drei Kategorien decken alle gängigen Fälle ab.
| Lastfall | Druckwinkel | Typische Bauformen |
|---|---|---|
| vorwiegend radial | bis | Rillenkugellager, Zylinderrollenlager, Nadellager, Pendelkugellager, Tonnenlager |
| kombiniert radial und axial | Schrägkugellager (einreihig oder paarweise), Kegelrollenlager, Pendelrollenlager, Vierpunktlager | |
| ausschliesslich axial | Axial-Rillenkugellager, Axial-Schrägkugellager, Axial-Zylinderrollenlager, Axial-Pendelrollenlager |
Was ist der Druckwinkel ? Der Druckwinkel ist der Winkel zwischen der Drucklinie (Verbindung der Kontaktpunkte zwischen Wälzkörper und Laufbahnen) und der Radialebene des Lagers. heisst rein radial, heisst rein axial. Die Lager-Norm DIN 620 zieht die Trennlinie bei : darunter heisst es Radiallager, darüber Axiallager.
Aus dem Lagerkatalog der Hersteller liest man am Anfang eine Wand aus Buchstaben und Zahlen heraus. In der Vorlesung interessieren sieben Bauformen, weil sie in Übungsaufgaben und Klausur-Aufgaben immer wieder auftauchen.
| Bauform | Stärke (mit Druckwinkel ) | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| Rillenkugellager | günstig, hohe Drehzahl, kleine Axiallasten möglich () | Universal-Lager, Elektromotor, Getriebewelle |
| Zylinderrollenlager | höchste radiale Tragkraft, Bauarten NU / N / NJ / NUP () | Walzwerke, schwere Getriebe, Generatoren |
| Nadellager | kleinster Bauraum radial, hohe Tragkraft () | Verteilergetriebe, Pleuel, Planetenrad-Lagerung |
| Schrägkugellager | kombiniert radial + axial, paarweise einbauen () | Werkzeugmaschinen-Spindeln, Lenkungs-Lager |
| Kegelrollenlager | sehr hohe kombinierte Last, paarweise einbauen () | Auto-Radlager, Differential, Bahn-Radsätze |
| Pendelrollenlager | kompensiert Winkelfehler bis (variabler Tonnen-Druckwinkel) | lange Wellen, schlechte Fluchtung, Schiffspropeller |
| Axial-Rillenkugellager | rein axial, hohe Axiallasten () | Drehkränze, Pressen, Hubeinrichtungen |
Bezeichnungssystem (Slide 22). Jedes Lager bekommt vom Hersteller eine Kurzbezeichnung wie 6307 oder NUP2205. Das ist kein Zufall, sondern ein normiertes System aus drei Teilen.
| Ziffer | Bedeutung | Beispiel 6307 |
|---|---|---|
| 1. Stelle | Lagerart | 6 = einreihiges Rillenkugellager |
| 2. Stelle | Lagerreihe (Massreihe = Aussendurchmesser pro Bohrung) | 3 = Reihe 3 (mittel) |
| 3.+4. Stelle | Bohrungskennzahl (für : Kennzahl) | 07 |
6307.Bisher haben wir ein Lager im Blick. In einer realen Maschine sitzt eine Welle aber fast nie auf nur einem Lager. Sie wird in der Regel an zwei Stellen gestützt, und genau dieses Paar von Lagern heisst Lagerung. Die Frage, wie man die zwei Lager funktional aufeinander abstimmt, ist die eigentliche Kunst von Kapitel V.
Zwei Hauptaufgaben. Eine Lagerung muss zwei Dinge gleichzeitig leisten:
| Aufgabe | Bedeutet konkret |
|---|---|
| (1) Kräfte übertragen | Rotationsbewegung der Welle zulassen, Reibungsverluste minimieren |
| (2) Kräfte aufnehmen | ungewollte Freiheitsgrade der Welle begrenzen, Radial- und Axialkräfte ins Gehäuse ableiten |
Drei klassische Lagerungs-Konzepte. Die Vorlesung unterscheidet auf den nächsten Slides drei Grund-Anordnungen. Welche du wählst, hängt davon ab, ob Axialkräfte definiert aufgenommen werden müssen, ob die Welle sich thermisch ausdehnen darf, und welche Positionier-Genauigkeit gefordert ist.
| Konzept | Steckbrief (Axialkräfte, Längenausgleich, Positioniergenauigkeit) |
|---|---|
| Fest-Los-Lagerung | Axialkräfte definiert (am Festlager). Längenausgleich ja (am Loslager). Positioniergenauigkeit hoch. |
| Schwimmende Lagerung | Axialkräfte wechselseitig (beide Lager). Längenausgleich ja (über Axialspiel). Positioniergenauigkeit niedrig. |
| Angestellte Lagerung | Axialkräfte definiert und vorgespannt. Kein Längenausgleich. Positioniergenauigkeit sehr hoch. |
Die mit Abstand häufigste Lagerung: ein Lager wird fest ausgeführt, das andere los. Das Festlager nimmt sowohl Radial- als auch Axialkräfte in beide Richtungen auf, das Loslager nur Radialkräfte. Längenänderungen der Welle (durch Wärmeausdehnung oder Fertigungstoleranzen) gleicht das Loslager aus, indem es sich axial verschiebt.
| Lager | Aufgabe (Radialkräfte / Axialkräfte / Längenausgleich) |
|---|---|
| Festlager | Radialkräfte: ja. Axialkräfte: ja, in beide Richtungen. Längenausgleich: nein (axial fixiert). |
| Loslager | Radialkräfte: ja. Axialkräfte: nein. Längenausgleich: ja (axial frei verschiebbar). |
Wie wird ein Lager fest gemacht? Indem beide Ringe (innen und aussen) axial fixiert werden, z. B. durch Sicherungsringe, Distanzscheiben, Wellenschultern oder Wellenmuttern. So kann das Lager weder zur einen noch zur anderen Seite axial weg.
Wie wird ein Lager los gemacht? Indem ein Ring (innen oder aussen) axial frei beweglich bleibt. Entweder darf der Aussenring im Gehäusesitz wandern, oder der Innenring auf der Welle. Beim Zylinderrollenlager der Bauart NU sind Innenring und Wälzkörper sogar relativ zueinander axial verschiebbar, was das Loslager besonders elegant macht.
| Vorteile | Nachteile |
|---|---|
| Eindeutige Positionierung der Welle (Festlager). Für wechselnde Axialbelastungen geeignet. | Zusätzliche Fertigungsschritte: Nuten für Sicherungsringe, Distanzscheiben, Schultern. |
| Längenausgleich durch Loslager: keine Verspannung durch Wärmeeintrag. | Höhere Kosten als schwimmende Lagerung. |
| Statisch bestimmt: Lagerlasten eindeutig berechenbar. |
Eine günstigere Variante: beide Lager dürfen ein kleines axiales Spiel haben. Je nachdem, in welche Richtung gerade eine Axialkraft wirkt, wird entweder das eine oder das andere Lager in Kontakt mit einem axialen Anschlag gebracht. Das gerade kontaktierte Lager nimmt die Axialkraft auf, das andere kompensiert mit dem freien Spiel die Längenänderung der Welle.
| Vorteile | Nachteile |
|---|---|
| Keine zusätzlichen Fertigungsschritte: günstiger als Fest-Los. | Axialspiel: nicht geeignet für wechselnde Axiallasten (Welle wackelt zwischen den Anschlägen). |
| Längenausgleich möglich: keine Verspannung durch Wärmeeintrag. | Axialspiel: nicht geeignet bei hoher Positioniergenauigkeit (z. B. Kegelräder). |
Die dritte Variante ist konstruktiv anspruchsvoll: zwei Schrägkugellager oder zwei Kegelrollenlager werden gegeneinander verspannt, sodass beide Lager axial vorgespannt sind. Es bleibt kein Axialspiel, dafür hat die Welle eine sehr hohe Positioniergenauigkeit und kann auch hohe Axiallasten in beide Richtungen aufnehmen.
Je nachdem, wie die Drucklinien der zwei Lager im Schnittbild liegen, unterscheidet man zwei Anordnungen:
| Anordnung | Steckbrief (Drucklinien / Vorspannung / virtueller Abstand) |
|---|---|
| X-Anordnung | Drucklinien schneiden sich zwischen den Lagern. Vorspannung über die Aussenringe (Deckel oder Gewindering). Virtueller Lagerabstand kleiner als physischer. |
| O-Anordnung | Drucklinien schneiden sich ausserhalb der Lager. Vorspannung über die Innenringe (Wellenmutter). Virtueller Lagerabstand grösser als physischer. |
Wann X, wann O? Die Faustregel folgt aus der Geometrie des virtuellen Lagerabstands. Wirken die Lastkräfte zwischen den Lagern (z. B. ein Zahnrad in der Mitte einer kurzen Welle), passt die X-Anordnung gut. Wirken sie ausserhalb der Lager (z. B. ein Lüfterrad am Wellenende), passt die O-Anordnung besser, weil der grössere virtuelle Lagerabstand die Hebelarme entlastet.
| Vorteile | Nachteile |
|---|---|
| Hohe Axialkräfte in beide Richtungen aufnehmbar (Schräglager). | Definierte Vorspannung muss sichergestellt werden: höhere Kosten. |
| Sehr hohe Positioniergenauigkeit durch Verspannung. | Kein Längenausgleich: bei Wärmeausdehnung wird die Vorspannung verändert oder Lager überlastet. |
| Geometrie wählbar: kleiner (X) oder grosser (O) virtueller Lagerabstand. | Konstruktiv aufwendig: Wellenmutter, Gewindering oder Verstellscheiben nötig. |
Bevor das Lager ins Gehäuse und auf die Welle kommt, muss eine Entscheidung getroffen werden, die in Kap. III bereits gefallen ist: die Passung. Eine Passung beschreibt das Verhältnis zwischen den Abmessungen zweier zu verbindender Teile, bei einem Wälzlager also zwischen Welle und Innenring sowie zwischen Aussenring und Gehäusebohrung.
| Welle vs. Bohrung | Passung | Verbindung und Anwendung |
|---|---|---|
| Welle kleiner als Bohrung | Spielpassung (lose) | beweglich, leicht trennbar. Für Teile, die gleiten oder sich drehen müssen. |
| Welle und Bohrung etwa gleich | Übergangspassung | minimales Spiel oder leichte Pressung. Für präzise, flexible Verbindungen. |
| Welle grösser als Bohrung | Übermasspassung (Presspassung) | feste, rutschfeste Verbindung. Für permanent verbundene Teile, die Kräfte übertragen. |
Wenn man jetzt für jedes Lager zwei Passungs-Entscheidungen treffen muss (Innenring auf Welle, Aussenring im Gehäuse), wären das vier mögliche Kombinationen, viel zu viel zum Auswendiglernen. Die Vorlesung reduziert das auf zwei klare Fragen, deren Antworten direkt die Passung diktieren:
| Frage | Möglichkeiten |
|---|---|
| Welcher Ring rotiert? | Innenring oder Aussenring |
| Wirkt die Radialkraft fest in eine Richtung oder rotiert sie mit? | Lastrichtung unveränderlich oder mit der Welle umlaufend |
Punktlast und Umfangslast. Aus diesen zwei Fragen folgen direkt zwei mögliche Belastungs-Zustände pro Ring:
| Zustand | Definition | Belastung des Rings |
|---|---|---|
| Punktlast | die Last drückt immer auf dieselbe Stelle des Rings | lokal, schwankt nicht über den Umfang |
| Umfangslast | die Last drückt nacheinander auf alle Stellen des Rings | umlaufend, jede Stelle wird zyklisch belastet |
Aus den zwei Diagnose-Fragen ergeben sich genau vier mögliche Kombinationen. Für jede gibt es eine klare Passungs-Vorschrift:
| Belastungs-Szenario (Drehung + Lastrichtung) | Punktlast / Umfangslast | Passung |
|---|---|---|
| Innenring rotiert, Aussenring steht; Lastrichtung unveränderlich (z. B. Gewicht) | Umfangslast am Innenring, Punktlast am Aussenring | Innen: Übermass, Aussen: Spiel |
| Innenring steht, Aussenring rotiert; Lastrichtung unveränderlich | Punktlast am Innenring, Umfangslast am Aussenring | Innen: Spiel, Aussen: Übermass |
| Innenring steht, Aussenring rotiert; Lastrichtung rotiert mit dem Aussenring | Umfangslast am Innenring, Punktlast am Aussenring | Innen: Übermass, Aussen: Spiel |
| Innenring rotiert, Aussenring steht; Lastrichtung rotiert mit dem Innenring | Punktlast am Innenring, Umfangslast am Aussenring | Innen: Spiel, Aussen: Übermass |
Bisher die Regel: Umfangslast braucht eine Übermasspassung. Wieso eigentlich? Was würde schief gehen, wenn man dem Ring mit Umfangslast nur eine Spielpassung gibt?
Antwort: Wandern. Bei Umfangslast drückt die Last nacheinander jede Stelle des Rings nach aussen. Wenn der Ring lose sitzt (Spielpassung), wird er bei jeder Last-Spitze ein winziges Stück gegenüber dem Sitz weitergeschoben. Über viele tausend Umdrehungen wandert der Ring relativ zum Sitz. Dieses Wandern erzeugt Mikrobewegungen zwischen Ring und Sitzfläche, die wiederum Mikroverschleiss und Korrosion verursachen. Das Resultat heisst Passungsrost.
| Phänomen | Folge |
|---|---|
| Mikrobewegung Ring zu Sitz | Reibverschleiss an der Sitzfläche |
| Reibverschleiss | freigelegter Stahl korrodiert sofort |
| Korrosion an der Sitzfläche | Passungsrost (rost-braune Oxidbildung) |
| Passungsrost und Sitz-Verschleiss | noch loserer Sitz, beschleunigtes Wandern |
| irgendwann | Lager verschiebt sich axial, Wälzkörper laufen schief, Totalausfall |
Bis hier ging es um Qualitatives: welche Lagerart, welches Lagerungskonzept, welche Passung. Jetzt kommt der quantitative Teil: wie gross muss das Lager sein, damit es lange genug hält? Die Vorlesung beginnt mit einer einzigen, wohltuend simplen Grundgleichung.
Lies die Formel als Faustregel. heisst, das Bauteil hält die Belastung aus, mit Reserve. ist die Grenze. heisst, das Bauteil versagt. Beim Wälzlager wird die Belastbarkeit konkret durch zwei Werte aus dem Lagerkatalog ausgedrückt: die statische Tragzahl und die dynamische Tragzahl . Welche der zwei du brauchst, hängt davon ab, ob das Lager im Stillstand oder im Lauf belastet wird.
Die Vorlesung trennt scharf zwischen ruhenden und umlaufenden Wälzlagern. Ein Lager, das nur ein paar Mal pro Stunde verschoben wird (z. B. ein Schwenkgelenk an einer Brücke), versagt anders als eines, das mit rotiert (z. B. eine Getriebewelle). Beide Fälle haben eine eigene Tragzahl und eine eigene Formel.
| Lastfall | Versagensmechanismus | Tragzahl, Belastung, Kennwert |
|---|---|---|
| (quasi-)ruhend | plastische Eindrücke der Wälzkörper in die Laufbahn | Tragzahl , Belastung , Sicherheit |
| umlaufend | Materialermüdung durch zyklische Wälzkontakte | Tragzahl , Belastung , Lebensdauer |
Die nominelle Lebensdauer ist in Umdrehungen angegeben. Für die Praxis interessanter ist meist die Lebensdauer in Stunden, . Beide hängen über die Drehzahl zusammen.
Der Exponent in ist kein Materialwert und kein Kalibrierungsfaktor, sondern ein vom Wälzkörper-Typ abhängiger Wert. Er steckt in der Hertz-Pressung: wie die maximale Pressung mit der Last skaliert, hängt davon ab, ob der Kontakt punkt- oder linienförmig ist.
| Wälzkörper-Typ | Kontakt | |
|---|---|---|
| Kugellager (Rillenkugel, Schräg, Pendel, Axial-Rillen) | Punktkontakt | |
| Rollenlager (Zylinder, Kegel, Nadel, Pendelrollen) | Linienkontakt |
verlangt eine rein radiale Belastung . Aber in der Praxis hat das Lager fast immer eine Kombination aus Radialkraft und Axialkraft . Wie wandeln wir diese Kombination in eine Ersatz-Radialbelastung um, die genauso ermüdet wie die echte Belastung?
| Belastungsverhältnis | Formel | Bemerkung |
|---|---|---|
| Axialkraft wird vernachlässigt, weil sie das Lager nicht limitiert | ||
| kombinierte Last, beide Faktoren und aus Katalog |
Wie kommt man an , , ? Die Hersteller geben Werte als Funktion eines normierten Verhältnisses an. Mit als Eingang liest man , , in der Katalogtabelle ab. Workflow: berechnen, in der Tabelle ablesen, mit vergleichen, dann oder einsetzen. V.7.2 und V.7.5 zeigen den ganzen Ablauf.
Bevor das Lager eingebaut ist, sitzen Innen- und Aussenring nicht starr zueinander, sondern haben ein winziges Spiel. Das nennt sich Lagerluft und ist die Distanz, um die man die zwei Ringe gegeneinander verschieben kann.
| Gruppe | Lagerluft | Anwendung |
|---|---|---|
| C2 | kleiner als CN | starke Wechselbelastung mit Schwenkbewegungen |
| CN | Normallage (wird in Bezeichnungen nicht angegeben) | normale Betriebsverhältnisse |
| C3 | grösser als CN | Presspassungen oder grosses Temperaturgefälle Innen-/Aussenring |
| C4, C5 | noch grösser | extreme thermische Bedingungen |
Wieso ist die Lagerluft wichtig für die Berechnung? Weil die -Tabelle bei Schräg- und Schrägkugellagern verschieden ist für CN, C3 und C4 (siehe V08 Slide 66). Eine erhöhte Lagerluft verschiebt die Drucklinie und damit auch die Aufteilung in radiale und axiale Last-Anteile.
Manchmal will man nicht eine Lebensdauer für ein bekanntes Lager berechnen, sondern umgekehrt: bei gegebener Belastung und gewünschter Lebensdauer das kleinste passende Lager finden. Dafür stellt man die Lebensdauerformel nach um:
Diese Formel ist ein riesiger Zeitgewinn. Statt für jedes Lager einzeln die Lebensdauer durchzurechnen, schätzt man einmal ab und sucht das nächstgrössere Lager im Katalog, das erfüllt. In Aufgabe V.7.5 wird das eindrücklich vorgeführt: die direkte Cerf-Methode liefert in einem Schritt das passende Lager 6309, ohne 6302, 6308 oder 6307 einzeln durchzurechnen.
Ein ungeschmiertes Wälzlager hält bei Last keine zehn Minuten. Stell dir vor, du fährst mit dem Fahrrad und das Schmierfett an den Naben ist ausgespült: nach kurzer Zeit knirscht es, dann läuft die Nabe heiss, dann frisst sie fest. Genau dieses Bild begründet den Leitsatz der ganzen Section V.5:
Reibung ist nicht gleich Reibung. Die Vorlesung trennt drei Hauptarten je nach Bewegungsform: Gleiten (eine Fläche schiebt sich über eine andere), Rollen (ein Körper rollt auf einer Fläche ab) und Bohren (Drehung an einem Punktkontakt). In der Realität tritt oft eine Mischung auf: Wälzlager mit etwas Schlupf, Zahnräder mit Wälz- und Gleitanteil.
| Zustand | Was passiert mechanisch | |
|---|---|---|
| Festkörper-/Grenzreibung | unmittelbarer Kontakt der Reibpartner, kein Schmierfilm | |
| Mischreibung | teilweise Festkörper, teilweise Flüssigkeitsreibung | |
| Flüssigkeitsreibung | Reibpartner durch lückenlosen Flüssigkeitsfilm getrennt |
Stribeck-Kurve. Diese drei Zustände sind nicht zufällig, sondern hängen kontinuierlich von einer einzigen Variable ab: dem Produkt aus Geschwindigkeit, Viskosität und einer normierten Last. Die Kurve über dieser Variable heisst Stribeck-Kurve.
Für die Praxis hat die Vorlesung eine Tabelle mit typischen Reibungszahlen je nach Reibungsart, Schmierung und Materialpaarung. Sie ist für überschlägige Reibverlust-Rechnungen direkt brauchbar.
| Reibungsart | Zustand / Paarung | |
|---|---|---|
| Gleitreibung | Festkörperreibung (Metall) | |
| Gleitreibung | Grenzreibung | |
| Gleitreibung | Mischreibung | |
| Gleitreibung | Flüssigkeitsreibung | |
| Gleitreibung | Gasreibung | |
| Rollreibung | Fettschmierung | |
| Rollreibung | trocken | |
| Wälzpaarung (Reibräder Stahl/Stahl) | trocken | |
| Wälzpaarung (Reibräder Gummi/Stahl) | trocken | |
| Wälzpaarung (Zahnräder, geschmiert) | Mischreibung |
Wenn man Öl als Schmierstoff wählt, gibt es drei Standard-Verfahren, wie das Öl zum Lager kommt. Sie unterscheiden sich in Aufwand und in der Qualität der Ölversorgung.
| Verfahren | Funktionsweise | + / − |
|---|---|---|
| Ölbad (Tauch/Sumpf) | Lager taucht teilweise in ein Ölbad, nimmt pro Umdrehung Öl mit | + kostengünstig, robust. − unsichere Ölzufuhr, Planschverluste. |
| Ölumlauf (Ölspritz) | Öl wird an eine erhöhte Stelle gepumpt, fliesst die Bauteile herab | + verbesserte Zufuhr, Kühlung, Filterung. − Pumpensystem, Wartungsaufwand. |
| Öleinspritz | Öl wird mit hohem Druck durch Kanäle direkt in den Reibkontakt gefördert | + ideale Zufuhr, Kühlung, Filterung. − Pumpe und Bauteile mit Ölkanälen nötig. |
Schmierfett ist kein zähes Öl, sondern eine Mischung aus zwei Komponenten: Grundöl als eigentlicher Schmierstoff, Eindicker (meist Seifen) als Träger, der das Öl in einer schwammartigen Struktur speichert, plus Additive. Bei Belastung wird das Öl aus dem Eindicker freigesetzt, im Kontakt verbraucht, danach im Eindicker neu gebunden.
Plus: sehr geringer konstruktiver Aufwand (kein Pumpensystem), eingebaute Dichtwirkung (Fett dichtet sich selbst), Lebensdauerschmierung möglich. Minus: keine Wärmeabfuhr durch den Schmierstoff, kein Ausspülen von Verschleiss- und Schmutzpartikeln, begrenzter Temperaturbereich (Fett kann abtropfen), Alterung über die Zeit.
Ein Lager braucht Schmierstoff. Damit der Schmierstoff im Lager bleibt und Schmutz draussen, braucht es Dichtungen. Die Vorlesung sortiert sie in einen sauberen Entscheidungsbaum.
| Anwendungsfall | Familie | Beispiele |
|---|---|---|
| Statisch (keine Relativbewegung) | Statische Dichtungen | Flachdichtung, O-Ring |
| Dynamisch, ohne Berührung | Berührungslose Dichtungen | Spaltdichtung, Labyrinthdichtung, Deckscheibe (Z) |
| Dynamisch, mit Berührung | Berührende Dichtungen | Radialwellendichtring, Nilos-Ring, Dichtscheibe (RS) |
Bei Gehäusedeckeln oder Flanschverbindungen bewegt sich nichts. Ein elastisches Bauteil zwischen den zwei Flächen reicht, um Öl und Schmutz zu blockieren.
| Dichtung | Aufbau | Funktionsweise |
|---|---|---|
| Flachdichtung | flache Scheibe aus Papier, Gummi, Teflon, Kupfer oder Aramidfasern | zwischen die zu dichtenden Flächen eingelegt, durch Verschraubung gepresst |
| O-Ring | ringförmige Schnur aus Elastomer, im Querschnitt rund | in eine Nut eingelegt, dichtet beim Zusammendrücken radial oder axial |
Kraftfluss in der Flanschverbindung (V08 Slide 99). Bei einer Flachdichtung an einer Flanschverbindung gibt es zwei Konstruktions-Varianten, wie die Klemmkraft die Dichtung erreicht.
| Variante | Eigenschaft | Toleranzen |
|---|---|---|
| Kraftfluss durch Dichtung | Reibschluss zwischen Dichtung und Flansch | grob möglich, günstig |
| Kraftfluss neben Dichtung | Reibschluss zwischen Flansch und Flansch (eindeutig) | enge Toleranzen nötig, teurer |
Wenn eine Welle aus einem Gehäuse herausschaut und sich drin Öl oder Fett befindet, muss die Welle zwar drehen können, aber das Schmiermittel darf nicht austreten. Die mit Abstand meistverwendete Lösung dafür heisst Radialwellendichtring (manchmal auch „Simmerring“ nach dem Hersteller).
| Komponente | Funktion |
|---|---|
| Gehäuse-Aussenring (Metall oder Elastomer) | wird in die Bohrung gepresst, steht still |
| Dichtlippe (Elastomer) | umlaufend, schleift auf der Welle mit leichtem Druck |
| Schlauchfeder (Stahl) | ringförmige Feder, drückt die Dichtlippe gleichmässig an die Welle |
Bei Druckunterschied (V08 Slide 116). Die Dichtlippe ist nur in einer Richtung optimal: die offene Seite des Dichtrings muss zum Hochdruck-Bereich zeigen, dann verstärkt der Druck die Dichtwirkung. Falsch eingebaut (offene Seite zum Niederdruck), drückt der Hochdruck die Lippe weg und das Öl tritt aus.
Bei sehr hohen Drehzahlen wird die Reibung am Radialwellendichtring zum Problem: die Dichtlippe erzeugt Wärme, verschleisst die Welle, frisst irgendwann fest. Für solche Anwendungen gibt es zwei berührungslose Alternativen.
| Dichtung | Funktionsweise | Eignet sich gegen |
|---|---|---|
| Spaltdichtung | enger Spalt zwischen Welle und Gehäuse, oft mit schraubenförmigen Fangrillen | Schmutz, Staub, bei horizontaler Welle und gleichbleibender Drehrichtung auch gegen Öl |
| Labyrinthdichtung | mehrfach abgewinkelte Spalte (axial-radial wechselnd) | Schmutz, Wasser, bei sehr hohen Drehzahlen auch gegen Öl ohne festen Pegel |
Viele Wälzlager kommen schon mit eingebauter Dichtung aus dem Werk. Im Lager-Namen erkennt man das am Suffix: 2Z heisst Deckscheiben (berührungslos), 2RS heisst Dichtscheiben (berührend).
| Nachsetzzeichen | Typ | Funktion |
|---|---|---|
| Z | Deckscheibe (Blech) | berührungslos, hält Fett innen, schützt vor groben Verunreinigungen |
| RS / 2RS | Dichtscheibe (Elastomer) | berührend, bessere Abdichtung gegen Wasser und Staub, etwas mehr Reibung |
Nilos-Ringe (V08 Slide 121). Bei fettgeschmierten Lagern ohne integrierte Dichtung gibt es zusätzlich Nilos-Ringe: federnde Dichtbleche, die axial über die Stirnfläche des Innen- oder Aussenrings eingespannt werden. Sie verhindern, dass das Fett aus dem Lager wandert, und schützen gleichzeitig vor Staub.
Gegeben. Rillenkugellager 6307 mit Innendurchmesser , Aussendurchmesser , Breite , dynamische Tragzahl , statische Tragzahl . Belastung: und .
Gesucht. (a) Statisch äquivalente Lagerbelastung . (b) Statische Tragsicherheit bei .
Gegeben. Rillenkugellager 6307 wie oben, jetzt mit und . Faktoren , .
Gesucht. Dynamisch äquivalente Lagerbelastung .
Gegeben. Rillenkugellager 6307 mit , Drehzahl , dynamisch äquivalente Belastung .
Gesucht. Nominelle Lebensdauer in Stunden.
Gegeben. Zylinderrollenlager NUP2205 mit , , , , , , , . Belastung und , Drehzahl .
Gesucht. Nominelle Lebensdauer . Hinweis: NUP2205 nimmt im Gegensatz zur reinen NU-Bauart Axialkräfte auf.
Gegeben. Lagerung der Welle eines Universalgetriebes. Drehzahl , vorgesehen ist ein Rillenkugellager der Reihe 63, Belastung , . Gefordert: nominelle Lebensdauer .
Gesucht. Das kleinste Lager der Reihe 63, das die Lebensdauer erfüllt. Diese Aufgabe ist die Krönung des ganzen Kapitels: sie kombiniert äquivalente Belastung, Cerf-Methode und Iteration.
Gegeben. Eine Welle mit Zahnrad-Belastung. Aus der vorhergehenden Moodle-Aufgabe wurde die Lagerkraft am Lager B als bestimmt (Axialkraft ). Drehzahl , gefordert , Rillenkugellager mit .
Gesucht. (a) Erforderliche dynamische Tragzahl . (b) Passendes Lager aus der Reihe 60..., 62..., 63... mit (Vorgabe der Aufgabe).
Gegeben. Lagerung einer Welle mit , Radialkraft , Drehzahl , geforderte Lebensdauer . Drei Bauformen stehen zur Wahl: Rillenkugellager DIN 625, Zylinderrollenlager DIN 5412 Bauart NU, Pendelkugellager DIN 630. Axialkraft vernachlässigbar (also ).
Gesucht. (a) Geeignete Lager aller drei Bauformen auswählen. (b) Welche Bauform braucht den kleinsten Einbauraum? (c) Welche ist am preiswertesten?
| Bauform (Lager) | Kennwerte (, ) | Stärke |
|---|---|---|
| Rillenkugellager (6210) | , mm | preiswert, hohe Drehzahl |
| Pendelkugellager (1310) | , mm | verzeiht Schiefstellung |
| Zylinderrollenlager NU (NU 1010) | , mm | kleinster Bauraum |
Sieben Aufgaben aus Übungsblatt U08 und Moodle-Serie 8. Sie decken die Berechnungs-Werkzeuge aus V.4 ab: statische und dynamische äquivalente Belastung, Lebensdauer in Stunden, Lebensdauerexponent und die -Methode zur direkten Lagerauswahl.
Die Aufgaben für dieses Kapitel werden in einer zukünftigen Version ergänzt.