1.1 Lineares Stoffverhalten σ=Eε\sigma = E\,\varepsilon

Bisher haben wir Spannung (Last) und Verzerrung (Antwort des Materials) getrennt behandelt. Das Stoffgesetz verbindet beide an einem Punkt im Material. Im linear-elastischen Bereich gilt das Hookesche Gesetz: Spannung proportional zur Dehnung.

Die Materialkonstante EE heisst Elastizitätsmodul. Sie ist die Steigung der Spannungs-Dehnungs-Kurve im linearen Bereich. Einheit: [GPa]=[kN/mm2][\mathrm{GPa}] = [\mathrm{kN/mm^2}], gleich der Spannung. Typische Werte: Stahl E200E \approx 200 GPa, Aluminium E70E \approx 70 GPa, Beton E30E \approx 30 GPa.

Anwendung Stab unter Zug. Mit ε=Δl/l0\varepsilon = \Delta l / l_0 und σ=N/A\sigma = N/A folgt direkt eine Formel für die Längenänderung als Integral über die Stab-Länge. Der Querschnitt A(x)A(x) darf entlang xx variieren.

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Hookesches Gesetz 1D
σ=Eε    N(x)A=EΔll\sigma = E\,\varepsilon\;\Leftrightarrow\; \frac{N(x)}{A} = E\,\frac{\Delta{l}}{l}
Lineare Beziehung Spannung zu Dehnung. Gilt im elastischen Bereich. EE ist die Steigung der σ\sigma-ε\varepsilon-Kurve.
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Längenänderung eines Stabes
Δl=1E0lN(x)A(x)dx\Delta l = \frac{1}{E}\int_0^l \frac{N(x)}{A(x)}\,dx
Bei konstantem Querschnitt vereinfacht sich das zu Δl=Nl/(EA)\Delta l = N\,l/(E\,A). Bei abschnittsweise konstantem Querschnitt: Summe der Teilabschnitte.

Anschauungs-Beispiel (Üs5 H1). Ein Stab der Länge l0=125l_0 = 125 mm mit Querschnittsfläche A0=500A_0 = 500 mm2^2 wird mit P=40P = 40 kN belastet und um Δl=0,05\Delta l = 0{,}05 mm verlängert. Aus E=σ/ε=(P/A0)/(Δl/l0)E = \sigma/\varepsilon = (P/A_0)/(\Delta l/l_0) folgt E=40000N/500mm2125mm/0,05mm=200000N/mm2=200E = 40000\,\mathrm{N}/500\,\mathrm{mm^2} \cdot 125\,\mathrm{mm}/0{,}05\,\mathrm{mm} = 200\,000\,\mathrm{N/mm^2} = 200 GPa. Material: Stahl.

Definition Elastizitätsmodul EE
Steigung der σ\sigma-ε\varepsilon-Kurve im linearen Bereich. Materialkonstante, Einheit GPa.
Formel Hooke 1D
σ=Eε\sigma = E\,\varepsilon
Spannung proportional zur Dehnung.
Merke Typische EE-Werte
Stahl 200 GPa, Aluminium 70 GPa, Beton 30 GPa. Sanity-Anker für Klausuren.
Prüfungstipp Einheit prüfen
ε\varepsilon dimensionslos, σ\sigma und EE in MPa oder GPa konsistent halten.

1.2 Schubgesetz und Schubmodul GG

Analog zur Normaldehnung gibt es ein Stoffgesetz für Schub. Ein Würfel verformt sich unter Schubspannung τxy\tau_{xy} um den Winkel γxy\gamma_{xy} in Radiant. Die lineare Beziehung lautet τ=Gγ\tau = G\,\gamma, mit dem Schubmodul GG als Materialkonstante.

Brücke zu Kap. 4: γxy=2εxy\gamma_{xy} = 2\,\varepsilon_{xy}, der Faktor 22 aus der Tensor- gegenüber Ingenieur-Konvention. Damit ist τxy=Gγxy=2Gεxy\tau_{xy} = G\,\gamma_{xy} = 2G\,\varepsilon_{xy}.

Typische Werte: Stahl G80G \approx 80 GPa, Aluminium G25G \approx 25 GPa. Verglichen mit EE ist GG um Faktor 2,52{,}5 bis 33 kleiner. Das ist kein Zufall, wie Sec. 1.3 zeigt.

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Schubgesetz
τxy=Gγxy=2Gεxy\tau_{xy} = G\,\gamma_{xy} = 2G\,\varepsilon_{xy}
GG ist der Schubmodul. γ\gamma ist der Ingenieur-Schubwinkel, εxy\varepsilon_{xy} die Tensor-Komponente (mit Faktor 1/21/2).
Definition Schubmodul GG
Materialkonstante. Einheit GPa, gleich wie EE.
Formel Schubgesetz
τ=Gγ\tau = G\,\gamma
Schubspannung proportional zum Schubwinkel.
Merke Typische GG-Werte
Stahl 80 GPa, Aluminium 25 GPa. Faktor 2,52{,}5 bis 33 kleiner als EE.

1.3 Querkontraktion und die Kopplung G=E/(2(1+ν))G = E/(2(1+\nu))

Wiederholung Kap. 4 Sec. 4.2: die Querkontraktionszahl ν=εquer/εlaengs\nu = -\varepsilon_{\text{quer}}/\varepsilon_{\text{laengs}} misst das Verhältnis von Quer- zu Längsdehnung bei reinem Zug. Stahl ν0,3\nu \approx 0{,}3, Gummi ν0,5\nu \to 0{,}5, Kork ν0\nu \approx 0.

Zentrale Erkenntnis. Ein linear-elastisches isotropes Material hat nur zwei unabhängige Materialkonstanten, nicht drei. Aus EE und ν\nu folgt GG automatisch durch eine Kopplungs-Beziehung.

Anschauliche Begründung. Reine Schubspannung in einem xyxy-Koordinatensystem entspricht reiner Zug-Druck-Belastung in einem 45°45°-gedrehten Koordinatensystem: in der einen Hauptachse Zug +τ+\tau, in der anderen Druck τ-\tau. Die Längsdehnung dieser Hauptachsen-Belastung folgt aus 1D-Hooke mit Querkontraktion. Über die Kompatibilität der Verformungen lässt sich GG aus EE und ν\nu herleiten. Resultat:

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Kopplung der Materialkonstanten
G=E2(1+ν)G = \frac{E}{2(1+\nu)}
Verbindet EE, GG und ν\nu. Nur zwei der drei Konstanten sind unabhängig wählbar.

Cross-Check mit typischen Werten. Stahl: E=200E = 200 GPa, ν=0,3\nu = 0{,}3, also G=200/(21,3)77G = 200/(2 \cdot 1{,}3) \approx 77 GPa. Stimmt mit dem typischen Wert 8080 GPa überein. Aluminium: E=70E = 70 GPa, ν=0,33\nu = 0{,}33, also G=70/(21,33)26G = 70/(2 \cdot 1{,}33) \approx 26 GPa. Auch konsistent.

Definition Querkontraktionszahl ν\nu
ν=εquer/εlaengs\nu = -\varepsilon_{\text{quer}}/\varepsilon_{\text{laengs}}. Stahl 0,3\approx 0{,}3, Gummi 0,5\to 0{,}5, Kork 0\approx 0.
Formel Kopplung
G=E2(1+ν)G = \frac{E}{2(1+\nu)}
Bei isotropem Material zwei unabhängige Konstanten.
Merke Nur zwei unabhängig
Aus zwei der drei Grössen EE, GG, ν\nu folgt die dritte.
Prüfungstipp Klausur-Sanity
GE/2,6G \approx E/2{,}6 für typische Metalle. Schnell-Check für Plausibilität.

1.4 Beispiel: Verschiebung bei variablem Querschnitt

Aufgabe (aus Übungsserie 5, Hausübung H2). Gegeben sei ein linear-elastischer Stab (Elastizitätsmodul EE) mit variablem Querschnitt: Querschnittsfläche A1A_1 im Bereich AA-BB (Länge ll), Querschnittsfläche A2A_2 im Bereich BB-CC (Länge 2l2l). Der Stab ist an der Stelle AA eingespannt. An der Stelle CC greift eine Kraft mit Betrag F1=2PF_1 = 2P an, an der Stelle BB eine weitere Kraft mit Betrag F2=PF_2 = P (beide in negative xx-Richtung).

(a) Normalspannung σx\sigma_x in der Mitte des Abschnitts BB-CC bei x=2lx = 2l berechnen. (b) Querschnittsflächen-Verhältnis A1/A2A_1/A_2 bestimmen, so dass σx(x=l/2)=σx(x=2l)\sigma_x(x=l/2) = \sigma_x(x=2l). (c) Verschiebung des Punktes CC in xx-Richtung für A1=AA_1 = A und das unter (b) bestimmte Verhältnis.

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Normalkraft im Abschnitt BB-CC aus Freischnitt
    Schnitt rechts vom Punkt BB und Gleichgewicht des freigeschnittenen Stab-Endes. Es wirkt nur F1=2PF_1 = 2P in negative xx-Richtung; die Schnittkraft N1N_1 ist die innere Reaktion.
    Aus Fx=0\sum F_x = 0: N1+F1=0N1=2PN_1 + F_1 = 0 \Rightarrow N_1 = -2P. Negativ heisst Druck.
    σx(x=2l)=N1A2=2PA2\sigma_x(x=2l) = \frac{N_1}{A_2} = -\frac{2P}{A_2}
  2. Schritt 2: Lagerkraft AxA_x aus Gleichgewicht am ganzen Stab
    Beide Kräfte F1F_1 und F2F_2 wirken in negative xx-Richtung. Die Einspannung bei AA muss insgesamt F1+F2=3PF_1 + F_2 = 3P in positive xx-Richtung halten.
    Fx=0Ax=F1+F2=3P\sum F_x = 0 \Rightarrow A_x = F_1 + F_2 = 3P.
    Ax=F1+F2=2P+P=3PA_x = F_1 + F_2 = 2P + P = 3P
  3. Schritt 3: Normalkraft im Abschnitt AA-BB und Spannung σx(x=l/2)\sigma_x(x=l/2)
    Schnitt zwischen AA und BB, Freischnitt der linken Seite. Es wirkt nur Ax=3PA_x = 3P als Druck-Reaktion an der Einspannung.
    N2=Ax=3PN_2 = -A_x = -3P. Spannung im Abschnitt AA-BB:
    σx(x=l/2)=N2A1=3PA1\sigma_x(x=l/2) = \frac{N_2}{A_1} = -\frac{3P}{A_1}
  4. Schritt 4: Querschnittsflächen-Verhältnis aus Gleichheits-Bedingung
    Aufgabenteil (b) verlangt σx(x=l/2)=σx(x=2l)\sigma_x(x=l/2) = \sigma_x(x=2l). Beide sind negativ; einsetzen und auflösen.
    Mit A1=AA_1 = A folgt A2=(2/3)AA_2 = (2/3)\,A.
    3PA1=2PA2    A1A2=32-\frac{3P}{A_1} = -\frac{2P}{A_2} \;\Longrightarrow\; \frac{A_1}{A_2} = \frac{3}{2}
  5. Schritt 5: Verschiebung von CC aus Aufsummieren der Längenänderungen
    Beide Abschnitte haben konstante Spannung. Längenänderung jedes Teils via Hooke, dann addieren. Mit A1=AA_1 = A und A2=(2/3)AA_2 = (2/3)\,A: σAB=3P/A\sigma_{AB} = -3P/A, σBC=2P/((2/3)A)=3P/A\sigma_{BC} = -2P/((2/3)\,A) = -3P/A (gleich, wie verlangt).
    Beide Abschnitte tragen gleichermassen zur Längenänderung bei.
    ΔLtot=σABEl+σBCE2l=3PEAl6PEAl=9PlEA\begin{aligned} \Delta L_{\text{tot}} &= \frac{\sigma_{AB}}{E}\,l + \frac{\sigma_{BC}}{E}\,2l \\ &= -\frac{3P}{EA}\,l - \frac{6P}{EA}\,l \\ &= \boxed{-\frac{9\,P\,l}{EA}} \end{aligned}
Formel Resultate
ΔLtot=9PlEA\Delta L_{\text{tot}} = -\frac{9\,P\,l}{EA}
Plus σx(2l)=2P/A2\sigma_x(2l) = -2P/A_2, A1/A2=3/2A_1/A_2 = 3/2.
Merke Drei Schritte für Stab-Aufgaben
Freischnitt für Normalkraft, Hooke für Dehnung, Integration für Verschiebung.
Prüfungstipp Vorzeichen prüfen
Druck \Rightarrow negative Normalkraft, negative Spannung, negative Längenänderung.
Querverweis Brücke
→ Sec. 1.1 Stab-Hooke

1.5 Beispiel: Schubmodul aus Trapez-Verformung

Aufgabe (aus Übungsserie 5, Schnellübung S2). Die durch den Spannungstensor

{T}xy=(200744744150)MPa\{\underline{\underline{T}}\}_{xy} = \begin{pmatrix} 200 & 744 \\ 744 & 150 \end{pmatrix}\,\mathrm{MPa}

beschriebenen Spannungen verformen einen ursprünglich rechteckigen Bereich der Grösse 400×300400 \times 300 mm in das skizzierte Trapez. Die obere Kante verschiebt sich um 55 mm nach rechts, die rechte Kante um 55 mm nach oben. Bestimme den Schubmodul GG unter der Annahme linear-elastischen Materialverhaltens.

Lösungsweg in 3 Schritten

  1. Schritt 1: Schubwinkel aus Geometrie
    Bei kleinen Winkeln ist tan(γ)γ\tan(\gamma) \approx \gamma in Radiant. Der Gesamt-Schubwinkel γxy\gamma_{xy} setzt sich aus zwei Teil-Winkeln zusammen: γ1\gamma_1 aus der Verschiebung der oberen Kante (5 mm Versatz auf 300300 mm Höhe) und γ2\gamma_2 aus der Verschiebung der rechten Kante (5 mm Versatz auf 400400 mm Breite).
    Beide addieren.
    γxy=γ1+γ2=5mm300mm+5mm400mm=0,01667+0,01250=0,02917\begin{aligned} \gamma_{xy} &= \gamma_1 + \gamma_2 \\ &= \frac{5\,\mathrm{mm}}{300\,\mathrm{mm}} + \frac{5\,\mathrm{mm}}{400\,\mathrm{mm}} \\ &= 0{,}01667 + 0{,}01250 = 0{,}02917 \end{aligned}
  2. Schritt 2: Schubmodul aus Schubgesetz
    τxy=Gγxy\tau_{xy} = G\,\gamma_{xy} liefert direkt G=τxy/γxyG = \tau_{xy}/\gamma_{xy}. Schubspannung aus dem gegebenen Tensor ablesen: τxy=744\tau_{xy} = 744 MPa.
    Einsetzen.
    G=τxyγxy=744MPa0,0291725500MPa=25,5GPa\begin{aligned} G &= \frac{\tau_{xy}}{\gamma_{xy}} = \frac{744\,\mathrm{MPa}}{0{,}02917} \\ &\approx 25\,500\,\mathrm{MPa} = 25{,}5\,\mathrm{GPa} \end{aligned}
  3. Schritt 3: Material identifizieren
    Vergleich mit typischen Schubmodulen: Stahl G80G \approx 80 GPa, Aluminium G25G \approx 25 GPa, Beton G12G \approx 12 GPa. Der Wert 25,525{,}5 GPa zeigt eindeutig auf Aluminium.
    Resultat festhalten.
      G25,5GPa    Aluminium  \boxed{\;G \approx 25{,}5\,\mathrm{GPa} \;\Longrightarrow\; \text{Aluminium}\;}
Formel Resultat
G25,5GPaG \approx 25{,}5\,\mathrm{GPa}
Material: Aluminium.
Merke γxy\gamma_{xy} aus zwei Halb-Winkeln
Bei kleinen Winkeln: Verschiebung dividiert durch ursprüngliche Länge.
Prüfungstipp Material-Anker
Stahl G80G \approx 80, Aluminium G25G \approx 25, Beton G12G \approx 12 GPa.
Querverweis Brücke
→ Sec. 1.2 Schubgesetz

2.1 Warum 1D-Hooke in 3D nicht reicht

Das 1D-Hooke-Gesetz σ=Eε\sigma = E\,\varepsilon reicht nur für reine Zug-Druck-Belastung in einer Achse. Real wirken auf einen Materialpunkt in 3D bis zu sechs unabhängige Spannungs-Komponenten (σx,σy,σz,τxy,τxz,τyz\sigma_x, \sigma_y, \sigma_z, \tau_{xy}, \tau_{xz}, \tau_{yz}), und diese erzeugen kombinierte Verzerrungen.

Spannungs-Verzerrungs-Kopplung. Eine Zugspannung σx\sigma_x erzeugt nicht nur eine Längsdehnung εx\varepsilon_x, sondern wegen Querkontraktion auch εy\varepsilon_y und εz\varepsilon_z (negativ). Wirken zusätzlich σy\sigma_y oder σz\sigma_z, addieren sich ihre Beiträge zu jeder Komponente. Das ist Superposition.

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Lineare Normaldehnung in 3D
εx=1E[σxν(σy+σz)]\varepsilon_x = \frac{1}{E}\big[\sigma_x - \nu(\sigma_y + \sigma_z)\big]
Eigene Zugspannung mit voller Wirkung, Querbeiträge mit Faktor ν-\nu. Analog für εy\varepsilon_y und εz\varepsilon_z durch zyklisches Vertauschen.

Schub-Komponenten sind unabhängig. τxy\tau_{xy} erzeugt nur εxy\varepsilon_{xy}, nicht εxz\varepsilon_{xz} oder εyz\varepsilon_{yz}. Das Schubgesetz ist diagonal: jede Schubspannung koppelt nur zu ihrer eigenen Schubverzerrung. Mit der Kopplung aus Sec. 1.3 (G=E/(2(1+ν))G = E/(2(1+\nu))) lässt sich das auch in EE und ν\nu ausdrücken.

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Schubverzerrung in 3D
εxy=τxy2G=1+νEτxy\varepsilon_{xy} = \frac{\tau_{xy}}{2G} = \frac{1+\nu}{E}\,\tau_{xy}
Faktor 1/(2G)=(1+ν)/E1/(2G) = (1+\nu)/E für jede Schubkomponente. Schub-Schub-Kopplung diagonal.
Merke Sechs Spannungen, sechs Verzerrungen
Vollständiger 3D-Spannungs- und Verzerrungs-Zustand mit jeweils sechs unabhängigen Werten.
Merke Querkontraktion in jeder Achse
σx\sigma_x erzeugt εx\varepsilon_x (Längs) plus νεx-\nu\,\varepsilon_x in yy und zz (Quer). Linear superposiert mit den anderen σ\sigma.
Prüfungstipp Schub und Normal entkoppelt
Schubspannung erzeugt nur Schubverzerrung. Keine Quer-Dehnung durch Schub.
Querverweis Brücke
→ Sec. 1.3 Kopplung G und E

2.2 Nachgiebigkeitsmatrix H\underline{\underline{H}}

Sechs Spannungs- und sechs Verzerrungs-Komponenten in Spaltenvektoren packen. Das Stoffgesetz wird zu einer Matrixgleichung ε=Hσ\vec{\varepsilon} = \underline{\underline{H}} \cdot \vec{\sigma}. Die 6×66 \times 6-Matrix H\underline{\underline{H}} heisst Nachgiebigkeitsmatrix (compliance) und packt alle Querkontraktionen und Schub-Beiträge in eine kompakte Form.

Drei Blöcke. Normal-Normal oben links: Diagonale 1/E1/E, Off-Diagonalen ν/E-\nu/E. Schub-Schub unten rechts: Diagonale (1+ν)/E(1+\nu)/E, Off-Diagonalen null. Cross-Blöcke Normal-Schub und Schub-Normal: alles null.

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Nachgiebigkeitsmatrix H\underline{\underline{H}} (ohne Wärmebeitrag)
(εxεyεzεxyεyzεxz)=1E(1νν000ν1ν000νν10000001+ν0000001+ν0000001+ν)(σxσyσzτxyτyzτxz)\begin{pmatrix} \varepsilon_x \\ \varepsilon_y \\ \varepsilon_z \\ \varepsilon_{xy} \\ \varepsilon_{yz} \\ \varepsilon_{xz} \end{pmatrix} = \frac{1}{E}\begin{pmatrix} 1 & -\nu & -\nu & 0 & 0 & 0 \\ -\nu & 1 & -\nu & 0 & 0 & 0 \\ -\nu & -\nu & 1 & 0 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 1+\nu & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 0 & 1+\nu & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 0 & 0 & 1+\nu \end{pmatrix} \begin{pmatrix} \sigma_x \\ \sigma_y \\ \sigma_z \\ \tau_{xy} \\ \tau_{yz} \\ \tau_{xz} \end{pmatrix}
Compliance. Aus Spannungen die Verzerrungen lesen. Cross-Blöcke null, Normal- und Schub-Bereich entkoppelt. Wärmebeitrag αΔT\alpha\,\Delta T wird in Sec. 3.2 ergänzt.
Definition Nachgiebigkeitsmatrix
ε=Hσ\vec{\varepsilon} = \underline{\underline{H}}\,\vec{\sigma}. Verzerrung aus Spannung.
Merke Drei Blöcke
Normal-Normal mit ν-\nu, Schub-Schub mit (1+ν)(1+\nu), Cross null.
Prüfungstipp Schub-Diagonale
1/(2G)=(1+ν)/E1/(2G) = (1+\nu)/E. Faktor (1+ν)(1+\nu) in H\underline{\underline{H}}, weil εij\varepsilon_{ij} Tensor-Form ist.
Querverweis Komplette Form
→ docs/mechanik-notation.md Stoffgesetze

2.3 Steifigkeitsmatrix K\underline{\underline{K}} und Tensor-Kompaktform

Die Steifigkeitsmatrix K=H1\underline{\underline{K}} = \underline{\underline{H}}^{-1} liefert Spannung aus Verzerrung. Vorfaktor E/(1+ν)E/(1+\nu), im Normal-Normal-Block sind die Diagonalen (1ν)/(12ν)(1-\nu)/(1-2\nu) und die Off-Diagonalen ν/(12ν)\nu/(1-2\nu). Schub-Komponenten haben Faktor 11 (mit dem Vorfaktor zusammen also E/(1+ν)E/(1+\nu)).

Achtung: Pol bei ν=0,5\nu = 0{,}5 wegen 12ν1 - 2\nu im Nenner. Das ist die Inkompressibilitätsgrenze; für ideal-inkompressible Materialien funktioniert die Steifigkeitsmatrix nicht direkt.

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Steifigkeitsmatrix K\underline{\underline{K}}
(σxσyσzτxyτyzτxz)=E1+ν(1ν12νν12νν12ν000ν12ν1ν12νν12ν000ν12νν12ν1ν12ν000000100000010000001)(εxεyεzεxyεyzεxz)\begin{pmatrix} \sigma_x \\ \sigma_y \\ \sigma_z \\ \tau_{xy} \\ \tau_{yz} \\ \tau_{xz} \end{pmatrix} = \frac{E}{1+\nu}\begin{pmatrix} \frac{1-\nu}{1-2\nu} & \frac{\nu}{1-2\nu} & \frac{\nu}{1-2\nu} & 0 & 0 & 0 \\ \frac{\nu}{1-2\nu} & \frac{1-\nu}{1-2\nu} & \frac{\nu}{1-2\nu} & 0 & 0 & 0 \\ \frac{\nu}{1-2\nu} & \frac{\nu}{1-2\nu} & \frac{1-\nu}{1-2\nu} & 0 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 1 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 0 & 1 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 0 & 0 & 1 \end{pmatrix} \begin{pmatrix} \varepsilon_x \\ \varepsilon_y \\ \varepsilon_z \\ \varepsilon_{xy} \\ \varepsilon_{yz} \\ \varepsilon_{xz} \end{pmatrix}
Stiffness. Aus Verzerrungen die Spannungen lesen. K=H1\underline{\underline{K}} = \underline{\underline{H}}^{-1}.

Tensor-Kompaktform. Statt mit der 6×66 \times 6-Matrix zu multiplizieren, lässt sich der Spannungstensor direkt aus dem Verzerrungstensor in einer kompakten Tensor-Schreibweise berechnen. Diese Form spart in der Klausur deutlich Zeit, weil keine Vektorisierung notwendig ist.

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Tensor-Kompaktform: σ\sigma aus ε\varepsilon
T=E1+ν[E+νspur(E)12νI]\underline{\underline{T}} = \frac{E}{1+\nu}\Big[\underline{\underline{E}} + \frac{\nu \cdot \operatorname{spur}(\underline{\underline{E}})}{1-2\nu}\,\underline{\underline{I}}\Big]
Sehr kompakte Form. E\underline{\underline{E}} ist der Verzerrungstensor (nicht der Elastizitätsmodul EE, der ist hier Skalar). I\underline{\underline{I}} ist die 3×33 \times 3-Einheitsmatrix. spur(E)=εx+εy+εz\operatorname{spur}(\underline{\underline{E}}) = \varepsilon_x + \varepsilon_y + \varepsilon_z ist die Volumendehnung. Funktioniert in jedem Koordinatensystem, nicht nur in Hauptachsen: σx=E1+ν[εx+νspur(E)12ν]\sigma_x = \frac{E}{1+\nu}\big[\varepsilon_x + \frac{\nu\,\operatorname{spur}(\underline{\underline{E}})}{1-2\nu}\big] direkt aus dem xyzxyz-Tensor. Ehrlich gesagt wird diese Formel nicht einmal im Unterricht so erwähnt, aber in der Serie wird sie als gegeben\mathit{gegeben} erwartet. Ich kann es nur wärmstens empfehlen die Herleitung einmal selber durchzurechnen :)

Inverse Tensor-Form: ε\varepsilon aus σ\sigma. Symmetrisch zum direkten Weg: aus dem Spannungstensor lässt sich der Verzerrungstensor in Tensor-Schreibweise direkt zurückberechnen, ohne 6×66 \times 6-Matrix-Inversion. Das ist die kompakte Form der Nachgiebigkeitsmatrix H\underline{\underline{H}}.

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Tensor-Kompaktform: ε\varepsilon aus σ\sigma
E=1+νETνEspur(T)I\underline{\underline{E}} = \frac{1+\nu}{E}\,\underline{\underline{T}} - \frac{\nu}{E}\,\operatorname{spur}(\underline{\underline{T}})\,\underline{\underline{I}}
Inverse Tensor-Form. Folgt direkt aus der skalaren Hooke-Gleichung εx=(1/E)[σxν(σy+σz)]=((1+ν)/E)σx(ν/E)spur(T)\varepsilon_x = (1/E)[\sigma_x - \nu(\sigma_y + \sigma_z)] = ((1+\nu)/E)\,\sigma_x - (\nu/E)\,\operatorname{spur}(\underline{\underline{T}}). Komponentenweise im xyzxyz-Koordinatensystem, ohne Eigenwert-Schritt. Schub-Komponenten: εij=((1+ν)/E)τij\varepsilon_{ij} = ((1+\nu)/E)\,\tau_{ij}, weil spur\operatorname{spur} nur Diagonal-Komponenten betrifft.
Definition Steifigkeitsmatrix
σ=Kε\vec{\sigma} = \underline{\underline{K}}\,\vec{\varepsilon}. Spannung aus Verzerrung.
Formel σ\sigma aus ε\varepsilon
T=E1+ν[E+νspur(E)12νI]\underline{\underline{T}} = \frac{E}{1+\nu}\Big[\underline{\underline{E}} + \frac{\nu\,\mathrm{spur}(\underline{\underline{E}})}{1-2\nu}\,\underline{\underline{I}}\Big]
Direkte Tensor-Form.
Formel ε\varepsilon aus σ\sigma
E=1+νETνEspur(T)I\underline{\underline{E}} = \frac{1+\nu}{E}\,\underline{\underline{T}} - \frac{\nu}{E}\,\mathrm{spur}(\underline{\underline{T}})\,\underline{\underline{I}}
Inverse Tensor-Form.
Formel Bulk-Modulus
σm=KεV,  K=E3(12ν)\sigma_m = K\,\varepsilon_V,\;K = \tfrac{E}{3(1-2\nu)}
Spur-Identität: hydrostatisch trennbar.
Merke Pol bei ν=0,5\nu = 0{,}5
Inkompressibilitätsgrenze. 12ν01 - 2\nu \to 0 macht K\underline{\underline{K}} und KK singulär.
Prüfungstipp Koordinatensystem-unabhängig
Beide Tensor-Formen gelten in jedem Koordinatensystem. Eine σ\sigma- oder ε\varepsilon-Komponente direkt aus dem xyzxyz-Tensor ablesbar.

2.4 Beispiel: Hauptspannungen aus Verzerrungstensor

Aufgabe (aus Übungsserie 5, Hausübung H3). An einem Materialpunkt im Inneren eines Körpers wurde mit Hilfe von Tomographiebildern der folgende Verzerrungstensor im xyzxyz-Koordinatensystem bestimmt:

{E}xyz=(403000302)ε0mit ε0=104\{\underline{\underline{E}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 4 & 0 & \sqrt{3} \\ 0 & 0 & 0 \\ \sqrt{3} & 0 & 2 \end{pmatrix}\,\varepsilon_0 \quad \text{mit } \varepsilon_0 = 10^{-4}

Bestimme die zugehörigen Hauptspannungen unter der Annahme linear-elastischen Stoffverhaltens (Elastizitätsmodul EE, Querkontraktionszahl ν=1/3\nu = 1/3).

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Hauptdehnungen via Block-Reduktion
    Die mittlere Zeile und Spalte sind null. Damit ist εy=0\varepsilon_y = 0 schon eine Hauptdehnung mit Hauptrichtung ey\boldsymbol{e}_y. Die verbleibenden zwei Hauptdehnungen folgen aus dem 2×22 \times 2-Block {{4,3},{3,2}}ε0\{\{4,\sqrt{3}\},\{\sqrt{3},2\}\}\,\varepsilon_0 via charakteristisches Polynom oder Mohr-Formel.
    det(EεI)=0ε26εε0+5ε02=0\det(E - \varepsilon I) = 0 \Rightarrow \varepsilon^2 - 6\,\varepsilon\,\varepsilon_0 + 5\,\varepsilon_0^2 = 0, faktorisiert (ε5ε0)(εε0)=0(\varepsilon - 5\varepsilon_0)(\varepsilon - \varepsilon_0) = 0.
    εI=5ε0,εII=ε0,εIII=0\varepsilon_I = 5\,\varepsilon_0, \qquad \varepsilon_{II} = \varepsilon_0, \qquad \varepsilon_{III} = 0
  2. Schritt 2: Cross-Check via Spur-Invariante
    Die Spur muss unabhängig vom Koordinatensystem sein: spur(E)=εx+εy+εz\operatorname{spur}(\underline{\underline{E}}) = \varepsilon_x + \varepsilon_y + \varepsilon_z in der ursprünglichen Form gleich der Summe der Hauptdehnungen.
    Beide Wege liefern 6ε06\,\varepsilon_0.
    εI+εII+εIII=5ε0+ε0+0=6ε0=4+0+2  \varepsilon_I + \varepsilon_{II} + \varepsilon_{III} = 5\,\varepsilon_0 + \varepsilon_0 + 0 = 6\,\varepsilon_0 = 4 + 0 + 2 \;\checkmark
  3. Schritt 3: Tensor-Kompaktform mit ν=1/3\nu = 1/3 vereinfachen
    Mit ν=1/3\nu = 1/3 folgen 1+ν=4/31+\nu = 4/3, 12ν=1/31-2\nu = 1/3, also ν/(12ν)=1\nu/(1-2\nu) = 1 und der Vorfaktor E/(1+ν)=3E/4E/(1+\nu) = 3E/4. Die Tensor-Form wird zu σi=(3E/4)(εi+6ε0)\sigma_i = (3E/4)(\varepsilon_i + 6\,\varepsilon_0) in den Hauptachsen, weil spur(E)=6ε0\operatorname{spur}(\underline{\underline{E}}) = 6\,\varepsilon_0.
    Vereinfachte Form festhalten.
    σi=3E4(εi+6ε0)\sigma_i = \frac{3E}{4}\,(\varepsilon_i + 6\,\varepsilon_0)
  4. Schritt 4: Hauptspannungen einsetzen
    Drei Hauptdehnungen einzeln in die Formel einsetzen. Vor jedem Einsetzen den Term εi+6ε0\varepsilon_i + 6\,\varepsilon_0 ausrechnen.
    Drei Werte.
    σI=3E4(5ε0+6ε0)=334Eε0σII=3E4(ε0+6ε0)=214Eε0σIII=3E4(0+6ε0)=184Eε0=92Eε0\begin{aligned} \sigma_I &= \tfrac{3E}{4}\,(5\varepsilon_0 + 6\varepsilon_0) = \tfrac{33}{4}\,E\,\varepsilon_0 \\ \sigma_{II} &= \tfrac{3E}{4}\,(\varepsilon_0 + 6\varepsilon_0) = \tfrac{21}{4}\,E\,\varepsilon_0 \\ \sigma_{III} &= \tfrac{3E}{4}\,(0 + 6\varepsilon_0) = \tfrac{18}{4}\,E\,\varepsilon_0 = \tfrac{9}{2}\,E\,\varepsilon_0 \end{aligned}
  5. Schritt 5: Resultate festhalten
    Hauptspannungen geordnet sind alle positiv (Zug). Maximaler Wert σI\sigma_I, minimaler σIII\sigma_{III}. Das ist konsistent mit positivem ε0\varepsilon_0.
    Boxed-Resultat.
      σI=334Eε0,σII=214Eε0,σIII=92Eε0  \boxed{\;\sigma_I = \tfrac{33}{4}\,E\,\varepsilon_0,\quad \sigma_{II} = \tfrac{21}{4}\,E\,\varepsilon_0,\quad \sigma_{III} = \tfrac{9}{2}\,E\,\varepsilon_0\;}
Formel Resultate
σI=334Eε0\sigma_I = \tfrac{33}{4}\,E\,\varepsilon_0
Plus σII=(21/4)Eε0\sigma_{II} = (21/4)\,E\,\varepsilon_0, σIII=(9/2)Eε0\sigma_{III} = (9/2)\,E\,\varepsilon_0.
Merke Spur als Cross-Check
εi=εii\sum \varepsilon_i = \sum \varepsilon_{ii} immer. Schneller Sanity-Anker.
Prüfungstipp Block-Reduktion ausnutzen
Null-Zeile \Rightarrow Achse schon Hauptachse. Spart Eigenwert-Aufwand.

3.1 Lineare thermische Dehnung

Erwärmung um ΔT\Delta T verlängert den Körper. Pro Längeneinheit ist die thermische Dehnung εth=αΔT\varepsilon_{\text{th}} = \alpha\,\Delta T. Die Materialkonstante α\alpha heisst thermischer Ausdehnungskoeffizient, Einheit 1/K1/\mathrm{K}. Typische Werte: Stahl α12106/K\alpha \approx 12 \cdot 10^{-6}/\mathrm{K}, Beton α10106/K\alpha \approx 10 \cdot 10^{-6}/\mathrm{K}, Aluminium α23106/K\alpha \approx 23 \cdot 10^{-6}/\mathrm{K}.

Wichtig: Wärmedehnung wirkt isotrop auf alle drei Normalkomponenten gleichermassen, nicht auf Schub. Ein Material erwärmt sich symmetrisch, dehnt sich in alle Richtungen gleich, und ändert keine Materialwinkel. Im Verzerrungstensor bedeutet das: nur die Diagonale bekommt einen αΔT\alpha\,\Delta T-Beitrag, die Off-Diagonalen bleiben unbeeinflusst.

!!
Lineare thermische Dehnung
εth=αΔT\varepsilon_{\text{th}} = \alpha\,\Delta T
Pro Materialpunkt und Achsen-Richtung. Isotrop in alle drei Normalrichtungen, kein Beitrag zu Schub.
Definition Wärmeausdehnungskoeffizient α\alpha
εth=αΔT\varepsilon_{\text{th}} = \alpha\,\Delta T. Stahl α12106/K\alpha \approx 12 \cdot 10^{-6}/\mathrm{K}.
Merke Nur Normalkomponenten
Wärme dehnt isotrop. Schubverzerrungen bleiben null.
Prüfungstipp Stahl, Beton, Alu
α12,10,23106/K\alpha \approx 12, 10, 23 \cdot 10^{-6}/\mathrm{K}. Stahl und Beton bewusst nahe, daher Stahlbeton ohne thermisch induzierte Risse.

3.2 Stoffmatrix mit Wärmebeitrag

Erweiterte Form der Stoffmatrix: ε=Hσ+εth\vec{\varepsilon} = \underline{\underline{H}}\,\vec{\sigma} + \vec{\varepsilon}_{\text{th}}. Die thermische Verzerrung wird additiv ergänzt. In der Vektorform: αΔT\alpha\,\Delta T auf den ersten drei Einträgen (Normalkomponenten), nullen auf den drei Schub-Einträgen.

Anschauung: das Material wird zuerst frei erwärmt (rein thermische Dehnung αΔT\alpha\,\Delta T in jeder Achse), dann zusätzlich durch externe Kräfte mechanisch verformt. Beide Effekte addieren sich linear.

!!
Nachgiebigkeitsmatrix mit Wärmebeitrag
(εxεyεzεxyεyzεxz)=1E(1νν000ν1ν000νν10000001+ν0000001+ν0000001+ν)(σxσyσzτxyτyzτxz)+(αΔTαΔTαΔT000)\begin{pmatrix} \varepsilon_x \\ \varepsilon_y \\ \varepsilon_z \\ \varepsilon_{xy} \\ \varepsilon_{yz} \\ \varepsilon_{xz} \end{pmatrix} = \frac{1}{E}\begin{pmatrix} 1 & -\nu & -\nu & 0 & 0 & 0 \\ -\nu & 1 & -\nu & 0 & 0 & 0 \\ -\nu & -\nu & 1 & 0 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 1+\nu & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 0 & 1+\nu & 0 \\ 0 & 0 & 0 & 0 & 0 & 1+\nu \end{pmatrix} \begin{pmatrix} \sigma_x \\ \sigma_y \\ \sigma_z \\ \tau_{xy} \\ \tau_{yz} \\ \tau_{xz} \end{pmatrix} + \begin{pmatrix} \alpha\,\Delta T \\ \alpha\,\Delta T \\ \alpha\,\Delta T \\ 0 \\ 0 \\ 0 \end{pmatrix}
Vollständige Form. Mechanisch und thermisch additiv überlagert. Nur die ersten drei Komponenten (Normaldehnungen) erhalten den αΔT\alpha\,\Delta T-Beitrag.

Skalare Form pro Komponente. Aus der Matrix-Form folgen die drei skalaren Hooke-Gleichungen mit Wärmebeitrag, die in Klausur-Aufgaben direkt einsetzbar sind.

!!
Skalare Hooke-Gleichung mit Wärmebeitrag
εx=1E[σxν(σy+σz)]+αΔT\varepsilon_x = \frac{1}{E}\big[\sigma_x - \nu(\sigma_y + \sigma_z)\big] + \alpha\,\Delta T
Analog für εy\varepsilon_y und εz\varepsilon_z. Schub-Komponenten unverändert ohne αΔT\alpha\,\Delta T. Ganz einfach gesagt: Wenn Aufgabe explizit Wärmedehnung erwähnt dann einfach den αΔT\alpha\,\Delta T addieren und sonst ist αΔT=0\alpha\,\Delta T = 0.
Formel Skalare Form
εx=1E[σxν(σy+σz)]+αΔT\varepsilon_x = \tfrac{1}{E}[\sigma_x - \nu(\sigma_y+\sigma_z)] + \alpha\Delta T
Drei Mal: xx, yy, zz. Schub bleibt ohne αΔT\alpha\,\Delta T.
Merke Additive Superposition
Mechanisch und thermisch trennen, dann zusammenfügen.
Querverweis Komplette Form
→ docs/mechanik-notation.md

3.3 Verhinderte Wärmedehnung

Schlüsselkonzept. Wenn ein Material erwärmt wird, aber nicht ausweichen kann (etwa zwischen starren Wänden eingeklemmt), entsteht eine Spannung, ohne dass eine resultierende Verzerrung sichtbar wird. Anschein-Paradox: σ\sigma ohne ε\varepsilon.

Auflösung. Beide Anteile existieren tatsächlich: Das Material würde sich thermisch ausdehnen (εth=αΔT\varepsilon_{\text{th}} = \alpha\,\Delta T), darf aber nicht. Die Wand erzeugt eine Druckspannung, deren mechanischer Verzerrungsanteil εmech=αΔT\varepsilon_{\text{mech}} = -\alpha\,\Delta T die thermische Dehnung kompensiert. Die Gesamtverzerrung ist null. Die Spannung allerdings bleibt real und kann das Material zerstören.

Vorgehen für Klausur-Aufgaben. Setze die Gesamtverzerrung in der eingeklemmten Richtung gleich null; löse die Stoffgleichung nach der unbekannten Spannung auf. Übungsserie 5 S1 ist der Standard-Fall.

Merke σ\sigma ohne ε\varepsilon
Eingeklemmt erwärmt \Rightarrow Spannung, Gesamtverzerrung null. Mechanik kompensiert Wärme.
Prüfungstipp Vorgehen
Gesamtverzerrung gleich null in eingeklemmten Achsen, Stoffgleichung nach σ\sigma auflösen.
Querverweis Beispiel
→ Sec. 3.4 Quader im Hohlraum

3.4 Beispiel: Quader im Hohlraum mit Erwärmung

Aufgabe (aus Übungsserie 5, Schnellübung S1). Ein elastischer Quader der Höhe hh, Breite aa und Tiefe bb wird durch die Kraft PP in einen Hohlraum derselben Querschnittsfläche A=abA = ab gepresst und dann um ΔT\Delta T erwärmt. Sowohl der Stempel wie auch die Wände können als starr angenommen werden (Reibung mit der Wand vernachlässigbar). Gegeben: EE, ν\nu, α\alpha, ΔT\Delta T.

(a) Wie gross sind die auftretenden Spannungen? (b) Welche Verschiebung erfolgt in Richtung der Kraft?

Lösungsweg in 7 Schritten

  1. Schritt 1: Randbedingungen aus Geometrie
    Die Wände sind starr in xx und zz. Der Quader kann sich nicht in diese Richtungen ausdehnen. In yy-Richtung wirkt nur der Stempel mit der externen Kraft PP, dort ist keine Wand: yy-Richtung frei.
    Geometrische Bedingungen.
    εx=0,εz=0,εy  frei\varepsilon_x = 0, \qquad \varepsilon_z = 0, \qquad \varepsilon_y \;\text{frei}
  2. Schritt 2: σy\sigma_y direkt aus Stempel-Gleichgewicht
    Die Kraft PP drückt den Quader von oben mit Fläche A=abA = ab. Spannung in yy-Richtung folgt direkt aus Druck-Definition mit Druck-Vorzeichen.
    Eine Komponente bekannt.
    σy=Pab\sigma_y = -\frac{P}{ab}
  3. Schritt 3: Symmetrie σx=σz\sigma_x = \sigma_z
    Geometrie und Belastung sind symmetrisch in xx und zz (gleiche Wand-Steifigkeit, gleiche Wärme-Belastung, kein unsymmetrisches Moment). Damit muss auch die Spannungs-Reaktion symmetrisch sein. Eine Unbekannte gespart.
    Symmetrie ausnutzen.
    σx=σz\sigma_x = \sigma_z
  4. Schritt 4: Stoffgleichung für εx=0\varepsilon_x = 0 aufstellen
    Skalare Hooke-Gleichung mit Wärmebeitrag in xx-Richtung. σy\sigma_y einsetzen, Symmetrie σz=σx\sigma_z = \sigma_x einsetzen. Eine Gleichung in einer Unbekannten σx\sigma_x.
    Gleichung formieren.
    0=1E[σxν(σy+σx)]+αΔT=(1ν)σxνσyE+αΔT0 = \frac{1}{E}\Big[\sigma_x - \nu\big(\sigma_y + \sigma_x\big)\Big] + \alpha\,\Delta T = \frac{(1-\nu)\,\sigma_x - \nu\,\sigma_y}{E} + \alpha\,\Delta T
  5. Schritt 5: Auflösen nach σx=σz\sigma_x = \sigma_z
    Algebraisch nach σx\sigma_x umstellen, σy=P/(ab)\sigma_y = -P/(ab) einsetzen.
    Spannungen in den eingeklemmten Achsen.
      σx=σz=11ν[νPab+EαΔT]  \boxed{\;\sigma_x = \sigma_z = -\frac{1}{1-\nu}\Big[\frac{\nu\,P}{ab} + E\,\alpha\,\Delta T\Big]\;}
  6. Schritt 6: εy\varepsilon_y aus Stoffgleichung in freier Richtung
    yy-Stoffgleichung mit allen drei Spannungen einsetzen, dann mit Symmetrie σx=σz\sigma_x = \sigma_z und der Lösung aus Schritt 5 vereinfachen.
    Nach Auflösung steht.
    εy=PabE(12ν21ν)+(1+2ν1ν)αΔT\varepsilon_y = -\frac{P}{abE}\Big(1 - \frac{2\nu^2}{1-\nu}\Big) + \Big(1 + \frac{2\nu}{1-\nu}\Big)\,\alpha\,\Delta T
  7. Schritt 7: Verschiebung uyu_y aus Integration
    εy\varepsilon_y ist räumlich konstant (alle Grössen unabhängig von yy). Damit ist uy(y)=εyyu_y(y) = \varepsilon_y \cdot y. Randbedingung: am unteren Ende uy(0)=0u_y(0) = 0, also C=0C = 0.
    Lineare Verschiebung mit der Höhe.
      uy(y)=[PabE(12ν21ν)+(1+2ν1ν)αΔT]y  \boxed{\;u_y(y) = \Big[-\frac{P}{abE}\Big(1 - \frac{2\nu^2}{1-\nu}\Big) + \Big(1 + \frac{2\nu}{1-\nu}\Big)\,\alpha\,\Delta T\Big]\,y\;}
Formel Hauptresultat
σx=σz=11ν[νPab+EαΔT]\sigma_x = \sigma_z = -\tfrac{1}{1-\nu}\big[\tfrac{\nu P}{ab} + E\alpha\Delta T\big]
Plus σy=P/(ab)\sigma_y = -P/(ab), εy\varepsilon_y und uyu_y aus Schritt 6/7.
Merke Mechanik plus Wärme
Beide Effekte sind anwesend. Die Mechanik-Komponente entsteht durch die Wand-Reaktion, nicht durch externe Kraft.
Prüfungstipp Grenzfall ΔT=0\Delta T = 0
Ohne Erwärmung: σx=σz=νP/((1ν)ab)\sigma_x = \sigma_z = -\nu\,P/((1-\nu)\,ab). Reine Mechanik mit Querkontraktion gegen Wand.
Querverweis Brücke
→ Sec. 3.3 Konzept

4.1 Wann ist ein System statisch unbestimmt

Wiederholung Mech I: Lagerreaktionen folgen aus Gleichgewicht. Wenn die Anzahl unabhängiger Reaktionen grösser ist als die Anzahl Gleichgewichts-Gleichungen, ist das System statisch unbestimmt. Die Geometrie allein bestimmt die Reaktionen nicht eindeutig.

Beispiel Verbundstütze. Stahlträger und Betonmantel parallel, ein Dach drückt von oben mit Gesamtkraft KK. Eine Gleichgewichts-Gleichung: KS+KB=KK_S + K_B = K. Aber zwei Unbekannte: KSK_S und KBK_B. Ohne weitere Gleichung nicht eindeutig lösbar.

Idee. Die zusätzliche Gleichung kommt nicht aus der Statik, sondern aus der Verformung: am Kontaktpunkt müssen sich beide Teile gleich weit verschieben (sonst entsteht eine Lücke oder Überlappung). Diese Bedingung heisst Verträglichkeit.

Definition Statisch unbestimmt
Reaktionen aus Statik allein nicht eindeutig bestimmt. Verformung als zusätzliche Gleichung.
Merke Verformungs-Verträglichkeit
Verbundene Teile müssen sich am Kontaktpunkt gleich weit verschieben.
Querverweis Mech I Wiederholung
→ Mech I: Lagerreaktionen aus Gleichgewicht

4.2 Verträglichkeitsbedingung und Vorgehen

Verträglichkeitsbedingung. An einem Kontaktpunkt zwischen verbundenen Bauteilen müssen die Verschiebungen aller Teile gleich sein. Sonst entsteht eine Lücke (Trennung) oder eine Überlappung (Eindringen), beides physikalisch unmöglich.

Vorgehen in 4 Schritten. Diese Methodik passt für jede statisch unbestimmte Aufgabe.

!!
Verträglichkeitsbedingung am Kontakt
Δl1=Δl2    N1L1E1A1=N2L2E2A2\Delta l_1 = \Delta l_2 \;\Longleftrightarrow\; \frac{N_1\,L_1}{E_1\,A_1} = \frac{N_2\,L_2}{E_2\,A_2}
Hooke einsetzen liefert eine Gleichung in den unbekannten Schnittkräften. Funktioniert für Stäbe, Federn, Säulen unter Axiallast.
Formel Verträglichkeit
Δl1=Δl2\Delta l_1 = \Delta l_2
Plus Hooke-Gesetz für jede Komponente.
Merke Vier-Schritte-Pattern
Gleichgewicht, Verträglichkeit, Hooke einsetzen, lösen.
Prüfungstipp Steifere Teile tragen mehr
Lastanteil EA/L\propto E\,A/L. Verformungs-Verträglichkeit bestimmt Verteilung.
Querverweis Beispiel
→ Sec. 4.3 Verbundstütze

4.3 Beispiel: Stahl-Beton-Verbundstütze

Aufgabe (aus Übungsserie 5, Hausübung H4). Ein Teil eines Daches wird durch eine Stahl-Beton-Verbundstütze der Länge HH getragen, die einem betonummantelten Stahlprofil entspricht. Stahl: E-Modul ESE_S, Querschnittsfläche ASA_S. Beton: E-Modul EBE_B, Querschnittsfläche ABA_B. Die Stütze ist mit dem Dach so verbunden, dass alle Materialpunkte (Stahl und Beton) im Kontaktquerschnitt die gleiche axiale Verschiebung erfahren. Das Dach übt auf die Stütze eine Gesamtkraft KK aus.

(a) Welche Kräfte müssen die Teilquerschnitte ASA_S und ABA_B übernehmen? (b) Welche Gesamtlängenänderung erfährt die Verbundstütze? (c) Vertikalverschiebung als Funktion der eingezeichneten xx-Koordinate.

Lösungsweg in 7 Schritten

  1. Schritt 1: Gleichgewicht am Kontakt
    Das Dach drückt mit Gesamtkraft KK nach unten. Stahl und Beton tragen jeweils KSK_S und KBK_B. Vertikales Gleichgewicht am oberen Kontaktquerschnitt liefert die erste Gleichung.
    Erste Gleichung: Summe der Teilkräfte gleich Gesamtkraft.
    K=KS+KBK = K_S + K_B
  2. Schritt 2: Verträglichkeitsbedingung
    Stahl und Beton sind durch das starre Dach im oberen Kontaktquerschnitt verbunden. Beide werden um denselben Betrag Δl\Delta l verkürzt (Druck). Sonst entstünde eine Lücke oder Überlappung.
    Zweite Gleichung: gleiche Längenänderung.
    ΔlS=ΔlB\Delta l_S = \Delta l_B
  3. Schritt 3: Hooke in die Verträglichkeit einsetzen
    Beide Komponenten haben dieselbe Höhe HH. Δl=NL/(EA)\Delta l = N\,L/(E\,A) mit Druckvorzeichen N=KiN = -K_i. Verträglichkeit wird zur Gleichung in KSK_S und KBK_B.
    Vorzeichen der Druck-Reaktion kürzt sich heraus.
    KSHESAS=KBHEBABKS=ESASEBABKB\begin{aligned} \frac{K_S\,H}{E_S\,A_S} &= \frac{K_B\,H}{E_B\,A_B} \\ K_S &= \frac{E_S\,A_S}{E_B\,A_B}\,K_B \end{aligned}
  4. Schritt 4: Auflösen nach KSK_S und KBK_B
    Verhältnis aus Schritt 3 in Gleichgewicht aus Schritt 1 einsetzen. Eine Unbekannte; Ausrechnen liefert beide Kräfte.
    Lastverteilung nach Steifigkeitsverhältnis.
      KS=ESASESAS+EBABK,KB=EBABESAS+EBABK  \boxed{\;K_S = \frac{E_S\,A_S}{E_S\,A_S + E_B\,A_B}\,K, \qquad K_B = \frac{E_B\,A_B}{E_S\,A_S + E_B\,A_B}\,K\;}
  5. Schritt 5: Längenänderung der Stütze
    Aus Hooke für eine der Komponenten (z.B. Stahl) mit dem berechneten KSK_S. Druck heisst Verkürzung, also negatives Vorzeichen.
    Eindeutige Längenänderung.
      Δl=KHESAS+EBAB  \boxed{\;\Delta l = -\frac{K\,H}{E_S\,A_S + E_B\,A_B}\;}
  6. Schritt 6: Dehnung entlang Säulenachse
    Konstante Spannung über die Säulenhöhe \Rightarrow konstante Dehnung. εx=Δl/L0=Δl/H\varepsilon_x = \Delta l / L_0 = \Delta l / H.
    Dehnung räumlich konstant.
    εx(x)=ΔlH=KESAS+EBAB\varepsilon_x(x) = \frac{\Delta l}{H} = -\frac{K}{E_S\,A_S + E_B\,A_B}
  7. Schritt 7: Verschiebung als Funktion von xx
    Verschiebung ist Integral der Dehnung. Mit konstanter ε\varepsilon und Randbedingung ux(0)=0u_x(0) = 0 am Lager.
    Lineare Verschiebung mit xx.
      ux(x)=0xεxdξ=KxESAS+EBAB  \boxed{\;u_x(x) = \int_0^x \varepsilon_x\,d\xi = -\frac{K\,x}{E_S\,A_S + E_B\,A_B}\;}
Formel Lastverteilung
KS=ESASESAS+EBABKK_S = \frac{E_S A_S}{E_S A_S + E_B A_B}\,K
Plus KBK_B analog. Δl\Delta l und ux(x)u_x(x) mit Gesamt-Steifigkeit im Nenner.
Merke Vier-Schritte-Pattern
Gleichgewicht, Verträglichkeit, Hooke einsetzen, lösen.
Prüfungstipp Stahl trägt mehr
Bei vergleichbaren Querschnitten: Stahl 87%\approx 87\%, Beton 13%\approx 13\% der Last.
Querverweis Methode
→ Sec. 4.2 Verträglichkeit

5.1 Konzept Vergleichsspannung

Material versagt nicht wenn σ\sigma irgendwo gross wird, sondern bei einem kritischen Spannungs-Zustand. Verschiedene Materialien versagen verschieden: Stahl beginnt zu fliessen (Plastizität), Beton bricht spröde, Holz spaltet entlang Fasern.

Idee Vergleichsspannung. Aus dem mehrachsigen Spannungstensor wird eine skalare Vergleichsspannung σv\sigma_v berechnet, die mit einer Materialfestigkeit σF\sigma_F oder σ0\sigma_0 verglichen werden kann. Versagen tritt ein, wenn σvσF\sigma_v \geq \sigma_F.

Zwei klassische Theorien aus dem Maschinenbau: Tresca (intuitiv: maximale Schubspannung) und von Mises (energetisch: Distortionsanteil). Beide reduzieren den 3×33 \times 3-Tensor auf einen Skalar, aber mit unterschiedlichen Annahmen.

Definition Vergleichsspannung σv\sigma_v
Skalare Funktion des Spannungstensors. Versagen bei σvσF\sigma_v \geq \sigma_F.
Merke Zwei klassische Theorien
Tresca (Schub) und von Mises (Distortion). Beide erprobt für duktile Metalle.

5.2 Tresca-Kriterium

Tresca-Idee. Stahl beginnt zu fliessen, wenn die maximale Schubspannung im Material einen kritischen Wert übersteigt. Atomebenen gleiten entlang der Maximal-Schub-Richtung. Versagen ist dann ein Schub-Phänomen.

Aus Kap. 3 Sec. 1: τmax=(σmaxσmin)/2=(σIσIII)/2\tau_{\max} = (\sigma_{\max} - \sigma_{\min})/2 = (\sigma_I - \sigma_{III})/2. Tresca verdoppelt: σvTresca=2τmax=σIσIII\sigma_v^{\text{Tresca}} = 2\,\tau_{\max} = \sigma_I - \sigma_{III}.

Konsequenz. Nur die grösste und die kleinste Hauptspannung zählen. Die mittlere σII\sigma_{II} hat keinen Einfluss. Das ist eine starke Vereinfachung; reale Versagens-Daten zeigen einen Einfluss von σII\sigma_{II}.

!!
Tresca-Vergleichsspannung
σvTresca=σIσIII=2τmax\sigma_v^{\text{Tresca}} = \sigma_I - \sigma_{III} = 2\,\tau_{\max}
Differenz der extremen Hauptspannungen. Die mittlere σII\sigma_{II} wird ignoriert.
Definition Tresca
σv=σIσIII\sigma_v = \sigma_I - \sigma_{III}. Maximale Hauptspannungs-Differenz.
Formel Tresca-Formel
σvTresca=2τmax\sigma_v^{\text{Tresca}} = 2\,\tau_{\max}
Doppelte Maximal-Schubspannung.
Merke Mittlere σII\sigma_{II} irrelevant
Tresca ignoriert die mittlere Hauptspannung. Vereinfachung.

5.3 Von-Mises-Kriterium

Von-Mises-Idee. Material versagt nicht durch hydrostatischen Druck (gleichmässiges σ\sigma in alle Richtungen erzeugt nur Volumenänderung, keine Distortionsverzerrung), sondern durch den Distortionsanteil der Spannung. Hydrostatischer Anteil: σm=(σx+σy+σz)/3=spur(T)/3\sigma_m = (\sigma_x + \sigma_y + \sigma_z)/3 = \operatorname{spur}(\underline{\underline{T}})/3. Deviator: TσmI\underline{\underline{T}} - \sigma_m\,\underline{\underline{I}}.

Die Vergleichsspannung wird so gewählt, dass im 1D-Zugversuch σvM=σ\sigma_{vM} = \sigma herauskommt. Das ist eine Norm-Bedingung; die Formel ist eindeutig festgelegt.

!!!
Von-Mises-Vergleichsspannung in xyzxyz-Form
σvM=σx2+σy2+σz2σxσyσxσzσyσz+3(τxy2+τxz2+τyz2)\sigma_{vM} = \sqrt{\sigma_x^2 + \sigma_y^2 + \sigma_z^2 - \sigma_x\,\sigma_y - \sigma_x\,\sigma_z - \sigma_y\,\sigma_z + 3\,(\tau_{xy}^2 + \tau_{xz}^2 + \tau_{yz}^2)}
Direkt aus den Tensor-Komponenten in jedem Koordinatensystem berechenbar. Klausur-Standard, weil keine Hauptspannungs-Rechnung nötig.
!!
Von-Mises in Hauptachsen-Form
σvM=12(σIσII)2+(σIIσIII)2+(σIIIσI)2\sigma_{vM} = \frac{1}{\sqrt{2}}\sqrt{(\sigma_I - \sigma_{II})^2 + (\sigma_{II} - \sigma_{III})^2 + (\sigma_{III} - \sigma_I)^2}
Wenn die Hauptspannungen schon berechnet sind, ist diese Form kompakter. Symmetrisch in den drei Hauptspannungen.

Sanity-Checks. (a) 1D-Zug σx=σ>0\sigma_x = \sigma > 0, alle anderen null: σvM=σ2=σ=σ\sigma_{vM} = \sqrt{\sigma^2} = |\sigma| = \sigma. Stimmt mit Norm-Forderung. (b) Reiner Schub τxy=τ\tau_{xy} = \tau, alle anderen null: σvM=3τ2=3τ\sigma_{vM} = \sqrt{3\,\tau^2} = \sqrt{3}\,\tau. Reine Schub-Belastung wird stärker bewertet als reiner Zug, Faktor 3\sqrt{3}. (c) Hydrostatisch σx=σy=σz=p\sigma_x = \sigma_y = \sigma_z = p: alle Differenz-Terme null, alle Mischterme heben sich, σvM=0\sigma_{vM} = 0. Konsistent mit der Distortions-Idee.

Definition Von Mises
Vergleichsspannung aus Distortionsanteil. Hydrostatisch wird ignoriert.
Formel xyzxyz-Form
σvM=σx2++3(τxy2+)\sigma_{vM} = \sqrt{\sigma_x^2 + \dots + 3\,(\tau_{xy}^2 + \dots)}
Klausur-Standard.
Formel Hauptachsen-Form
σvM=12(σiσj)2\sigma_{vM} = \tfrac{1}{\sqrt{2}}\sqrt{\sum (\sigma_i - \sigma_j)^2}
Wenn Hauptspannungen schon bekannt.
Merke Hydrostatisch versagt nicht
σx=σy=σzσvM=0\sigma_x = \sigma_y = \sigma_z \Rightarrow \sigma_{vM} = 0.
Prüfungstipp Cross-Check via 1D
1D-Zug mit σ\sigma: σvM=σ\sigma_{vM} = \sigma. Schnelltest jeder Formel.
Querverweis Brücke
→ Kap. 3 Hauptspannungen

5.4 Beispiel: σvM\sigma_{vM} und Versagens-Last

Aufgabe (didaktisches Beispiel). Gegeben sei der Spannungstensor

{T}xyz=(210100001)kmit k>0.\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 2 & 1 & 0 \\ 1 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & -1 \end{pmatrix}\,k \quad \text{mit } k > 0.

Das Material versagt nach von Mises bei einer Materialfestigkeit σF=σ0\sigma_F = \sigma_0. Bei welchem Wert von kk tritt Versagen ein?

Lösungsweg in 5 Schritten

  1. Schritt 1: Komponenten ablesen
    Diagonale aus Diagonal-Einträgen, Off-Diagonale aus den Schub-Komponenten. Hier nur eine Schub-Komponente τxy\tau_{xy} ungleich null.
    Sechs Werte.
    σx=2k,σy=0,σz=kτxy=k,τxz=0,τyz=0\begin{aligned} &\sigma_x = 2k, \quad \sigma_y = 0, \quad \sigma_z = -k \\ &\tau_{xy} = k, \quad \tau_{xz} = 0, \quad \tau_{yz} = 0 \end{aligned}
  2. Schritt 2: xyzxyz-Formel von Mises hinschreiben
    Direkter Klausur-Standard. Quadrate, Mischterme, Schub-Terme.
    Vorbereitung des Einsetzens.
    σvM2=σx2+σy2+σz2σxσyσxσzσyσz+3(τxy2+τxz2+τyz2)\sigma_{vM}^2 = \sigma_x^2 + \sigma_y^2 + \sigma_z^2 - \sigma_x\sigma_y - \sigma_x\sigma_z - \sigma_y\sigma_z + 3\,(\tau_{xy}^2 + \tau_{xz}^2 + \tau_{yz}^2)
  3. Schritt 3: Quadrate und Mischterme ausrechnen
    Term für Term mit den Komponenten aus Schritt 1.
    Sieben Beiträge zum Wert.
    σx2=4k2,  σy2=0,  σz2=k2σxσy=0,  σxσz=2k2,  σyσz=0τxy2=k2,  τxz2=0,  τyz2=0\begin{aligned} &\sigma_x^2 = 4k^2,\;\sigma_y^2 = 0,\;\sigma_z^2 = k^2 \\ &\sigma_x\sigma_y = 0,\;\sigma_x\sigma_z = -2k^2,\;\sigma_y\sigma_z = 0 \\ &\tau_{xy}^2 = k^2,\;\tau_{xz}^2 = 0,\;\tau_{yz}^2 = 0 \end{aligned}
  4. Schritt 4: Einsetzen und vereinfachen
    Alle Beiträge addieren mit korrekten Vorzeichen aus der Formel.
    Doppel-Negativ bei σxσz-\sigma_x\sigma_z wird positiv.
    σvM2=(4+0+10(2)0+31)k2=10k2σvM=10k3,16k\begin{aligned} \sigma_{vM}^2 &= (4 + 0 + 1 - 0 - (-2) - 0 + 3 \cdot 1)\,k^2 = 10\,k^2 \\ \sigma_{vM} &= \sqrt{10}\,k \approx 3{,}16\,k \end{aligned}
  5. Schritt 5: Versagens-Bedingung auflösen
    Versagen bei σvM=σ0\sigma_{vM} = \sigma_0. Nach kk auflösen.
    Maximaler Lastfaktor.
      kmax=σ010  \boxed{\;k_{\max} = \frac{\sigma_0}{\sqrt{10}}\;}
Formel Resultat
kmax=σ010k_{\max} = \frac{\sigma_0}{\sqrt{10}}
Versagen bei σvM=10k=σ0\sigma_{vM} = \sqrt{10}\,k = \sigma_0.
Merke xyzxyz-Form Schritt-für-Schritt
Komponenten ablesen, Formel hinschreiben, einsetzen. Drei Minuten.
Prüfungstipp Vorzeichen der Mischterme
σxσz=(2k)(k)=+2k2-\sigma_x\sigma_z = -(2k)(-k) = +2k^2. Doppel-Negativ-Falle aufpassen.

Aufgaben mit Musterlösungen

Drei Multiple-Choice-Aufgaben aus alten Klausuren. Antwort-Optionen 1:1 aus der jeweiligen Original-Klausur übernommen. Markiere deine Antwort, klick Lösung prüfen, dann erscheint der vollständige Lösungsweg.

Aufgabe 1

Aus Klausur FS24, Frage A4. Gegeben sei der Spannungstensor im xx-yy-zz-Koordinatensystem: {T}xyz=(621261110)k\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} \sqrt{6} & 2 & 1 \\ 2 & \sqrt{6} & -1 \\ 1 & -1 & 0 \end{pmatrix}\,k mit k>0k > 0. Bestimme die von Mises Vergleichsspannung σˉvM\bar{\sigma}_{vM} für diesen Spannungstensor.

Aufgabe 2

Aus Klausur FS25, Frage A3 (mit A1A1-Tensor). Der unter A1 gegebene Spannungstensor {T}xyz=(120210001)k\{\underline{\underline{T}}\}_{xyz} = \begin{pmatrix} 1 & 2 & 0 \\ 2 & -1 & 0 \\ 0 & 0 & -1 \end{pmatrix}\,k mit k>0k > 0 wird in einer praktischen Anwendung gemessen. Dabei wächst k=k(t)k = k(t) monoton an, wenn die Belastung erhöht wird. Bei welchem Wert von k(t)k(t) kommt es zum Versagen, wenn das Material bei einer von Mises Vergleichsspannung von σ0\sigma_0 versagt?

Aufgabe 3

Aus Klausur FS22, Frage C2. In einem Versuch mit kombinierter Zug-Torsionsbeanspruchung einer dünnwandigen Rohrprobe werden die aufgebrachten Spannungen (ebener Spannungszustand in der θ\theta-zz-Ebene) durch den Spannungstensor {T}rθz=(000001000100240)MPa\{\underline{\underline{T}}\}_{r\theta z} = \begin{pmatrix} 0 & 0 & 0 \\ 0 & 0 & 100 \\ 0 & 100 & 240 \end{pmatrix}\cdot \mathrm{MPa} beschrieben. Gleichzeitig wurden die axiale Dehnung εz=1103\varepsilon_z = 1 \cdot 10^{-3} und die Winkeländerung γθz=1103\gamma_{\theta z} = 1 \cdot 10^{-3} gemessen. Bestimme die Querkontraktionszahl ν\nu unter der Annahme linear-elastischen isotropen Materialverhaltens. Die Materialprobe war zu Beginn des Versuchs unverformt und spannungsfrei. Hinweis: 2G=E/(1+ν)2G = E/(1+\nu).

Aufgabe 4

Aus Klausur FS20, Frage C2. Ein elastischer Quader (Höhe hh, Breite aa, Tiefe bb im unverformten Zustand) wird durch die Kraft P=σ0A>0P = \sigma_0\,A > 0 in einen Hohlraum derselben Querschnittsfläche A=abA = ab gepresst. Sowohl der Stempel als auch die schraffiert dargestellten Wände können als starr angenommen werden (Reibung mit der Wand vernachlässigbar). Wie gross ist die axiale Dehnung des Quaders entlang der yy-Richtung (Vorzeichenkonvention: εy>0\varepsilon_y > 0 für Verlängerung) unter der Annahme linear-elastischen Stoffverhaltens (Elastizitätsmodul EE, Querkontraktionszahl ν=1/4\nu = 1/4)?
MerkeErst selbst rechnen, dann Lösung prüfen!