1.1 Motivation, Querkraft und Biegemoment am Balken

Aus Mech-II kennst du die Beziehung Biegemoment-Ableitung gleich minus Querkraft, also M(x)=Q(x)M'(x) = -Q(x). Beweisen kannst du sie noch nicht, denn in MM und QQ stecken Integrale, deren Stammfunktionen unbekannt sind. Genau das ist die Klausur-Falle, die V.5 löst.

Setup aus der Mech-II-Vorlesung. Ein gerader Balken liegt auf der xx-Achse, links bei x=0x = 0 mit der Auflagerkraft AA (vertikal), rechts ein zweites Lager BB. An jeder Stelle tt wirkt von oben eine Streckenlast p(t)p(t) (Kraft pro Längeneinheit, Mech-II-Konvention). An einer beliebigen Schnittstelle xx ergeben sich aus dem Gleichgewicht die Querkraft Q(x)Q(x) und das Biegemoment M(x)M(x):

!!
Balken, Querkraft an der Schnittstelle xx
Q(x)=A0xp(t)dtQ(x) = A - \int_0^x p(t)\,\mathrm{d}t
Mitschrift. AA ist die linke Auflagerkraft, das Integral summiert die bis xx aufgebrachte Streckenlast.
!!
Balken, Biegemoment an der Schnittstelle xx
M(x)=Ax+0x(xt)p(t)dtM(x) = -A\,x + \int_0^x (x - t)\,p(t)\,\mathrm{d}t
Mitschrift. Hebel-Beiträge: Ax-A\,x vom Auflager, plus jedes Lastelement p(t)dtp(t)\,\mathrm{d}t mit Hebel (xt)(x - t) bis zur Schnittstelle.
!!!
Mech-II-Beziehung, zu beweisen
M(x)=Q(x)M'(x) = -Q(x)
Mitschrift. Standard-Aussage der Balkenstatik. Wird in §6 (d) mit der V.5-Maschine bewiesen.

Das Problem auf einen Blick. In M(x)M(x) steckt xx an zwei Stellen gleichzeitig: einmal im Integranden (xt)p(t)(x - t)\,p(t) und einmal als obere Integralgrenze 0x\int_0^x. Ableiten nach xx darf man also weder „Stammfunktion suchen und einsetzen" noch nur einen der beiden Auftritte differenzieren. Erschwerend kommt hinzu, dass p(t)p(t) allgemein bleibt; eine explizite Stammfunktion gibt es nicht.

Was wir bauen. §2 stellt die erste Maschine vor: Ableitung unter dem Integral, wenn die Grenzen konstant sind. §3 beweist sie. §4 verallgemeinert auf variable Grenzen u(x),v(x)u(x), v(x), das ist der Hauptsatz von V.5. §5 zeigt, dass die Maschinen aus §2 und der Hauptsatz der Infinitesimalrechnung aus Analysis I beide Spezialfälle des §4-Satzes sind. §6 rechnet vier Anwendungen durch, darunter die Balken-Aufgabe M(x)=Q(x)M'(x) = -Q(x) aus diesem Abschnitt.

Notation MM ist Biegemoment, nicht Jacobi-Matrix
Pflicht: MM in V.5 == Biegemoment am Balken (Mech-II-Konvention, Skalar als Funktion von xx). Nicht zu verwechseln mit der Jacobi-Matrix MM (IV.8 §3) oder JJ (V.4 §1 bis §6), die Matrizen sind. Kontext entscheidet.
Notation QQ ist Querkraft, nicht Gesamtladung
Pflicht: QQ in V.5 == Querkraft am Balken (Mech-II). In V.1 §5 und V.3 §2 stand QQ für die Gesamtladung eines Körpers; physikalisch andere Grösse. Im Mech-II-Kontext hier immer Kraft, Einheit Newton.
Notation p(t)p(t) Streckenlast
p(t)=p(t) = Belastung pro Längeneinheit am Balken (Einheit N/m\mathrm{N/m}, Mech-II-Konvention). Der Buchstabe pp wird in anderen Beispielen frei vergeben; im Balken-Kontext immer Streckenlast.
Notation AA Auflagerkraft
A=A = vertikale Auflagerkraft am linken Lager des Balkens (Mech-II). Wird in §6 (d) wieder gebraucht. Nicht zu verwechseln mit Definitions- oder Integrationsbereichen ARnA \subset \mathbb{R}^n aus IV.x.
Definition Querkraft am Balken
Q(x)=A0xp(t)dtQ(x) = A - \int_0^x p(t)\,\mathrm{d}t. Vertikale Schnittkraft an der Stelle xx, ergibt sich aus Auflagerkraft minus aufgebrachter Last bis xx.
Definition Biegemoment am Balken
M(x)=Ax+0x(xt)p(t)dtM(x) = -A\,x + \int_0^x (x - t)\,p(t)\,\mathrm{d}t. Moment der Auflagerkraft plus Hebel-Beiträge der Streckenlast bis xx.
Merke Doppelter xx-Auftritt
Merke: in M(x)M(x) steckt xx im Integranden (xt)(x{-}t) und in der oberen Grenze 0x\int_0^x. Das ist genau die Konstellation, für die §4 gebaut wurde.

2.1 Differentiation unter dem Integral, konstante Grenzen

Manchmal ist die Stammfunktion eines Integranden unbekannt oder hässlich, die Ableitung des Integrals nach einem Parameter aber einfach. Genau dann ziehst du die Ableitung INS Integral hinein und arbeitest mit fx(x,t)f_x(x, t) statt mit der Stammfunktion.

Setup. Wir haben eine Funktion f(x,t)f(x, t) in zwei Variablen, integrieren über tt und behalten xx als Parameter. Das Ergebnis ist eine Funktion in xx allein:

Integral mit Parameter xx
Φ(x)=abf(x,t)dt\Phi(x) = \int_a^b f(x, t)\,\mathrm{d}t
Mitschrift. Grenzen a,ba, b sind konstant; nur der Integrand hängt von xx ab. Variable Grenzen behandelt §4.
!!!
Satz, Differentiation unter dem Integral
ddxabf(x,t)dt=abfx(x,t)dt\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}x} \int_a^b f(x, t)\,\mathrm{d}t = \int_a^b f_x(x, t)\,\mathrm{d}t
Mitschrift. Voraussetzung: ff differenzierbar in xx, fxf_x stetig. Ableitung und Integral vertauschen, weil das Integral über tt läuft, eine andere Variable als xx.
x 2.50
b 1.00
Φ(x) 0.72
Φ'(x) = ∫fₓ dt -0.049
2.50
1.00
Abb. 1: Differentiation unter dem Integral. Die Ableitung trifft den Integranden, nicht die Grenzen.

In Worten. Differenziere unter dem Integralzeichen. Den Integranden f(x,t)f(x, t) leitest du partiell nach xx ab, die Integrationsgrenzen a,ba, b und die Integrationsvariable tt rührst du nicht an. Das ergibt eine neue Funktion in xx, deren Wert das gesuchte Φ(x)\Phi'(x) ist.

Zwei Punkte zum Mitnehmen. Erstens, die Grenzen müssen konstant sein. Bewegen sie sich mit xx mit, brauchst du den Satz aus §4 (drei Beiträge statt einem). Zweitens, der Integrand darf vom Parameter xx abhängen, sonst ergäbe der Satz nichts Neues; mit f(x,t)=g(t)f(x, t) = g(t) wäre fx0f_x \equiv 0 und die rechte Seite null. Den Beweis liefert §3, drei Spezialfälle und der Hauptsatz Analysis I tauchen in §5 wieder auf.

Notation Φ\Phi hier \neq Fluss
Pflicht: Φ(x)=abf(x,t)dt\Phi(x) = \int_a^b f(x, t)\,\mathrm{d}t ist die Integral-Funktion mit Parameter xx (Mitschrift). NICHT zu verwechseln mit dem Fluss Φ\Phi aus Vektoranalysis und Physik (ΦE=EdA\Phi_E = \oint \mathbf{E} \cdot \mathrm{d}\mathbf{A}, ΦB=BdA\Phi_B = \int \mathbf{B} \cdot \mathrm{d}\mathbf{A}, Faraday Vind=Φ˙BV_{\text{ind}} = -\dot{\Phi}_B). Gleicher Buchstabe, andere Bedeutung. Kontext entscheidet.
Definition Differentiation unter dem Integral
ddxabf(x,t)dt=abfx(x,t)dt\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}x}\int_a^b f(x, t)\,\mathrm{d}t = \int_a^b f_x(x, t)\,\mathrm{d}t. Voraussetzung: ff differenzierbar in xx, fxf_x stetig. Grenzen a,ba, b konstant.
Formel Spickzettel §2
Φ(x)=abfx(x,t)dt\Phi'(x) = \int_a^b f_x(x, t)\,\mathrm{d}t
Reflex bei f(x,t)dt\int f(x, t)\,\mathrm{d}t mit konstanten Grenzen: Ableitung rein, Integrand partiell nach xx.
Merke Konstant heisst konstant
Merke: diese Form gilt nur, wenn aa und bb unabhängig von xx sind. Sobald die Grenzen mit xx mitlaufen, brauchst du §4 (drei Terme).

3.1 Beweis des Differentiations-Satzes

Der Beweis ist Standard-Analysis I, nur mit einer extra tt-Variable im Spiel. Differenzenquotient bilden, ins Integral ziehen, Limes und Integral vertauschen, fertig. Drei Schritte.

Schritt 1: Differenzenquotient hinschreiben. Für Φ(x)=abf(x,t)dt\Phi(x) = \int_a^b f(x, t)\,\mathrm{d}t und ein kleines h>0h > 0 bildet man den Differenzenquotienten von Φ\Phi an der Stelle xx und zieht die Linearität des Integrals nach vorn:

Differenzenquotient ins Integral
Φ(x+h)Φ(x)h=1h(abf(x+h,t)dtabf(x,t)dt)=abf(x+h,t)f(x,t)hdt\begin{aligned} \frac{\Phi(x+h) - \Phi(x)}{h} &= \frac{1}{h}\Bigl(\int_a^b f(x+h, t)\,\mathrm{d}t - \int_a^b f(x, t)\,\mathrm{d}t\Bigr) \\ &= \int_a^b \frac{f(x+h, t) - f(x, t)}{h}\,\mathrm{d}t \end{aligned}
Mitschrift. Die Differenz zweier Integrale ist das Integral der Differenz (Linearität), und 1/h1/h ist eine tt-freie Konstante, die ebenfalls reingezogen werden darf.

Schritt 2: Integrand konvergiert punktweise gegen fxf_x. Für jeden festen Wert t[a,b]t \in [a, b] ist (f(x+h,t)f(x,t))/h(f(x+h, t) - f(x, t))/h der Differenzenquotient von ff in der xx-Richtung. Per Definition der partiellen Ableitung strebt dieser für h0h \to 0 gegen fx(x,t)f_x(x, t).

Schritt 3: Limes und Integral vertauschen. Weil fxf_x stetig ist, ist die punktweise Konvergenz sogar gleichmässig in tt auf dem kompakten Intervall [a,b][a, b]. Genau diese gleichmässige Konvergenz erlaubt es (Analysis I), Limes und Integral zu vertauschen:

!!
Vertauschen Limes und Integral
Φ(x)=limh0abf(x+h,t)f(x,t)hdt=abfx(x,t)dt\begin{aligned} \Phi'(x) &= \lim_{h \to 0} \int_a^b \frac{f(x+h, t) - f(x, t)}{h}\,\mathrm{d}t \\ &= \int_a^b f_x(x, t)\,\mathrm{d}t \end{aligned}
Mitschrift. Im Grenzwert h0h \to 0 wird der Integrand zu fx(x,t)f_x(x, t), das Integral bleibt erhalten. \Box
Definition Differenzenquotient
Φ(x+h)Φ(x)h\dfrac{\Phi(x+h) - \Phi(x)}{h} misst die mittlere Änderung von Φ\Phi zwischen xx und x+hx + h. Im Grenzwert h0h \to 0 wird daraus die Ableitung Φ(x)\Phi'(x), sofern dieser existiert.
Definition Gleichmässige Konvergenz
Aus Analysis I: gh(t)g(t)g_h(t) \to g(t) gleichmässig auf [a,b][a, b], wenn der maximale Abstand über alle tt gegen 00 geht. Erlaubt Limes und Integral zu vertauschen; punktweise allein reicht nicht.
Merke Drei-Schritt-Skelett
Merke: (1) Differenzenquotient bilden, (2) ins Integral ziehen (Linearität), (3) Limes und Integral via gleichmässiger Konvergenz vertauschen. Skelett für jeden Vertauschungs-Beweis.
Prüfungstipp Wer eine Klausur-Aufgabe „differenzieren unter dem Integral" begründen muss: kurz fxf_x stetig nennen, Drei-Schritt-Argument referenzieren, fertig. Kein Volltext-Beweis nötig.

4.1 Parameter in den Integralgrenzen

Bisher waren die Integralgrenzen a,ba, b konstant. Jetzt machen wir sie selber zu Funktionen u(x)u(x) und v(x)v(x) von xx. Genau die Konstellation, die in der Balken-Aufgabe aus §1 vorkommt: untere Grenze u(x)=0u(x) = 0, obere Grenze v(x)=xv(x) = x.

Setup. Wir betrachten eine Integral-Funktion, bei der xx sowohl im Integranden als auch in beiden Grenzen auftauchen darf:

Integral mit variablen Grenzen
Ψ(x)=u(x)v(x)f(t,x)dt\Psi(x) = \int_{u(x)}^{v(x)} f(t, x)\,\mathrm{d}t
Mitschrift. Drei xx-Auftritte sind möglich: in u(x)u(x), in v(x)v(x), im Integranden f(t,x)f(t, x). Der Satz unten sammelt alle drei Beiträge ein.
!!!
Satz, Parameter in den Integralgrenzen
Ψ(x)=u(x)v(x)fx(t,x)dt+f(v(x),x)v(x)f(u(x),x)u(x)\begin{aligned} \Psi'(x) &= \int_{u(x)}^{v(x)} f_x(t, x)\,\mathrm{d}t \\ &+ f(v(x), x)\,v'(x) \\ &- f(u(x), x)\,u'(x) \end{aligned}
Mitschrift. Drei Beiträge: Integrand-Beitrag (wie §2) plus oberer Rand-Beitrag plus minus unterer Rand-Beitrag. Vorzeichen: oben ++, unten -.
x 1.80
Ψ(x) 2.535
∫fₓ dt 0.540
f(v)·v' 1.215
f(u)·u' 1.105
Ψ'(x) 0.651
1.80
Abb. 2: Parameter in den Integralgrenzen. Beim Ableiten wandern die Grenzen mit.

Drei Beiträge im Klartext. Erster Term: der Integrand-Anteil aus §2, jetzt mit variablen Grenzen ausgewertet. Zweiter Term: Beitrag der oberen Grenze, ausgewertet am oberen Rand-Punkt v(x)v(x) und multipliziert mit v(x)v'(x) (Kettenregel). Dritter Term: derselbe Beitrag von der unteren Grenze, mit Minuszeichen (weil uu untere Grenze ist, vergleiche Hauptsatz Analysis I).

Beweis-Idee. Wir bauen Ψ(x)\Psi(x) aus einer Hilfsfunktion in drei Variablen zusammen und differenzieren mit der verallgemeinerten Kettenregel aus IV.6 §2.3. Setze:

Hilfsfunktion γ\gamma in drei Variablen
γ(u,v,w):=uvf(t,w)dt\gamma(u, v, w) := \int_u^v f(t, w)\,\mathrm{d}t
Mitschrift. Drei unabhängige Argumente: untere Grenze uu, obere Grenze vv, Parameter ww. γ\gamma ist Hilfskonstrukt für diesen Beweis und verschwindet danach wieder.

Ψ\Psi als Komposition. Setzt man in γ\gamma die Funktionen u(x),v(x),w(x)=xu(x), v(x), w(x) = x ein, ist Ψ(x)=γ(u(x),v(x),w(x))\Psi(x) = \gamma(u(x), v(x), w(x)). Verallgemeinerte Kettenregel aus IV.6 §2.3 liefert dann:

Verallgemeinerte Kettenregel auf γ\gamma
Ψ(x)=γuu(x)+γvv(x)+γww(x)\Psi'(x) = \gamma_u\,u'(x) + \gamma_v\,v'(x) + \gamma_w\,w'(x)
Aus IV.6 §2.3. Drei Beiträge, einer pro Argument von γ\gamma.

Die drei partiellen Ableitungen von γ\gamma. Aus dem Hauptsatz der Analysis I folgt γu=f(u,w)\gamma_u = -f(u, w) (Vorzeichen, weil uu untere Grenze ist) und γv=+f(v,w)\gamma_v = +f(v, w) (obere Grenze). Aus §2 (Differentiation unter dem Integral, jetzt nach ww) folgt γw=uvfw(t,w)dt\gamma_w = \int_u^v f_w(t, w)\,\mathrm{d}t. Mit w(x)=xw(x) = x ist w(x)=1w'(x) = 1. Einsetzen:

Drei Bausteine zusammensetzen
Ψ(x)=f(u(x),x)u(x)+f(v(x),x)v(x)+u(x)v(x)fx(t,x)dt\begin{aligned} \Psi'(x) &= -f(u(x), x)\,u'(x) + f(v(x), x)\,v'(x) \\ &+ \int_{u(x)}^{v(x)} f_x(t, x)\,\mathrm{d}t \end{aligned}
Mitschrift. Reihenfolge umgestellt ergibt die Satz-Form: erst Integrand-Beitrag, dann obere Grenze, dann untere Grenze. \Box
Notation Ψ\Psi ist Integral-Funktion, nicht IB-Komponente
Pflicht: Ψ\Psi in V.5 == Integral-Funktion mit variablen Grenzen. In IV.7 §3.3 stand ψ\psi (klein) für eine IB-Komponente; anderer Buchstabentyp, andere Bedeutung.
Notation γ\gamma ist Hilfsfunktion
Pflicht: γ\gamma in §4 == Hilfsfunktion ad hoc für den Beweis, γ(u,v,w)=uvf(t,w)dt\gamma(u, v, w) = \int_u^v f(t, w)\,\mathrm{d}t. Andere Rollen: V.1 §2.1, V.4 §3, IV.6 §4.1.
Definition Integral mit variablen Grenzen
Ψ(x)=u(x)v(x)f(t,x)dt\Psi(x) = \int_{u(x)}^{v(x)} f(t, x)\,\mathrm{d}t. Parameter xx kann in beiden Grenzen u(x),v(x)u(x), v(x) und im Integranden f(t,x)f(t, x) stecken. Verallgemeinerung des §2-Setups.
Formel Spickzettel §4
Ψ(x)=uvfxdt+f(v,x)vf(u,x)u\Psi'(x) = \int_u^v f_x\,\mathrm{d}t + f(v, x)\,v' - f(u, x)\,u'
Hauptsatz von V.5. Drei Beiträge: Integrand ++ obere Grenze - untere Grenze.
Merke Vorzeichen aus Hauptsatz
Merke: γv=+f(v,x)\gamma_v = +f(v, x) (obere Grenze, plus), γu=f(u,x)\gamma_u = -f(u, x) (untere Grenze, minus). Direkt aus dem Hauptsatz Analysis I. Keine Mnemonik nötig.

5.1 Spezialfälle und Hauptsatz der Infinitesimalrechnung

Zwei Spezialfälle des §4-Satzes geben uns alte Bekannte zurück: den Differentiations-Satz von §2 und den Hauptsatz der Infinitesimalrechnung aus Analysis I. Drei Sätze, ein Argument. Wenn du nur den §4-Satz auswendig kannst, hast du alle drei.

Spezialfall 1: konstante Grenzen. Setzt man u(x)=au(x) = a und v(x)=bv(x) = b als Konstanten, dann sind u(x)=0u'(x) = 0 und v(x)=0v'(x) = 0. Die zwei Rand-Beiträge verschwinden, übrig bleibt nur der Integrand-Anteil:

!!
Spezialfall 1, konstante Grenzen
Ψ(x)=abfx(t,x)dt\Psi'(x) = \int_a^b f_x(t, x)\,\mathrm{d}t
Mitschrift. Direkt aus dem §4-Satz mit u(x)=v(x)=0u'(x) = v'(x) = 0. Genau der Satz aus §2.

Spezialfall 2: untere Grenze konstant, obere Grenze ist xx, Integrand ist xx-frei. Setze u(x)=au(x) = a konstant, v(x)=xv(x) = x, f(t,x)=g(t)f(t, x) = g(t) (Integrand hängt nicht von xx ab). Dann sind u(x)=0u'(x) = 0, v(x)=1v'(x) = 1, fx0f_x \equiv 0. Im §4-Satz bleibt nur der obere Rand-Beitrag stehen:

!!!
Spezialfall 2, Hauptsatz Analysis I
ddxaxg(t)dt=0+g(x)1g(a)0=g(x)\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}x} \int_a^x g(t)\,\mathrm{d}t = 0 + g(x)\cdot 1 - g(a)\cdot 0 = g(x)
Mitschrift. Hauptsatz der Infinitesimalrechnung aus Analysis I, jetzt als Spezialfall des §4-Satzes wiedergewonnen.
x 2.50
F(x) = ∫g dt 3.727
g(x) 0.913
F'(x) = g(x) 0.913
2.50
Abb. 3: Hauptsatz der Infinitesimalrechnung. Die Ableitung der Flächenfunktion ist der Integrand.

Was das pädagogisch heisst. Beide Sätze, die du bisher unabhängig kanntest, sind Schnitte durch eine grössere Maschine. Der §4-Satz ist die Verallgemeinerung, §2-Satz und Hauptsatz Analysis I sind seine Schnitte. Wer §4 versteht, hat alle drei. Zur Konsolidierung jetzt die Spickzettel-Tabelle:

Konstellation Voraussetzung Ableitungs-Form
Konstante Grenzen (§2) a,ba, b konstant Φ(x)=abfx(x,t)dt\Phi'(x) = \int_a^b f_x(x, t)\,\mathrm{d}t
Variable Grenzen (§4) u(x),v(x)u(x), v(x) glatt Ψ(x)=uvfxdt+f(v,x)vf(u,x)u\Psi'(x) = \int_u^v f_x\,\mathrm{d}t + f(v, x)\,v' - f(u, x)\,u'
Hauptsatz Analysis I u=au = a, v=xv = x, Integrand g(t)g(t) xx-frei ddxaxgdt=g(x)\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}x}\int_a^x g\,\mathrm{d}t = g(x)
Sätze und Spezialfälle in V.5. Eine Maschine, drei Schnitte.
Merke Drei Sätze, ein Argument
Merke: §2-Satz == §4-Satz mit u(x)=v(x)=0u'(x) = v'(x) = 0. Hauptsatz Analysis I == §4-Satz mit u=au = a, v=xv = x, fx0f_x \equiv 0. Beides Spezialfälle, kein neuer Beweis nötig.
Formel Hauptsatz Analysis I
ddxaxg(t)dt=g(x)\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}x}\int_a^x g(t)\,\mathrm{d}t = g(x)
Mitschrift. Klassiker aus Analysis I, hier als Spezialfall des V.5-Satzes.
Prüfungstipp Bei Klausur-Aufgaben mit f(x,t)dt\int f(x, t)\,\mathrm{d}t: erst Grenzen anschauen, dann passenden Satz wählen. Spezialfall-Check spart Schreibarbeit und Vorzeichen-Fehler.

6.1 Anwendungen

Vier Aufgaben, die alle drei Maschinen aus §2 und §4 nutzen: Methode der kleinsten Quadrate (Minimum eines Integrals), Logarithmus-Integral 01(tx1)/ln(t)dt\int_0^1 (t^x - 1)/\ln(t)\,\mathrm{d}t (kniffliger Integrand durch Ableiten elementar), Bessel-ähnliche DGL für Φ(x)=0πcos(xsin(t))dt\Phi(x) = \int_0^\pi \cos(x\sin(t))\,\mathrm{d}t (DGL-Identität nachweisen ohne Stammfunktion), und endlich der Mech-II-Balken M(x)=Q(x)M'(x) = -Q(x) aus §1. Jede Anwendung steht für ein Klausur-Pattern.

Aufgabentyp Strategie Beispiel
Minimum eines Integrals Φ(a)=0\Phi'(a) = 0 via §2 (a) Kleinste Quadrate
Unkenntlicher Integrand Ableitung kürzt; §2, dann aufintegrieren (b) ln(t)\ln(t)-Integral
DGL-Identität nachweisen mehrfach via §2 ableiten, einsetzen (c) Bessel-ähnlich
Variable Grenze und xx im Integranden voller §4-Satz, drei Terme (d) Mech-II-Balken
Strategien je nach Aufgabentyp.

(a) Methode der kleinsten Quadrate. Mitschrift. Approximiere die Funktion f(t)=tf(t) = \sqrt t auf dem Intervall [0,1][0, 1] durch eine lineare Funktion g(a,t)=atg(a, t) = a\,t. Gesucht ist der Parameter aa, der den Fehler minimiert.

Warum quadrieren? Den linearen Fehler Ψ(a)=01f(t)g(a,t)dt\Psi(a) = \int_0^1 |f(t) - g(a, t)|\,\mathrm{d}t kann man minimieren, aber die Betragsfunktion macht das hässlich. Die Methode der kleinsten Quadrate quadriert die Differenz; dadurch werden grössere Abweichungen stärker gewichtet, und der Integrand wird glatt:

Lösungsweg kleinste Quadrate

  1. Schritt 1: Fehler-Funktion ausschreiben
    Quadriere die Differenz und expandiere den Integranden zu drei einzeln integrierbaren Termen:
    Φ(a):=01(tat)2dt=01(t2at3/2+a2t2)dt\begin{aligned} \Phi(a) &:= \int_0^1 (\sqrt t - a\,t)^2\,\mathrm{d}t \\ &= \int_0^1 \bigl(t - 2 a\,t^{3/2} + a^2 t^2\bigr)\,\mathrm{d}t \end{aligned}
  2. Schritt 2: tt-Integral elementar
    Stammfunktionen: tt2/2t \to t^2/2, t3/2(2/5)t5/2t^{3/2} \to (2/5) t^{5/2}, t2t3/3t^2 \to t^3/3. Grenzen 00 und 11 einsetzen:
    Φ(a)=124a5+a23\Phi(a) = \frac{1}{2} - \frac{4a}{5} + \frac{a^2}{3}
  3. Schritt 3: Minimum via Φ(a)=0\Phi'(a) = 0
    Quadratische Funktion in aa mit positivem Leitkoeffizient 1/31/3, also genau ein Minimum. Ableiten und null setzen:
    Φ(a)=45+2a3=!0    a=65\Phi'(a) = -\frac{4}{5} + \frac{2a}{3} \stackrel{!}{=} 0 \;\Longrightarrow\; a = \frac{6}{5}
  4. Schritt 4: Endwert und Validierung
    Beste lineare Approximation von t\sqrt t auf [0,1][0, 1] im Sinne der kleinsten Quadrate ist g(t)=65tg(t) = \tfrac{6}{5}\,t. Probe: bei t=1t = 1 ist g(1)=6/5=1.2g(1) = 6/5 = 1.2 und 1=1\sqrt 1 = 1, die Gerade liegt knapp über t\sqrt t am rechten Rand und kompensiert links die Krümmung der Wurzel.
    Beste lineare Approximation:
    g(t)=65t    approximiert    f(t)=t    auf    [0,1]g(t) = \tfrac{6}{5}\,t \;\;\text{approximiert}\;\; f(t) = \sqrt t \;\;\text{auf}\;\; [0, 1]

Bonus: §2-Variante. Mitschrift rechnet das Beispiel zur Probe nochmal über den §2-Satz: mit f(x,t)=(txt)2f(x, t) = (\sqrt t - x\,t)^2 (also Parameter xx statt aa) ist fx(x,t)=2t(txt)=2xt22t3/2f_x(x, t) = -2t\,(\sqrt t - x\,t) = 2x\,t^2 - 2 t^{3/2}. Dann ist Φ(x)=01(2xt22t3/2)dt=2x/34/5\Phi'(x) = \int_0^1 (2x\,t^2 - 2 t^{3/2})\,\mathrm{d}t = 2x/3 - 4/5, was bei Φ(x)=!0\Phi'(x) \stackrel{!}{=} 0 dasselbe x=6/5x = 6/5 liefert. Beide Wege geben dasselbe Resultat; die §2-Variante zeigt, dass Differentiation unter dem Integral und direktes Ausintegrieren hier äquivalent sind.

(b) Logarithmus-Integral. Mitschrift. Bestimme die Ableitung der Funktion

Setup Logarithmus-Integral
Φ(x)=01tx1ln(t)dt\Phi(x) = \int_0^1 \frac{t^x - 1}{\ln(t)}\,\mathrm{d}t
Mitschrift. Der Integrand (tx1)/ln(t)\bigl(t^x - 1\bigr)/\ln(t) hat keine elementare Stammfunktion in tt, aber Differentiation nach xx kürzt den Nenner ln(t)\ln(t) raus.

Lösungsweg Logarithmus-Integral

  1. Schritt 1: xtx\partial_x\,t^x via Kettenregel
    Schreibe tx=exln(t)t^x = e^{x \ln(t)}, dann ist die Ableitung nach xx Standard:
    xtx=xexln(t)=(ln(t))exln(t)=(ln(t))tx\partial_x\,t^x = \partial_x\,e^{x \ln(t)} = (\ln(t))\,e^{x \ln(t)} = (\ln(t))\,t^x
  2. Schritt 2: §2-Satz anwenden, ln(t)\ln(t) kürzt
    Differenzieren unter dem Integral und sehen, dass der gefährliche Nenner ln(t)\ln(t) sich gegen den Faktor ln(t)\ln(t) im Zähler wegkürzt:
    Φ(x)=01(ln(t))txln(t)dt=01txdt=1x+1\Phi'(x) = \int_0^1 \frac{(\ln(t))\,t^x}{\ln(t)}\,\mathrm{d}t = \int_0^1 t^x\,\mathrm{d}t = \frac{1}{x + 1}
  3. Schritt 3: Aufintegrieren
    Stammfunktion von 1/(x+1)1/(x + 1) ist ln(x+1)\ln(x + 1), plus Integrationskonstante:
    Φ(x)=1x+1dx=ln(x+1)+C\Phi(x) = \int \frac{1}{x + 1}\,\mathrm{d}x = \ln(x + 1) + C
  4. Schritt 4: CC via Anfangswert
    Wähle x=0x = 0, damit der Integrand einfach wird: (t01)/ln(t)=0/ln(t)=0(t^0 - 1)/\ln(t) = 0/\ln(t) = 0 für t(0,1)t \in (0, 1). Also Φ(0)=0\Phi(0) = 0, und damit muss ln(0+1)+C=C=0\ln(0 + 1) + C = C = 0:
    Φ(0)=010dt=0=!ln1+C    C=0\Phi(0) = \int_0^1 0\,\mathrm{d}t = 0 \stackrel{!}{=} \ln 1 + C \;\Longrightarrow\; C = 0
  5. Schritt 5: Endwert
    Setze C=0C = 0 ein:
    Φ(x)=01tx1ln(t)dt=ln(x+1)\Phi(x) = \int_0^1 \frac{t^x - 1}{\ln(t)}\,\mathrm{d}t = \ln(x + 1)

Was hier passiert. Der Integrand sieht unkenntlich aus. Ein direkter tt-Integrations-Angriff scheitert (keine elementare Stammfunktion). Differentiation unter dem Integral verwandelt ihn in txt^x, das ist elementar. Anschliessend wieder nach xx aufintegrieren, Konstante mit einem geschickten Anfangswert bestimmen, fertig. Klassisches Klausur-Pattern: unkenntlich machen durch Ableiten.

(c) Bessel-ähnliche DGL. Mitschrift. Zeige, dass die Funktion Φ(x)=0πcos(xsin(t))dt\Phi(x) = \int_0^\pi \cos(x \sin(t))\,\mathrm{d}t die Differentialgleichung

!!
Behauptete DGL für Φ\Phi
Φ(x)+1xΦ(x)+Φ(x)=0\Phi''(x) + \frac{1}{x}\,\Phi'(x) + \Phi(x) = 0
Mitschrift. Bessel-Gleichung der Ordnung null. Φ\Phi ist eine sogenannte Bessel-Funktion (genauer πJ0(x)\pi\,J_0(x)), deren tt-Stammfunktion man nicht in geschlossener Form kennt. Trotzdem lässt sich die DGL elegant über V.5 nachweisen.

Strategie. cos(xsin(t))\cos(x\sin(t)) ist nicht elementar nach tt integrierbar. Anstatt Φ\Phi direkt auszurechnen, leiten wir zweimal nach xx ab (das ist erlaubt, weil die Grenzen konstant sind und der Integrand glatt ist) und prüfen die DGL als Integral-Identität.

Lösungsweg DGL-Nachweis

  1. Schritt 1: Φ(x)\Phi'(x) via §2
    Innere Ableitung xcos(xsin(t))=sin(t)sin(xsin(t))\partial_x \cos(x\sin(t)) = -\sin(t) \cdot \sin(x\sin(t)) (Kettenregel: äussere sin-\sin mal innere sin(t)\sin(t)):
    Φ(x)=0πsin(t)(sin(xsin(t)))dt\Phi'(x) = \int_0^\pi \sin(t) \cdot \bigl(-\sin(x \sin(t))\bigr)\,\mathrm{d}t
  2. Schritt 2: Φ(x)\Phi''(x) via §2 nochmal
    Erneut nach xx ableiten, der Faktor sin(t)\sin(t) bleibt stehen, x(sin(xsin(t)))=sin(t)cos(xsin(t))\partial_x \bigl(-\sin(x\sin(t))\bigr) = -\sin(t) \cdot \cos(x\sin(t)):
    Φ(x)=0πsin2tcos(xsin(t))dt\Phi''(x) = \int_0^\pi -\sin^2 t \cdot \cos(x \sin(t))\,\mathrm{d}t
  3. Schritt 3: Φ\Phi' via partielle Integration umformen
    Φ\Phi'' und Φ\Phi enthalten cos(xsin(t))\cos(x \sin(t)) als Faktor, Φ\Phi' aber nicht (dort steht sin\sin). Damit die DGL-Summe ein gemeinsames cos(xsin(t))\cos(x\sin(t)) hat, formen wir Φ\Phi' um. Wähle v=sin(t)v=cos(t)v' = \sin(t) \Rightarrow v = -\cos(t) und u=sin(xsin(t))u=xcos(t)cos(xsin(t))u = -\sin(x\sin(t)) \Rightarrow u' = -x\,\cos(t)\,\cos(x\sin(t)) (innere cos(t)x\cos(t) \cdot x mal äussere cos-\cos):
    Φ(x)=[(cos(t))(sin(xsin(t)))]0π0π(cos(t))(xcos(t)cos(xsin(t)))dt\begin{aligned} \Phi'(x) &= \Bigl[(-\cos(t))\,\bigl(-\sin(x \sin(t))\bigr)\Bigr]_0^\pi \\ &- \int_0^\pi (-\cos(t))\,\bigl(-x\cos(t)\,\cos(x \sin(t))\bigr)\,\mathrm{d}t \end{aligned}
  4. Schritt 4: Randterm verschwindet
    Bei t=0t = 0 und t=πt = \pi ist sin(t)=0\sin(t) = 0, also sin(xsin(t))=sin0=0\sin(x \sin(t)) = \sin 0 = 0. Damit ist der Randterm [cos(t)sin(xsin(t))]0π=00=0\bigl[\cos(t) \cdot \sin(x\sin(t))\bigr]_0^\pi = 0 - 0 = 0:
    Φ(x)=0x0πcos2tcos(xsin(t))dt\Phi'(x) = 0 - x \int_0^\pi \cos^2 t \cdot \cos(x \sin(t))\,\mathrm{d}t
  5. Schritt 5: DGL-Summe ausrechnen
    Jetzt haben alle drei Terme cos(xsin(t))\cos(x\sin(t)) als Faktor. Aus Schritt 4 folgt 1xΦ(x)=0πcos2tcos(xsin(t))dt\tfrac{1}{x}\,\Phi'(x) = -\int_0^\pi \cos^2 t \cdot \cos(x \sin(t))\,\mathrm{d}t. Summe der drei Integrale, Integrand-Klammer faktorisieren mit der Pythagoras-Identität sin2t+cos2t=1\sin^2 t + \cos^2 t = 1:
    Φ(x)+1xΦ(x)+Φ(x)=0πcos(xsin(t))(sin2tcos2t+1)dt=0πcos(xsin(t))0dt=0\begin{aligned} \Phi''(x) + \tfrac{1}{x}\,\Phi'(x) + \Phi(x) &= \int_0^\pi \cos(x\sin(t))\,\bigl(-\sin^2 t - \cos^2 t + 1\bigr)\,\mathrm{d}t \\ &= \int_0^\pi \cos(x \sin(t)) \cdot 0\,\mathrm{d}t = 0 \end{aligned}

Pointe. Φ\Phi ist eine Bessel-Funktion der Ordnung null, deren Lösungsformel man nicht in elementaren Funktionen schreiben kann. Dass sie eine bestimmte DGL löst, lässt sich aber elegant über die V.5-Maschine beweisen, ganz ohne die Stammfunktion zu kennen. Genau diese Trennung von „Funktion explizit hinschreiben" und „Funktion eine DGL erfüllen" ist der Reiz von §2 plus partielle Integration.

(d) Mech-II-Balken, M(x)=Q(x)M'(x) = -Q(x). Mitschrift. Wir lösen jetzt die Aufgabe aus §1. Auf dem Biegemoment M(x)=Ax+0x(xt)p(t)dtM(x) = -A\,x + \int_0^x (x - t)\,p(t)\,\mathrm{d}t wirken alle drei §4-Beiträge.

Lösungsweg Mech-II-Balken

  1. Schritt 1: §4-Setup ablesen
    Im Integral identifiziere u(x)=0u(x) = 0, v(x)=xv(x) = x, f(t,x)=(xt)p(t)f(t, x) = (x - t)\,p(t). Ableitungen: u(x)=0u'(x) = 0, v(x)=1v'(x) = 1, fx(t,x)=p(t)f_x(t, x) = p(t) (partielle Ableitung nach xx, tt ist Parameter):
    u(x)=0,    v(x)=x,    f(t,x)=(xt)p(t),    fx(t,x)=p(t)u(x) = 0,\;\; v(x) = x,\;\; f(t, x) = (x - t)\,p(t),\;\; f_x(t, x) = p(t)
  2. Schritt 2: §4-Satz auf MM anwenden
    Drei Beiträge aufschreiben: Integrand-Anteil, oberer Rand bei v(x)=xv(x) = x, unterer Rand bei u(x)=0u(x) = 0. Plus die Ableitung des Vor-Terms Ax-A\,x:
    M(x)=A+0xp(t)dt+f(x,x)1f(0,x)0M'(x) = -A + \int_0^x p(t)\,\mathrm{d}t + f(x, x) \cdot 1 - f(0, x) \cdot 0
  3. Schritt 3: Oberer Randterm verschwindet
    Setze t=xt = x in f(t,x)=(xt)p(t)f(t, x) = (x - t)\,p(t) ein, die Klammer (xx)=0(x - x) = 0 frisst alles:
    f(x,x)=(xx)p(x)=0f(x, x) = (x - x)\,p(x) = 0
  4. Schritt 4: Endwert und Vergleich mit Q(x)Q(x)
    Übrig bleiben nur Integrand-Beitrag und Vor-Term. Das ist genau Q(x)-Q(x):
    M(x)=A+0xp(t)dt=(A0xp(t)dt)=Q(x)\begin{aligned} M'(x) &= -A + \int_0^x p(t)\,\mathrm{d}t \\ &= -\Bigl(A - \int_0^x p(t)\,\mathrm{d}t\Bigr) = -Q(x) \end{aligned}
Notation aa ist Parameter, kein Geometrie-Mass
Pflicht in (a): aa == Parameter der affinen Näherung g(a,t)=atg(a, t) = a\,t. In V.1 war aa Ellipsen-Halbachse, in V.2 Loch-Kugelradius, in V.3 Würfel-Halbkante, in V.4 Vollkugel-Radius. Hier neu vergeben als skalarer Parameter.
Formel Kleinste Quadrate, Endwert
a=65a = \frac{6}{5}
Mitschrift. Beste lineare Approximation von t\sqrt t auf [0,1][0, 1] ist g(t)=65tg(t) = \tfrac{6}{5}\,t.
Formel Logarithmus-Integral, Endwert
01tx1ln(t)dt=ln(x+1)\int_0^1 \frac{t^x - 1}{\ln(t)}\,\mathrm{d}t = \ln(x + 1)
Mitschrift. Über Φ(x)=1/(x+1)\Phi'(x) = 1/(x+1) und Anfangswert Φ(0)=0\Phi(0) = 0.
Formel Bessel-DGL nachgewiesen
Φ(x)+1xΦ(x)+Φ(x)=0\Phi''(x) + \frac{1}{x}\,\Phi'(x) + \Phi(x) = 0
Mitschrift. Φ(x)=0πcos(xsin(t))dt\Phi(x) = \int_0^\pi \cos(x\sin(t))\,\mathrm{d}t. Bessel-Funktion Ordnung null.
Formel Mech-II-Balken, Endwert
M(x)=Q(x)M'(x) = -Q(x)
Mitschrift. Standard-Aussage der Balkenstatik, jetzt bewiesen via §4 mit f(x,x)=0f(x, x) = 0.
Merke Randterm-Trick (c)
Merke: bei der partiellen Integration in (c) verschwindet der Randterm, weil sin(xsin0)=sin(xsin(π))=sin0=0\sin(x \sin 0) = \sin(x \sin(\pi)) = \sin 0 = 0. Begründung explizit hinschreiben, sonst wirkt der Schritt magisch.
Prüfungstipp Bei jedem (xt)p(t)dt\int (x - t)\,p(t)\,\mathrm{d}t mit oberer Grenze xx: oberer Randterm f(x,x)=0f(x, x) = 0 wegen (xx)=0(x - x) = 0. Klassisches Mech-II-Muster, auch bei Schubmoment-Integralen verwendbar.

7.1 Aufgaben

Aufgaben werden vom Nutzer geliefert.