1.1 Konzept: Verschiebung als Resultat von Komponenten-Verformung
Kapitel 5 hat das 1D-Hookesche Gesetz σ=Eε und die Längenänderung Δl=Nl0/(EA) eines Stabes geliefert. Kapitel 6 nutzt das, um die Verschiebung eines Punktes in einer Tragstruktur zu berechnen, wenn die Struktur aus starren und elastischen Komponenten besteht.
Klassisches Pattern. Ein starrer Balken oder Träger wird durch elastische Komponenten (Stäbe, Drähte, Pendelstützen, Federn) gehalten. Eine äussere Last erzeugt Schnittkräfte in den elastischen Komponenten. Diese verlängern oder verkürzen sich gemäss Hooke. Die geometrische Verschiebung des Lastangriffspunkts folgt aus der Verlängerung der Komponenten plus der Geometrie der Anordnung (Strahlensatz, Trigonometrie, Kleinwinkel-Näherung).
Wichtig. Die Eigenverformung des starren Teils ist null per Annahme. Wenn ein Aufgabentext sagt starrer Balken oder (EA)BC=∞ im Bereich B-C, ist die Längenänderung dieses Teils null und seine Bewegung ausschliesslich Starrkörper-Bewegung (Translation plus Rotation um einen Lagerpunkt).
DefinitionTragwerk
Struktur aus starren und elastischen Bauteilen, die Lasten in Lager weiterleitet.
MerkeStarr plus elastisch
Starres Teil bewegt sich als Starrkörper, elastisches Teil verformt sich gemäss Hooke 1D.
Schritt 3: Geometrie. Die Verlängerung jedes Stabes verschiebt einen Punkt der Struktur entlang der Stab-Richtung. Aus Strahlensatz (bei kleinen Winkeln) oder direkt aus der Skizze: in welche Richtung verschiebt sich der Lastangriffspunkt.
Schritt 4: Superposition wenn nötig. Wenn mehrere Komponenten sich gleichzeitig verformen, addieren sich ihre Wirkungen vektoriell. Bei kleinen Winkeln linearisierbar.
!!!
Hooke 1D pro Stab
Δli=EiAiNil0,i
Vorzeichen aus Schnittkraft. Zug (Ni>0): Verlängerung. Druck (Ni<0): Verkürzung.
!!
Punkt-Verschiebung aus Stab-Verlängerung (Strahlensatz)
vPunkt=sin(α)Δl
Wenn der Stab unter Winkel α gegen die Verschiebungsrichtung steht. Im Grenzfall α=90° ist die Verschiebung gleich der Verlängerung.
FormelHooke 1D
Δl=Nl0/(EA)
Längenänderung eines Stabes unter Axiallast.
MerkeVier Schritte
Statik, Hooke, Geometrie, Superposition. Standard-Pattern für Sec. 1.
1.3 Beispiel: starrer Balken auf drei Pendelstützen
Aufgabe (aus Übungsserie 6, Schnellübung S2). Ein starrer Balken A-B-C ist auf drei elastischen Pendelstützen (Elastizitätsmodul E, Querschnittsfläche A) gelagert und wird durch die Kräfte F1 und F2 belastet. Stab 1 verbindet A mit einem 45°-Bodenpunkt links unten (Länge 2l); Stab 2 verbindet A mit einem 45°-Bodenpunkt rechts unten (Länge 2l); Stab 3 verbindet B vertikal mit dem Boden (Länge l). A, B, C liegen mit Abstand l auseinander auf dem starren Balken. F1 wirkt vertikal nach unten an C, F2 horizontal nach rechts an A. Bestimme die Verschiebungen u (in x-Richtung) und v (in y-Richtung) des Punktes C.
Lösungsweg in 7 Schritten
Schritt 1: Stabkräfte aus Gleichgewicht am starren Balken
Drei Unbekannte (S1,S2,S3), drei Gleichgewichts-Bedingungen. ∑MA=0 liefert direkt S3, ∑Fx=0 und ∑Fy=0 liefern die schrägen Stabkräfte S1,S2. Stab 1 ist 45° gegen x nach links unten, Stab 2 ist 45° gegen x nach rechts unten, Stab 3 ist vertikal.
Stäbe 1, 2 sind beide um 45° geneigt und greifen am Punkt A an. Die Linearisierung der Stab-Längen für kleine Verschiebungen (uA,vA) liefert Δl1≈(uA+vA)/2 und Δl2≈(−uA+vA)/2. Differenz isoliert den horizontalen Anteil uA.
Der starre Balken liegt entlang der x-Achse. Keine horizontale Stütze fixiert ihn, also überträgt sich eine Horizontal-Verschiebung am einen Ende uniform auf den ganzen Balken (reine x-Translation, kein Drehbeitrag). Daher uC=uA.
Setze Stab 3 als starr, dann ist B fest. Aus der Summe der Linearisierungen folgt Δl1+Δl2=2vA, also vA=(Δl1+Δl2)/2 (in Last-Richtung gerechnet). Der Balken dreht um B mit gleichen Hebelarmen A-B und B-C, also überträgt sich derselbe Betrag auf C in Last-Richtung.
Vertikale Verschiebung am Punkt A, dann Übertragung auf C.
Schritt 7: Vertikaler Anteil v'' (Stäbe 1, 2 starr, nur Stab 3 verformt) und Total
Setze Stäbe 1, 2 als starr, dann ist A fest. Stab 3 ist Druckstab und staucht sich um ∣Δl3∣=2F1l/(EA), also sinkt B um diesen Betrag. Strahlensatz mit A als Drehpunkt: C liegt im Abstand 2l von A, B im Abstand l, also vC′′=2⋅∣Δl3∣. Superposition der beiden Anteile liefert den Endwert.
Vor jeder Biegungs-Berechnung steht die Schwerpunkt-Lage. Der Schwerpunkt ist der geometrische Mittelpunkt der Fläche und Bezugspunkt für Flächenträgheits-Momente und für die Biegespannung σx=−Mzy/Iz (linear in y vom Schwerpunkt aus gemessen).
Definition über Integral. In einem allgemeinen Koordinatensystem (η,ζ) mit Ursprung an einer beliebigen Stelle: ηs=A1∫AηdA, ζs=A1∫AζdA. Der Schwerpunkt ist der gewichtete Mittelwert der Koordinaten über die Fläche.
Zusammengesetzte Flächen. Wenn die Fläche aus Teilflächen Ai mit bekannten Schwerpunkten ηsi,ζsi besteht, gilt ηs=(∑ηsiAi)/(∑Ai), ζs analog. Subtraktion von Löchern: Loch-Fläche mit negativem Vorzeichen führen.
Symmetrie spart Arbeit. Wenn die Fläche eine Symmetrie-Achse hat, liegt der Schwerpunkt auf dieser Achse. Bei zwei Symmetrie-Achsen liegt er im Schnittpunkt.
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Schwerpunkt-Integral
ηs=A1∫AηdA,ζs=A1∫AζdA
Definition. Im Schwerpunkt-Koordinatensystem mit Achsen y,z verschwinden die Flächenmomente ∫ydA=∫zdA=0.
DefinitionSchwerpunkt
Geometrischer Mittelpunkt der Fläche. Bezugspunkt für Biegung.
MerkeSymmetrie auf Achsen
Schwerpunkt liegt auf jeder Symmetrie-Achse. Bei zwei Achsen: im Schnittpunkt.
PrüfungstippLoch mit minus
Bohrung als negative Teilfläche behandeln. Vorzeichen umdrehen.
2.2 Flächenträgheitsmomente
Definition. Im Schwerpunkt-Koordinatensystem mit Achsen y,z misst Iz=∫Ay2dA wie weit die Fläche in y-Richtung verteilt ist. Analog Iy=∫Az2dA. Beide haben Dimension La¨nge4.
Deviationsmoment.Cyz=−∫AyzdA misst die Asymmetrie der Fläche bezüglich der Achsen y,z. Wenn der Querschnitt eine Symmetrie-Achse hat, verschwindet Cyz.
Trägheitstensor. Die drei Werte Iy,Iz,Cyz bilden einen 2×2-Tensor analog zum Spannungstensor. Hauptachsen-Trafo, Mohr-Kreis für Flächenträgheitsmomente sind vollständig analog zur Spannungs-Theorie aus Kap. 2 und 3.
Allgemeines Koordinatensystem. Wenn die Achsen (η,ζ) nicht durch den Schwerpunkt gehen, gilt Iη=∫Aζ2dA, Iζ=∫Aη2dA. Diese sind grösser als die Schwerpunkt-Versionen wegen Steiner (Sec. 3).
!!!
Flächenträgheitsmomente um Schwerpunkt-Achsen
Iz=∫Ay2dA,Iy=∫Az2dA,Cyz=−∫AyzdA
Drei unabhängige Werte. Diagonal-Komponenten messen Längen-Verteilung pro Richtung, Off-Diagonale die Asymmetrie.
!!
Trägheitstensor in Matrix-Form
{I}yz=(IyCyzCyzIz)
Symmetrisch. Hauptachsen via Eigenwert-Problem (analog Spannungstensor).
DefinitionFlächenträgheitsmoment Iz=∫y2dA. Mass für Biege-Widerstand um die z-Achse.
DefinitionDeviationsmoment Cyz=−∫yzdA. Misst Asymmetrie. Null bei Symmetrie-Achse.
MerkeTensor wie Spannung
Symmetrische 2×2-Matrix. Mohr-Kreis und Hauptachsen analog zu Kap. 2.
Für die häufigsten Querschnitte sind die Flächenträgheitsmomente um die Schwerpunkt-Achsen tabelliert. Diese Profile decken alle Klausur-Aufgaben aus FS18 bis FS25 ab. Bei zusammengesetzten Querschnitten (etwa I-Profil, L-Profil, U-Profil) zerlege man in Rechtecke und nutze Steiner (Sec. 3). Bei Querschnitten mit Loch zieht man die Loch-Beiträge ab.
Rechteck b×h
Iz=12bh3
Iy=12hb3
Quadrat a×a
Iz=12a4
Iy=12a4
Sonderfall des Rechtecks mit b=h=a. Isotrop, Iz=Iy.
Vollkreis Radius R
Iz=4πR4
Iy=4πR4
Rotationssymmetrisch: Iz=Iy um jede Achse durch den Mittelpunkt.
Hohlkreis R aussen, r innen
Iz=4π(R4−r4)
Iy=4π(R4−r4)
Vollkreis minus Vollkreis. Bei dünner Wand (r→R) sehr biegesteif pro Materialeinsatz.
Dreieck a×h
Iz=36ah3
Iy=48ha3
Spitze nach oben, Basis a unten, Höhe h. Schwerpunkt bei 1/3 der Höhe ab Basis.
Ellipse Halbachsen a,b
Iz=4πab3
Iy=4πa3b
a horizontal (Halbachse in z), b vertikal (Halbachse in y).
B Flansch-Breite, t Flansch-Dicke, b Steg-Breite, H Gesamt-Höhe. Schwerpunkt asymmetrisch (näher am Flansch). Iy sauber via Symmetrie um y-Achse, Iz als Eigen-plus-Steiner-Summe in geschlossener Form.
Flächenträgheitsmomente um die Schwerpunkt-Achsen (z horizontal nach rechts, y vertikal nach unten). I-Profil und T-Profil werden über Steiner aus Rechteck-Teilflächen zusammengesetzt.
MerkeProfil-Tabelle als Werkzeug
Standard-Profile auswendig oder als Werkzeug griffbereit haben.
Aufgabe (aus Übungsserie 6, Hausübung H3). Bestimme das Flächenträgheitsmoment Iz des dargestellten Plus-förmigen Querschnitts (5 Quadrate Seitenlänge a, kreuzförmig angeordnet) bezüglich des Flächenmittelpunktes.
Lösungsweg in 5 Schritten
Schritt 1: Symmetrie ausnutzen
Die Plus-Form hat zwei Symmetrie-Achsen (horizontal und vertikal). Der Schwerpunkt liegt im Schnittpunkt, also im Mittelpunkt des zentralen Quadrats. Aus Symmetrie folgt zusätzlich Iy=Iz.
Schwerpunkt-Lage notieren.
ys=zs=0,Iy=Iz
Schritt 2: Aufteilung in horizontalen Streifen plus zwei Quadrat-Anhänge
Plus-Form als horizontalen 3a×a-Streifen (drei Quadrate auf einer Reihe) plus ein Quadrat a×a oberhalb plus ein Quadrat a×a unterhalb. Schwerpunkt des Streifens fällt mit Plus-Schwerpunkt zusammen (Steiner verschwindet); Schwerpunkte der Anhänge sind bei y=±a.
Streifen ist ein Rechteck mit Breite b=3a horizontal und Höhe h=a vertikal. Aus Profil-Tabelle: Iz=bh3/12 um die eigene Schwerpunkt-Achse, die hier mit der Plus-Schwerpunkt-Achse zusammenfällt (kein Steiner nötig).
Direkt aus Tabelle.
Iz,Streifen=12(3a)a3=4a4=123a4
Schritt 4: Iz jedes Quadrat-Anhangs mit Steiner
Jeder Anhang ist ein a×a-Quadrat, eigen-Iz=a4/12. Schwerpunkt-Abstand zur Plus-Achse ist ∣y∣=a. Steiner addiert A⋅Δy2=a2⋅a2=a4 pro Anhang.
Eigen-Anteil plus Steiner.
Iz,Anhang=12a4+a2⋅a2=12a4+1212a4=1213a4
Schritt 5: Summe (Streifen plus zwei Anhänge)
Beide Anhänge tragen denselben Wert (Symmetrie oben unten). Summe addieren.
Endergebnis.
Iz=123a4+2⋅1213a4=1229a4
FormelResultat
Iz=1229a4
Plus-Querschnitt aus 5 Quadraten. Iy=Iz aus Symmetrie.
MerkeAufteilung plus Steiner
Streifen ohne Steiner, Anhänge mit Steiner. Clever zerlegen.
Frage. Was ist Iη bezüglich einer Achse η, die parallel zur Schwerpunkt-Achse y verläuft, aber im Abstand ζs? Antwort: Steiner.
Anschauung. Eine Faser bei Schwerpunkt-Koordinate y hat in der parallelen Achse Koordinate y+ζs. Damit Iη=∫A(y+ζs)2dA=∫Ay2dA+2ζs∫AydA+ζs2⋅A. Der mittlere Term verschwindet, weil ∫AydA=0 per Definition des Schwerpunkts. Übrig bleibt Iη=Iy+ζs2A.
Konsequenz. Das Schwerpunkt-Trägheitsmoment ist immer das Minimum aller parallelen Achsen. Jede Verschiebung der Bezugsachse weg vom Schwerpunkt erhöht den Wert.
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Steiner für Trägheitsmomente
Iη=Iy+ζs2⋅A,Iζ=Iz+ηs2⋅A
Schwerpunkt-Wert plus Quadrat des Abstands mal Fläche. Immer additiv (das ζs2 ist nicht-negativ).
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Steiner für Deviationsmoment
Cηζ=Cyz−ηsζs⋅A
Vorzeichen-empfindlich: Produkt der beiden Verschiebungen ηs,ζs mit Faktor −1 in der Konvention C=−∫yzdA. Bei einer Verschiebung in nur einer Richtung verschwindet dieser Term.
FormelSteiner-Satz
Iη=Iy+ζs2A
Parallel-Achse plus Steiner-Anteil.
MerkeSchwerpunkt minimiert I um Schwerpunkts-Achse ist kleinster Wert.
PrüfungstippVorzeichen Devi Cηζ=Cyz−ηsζsA. Minus-Zeichen aus der Konvention.
3.2 Hauptachsen und Hauptbedingung
Hauptachsen eines Querschnitts sind die Achsen y,z, in denen Cyz=0 ist. In diesen Achsen entkoppelt sich die Biegung in zwei unabhängige Probleme (um z-Achse und um y-Achse). Eine Last in y-Richtung erzeugt nur eine Biegung um z, nicht um y.
Symmetrie-Argument. Eine Symmetrie-Achse erzwingt Cyz=0, weil die Beiträge y⋅zdA paarweise mit umgekehrten Vorzeichen vorkommen und sich aufheben.
Konsequenz für Spezielle Biegung (Kap. 6). Solange y,z Hauptachsen sind und ausschliesslich ein Biegemoment Mz um die z-Achse wirkt, gilt σx=−Mzy/Iz (linear in y, null bei der neutralen Achse y=0, dem Schwerpunkt). Wenn die Achsen keine Hauptachsen sind, gilt das nicht und man muss zuerst transformieren (Kap. 8 Schiefe Biegung).
!!!
Hauptachsen-Bedingung
Cyz=0⟺y,zsind Hauptachsen
Notwendig und hinreichend. Bei Symmetrie-Achse automatisch erfüllt.
DefinitionHauptachsen
Achsen mit Cyz=0. Biegung entkoppelt sich.
Aufgabe (aus Übungsserie 6, Hausübung H4). Die L-förmige Querschnittsfläche eines Kranträgers ist aus vier Quadraten der Seitenlänge a zusammengesetzt (drei Quadrate vertikal übereinander, ein viertes horizontal unten rechts angeschlossen). Bestimme das Flächenträgheitsmoment Iz=∫Ay2dA und Iy=∫Az2dA bezüglich des Schwerpunktes S. Die genaue Position von S ist mit Hilfe der Schwerpunkt-Berechnung (Mech I) zu bestimmen.
Lösungsweg in 5 Schritten
Schritt 1: Hilfskoordinatensystem und Aufteilung
Hilfskoordinatensystem (ξ,η) mit Ursprung in der unteren linken Ecke des L. ξ horizontal nach rechts, η vertikal nach oben. Aufteilung in zwei Rechtecke: vertikales Rechteck a×3a (Breite a horizontal, Höhe 3a vertikal, links) und horizontales Rechteck a×a (Quadrat, unten rechts).
Eigen-Iz um die eigene Schwerpunkt-Achse: bh3/12 mit b=a (horizontal) und h=3a (vertikal). Schwerpunkt-Abstand zur Gesamt-z-Achse: Δη1=ηs1−ηs=3a/2−5a/4=a/4.
Total Iz=Iz,1+Iz,2. Für Iy analog: vertikales Rechteck eigen Iy=3a⋅a3/12=a4/4, Steiner Δξ1=a/2−3a/4=−a/4, Term (a/4)2⋅3a2=3a4/16. Quadrat eigen a4/12, Steiner Δξ2=3a/2−3a/4=3a/4, Term 9a4/16. Auf gemeinsamen Nenner bringen: 48.
Beobachtung. Ein gerader Balken unter reinem Biegemoment verformt sich so, dass jeder Querschnitt eben bleibt und senkrecht zur deformierten Mittellinie. Diese Annahme heisst Bernoulli-Hypothese (oder Euler-Bernoulli-Hypothese).
Konsequenz für das Verschiebungsfeld. Wenn die Mittellinie sich um v(x) in y-Richtung verschiebt und um v′(x) verkippt, dann verschiebt sich eine Faser bei Höhe y um ux(x,y)=−yv′(x) in x-Richtung (Faserdehnung) und um uy(x)=v(x) in y-Richtung (Mitfahren mit der Mittellinie).
Vorzeichen. Das Minus-Zeichen in ux=−yv′ hat geometrische Ursache. Bei v′′>0 gilt wegen εx=−yv′′: Fasern oberhalb der neutralen Achse (y<0 bei nach unten zeigender y-Achse) werden verlängert, Fasern unterhalb (y>0) werden verkürzt. Bei v′′<0 kehren sich Zug und Druck um. Entscheidend ist also das Vorzeichen der Krümmung beziehungsweise von Mz, nicht nur die Richtung der äusseren Last.
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Bernoulli-Verschiebungsfeld
ux(x,y)=−yv′(x),uy(x,y)=v(x)
Faserdehnung in x proportional zur Höhe und zur Steigung der Biegelinie. Vertikale Verschiebung gleich der Mittellinien-Verschiebung (Querschnitt fährt mit).
DefinitionBernoulli-Hypothese
Ebene Querschnitte bleiben eben und senkrecht zur deformierten Mittellinie.
FormelVerschiebungsfeld
ux=−yv′(x)
Linear in y, mit Steigung der Biegelinie.
PrüfungstippGeometrie vor Material
Erst Bernoulli (Geometrie), dann Hooke (Material).
4.2 Verzerrung und Spannung
Verzerrung aus dem Verschiebungsfeld. Aus ux=−yv′(x) folgt durch Ableiten nach x: εx(x,y)=∂ux/∂x=−yv′′(x). Die Verzerrung ist linear in y mit Steigung −v′′.
Spannung via Hooke. Im linear-elastischen Bereich gilt σx=Eεx=−Eyv′′(x). Auch linear in y.
Wichtig.σx verschwindet bei y=0 (Schwerpunkts-Achse, neutrale Achse). Für v′′>0 gilt: oberhalb der neutralen Achse (y<0 bei nach unten zeigender y-Achse) Zug, unterhalb (y>0) Druck. Für v′′<0 gilt umgekehrt: oben Druck, unten Zug. In der Üs6-Konvention zeigt y nach unten; deshalb immer zuerst das Vorzeichen von Mz beziehungsweise v′′ bestimmen.
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Verzerrung in x-Richtung
εx(x,y)=−yv′′(x)
Linear in y. Maximum am Querschnitts-Rand. Null bei y=0 (neutrale Achse).
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Spannung via Hooke
σx(x,y)=Eεx=−Eyv′′(x)
Linear in y. Wird in Sec. 4.3 in die Form σx=−Mzy/Iz umgeschrieben.
FormelVerzerrung
εx=−yv′′(x)
Linear in der Höhe, Steigung −v′′.
MerkeNeutrale Achse beim Schwerpunkt
Bei reiner Biegung ist y=0 (Schwerpunkt) die spannungsfreie Faser.
PrüfungstippSkizze konsultieren
Vorzeichen aus Aufgabentext und Achsen-Definition.
4.3 Schnittmoment und Biege-DGL
Definition Schnittmoment.Mz(x)=−∫AσxydA (Vorzeichen-Konvention der Vorlesung). Das ist der Hebelarm-Integral der Spannungs-Verteilung über den Querschnitt.
Einsetzen von Hooke. Mit σx=−Eyv′′ wird Mz=−∫A(−Eyv′′)ydA=Ev′′(x)∫Ay2dA=EIzv′′(x). Daraus folgt die Biege-DGL.
Spannungs-Resultat. Aus σx=−Eyv′′ und v′′=Mz/(EIz) folgt direkt σx=−Mzy/Iz. Das ist die zentrale Formel der Spezielle Biegung.
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Biege-DGL (zweite Ordnung)
EIzv′′(x)=Mz(x)
Verbindet Biegelinie und Biegemoment. Einmal Integrieren liefert Steigung, zweimal die Verschiebung.
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Biegespannungs-Formel
σx(x,y)=−IzMz(x)y
Zentrale Formel der Spezielle Biegung. Linear in y vom Schwerpunkt. Maximum am Querschnitts-Rand.
FormelBiege-DGL
EIzv′′(x)=Mz(x)
Doppelintegration liefert Biegelinie.
FormelBiegespannung
σx=−IzMzy
Linear in y vom Schwerpunkt.
MerkeDrei Schritte zur Formel
Bernoulli (Geometrie), Hooke (Stoff), Schnittmoment (Statik).
4.4 Maximale Biegespannung
σx ist linear in y. Das Maximum tritt bei y=ymax auf, also am weitesten von der neutralen Achse entfernt. Für ein Rechteck mit Höhe h ist ymax=h/2 (oben oder unten). Für einen Kreis mit Radius R ist ymax=R.
Biege-Widerstandsmoment. Praxis-Definition Wz=Iz/ymax, sodass ∣σmax∣=∣Mz∣/Wz. Für Standard-Profile ist Wz tabelliert (Stahlbau-Handbücher). Beispiel Rechteck: Wz=(bh3/12)/(h/2)=bh2/6.
Versagens-Bedingung. Das Material versagt, wenn ∣σmax∣≥σF (Fliessgrenze). Die kritische Last folgt aus ∣Mz∣/Wz≤σF, umgekehrt ∣Mz∣krit=σF⋅Wz.
!!!
Maximale Biegespannung
∣σmax∣=Iz∣Mz∣ymax=Wz∣Mz∣
Maximum am Querschnitts-Rand. Wz=Iz/ymax ist das Biege-Widerstandsmoment.
FormelMaximum
∣σmax∣=∣Mz∣/Wz
Mit Wz=Iz/ymax.
MerkeLineare Verteilung
Maximum am weitesten Rand vom Schwerpunkt entfernt.
PrüfungstippUnsymmetrisch: beide Ränder
Oben und unten haben verschiedene ymax, beide Spannungen prüfen.
5.1 Allgemeine Lösung der Biege-DGL
Ausgangspunkt.EIzv′′(x)=Mz(x). Lineare Differentialgleichung zweiter Ordnung mit bekannter rechter Seite.
Schritt 1.Mz(x) aus Statik bestimmen (Lagerkräfte plus Schnittmoment-Verlauf bereichsweise). Bei jedem Knick im Last-Verlauf ein neuer Bereich.
Schritt 2. Beidseitig integrieren: EIzv′(x)=∫Mz(x)dx+C1. Das ist die Steigung (Tangenten-Richtung der deformierten Mittellinie).
Schritt 3. Nochmal integrieren: EIzv(x)=∬Mz(x)dx2+C1x+C2. Das ist die Biegelinie, also v(x) als Funktion der Längs-Koordinate.
Zwei Konstanten. Pro Bereich entstehen zwei Konstanten C1,C2. Diese werden aus Randbedingungen bestimmt.
Was ist eine Randbedingung. Eine Randbedingung ist eine geometrische oder statische Aussage, die der Biegelinie an einem speziellen Punkt einen Wert oder eine Steigung vorschreibt. Ohne Randbedingungen sind die Integrations-Konstanten C1,C2 unbestimmt.
Pro Bereich gibt es zwei Konstanten. Ein einfeldriger Balken hat einen Bereich, also zwei Konstanten. Ein zweifeldriger Balken hat zwei Bereiche, also vier Konstanten. Generell: n Bereiche bedeuten 2n Konstanten und 2n Randbedingungen sind nötig.
Sechs klassische Typen von Randbedingungen. Alle in mindestens einer Klausur-Aufgabe aus FS18 bis FS25 vorhanden:
(a) Festes oder gelenkiges Lager. Verschiebung null, Steigung frei. v(xLager)=0. Beispiel: Üs6 H2 mit zwei gelenkigen Lagern bei x=0 und x=l liefert v(0)=0 und v(l)=0.
(b) Einspannung. Verschiebung null und Steigung null. v(xEinsp.)=0 und v′(xEinsp.)=0. Beispiel: Cantilever bei x=0 eingespannt liefert zwei Bedingungen an einer Stelle.
(c) Symmetrie-Bedingung. Wenn das System symmetrisch zur Mitte ist, ist die Steigung in der Mitte null. v′(l/2)=0. Beispiel: beidseitig gelenkig plus symmetrische Streckenlast (Üs6 H2).
(d) Freier Rand. An einem freien (unbelasteten) Stab-Ende: kein Schnittmoment, also v′′(xEnde)=0, und keine Querkraft, also v′′′(xEnde)=0. Selten in MC-Aufgaben, aber wichtig wenn das Biegemoment selbst aus der DGL bestimmt wird.
(e) Übergangsbedingung zwischen zwei Bereichen. Bei Bereichs-Grenze x=a: v1(a)=v2(a) (Stetigkeit der Verschiebung) und v1′(a)=v2′(a) (Stetigkeit der Steigung). Wenn die Laufvariablen gegenläufig orientiert sind, dreht sich das Vorzeichen der Steigungs-Bedingung um. Üs6 S1 ist der Klassiker.
(f) Bekannte Verschiebung oder Steigung. Wenn der Aufgabentext explizit vB oder vB′ als bekannt angibt, direkt einsetzen. Klausur-Aufgabe FS21 E1 nutzt das.
Lagerart
v und v′
Anzahl RB
Gelenkiges Lager
v=0, v′ frei
1
Einspannung
v=0, v′=0
2
Freier Rand
v frei, v′ frei
0 (aber v′′,v′′′ aus Querkraft und Moment)
Symmetrie-Mitte
v frei, v′=0
1
Bereichs-Übergang
v1=v2, v1′=v2′
2
Übersicht der Randbedingungen pro Lagerart.
Vorgehen. Pro Bereich Biegelinie aus Doppelintegration als allgemeine Funktion mit Konstanten. Dann jede Randbedingung als Gleichung formulieren. Lineares System lösen. Konstanten in die Biegelinie einsetzen, Resultat ist die spezielle Biegelinie.
Häufige Fehler.
Zu wenig Randbedingungen: meistens, weil eine Übergangs-Stetigkeit übersehen wird.
Zu viele Randbedingungen: meistens, weil eine Bedingung doppelt gezählt wird.
Falsches Vorzeichen bei der Steigungs-Stetigkeit, wenn die Laufvariablen gegenläufig orientiert sind. Üs6 S1 ist der Klassiker.
Lager-Verschiebung als v=0 statt v(xLager)=0 formuliert (also vergessen, an welcher Stelle die Bedingung gilt).
DefinitionRandbedingung
Geometrische oder statische Aussage, die v oder v′ an einer Stelle festlegt.
MerkeRB-Tabelle
Lager: v=0. Einspannung: v=0 und v′=0. Symmetrie: v′=0 in der Mitte.
PrüfungstippGegenläufige Variablen
Übergang dreht Vorzeichen der Steigung.
5.3 Differentialbeziehungen Querkraft und Streckenlast
Aus dem Gleichgewicht eines infinitesimalen Balken-Stücks folgen die Beziehungen Mz′(x)=−Qy(x) und Qy′(x)=−qy(x). Querkraft ist die Ableitung des Biegemoments mit umgekehrtem Vorzeichen, Streckenlast ist die Ableitung der Querkraft mit umgekehrtem Vorzeichen.
Daraus zweite Form der DGL.EIzv′′′(x)=−Qy(x), EIzv′′′′(x)=qy(x). Vier Ableitungen, vier Konstanten pro Bereich.
Praxis. Wenn das Biegemoment einfach zu integrieren ist, zweite Ordnung benutzen: v′′=Mz/(EIz). Wenn nur die Streckenlast bekannt ist, vierte Ordnung mit vier Konstanten.
!!
Differentialbeziehungen
Mz′(x)=−Qy(x),Qy′(x)=−qy(x)
Aus Gleichgewicht des infinitesimalen Balken-Elements. Verbindet Streckenlast, Querkraft und Biegemoment.
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Biege-DGL vierter Ordnung
EIzv′′′′(x)=qy(x)
Wenn nur die Streckenlast bekannt ist. Vier Konstanten pro Bereich aus vier Randbedingungen (auch v′′ und v′′′ am freien Rand).
FormelDifferentialkette
M′=−Q,Q′=−q
Drei Stufen: Streckenlast, Querkraft, Biegemoment.
5.4 Beispiel: gelenkig gelagerter Balken mit Streckenlast
Aufgabe (aus Übungsserie 6, Hausübung H2). Der dargestellte beidseitig gelenkig gelagerte Balken (Flächenträgheitsmoment Iz, Elastizitätsmodul E) wird durch eine Streckenlast q (Kraft pro Länge) belastet. Bestimme (i) die Biegelinie, (ii) die Durchbiegung der Balkenmitte, (iii) die maximale Zugspannung.
Lösungsweg in 6 Schritten
Schritt 1: Biegemoment aus Statik
Beidseitig gelenkig gelagert, symmetrische Streckenlast. Lagerkräfte je ql/2 nach oben. Schnitt bei x∈[0,l], freigeschnittener linker Teil im Gleichgewicht. Vorzeichen-Konvention: positives Mz setzt die obere Faser unter Zug. Da die Last nach unten zeigt, gerät die obere Faser unter Druck, also Mz<0 in (0,l).
Schnittmoment-Bilanz um den Schnitt-Punkt.
Mz(x)=21qx(x−l)(negativ in (0,l))
Schritt 2: Doppelintegration
EIzv′′(x)=Mz(x)=(q/2)(x2−lx). Zwei Mal integrieren liefert die allgemeine Lösung mit zwei Integrationskonstanten.
∣Mz∣ erreicht sein Maximum bei x=l/2: ∣Mz(l/2)∣=21q2l2l−l=ql2/8. Hier ist Mz<0, also liegt die Zugseite bei y>0, also unten. Mit der Biegespannung σx=−Mzy/Iz und ∣ymax∣ aus dem Querschnitt folgt der Betrag der maximalen Spannung am Faser-Rand.
Maximum der Biegespannung.
∣σmax∣=Iz∣Mz∣max⋅ymax=8Izql2ymax
FormelResultate
vmax=384EIz5ql4
Plus σmax=ql2ymax/(8Iz).
MerkeDoppelintegration plus 2 RB
Beidseitig gelenkig, ein Bereich, zwei Konstanten, zwei Lagerbedingungen.
PrüfungstippSymmetrie als Check v′(l/2)=0 aus Symmetrie. Schneller Sanity-Test.
6.1 Wann mehrere Bereiche
Sobald das Biegemoment-Diagramm einen Knick oder einen Sprung hat, ändert sich Mz(x) in der Form. Pro Knick oder Sprung ist ein neuer Bereich nötig.
Häufige Ursachen.
Punktlast in der Mitte des Balkens: erzeugt einen Knick im Mz-Diagramm.
Lager in der Mitte: erzeugt einen Knick.
Streckenlast nur über einen Teil des Balkens: Übergang von Streckenlast zu lastfrei erzeugt einen Knick im Steigungs-Verlauf.
Punktmoment am Balken-Ende oder in der Mitte: erzeugt einen Sprung im Mz-Diagramm.
Konsequenz. Pro Bereich eigene Doppelintegration mit eigenen Konstanten C1i,C2i. Insgesamt 2n Konstanten bei n Bereichen.
MerkeBereich pro Knick oder Sprung Mz-Form-Wechsel ⇒ neuer Bereich. Pro Bereich zwei Konstanten.
Stetigkeit der Verschiebung. Am Übergangs-Punkt x=a muss v links und rechts denselben Wert haben: v1(a)=v2(a). Sonst hätte der Balken eine Sprungstelle, was physikalisch einen Bruch bedeutet.
Stetigkeit der Steigung. Auch v′ muss links und rechts denselben Wert haben: v1′(a)=v2′(a). Sonst hätte der Balken einen scharfen Knick, was bei elastischer Verformung nicht auftreten kann.
Gegenläufige Laufvariablen. Wenn x1 von links nach rechts läuft (Bereich 1) und x2 von rechts nach links läuft (Bereich 2, von einer Last her zurück gerichtet), dreht sich die Tangenten-Richtung um. Dann ist die Stetigkeits-Bedingung dv1/dx1a=−dv2/dx2a′ (mit a und a′ den jeweiligen Stellen am Übergang).
Beispiel der Vorzeichen-Falle. Üs6 S1 nutzt x1 vom linken Lager nach rechts und x2 vom rechten Ende nach links. Der Übergang am Lager B erfordert dv1/dx1∣x1=L=−dv2/dx2∣x2=L/2. Wer das Vorzeichen vergisst, bekommt eine falsche Konstante.
!!!
Stetigkeits-Bedingungen am Übergang
v1(a)=v2(a),v1′(a)=v2′(a)
Standardform bei gleichgerichteten Laufvariablen. Bei gegenläufigen Variablen Vorzeichen-Wechsel der Steigungs-Bedingung.
!!
Übergang mit gegenläufigen Variablen
dx1dv1x1=a=−dx2dv2x2=a′
Wenn x1 und x2 gegeneinander laufen. Vorzeichen aus Skizze ablesen.
FormelÜbergang
v1=v2,v1′=v2′
Bei gleichgerichteten Variablen. Sonst Vorzeichen-Wechsel.
MerkePhysikalisch zwingend
Stetigkeit aus Kontinuität des Materials, nicht aus Konvention.
PrüfungstippVariablen-Pfeile vergleichen
Wenn entgegengesetzt: Steigungs-Bedingung mit Minus.
6.3 Beispiel: Balken mit überstehender Streckenlast
Aufgabe (aus Übungsserie 6, Schnellübung S1). Gegeben sei ein Balken, der an seinem Ende durch eine linienverteilte Last w belastet wird. Die Biegesteifigkeit EI des Balkens ist gegeben. Der Balken liegt auf zwei Lagern (Lager A bei x1=0, Lager B bei x1=L) und ragt nach rechts heraus bis zum Punkt C bei Abstand L/2 rechts vom Lager B. Im Bereich B-C wirkt die Streckenlast w. Bereich 1: A-B, Laufvariable x1 von 0 bis L. Bereich 2: B-C, Laufvariable x2 von 0 (am Punkt C) bis L/2 (am Lager B), gegenläufig zu x1.
(a) Bestimme die Biegelinie im Bereich 0≤x1≤L in Abhängigkeit von x1 und im Bereich 0≤x2≤L/2 in Abhängigkeit von x2. (b) Berechne die Verschiebung des Punktes C.
Lösungsweg in 9 Schritten
Schritt 1: Lagerkräfte aus Gleichgewicht
Resultat-Streckenlast: w⋅L/2 vertikal nach unten, Schwerpunkt der Last bei x1=L+L/4=5L/4. Aus ∑MA=0 und ∑Fy=0.
Schnitt bei x1∈[0,L], links freigeschnitten. Es wirkt nur Ay=−wL/8. Moment um Schnitt-Punkt: M1(x1)=Ay⋅x1, das Vorzeichen ergibt einen positiv linearen Verlauf.
Lineare Form in x1.
M1(x1)=−Ay⋅x1=8wLx1
Schritt 3: Schnittmoment Bereich 2 (C bis B)
Schnitt bei x2∈[0,L/2], vom freien Ende C aus gesehen. Streckenlast w wirkt rechts vom Schnitt auf der Länge x2, Schwerpunkt im Abstand x2/2. Moment um Schnitt-Punkt: M2(x2)=w⋅x2⋅x2/2=(w/2)x22.
(1) v1(0)=0 am Lager A. (2) v1(L)=0 am Lager B. (3) v2(L/2)=0 am Lager B aus Sicht von Bereich 2. (4) Stetigkeit der Steigung am Lager B, gegenläufige Variablen, also Vorzeichen-Wechsel.
v1(0)=0 liefert C2=0. v1(L)=0 liefert wL4/48+C1L=0, also C1=−wL3/48. v2(L/2)=0 liefert w(L/2)4/24+C3⋅L/2+C4=0, also C4=−wL4/(24⋅16)−C3L/2=−wL4/384−C3L/2.
Drei Konstanten als Funktion von C3.
C1=−48wL3,C2=0,C4=−384wL4−2C3L
Schritt 8: Steigungs-Stetigkeit liefert C3
Steigungen explizit. Bei x1=L: EIv1′(L)=(wL/16)L2+C1=wL3/16−wL3/48=(3−1)wL3/48=wL3/24. Bei x2=L/2: EIv2′(L/2)=(w/6)(L/2)3+C3=wL3/48+C3. Stetigkeitsbedingung mit Vorzeichen-Wechsel: wL3/24=−(wL3/48+C3), also C3=−wL3/48−wL3/24=−wL3/48−2wL3/48=−3wL3/48=−wL3/16.
Wann statisch unbestimmt. Ein Balken mit drei oder mehr Auflagern (oder Einspannung plus zusätzlichem Lager) hat mehr Lagerreaktionen als Gleichgewichts-Bedingungen. Statik allein bestimmt die Reaktionen nicht eindeutig.
Vorgehen in fünf Schritten.
(a) Eine überzählige Lagerkraft als Unbekannte X wählen (z.B. die Reaktionskraft an einem mittleren Lager).
(b) Restliche Lagerreaktionen aus Gleichgewicht in Abhängigkeit von X ausdrücken.
(c) Biegelinie für jeden Bereich aus DGL bestimmen, X als Parameter mitführen.
(d) Randbedingungen am unbekannten Lager (typisch: Verschiebung null) einsetzen, das ergibt eine Gleichung in X.
Beispiel-Pattern. Bei einem dreifach gelagerten Balken mit gleichmässiger Streckenlast: Mitte-Lager als X wählen, Aussen-Lager aus ∑Fy=0 und ∑M=0 in X ausdrücken, Biegelinie aufstellen, an der Mitte v(l/2)=0 einsetzen, X auflösen.
MerkeVorgehen 5 Schritte
Überzählige Reaktion als X, Statik in X, Biegelinie in X, RB einsetzen, X auflösen.
Vier Multiple-Choice-Aufgaben aus alten Klausuren. Antwort-Optionen 1:1 aus der jeweiligen Original-Klausur übernommen. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg.
Aufgabe 1
Aus Klausur FS25, Frage D1. Gegeben sei ein rechteckiger Querschnitt (Breite 2a, Höhe 3a) aus dem ein Kreis (Durchmesser a) ausgeschnitten wurde. Die Punkte auf der Unterseite liegen auf der η-Achse (ζ=0). Bestimme die Koordinate ζs des Schwerpunktes im dargestellten ζ-η-Koordinatensystem (Loch-Schwerpunkt bei ζ=a).
Lösungsweg
Schritt 1: Vollrechteck (Teilfläche 1)
Gesamt-Rechteck der Breite 2a und Höhe 3a. Schwerpunkt im geometrischen Mittelpunkt: bei halber Höhe.
Fläche und Schwerpunkts-Koordinate.
A1=2a⋅3a=6a2,ζ1=23a
Schritt 2: Loch (Teilfläche 2, subtraktiv)
Kreisloch mit Durchmesser a, also Radius r=a/2. Schwerpunkt laut Skizze bei ζ=a. Loch zählt mit negativer Fläche.
Fläche und Schwerpunkts-Koordinate.
A2=π(a/2)2=4πa2,ζ2=a
Schritt 3: Schwerpunkt-Formel mit Subtraktion
Gewichteter Mittelwert mit Loch als negative Fläche.
Zähler und Nenner durch a2 kürzen. Mit Faktor 4 erweitern, um Brüche zu eliminieren.
Brüche zusammenfassen.
ζs=a⋅6−π/49−π/4=a⋅4⋅6−π4⋅9−π=a⋅24−π36−π
Schritt 5: Antwort identifizieren
Vergleich mit den 9 Optionen. Antwort e.
Distraktoren: (a), (b), (c) ergeben sich bei vergessenem Faktor 4. (d) hat falschen Nenner-Konstanten. (f), (g), (h), (i) sind Vorzeichen-Fehler beim Loch-Beitrag.
ζs=24−π36−πa
Aufgabe 2
Aus Klausur FS24, Frage D2. Bestimme das Flächenträgheitsmoment Iy=∫Az2dA des dargestellten Querschnitts.
Lösungsweg
Schritt 1: Eigen-Trägheitsmoment eines Quadrats
Ein Quadrat der Seitenlänge s hat um jede Schwerpunkts-Achse Iy=s4/12. Wegen Iy=Iz und Cyz=0 ist der Tensor isotrop, eine 45°-Drehung ändert Iy nicht. Diese Eigenschaft erlaubt, das Quadrat in seiner gedrehten Lage als Diamant zu behandeln und trotzdem s4/12 zu verwenden.
Eigen-I in Funktion der Seitenlänge.
Iy,Eigen=12s4
Schritt 2: Grosses 45°-Quadrat (Seitenlänge 2a)
Die V-Form ist ein grosses, um 45° gedrehtes Quadrat mit Seitenlänge 2a (Diamant mit den vier Spitzen auf den Achsen, Halbdiagonale a2), aus dem in der oberen Hälfte ein kleineres 45°-Quadrat ausgespart ist. Schwerpunkt des grossen Quadrats liegt im Zentrum.
Eigen-Iy um die zentrale y-Achse.
Iygross=12(2a)4=1216a4
Schritt 3: Kleines 45°-Quadrat (Seitenlänge a)
Aus dem grossen Diamant ist im oberen Teil ein kleines 45°-Quadrat der Seitenlänge a ausgespart. Sein Schwerpunkt liegt auf der y-Achse (oberhalb des Zentrums). Dadurch entsteht die V-Form als Differenz.
Eigen-Iy des kleinen Quadrats.
Iyklein=12a4
Schritt 4: y-Achse als gemeinsame Symmetrie-Achse
Beide Teilflächen sind symmetrisch zur y-Achse. Ihre Schwerpunkte liegen auf der y-Achse, also zs=0 für beide. Im Steiner-Term zs2⋅A verschwindet daher der Beitrag in z-Richtung. Iy=∫Az2dA ist additiv über Teilflächen, mit der Loch-Subtraktion als Vorzeichen-Regel.
Differenz der Eigen-Trägheitsmomente.
Iy=Iygross−Iyklein
Schritt 5: Einsetzen und Antwort
Werte einsetzen, kürzen. Vergleich mit den 8 Optionen liefert e.
Antwort c (67a4) entsteht beim falschen Verständnis als zwei separate Quadrate mit Steiner-Abstand a/2. Andere Optionen sind Vorzeichen- oder Faktor-Fehler bei der Subtraktion.
Iy=1216a4−12a4=1215a4=45a4
Aufgabe 3
Aus Klausur FS22, Frage E2. Der Balken A-B-C (Biegesteifigkeit EIz) der Länge 2l ist an den Stellen A und B vertikal unverschieblich gelagert (gelenkige Lager). Am Ende C greift ein in die positive z-Richtung wirkendes Biegemoment mit dem Betrag M0>0 an. A-B=l, B-C=l. Bestimme die Verschiebung v(x) der Balkenmittellinie (in y-Richtung) im Abschnitt A-B. Der Koordinatenursprung (x=0) liege an der Stelle A.
Lösungsweg
Schritt 1: Lagerkräfte aus Gleichgewicht
Externes Moment M0 am Punkt C in +z-Richtung. Vertikale Lasten: keine. Aus ∑Fy=0 folgt Ay+By=0. Aus ∑MA=0 folgt By⋅l+M0=0, also By=−M0/l. Dann Ay=M0/l.
Zwei Lagerreaktionen.
Ay=lM0(nach oben),By=−lM0(nach unten)
Schritt 2: Schnittmoment im Bereich A-B
Schnitt bei x∈[0,l], links freigeschnitten. Es wirkt nur Ay. Moment um Schnitt-Punkt: Mz(x)=Ay⋅x=(M0/l)x, linear ansteigend.
Konstanten einsetzen, vereinfachen. Vergleich mit den 8 Optionen liefert b.
Resultat.
v(x)=6lEIzM0(x3−xl2)
Aufgabe 4
Aus Klausur FS21, Frage E1. Ein Balken A-D (Biegesteifigkeit EIz) der Länge 2L ist an der Stelle A eingespannt. Strecken: A-B=L/2, B-C=L/2, C-D=L. Er wird an der Stelle B durch eine Vertikalkraft mit dem Betrag F>0 belastet (in y-Richtung nach unten). Bestimme die Neigung vB′=v′(L/2) der Balkenmittellinie (erste Ableitung der Biegelinie) an der Stelle B.
Lösungsweg
Schritt 1: Schnittmoment im Bereich A-B
Cantilever, eingespannt bei A. Im Bereich A-B (0≤x≤L/2): Schnitt bei x, rechts freigeschnitten. Rechts vom Schnitt liegt nur die Kraft F am Punkt B (Abstand L/2−x vom Schnitt). Moment um Schnitt-Punkt: Mz(x)=−F⋅(L/2−x), das Minus aus der Vorzeichen-Konvention für nach unten wirkende Last.
Linearer Verlauf.
Mz(x)=−F(2L−x)=Fx−2FL
Schritt 2: Bereich B-D ist lastfrei
Rechts von B gibt es keine Lasten mehr. Schnittmoment dort identisch null. Für die Frage nach v′(L/2) ist Bereich 1 ausreichend.
Bereich nicht weiter relevant.
Mz(x)=0,L/2≤x≤2L
Schritt 3: Einmal integrieren im Bereich A-B
EIzv′′(x)=Mz(x)=Fx−FL/2. Einmal integrieren liefert die Steigung.
Allgemeine Lösung mit C1.
EIzv′(x)=2Fx2−2FLx+C1
Schritt 4: Randbedingung Einspannung
Bei x=0 (Einspannung): v′(0)=0. Liefert direkt C1=0.