Beim Belasten eines Bauteils entstehen im Inneren Kräfte und Momente, die der äußeren Belastung das Gleichgewicht halten. Diese inneren Reaktionen werden als Beanspruchungen bezeichnet. Sie sind die Ursache dafür, dass sich ein Bauteil verformt, ermüdet oder bricht.
Beanspruchung ist nicht dasselbe wie die externe Last. Eine Schraube und ein Seil, die jeweils mit einer Kraft von 100 N belastet werden, können völlig unterschiedlich beansprucht werden: Die Schraube erfährt je nach Einbausituation beispielsweise Schub und Biegung, das Seil hingegen wird rein auf Zug beansprucht. Die externe Last beschreibt lediglich die äußere Einwirkung; die Beanspruchung beschreibt, wie das Bauteil intern darauf reagiert.
Mechanik II beginnt also mit der Frage: Wie sieht bei einer gegebenen externen Belastung die Beanspruchungsverteilung im Inneren aus? Daraus folgt im nächsten Schritt das Konzept der Spannung als lokale Beanspruchungsintensität (Kraft pro Fläche).
DefinitionBeanspruchung
Innere Kräfte und Momente in einem Bauteil als Reaktion auf externe Belastung.
MerkeBelastung vs. Beanspruchung
Belastung ist extern (was angreift), Beanspruchung ist intern (was im Material wirkt). Erste sagt was kommt, zweite wie es das Bauteil trifft.
1.2 Die fünf Grundtypen
Eine externe Belastung kann auf ein Bauteil auf fünf grundverschiedene Arten wirken. Jede Art führt zu einer charakteristischen Verformung und einer charakteristischen Spannungsverteilung. In der Praxis treten oft Kombinationen auf, aber das Verständnis der Grundtypen ist die Basis.
Zug dehnt den Stab in Längsrichtung, Druck staucht ihn. Beides sind axiale Beanspruchungen, der Stab bleibt gerade. Im Spannungsbild führt Zug zu positiver Normalspannung σ>0, Druck zu negativer Normalspannung σ<0.
Schub verschiebt zwei benachbarte Materialschichten parallel zueinander. Typisch bei Bolzen, Schrauben und Klebeverbindungen. Der Stab schert ab, sobald die Schubspannung τ zu gross wird.
Biegung krümmt den Stab quer zur Längsrichtung, Torsion verdreht ihn um die Längsachse. Diese beiden treten bei Trägern, Wellen und Rohren auf und werden in den späteren Kapiteln (6 bis 10) ausführlich behandelt. Hier reicht der Blick auf das Gesamtbild.
DefinitionZug und Druck
Axiale Beanspruchungen: Zug zieht den Stab auseinander (σ>0), Druck staucht ihn (σ<0).
DefinitionBiegung und Torsion
Biegung: Querkrümmung durch ein Moment M. Torsion: Verdrillung um die Längsachse durch ein Moment T.
MerkeKombinationen sind die Regel
Reine Beanspruchungstypen sind didaktische Idealfälle. Reale Bauteile erleben fast immer Überlagerungen.
1.3 Von der Beanspruchung zur Spannung
Bislang haben wir von Kräften und Momenten gesprochen, die im Bauteil wirken. Aber eine Kraft an einem Bauteil ist nicht das Gleiche wie eine Kraft an einem starren Massepunkt. Eine 1000 N-Last über eine 1 cm²-Fläche aufgebracht ist viel kritischer als die gleiche Last über 100 cm². Das Material spürt nicht die Kraft, sondern die Kraft pro Fläche.
Genau das ist die zentrale Idee von Spannung: σ=F/A. Spannung ist die räumliche Dichte der inneren Kräfte. Sie ist eine lokale Grösse, definiert in jedem Punkt des Bauteils, und eine richtungsabhängige Grösse: an einem festen Punkt ist die Spannung anders, je nachdem in welche Richtung man durchschneidet. Das ist der Hauptunterschied zu Druck im Sinne der Hydrostatik (skalar, isotrop).
Die Richtungsabhängigkeit ist der Grund, warum wir in Kapitel 2 den Spannungstensor brauchen. Hier in Kapitel 1 reicht uns zunächst die einfache Formel σ=F/A für gleichmässig verteilte Spannungen. In Abschnitt 3 lernen wir die formale Definition über den Spannungsvektor.
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σ=AF
Mittlere Normalspannung bei gleichmässiger Verteilung. F ist die senkrecht zur Schnittfläche wirkende Kraft, A die Schnittfläche.
DefinitionSpannung
Kraft pro Flächeneinheit. Einheit: [σ]=N/mm2=MPa.
MerkeLokal und richtungsabhängig
Zwei Eigenschaften, die in Kap. 2 zur Tensor-Definition führen: ein Wert pro Punkt UND pro Schnittrichtung.
Wie kommt man von der externen Belastung zur Spannungsverteilung im Inneren? Über das Schnittprinzip: man denkt sich das Bauteil entlang einer beliebigen Ebene durchtrennt und betrachtet die zwei Hälften separat. Die innere Spannung wird dabei zur äusseren Belastung an der Schnittfläche und macht sich sichtbar.
Das Vorgehen läuft in drei Schritten: erstens einen passenden Schnitt wählen (oft senkrecht zur Längsachse). Zweitens das Gleichgewicht der einen Hälfte aufstellen, mit der unbekannten Schnittkraft als Innen-Last. Drittens die Schnittkraft auflösen und über die Schnittfläche zu einer Spannungsverteilung umrechnen.
Das funktioniert auf jedem Niveau: vom Gesamt-Bauteil bis zum infinitesimalen Volumenelement. In Kap. 2 werden wir das Schnittprinzip auf einen würfelförmigen Mikrokörper anwenden, um die Tensor-Komponenten herzuleiten.
DefinitionSchnittprinzip
Gedanklicher Schnitt durch ein Bauteil; innere Kräfte werden zu äusseren Schnittkräften der jeweiligen Hälfte.
MerkeDrei Schritte
Schnitt wählen, Gleichgewicht der Hälfte aufstellen, Spannungsverteilung über die Schnittfläche bestimmen.
2.2 Innere Kräfte am Schnitt
An der Schnittfläche treten in beiden Hälften gleich grosse, entgegengesetzt gerichtete Kräfte auf. Das ist Newtons drittes Gesetz auf Material-Ebene: was die linke Hälfte auf die rechte ausübt, übt die rechte umgekehrt auf die linke aus. Im Gleichgewicht heben sich diese Schnittkräfte mit den externen Belastungen pro Hälfte auf.
Konkret kann man für jede Hälfte die resultierende Schnittkraft (Vektor) und das resultierende Schnittmoment (Vektor) bestimmen. Diese hängen sowohl vom Schnitt-Ort als auch vom Schnitt-Winkel ab. In einem Stab unter Axialzug ist die Schnittkraft an jedem Querschnitt gleich; bei einem Träger unter einer linienverteilten Last variiert sie mit der Position.
Die Aufteilung der Schnittkraft auf eine Spannungsverteilung über die Schnittfläche ist im Allgemeinen nicht trivial. Im einfachsten Fall (gleichmässige Verteilung) ist σ=F/A. Bei komplexen Querschnitten (etwa Biegung) ist die Verteilung über die Fläche linear oder nichtlinear, was wir in Kap. 6 behandeln werden.
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FSchnitt=∫As(X,n)dA
Resultierende Schnittkraft als Integral der Spannungsverteilung über die Schnittfläche A. s ist der Spannungsvektor (Section 3), X die Position, n die Schnittflächennormale.
DefinitionSchnittkraft, Schnittmoment
Resultierende der Spannungsverteilung an einer Schnittfläche, in Vektor-Form.
MerkeNewton 3 lokal
Schnittkräfte beider Hälften sind betragsgleich und entgegengesetzt. Folgt direkt aus dem dritten Gesetz.
2.3 Spannungsdichte als Grenzwert
Aus der Schnittkraft pro Fläche wird durch einen Grenzprozess die Spannung in einem Punkt. Verkleinert man die Schnittfläche ΔA um einen Punkt X herum auf null, und teilt die zugehörige Teil-Schnittkraft ΔF durch ΔA, so erhält man im Limes den Spannungsvektor.
Der Vektor n ist die Schnittflächennormale und macht klar, dass das Resultat nicht nur vom Punkt X, sondern auch von der Wahl der Schnittebene abhängt. Hält man X fest und variiert n, hat man einen ganzen Schwarm von Spannungsvektoren, alle dem gleichen Punkt zugeordnet.
Diese doppelte Abhängigkeit von Position und Schnitt-Richtung ist die zentrale Tatsache, die in Kapitel 2 zur Tensor-Definition führt. Der Spannungstensor codiert die ganze Familie von s(n)-Werten am gleichen Punkt X in einem mathematischen Objekt.
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s(X,n)=ΔA→0limΔAΔF
Spannungsvektor als Grenzwert. X Position des Punktes, n Normalen-Einheitsvektor der Schnittfläche, ΔF Teil-Schnittkraft auf der Teilfläche ΔA um X.
DefinitionSpannungsvektor
Limes der Schnittkraft pro Fläche im Punkt X bei Schnittnormale n.
Notations(X,n)
Zwei Argumente: erst Position X, dann Schnittnormale n. An festem Punkt verändert sich s mit der Wahl von n.
Aus dem Grenzprozess in 2.3 folgt die formale Definition: der Spannungsvektors ist eine Funktion von zwei Argumenten. Erstens der Position X im Bauteil. Zweitens der Schnittflächennormale n am Punkt X. Verändert man eines der beiden Argumente, ändert sich s im Allgemeinen.
Vorzeichenkonvention für n: per Konvention zeigt n aus der betrachteten Hälfte heraus. Wechselt man die Hälfte, kippt n um, und mit ihm s (Newton 3, beide Hälften haben entgegengesetzte Spannungsvektoren am gleichen Punkt).
Da s ein Vektor ist, hat er drei Komponenten in einem (x,y,z)-Koordinatensystem. Praktisch zerlegt man ihn aber lieber in Komponenten bezüglich der Schnittfläche: einen Anteil parallel zu n (Normalspannung) und einen Anteil senkrecht dazu (Schubspannung). Das ist der Inhalt des nächsten Abschnitts.
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s=s(X,n)
Spannungsvektor am Punkt X bei Schnittnormale n. Beide Argumente sind nötig; der Wert ändert sich mit jedem von beiden.
MerkeZwei Argumente s hängt vom Punkt UND von der Schnittrichtung ab. Beides muss in jeder Aufgabe angegeben sein.
PrüfungstippKonvention für n
Normalenvektor zeigt immer aus der betrachteten Hälfte heraus.
NotationSpannungsvektor-Varianten
Hier: s. Andere Texte: s (fett ohne Pfeil) oder T(n) (Cauchy-Notation als Traktionsvektor zur Normalen n). Inhaltlich identisch.
3.2 Normal- und Schubspannung
Sei n die Schnittflächennormale (Einheitsvektor) und t ein Tangentenvektor in der Schnittebene (ebenfalls Einheitsvektor). Der Spannungsvektor lässt sich eindeutig zerlegen in einen Normalanteil und einen Schubanteil.
Die Normalspannungσn ist die Komponente von s entlang n, die Schubspannungτn ist die Komponente in der Schnittebene. Damit gilt s=σnn+τnt.
Die Beträge folgen aus dem Skalarprodukt: σn=s⋅n, und τn2=∣s∣2−σn2 über den Pythagoras (weil n⊥t). Das ist die Standard-Zerlegung, die in praktisch jeder Spannungs-Aufgabe auftaucht.
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s=σnn+τnt
Eindeutige Zerlegung des Spannungsvektors in Normal- und Schubanteil. n Schnittnormale, t Tangenten-Einheitsvektor in der Schnittebene.
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σn=s⋅n
Normalspannung als Skalarprodukt des Spannungsvektors mit der Schnittnormale.
Schubspannungs-Betrag aus Pythagoras: ∣s∣2=σn2+τn2, da n⊥t.
DefinitionNormalspannung σn
Komponente von s in Richtung n (senkrecht zur Schnittfläche).
DefinitionSchubspannung τn
Komponente von s in der Schnittebene (parallel zur Schnittfläche).
FormelPythagoras
∣s∣2=σn2+τn2
Folgt aus n⊥t und der eindeutigen Zerlegung.
3.3 Vorzeichenkonvention und Einheiten
Vorzeichen. Normalspannung ist positiv bei Zug, negativ bei Druck. Das folgt aus der Konvention, dass n aus der betrachteten Hälfte herauszeigt. Wenn s in die gleiche Richtung zeigt wie n, zieht das Material; σn>0. Wenn s in die Gegenrichtung zeigt, drückt es; σn<0. Schubspannung wird wie oben gesagt per Konvention nicht-negativ gerechnet, das Vorzeichen liegt in der Wahl von t.
Einheit. Spannung wird in Pascal Pa=N/m2 gemessen. Im Mechanik-Kontext ist Pascal viel zu klein; die Standard-Einheit ist Megapascal MPa=N/mm2. Stahl hat z. B. eine Streckgrenze um 300MPa, Beton-Druckfestigkeit liegt um 30MPa.
Konsistente Notation. Wir verwenden in allen Mechanik-Kapiteln durchgehend die Notation aus der Vorlesung: Spannung σ, Schubspannung τ, Spannungsvektor s=s(X,n), Spannungstensor T. Wer parallel mit Lehrbüchern arbeitet, sollte beachten, dass dort manchmal T oder Σ statt T steht.
MerkeVorzeichenregel
Zug positiv, Druck negativ. Folgt aus der Konvention, dass n aus der Hälfte herauszeigt.
FormelEinheit
1MPa=1N/mm2=106Pa
Standard-Einheit der Spannung im Maschinenbau und der Statik.
NotationTensor-Doppelstrich T unterscheidet den Tensor (zwei Indizes) von Skalar oder Vektor.
NotationVorzeichen-Konventionen
Hier: Zug positiv (σ>0), Druck negativ (σ<0), n aus der betrachteten Hälfte herauszeigend. Geomechanik dreht oft um (Druck positiv, weil Boden hauptsächlich auf Druck steht). Beim Lehrbuch-Wechsel prüfen.
3.4 Vorblick: der Spannungstensor
Aus dem nächsten Abschnitt (Beispiel 4.3, schräger Schnitt) wird sich zeigen, dass am gleichen Punkt unter gleicher Last verschiedene Schnittwinkel verschiedene Spannungsvektoren s(n) liefern. Die ganze Familie dieser Vektoren am gleichen Punkt lässt sich elegant in einem mathematischen Objekt codieren: dem SpannungstensorT.
Formal ist T eine 3×3-Matrix mit sechs unabhängigen Komponenten: drei Normalspannungen auf der Diagonale (σx,σy,σz) und drei Schubspannungen ausserhalb (τxy,τxz,τyz). Den Spannungsvektor zu einer beliebigen Schnittnormalen n erhält man durch das Matrix-Vektor-Produkt s=T⋅n. Damit ist die Richtungsabhängigkeit aus Beispiel 4.3 mathematisch erledigt: ein einziger Tensor codiert alle möglichen s(n) am Punkt.
Symmetrie. Aus dem Momentengleichgewicht eines infinitesimalen Würfels folgt τxy=τyx, τxz=τzx, τyz=τzy. Der Tensor ist also symmetrisch. Daher 6 unabhängige Komponenten (3 Diagonale plus 3 Off-Diagonale), nicht 9.
Gleichgewichtsbedingungen. Aus dem Kräftegleichgewicht eines infinitesimalen Volumenelements unter äusserer Volumenkraft f folgen drei partielle Differentialgleichungen. Sie verbinden die räumlichen Ableitungen der Tensor-Komponenten mit den äusseren Kräften und sind das Fundament für jede Spannungsanalyse in 3D. Volle Behandlung in Kap. 2 und 3.
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Spannungstensor
Txyz=σxτxyτxzτxyσyτyzτxzτyzσz
Diagonale: Normalspannungen. Off-Diagonal: Schubspannungen. Symmetrisch wegen Momentengleichgewicht: τxy=τyx, τxz=τzx, τyz=τzy.
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Spannungsvektor zu beliebigem Schnitt
s(X,n)=T(X)⋅n
Cauchy-Hauptsatz. Der Tensor am Punkt X wirkt linear auf die Schnittnormale n und liefert den Spannungsvektor.
Kräftegleichgewicht eines infinitesimalen Volumenelements unter Volumenkraft f=(fx,fy,fz)⊤. Drei partielle Differentialgleichungen.
DefinitionSpannungstensor T ist die 3×3-Matrix der 9 (wegen Symmetrie 6 unabhängigen) Spannungs-Komponenten am Punkt X.
FormelCauchy-Hauptsatz
s=T⋅n
Tensor mal Schnittnormale ergibt den Spannungsvektor. Lineare Abbildung.
MerkeSymmetrie τxy=τyx aus Momentengleichgewicht eines infinitesimalen Würfels. Daher 6 unabhängige Komponenten statt 9.
NotationTensor-Symbol
In dieser Vorlesung: T (Doppelunterstrich). In anderen Lehrbüchern: T, σ oder Σ. Index-Schreibweise: σij oder Tij. Inhaltlich identisch.
NotationSchubspannungs-Indizes τxy: erster Index = Schnittflächen-Normalrichtung, zweiter Index = Spannungs-Richtung in der Schnittebene. Manche Texte ordnen umgekehrt; durch die Symmetrie ist es egal.
Aufgabe. Ein Stab mit Querschnittsfläche A=100mm2 wird durch eine Axialkraft F=30kN auf Zug belastet. Bestimme die Normalspannung an einem Querschnitt senkrecht zur Stabachse und prüfe gegen die Streckgrenze von Baustahl (Re=235MPa).
Lösungsweg in 4 Schritten
Schritt 1: Schnitt wählen
Welcher Schnitt liefert die einfachste Spannungsverteilung? Bei einem Stab unter reiner Axiallast ist der Schnitt senkrecht zur Stabachse die natürliche Wahl. Die Spannungsverteilung über den Querschnitt ist dann gleichmässig.
Der Schnitt liegt senkrecht zur Stabachse, die Schnittfläche ist die volle Querschnittsfläche A=100mm2.
n=ex(Stabachse),A=100mm2
Schritt 2: Schnittkraft aus Gleichgewicht
Wir betrachten eine Hälfte des freigeschnittenen Stabes. An der Schnittfläche wirkt die Schnittkraft, gleich gross wie die externe Last F, in Stabrichtung.
Da die Last axial ist und der Stab unter reinem Zug steht, ist die Schnittkraft F=30kN=30000N.
FSchnitt=Fex=30000Nex
Schritt 3: Spannungsverteilung
Bei gleichmässiger Verteilung über die Querschnittsfläche ist die Spannung der einfache Quotient σ=AF. Das gilt nur, weil die Last axial und der Querschnitt konstant ist.
Einsetzen der Zahlenwerte:
σ=AF=100mm230000N=300MPa
Schritt 4: Bewertung
Die berechnete Spannung von 300MPa liegt über der Streckgrenze Re=235MPa. Bedeutet: der Stab fliesst plastisch und ist nicht sicher dimensioniert.
Sicherheitsbeiwert ν=Re/σ=235/300≈0,78<1, also Versagen.
σ>Re⇒nicht zula¨ssig
FormelResultat
σ=300MPa
Über Re=235MPa von Baustahl: Versagen.
Merkeσ=F/A
Gilt nur bei axialer Last und konstantem Querschnitt mit gleichmässiger Verteilung.
Prüfungstipp
Bewertung nicht vergessen: Spannung gegen Materialgrenze prüfen, sonst ist die Aufgabe nicht beantwortet.
4.2 Beispiel: Bolzen unter Schub
Aufgabe. Zwei Bleche werden durch einen Bolzen mit Durchmesser d=10mm verbunden. Die Bleche werden mit F=8kN gegeneinander gezogen. Bestimme die mittlere Schubspannung im Bolzen-Querschnitt und vergleiche mit der zulässigen Schubspannung von Baustahl (τzul=0,6Re≈141MPa).
Lösungsweg in 4 Schritten
Schritt 1: Schnitt durch den Bolzen
Die kritische Stelle ist der Bolzen-Querschnitt in der Spaltebene zwischen den zwei Blechen. Genau dort werden die Bleche relativ zueinander verschoben, und die Querschnittsebene des Bolzens nimmt die ganze Last als Schub auf.
Der Schnitt liegt in der Trennebene zwischen oberen und unterem Blech, senkrecht zur Bolzenachse. Schnittfläche = Bolzen-Querschnittsfläche.
A=4πd2=4π⋅(10mm)2≈78,54mm2
Schritt 2: Schubkraft aus Gleichgewicht
Das obere Blech wird mit F nach rechts gezogen, das untere mit F nach links. Das Gleichgewicht jeder Hälfte (eines der Bleche plus Bolzen-Stück) liefert eine tangentiale Kraft F in der Schnittebene.
Schubkraft V=F=8kN=8000N, parallel zu den Blechen.
V=F=8000N
Schritt 3: Mittlere Schubspannung
Bei gleichmässiger Verteilung über den Bolzen-Querschnitt ergibt sich die Schubspannung als τ=V/A. Die echte Verteilung ist parabolisch (Section 8 Schubspannung infolge Querkraft), aber für eine Sicherheitsabschätzung reicht der Mittelwert.
Einsetzen:
τ=AV=78,54mm28000N≈101,9MPa
Schritt 4: Bewertung
Die berechnete Schubspannung liegt unter τzul≈141MPa. Sicherheitsbeiwert ν=τzul/τ≈1,38. Die Verbindung hält, ist aber nur knapp im sicheren Bereich.
Für eine konservative Auslegung (ν≥2) wäre ein grösserer Bolzendurchmesser nötig, etwa d=12mm.
τ≈102MPa<τzul≈141MPa✓
FormelResultat
τ≈101,9MPa
Unter τzul≈141MPa: Verbindung hält.
MerkeSchubebene
Bei einem Bolzen die Querschnittsebene in der Trennfuge zwischen den verbundenen Teilen.
PrüfungstippMehrschnittige Bolzen
Bei zwei Schubebenen (zweischnittig) ist die effektive Fläche 2A. Schubspannung halbiert sich.
4.3 Beispiel: Schräger Schnitt durch einen Zugstab
Aufgabe. Der gleiche Zugstab wie in 4.1 (A0=100mm2, F=30kN, σ0=F/A0=300MPa). Aber jetzt der Schnitt unter Winkel α zur Querschnittsnormalen. Zeige, dass σn und τn am Schnitt von α abhängen, und bestimme den Winkel α für τn,max.
Lösungsweg in 5 Schritten
Schritt 1: Schräge Schnittfläche
Bei Schnittwinkel α ist die Schnittfläche grösser als der gerade Querschnitt. Der Faktor 1/cosα kommt aus der Geometrie: ein schräger Schnitt unter α überspannt mehr Material als ein senkrechter.
Damit ist die Spannung pro Fläche kleiner; aber die Schnittkraft wirkt jetzt nicht mehr rein normal zur Schnittfläche.
Aα=cosαA0
Schritt 2: Schnittkraft zerlegen
Die Schnittkraft F wirkt entlang der Stabachse. Bezüglich der schrägen Schnittfläche zerlegen wir sie in einen Anteil entlang der Schnittnormale n und einen Anteil tangential dazu, in der Schnittebene.
Normalanteil: Fn=Fcosα. Tangentialanteil: Ft=Fsinα. Bei α=0 wird Ft=0 (reiner Zug). Bei α=90° wird Fn=0 (Schnittebene wäre parallel zur Achse, was mechanisch keinen Stab mehr trifft).
Fn=Fcosα,Ft=Fsinα
Schritt 3: Normalspannung am schrägen Schnitt
Normalspannung ist Normalkraft pro Schnittfläche. Einsetzen von Fn und Aα liefert eine Funktion in α, die schön mit σ0 skaliert.
Bei α=0: σn=σ0 (voller Querschnitt-Wert). Bei α=90°: σn=0 (keine Normalkomponente mehr).
σn(α)=AαFn=A0/cosαFcosα=σ0cos2α
Schritt 4: Schubspannung am schrägen Schnitt
Analog zur Normalspannung, aber mit Ft als Tangentialanteil. Die doppelten Trigonometrie-Terme lassen sich mit sin(2α)=2sinαcosα kompakt schreiben.
Maximum von sin(2α) liegt bei 2α=90°, also α=45°.
τn(α)=AαFt=σ0sinαcosα=2σ0sin(2α)
Schritt 5: Maximale Schubspannung
Bei α=45° ist die Schubspannung am Schnitt maximal. Dann ist sin(2α)=1 und cos2α=1/2, also σn und τn gleich gross.
τn,max=σ0/2=150MPa bei α=45°. Gleichzeitig σn(45°)=σ0/2=150MPa.
τn,max=2σ0beiα=45°
FormelNormalspannung schräg
σn(α)=σ0cos2α
Bei α=0: voller Wert. Bei α=45°: Hälfte.
FormelSchubspannung schräg
τn(α)=2σ0sin(2α)
Maximum bei α=45° mit τn,max=σ0/2.
MerkeMaximum bei 45°
Bruchwinkel spröder Materialien unter Druck.
Drei Multiple-Choice-Aufgaben aus Übungsserie 1 und alten Klausuren. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg mit allen Zwischenschritten. Erst rechnen, dann nachsehen.
Aufgabe 1
Aus Übungsserie 1, Aufgabe H2(a). Gegeben sei ein einfach gelagerter Balken der Länge L mit Lagern A (links) und C (rechts), unter einer vertikal angreifenden Gleichstreckenlast w (Kraft pro Länge). Berechne den Verlauf der Querkraft Qy(x), mit x∈[0,L] ab dem linken Lager.
Lösungsweg
Schritt 1: Lagerkräfte aus Gesamtgleichgewicht
Bevor man schneidet, müssen die Lagerkräfte Ay und Cy bekannt sein, sonst lässt sich keine Hälfte freischneiden. Die Streckenlast hat Gesamtbetrag w⋅L und greift im Schwerpunkt der Last (also bei x=L/2) an.
Symmetrie liefert direkt Ay=Cy=wL/2. Formal: ∑Fy=0 und ∑M(A)=0.
Ay=Cy=2wL
Schritt 2: Schnitt an der Stelle x von links
Wir schneiden den Balken an der Stelle x und betrachten nur die linke Hälfte. An der Schnittstelle führen wir die Querkraft Q(x) und das Biegemoment Mz(x) als unbekannte Schnittgrössen ein. Q(x) zeigt nach unten (positive y-Richtung in der hier verwendeten Vorzeichenkonvention).
Auf der linken Hälfte wirken: Lagerkraft Ay nach oben, Streckenlast-Anteil w⋅x nach unten (der Anteil der Streckenlast über [0,x]), und an der Schnittstelle Q(x) und Mz(x).
Schritt 3: Vertikales Gleichgewicht der linken Hälfte
Das y-Gleichgewicht der linken Hälfte verbindet Ay, den abgeschnittenen Streckenlast-Anteil und die Querkraft an der Schnittstelle. Aufgelöst nach Q(x) ergibt sich der gesuchte Verlauf.
∑Fy=−Ay+wx+Q(x)=0 liefert Q(x)=Ay−wx=wL/2−wx.
Q(x)=Ay−wx=2wL−wx=w(2L−x)
Schritt 4: Plausibilitätsprüfung an den Rändern
Eine schnelle Kontrolle: die Querkraft sollte am linken Lager +Ay sein und am rechten Lager −Cy (entgegengesetzte Reaktion auf die Streckenlast). Außerdem hat sie wegen Symmetrie eine Nullstelle in der Mitte.
Q(0)=wL/2=Ay ✓, Q(L/2)=0 ✓, Q(L)=−wL/2=−Cy ✓.
Q(0)=2wL,Q(L/2)=0,Q(L)=−2wL
Schritt 5: Antwort identifizieren
Nur Antwort A entspricht der hergeleiteten Formel. B (wx) hat falsches Vorzeichen und fehlenden Lager-Term. C (w(L−x)) hat zwar richtige Stetigkeit aber falsches Vorzeichen am linken Lager. D ist quadratisch (Biegemoment-Form, nicht Querkraft). E hat das Vorzeichen umgekehrt.
Korrekte Antwort: Q(x)=w(L/2−x), also Option a.
Q(x)=w(2L−x)
Aufgabe 2
Aus Klausur FS24, Frage A1. Gegeben sei der Spannungstensor im x−y−z-Koordinatensystem {T}xyz=−101010101k mit k>0. Bestimme die Normalspannung σn, die auf eine Schnittfläche mit der Flächennormalen {n}xyz=31−1−11 wirkt.
Lösungsweg
Schritt 1: Cauchy-Hauptsatz erinnern
Die Aufgabe gibt einen Tensor und eine Normalenrichtung; die Frage ist nach der Normalspannung an der Schnittfläche. Der Cauchy-Hauptsatz liefert zunächst den vollen Spannungsvektor: s=T⋅n. Davon ist σn die Komponente in Richtung n.
Vorgehen in zwei Schritten: erst s=T⋅n, dann σn=s⋅n.
Die Normalspannung ist die Projektion von s auf n. Skalarprodukt komponentenweise: jeder s-Eintrag mal jeder zugehörige n-Eintrag, dann aufsummieren. Der gemeinsame Faktor ist 3k⋅31=3k.
Das Resultat ist negativ. Per Vorzeichenkonvention bedeutet σn<0 Druck. Die Schnittfläche mit Normalenrichtung n=(1/3)(−1,−1,1)⊤ wird also auf Druck beansprucht (mit Stärke k/3).
Numerisch: ∣σn∣=k/3. Vorzeichen negativ, also Druck.
Schritt 5: Antwort identifizieren
Vergleich mit den 8 Optionen: σn=−k/3 ist Option B. Die anderen Distraktoren entstehen aus typischen Fehlern: A und F vergessen den Faktor 1/3 einmal, C und H verlieren das Vorzeichen oder rechnen mit ∣s∣ statt s⋅n, D und G nehmen einen einzelnen Tensor-Eintrag, E ist das Resultat ohne Vorzeichen.
Korrekte Antwort: b.
σn=−3k
Aufgabe 3
Aus Klausur FS25, Frage A1. Gegeben sei der Spannungstensor im x−y−z-Koordinatensystem {T}xyz=1202−1000−1k mit k>0. Bestimme die Normalspannung σn, die auf eine Schnittfläche mit der Flächennormalen {n}xyz=21011 wirkt.
Lösungsweg
Schritt 1: Cauchy-Hauptsatz aufrufen
Wie in der vorigen Aufgabe ist die Strategie: erst s aus dem Tensor ableiten, dann auf n projizieren. Beachte: n hat Komponente null in x-Richtung, das vereinfacht die Rechnung.
Zwei Schritte: s=T⋅n, dann σn=s⋅n.
s=T⋅n,σn=s⋅n
Schritt 2: s=T⋅n ausrechnen
Matrix-Vektor-Multiplikation. Die erste Komponente von n ist null, also entfällt der erste Spalten-Beitrag jeder Tensor-Zeile. Gemeinsamer Faktor k/2 rauszieh.
Skalarprodukt der zwei Vektoren. Der gemeinsame Vorfaktor wird 2k⋅21=2k. In den Komponenten: erste 0, also nur Zeilen 2 und 3 tragen bei.
Komponentenprodukte: 2⋅0+(−1)⋅1+(−1)⋅1=0−1−1=−2.
σn=2k[2⋅0+(−1)⋅1+(−1)⋅1]=2k⋅(−2)=−k
Schritt 4: Vorzeichen interpretieren
σn=−k mit k>0 heisst σn<0, also Druckspannung. Die Schnittfläche mit Normalenrichtung n=(1/2)(0,1,1)⊤ steht im Druckzustand mit Betrag k.
Vorzeichen negativ, Betrag k, also reine Druckspannung.
Schritt 5: Antwort identifizieren
Unter den 9 Optionen ist nur Option I σn=−k korrekt. Distraktoren: A vergisst das Vorzeichen, B und H entstehen, wenn man die Faktoren 1/2 falsch sammelt. D und F mischen 2 und 3 (Verwechslung mit FS24-Aufgabe). G entsteht, wenn man Zeile 1 fälschlich wegrechnet.